Die Narben unter den Masken - Markus Mayer - E-Book

Die Narben unter den Masken E-Book

Markus Mayer

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Beschreibung

Die meisten Menschen kennen nur die Maske, die wir der Welt präsentieren. So verbergen wir unsere alten Wunden und schützen uns davor, neue zu erleiden. Hin und wieder bröckelt diese Maske. So auch bei Leo und Linda, als sie sich nach einigen Jahren wiedertreffen.

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Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Die Narben unter den Masken

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Narben unter den Masken

Impressum neobooks

Die Narben unter den Masken

Vor zwei Jahren hatte er festgestellt, dass Partys Zeitverschwendung waren. Damals war er das letzte Mal auf einer gewesen.

Er hatte es dort gehasst und er vermutete, dass er dieses Gefühl auch auf dieser Feier spüren würde. Er hasste Smalltalk. Gleichzeitig hasste er aber auch Stille, die sich ausbreitete, weil auch viele andere dieses leidige Palaver hassten. Er hasste seine eigene Unlust, den Smalltalk in Gang zu bringen. Er hasste auch Sentimentalitäten, die geäußert wurden, sobald der Alkoholpegel der Anwesenden stieg. Und der stieg schnell, denn keiner genoss die spröde Atmosphäre einer nüchternen Party. Kaum einer dieser 20- bis 25-Jährigen verfügte über Strategien, die ein Überleben in sozialen Situationen ohne Alkohol und gleichzeitig ohne Schamgefühl möglich machten.

'Ihr wisst, dass jeder der anderen theoretisch euer Facebook-Profil kennen könnte‘, schimpfte er in seinem Kopf. ‚Wahrscheinlich geht ihr sogar davon aus! Denn was könnte für die anderen schon wichtiger sein, als euer Scheiß-Facebook-Profil? Idioten!. Dann habt ihr Angst, jemand könnte euch ertappen, wenn ihr was sagt, das so nicht in eurem Profil steht! Trottel.'

Mit sich selbst redete Leonhard Kühlenbach ganz gern. Dann machte alles Sinn. Ganz anders, als sonst, wenn er mit anderen Menschen redete, zum Beispiel im Rahmen einer Party. Allein wie das schon klang – Party! 'Das Konzept gibt es schon ewig, doch einen anderen Begriff dafür habt ihr nicht gefunden? PARTY – wie ein scheiß Kinderspiel klingt das... oder wie eine Verniedlichung für irgendwas Ekliges, zum Beispiel nen Pickel oder nen eitrigen Fußnagel.'

Obwohl er also alles an Partys hasste, war er jetzt auf einer. Eine Herausforderung zwang ihn dazu. Seit jeher war das eine Schwäche von Leo. Seit jeher nannte ihn jeder so – nicht seine Freunde, denn Freundschaft war ein Luxus, den er sich nicht leisten konnte – einfach jeder nannte ihn so. Teddy war auch kein Freund, doch dessen Idiotie hatte tatsächlich dazu geführt, dass Leo nun Teil dieser gespielten Lustigkeit war.

Die Party fand auf dem Innenhof der großen Wirtschaftsfakultät statt und die schönen Aspekte, die man ja durchaus auch hervorheben kann, waren die frische Luft und die letzten Spuren des Abendrots, die den Horizont schmückten. Beides hätte man in einem Etablissement mit vier Wänden wahrscheinlich verpasst. Die Versorgungsstände säumten den noch etwas dünn besiedelten Tanzbereich. Dieser lag unterhalb der Bar, an der Leo jetzt lehnte. Die meisten Studenten scharten sich – wie Leo selbst - am Rand der Tanzfläche. In seiner Hand hielt er ein Glas mit stillem Mineralwasser, während sein Ellbogen an der Theke auflehnte und seine Augen das Treiben beobachteten. Er nahm an den Frauen unterschiedliche Modestile, Körperproportionen und Haarfarben wahr, konnte aber gar nicht sagen, welche Kombinationen er bevorzugte. Viele hatten ihre Reize, keine weckte jedoch sein Interesse. Wie auch? Sie waren Teil einer Welt, mit der er nichts zu tun haben wollte.

