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57 v. Chr. Caesars Legionen kämpfen im Kernland der Belger ums Überleben. Ein einfacher Legionär gerät mit seinen Kameraden zwischen Krieg, Liebe und das Wirken uralter Mächte. Fern der Schlacht flieht seine Geliebte Lucia mit der gemeinsamen Tochter vor einem Verrat, der ihr Leben zerstören soll. Während Caesar alles daran setzt, die Belgier zu unterwerfen und selbst zu überleben, sucht ein Druide den Kessel des Dagda. Zwei Hüter sind dafür bestimmt: ein Hüter aus dem alten Glauben und ein Hüter aus der Welt Roms und das Schicksal fordert seinen Preis.
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Seitenzahl: 471
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Ich danke Dieter Eckert für das Cover. Frau Daniela Brekalo für das Lektorat. Bilder im Buch
Dieses Buch widme ich meinen Kindern Angela und Florian und meinen Enkeln Kathleen, Elisabeth, Matteo, Konstantin und Henry.
Noviodunum
Vorbereitungen
Die Belagerung
Vor dem Sturm
Im Lager
Sheyan, der Numider
Feuerbefehl
Rutilus und der Tribun
Es beginnt
Morgenappell
Vormarsch
Angriff
Kapitulation
Totenwache
Übergabe
Gebrochene Versprechen
Die Lebenden und die Toten
Carnutenwald
Die Brüder
Schuld
Nervier
Bei den Nerviern
Beleidigung
Die Audienz
Der Weg
Training
Rückkehr
Fehlschlag
Im Lager
Erste Begegnung
Rast
Ognum
Der Entschluss
Dubghan, der Besuch
Lucias Ausbildung
Zweikampf
Die Händler
Aufbruch
Leyla
Mordgedanken
Zweites Leben
In der Halle
Aufbruch
Lagebesprechung im Wald der Nervier
Auf dem Marsch
Träume
Eilidh
Marcius
Es beginnt
Der Hinterhalt
Die Erstürmung des Lagers
Der Angriff
Der Verdacht
Der Verbündete
Gefahr
Hinterhalt
Zurück
Mißtrauen
Gefangenschaft
Träume
Ewan und Dumnorix
Bei den Germanen
Kampf mit dem Löwen
Nach der Schlacht
Ewans Ende
Atilus wundert sich
Abbruch und Marsch
Carans Kampf
Markttag
Der Vorschlag
Die Ankunft
Aduatuca, die Belagerung
Die Wanderer
Der Kontrakt
Vor dem Sturm
Panik
Alles verändert sich
Vorahnungen
Der Plan
Wachdienst
Ktesiphon
Die Herberge
Das Opfer
Gespräche
Warten
Verrat
Letztes Aufbäumen
Aufbruchspläne
Wasserwege
Kampf um Aduatuca
Die Axona
Sorgen
Vor dem Trosslager
Youssof bin Aram
Im Dorf
Wiedersehen
Aurelius
Anhang – Begriffe und Erläuterungen
„Alles ruhig“, rief Nedix, der junge belgische Stammeskrieger, von seinem Wachturm herab und deutete auf die Ebene, die von einem leichten Morgennebel verborgen unter den gewaltigen Mauern der Stadt lag. Vitorix, sein Kommandant, nickte und setzte seinen Kontrollgang auf der etwa sechs Meter hohen Befestigung fort. Er blickte zu dem weiter hinten liegenden Wald hinüber, der als schwarzer Schemen von hier oben aus in der grauen, wabernden Masse kaum zu erkennen war. Die Luft darüber war klar und frisch, und es versprach ein schöner Tag zu werden.
Dann stutzte er und wirbelte herum. Da war eine Bewegung gewesen!
Angestrengt starrte der Anführer der Stadtwache in die Tiefe und suchte im Nebel jeden erkennbaren Busch und jede einzelne Erhebung ab.
„Nedix!“
„Ja, Herr?“
„Da unten ist etwas!“
„Ich sehe nichts“, rief der junge Suessione, und da passierte es auch schon:
Es hörte sich an, als würden sich Hunderte von kleinen Vögeln in die Luft erheben. Vitorix sah die schemenhaften Striche auf sich zukommen.
„Pfeile!“, durchzuckte es ihn, und da prasselten die Geschosse auch schon rechts und links von ihm in die Schilde, Rüstungen und Körper seiner Krieger, die hier oben Wache standen. Das Geschrei der Verwundeten, das dumpfe Geräusch von aufschlagenden Leibern, die von der Mauer stürzten, und das wütende Fluchen seiner Männer, die hinter der Brüstung in Deckung gingen, erfüllten die Luft. Und dann war da noch etwas:
Es hörte sich an wie leichtes Donnergrollen, und dieses Geräusch kannte der Anführer der Stadtwache nur allzu gut.
„Reiter!“, schrie er. „Tore zu, schnell!“
Es dauerte etwas, bis die verschlafenen und überrumpelten Krieger reagierten. Doch dann kam Bewegung in seine Männer.
„Ihr faulen Hunde!“, schrie ihr Kommandant sie von oben herab an. „Schneller, oder ich schneide euch eure verdammten Köpfe ab!“
Die zwanzig Männer der Stadtwache stemmten sich ächzend gegen die großen, wuchtigen Torflügel, die sie gerade geöffnet hatten, und die sich nur zögernd wieder in die andere Richtung bewegten. Dann hoben weitere fünf Krieger den schweren Querbalken nach oben, um den Zugang zu verriegeln, damit der Weg in die Stadt für die anstürmenden Reiter verschlossen war.
„Noch schneller!“, schrie der Anführer der Stadtwache zu den stöhnenden und ächzenden Männern hinunter. „Die sind gleich da!“
Vorsichtig spähte er durch die Mauerzinnen auf die Ebene hinab, in der aus dem Dunst plötzlich Hunderte von Reitern auftauchten, welche die breite Holzbrücke schon fast erreicht hatten. Dann hörte er das Donnern unzähliger Hufe auf den Bohlen, und gleichzeitig schloss sich das große Tor mit einem Knall. Die bereitstehenden Männer wuchteten den Querbalken in die Verriegelung, und Vitorix atmete auf. Das war knapp! Damit waren sie vorerst einmal in Sicherheit, falls das hier der einzige Zugang zur Stadt war, der angegriffen wurde. Falls!
Der Stadtkommandant von Noviodunum reagierte sofort. Jetzt war die beste Zeit, um dem Feind die größten Verluste zuzufügen! Jetzt drängten sich da unten auf der schmalen Brücke Scharen von Feinden, die damit gerechnet hatten, die Stadt im Sturm nehmen zu können. „Steine nach unten werfen! Bogenschützen und Steinschleuderer bereit machen!“
Und obwohl der Beschuss der feindlichen Schützen unvermindert anhielt, standen seine Krieger auf und richteten schreckliche Verwüstungen in dem Chaos von Mensch und Tier unter ihnen an. Die Todes- und Schmerzensschreie der Reiter und Pferde durchschnitten die klare Morgenluft.
„Rolfix zum Osttor, du nach Süden, Alix. Und du sofort nach Westen, Liam!“, brüllte Vitorix. „Ich will wissen, was drüben los ist, und sorgt dafür, dass auch dort die Eingänge verriegelt werden!“
Die Melder schwangen sich auf die bereitstehenden Tiere und jagten los. Zwei Krieger der Wachmannschaft mit bronzenen Kriegshörnern kletterten die breiten Holzleitern zu ihm auf die Befestigungsmauer hinauf, während unter ihm die Reiter auf der Brücke starben, oder in wilder Flucht ihre Pferde wendeten und davonstoben. Auch der letzte von ihnen hatte in der Zwischenzeit bemerkt, dass der Überraschungsangriff misslungen war. In dem Gedränge von fliehenden und nachdrängenden Reitern fielen viele von ihnen den Wurfgeschossen der Verteidiger zum Opfer, bevor sie endlich wieder in dem grauen, wabernden Nichts verschwanden, aus dem sie gekommen waren. Allerdings trafen die feindlichen Schützen auch immer wieder ein paar von Vitorix’ Männern, die lautlos oder aufheulend in die Tiefe stürzten.
„Blast Alarm!“, befahl er, als die zwei Signalgeber endlich bei ihm waren. „Ich will auch den Rest meiner Krieger hier auf der Mauer sehen!“
Die Trompeter atmeten tief ein und stießen abwechselnd die angesammelte Luft in die riesigen, bronzenen Kriegshörner. Der Schall pflanzte sich kreischend und wimmernd durch die Morgenluft über die Giebel der Häuser fort, bis er das andere Ende der Stadt erreichte. Es würde nicht lange dauern, bis er seine Truppe vollzählig auf den Zinnen hatte.
Vitorix stand auf der festgefügten Stein- und Lehmmauer, die um das gesamte Oppidum herum verlief. Jahrelang hatten sie daran gebaut, sie verbreitert, auf den Zinnen einen etwa zwei Meter breiten Wehrgang angelegt und alle 500 Meter einen Wachturm errichtet. Die Stadttore waren mit stabilen Torhäusern gesichert. Zusammen mit dem ebenfalls um die gesamte Stadt verlaufenden, zehn Meter breiten und fünf Meter tiefen Graben, der nur über vier Brücken überwunden werden konnte, war das eine Befestigungsanlage, an der sich in der Vergangenheit alle Gegner die Zähne ausgebissen hatten.
