Der Marathon-Pater - Pater Tobias Breer - E-Book

Der Marathon-Pater E-Book

Pater Tobias Breer

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Beschreibung

»Der Marathon-Pater« ist die bewegende Autobiografie von Pater Tobias Breer, der durch das Laufen Geld sammelt, um arme Menschen im Duisburger Norden zu unterstützen. »Jeder Kilometer hilft helfen« – das ist das Motto von Pater Tobias Breer. Der moderne Geistliche hat gleich zwei Leidenschaften: für Menschen da sein, denen sonst keiner beisteht, als auch das Laufen. Und er hat einen außergewöhnlichen Weg gefunden, seine Passionen miteinander zu verbinden: Um die vielen armen Familien im Duisburger Norden zu unterstützen, läuft Pater Tobias Marathon – und das in der ganzen Welt. Über 90 Marathon-Läufe hat er bereits bestritten. Darunter einen Marathon in der Wüste des Oman und die »Big Five« des Marathons: Boston, London, Berlin, Chicago, New York. Hinzu kommen zahlreiche Ultra-Marathons. Und er sucht immer wieder neue Herausforderungen. Mit den Spenden, die er für jeden Kilometer sammelt, hat er ein Hilfszentrum aufgebaut, in dem Kinder, deren Familien, aber auch Geflüchtete und andere Hilfsbedürftige Unterstützung finden: Beratung, Essen, Kurse zur Ernährung, Bildungsangebote und vieles mehr. Über 60.000 Kilometer ist er bislang gegen die Armut gelaufen, mehr als 200.000 Euro Spenden sind so bereits zusammengekommen. Das Laufen ist für den Priester, der in der Öffentlichkeit als Marathon-Pater bekannt ist, ein spirituelles Erlebnis. Er gewinnt daraus selbst neue Kraft für seine Aufgaben. Denn Kirche ist für ihn nicht nur sonntags. Als Seelsorger ist Pater Tobias fast rund um die Uhr erreichbar. Nah an den Menschen sein – darum geht es ihm. Warum ihm dies so gut gelingt und er dabei so authentisch ist? Weil der Marathon-Pater Not und Zweifel aus eigener Erfahrung kennt: Nach dem frühen Tod seiner Mutter plagte ihn die Frage, wie Gott dieses Leid zulassen konnte. Fünf Jahre lang hatte Breer dem Glauben abgesagt. Doch er fand zurück und trat mit 24 Jahren in einen Prämonstratenser-Orden ein. "Der Marathon-Pater" ist die Autobiografie eines außergewöhnlichen Priesters und Marathonläufers, der ganz nebenbei ein positives Bild von Kirche und Glauben vermittelt. *** »Die Düne türmt sich vor mir auf. Unerwartet. Beinahe 300 Meter ist sie hoch. Eigentlich hätte es bis zum Ziel nur noch geradeaus gehen sollen. 172 Kilometer habe ich in den letzten sechs Tagen während dieses Ultra-Marathons zurückgelegt, mitten durch die Wüste des Oman. Jeden Tag ein langer Lauf durch die Hitze. Die Temperaturen betragen weit über 40 ˚C, man kommt mit dem Trinken kaum hinterher. Überall umher ist nur Sand. Alles gleich, Kilometer um Kilometer. Unterwegs bin ich immer wieder an meine Grenze gekommen. Habe geweint: vor Frust, dass die Wege kein Ende haben; aus Angst vor den Tieren, die nachts in der Wüste unterwegs sind; vor dem Schmerz, den Hitze am Tag und Kälte in der Nacht mit sich bringen. Dann ist es wichtig, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Den Grund, warum ich das überhaupt auf mich nehme: Angelina und Lisa-Marie, Sarah, Marvin, Anina, Kiara, Joyce, Mia, Ronja, Lea. Kinder in Duisburg, die in ärmlichen Verhältnissen aufwachsen und die durch das Geld, das bei solchen Marathon-Läufen gespendet wird, eine Chance bekommen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.« Pater Tobias »Das Laufen gibt mir Kraft. Wenn ich unterwegs bin, habe ich Zeit für mich: zum Nachdenken, aber vor allem zum Gebet. Ich glaube, dass Gott die Liebe ist, und dass er möchte, dass wir den Menschen diese Liebe vorleben. Das ist mein Ziel, dafür bin ich Priester geworden!« Pater Tobias

