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Dauersingle Thore ist 25 und kriegt es allmählich mit der Angst zu tun: Während seine Schulfreunde schon mit der Familienplanung beginnen, wirkt er zunehmend wie ein Fremdkörper auf das andere Geschlecht. Das ändert sich, als er die launische Sina kennenlernt und sich sofort in eine Beziehung mit ihr stürzt. Plötzlich prasseln die Avancen nur so auf ihn – seine Treue wird auf eine harte Probe gestellt.
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Seitenzahl: 247
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Markus Mayer
Der Liebesversuch des Thore Einfalt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Liebesversuch des Thore Einfalt
Teil I – Tiefpunkt
Teil II – Hoffnung
Teil III – Vier Wochen später
Impressum neobooks
Der Liebesversuch des Thore Einfalt
von:
Markus Mayer
Ich danke...
...Lisa P. für die Inspiration
...Laurin für den Arschtritt
...Dominik für das Feuer
...Laura für den Ausgleich
...Lisa R. für die Anregungen
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Mittwoch
Belastet durch die ersten Symptome von Geisteskrankheit kauerte er auf dem Schreibtischstuhl. Seine Kopfhaut juckte, als trüge er einen Haarschopf aus Steinwolle. Das einsam in der Dunkelheit leuchtende Laptop-Display stach ihm in die rötlichen Augen und wenn seine Schneidezähne den rechten Mittelfinger nicht gerade um die Haut am Nagelbett erleichterten, zog dieser vorsichtig am Rädchen zwischen rechter und linker Maustaste. Nacheinander verschwanden ganze Reihen linear angeordneter Bilder am Horizont des Bildschirms, während am Fuße immer neue Serien von Menschenportraits auftauchten, die allesamt eine einzige Gemeinsamkeit hatten: Sie sollten gefallen! Wer zynisch wäre, könnte ergänzen: dem anderen Geschlecht. Oder korrekter: dem Geschlecht der jeweiligen sexuellen Orientierung! Dieser ambitionierten Aufgabe nahmen sich die Herren und Damen der Zunft ganz unterschiedlich an: Manche Kerle wollten in James-Dean-Manier ihr Rebellentum demonstrieren; manche wirkten wie smarte Jungunternehmer in ihren Sportjacketts und den gegelten Undercuts; manche posierten mit Autos, Fernsehern oder ungewöhnlichen Statussymbolen wie Bier oder Standgrills. Auch wenn Thore die Bilder der Männer begutachtete, um sich vielleicht Anregungen für sein eigenes Profil zu holen, interessierten ihn doch vordergründig die Fotos der Frauen, die sich beliebter Weise folgender Präsentationsarten bedienten: Das Image der Nachtschwärmerin, meist mit irgendeiner Freundin im Arm und Schirmchendrink in der Hand, aufgenommen in einem Club, dessen Name nicht selten am Rand des Bildes auftauchte; oder: die treue Bodenständige, die ihren Freund oder ein Familienmitglied umarmte. Zu seinen Favoritinnen zählten die schwelgerischen Schönheiten, deren einziger Zweck darin bestand, die Welt mit ihrer geheimnisvollen Aura zu betören. Immer wieder ermahnte er sich, nicht zu trödeln, nicht die Zeit mit dem Suchen der und Verharren auf ebendiesen Schwelgerinnen-Profilen zu vergeuden. Er musste sich entscheiden; je länger er die Entscheidung hinauszögerte, desto häufiger zupfte er an seinen Beinhaaren, knetete durch seine Zehen oder kaute auf seinen Fingern. Je näher er dieser Entscheidung und damit der mutmaßlich größten Demütigung seines Lebens kam, desto verbissener analysierte er die Myriaden von Frauenprofilen. Denn die Sache war die: Er stand vor Nr. 100 und das sollte nach Definition des Experiments, der letzte Versuch sein. Keine der 99 Frauen zuvor hatte geantwortet. Sein Ego schleifte längst auf dem Asphalt der Trostlosigkeit. Nach dem ersten erfolglosen Dutzend hatte sich allmählich Unglaube unter seinen abenteuerlichen Enthusiasmus gemischt; nach weiteren zehn spürte er fröstelnde Wut in sich aufsteigen, welche sich allmählich erhitzte und bei Versuchsobjekt Nr. 50 ihren Siedepunkt erreichte. Siedende Wut ja, aber noch keine Skepsis; diese wurde übersprungen und äußerte sich kurz nach der Halbzeit in Verzweiflung, die bis in die hohen 80er immer reißerischer wurde und so weit ging, dass er schließlich vor Nr. 100 akzeptiert hatte, ein hoffnungsloser Verlierer zu sein. Nicht ohne Stolz verstand er sich mittlerweile als schicksalsgeprägten Dulder und das half ihm dabei, den psychischen Wehwehchen zu trotzen und bis zum Finale durchzuhalten, auch wenn er mit jeder Nachricht ein weiteres Stückchen seiner Würde durch die Unendlichkeit des Internets schoss. Vor dem allerletzten Versuch war ihm vollkommen klar, dass