Es war kurz nach zehn Uhr. Er beobachtete das ein oder andere Mädchen, das nicht mehr fähig war, ihre Begierde gegenüber ihrem jeweiligen Objekt der Begierde zu verbergen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis auch die Kerle ihre verwehrten Herzensdamen anschmachteten. In der Regel vertrugen die Männer einfach mehr Alkohol als die Frauen, was der Grund für die zeitliche Verzögerung war. Es ekelte ihn, dass die Persönlichkeit von Menschen so sehr vom Konsum irgendwelcher Substanzen abhing. In Leos Augen war Abhängigkeit die größte Sünde: 'Scheiß auf Hochmut, Neid, Mord, Ketzerei – Abhängigkeit ist wirklich erbärmlich!'

Dunkle Gedanken hatten Leos Kopf also eingenommen und das schon nach einer Viertelstunde am Tresen. Die Eindrücke drohten ihn mit Anstieg des Energielevels auf der Party immer mehr zu überwältigen. Für ihn war es keine positive Energie, sondern eine Energie des Durchschnitts, der Weichheit, der Schwäche, der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung und damit der Krankheit oder wie manch prätentiöse Kapazität sagen würde; der Dekadenz. Die Epidemie seiner Generation war die Bedeutungs- und Ziellosigkeit. Das geistige Junk-Food, welches konsumiert wurde, stand dem Fraß an den beiden Imbissbuden der Party-Location in Sachen Gesundheitsschädlichkeit in nichts nach. Er durfte sich nicht anstecken lassen, sein Kopf musste völlig unabhängig davon bleiben, durfte keine Pro- und keine Kontraeinstellung dazu entwickeln. „Nur beobachten, nicht beurteilen, nur beobachten!“, ermahnte er sich und warf einen Blick auf Teddy, der nicht weit von ihm entfernt stand.

Ihm fiel auf, wie Teddy immer wieder auf ein bestimmtes Mädchen schielte. Sie stand auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofs, dort saß sie an einer der Bänke vor der Pilsbar. Das musste sie sein! Die Frau, die in Teddys Augen am Schönsten war. Diese Frau musste Leo aufreißen. Das war seine Herausforderung, die wenn er sie meisterte Teddy zeigte, was für ein elender Idiot dieser war.

Leo kippte sein Wasser herunter, löste sich vom Tresen und bevor er die Stufen hinunter ging, gab er Teddy einen triumphierenden Klapps auf die Schulter. Dieser schaute ihn zunächst etwas irritiert an, bis sich sein Gesicht aufhellte – er hatte verstanden.

Im spärlich besiedelten Tanzbereich angekommen, etwa zehn Meter von der Auserwählten entfernt, verlangsamte Leo seinen Gang. Er entspannte sein Gesicht, steckte alle Finger seiner linken Hand – außer den Daumen – in die Hosentasche seiner dunklen, gerade geschnittenen Jeans und ließ den rechten Arm leicht neben seiner Hüfte vor und zurück schwingen. Von nun an konzentrierte er sich ganz genau auf seine eigene Körpersprache. Darauf, dass er sich nicht an die Nase fasste, an seinem schwarzen Hemd herumzupfte oder beide Hände in die Taschen vergrub. Sein Rücken war gerade wie ein Lineal, seine Schultern locker wie Quarkteig. Er wusste, dass sein Dreitagebart sehr gepflegt und seine Haare nicht zu sehr gepflegt aussahen. Einen Blick warf er noch auf seine Schuhe und er war zufrieden, als er keinen Fleck darauf entdeckte. Das war‘s – ab sofort würde er seine eigene Erscheinung nicht mehr prüfen dürfen. Jetzt galt es, seine Augen nach vorne zu richten.