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Pater Tobias Breer / Jutta Hajek

Der Marathon-Pater

60 000 Kilometer gegen die Armut

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

»Der Marathon-Pater« ist die bewegende Autobiografie von Pater Tobias Breer, der durch das Laufen Geld sammelt, um arme Menschen im Duisburger Norden zu unterstützen.

»Jeder Kilometer hilft helfen« – das ist das Motto von Pater Tobias Breer. Der moderne Geistliche hat gleich zwei Leidenschaften: für Menschen da sein, denen sonst keiner beisteht, als auch das Laufen. Und er hat einen außergewöhnlichen Weg gefunden, seine Passionen miteinander zu verbinden: Um die vielen armen Familien im Duisburger Norden zu unterstützen, läuft Pater Tobias Marathon – und das in der ganzen Welt. Über 100 Marathon-Läufe hat er bereits bestritten. Darunter einen Marathon in der Wüste des Oman und die »Big Five« des Marathons: Boston, London, Berlin, Chicago, New York. Hinzu kommen zahlreiche Ultra-Marathons. Und er sucht immer wieder neue Herausforderungen.

Mit den Spenden, die er für jeden Kilometer sammelt, hat er ein Hilfszentrum aufgebaut, in dem Kinder, deren Familien, aber auch Geflüchtete und andere Hilfsbedürftige Unterstützung finden: Beratung, Essen, Kurse zur Ernährung, Bildungsangebote und vieles mehr. Über 60.000 Kilometer ist er bislang gegen die Armut gelaufen, mehr als 1,5 Mio. Euro an Spenden sind so bereits zusammengekommen.

Das Laufen ist für den Priester, der in der Öffentlichkeit als Marathon-Pater bekannt ist, ein spirituelles Erlebnis. Er gewinnt daraus selbst neue Kraft für seine Aufgaben. Denn Kirche ist für ihn nicht nur sonntags. Als Seelsorger ist Pater Tobias fast rund um die Uhr erreichbar. Nah an den Menschen sein – darum geht es ihm. Warum ihm dies so gut gelingt und er dabei so authentisch ist? Weil der Marathon-Pater Not und Zweifel aus eigener Erfahrung kennt: Nach dem frühen Tod seiner Mutter plagte ihn die Frage, wie Gott dieses Leid zulassen konnte. Fünf Jahre lang hatte Breer dem Glauben abgesagt. Doch er fand zurück und trat mit 24 Jahren in einen Prämonstratenser-Orden ein.

»Der Marathon-Pater« ist die Autobiografie eines außergewöhnlichen Priesters und Marathonläufers, der ganz nebenbei ein positives Bild von Kirche und Glauben vermittelt.

Inhaltsübersicht

Bloß nicht aufgeben

Im Wiesengrund

Ganz im Jetzt

Heiliger Zorn

Das Leben ist ein Langstreckenlauf

Vorgezeichnet?

Wer etwas bewegen will, muss sich bewegen

Mit offenen Augen

Kilometer gegen die Armut

Orte der Begegnung

Wie viel Einsamkeit hält ein Mensch aus?

Ganz unten

Wir sind zum Laufen geboren

Jedes zweite Kind

Der Marathon-Pater

Alle sind willkommen

Es brennt

Und läuft und läuft und läuft

Tipps für Hobbyläufer

Ernährungs-Tipps

Gebets-Tipps

Danke

Kapitel 1

Bloß nicht aufgeben

Daniel Elke © Projekt Lebenswert

»Jesus ist 40 Tage durch die Wüste gelaufen, da werde ich wohl 6 schaffen«, flachse ich. Aber so locker, wie ich das sage, ist es nicht. Meine Anspannung wächst von Tag zu Tag.