Vitorix versuchte, in der Morgendämmerung Genaueres zu erkennen.
„Das waren Germanen!“, sagte er zu seinem Unterhäuptling und deutete in die Richtung der flüchtenden Reiterhorde.
„Wollten uns wohl überraschen.“
Vitorix nickte. „Fast hätten sie uns gehabt!“
Jetzt zogen sich auch die Fernkämpfer unter ihnen geordnet zurück. Sie blieben jedoch außer Schussweite in versetzten, rechteckigen Blöcken, trotz des Nebels gut sichtbar, in der Ebene stehen.
„Möchte mal wissen, seit wann diese verfluchten Germanen so viele Bogenschützen haben!“, schimpfte Setorix und sah die Männer, die links und rechts auf der Mauer neben ihnen kauerten, der Reihe nach an. „Normalerweise sind es bei denen nicht mehr als hundert, und die haben nur Jagdbögen, und die schießen nicht so weit!“
„Wie Germanen sehen diese Kerle nicht aus“, nickte der Hauptmann der Verteidiger nachdenklich.
„Aber die Reiter waren doch eindeutig Germanen?“ „Oh ja, das waren Germanen“, bestätigte er. „Aber irgendetwas stimmt trotzdem nicht.“
Sein Unterführer nickte. Natürlich war das nicht der erste Angriff feindlicher Horden und natürlich musste man jederzeit mit einem derartigen Vorstoß rechnen, aber gerade jetzt? Waren nicht einige Stämme der Germanen als Verbündete mit König Galba in den Krieg gezogen. Und dann überfielen sie dessen Hauptstadt?
Bisher war Vitorix der Meinung gewesen, dass König Galba ihm nur deshalb die Verteidigung der Stadt übertragen hatte, weil er noch sehr jung und unerfahren war. Zu jung und zu unerfahren, um mit dem heldenhaften Heer in die Schlacht zu ziehen! Das hatte für ihn erst einmal den Verlust von Ruhm, Ehre und reicher Beute bedeutet! Beute, die er dringend brauchte, wenn er bei Sironas Eltern um sie werben und das Brautgeld entrichten wollte. Wie sollte ein Krieger, der weitab vom Geschehen auf einer Mauer herumspazierte, Ruhm und Ehre und Reichtümer erwerben? Der große, breitschultrige Suessione mit dem mächtigen Schnauzbart und den langen, schwarzen Haaren, die ihm zu Zöpfen geflochten auf die Brust fielen, stand auf. „Hoch mit euch, Männer. Räumt die Sauerei auf der Brücke weg!“
Und nun war er es, der die Hauptstadt gegen einen angreifenden Feind verteidigte! Er war es, der die Königsfamilie, Frauen, Kinder und die Alten beschützte, und er würde an den Herdfeuern seines Volkes noch lange als Held gefeiert und besungen werden, wenn sie die Stadt denn auch halten konnten! „Wie sieht es bei den anderen Toren aus?“, fragte er Cedrik, einen weiteren seiner Unterführer, der eilig und heftig schnaufend zu ihm herauf gestürmt kam.
Cedrik hatte erst vor Kurzem die Gürtelsteuer bezahlen müssen, weil sein Leibesumfang über das für Krieger erlaubte Maß hinausgewachsen war. Seither bemühte er sich, wieder etwas abzunehmen. „Ich bin mir nicht sicher“, sagte der massige Belgier keuchend. „Aber so wie es aussieht, gibt es keine Angriffe dort!“
Vitorix nickte. „Verteile noch mehr Bögen und lass einen Nachschub an Pfeilen und Steinen heraufbringen!“, befahl er. „Und dann will ich wissen, wie viele Männer wir verloren haben!“
Cedrik rückte seinen Helm auf seinem schweißnassen Schädel zurecht und gab die entsprechenden Befehle nach unten.
Der erste der Meldereiter kam zurück. „Das Osttor ist sicher!“, rief er nach oben. Der Hauptmann nickte. „Gut.“
Kurze Zeit danach berichteten auch die anderen Boten, dass es keine weiteren Angriffe gegeben hatte.
„700 Krieger“, dachte Vitorix. So viel hatte ihm Galba dagelassen! Und jetzt waren es sogar noch einige weniger! Viel zu wenig, falls es die Germanen irgendwie schaffen sollten, den Graben und die Mauer zu überwinden, obwohl das mehr als unwahrscheinlich war. Vermutlich hatten die Barbaren bereits genug und zogen ab, um sich leichtere Beute zu suchen. Immerhin hatten sie gerade etwa 30 bis 40 Krieger verloren und diese wilden Burschen aus den Wäldern waren eher für ihre Sturmangriffe, denn für ausgefeilte Belagerungen bekannt.
Den tiefen und breiten Graben musste man mit Booten oder Flößen überqueren, überlegte Vitorix, und die waren mit den Steinen und Felsbrocken, die sie hier oben gelagert hatten, leicht zu versenken. Auf den Brücken waren die feindlichen Krieger für die Schleuderer und Schützen leichte Beute. Zusätzlich konnten die Übergänge mit Geröll, das extra für diesen Zweck auf den Torhäusern lagerte, zerstört werden. Dass die feindlichen Krieger herüberschwammen, war undenkbar und auch sinnlos, denn die Mauer musste dann immer noch überstiegen werden! „Nein“, dachte der Anführer der Stadtwache. „Wir brauchen uns wirklich keine Sorgen zu machen!“
Die Sonne ging auf und der Nebel verschwand mit ihren ersten Strahlen.
„Herr“, sagte Setorix, der neben ihm stand, die Räumarbeiten unter sich beobachtete und zum nahen Waldrand hinüber deutete.
„Verflucht!“, schimpfte Vitorix los und spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Das, was da drüben aus dem Wald kam, waren nicht die Germanen, die in der Zwischenzeit längst verschwunden waren. Die Strahlen der Morgensonne brachen sich erst an Dutzenden, dann an Hunderten und später an Tausenden blank polierten Helmen und Rüstungen.
„Römer!“, sagte Setorix fassungslos. „Was machen Römer hier?“
„Das frage ich mich auch“, sagte der Kommandant.
„Galba kann die Schlacht doch nicht verloren haben?“
Vitorix antwortete nicht, obwohl das auch sein erster Gedanke gewesen war. Hatte König Galba, obwohl den Legionen zahlenmäßig deutlich überlegen, die Schlacht verloren? Nein, das war einfach nicht möglich!
Hinter sich hörte er das schwere Schnaufen von Cedrik, der seinen massigen Körper die Leiter herauf quälte, und er hörte auch die fast atemlose Stille seiner Männer auf der Mauer, die einfach nur auf das beeindruckende Schauspiel eines römischen Truppenaufmarsches starrten.
Der Kommandant konnte nichts weiter tun. Alle seine Männer waren auf der Mauer und kampfbereit. Viele Bewohner von Noviodunum waren in der Zwischenzeit aus den Häusern geeilt und versammelten sich unterhalb der Befestigungsanlage, von wo aus sie ihre Fragen nach oben riefen. Dann teilte sich die Menge, und die Königin kam mit ihrem Gefolge und der Leibwache zum Haupttor. Eileen, die Herrscherin über alle Suessionen, war eine beeindruckende Erscheinung. Obwohl noch keine zwanzig Jahre alt, stand sie hoch aufgerichtet da und weigerte sich, ihren Blick zu ihrem Kommandanten oben auf der Mauer zu heben. Ihr Gesicht war von einem weißen Schleier bedeckt, der von der goldverzierten und reich bestickten Kopfhaube herab den gesamten Oberkörper verhüllte. Vitorix beeilte sich, zu ihr hinabzuklettern und vor der Königin auf die Knie zu gehen. Reglos starrte er auf ihre feinen, mit Bernsteinen bestickten Hirschlederschuhe und wartete.
„Was ist da los, Vitorix?“
Der Hauptmann holte tief Luft. „Wir werden angegriffen, Herrin.“
„Von den Römern?“
„Ja.“
Königin Eileen nickte. „Mein Herr Galba hat es mir heute Nacht gesagt, dass sie kommen würden.“
„Der König ist in der Stadt?“, fragte Vitorix überrascht.
„Er und 2.000 Krieger seiner Leibwache sind heute durch den Tunnel gekommen.“
Der Tunnel war ein sehr langer, unter der Stadt verlaufender, unterirdischer Wasserlauf, der Noviodunums Brunnen vom etwa fünf Kilometer entfernten See her mit Wasser versorgte. Der Eingang dieses Tunnels war im Keller des Königspalastes und der Ausgang an einer gut getarnten Stelle am Ufer des weit entfernten Sees.