seine Erblinie für immer aussterben musste, wenn er nicht wenigstens beim hundertsten Versuch siegte. Mit allem was noch in seiner Macht lag, wollte er die Erfüllung dieser Gewissheit abwenden. Allerdings begrenzte sich seine Macht auf: 'Die „richtige“ hundertste Frau auswählen'. Die Auswahl jedoch war so ergiebig wie irreführend. Jede Frau präsentierte sich im günstigsten Licht. Kaum eine erschien auf den ersten Blick hässlich oder abstoßend. Doch natürlich wusste er nicht, wie viele Tage vergangen, wie viele Euros draufgegangen, wie viele Bytes gespeichert waren, auf dem Weg zum 'perfekten' Profilbild. Er wusste: Nicht alles was glänzte, war Gold, doch zumindest den Anspruch auf Bronze wollte er nicht aufgeben. Ein entscheidungstheoretischer Balanceakt, dem er sich konfrontiert sah - das hatte sich über den Zeitraum seines Feldexperiments herauskristallisiert, denn anfangs legte er die Messlatte zu hoch, nach und nach senkte er diese bis zu einer abstrakten Grenze, die sein Bauchgefühl für ihn zog: Die Frau durfte nicht verzweifelt, uninteressant oder verwahrlost erscheinen – ein Erfolg bei einer solchen Frau hätte sehr bitter geschmeckt. Es wäre Selbstbetrug gewesen, so als würde er sich darüber freuen, ein Kleinkind beim Faustkampf niederzustrecken. Wirkte eine Frau dagegen extrem begehrenswert, glamourös und erhaben, wie alle Zielobjekte, die er in der Anfangsphase anschrieb, dann war ein Erfolg so aussichtslos, wie ein Faustkampf gegen einen Klitschko-Bruder. Es musste also gelingen, die goldene Mitte zwischen Anbiederin und Unerreichbarer zu finden. Sofern auch Nr. 100 nicht antwortete zog er es in Erwägung, in den Wald zu flüchten und dort den Rest seines Daseins zu fristen, als Einsiedler, der sich von Kastanien ernährt und den Eichhörnchen beim Schlafen zuschaut. Trotz der süßen Erscheinung von Eichhörnchen kein Wunder also, dass seine Entscheidungsfreude gelähmt war: Jedes Mal wenn er sich glaubte, entschieden zu haben und schon zum Tippen ansetzte, lenkte ihn irgendetwas ab. Entweder entdeckte er einen Mitesser auf seinem Unterarm, dem er die schwarze Fratze ausdrücken wollte oder er hörte eine Fliege, deren Luftraum er ausfindig machen musste oder er fühlte seine Blase, deren penetranten Druck er abzulassen hatte oder oder... Jede einzelne dieser Ablenkungen verstand er als Zeichen dafür, die falsche Frau ausgesucht zu haben. Dass er unter Umständen das Schicksal für seine Feigheit vorschob, konnte er sich zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr eingestehen. Als das Schicksal allerdings schließlich – nach vielen Stunden – müde wurde, raubte es Thore die Aufmerksamkeit für die Irritationen seiner Umgebung. Von Insekten, seinem eigenen Körper oder anderen Reizen allmählich unbehelligt, schrieb er also endlich einer Frau namens Di Na. Wofür dieses Kürzel stand, wagte er nicht zu erahnen, aber er dachte, dass Frauen mit Pseudonymen oder Codenamen weniger Verehrer anlockten. Warum er das glaubte, wusste er nicht, aber wenn es so war, spielte ihm diese Tatsache in die Karten. Das Profil wirkte zudem weder verzweifelt noch uninteressant oder verwahrlost. Es gefiel ihm zwar, aber auch nicht so sehr, dass er geradezu einen persönlichen Social-Media-Beauftragten in ihren Diensten vermutet hätte. Das Bild ließ viel Spielraum nach unten sowie nach oben, denn es neckte den Betrachter nur mit Andeutungen ihrer Grazie. Thore blickte auf eine kunstvoll inszenierte Silhouette in schwarz-weiß, er erkannte zierliche Gesichtskonturen und einen Mund, der geschlossen lächelte, er sah einen schmalen Hals und Haare, deren Spitzen auf der Schulter ruhten.
Völlig nüchtern schrieb er:
Hey, du gefällst mir! Ich freue mich über deine Antwort.
Es war ein langer Weg zu dieser spartanischen Schlichtheit. Pompös hatte er sein Experiment begonnen und seinen Postausgang verließen reihenweise Verse wie:
Hey, ich glaub du bist cool
Ich verbrenne 1000 Kilojoule
vor Freude, solltest du es ertragen,
wie ich poetisch versuche zu sagen,
dass es mich immens ehrte,
wenn eine Nachricht von dir wiederkehrte
Dann könnten wir in die Hände klatschen
und über das Leben quatschen
Mehr und mehr büßten die Texte im weiteren Verlauf an Verspieltheit ein und Thore fabrizierte auf dem Höhepunkt seiner Wut-Phase schmalzig ehrgeizige Botschaften wie etwa:
Hey, ich hab dich in der Gruppe 'Spontane Freizeitaktionen' gesehen. Dein Bild ist so schön schwelgerisch und - keine Ahnung, ob du nur so aussehen willst - irgendwas Vielschichtiges hast du auch!