Vom Veranstalter des Oman Desert Marathon habe ich eine Ausrüstungsliste bekommen. Und da ist einiges dabei, was sonst nicht zu meinem klassischen Laufgepäck gehört: Kompass, Signalspiegel, Trillerpfeife, ein scharfes Messer, Salztabletten, Antiseptika, eine Anti-Gift-Pumpe, eine Rettungsdecke und vieles mehr. Ich gehe die Liste gerade noch ein weiteres Mal durch und setze hinter jeden Ausrüstungsgegenstand, den ich bereits auf den Tisch gelegt habe, einen Haken.

Immer wieder schweifen meine Gedanken in die Ferne, am liebsten wäre ich schon unterwegs.

Auf dem Konferenztisch in meinem Büro in Duisburg-Neumühl türmen sich verschiedene Stöße von Materialien und Unterlagen, Dinge, die ich mit auf die Reise nehmen muss. Auch ein aktuelles EKG und eine Bescheinigung meines Arztes, dass ich wirklich topfit und gesund bin und die Tour auch bewältigen kann, sind ein absolutes Muss. Im Päckchen mit den wichtigen Papieren liegt auch ein Umschlag mit 200 Euro, die ich für den Rücktransport ins Camp in Bidiyah benötige, falls ich nicht weiterlaufen kann. Aber ich gehe nicht davon aus, dass ich davon Gebrauch machen muss. Positiv denken und Gottvertrauen gehören dazu. Ebenso wie ein Fläschchen Weihwasser. Damit werde ich mich vor dem Lauf einreiben, damit ich keine Blasen kriege und nicht von Skorpionen oder Schlangen gebissen werde. Aber auch dafür wäre ich im Notfall gut gerüstet.

Während ich die Mini-Pumpe auf den Tisch lege, die einen starken Unterdruck erzeugen kann, mit dem man im Notfall – nach dem Biss einer Schlange oder eines Skorpions – das Gift aus der Wunde zieht, denke ich an eine Situation vor einigen Tagen. Eine Szene, hier im Büro …

 

Die Pupillen von Barbaras grauen Augen weiten sich, während ich die Gebrauchsanweisung der Pumpe laut vorlese: »Binden Sie das Bein bzw. den Arm rasch drei bis neun Zentimeter oberhalb der Wunde ab, um die Verteilung des Giftes zu verhindern. Setzen Sie nun die Pumpe mit der Saugglocke an, ziehen Sie den Griff ganz nach oben und saugen Sie das Gift heraus. Entfernen Sie den Sauger, reinigen Sie die Wunde vorsichtig und begeben Sie sich unmittelbar in ärztliche Behandlung.«

Meine engste Mitarbeiterin Barbara starrt auf das Kunststoffteil in meiner Hand, als wäre ich jetzt völlig verrückt. Es ist, als ob ihr plötzlich bewusst wird, dass der Lauf wirklich gefährlich werden kann.

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, doch Barbara findet das Ganze überhaupt nicht witzig und schüttelt energisch den Kopf: »In der Wüste im Oman kriechen Skorpione und Schlangen herum, die so giftig sind, dass ihr Biss tödlich sein kann. Einen Arzt aufsuchen – wie soll das gehen, mitten im Nichts? Bis im Notfall Hilfe vor Ort ist, könnte es Stunden dauern, wenn du dich nicht bemerkbar machen kannst. Weißt du überhaupt, worauf du dich da einlässt?«, schleudert sie mir entgegen. »Und wie soll es hier mit deiner Arbeit weitergehen, wenn dir in der Wüste etwas passiert, wenn du vielleicht überhaupt nicht mehr wiederkommst? Das ganze Vorhaben mit diesem Ultramarathon ist doch der schiere Wahnsinn! Hast du jemals mit einem Rucksack einen derart weiten Lauf auf sandigem Untergrund in steilem Gelände absolviert? Oder hast du Erfahrung mit Tropenmedizin? Das ist alles eine Nummer zu groß.«

»Reg dich nicht auf, es wird schon gut gehen«, versuche ich Barbara zu beschwichtigen. Aber sie beruhigt sich nicht.