Vitorix schwieg noch immer. Er wusste, was das zu bedeuten hatte. Wenn sein Herr Galba mit nur 2.000 Mann zurückgekehrt war, hatten die Belgier die Schlacht gegen Caesar verloren, der sich nun wohl daran machte, die Stadt zu erobern. 2.000 Mann hatten bequem in der Umzäunung des großen Palastes Platz, weshalb er nichts von der Ankunft der Krieger mitbekommen hatte.
„Gut, Vitorix“, fuhr die Königin fort. „Mach erst einmal so weiter, aber halte uns ständig auf dem Laufenden. Wenn der König und seine Leibwache etwas gegessen und ein wenig geschlafen haben, werden sie dich entlasten und das Kommando übernehmen. Bis dahin kannst du die übrigen 2.000 Krieger auf der Mauer verteilen.“ Die Königin deutete, ohne sich umzudrehen, über ihre Schulter, wo Vitorix die Männer des Königs durch die Gassen kommen sah. „Sorge dafür, dass sie ausreichend zu essen und zu trinken bekommen. Sie haben einen langen Marsch hinter sich.“
„Ja, Herrin.“
Königin Eileen drehte sich um und schritt davon. Vitorix wartete noch einen Moment, bevor er sich erhob und wieder auf die Mauer eilte. Noch während er die Sprossen der Leiter erklomm, fluchte er leise vor sich hin. Vorbei war es mit Ruhm und Ehre und den Gesängen über ihn an den Herdfeuern. Das alles würden Galba und sein Kriegsherr für sich beanspruchen! Und damit war es auch mit der Aussicht vorbei, das Brautgeld für Sirona schnell zusammenzubekommen! Vitorix war aus einem alten, adligen Kriegergeschlecht, und früher einmal waren sie sehr reich gewesen, doch in der letzten Zeit hatte jede Beerdigung eines ihrer Clanführer die gesamte Sippe ärmer gemacht, und in den letzten vier Jahren waren gleich drei von ihnen gestorben. All das Gold, der Schmuck, die Waffen und Wagen, die sie in die Grabhügel gelegt hatten, hätten ausgereicht, um die Lebenden der Sippe auf Jahre hinaus zu versorgen!
Schnell verbot er sich jeden weiteren Gedanken an diese Dinge und hoffte, dass die Götter und seine Ahnen seine frevelhaften Fantasien nicht bemerkt hatten. „Setorix!“
„Ja, Herr?“
Vitorix deutete nach unten, wo ein langer Zug von abgerissenen und ganz offensichtlich erschöpften Kriegern wartete.
„Verteile diese Männer auf der Mauer und sorge dafür, dass sie zu essen und zu trinken bekommen!“ „Ja, Herr.“
Unterdessen hatten sich die Legionäre auf der anderen Seite des Walles in einer Dreierformation aufgestellt und rückten weiter vor. Die rechte der beiden Formationen löste sich vom Rest und marschierte auf den Graben zu.
„Was soll das?“, fragte Cedrik, der noch immer schwer atmend froh war, dass der Hauptmann wieder neben ihm auf der Mauer stand.
„Die wollen sehen, wie weit unsere Bögen reichen und ob wir Geschütze haben“, erklärte Vitorix ihm. „Und dafür opfern sie ihre Männer?“
„Das denke ich nicht“, erwiderte Vitorix und deutete mit dem Kinn auf die etwa 500 Legionäre, die sich in sechs Gruppen von je 80 Männern auflösten.
„Bei Epona!“, staunte der etwas kleinere Cedric, der es bisher noch nie mit römischen Kampfverbänden zu tun hatte, und meinte damit die Präzision, mit der das Ganze vor sich ging.
„Das ist der Grund, warum diese Kerle so gefährlich sind!“, sagte Vitorix. „Diese verdammte Disziplin!“ Er sah zu seinen Männern hinüber, die rechts und links hinter den Mauerzinnen Deckung gesucht hatten. Beinahe jeder von ihnen war den Legionären im Einzelkampf überlegen, aber diese Burschen da unten kämpften nicht einzeln, sondern in Verbänden und Formationen, die sie auch während einer Schlacht beliebig verändern konnten. Kopfschüttelnd sah der Anführer der Stadtwache zu, wie die feindlichen Soldaten dort unten bis auf etwa 80, 90 Mann anhielten, während König Galbas’ Krieger auf die Mauern strömten und sich verteilten. Die Sonne erhob sich langsam und majestätisch über die Wipfel der Bäume und tauchte die Ebene in ein weißes, glänzendes Licht. Die Helme und Rüstungen der Römer unter ihm fingen diese Strahlen ein und warfen sie tausendfach zurück. Die Gruppe der Legionäre, die weiter auf den Graben zumarschierte, zerfiel noch einmal in Verbände zu je sechszehn Mann, die plötzlich einen Teil ihrer Schilde wie ein Dach über sich hielten, während die erste Reihe die Formation mit ihren Schilden nach vorne hin abschloss. So waren die Römer vor jeder Art von Beschuss geschützt. Das Rot der Schilde mit den aufgemalten gelben Blitzen schmerzte fast in den Augen.
„Sie nennen das Testudo, Schildkröte“, erklärte Aidan, ein alter Kelte, der sechszehn Jahre lang in den Legionen gedient hatte, während Vitorix und seine Unterführer zusahen, wie die Pfeile der eigenen Bogenschützen und die Steine der Schleuderer wirkungslos an den Schilddächern unter ihnen abprallten. Aidan war alt und nicht mehr so schnell wie die anderen Krieger, und deshalb hatte es etwas gedauert, bis er schwer atmend hier oben angelangt war.
„Aber über den Graben kommen sie trotzdem nicht!“, erklärte Cedrik trotzig.
„Nein“, nickte Vitorix. „Aber das wollen sie jetzt auch noch nicht!“
Die römischen „Schildkröten“ zogen sich wieder zurück, bis der Beschuss von der Mauer herab aufhörte. Fast sofort begannen ein paar der Legionäre kurz hinter den Formationen, Pflöcke einzuschlagen und Seile zu spannen.
Die Verteidiger sahen ratlos zu, wie es immer mehr Pflöcke und immer mehr Seile wurden.
„Was machen die da?“, fragte Cedric den Alten. „Denken sie, dass sie uns mit einem Seil einsperren können?“
Aidan schüttelte den Kopf. „Ich denke, die Römer werden eine Palisade rund um die Stadt bauen“, erklärte er. „Sie wollen uns aushungern. Vielleicht heben sie auch noch einen Graben davor aus.“
„Um die ganze Stadt? Das glaube ich nicht, das würde ja Monate dauern!“
„Eher Tage“, sagte der Alte.
„Tage? Du weißt, wie lang die Mauer ist?“
Aidan nickte. „Zwei Tage“, sagte er. „Dann haben sie uns eingeschlossen!“
Cedric drehte sich zu seinem Anführer um und machte eine Handbewegung vor dem Gesicht, die zeigen sollte, dass der ehemalige Auxiliarsoldat wohl nicht mehr ganz normal war.
Vitorix sagte nichts. Er stand auf der Mauer und sah zu, wie immer mehr Römer aus dem etwas weiter entfernten Wald kamen.
„Wo kommen die her?“, fragte er halblaut.
„Die haben uns verfolgt. Tagelang. Und sie hätten uns auch beinahe gekriegt“, hörte Vitorix jemanden neben sich sagen.
Unbemerkt war Ognum, der Kriegsherr König Galbas, an ihn herangetreten. Ognum war vor Jahren von den Inseln zu ihnen gekommen. Durch seinen Mut, seine Umsicht und sein Geschick in der Führung von Männern war er schnell zum Leibwächter und später sogar zum Kriegsherrn des Königs aufgestiegen. Er setzte seinen Helm ab und fuhr sich mit der rechten Hand durch sein feuerrotes Haar. Seine grasgrünen Augen musterten den Anführer der Stadtwache müde.
„Die anderen 20.000 Suessionen sind in ihre Dörfer zurückgekehrt.“
„Wir haben die Schlacht verloren?“, fragte Vitorix.
„Wir haben die Schlacht verloren“, nickte Ognum.
„Aber wie ist das möglich?“, fragte Vitorix.
Ognum setzte seinen Eisenhelm wieder auf und zuckte nur mit den Schultern.
„Was machen die da unten?“, fragte Liam, der Meldereiter, der sich zu ihnen gesellt hatte, und deutete über die vor ihnen schuftenden Legionäre in die Ebene hinaus.
Außerhalb der Reichweite von Pfeilen und anderen Geschossen begannen die Legionäre einen Graben auszuheben. Mit der Erde schichteten sie einen Schanzhügel auf, belegten ihn mit Grassoden und schlugen auf ihm Pfähle für eine Palisade ein. Während sie das taten, wurden sie von schwer bewaffneten Einheiten abgesichert, sodass ein Angriff auf die mit nacktem Oberkörper arbeitenden Soldaten sinnlos gewesen wäre.
Der alte Aidan zeigte auf mehrere Gruppen von Römern, die mit irgendwelchen Gerätschaften hantierten.