Zusammen mit einem anderen durchschnittlich attraktiven Mädchen saß die Auserwählte auf einer Bank. Die beiden unterhielten sich. Das gewellte blonde Haar der Schönheit hüpfte ganz sachte auf und ab, wenn sie lachte und nickte. Leo hörte schon einige Fetzen ihres gemeinsamen Schnatterns. 'Das nenn‘ ich mal eine Herausforderung – mitten in ein Gespräch reinplatzen!' Er zwang sich aber trotzdem, ohne Zögern weiterzugehen. Plötzlich stand die weniger Schöne auf und ließ die Schönheit allein zurück. Glück für Leo!

Im 3-Meter-Radius der Schönen war er jetzt die einzige Person. Ihr Ausdruck nahm etwas Melancholisches an. Doch nur für einen Moment - sofort war sie auf der Hut, denn sie merkte wie er zielstrebig auf sie zu steuerte. Sie erwartete ihn, doch nur kurz schaute sie ihn an, gleich drehte sie sich weg. Doch diese Sekunde reichte Leo, um innerlich zusammen zu zucken. Das Blau ihrer Augen war so hell... Es erinnerte ihn an die Eisbonbons, die er als Kind solange gegessen hatte, bis ihm der Gaumen aufgeschürft war.

Nach außen drang sein Zucken nicht, keine einfache Aufgabe, aber er meisterte sie. Als sie wieder nach oben schaute, wartete seine Backe schon mit einem friedlichen Grübchen auf sie.

„Du hast doch nichts dagegen?“ Er deutete auf den Platz neben ihr.

Ihr Ausdruck hatte sich verschüchtert, denn seine roboterhafte Selbstverständlichkeit musste ihr wie ein Flutlicht entgegen strahlen. Zu intensiv, zu direkt. Ohne auf Ihre Antwort zu warten, setzte er sich. Mit seinem linken Ellbogen auf der Rücklehne und seiner rechten Hand auf seinem Oberschenkel saß er neben ihr. Mit seinen Augen wanderte er ihr Gesicht ab: Von der linken Augenbraue zur rechten, vom rechten Auge zum linken, von der Nase zum Mund, zum Kinn, über die Wangenknochen wieder nach oben. Wie oft hatte er diesen Blick in den letzten zwei Wochen geübt? Zuerst stundenlang vor dem Spiegel und dann, als er ihn völlig zuverlässig abrufen konnte, in jeder Alltagsinteraktion mit beliebigen Frauen: Egal ob er Brokkoli auf dem Wochenmarkt kaufte, sich von der alten Haustratsche im Treppenhaus Geschichten von früher anhören musste, oder der Uni-Professorin Fragen zur Hausarbeit stellte, immer ging er seine Blick-Routine durch.

Er hatte festgestellt, dass er manche Frauen sofort, andere erst nach dem Durchdringen einer Phase der Skepsis bezirzen konnte. Völlig überrascht war er über die Tatsache, dass selbst Kommilitoninnen, die er die vergangenen drei Jahre komplett ignoriert hatte, schnell auf diese in einem Blick gebündelte Aufmerksamkeit ansprangen. Er war eigentlich davon ausgegangen, dass speziell diese Frauen abgeschreckt sein würden, weil sie ja zwangsläufig irgendein doppeltes Spiel vermuten mussten. Aber offenbar ist jeder Mensch geschmeichelt, wenn sich ein Misanthrop ausgerechnet für sie interessiert. So fühlt man sich wie etwas Besonderes.

„Süße Grübchen!“, sprach er sie an.

„Woher willst du das wissen?“, antwortete sie trocken.

„Ich meinte meine.“ Er lächelte und ließ seine Grübchen tanzen.

„Was Besseres fällt dir nicht ein?“ Sie verzog das Gesicht.