Natürlich nehme ich die Gefahren ernst, die mein Vorhaben mit sich bringt. Lange Strecken durch die Wüste zu laufen, das Verhalten beim Umgang mit gefährlichen Tieren oder Astronauten-Nahrung als Verpflegung für mehrere Tage – das habe ich alles tatsächlich bislang noch nie getestet. Wie auch? Ein Restrisiko bleibt immer. Aber die eigenen Grenzen auszuloten gehört für einen Extremsportler einfach dazu.

In der Oman-Wüste bin ich schon einmal gelaufen, wenn auch »nur« einen normalen Marathon. Und ich habe mehrere kleinere Läufe unter ähnlichen Bedingungen in anderen Regionen absolviert. Trotzdem nehme ich die Bedenken meiner langjährigen Mitarbeiterin Barbara sehr ernst. Sie hat ja recht.

*

Sanft landet der Flieger in der Hauptstadt des Oman im Nordosten des Landes. Mascat liegt in einer felsigen Bucht am Golf von Oman zwischen dem Meer und dem Hadschar-Gebirge. Vor knapp vier Jahren war ich schon einmal hier, zum Maskat Marathon. In raschen Schritten gehe ich unter Palmen, die seitlich in Pflanzkübeln aufgereiht sind, über den polierten Steinboden des Flughafengebäudes in Richtung Ausgang. Männer in langen, weißen Gewändern eilen an mir vorbei, runde, bestickte Kappen auf dem Kopf, um die viele ein Tuch gewickelt haben. Frauen sind in schwarze Umhänge gehüllt. Solche Bilder sind mir vom ersten Besuch bereits vertraut, trotzdem muss ich mich neu daran gewöhnen, dass hier alles anders aussieht als in heimischen Breiten.

Beim Verlassen des klimatisierten Gebäudes steht die trockene Hitze, die ich sonst so liebe, plötzlich vor mir wie eine undurchdringliche Wand. Nach wenigen Minuten fühlt sich mein Shirt klebrig an. Erleichtert steige ich in ein klimatisiertes Taxi, das mich zur Unterkunft bringt.

 

Mein Adrenalinspiegel steigt, je näher das Ereignis rückt, denn der Oman Desert Marathon ist das Extremste, was ich mir bisher zugemutet habe: 172 Kilometer an sechs Tagen. Bei mörderischer Hitze führt der Lauf mitten durch eine riesige Wüste.

 

Am nächsten Tag lädt der Veranstalter alle 105 Teilnehmenden zum Informationstreffen ein. Ich muss ein aktuelles EKG abgeben und werde noch einmal von einem Sportmediziner untersucht. Anschließend wird kontrolliert, ob wir alle vorgeschriebenen Ausrüstungsgegenstände und Medikamente dabeihaben. Als ich an die Reihe komme, denke ich mir nichts, schließlich bin ich die Ausrüstung zu Hause wieder und wieder durchgegangen. Bis zum Artikel 13 auf meiner Liste verläuft der Check auch reibungslos. Doch dann bekomme ich einen Schreck, als ich den aufgerufenen Ausrüstungsgegenstand in meinem Rucksack nicht finden kann. »Where is your headlight?«

Das gibt es doch nicht. Die Stirnlampe fehlt.

Mein Herz steht gefühlt einen Moment lang still. Das kann nicht sein. Ich kippe den Rucksack aus, durchwühle mit feuchten Händen meine Sachen. Was, wenn ich die Lampe wirklich vergessen habe?