„Das sind Immunes, die ausmessen, wo die Mauer verlaufen soll, die später unsere gesamte Stadt umfassen wird.“
„Was sind Immunes?“, fragte Cedrik und fuhr sich mit der Hand über seinen mächtigen Wanst, der laut knurrte.
„Legionäre, die sich nicht an den Kämpfen beteiligen, aber Straßen, Brücken oder Befestigungsanlagen bauen“, antwortete der Alte.
„Die wollen uns wirklich aushungern?“, fragte Vitorix.
„Sieht ganz danach aus“, nickte Ognum.
„Die würden sich wundern, wenn sie wüssten, warum sie das nicht können“, grinste Liam.
Vitorix nickte. „Ja, von dem Tunnel zum See haben sie keine Ahnung.“
„Außerdem dauert es Wochen, bis die uns eingezäunt haben!“
„Eher ein bis zwei Tage“, widersprach Aidan noch einmal mit Nachdruck.
„Aber sicher!“ Wieder lachte Cedrik, der Dicke, spöttisch. „Zwei Tage! Du solltest wirklich aufhören zu saufen!“
Auch Vitorix wollte das nicht so recht glauben, obwohl er früher einmal gesehen hatte, wie die Römer ein riesiges Marschlager innerhalb von drei Stunden errichtet hatten.
„Der Alte hat recht“, sagte Ognum ruhig.
„Spätestens morgen Abend sind wir eingeschlossen.
Und das ist längst noch nicht alles!“
„Wie meinst du das, Herr?“
Doch der Kelte von den Inseln, welcher der Kriegsherr des Königs war, winkte nur ab.
Den ganzen Tag über beobachteten sie, wie die Befestigung der Römer wuchs und wie sie gleichzeitig, weit dahhinter, vier Lager für ihre Truppen errichteten. Mägde und junge Burschen kamen zu ihnen herauf und brachten ihnen Fleisch und Met. Wenn sich einer der Krieger erleichtern musste, tat er es über die Mauer. Keiner verließ seinen Posten. Sie sahen zu wie die Legionäre Holz aus den Wäldern heranschleppten, es aufschichteten und zu Palisaden verarbeiteten, die auf dem aufgeworfenen Schanzhügel eingeschlagen und mit Seilen verbunden wurden.
„So viel Mühe“, sagte Ognum. „Und alles umsonst!“
Entlang der vier Straßen, die aus allen Himmelsrichtungen nach Noviodunum hineinführten, bauten die römischen Soldaten vier Tore und versahen sie mit Türmen, um die Zugänge besser verteidigen zu können.
Vitorix und sein Unterführer Setorix sahen es, wenn sie ihre zweistündigen Kontrollgänge auf der Mauer machten: Tausende von Legionären, die wie Ameisen über die Ebene wuselten. Und doch war in dem ganzen Durcheinander Ordnung und eine beängstigende Zielstrebigkeit zu erkennen. Die Römer waren erst einen Tag da, aber was sie an diesem einen Tag schon geschafft hatten war beeindruckend!
Die Nacht begann sich auf Noviodunum herabzusenken.
Nachdem sich Vitorix vergewissert hatte, dass in den nächsten Stunden kein Angriff zu erwarten war, schickte er nach kurzer Beratung mit seinem Kriegsherrn alle Suessionen bis auf eine Besatzung von ein paar Hundert Mann nach unten, damit sie sich endlich einmal richtig ausschlafen konnten.
Er selbst blieb wach und starrte immer wieder in die Ebene hinunter in der die Römer im Fackelschein unermüdlich weiterbauten. Am frühen Morgen sah er es dann:
In der Nacht waren dutzende etwa fünf bis sechs Meter lange, fahrbare Dächer mit spitzen Giebeln aus den Toren der römischen Befestigung heraus nahe an die Stadtmauer herangerollt worden und bildeten mehrere lange Reihen, die wie träge daliegende Schlangen aussahen.
„Was ist das nun wieder?“, staunte Setorix, der seine Aufgaben erledigt hatte und inzwischen zu ihnen zurückgekehrt war.
„Da sind vermutlich Rammböcke drin“, sagte Ognum, der ebenfalls die ganze Nacht in den Wehrgängen Wache gehalten hatte.
„Oder sie bauen eine Sturmhalle bis an das Ufer heran und füllen den Graben mit Steinen und Erde, um eine Furt zu bekommen über die sie mit Belagerungstürmen an die Mauern heranzukommen“, erklärte der alte Kelte, der einmal in den Legionen gedient hatte. Er war es nicht mehr gewohnt so lange wach zu bleiben und unter seinen Augen hatten sich dicke Ringe gebildet.
„Ja aber klar“, spottete der dicke Cedrick. „Die bauen eine Furt über einen zehn Meter breiten und fünf Meter tiefen, mit Wasser gefüllten Graben!“
Vitorix schüttelte den Kopf. Auch er hielt das für unmöglich.
Ognum, König Galbas Kriegsherr murmelte leise vor sich hin. „Auf jeden Fall verhindern diese hochgezogenen Giebel, dass Steine und Felsbrocken den Wagen von oben herab zertrümmern können?“
Der alte Aidan nickte. „Nur ein Volltreffer auf die Kante des Giebels könnte so ein Gefährt zerstören.
Außerdem sieht keiner von uns, wo sich die Legionäre da drinnen gerade aufhalten. Wir haben also keine Ahnung, was die da drin wirklich machen.“
Vitorix gab sich einen Ruck. „Cedrik, nach unten!
Holt Steine und die Zimmerleute. Zerstört die Brücken, dann können sie mit diesen Dingern zumindest die Tore nicht direkt attackieren, das wird uns etwas Zeit verschaffen!“
„Auf jeden Fall wird alles etwas länger dauern“, bestätigte Aidan.
„Gib den Befehl auch an die Besatzungen der anderen drei Tore weiter!“, befahl er Liam, dem Meldereiter, der die Mauer hinabstieg und sich auf sein bereitstehendes Pferd schwang.
Der Kriegsherr sah den jungen Kommandanten der Stadtwache anerkennend an.
„Jetzt verstehe ich, warum der König dir während seiner Abwesenheit das Kommando hier übertragen hat.“
Vitorix holte tief Luft. Von Ognum ein solches Lob zu bekommen war keine Selbstverständlichkeit!
Noch immer standen der Heerführer mit Vitorix und den meisten der Unterführer auf der Mauer und versuchten zu erkennen, was weiter drüben bei den Römern geschah, während sich die Sonne langsam über die weit entfernten Wälder erhob.
Ein Teil der Legionäre hatte über Nacht weiter an den vier riesigen Lagern gebaut, während der andere Teil unbeirrt an der Umzäunung der Stadt arbeitete.
„Ein Feldlager ist für je zwei Legionen und deren Hilfstruppen“, erklärte Aidan ihnen. „Das sind etwa 20.000 Soldaten pro Lager, die Knechte und Tiere nicht mitgerechnet.“
„Das da hinten gibt vier Lager. Wir haben es also mit ungefähr 80.000 Gegnern zu tun?“, fragte Vitorix den Alten.
Der nickte.
„Und wir sind, wenn es hochkommt, vielleicht gerade einmal 3.000 Krieger!“
Die vor den Zelten der Römer heute Morgen entfachten Lagerfeuer waren als kleine orange Punkte gut zu erkennen. Und noch immer hallten von allen Seiten Hammer- und Axtschläge durch die Morgendämmerung. Vitorix seufzte. „Ich kontrolliere die Wachen“, sagte er zu Setorix. Der nickte.
Der Kommandant lief die zwei Meter breite Brüstung entlang, bis er nach ca. 500 Metern zum ersten Wachturm kam, die alle in der gleichen Entfernung voneinander als Holzkonstruktionen auf die Mauer gebaut waren.
„Ich will, dass du jede auch noch so kleine Bewegung der Römer meldest!“, rief er die Plattform hinauf.
„Ja, Herr!“
Vitorix lief weiter. Noviodunum war schon einige Male von großen Heeren angegriffen worden. Sogar ein Zusammenschluss von drei Germanenstämmen hatte versucht, die Mauern zu stürmen, aber das Oppidum war gut befestigt und hatte alle Attacken mit Leichtigkeit abgewehrt.
Der Graben! Ja, über den Graben würden auch diese Römer nicht kommen, da war er sich sicher! Daran änderten auch diese Laufhallen, die sich unaufhörlich heran schoben, nichts.
„Melde jede noch so kleine Bewegung der Römer, verstanden?“, rief er erneut zu der nächsten Plattform hinauf, auf der wieder fünf seiner Männer standen und in die Ebene starrten.
„Jawohl, Herr!“
Ognum hatte sich jetzt, nachdem die andern wach waren, hingelegt und bisher zur Verwunderung von Vitorix darauf verzichtet, das Kommando zu übernehmen. Sicher war es aber nur eine Frage der Zeit, bis das geschah. Noch einmal fluchte er leise. So war das im Leben: Gerade war man noch dabei, Ruhm, Ehre und Reichtum zu erlangen, und schon versank man wieder in der Bedeutungslosigkeit! Aber immerhin gab es noch die Schlacht – und da gab es mit Sicherheit die Möglichkeit, sich durch Mut und Tapferkeit auszuzeichnen und seine bescheidene Sammlung von Köpfen zu vergrößern. Vitorix setzte seinen Rundgang fort. Weit hinten über den Wäldern hatte sich hinter dem Römerlager Lugh der Sonnengott majestätisch von seinem Nachtlager erhoben. Und unter ihm begann die Stadt zu erwachen.
