Der lange Bart des Propheten - Reinhard Schulze - E-Book

Der lange Bart des Propheten E-Book

Reinhard Schulze

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Beschreibung

Der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze weist in seinem Beitrag, der als Wiederabdruck aus dem Kursbuch 93 von 1988 mit dem Titel "Glauben" in diesem Kursbuch aufgenommen ist, auf die grundlegende Verwandtschaft der islamischen und der christlichen Tradition im Hinblick auf das Verhältnis von Religion und Staat hin. Nicht um damit Differenzen einzuebnen, sondern um deutlich zu machen, dass die Differenzierungserfahrung zwischen Religion und säkularer Sphäre nichts westlich Exklusives ist. Obwohl 30 Jahre alt, erweist sich dieser Beitrag in jeglicher Hinsicht als hochaktuell.

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Seitenzahl: 28

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Reinhard SchulzeDer lange Bart des ProphetenKursbuch Classics: Wiederabdruck des Essays aus dem Kursbuch 93/1988 | Glauben

Der Autor

Impressum

Reinhard SchulzeDer lange Bart des ProphetenKursbuch Classics: Wiederabdruck des Essays aus dem Kursbuch 93/1988 | Glauben

I.

Glauben ist, wie die Tätigkeit Glauben selbst, an sich jeder empirischen Beobachtung entzogen. Gerade darin liegt ja das Kennzeichen des Begriffs Glauben: Kulturell ist zwar festgelegt, woran ein Gläubiger glaubt beziehungsweise zu glauben hat, nicht jedoch, ob der Gläubige wirklich glaubt, wenn er davon spricht. Glauben ist eine auf Transzendenz zielende Rationalität, also eine psychische Tätigkeit, die sich sowohl einer Überprüfung als auch einer Objektivierung des Geglaubten entzieht. Die Befassung mit einer gläubigen Person oder mit einer Gruppe von Gläubigen unterliegt demnach den gleichen Grenzen wie der Glauben selbst.

Ein Charakteristikum der Offenbarungsreligionen, zu denen gerade der Islam gehört, ist die Trennung von Glauben und Glaubenserfahrung, das heißt der psychischen Erfahrung des Geglaubten. Ersterer wird der Kategorie des Wissens zugeordnet, das den Menschen in den Zustand der Gewissheit versetzt, ihm also die Überzeugung verleiht, dass das, woran er glaubt, tatsächlich auch existiert und damit wahr ist. Die Glaubenserfahrung hingegen kann als Umkehrung dieser Rationalität verstanden werden und ist daher vorrangig mystischer Natur. Sie kann auch, wie im Offenbarungserlebnis des Propheten Muhammad, zwingend sein. In den Traditionen über die erste Offenbarung, die Muhammad am Berg Hira bei Mekka um 610 zuteilwurde, wird dieser Zwang deutlich herausgestellt: Muhammad war trotz seiner prinzipiellen Frömmigkeit keinesfalls im Zustand einer religiösen Erleuchtung, als ihm der Erzengel Gabriel die Verse 1 bis 5 der Sure 94 zum Rezitieren vorlegte. Im Gegenteil, der unwillige Prophet kam der Aufforderung, die Verse zu rezitieren, nur nach, um der Bedrohung durch Gabriel zu entgehen. Die Rationalität, die diesen Offenbarungserlebnissen zugrunde liegt, berührt nur den auserwählten Propheten, da er als Sprachrohr Gottes lediglich den Text der letztgültigen Offenbarung zu verkünden hat. Da Muhammad als Siegel des Prophetentums, wie ihn die islamische Orthodoxie sieht, der Letzte war, der eine solche Textoffenbarung erhielt, war nach seinem Tod (632) die auf der Kategorie »Wissen« begründete Glaubenserfahrung keinem Menschen mehr zugänglich.

Glaube war fortan in der islamischen Tradition mit dem Wissen eng verknüpft, nicht aber die Glaubenserfahrung, die sich nun fast ausschließlich als nicht rationelle Erfahrung manifestierte. Orthodoxe Gelehrte beharrten darauf, dass das Wissen um die Grundsätze des Glaubens und die festgelegten Handlungsfelder, die aus der Offenbarung und der Tradition ableitbar waren, erst den Glauben schafft. Allgemein galt: Je mehr man wusste, desto gläubiger war man. Der Gläubigste war der Wissendste.

Gläubigkeit maß sich so an zwei Bereichen: Zum einen war das Wissen um die hiesige und die jenseitige Welt ein markantes Kriterium, zum anderen wurde die Gläubigkeit in ein direktes Verhältnis zur Orthodoxie gesetzt, also zum Befolgen der aus der Offenbarung abgeleiteten Handlungsgrundsätze. Dieser zweite Bereich war das eigentliche Kennzeichen der Gläubigkeit. Nicht jeder Muslim war als Wissender (Calim) anzusehen. Da Wissen aber die Gläubigkeit identifizierte, musste für den »einfachen Muslim« ein anderes Identitätssystem das Wissen ersetzen. Hier war es die Orthopraxie, die der Orthodoxie der Gelehrten gegenüberstand.

Glauben (Iman) und Wissen (Cilm)