Mir wird richtig heiß. Salzige Tropfen sammeln sich auf meiner Stirn, rollen über mein zusammengekniffenes Gesicht auf die Päckchen mit Trockennahrung, die sich auf dem Tisch vor mir stapeln. Ohne Lampe werden sie mich morgen nicht starten lassen. Das weiß ich, denn die vorletzte Etappe des Ultramarathons ist ein Nachtlauf. Und wo soll ich heute noch eine Stirnlampe auftreiben?

Doch ich habe Glück: Da ist sie! Meine Hände zittern, als ich das gesuchte Teil endlich finde. Die Lampe hatte sich an einem anderen Gegenstand verhakt, und ich hatte sie schlicht übersehen. Der Assistent grinst und setzt einen weiteren Haken auf seiner Liste. Alles komplett.

*

Unterwegs auf dem Oman Desert Marathon: 172 Kilometer in sechs Tagen mitten durch die Wüste des OmanFoto: Oman Desert © Pater Tobias Breer

Wie schnell die letzten Tage vergangen sind. Jetzt geht es endlich los! Ein Konvoi von Allradfahrzeugen bringt uns nach Al Wasil. Dort herrscht große Aufregung, denn alle Einwohner der kleinen Stadt sind irgendwie involviert, wenn hier Jahr für Jahr der Oman Desert Marathon losgeht. Einige Bewohner werden uns auf den ersten Kilometern begleiten und dann umkehren. Mit einem Zug von Musikanten, Pressevertretern und Zuschauern werden wir zum Starttor geleitet. Dann stehe ich mit knapp über 100 anderen Läufern vor dem großen Bogen. Jeder Name wird einzeln aufgerufen. Mein Herz vollführt regelrechte Freudensprünge, weil wir in Kürze aufbrechen werden.

Vorher nehme ich noch kurz einen großen Schluck aus der Wasserflasche. Denn es ist brüllend heiß, und ich muss die Flüssigkeit, die ich herausschwitze, möglichst bald wieder zuführen. Das hat mir mein Arzt zu Hause eingeschärft: »Wenn dein Körper austrocknet, kannst du einpacken.«

Also: trinken, trinken, trinken. Auch die Kalorienzufuhr darf ich nicht vernachlässigen. An jedem Tag des Wüstenlaufs werde ich rein rechnerisch etwa 2500 Kalorien zusätzlich verbrennen. Um die Energiereserven aufzufüllen, muss ich reichlich Kohlenhydrate zu mir nehmen.

Schon bald nach dem Start zieht sich das Teilnehmerfeld in die Länge. Die schnellsten Läufer sind schon davongezogen. Ich setze einen Fuß vor den anderen, nehme mir vor, mich bloß nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und mein eigenes Ding zu machen. Bald finde ich meinen Laufrhythmus. Meine Laufuhr zeigt Herzfrequenzen von 175 Schlägen pro Minute an. Das passt, weiter so.

*

Am zweiten Tag der Tour färbt beim Wasserlassen ein dünnes Rinnsal den Sand rot. Blut im Urin.

Eine Welle der Verzweiflung schießt heiß durch meinen Körper. Bin ich ernsthaft krank – oder woher kommt das Blut?

Okay, sage ich mir, jetzt gilt es Ruhe bewahren! Aber was mache ich am besten? Wenn ich das mit dem Blut im Urin dem begleitenden Arzt sage, nimmt der mich vermutlich direkt aus dem Rennen, um erst einmal abzuklären, was los ist. Aber dann wäre alles umsonst gewesen: die ganze Vorbereitung, die viele Zeit, die es gekostet hat, bis hierher zu kommen. Ich kann jetzt nicht aufhören. Deshalb sage ich besser erst einmal nichts zu niemandem, beschließe ich. Wenn es nicht schlimmer wird oder ich Fieber bekomme, ziehe ich das jetzt durch! Ich muss einfach mehr trinken, dann wird es schon gut gehen …