Er sah zum Wachturm an der äußersten Ecke der Nordseite hinauf.
„Wie sieht es bei euch aus?“, rief er nach oben.
„Da drüben tut sich etwas, Herr!“, kam es leise zurück.
„Was heißt, es tut sich etwas?“
„Seht selbst, Herr!“, rief die Wache von oben.
Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend stieg der Suessionenfürst die Leiter des Wachturmes hinauf.
Ein wuchtiger Schlag ließ den vorderen Teil der spitzgiebeligen Konstruktion auf Rädern erzittern, die Tiberius in der Morgendämmerung mit zehn weiteren Legionären immer näher an den Befestigungsgraben von Noviodunum heran schob. Dunkelheit, der beißende Geruch von Schweiß und Stöhnen. Steine, an die er mit seinen Zehen stieß, oder eine feuchte Stelle im Gras, auf der er ausrutschte, war alles, was er hier drinnen in der Finsternis seit Stunden wahrnehmen konnte. Der Centurio, der durch eine kleine Luke ganz vorne unter dem mit Bronzeplatten verstärkten Dach nach draußen in die Morgendämmerung spähte, gab die Richtung vor. Er war der Einzige, der halbwegs wusste, wo es hinging. Schwerfällig holperte das Gerät über die Unebenheiten der Ebene, die sich vor den Mauern von Noviodunum bis zum Wald hin erstreckte.
„Und schiebt, Männer, bald haben wir es geschafft!“, feuerte er sie wieder einmal an. „Noch ein paar hundert Schritte!“
Der Princeps Prior hatte entschieden, die Nacht abzuwarten, bevor sie mit dem Vormarsch der einzelnen Teile begannen, die später zusammengebaut eine Laufhalle ergeben würden. Es hatte bis zum Morgen gedauert, bis sie endlich etwa 100 Meter vor ihrem Ziel, dem Wassergraben standen. Sehen konnten sie ihn allerdings hier drinnen nicht. Tiberius, der junge neunzehnjährige Legionär, der nun schon das zweite Jahr in der Armee diente, und die Schlacht gegen die Helvetier, gegen Ariovist und die Belgier mitgemacht hatte, zuckte unwillkürlich zusammen, als irgendetwas scharf auf das Dach knallte. Dann noch einmal, und wenig später hörte es sich an wie schwerer Hagel.
„Steinschleuderer“, sagte Octavio prustend und keuchend neben ihm. „Wir müssen schon ziemlich nah sein!“
Octavio, den sie nur den Bären nannten, und der alle um Haupteslänge überragte, war ein Bauernjunge wie Tiberius, was auch der Grund war, warum sich die beiden auf Anhieb verstanden und angefreundet hatten.
„Keine Sorge“, stöhnte Octavio. „Das Dach kann nur durch mehrere Volltreffer direkt auf den Giebel zerstört werden, und das wird nicht passieren!“
Tiberius nickte und stemmte sich noch mehr gegen das runde Holz der Querstange, mit der sie die Laufhalle nach vorne schoben. Er hoffte, dass sein Freund recht behielt. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass Panik wie eine heiße Welle über ihn hereinbrach, als ein weiterer schwerer Schlag das Gefährt erzittern ließ. „Steine!“, durchzuckte es ihn – Felsbrocken, welche die Verteidiger jetzt auf sie hinab schleuderten.
„Wir haben es gleich geschafft, Männer!“, rief Antonius, ihr Centurio ins Halbdunkel des Gefährtes hinein. „Gebt noch einmal alles!“
Und wieder gab es einen gewaltigen Schlag. Tiberius wusste nicht mehr, ob seine Knie vor Anstrengung oder vor Angst zitterten. Die Dunkelheit, die Enge, der Schweiß, das Stöhnen, das alles fühlte sich an wie der Vorhof zum Hades. Und wer weiß, vielleicht waren sie alle genau dorthin unterwegs, und es war nicht der Verteidigungsgraben, sondern der Styx, an dessen Ufer Charon, der Fährmann, auf sie wartete, um sie ins Jenseits zu befördern!
Neben Octavio schwitzte und stöhnte Aurelius, der aus einer alten Adelsfamilie in Rom kam, und der von seinem Vater verstoßen worden war. Verbissen stemmte er sich mit vier seiner Kameraden gegen eine der Stangen, die quer durch das Gefährt gezogen waren. Hinter ihm waren noch einmal 15 Legionäre, die sich an drei weiteren Schiebevorrichtungen ebenso abmühten, das unhandliche Gerät über das holprige Feld an den Graben unterhalb der Mauer zu transportieren.
Eigentlich hätte Aurelius, bevor er aus der Familie verbannt worden war, das Amt eines Tribuns in Caesars Armee zugestanden, aber so diente er, genau wie die anderen Freunde des Contuberniums auch, als einfacher Legionär in ihrer Kohorte.
Lediglich Antonius, der Jüngste von ihnen, hatte es trotz seines Alters bereits zum Centurio gebracht, weil er in der Schlacht gegen die Helvetier, nachdem alle Offiziere seiner Centurie gefallen waren, den Befehl übernommen und seine Männer erfolgreich durch das Gemetzel geführt hatte. Selbstverständlich würde er das nicht bleiben, denn die anderen Centurionen, die dieses Amt nach zehn bis fünfzehn Jahren vorbildlicher Tapferkeit und Disziplin erhalten hatten, murrten bereits, obwohl auch sie das taktische Geschick, den Mut und die Entschlossenheit des jungen Burschen durchaus anerkannten. Aber bisher war er noch nicht abgelöst worden.
Lucius und Maximus und Lucullus hinter den Dreien bildeten die zweite Reihe im Innern des beweglichen Teils der Laufhalle. Ächzend und stöhnend schoben sie die Holzkonstruktion an langen Schiebestangen über das unebene Gelände.
Tiberius bemühte sich mit jedem Tritt, nicht über einen Stein oder eine Wurzel zu stolpern.
„Hoffentlich ist das Ding hier wirklich so stabil, wie alle behaupten!“, murrte Maximus, der sich hinter Tiberius in das Gestänge des Holzgefährts stemmte. Wieder ein gewaltiger Schlag, wieder zogen alle automatisch die Köpfe ein und der Dreck, der von der Decke auf sie herab rieselte, begann auf ihrer schweißnassen Haut zu jucken.
„Männer, das gibt höchstens ein paar Dellen in den Bronzeplatten, die als Verstärkung auf das Holz genagelt sind!“, rief der Centurio nach hinten, um die Legionäre zu beruhigen.
Maximus hinter Tiberius schnaubte. „Na dann“, sagte er und lachte kurz gequält auf. Er war, wie sein Freund Lucius, aus den spanischen Provinzen zu ihnen gestoßen. Maximus hatte die harte Ausbildung eines griechischen Boxers genossen, bevor er den Dienst in der glorreichen römischen Armee antrat. Seine Gegner hatten ihm die Nase mehrfach gebrochen, sodass ein Arzt ihm den Knochen herausoperiert und nur den Knorpel stehen gelassen hatte. Dass ihm in der Schlacht gegen die Barbaren ein Germane eine Narbe quer über sein Gesicht verpasste, half auch nicht gerade dabei, ihn zu verschönern. Trotz allem war der „Boxer“ meistens guter Laune.
„Falls nicht, kannst du dich ja bei Mamurra beschweren“, giftete Lucullus, der siebte von ihnen. Lucullus, „das Wiesel“, war der Kleinste von ihnen. Verschlagen, hinterhältig und gemein witterte er ein gutes Geschäft wie ein Trüffelschwein die Pilze im Boden. Das hatte sich bald herumgesprochen und die Hälfte der Legionäre der 11. überließen ihm Teile ihres Soldes, damit er mit dem Geld arbeiten konnte. Und das tat er! Zuerst machte er Geschäfte mit den keltischen Händlern, welche die geschlagenen Helvetier mit Getreide versorgen mussten, dann stellte er Schreiber ein, die vor Schlachten Testamente für die Soldaten verfassten, natürlich zu einem nicht geringen Entgelt, und zuletzt hatte er sogar Rutilus, den Zornigen, überredet, ihn als gleichwertigen Geschäftspartner in die Versorgung der Armee mit einzubeziehen. Natürlich war das von Seiten des „Zornigen“ nicht freiwillig geschehen, aber der ehemalige Bandenchef des Transtiberims in Rom, der mit viel Geld aus dem Bandengeschäft aus und zum Eques aufgestiegen war, hatte sich verspekuliert und stand kurz davor, von seinen Gläubigern gepfändet zu werden. Lucullus hatte ihm eine beträchtliche Summe zur Verfügung gestellt, damit Rutilus seine Geschäfte, nämlich die Versorgung der Legionen in Gallien, weiterführen konnte. Aber Rutilus wäre nicht Rutilus gewesen, wenn er nicht sofort versucht hätte, nachdem die Verträge unterzeichnet und er im Besitz des Geldes war, seinen neuen Geschäftspartner zu beseitigen. Das war allerdings gehörig schief gegangen, und wer Lucullus kannte, wusste, dass Rutilus für diesen Frevel büßen würde. „Halt!“ Antonius, ihr Centurio, der bisher an der aufklappbaren Sichtluke die Richtung vorgegeben hatte, schnaufte zufrieden. „Geschafft, Männer, wir sind hier fertig!“
Wieder zwei wuchtige Schläge, und Tiberius war sich nicht sicher, ob das mit Metallplatten verstärkte Holzdach, das auf die Dauer überstehen würde.