Er hielt seine Anbandelungs-Texte wirklich für gut und die Tatsache, dass er mit diesen kreativen bis romantischen Ergüssen kein Herz erobern konnte, raubte ihm allmählich den Glauben an die Frauen. Diese Desillusionierung spiegelte sich auch in seinen immer bodenständiger werdenden Anschreiben wieder, bis diese schließlich von keinem unnötigen Nebensatz, Hilfsverb oder Adjektiv aufgebläht wurden. Was nun auf dem Bildschirm erschien, war die inhaltliche Essenz seines amourösen Anliegens. Der Mangel an Witz und Romantik machten ihn wehmütig, aber die Frauen hatten den Sinn für die Werthers dieser Welt verloren – so schien es. Es zählten nur noch Fakten; und der direkte Weg, war der Weg des Erfolgs, davon war er inzwischen überzeugt. Deshalb klickte er auf „Senden“. Thore seufzte und streckte seinen Körper - jetzt erst spürte er seine Müdigkeit. Er schlürfte ins Bad und machte sich an die abendliche Körperpflege. Als er Zähne putzend zum Schreibtisch zurückkehrte, leuchtete am Computerbildschirm eine neue Chatnachricht auf.
Hallo Thore, danke für deine Nachricht.
Erzähl mir von dir!
Die Bürste hing ihm tot aus dem Mund. Seine Stirn brannte plötzlich ganz fürchterlich. Er war überhaupt nicht auf eine Antwort vorbereitet. Was kam als nächstes? Sein Plan hatte bereits nach der Kontaktaufnahme geendet, stellte er fest. Musste er überhaupt reagieren? Sollte das Experiment nicht lediglich herausfinden, welche Antwortquote erzeugt werden konnte? Das Ergebnis hatte er nun. Ganz ohne Feuerwerk und Fanfare, Mittwochnacht um 22:45. Ohne das erwartete Hochgefühl der Erkenntnis endete sein Experiment wie und wo es begonnen hatte: Allein in seinem Zimmer. Das war der Moment, in dem er wieder aus seiner geistigen Umnachtung aufwachte. Nach einer Woche der sinnlosen Jagd auf eine Frage, mit deren Antwort er nichts weiter anfangen konnte, als davon zu erzählen, was er wiederum nicht tun wollte, denn wer erzählt schon von seinen Unternehmungen, wenn die Unternehmung Stalken lautet:
'Was hast du gemacht am Wochenende?'
'Ich war Online-Stalken'
'Ah, das klingt gut, hab ich schon lange nicht mehr gemacht!'
Wohl kaum... Also was tun jetzt? Mit der Antwort dieser Fremden. Dieser Di Na, die er angeschrieben hatte für Bestätigung. Bestätigung, welche ihn nun aber überforderte.
Wie für ihn üblich, versuchte er auch jetzt wieder der Realität zu entkommen. Der unerfahrene Praktiker in ihm wollte die Handlung vertagen, um seinem allwissenden Theoretiker genug Zeit zum Grübeln zu schenken. Der Praktiker kalkulierte, dass die Angelegenheit bald im Chaos des Theoretikers verloren ginge und jener so wieder seinem Alltag aus Abwarten und Nichtstun nachgehen konnte. Völlig überraschend meuterte der dienstmüde Theoretiker jedoch und befahl 'Schreib einfach zurück' und so blieb dem, von der Vehemenz des Kommandos eingeschüchterten Praktikers, nichts anderes übrig als 'zurückzuschreiben':
Danke für deine Antwort! Ich studiere Literaturwissenschaften und meine Hobbys sind: Sport, gutes Essen, Musik hören, Lesen, Filme schauen. Ich denke, ich bin direkt und ehrlich. Manchmal bin ich albern, aber meist doch recht zurückhaltend und ernst. Willst du mir was von dir erzählen?
Di Na antwortete innerhalb von 30 Sekunden und der Chat setzte sich über mehrere Minuten fort. Sie erzählte ihm, dass sie längere Zeit in Singapur gelebt, eine neue Herausforderung sie aber wieder nach Deutschland gezogen habe. Ihre gegenseitigen Antworten ließen nicht lange auf sich warten. Er erfuhr, dass sie neu in der Stadt war und noch nicht viele Leute kannte. Mit einer Freundschaftsanfrage lud sie ihn ein, ihr gesamtes Profil zu sehen, war aber enttäuscht, dass Thores Profil selbst im offenen Zustand wenige Informationen hergab. Ihre Nachrichten wirkten gebildet und bedacht, waren gelegentlich mit subtiler Ironie gefärbt und unterhielten Thore. Ausgebildet wurde sie als Innendesignerin doch ihre neue Herausforderung betraf Landschaftsarchitektur. Mehr wusste Thore nicht, als Di Na ihn fragte:
Wie alt bist du?