 

»Merde!« Mitten in der Nacht werde ich vom Fluchen der Franzosen wach, die mit mir im gleichen Zelt schlafen. Wir sind zu zehnt. Die beiden anderen Deutschen, die beim Wüstenlauf mitmachen, sind einem anderen Zelt zugeteilt worden. Ich kann nur ein paar Brocken Französisch, also verständigen wir uns mit Händen und Füßen. Während ich mich langsam aufsetze, bemerke ich eine feine Sandschicht auf meinem Schlafsack. Alle sind wach und schimpfen. Langsam dämmert mir: Der Reißverschluss am Zelteingang war nicht richtig zugezogen, und der Sturm, der draußen tobt, hat den Wüstenstaub ins Zelt geweht.

 

Ich reibe mir die Augen und blinzle ins Licht. Auf meinem Gesicht klebt eine Kruste aus Sand. Zwischen den Zähnen knirscht es. Mit den Händen wische ich über Gesicht und Schlafsack und rolle mich dann wieder zum Schlafen zusammen.

Am nächsten Morgen schütteln wir die Kleidung noch länger aus als sonst. Besonders wichtig ist es, beim Laufen keinen Sand im Schuh zu haben. Das ist vor allem im tiefen Wüstensand alles andere als einfach. Schuhtechniker Zielke hat mir an meine Schuhe Klettverschlüsse genäht, mit denen ich Gamaschen – eine spezielle Art von Stulpen – befestigen konnte, wofür ich unendlich dankbar bin. Der Stoff beginnt am Sohlenrand und bedeckt Fuß und Knöchel, damit der Sand draußen bleibt. Milliarden mikroskopisch kleiner Steinsplitter schmirgeln sonst die Haut auf. Ich habe die bis auf den Knochen offene Ferse eines Laufkollegen am zweiten Tag gesehen. Grauenhaft! Der Mann tut mir leid.

Die Schuhe vor dem Anziehen auszuleeren ist ohnehin extrem wichtig. Das Ausleeren vergesse ich nie, denn es könnte auch eine Spinne oder ein Skorpion im Schuh sitzen. Skorpione werden bis zu 15 Zentimeter lang. Es sind nicht alle gefährlich, aber je kleiner die Scheren und je dicker der Schwanz – das hat man mir eingeschärft –, desto giftiger sind die Biester.

*

Die Franzosen, erfahrene Wüstenläufer, haben am Abend zuvor loses, trockenes Gestrüpp gesammelt und waren so klug, alles über Nacht anzubinden. Sonst wäre das Brennmaterial heut früh vom Winde verweht. Sie sitzen um die Feuerstelle, pusten und wedeln abwechselnd, um die Flammen anzufachen, damit wir etwas Glut bekommen, auf der wir kochen können. Schweigend sitzen wir im Kreis, jeder einen Becher mit Kaffee in der Hand. Das Flackern der Flammen spiegelt sich in unseren ausgemergelten, geröteten Gesichtern.

Die Nächte in der Wüste sind mit etwa zehn Grad relativ kühl. Der warme Kaffee tut deshalb einfach gut, und ich spüre, wie meine Lebensgeister erwachen. Als ich mich vom Frühstück erhebe, das aus Fertigmüsli mit Haferflocken, Rosinen und Haselnüssen besteht, werde ich leider unangenehm daran erinnert, dass gestern Abend das warme Wasser nicht zum Duschen gereicht hat. Ich habe den Franzosen den Vortritt gelassen und am Ende verzichtet, weil der Wasservorrat erschöpft war. Meine Haut klebt jedenfalls, und ich rieche nach Schweiß. Egal.

Wir verstauen unsere Sachen in den Rucksäcken, rollen dann zuletzt auch die Schlafsäcke und die Isomatten zusammen und befestigen sie daran. Die Ruhephasen zwischen den Laufetappen sind kurz. Wir können immer nur wenige Stunden Pause machen, aber ich schlafe wunderbar.