„Endlich!“, keuchte Octavio, und einen Moment war nichts außer dem schweren Atem der Männer im Innern der Konstruktion zu hören. Dann wieder ein Schlag und dann das Toc-Toc-Toc der einschlagenden Pfeile. Selbst für ihn, der doppelt so breit und mindestens zwei Köpfe größer als der stärkste Legionär in Caesars Legionen war, war es eine Herausforderung gewesen, dieses unhandliche, klobige Teil stundenlang über die gesamte Ebene bis hierhin zu schieben. Wieder krachten Steine auf das spitze, verstärkte Dach und ließen die Holzkonstruktionen erzittern.
„Verankern!“
Sie schlugen die Pflöcke ein und entfernten die Schiebestangen durch Löcher in der Seite. Dann warteten sie, bis der zweite, identische Teil der Laufhalle hinter ihnen herangebracht und mit ihrem Teil verbunden wurde.
„So Männer. Für uns war es das“, sagte der Centurio. „Abmarsch!“
Sie tasteten sich durch den entstandenen Gang nach hinten. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie endlich nach etwa 100 Meter draußen waren.
Den ganzen Tag über würden Soldaten, Sklaven und Knechte im Schutz dieser Konstruktion Säcke mit Schutt und Steinen nach vorne transportieren und sie über eine Rutsche in den Graben kippen, bis dieser so weit aufgefüllt war, dass er für das schwere Gerät vorbereitet werden konnte. Später wurden darüber dann die Belagerungstürme oder Steinbohrer an die Mauer herangefahren. Natürlich würden immer wieder Teile der Laufhalle zu Bruch gehen, und die Wahrscheinlichkeit, im Licht des Tages den Giebel zu treffen, war natürlich viel höher als jetzt in der Morgendämmerung. Aber wenn das geschah, kippte man den defekten Teil einfach in den Graben oder auf die Seite und schob den nächsten heran. Es waren fünf dieser je 100 Meter langen Laufhallen, die sich im Schutze der Nacht bis an das Ufer des Verteidigungsgrabens vor der Stadtmauer herangearbeitet hatten. Weit hinter den Laufhallen erhoben sich im römischen Lager bereits die über zehn Meter hohen Belagerungstürme, die mit ihren Geschossplattformen, den Skorpionen und Ballisten sowie den Bogenschützen und Steinschleuderern dafür sorgen würden, dass niemand auf der Mauer von Noviodunum den Kopf über die Zinnen hob, bis das schwere Belagerungsgerät heran war, die Klappe ausfuhr und die Legionäre wie durch ein großes Maul auf die Mauer spie.
Tiberius trat als letzter ins Freie.
„Auf, Männer, zurück!“, befahl ihr Centurio, und sie durchquerten nach einer Weile das Torhaus, das den Zugang zu ihrem Lager bewachte. Ein unglaubliches Durcheinander von Hammerschlägen, Sägegeräuschen und knarrenden Winden, die unter dem Gewicht von Balken beinahe wie Menschen stöhnten, drang an sein Ohr. Die Baustelle war über die Nacht hell erleuchtet gewesen, und die Immunes und ihre Helfer arbeiteten bereits an der dritten Etage des mächtigen Turmes. Der Baumeister Caesars hatte beachtliche Prämien für die Mannschaften ausgesetzt, welche diese fahrbaren Festungen zuerst fertig gebaut hatten, und so legten sich die Legionäre und Hilfskräfte rund um die Stadtmauer von Noviodunum mächtig ins Zeug.
„Man spürt förmlich, wie es Mamurra Freude bereitet, wenn er etwas erschaffen kann“, sagte Lucullus, der kleine Römer mit dem Gesicht eines Wiesels, neben Tiberius. „Und das hier …“, er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Gehört habe ich schon davon“, sagte Aurelius. Seine eisblauen Augen musterten bewundernd die gewaltige Konstruktion, die in den Morgenhimmel ragte, und bei der die Soldaten bereits Geschützteile mit Seilwinden nach oben zogen, um sie auf die fertiggestellten Plattformen zu verteilen.
„So riesig habe ich mir diese Türme nicht vorgestellt!“
„Bis zu zehn Stockwerke“, erklärte Publius, ihr Optio, der sich neben sie gestellt hatte. In Spanien war er schon bei einigen Belagerungen dabei gewesen.
„Dieses Mal tun es wohl auch fünf“, meinte Antonius, ihr Centurio, der ebenfalls zu ihnen kam.
„Und wir haben bis spätestens morgen Abend weitere vier von diesen Dingern fertiggestellt!“, nickte Publius, der Optio der Centurie.
„Die Gräben vor der Mauer haben wir bis dahin ebenfalls aufgefüllt. Also werden wir spätestens in zwei Tagen angreifen. Caesar will anscheinend keine Zeit verlieren!“
„Ob dieser Suessionenkönig schon in der Stadt ist?“ „Vielleicht“ meinte Octavio.
„Dann wäre es doch besser, einfach abzuwarten. Wie lange kann es schon dauern, bis so viele Barbaren alles aufgegessen haben, was innerhalb der Mauern ist?“ Maximus schnäuzte sich.
„Zu lange für Caesar“, sagte Publius.
Der Boxer seufzte. „Da hast du vermutlich recht.“
Auf der Plattform des Wachturms angekommen, starrte Vitorix über den ausgestreckten Arm des jungen Nedix nach unten. Die Römer hatten die Arbeiten am Belagerungswall auch in der Nacht nicht unterbrochen. In der Zwischenzeit erstreckte er sich bereits vom Nord- bis zum Südtor und noch immer brannten, obwohl die Sonne bereits aufging, an verschiedenen Stellen Hunderte von Fackeln.
„Außerdem haben sie noch mehr von diesen fahrbahren Dächern im Schutz der Dunkelheit in unsere Nähe geschoben.“
„Viel mehr“, ergänzte Marlon, der mit dem jungen Nedix Wache schob.
Vitorix schüttelte den Kopf. „Aber was wollen die damit, wir haben doch nur vier Tore - und die Brücken davor sind alle zerstört? Dass die den Graben auffüllen können, wie es Aidan behauptet glaube ich einfach nicht!“
Das entfernte Hämmern und Sägen war kaum wahrzunehmen, doch als es plötzlich aufhörte, fiel es sofort auf.
„Jetzt geben sie endlich Ruhe!“, sagte Marlon, aber das stimmte nicht. Im Gegenteil, die spitzgiebeligen Häuser, die alle in einer Entfernung von etwa zehn Meter vor dem Graben kurz gestoppt hatten, setzten sich wieder in Bewegung. Unaufhaltsam schob sich die Konstruktion immer näher die letzten Meter an den Graben heran.
„Blas Alarm!“, befahl Vitorix dem jungen Krieger, und wenig später erfüllte das durchdringende, furchteinflößende Kreischen eines Kriegshorns die Luft. In den Gassen des Oppidums wurde es wieder lebendig. Die Stadt, die schlaftrunken gerade erwachte beeilte sich, auf die Füße zu kommen. Überall stolperten müde, schimpfende Krieger aus den Häusern, die gehofft hatten, nach den Anstrengungen der letzten Tage noch etwas mehr Ruhe zu bekommen. Vitorix kletterte nach unten, und es dauerte nicht lange, bis auch Ognum mit einigen seiner Unterführer neben ihm auf der Brüstung über dem Haupttor stand. Der Kriegsherr betrachtete zufrieden die aufgeschichteten Felsbrocken, das kochende Öl und die Rinnen, die gerade in die dafür vorgesehenen Öffnungen geschoben wurden. Dieses Mal hatte sich Caesar verrechnet! Dieses Mal würde er es sein, der sich eine blutige Nase holte. Dieses Mal waren sie es, die auf einer Mauer standen, und diese Römer mussten dagegen anrennen! Kurz tauchte in Ognums Gedächtnis das riesige belgische Reiterheer auf, das vor einigen Tagen von der römischen Befestigung aus brutal zusammengeschossen und dann von germanischen und keltischen Hilfstruppen niedergemetzelt worden war. Und dann der Sturm über den Fluss! All die Leichen im Wasser und an den Ufern!
„Weißt du, was das ist?“, riss Vitorix den Kriegsherrn aus seinen Gedanken.
„Nein.“ Ognum schüttelte den Kopf.