„Hat doch gereicht. Du lachst!“

„Ich... Was?“

„Gute Selbstbeherrschung! Einem Ungeübten wäre entgangen...“

„... was willst du?“, unterbrach sie ihn, doch er ignorierte ihre Unhöflichkeit und fuhr fort: „Du würdest gerne lachen, aber dann könnte ich glauben, dass du mich magst. Was natürlich gefährlich wäre, für eine attraktive Frau wie dich. Wer möchte schon falsche Signale senden?“

„Du bist wohl der große Hobbypsychologe auf der Feier. Muss es ja schließlich immer einen geben!“

Er lächelte. Zwei Sekunden Pause, dann wurde die Unterhaltung von ihr fortgeführt: „Was willst du?“

„Ich will, dass du mich magst!“

Sie prustete los. „Was bist n du für ein Freak?“

„Deine Kälte ist nur aufgesetzt. Das merke ich!“

„Meine... Oh mein Gott. Was?“ Sie hob die Hand, setzte sich gerader hin und schüttelte den Kopf. Dabei lächelte sie.

„Wärst du nicht liebenswert, könntest du dir deine kalte Fassade sparen, schließlich würden Leute, mit denen du nichts zu tun haben willst, dich ganz ohne dein Zutun in Ruhe lassen. Doch du hast gelernt, dass wenn du zu früh deinen eigentlich warmherzigen Charakter zeigst, die Leute zu vertrauensselig werden und dich dann nicht mehr in Ruhe lassen. Falsche Signale – viele Typen sind anfällig dafür. Und deshalb – damit du die nicht versehentlich aussendest, bist du zu Fremden erstmal kalt.“

„Ich korrigiere: Nicht Hobbypsychologe sondern Hellseher in der Ausbildung, was?“

„Keine Ausbildung, ist meine natürliche Gabe. Deshalb bin ich ja so gut!“, erwiderte Leo.

„Einbildung ist auch ‘ne Bildung!“

„Echt?“ Leo schaute sie mitleidig an. „Was Besseres fällt dir nicht ein?“

„Hat doch gereicht. Du lachst!“ Zum ersten Mal schaute sie ihn richtig an.

„Das stimmt... Dann bleib‘ ich jetzt hier, damit du nicht so alleine bist!“

„Wie kommst du darauf, dass ich allein bin.“

„Es traut sich ja eh kein Mann, dich anzusprechen.“

„Ist mir auch... Ich...“ Sie überlegte kurz und sagte mit etwas größerer Ruhe in der Stimme: „Warum sollten sich die Männer nicht trauen?“

„Mmmhhh... Wie erkläre ich das am besten?“, murmelte er affektiert vor sich hin und beobachtete, wie sich ihre Pupillen erweiterten. „Das liegt am sogenannten Aktæonkomplex.“

„An was?“

„A – K – T – so eine Mischung aus A und E das die Dänen gerne benutzen – O – N – Komplex.

„Hast du gerade etwas buchstabiert? Oder was war das?“

„So schlagfertig!“

„Ich frag nur, weil ich nicht weiß, wie mir die korrekte Rechtschreibung des Wortes hilft, das Wort zu verstehen.“

„Im Ernst! Ich liebe deine schroffe Schlagfertigkeit. Eine Stunde mit dir und ich fühl mich so elend, dass es danach nur noch besser werden kann!“, erwiderte er und sie lachte.

„Also, was soll das komische dänische Wort bedeuten?“

„Angst vor übermenschlicher Schönheit...“ Als er das aussprach grinste er so breit, wie nie zuvor, seit er neben ihr saß.

Sie überlegte kurz. „Schleimer! Das hast du dir ausgedacht.“

„Ich glaube, das hat sich David Foster Wallace ausgedacht.“

„David Foster Wallace? Ich liebe David Foster Wallace!“ Mit beiden Händen schnappte sie nach seinen Unterarmen, ließ aber in der nächsten Sekunde wieder los.

„Na na, nur keine falschen Signale senden.“ zog er sie auf und seinen Arm demonstrativ von ihr weg. „Aber David Foster Wallace ist auf jeden Fall mein absoluter Lieblingsschriftsteller!“, fuhr er nahtlos fort und endete mit: „Es gibt so wenige, die ihn überhaupt kennen!“

Was sie nicht wusste: Er zählte nicht dazu. Nicht ein Buch des Autors hatte er gelesen. Das Wort kannte er nur von einem ehemaligen Schulkollegen, der großer Fan des Autors war und ihn vor einigen Jahren immer wieder mit Berichten zum Buch „Unendlicher Spaß“ gelangweilt hatte.