Thore antwortete wahrheitsgemäß und stellte sofort die Gegenfrage. Nachdem Di Na unter anderem mit der abgedroschenen Phrase „Frauen fragt man nicht nach dem Alter“ um den heißen Brei herum schrieb, wusste er, dass sie älter war als er. Thore spürte trotzdem erst die gesamte Enttäuschung in ihm hochsteigen, als sie seinen Gedanken bestätigte und ihm den Altersunterschied von zehn Jahren vorrechnete. Um Haltung zu bewahren, versicherte er, dass sie viel jünger aussehe als 35. Zur Bekräftigung seiner Aussagen fügte er ein Zitat Goethes hinzu:
„Keine Kunst ist's alt zu werden; es ist Kunst, es zu ertragen.“
Ob diese Bekräftigungen bei ihr gut oder schlecht ankamen, konnte er nicht mit Sicherheit beurteilen, auf jeden Fall blieb die erhoffte, anerkennende Antwort aus – sie lobte ihn nicht für seine Belesenheit – nein, nicht mit einem Wort. Stattdessen vertröstete sie ihn auf den nächsten Tag:
Ich muss früh aufstehen. Arbeit! Aber vielleicht chatten wir morgen? Gegen 20:00?
In einem Onlinechat zu lügen, ist entgegen der Fähigkeit zu Altern keine Kunst, das hätte bestimmt auch Goethe so gesehen: Man muss nur die falschen Aussagen eintippen, keine brüchige Stimme, kein Stottern, keine nervöse Geste, keine Mimik verraten einen. Und Thore fragte sich, ob vielleicht genau diese Tatsache, den Grund für die große Beliebtheit dieses Kommunikationskanals ausmachte. Denn bequem fand er es nicht gerade auf einen Bildschirm zu starren und seine Hände stundenlang über die Tastatur zu hetzen. Auch unter dem Gesichtspunkt der Effizienz war Telefonieren für ihn die bessere Lösung. Und das Kostenargument wollte er in Zeiten von Flatrate und Onlinetelefonie auch nicht mehr gelten lassen. Was war also der große Vorteil des Onlinechats? Für ihn wurde das in jenem Moment völlig klar: Man konnte lügen, ohne Verdacht zu wecken und gleichzeitig war es sehr einfach, die Lügen der anderen Menschen zu glauben. Chatten war vielleicht körperlich unbequem, doch psychisch war sein Komfort kaum zu überbieten. Hinter der Passivität der Textkommunikation konnte man sich immer verstecken, wenn es heikel wurde. Unangenehme Themen konnten umschifft, ernste Auseinandersetzungen vertagt werden, ohne die vorwurfsvolle Stimme des Gesprächspartners, ohne das traurige Gesicht des Gegenübers zu hören bzw. zu sehen. Im Internet waren auch diejenigen tapfer, die im echten Leben nur Angst kannten. Online Chats waren die Welt der illusorischen Harmonie, aber auch die des unterschwelligen Misstrauens.
Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Als er reagierte hatte Helena bereits ihren zierlichen Oberkörper durch den Spalt zwischen Tür und Rahmen geschoben. „Hey Roomie, ich hab gesehen, dass noch Licht brennt…“
„Was gibt’s?“ Thore schaute vom Schreibtisch auf, schob sich vor den Bildschirm und schloss hektisch den Facebook-Chat.
„Schreibst du was?“, wollte sie wissen und trat ins Zimmer.
„Ja“, presste er undeutlich an der Zahnbürste vorbei, die noch immer in seinem Mund hing.
„Was denn?“, fragte sie. Thore merkte, dass sie auf seinen Bildschirm schielte und klappte das Notebook zu.
„Musst ja einen ganz schönen Gedankenblitz gehabt haben, wenn du nicht mal Zeit zum Zähneputzen hast“, sagte sie, als Thore sich an ihr vorbei drückte. Dabei bemerkte er, dass sie nur Hot Pants trug und flüchtete sich ins Bad. Thore war sicher, dass sie einen Mann allein mit dem Zeigen ihrer Beinen zum Höhepunkt bringen konnte - er kannte keine wohl geformteren als ihre. Sie standen so gerade nebeneinander wie eine Römische II, zwischen den Knien bildete sich weder ein X noch ein O und egal, wann er sie sah, immer glänzten sie wie geschälte Erdnüsse. Er hatte geradezu den Eindruck, sie wolle ihn foltern, wenn sie vor ihm beinfrei herum lief, denn allein vom Anblick schnürte sich sein Hals zu wie... ja wie der eines Erdnussallergikers beim Verzehr von Erdnüssen...
„Darf ich's nicht lesen?“ Nun stand sie in der Badtüre. Thore schüttelte den Kopf und spuckte die Überreste seines Zahnpasta-Schaums aus. Helena ließ ihn nicht in Ruhe und als sie wieder in seinem Zimmer waren, hatte er sich endlich einen Vorwand ausgedacht. Er behauptete, er habe an seiner Hausarbeit für Professor Humbergs Seminar geschrieben und sein Erguss sei bislang so schlecht, dass er ihn unmöglich irgendjemandem zumuten könne.