„Da drüben schiebt sich noch so ein Ding heran“, sagte Setorix. „Seltsam. Da gibt es doch weder eine Brücke noch ein Tor. Was wollen die dort?“ Auch er glaubte keinen Moment daran, dass man einen Übergang durch das Wasser bauen konnte.
Vitorix hob ratlos die Schultern. „Liam“, sagte er dann zu dem Meldereiter, der wie immer neben ihm stand.
„Ja, Herr?“
„Reite die Mauer entlang und frage die Wachen, ob sie noch mehr von diesen fahrbaren Dächern sehen können.“
„Jawohl, Herr“. Liam, der Bote, kletterte nach unten. „Setzt die Brandpfeile ein!“, befahl der Kriegsherr. „Und schießt diese Dinger in Brand!“
Wenig später flogen die brennenden Geschosse durch die Luft und zogen eine glühende Bahn hinter sich her. Gleichzeitig hörte Vitorix wieder dieses vertraute Flattern, als ob sich ein ganzer Vogelschwarm in die Luft erhob.
„Deckung!“, schrie er, aber für einige seiner Männer war es zu spät. Schreiend und stöhnend sackten ungefähr ein Dutzend von ihnen zusammen oder stürzten von der Mauer. Die anderen duckten sich und brachten sich hinter der Brüstung in Sicherheit. „Skythen“, brummte der Kriegsherr, der sich nur sehr ungern an diese treffsicheren Krieger erinnerte, die ihnen vor ein paar Tagen schon so schwer zu schaffen gemacht hatten.
„Weiterschießen und dann sofort wieder runter!“, befahl er.
Und so machten sie es, aber es nützte nichts. „Die haben vermutlich nasse Felle auf die Dächer gelegt“, sagte der Dicke.
„Es sind insgesamt fünf dieser Würmer!“, tönte es von unten herauf. Liam war zurückgekehrt.
„Und die schieben diese Dinger alle an den Graben heran?“, fragte Vitorix besorgt und irritiert zugleich. „Ja, Herr.“
Ognum schüttelte ratlos den Kopf. „Sollte der alte Aidan doch recht haben?“
„Holt mir den Kelten wieder hier herauf“, befahl Vitorix, der den Alten erst vor einer halben Stunde zum Schlafen geschickt hatte. “Vielleicht hat er ja doch recht“, fügte er an den Kriegsherrn Galbas gewandt hinzu. „Und vielleicht hat er eine Idee, was wir dagegen machen können!“
„Du meinst Aidan?“, fragte der Bote.
„Natürlich“, nickte Vitorix. „Wen denn sonst?“
Der Meldereiter verschwand im dunklen Gewirr der Gassen.
In der Zwischenzeit war das Rumpeln der Holzräder immer lauter geworden, bis es vor dem Wassergraben verstummte.
„Laufhallen“, sagte Aidan, der alte Kelte, der nach einer geraumen Weile zu ihnen hinaufkletterte, und der hauptsächlich als Reiter in Spanien in der Legion gedient hatte. „Das sind Laufhallen!“
„Das sagtest du bereits. Und?“, hakte Ognum ungeduldig nach.
„Die Legionäre und Sklaven laufen da drinnen hin und her“, sagte der Alte.
„Und machen was?“ Die Stimme des Kriegsherrn klang jetzt hart wie Stahl.
„Das ist unterschiedlich“, antwortete der alte Kelte, der sich schon vor Jahren ein Geschäft als Weinhändler in Noviodunum aufgebaut und eine Belgierin geheiratet hatte. „Entweder sie schieben einen Rammbock oder aber einen Mauerbohrer durch.“
„Dann können diese Dinger schwimmen?“, fragte der dicke Cedrik spöttisch. „Denn wie du siehst, haben wir die Brücken zerstört!“
„Wie ich es euch bereits erklärt habe füllen sie über eine Rutsche im vorderen Teil dieser Wagen den Graben so lange mit Steinen und Erde auf, bis sie einen Damm haben, über den sie an das Tor oder die Mauer heranfahren können“, erklärte ihnen Aidan noch einmal.
„Und dann?“ Man spürte förmlich, wie König Galbas Kriegsherr den Kelten am liebsten gepackt und die Informationen aus ihm herausgeschüttelt hätte.
„Dann schieben sie die Steinbrecher, Rammböcke oder aber Belagerungstürme an die Mauer heran.“
„Und alter Mann, können wir etwas dagegen tun?“, bohrte der Kriegsherr König Galbas ungeduldig weiter.
Aidan schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste.“
Sie fühlten sich erschöpft und zerschlagen, als sie endlich mit ihren Kameraden zusammen todmüde den Teil des Lagers erreichten, in dem ihr eigenes Zelt stand. Ohne weiter darauf zu achten, liefen sie zuerst an der doppelt so großen Behausung ihres Centurios vorbei, und dann an der Unterbringung für ihre Unteroffiziere. „Sie grüßten ihren Tesserarius, der bereits den üblichen, morgendlichen Schreibkram erledigte, doch der sah nicht einmal auf. Alle waren sie hundemüde und hatten nur noch einen Wunsch: endlich die schweren Rüstungen ausziehen, etwas essen, und dann zu schlafen! Es war nicht einfach für den jeweiligen Knecht eines Contuberniums, das Maultier zu versorgen, das Zelt, die Ausrüstungsgegenstände und den Lagerplatz in Ordnung zu halten, und auch noch das Essen zu allen möglichen Tag- und Nachtzeiten für sie bereitzuhalten. Aber Severus, der Kelte ihrer Zeltgemeinschaft, hatte es auch dieses Mal wieder geschafft. Selbst Speck, Oliven und Zwiebeln warteten frisch geschnitten auf einem Brett nur darauf, in den Getreidebrei gekippt zu werden, sobald der Blasen warf. Tiberius seufzte zufrieden, und sie begannen, sich gegenseitig aus den Kettenhemden zu helfen.
Während Severus den Getreidebrei in dem großen Kessel, der an einem Dreibein über dem Feuer hing, erhitzte, säuberten sie ihre Rüstungen, dann die Tuniken, und dann die Sandalen.
„Das muss morgen gereinigt werden“, sagte Lucullus an Severus gewandt und zeigte auf den Berg Wäsche.
Der Kelte, der mit einem großen Holzlöffel verhinderte, dass etwas anbrannte und die Zutaten hinein kippte, als das Ganze heiß genug war, nickte. „Da drüben ist Wasser, mit dem ihr euch waschen könnt, bevor ihr etwas Frisches anzieht.“ Er deutete auf einen großen Holzbottich, der neben dem Zelteingang stand.
„Aber den hast du nicht allein hierher geschleppt?“, fragte Octavio.
„Nein.“ Severus schüttelte den Kopf. „Simon hat mir geholfen.“ Er deutete auf den schwarzen Sklaven, der vor dem Nachbarzelt links von ihnen ebenfalls damit beschäftigt war, das Essen zuzubereiten.
„Willst du es dir nicht endlich einfacher machen und einen weiteren Knecht von uns annehmen? Du weißt, Geld spielt keine Rolle“, fragte Lucullus.
„Nein.“ Der Kelte, der bei einem Überfall auf sein Dorf seine gesamte Familie verloren hatte, schüttelte erneut den Kopf. „Ich komme zurecht.“
Der kleine Römer tauchte seinen Kopf prustend in das kalte Wasser und begann sich mit einem Tuch gründlich abzureiben. „Du musst es ja wissen“, sagte er, trocknete sich ab und schlüpfte in eine frische Tunika. „Gut, wenn man Geld hat“, grinste er. „Saubere Wäsche, gutes Essen, guter Wein ...“. Lucullus schnalzte mit der Zunge. „So lässt es sich aushalten!“
Selbst Octavio, der anfangs erhebliche Schwierigkeiten mit dem kleinen Römer gehabt hatte, brummte zustimmend. Längst waren sie zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geworden, in der jeder für jeden durchs Feuer ging.
„Eine beeindruckende Stadt, dieses Noviodunum“, sagte Lucullus, nachdem sie endlich mit gut gefülltem Essgeschirr um das Feuer saßen und den Getreidebrei löffelten.
Aurelius nickte gähnend. „Nicht mal die Hauptstadt der Remer war so gut befestigt.“
„Und die der Häduer schon gar nicht“, bestätigte Lucius.
Die Sonne erklomm langsam auch die Palisaden ihres Lagers und schickte ihre wärmenden Strahlen in die Zeltreihen. Der scharfe Geruch brennenden Holzes, vermischt mit dem Duft von angebratenem Speck, Zwiebeln und Knoblauch durchzog das Lager. Stimmengemurmel. Ab und zu das raue Gelächter von Soldaten und der Schrei eines Maultiers. Tiberius holte sich seinen eingefetteten Wollmantel und schlang ihn sich um die Schulter. „Ich gehe schlafen“, sagte er.
„Da wirst du etwas warten müssen“, widersprach Maximus. „Der Optio war noch nicht zur Zählung da.“
Tiberius seufzte und ließ sich wieder am Feuer nieder.