„Oh mein Gott!“, antwortete Sie. „Studierst du auch Literaturwissenschaften? Hab dich noch nie gesehen.“

„Nein, tu ich nicht, aber jetzt weiß ich was du studierst.“

Sie wartete einige Sekunden, kicherte und sagte schließlich: „Uuuund?“

„Und was?“

„Was studierst du?“

„Rate mal!“

„Echt jetzt?“

„Na, wie langweilig ist es denn, wenn ich dir das jetzt einfach so sage?“

„Ich hab's dir doch auch einfach so gesagt!“

„Selbst Schuld!“

„Na gut, ich rate“, seufzte sie.

„Politik? Du redest viel.“

„Nein.“

„Mmmhhh... Jura? Du redest viel.“ Wieder kicherte sie und Leo schüttelte ganz langsam den Kopf. „Noch einmal darfst du“, erklärte er. Vielleicht solltest du ein bisschen weggehen von diesem... Rededing... und dich stattdessen mehr auf das Physische konzentrieren. Dabei deutete er auf seinen Körper.

„Ahhh!“ Sie riss die Augen auf. „Ne oder... Echt? Sport?“

Und als Leo nickte, sagte sie: „Oh Gott!“

„Ich weiß, ist ziemlich geil“, spottete er.

„Ihr Sportler seid doch alle gleich!“

„Nein, das glaub ich nicht. Schau mal der Typ dahinten.“ Leo deutete mit einer Kopfbewegung auf den Studentenpulk, der sich auf der Anhöhe gebildet hatte. Es war kein Zufall, dass Teddy darunter war. „Der da...“ Leo rückte ein gutes Stück näher an sie heran, berührte sie ganz sanft an der Schulter und deutete mit der anderen Hand grob in Teddys Richtung.

„Den großen meinst du?“

Leo wusste nicht, wen sie meinte – alle waren ungefähr gleich groß, doch er sagte: „Ja genau, der studiert auch Sport!“

„Ja... Und?“

„Der hat einen ganz breiten fränkischen Dialekt, mag gefüllte Paprika und schaut jede Folge von CSI-Miami.“

„Ach komm...“ Sie schlug ihn mit der offenen Hand auf den Oberarm. „Damit willst du jetzt belegen, dass ihr nicht alle gleich seid.“ Sie lachte verhalten.

„Du bist klug!“

„Du anscheinend nicht so.“ Diesmal strich sie ihm liebevoll über den Arm. „Sportler eben.“

„Ich wusste ja, du bist ein liebes Mädchen“, scherzte er. „So zärtlich hat mich noch nie jemand berührt.“

„Oh, das ist traurig.“

„Nicht wahr?“

„Kannst du auch was Vernünftiges sagen?“„Stell mir ‘ne vernünftige Frage!“, erwiderte er.

„In welchem DFW-Buch hast du von diesem Komplex – wie auch immer er heißt – gelesen?“

„Unendlicher Spaß. Willst du mich testen?“

„Nein, ich wundere mich nur...“

„Und weshalb?“

„Hast du es zu Ende gelesen?“

„Warum wunderst du dich?“

„Ich wundere mich nur dann, wenn du es zu Ende gelesen hast.“

„Ich hab's zu Ende gelesen.“

„Dann wundere ich mich.“

„Hast du schon gesagt. Aber warum du dich wunderst, hast du mir noch nicht gesagt.“

„Nicht viele lesen es zu Ende.“

„Hast du es zu Ende gelesen?“

„Ich bin gerade dabei.“

„Wie weit bist du?“

„400 ungefähr.“

„Aber du erinnerst dich nicht an den 'Aktæonkomplex'?“

„Nein! Kam das schon?“

„Bei 400 bist du? Dann kam es bestimmt schon.“

„Ob es den Begriff wirklich gibt?“

„Ich nehme an, er hat ihn erfunden beziehungsweise abgeleitet. Von der griechischen Mythengestalt.“