„Worüber geht’s denn?“
„Um Kerle in Märchen“, antwortete er. Ihr fragender Blick spiegelte seine kommunikative Unlust wieder. Genau lautete sein Thema 'Geschlechterstereotypen in Märchen; König, verwunschener Prinz - wer passt noch in das moderne Männerbild?', doch jedes Wort folterte ihn in jenem Moment und übrigens brannte ihm beim bloßen Gedanken an die Hausarbeit die Brust, denn mehr als die Einleitung hatte er noch nicht aufs Papier gebracht.
„Um Kerle in Märchen?“
„Ja.“
„Was heißt das?“
„Keine Ahnung.“
„Ganz ruhig.“
„Ich bin ruhig.“
„Schon gut! Und wie viel musst du schreiben?“
„So viel wie nötig!“, äffte er die Stimme des Professors nach.
„Klingst ja fast genauso.“ Helena lächelte.
„Kennst du Professor Humberg?“
„Ne“
„Woher willst du dann wissen, ob ich fast genauso klinge?“
„Meine Güte, warum hast du denn so schlechte Laune?“ Auch ihre Stimme schärfte sich. Sie war eigentlich eine kluge junge Frau, doch ihre Naivität im Umgang mit Thore, wunderte ihn immer wieder. Sie schien sich ihrer Provokation wirklich nicht bewusst. Nur weil sie kein sexuelles Interesse an Thore hatte, bemerkte sie nicht das sexuelle Potential, das sie mit ihrer ungenierten Freizügigkeit kreierte. Sollte sie sich dessen doch bewusst gewesen sein, dann wäre sie die Adjutantin des Teufels gewesen, denn nur jemand aus dem Clan des Höllenfürsten hätte einen Menschen mit solch grausamem Hohn quälen können. Im Sekundentakt korrigierte sie den über ihre Schulter fallenden Spaghettiträger, der beim Sinken beträchtliche Gebiete ihrer Brust entblößte. Sie trug keinen BH, die fallenden Konturen ihrer Brust schimmerten ganz sachte durch den weißen Baumwollstoff. Und ihre Beine – ja, ihre Erdnuss-Beine glänzten über tänzelten baren Füßen in Thores Augenwinkeln. Es war tückisch.
„Bin nur müde.“ Sein Blick wich ihrem aus.
„Achso, dann lass ich dich gleich schlafen.“ Die Milde war in ihre Stimme zurückgekehrt. „Wollte nur fragen, ob du am Samstag auch mit ins Pestalozzi-Wohnheim kommst.“
„Wieso, was ist da?“
„Na, die Sozi-Party.“, sagte sie mit einem solchen Selbstverständnis, dass Thore sich einen sarkastischen Kommentar nicht verkneifen konnte. Sie redete munter auf ihn ein und versuchte es mit Argumenten, die den durchschnittlichen Studenten vielleicht von der Feier überzeugt hätten; das heißt mit so Dingen wie „Spaß“, „Saufen“, „neue Menschen kennenlernen“, „die Nacht zum Tag machen“, „Unistress ablassen“, „Das Studentenleben auskosten“; Argumente, die den Eigenbrötler Thore jedoch immer mehr abschreckten. Schließlich sagte er: „Ich habe keine Lust“
„Mann, du kannst doch nicht immer allein hier rumsitzen, am Wochenende. Du musst dich mal amüsieren!“
„Sich amüsieren heißt etymologisch: die Muße loswerden. Amüsement wäre also das Vergnügen der Plattköpfe“, belehrte er sie.
„Du elender Klugscheißer! Von wem ist das schon wieder?“
„Johann Gottfried Seume.“
„Was macht der?“
„Er ist tot?“
„Vielleicht solltest du zur Abwechslung mal die Ratschläge von lebendigen Menschen beherzigen. Zum Beispiel meine.“
„Ganz bestimmt!“
„Komm mit. Du hast eh nix vor!“
„Ich muss meinen Aufsatz schreiben.“
„Samstagnacht? Ausgerechnet Samstagnacht?“ Sie betrachtete ihn skeptisch. „Komm schon, mir zu Liebe!“
„Dir zu Liebe? Was bringt dir das denn, wenn ich mitgehe?“,
„Du gehst fast nie mit. Wäre doch mal schön. Komm schon, du musst doch auch mal Leute kennenlernen!“ Wie vermutet, konnte Helena selbst nicht begründen, inwiefern sie von seiner Teilnahme profitieren würde. Sie war einfach ein guter Mensch, hatte Mitleid und wollte ihm aus seinem Schneckenhaus helfen.
„Ich überleg's mir“, seufzte Thore.
„Ich weiß schon, was das heißt.“
„Danke, dass du trotzdem immer wieder fragst.“
„Spar dir die Ironie! Irgendwann frage ich nicht mehr und dann stehst du ohne mich da!“, sagte sie nicht ohne Ernst.