„Denkst du noch oft an Lucia?“
Tiberius sah Aurelius an, der ihn mit seinen blauen Augen musterte. Er nickte. „Oh ja, jeden Tag und jede Nacht. Ich hoffe, dass es ihr gut geht, und dass es kein Fehler war, sie mit ihrem Bruder nach Hause gehen zu lassen. Aber meine kleine Claudia vermisse ich am meisten!“
Octavio seufzte. „Ich auch“, sagte er, und seine Kameraden nickten ebenfalls gedankenverloren.
Tiberius hatte Lucia kurz vor seinem Eintritt in die Legion kennengelernt, und als sie ein Kind von ihm erwartete, hatte der Pater Familias, ein Senator, sie verstoßen. Sie war ihm zur Legion nachgereist und hatte sich dort dem Tross angeschlossen. Youssof bin Aram, ein parthischer Kaufmann, hatte dort glücklicherweise eine Art Großvaterrolle übernommen und Lucia und ihr frischgeborenes Kind unter seine Fittiche genommen. So war Lucia mit den Händlern, Schankwirten, Sklavenhändlern und Huren den Legionen Caesars und damit auch Tiberius gefolgt, und es hatte ihr an nichts gefehlt.
„Das wäre hier kein Leben für sie gewesen“, sagte Lucullus nach einer Weile.
„Und wieso nicht? Bis ihr Bruder hier aufgetaucht ist, ging es ihr bei uns recht gut“, widersprach Maximus, und seine Narbe quer über das Gesicht leuchtete rot.
„Warum ihr Vater es sich wohl anders überlegt hat?“ „Na, weil er sie an einen reichen Patrizier oder Eques verheiraten will, das ist doch klar!“, sagte Aurelius. „Wir Patrizier sehen unsere Töchter als Investition, um entweder zu Reichtum oder Macht zu kommen!“
„Wir Patrizier?“, spottete Lucullus. „Ich dachte, du willst mit diesen Kreisen nichts mehr zu tun haben?“ Der adlige, gutaussehende Aurelius seufzte. „Also gut, ‚die‘ Patrizier. Bist du nun zufrieden?“
Das Wiesel hob nur kurz die Schultern.
Natürlich hatte sich Tiberius über das Schicksal Lucias als „Anhängsel“ eines Legionärs keine Illusionen gemacht, und natürlich wusste er, dass er sie während seiner Dienstzeit nicht einmal heiraten durfte, aber es wieder einmal so klar vor Augen geführt zu bekommen, schmerzte ihn trotzdem.
„Wird wohl eine längere Geschichte hier, was denkt ihr?“, fragte der Boxer und meinte damit die Belagerung der Stadt.
Tiberius schaute Maximus an, dem die Kälte der Nacht nichts auszumachen schien.
„Die Mauern und der Graben davor sind beeindruckend“, sagte er.
Tiberius nickte. „Unsere erste Belagerung!“
„Zumindest das erste Mal, dass wir belagern und nicht belagert werden“, gab ihm der Boxer recht, denn vor ein paar Wochen waren sie es gewesen die auf Verteidigungsanlagen gesessen und auf den Ansturm der Belgier gewartet hatten.
Antonius, ihr Centurio, trat zu ihnen. Sie sprangen auf.
„Bleibt sitzen!“ Der 19-jährige Antonius, der in der Schlacht gegen die Helvetier und auch gegen die Germanen das Kommando über ihre Centurie übernommen hatte, nachdem all ihre Offiziere gefallen waren, lachte. „Ihr wisst doch selbst, dass der Legat es bisher lediglich versäumt hat, mich abzulösen!“ Der jüngste Centurio der römischen Armee setzte sich neben Tiberius. „Ich warte eigentlich jeden Tag darauf“, fügte er noch hinzu.
„Die wären dumm, dich zu ersetzen“, erklärte Lucius.
„Nein.“ Antonius schüttelte den Kopf. „Allein die missbilligenden Blicke der anderen Offiziere bei den Lagebesprechungen. Dann die Reaktionen, wenn ich etwas vorschlage. Jeder, außer vielleicht dem Legaten und seinem Stellvertreter ...“
„Und Sextus!“, gab Tiberius zu bedenken.
Antonius nickte. „Ja, das stimmt“, gab er zu. „Auch Sextus behandelt mich, als ob ich seinesgleichen wäre ...“
„Und das ist immerhin der Primus Pilus!“, ergänzte Lucius.
„Ja“, nickte der Centurio. „Das ist er.“
„Also, warum machst du dir Sorgen?“
Antonius schüttelte den Kopf. Zu Hause hatten sie ein kleines Weingut, und sein Vater war ein hochdekorierter Offizier in der 10. Legion gewesen. Nach dem Ende seiner Dienstzeit hatte er eine junge Freigelassene geheiratet und war dem guten, selbst angebauten Wein verfallen. Trotzdem hatte er mit seinem Sohn und alten Kameraden aus der Legion bei jedem Wetter Waffentraining, Gewaltmärsche und Taktik geübt. Keine Schlacht, kein Scharmützel der 10. Legion, das Antonius nicht in allen Einzelheiten gekannt hätte. Antonius war mit jeder Waffe, welche in der Armee gebräuchlich war, dermaßen geschickt, dass ihm auch die alten Hasen in Übungskämpfen aus dem Weg gingen. „Ich mach mir keine Sorgen, aber ich bin froh, wenn ich als einfacher Legionär wieder bei euch sein kann!“
„Na“, Octavio schüttelte bedächtig den Kopf. „Ich an deiner Stelle wäre nicht so begeistert, den alten Publius plötzlich wieder über mir zu haben!“
Antonius seufzte. „Oh, ja“ bestätigte er. „Darüber nachzudenken hat mich auch schon ein- bis zweimal den Schlaf gekostet!“
„Herr!“
Antonius stand auf. „Was gibt es, Optio?“
Der Unteroffizier, über den sie gerade gesprochen hatten, war wie aus dem Nichts am Feuer aufgetaucht.
Sofort sprangen alle auf und nahmen Haltung an.
„Möchte mal wissen, wie der das macht“, flüsterte Lucullus leise in Tiberius Ohr. „Man sieht ihn nicht, man hört ihn nicht und plötzlich ist er da!“
„Besprechung, Herr!“, sagte der Optio und wartete vorschriftsmäßig darauf, dass ihn sein Centurio wieder entließ.
„So früh am Morgen?“, fragte der Centurio.
„Jawohl, Herr. Der Legat hat es angeordnet!“
„Danke, Publius“, erwiderte Antonius und schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Die anderen Contubernia schon durchgezählt?“
„Jawohl, Herr!“
„Alle vollzählig?
„Ja, Herr.“
„Gut, Optio. Schick die Männer schlafen, sie haben für heute frei!“
Der Offizier grüßte zackig und stapfte davon.
„Bleibt einfach unter den Fellen in der Kutsche“, hatte Caeso, der alte, ehemalige Centurio, zu Lucia gesagt, und hatte sie wieder mit diesem seltsamen Ausdruck in seinen Augen angeschaut. Das ganze Gesicht des ehemaligen Legionärs war von Falten durchzogen und die Sonne Spaniens und Afrikas hatten seine Haut gegerbt. Auf dem Kopf hatte er, wie alle seine Kameraden, diese runde, kahle Stelle in seinen grauen Haaren, die durch das jahrelange Tragen des Helmes verursacht wurde. Nur seine Augen, die dunklen Augen dieses alten Mannes, wirkten jung und lebendig.
„Ihr erinnert ihn an seine tote Frau“, sagte Quintus, sein alter Kamerad und Waffengefährte, der genauso dünn wie lang war. „Die ist vor etwa 30 Jahren bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben.“
„Und das Kind?“
„Das Kind auch“, hatte Quintus geantwortet.
Sie waren eine Zeit lang unter den Fellen
geblieben, aber dann hatte Claudia, ihre kleine Tochter, vor Hunger zu weinen begonnen und Birgid, die junge, gallische Amme, hatte sich aufgesetzt, um dem Säugling zu trinken zu geben. Auch Dina, Leyla und Kira hatten die Decken zurückgeschlagen und sahen jetzt zusammen mit Lucia nach draußen, wo Caeso und seine Kameraden in dem Hohlweg, der auf dieses Plateau führte, einen Schildwall gebildet hatten, gegen den die Gallier, die sie tagelang verfolgt und jetzt eingeholt hatten, zuerst anritten und dann, als das nicht zum Erfolg führte, zu Fuß anrannten. Das Klirren der Schwerter, die aufeinandertrafen, das dumpfe Pochen, wenn ein Speer oder eine Axt in einen Schild einschlug, und diese Schreie, diese fürchterlichen Schreie, die von Wut, Entsetzen und Tod durchdrungen waren. Immer wieder diese Schreie!
„Wo ist eigentlich mein Herr Bruder?“, fragte Lucia und suchte die Waldlichtung ab.
„Der hat sich wie bei allen anderen Kämpfen auch irgendwo ins Unterholz verzogen“, sagte Birgid, die Amme, verächtlich. „Vermutlich sitzt er auf irgendeinem Baum und macht sich in die Hosen!“