„Von welcher?“

„Aktaion, der die unglaublich schöne Diana beim Baden erwischt, in einen Hirsch verwandelt und von den Hunden gefressen wird. Natürlich haben Männer seitdem Angst, sich schönen Frauen zu nähern. Wer will schon als Hundefutter enden?“

„Was du alles weißt“, zog sie ihn auf. „Ein gebildeter Athlet.“

„Du kriegst dein Vorurteil nicht aus dem Kopf, oder? Als ich dich das erste Mal gesehen habe, hätte ich dir solch eine Ignoranz gar nicht zugetraut.“

„Ignoranz sagst du? Ich nenne es Erfahrungswerte.“

„Ich bleib bei Ignoranz. Oder wie viele Sportis kennst du schon? Zwei, drei?“

„Genug! Und keiner davon verfügte über naja... besonders viel Tiefgang.“

„Ich erklär dir jetzt mal was.“ Er legte seinen Arm um ihre Schultern

„Uuuh... Jetzt kommt's.“

„Also pass auf: Körper und Geist, ja?“ Wie ein Oberschullehrer schaute er sie an, doch er spielte seine Rolle übertrieben aufgesetzt, dass sie darüber schmunzelte. „Diese zwei Dinge arbeiten zusammen, wie die Pflanzen und die Tiere. Ohne das eine, gibt es das andere nicht. Der klügste Kopf kann sein Potential niemals ausschöpfen, wenn sein Körper krank und schwach ist.“

„Ich geh dreimal in der Woche joggen.“

„Super!“ Er tätschelte ihren Rücken und zog seine Hand anschließend wieder zurück. „Naja, ich schätze mal, du hast einfach nie den richtigen Sportler getroffen. Die meisten, die ich kenne, sind klug.“

„Vor allem du?“ Ihr Sarkasmus klang längst nicht mehr so selbstbewusst wie zuvor.

„Vor allem ich!“

Im nächsten Moment kam ihre Freundin zurück, in jeder Hand trug sie ein bauchiges Glas mit grünem Inhalt und einem glitzernden Schmuckstäbchen. Der erste Gedanke, der Leo durch den Kopf ging, war 'hau ab', doch er schaffte es noch rechtzeitig, seine negative Reaktion zurückzuhalten.

„Da bist du ja wieder!“, begrüßte er das Mädchen in ihren engen Jeans und der recht offenherzigen Türkis leuchtenden Chiffon-Bluse.

„Was? Hähh!“, sagte sie derb und starrte ihn verwirrt an.

„Deine Freundin hier ist schon ganz nervös geworden, ganz allein. Gut, dass du jetzt endlich da bist!“

Sie schaute ihre Freundin an und verlangte nach Aufklärung der Situation. Doch die Schöne zuckte die Achseln und sagte nichts außer: „Er redet gern viel.“

„Wir haben uns gerade über Literatur unterhalten.“, erklärte Leo. „Studiert ihr zusammen?“

Die wenig Schöne nickte. Ihre Schüchternheit trieb ihr die Röte ins Gesicht.

„Na, dann kannst du dich ja beteiligen. Es ging um David Foster Wallace. Kennst du den?“

„Ja, schon...“

„...aber dir gefällt sein Werk nicht so. Stimmt‘s? Du bist also eine von den Leuten, die das Buch nicht fertig gelesen haben und deine Freundin hier...“ Er legte seinen Arm um die Schöne und rüttelte sie sanft. „Deine Freundin hier denkt jetzt, keiner liest es je zu Ende.“

„Keine Ahnung.“

„Wir müssen auch nicht über David Foster Wallace reden. Wie wär's mit Intelligenz von Sportlern? Glaubst du auch, alle Sportstudenten sind dumm und ungebildet?“

„Keine Ahnung!“