„Das klingt zu verlockend...“
„Na gut, ich lass dich jetzt in Ruhe.“ Ihre Stimme klang wärmer und weicher, als Thore sie verdient hatte, nach seiner Aussage. Sie hatte ein gutes Ohr für die menschlichen Zwischentöne und kannte Thore als ein Wesen mit ausgeprägtem Defensivmechanismus. Auf keinen Fall war sie nachtragend und er wusste, dass sie an einem anderen Tag einen neuen Rettungsversuch wagen würde. Sie wünschte ihm eine gute Nacht, schloss die Tür und sein Hass auf sie begann sich auszubreiten. Ja, leider er hasste sie immer, wenn sie ihn bemitleidete. Wie kann man die Menschen, die einen bemitleiden denn nicht hassen? Es bedarf schon einer nicht unerheblichen Arroganz, Personen, die nicht schwere Schicksalsschläge erlitten haben oder in lebensbedrohlichen Verhältnissen leben, zu bemitleiden. Seine Einsamkeit war frei gewählt. Manchmal liebte er die Einsamkeit geradezu. An manchen Tagen liebte er sie so sehr, dass er ihr Frühstück ans Bett brachte und mit ihr den ganzen Tag darin verweilte. Helena dagegen war ein Mensch, der sich keine zwei Stunden allein beschäftigen konnte. Helena hasste die Einsamkeit. Helena hasste die Einsamkeit wahrscheinlich noch mehr, als Thore Helenas Mitleid hasste. Doch wenn er so darüber nachdachte, spürte auch er Mitleid für Helena und zwar dafür, dass sie die Einsamkeit so sehr hasste; doch sie wusste nicht, dass er sie dafür bemitleidete und er wusste nicht, ob falls ihr sein Mitleid aufgefallen wäre, sie auch ihn gehasst hätte. Auf jeden Fall glaubte er, dass die größte Angst in Helenas Leben die Einsamkeit sein musste. Sie verbrachte so wenig Zeit allein, dass sie sich nur durch den Spiegel der Menschen um sie herum kannte. Sie schien niemals mittel- oder langfristige Interessen zu entwickeln. Hin und wieder versuchte sie das Interesse eines Freundes oder einer Freundin zu kopieren, wandte sich aber wieder davon ab, bevor es ihr eigenes Interesse werden konnte.
Wo sie eine erstaunliche Beharrlichkeit bewies, war in der Liebe und allem, was damit zu tun hatte. Sie war eigentlich immer in einer Beziehung gewesen, zwar nie beachtlich lange in der gleichen, doch die Pausen zwischen den verschiedenen waren konsequent kurz. In der letzten Pause dieser Art – vor etwa einem halben Jahr – hatte sie Thore von ihrer Vergangenheit erzählt und angekündigt, die gleichen Fehler zukünftig zu vermeiden, Zeit für sich zu nehmen und so weiter und so fort. Ironischerweise war sie nur eine Woche nach jenem Gespräch mit ihrem aktuellen Freund zusammengekommen. Sie hatte keine Wahl, das wurde Thore damals klar, denn sie liebte Sex – wie sie sagte – befolgte dabei aber strikt ihr Cardinals-Prinzip, sich auf keine Affären oder One Night Stands einzulassen. Kerle mit denen sie erstmals schlief, waren daraufhin auch immer für mindestens drei Monate mit ihr zusammen, denn ab drei Monaten klassifizierte sie romantische Tête-à-Têtes als Beziehungen und in diesen mindestens drei Monaten liebte sie mit all ihrem Herzblut, aller Leidenschaft und ihrer ganzen Seele. Warum die Beziehungen letztlich doch selten vier Jahreszeiten überlebten, darüber konnte er nur mutmaßen, denn Helena selbst war außerstande ihm eine Antwort darauf zu geben. Es mochte sein, dass ihr jeweiliger Freund von der Intensität, die Helena in die Beziehung einbrachte, erdrückt wurde und wenn auch nicht Schluss machte, so doch emotional zurückzog. Es war auch möglich, dass Helena ihr goldenes Prinzip zum Verhängnis wurde. Schließlich verdammte dieser Grundsatz sie dazu, jeden Kerl, den sie in einer Phase der Lust begehrte, dauerhaft in ihr Leben zu integrieren, sofern sie ihrer Begierde nur einmal nachgab. Vielleicht blieb, wenn das anfängliche Feuer der körperlichen Anziehung erstmals erloschen war, nichts übrig, was die Basis einer Beziehung bildete. Eine dritte Theorie Thores war ganz schlicht: Helena liebte die Schwerelosigkeit der frühen Verliebtheit, hasste aber die Bodenständigkeit der dauerhaften Liebe.
Was es auch war, das Leben, das Helena führte, unterschied sich fundamental von Thores, er bezweifelte aber, dass weder ihres noch seines erfüllter war. Nachdem er bereits zwei Stunden schlaflos im Bett gelegen war, ärgerte er sich noch immer über ihre Überheblichkeit und die Absicht, ihm ihre Lebensphilosophie aufzudrücken.
Donnerstag
Ein mechanisches Krächzen schnitt für einen Moment das Surren der Computerlüftung ab und riss Thore aus seinem Gedankenkreisel. Er blickte um sich und erinnerte sich, dass er in seinem Bürostuhl fläzte, dessen billiges Kunstleder seinen Rücken im Hochsommer zum Schwitzen brachte. Der modernste Gegenstand (ein 17-Zoll-Flachbildschirm) in seiner lieblosen Zelle aus Sperrholz und Plastik zeigte ihm eine grafisch hochaufgelöste Tabelle mit Adressen, deren Bearbeitung Thore vor einer Stunde begonnen, jedoch bis zur Perversion herausgetrödelt hatte. Frau Maler jenseits des Raumtrenners, der eigentlich eine Moderationspinnwand war, trottete zum Eingang. Jetzt erst begriff er, dass es die Türglocke war, die seine Gedanken störte. Gedanken, welche sich, mehr als ihm lieb war, um Helenas Worte drehten, vor allem aber von seiner Internetbekanntschaft Di Na handelten. Welche Absichten hatte Di Na, welche Absichten hatte er selbst? Welche Chancen? Wie sollte er sie heute anschreiben, wie sollte er mit ihrem Alter, mit ihren eventuellen Avancen umgehen? Was sollte er antworten, wenn sie wissen wollte, warum er sie angeschrieben hatte? In ihm lebte auch der Drang, Helena verschiedene Dinge zu beweisen: Dass er durchaus etwas erlebte; dass er durchaus neue Leute kennenlernen konnte; und dass er dafür ihre Hilfe gar nicht brauchte. Wie kam sie überhaupt auf diese dumme Idee? Wäre er ehrlich zu sich selbst gewesen, hätte er gemerkt, dass nur Helenas Sticheleien ihn zu einem Treffen mit Di Na motivierten.
Vom Flur hörte er das Klacken von Schuhabsätzen. Aus dem Stimmengewirr erkannte er nur die von Frau Maler wieder. Er befürchtete hohen Besuch, weshalb er sich aufsetzte, um wenigstens fleißig zu wirken, wäre jemand in sein Kabuff gekommen. Die Lehne des Stuhls schnellte dabei wie ein Katapult nach vorne und verursachte ein unüberhörbares Scheppern.
„Nanu! Wos wor'n des??“, fragte eine ältere Damenstimme, die fast genauso schepperte wie der Stuhl.
„Unser Student ist aufgewacht“, scherzte Frau Maler und achtete bei der Wahl ihrer Lautstärke darauf, dass sie von Thore gehört wurde. Nach dem Schnattern, das auf den Kommentar folgte, war Thore sicher, dass auf der anderen Seite der Pinnwand nur Frauen standen. Weil er aber auch ein junges und verheißungsvolles Lachen heraushörte, rollte Thore mit seinem unruhestiftenden Stuhl ein Stück nach hinten und spähte unter der Pinnwand hindurch. Auf der anderen Seite sah er zwei Stampfer in zu engen Blue-Jeans, welche er ohne hellseherische Fähigkeiten Frau Maler zuordnen konnte. Die beiden anderen Beinpaare wurden von Nylon-Strumpfhosen umhüllt und verschwanden jeweils in zwei schwarzglänzenden Business-Pumps. Er war sich sicher, dass die hautfarbene, schlankere Version zu dem jungen Lachen und die dunkle, gröbere zu der Schepperstimme gehörte. Das dunkel verschleierte Beinpaar vergrößerte sich und entzog sich schließlich ganz seiner Perspektive. Thore schnellte aus seiner Spähposition hoch und blickte einem spöttischen Gesicht entgegen.
„Aha. Da ham ma ja den Randalierer.“ Er hatte sich nicht getäuscht: Die Frau mit den dunklen Strümpfen schepperte und bot ihm die rechte, mit altbackenen Glassteinringen verunstaltete, Hand entgegen. „Servus, Herr Einfalt, endlich treffan mia uns au moi!“
„Hallo“, gab er zurück, nicht ohne Dankbarkeit, dass sie die Peinlichkeit, bei der sie ihn ertappt hatte, unerwähnt ließ.
„Mir überweisan ihnan jeden Monat ihr Geld. Do solltans scho wissan wer mir san.“ Dass er augenscheinlich nicht wusste, wen er vor sich hatte, ließ sie also nicht unkommentiert. „Veronika Prachl, mein Name!“
„Entschuldigung, aber bei mir hält sich's ja einigermaßen in Grenzen mit dem Geld“, antwortete Thore.
Amüsiert von seiner Schlagfertigkeit, zeigte sie den andern hinter der Pinnwand, die sich offenbar nichts zu sagen hatten und mitlauschten, ein anerkennendes Kopfnicken.
„Dann mißants eben a bissl öfter arbeitan. Ned bloß amoi in der Woch. A Leben wia die Studenten megat i au gern hom.“ Wieder wandte sie sich an die anderen, diesmal anscheinend in der Hoffnung, selbst irgendeine anerkennende Geste abzukriegen. Nachdem offenbar niemand darauf eingestiegen war und auch Thore sich nicht sehr gesprächig zeigte, stellte ihm Veronika Prachl die junge Dame in den hautfarbenen Strumpfhosen als Frau Fardella vor. Vom ersten Moment, als er in ihre dunklen Augen blickte, fing er das Träumen an. Hätte er eine sizilianische Schönheit skizzieren sollen, wäre sie das Ergebnis gewesen. Während Frau Prachl ihn über Frau Fardellas Aufgabenbereich oder was auch immer unterrichtete, stellte er sich vor, wie er sich mit der seltenen Schönheit im beigen Strand suhlte, wie sich der Sand auf ihrem feinen Armflaum festhielt, wie ihre Haare moorig in der Mittelmeersonne glänzten und wie ein Duftcocktail aus Meeresbrise, Sommerschweiß und Sunblocker in seine Nase stieg.
Mit einem energischen „Herr Einfalt!“ wurde er wieder zurück in sein schäbiges Kämmerchen geholt. „Haben Sie mich verstanden?“ Frau Prachl sprach jetzt Hochdeutsch mit ihm. Offensichtlich wurde sein Blick während ihrer Ausführungen so dumm, dass sie eine preußisch-bayerische Sprachbarriere zwischen ihnen vermutete.
„Ja, alles klar!“, log er.
„Dann stell ich die Frau Fardella mal bei Ihnen ab. Dann können sie ihr schnell das Nötigste zeigen.“
„Okay, gerne!“, sagte er, hatte aber nicht die geringste Ahnung, was er ihr zeigen sollte. Frau Prachl war bereits nach nebenan gegangen und schon durchdrang ihr bayerisches Scheppern wieder das Büro.
Als die Alte noch bei ihm stand, fühlte er sich sicherer. Nun war er mit der Schönheit allein, wodurch er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit genoss und das barg die Gefahr, seine Schwärmerei für sie preiszugeben. Mit hilflosem Lächeln bot er ihr die einzige weitere Sitzgelegenheit an. Bedacht ihre Beine nicht zu öffnen, nahm sie Platz, schien der Karikatur eines Hockers aber nicht zu trauen. Vielleicht ließ sie sich auch von Thores Unsicherheit anstecken, auf alle Fälle saß sie wie auf Eierschalen neben ihm und wartete.
„Was soll ich dir...“ Er stockte. „Ich darf doch ‚Du‘ sagen?“
„Klar!“
„Ich bin Thore!“
„Olivia!“
„Also... Was soll ich dir eigentlich zeigen?“ beendete er seine Frage.
„Deine Projekte, meinte Frau Prachl.“
„Ich glaube nicht, dass ich Projekte hab“, stammelte er, worauf ihr ein Schmunzeln über das Gesicht huschte.
„Ein bisschen peinlich... Ich weiß schon. Bin ein Chaot und warte hier nur, bis die Zeit vergeht.“
Diesmal schien sie aus purer Höflichkeit zu lächeln, während sie an ihm vorbei schaute.
„Olivia Fardella!“ Er wollte ihren Namen durch den Raum klingen lassen, doch ein Kloß der Verlegenheit machte ihn zum Nuschler.
„Wie bitte?“, sagte sie.
„Äh, Olivia Fard... Ich meine... Hab nur deinen Namen gesagt.“
„Wieso?“
„Klingt gut, find ich“, stotterte er weiter.
„Danke!“ Sie stiftete noch ein gnädiges Lächeln.
„So italienisch.“
„Ja.“ Sie überlegte kurz und korrigierte: „Sizilianisch, um genau zu sein.“
Er kicherte, worauf sie ihn betrachtete, wie man einen Schwachsinnigen betrachtet. Natürlich wusste sie nicht, dass er vorhin noch von ihr als sizilianische Schönheit fantasierte. Nicht als Erklärung, sondern weil ihm nichts Besseres einfiel, sagte er: „Einfalt ist deutsch - voll langweilig.“
„Aha“
„Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem“, flüsterte er.
„Was?“ fragte sie sichtlich genervt von seinen undeutlichen Aussagen.
„Äh... Das war Goethe“, antwortete er mit schüchternem Lächeln, doch auch sie ließ sich, genauso wie seine Online-Bekanntschaft gestern, nicht von seinen 'distinguierten' Worten beeindrucken und forderte ihn, anders als er erwartet hatte, nicht auf, das Zitat zu wiederholen.
Weil er die Unnatürlichkeit ihres Smalltalks nicht mehr ertrug, bat er sie, den Prachl-Vortrag noch einmal zusammenzufassen. „Ich war abwesend“, begründete er. Mit dem Engagement höflicher Lustlosigkeit tat sie ihm den Gefallen: Sie, also Olivia, arbeitete seit wenigen Wochen bei Censoris, dem Dienstleistungsunternehmen, das unter anderem für Thores Arbeitgeber, Publica Werbedienste, die Buchhaltung führte; sie war mit Frau Prachl, der Geschäftsführerin, vorbei gekommen, um sich als neue Ansprechpartnerin vorzustellen.