Beim Wasserlassen stelle ich heute früh mit Erleichterung fest: Mein Urin ist wieder klar. Was immer es war – es ist weg.

*

Die Tage vergehen. Eine einzige Strapaze in glühender Hitze. Meine knapp bemessene Nahrung und alles andere, was ich brauche, trage ich im Rucksack – acht Kilo schwer.

Und dann kommt die vorletzte und schwierigste Etappe: ein Marathonlauf in stockfinsterer Nacht. Ich habe ein mulmiges Gefühl im Magen und frage mich, ob ich die Strecke bewältigen kann, denn ich bin bereits jetzt total müde.

Ja, sage ich mir, mit der Kraft, die Du, Gott, mir gibst, werde ich es schaffen.

 

Hier in der Wüste ist viel Stille.

Hier kann ich gut zuhören.

Und ich halte das Gespräch mit Jesus am Laufen, meinem Freund, der immer bei mir ist.

Trotz der Anstrengung nehme ich IHN wahr:

im Leuchten des Sandes.

Im Blau des Himmels.

Im Gleichtakt meiner Bewegungen.

In der Schönheit dieser Wüste.

 

An den entscheidenden Stationen meines Lebens hat mich das Gebet in der Stille gestärkt und Gottes Willen wahrnehmen lassen: als Kind im dunklen Wald; als junger Mann in der alten Klosterkirche von Chevetogne, in trostloser Einsamkeit ebenso wie bei langen Läufen – auch jetzt in der Weite der Wüste spüre ich seine Kraft.

Das Gespräch mit Gott ist mein Leben.

 

Am Nachmittag gehen wir in drei Gruppen an den Start der nächtlichen Etappe, markiert durch einen aufblasbaren Torbogen. Jeden Tag wird das weiße Gummiteil an einem neuen Ort aufgebaut. Skurril sieht es aus, ein absoluter Fremdkörper »in the middle of nowhere«.

Diejenigen, die in den letzten Tagen die schlechtesten Zeiten hatten, müssen zuerst starten. Eine Stunde später, um 17 Uhr, startet die zweite Gruppe, zu der ich gehöre. Es sind einige Profis dabei, die schon zahlreiche Wüstenläufe gefinisht haben und damit, wie sie sagen, ihr Geld verdienen.

 

Die Sonne geht bereits unter.

Stirnlampe an. Lostraben.

Die ersten zehn Kilometer sind wir noch zusammen. Dann zieht sich das Feld der Läufer wieder weit auseinander. So ist es jeden Tag. Kein Lüftchen zu spüren. Der Wind, der am Tag über die Dünen wehte, hat sich gelegt. Manchmal sehe ich einen anderen Läufer in der Ferne als kleines Licht, das auf und ab tanzt.

Auf einmal bin ich ganz allein.

Millionen Sterne funkeln über mir am Wüstenhimmel. Nur alle zwei Kilometer schimmern Scheinwerfer im Sand.

Was, wenn ich nicht mehr kann? Merkt es jemand, wenn ich zu Boden sinke und liegen bleibe?

Wenn sie am nächsten Morgen nach mir suchen, bin ich vielleicht schon komplett von Sand bedeckt und nahezu unauffindbar … Aber das muss ja nicht so kommen! Ja, es wird schon werden. Keine Angst, sage ich mir. Angst ist grundsätzlich ein schlechter Ratgeber. Erst recht, wenn man mutterseelenalleine in der Wüste unterwegs ist. Meine Gedanken kreisen und bleiben an einem vertrauten Gebet hängen: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name …

Für den Notfall habe ich eine Pfeife dabei, mit der ich mich bemerkbar machen könnte, wenn ich Hilfe brauche. Jeder hat seine eigene Pfeife. Abgehakt auf der langen Ausrüstungsliste und nun zum Glück griffbereit. Keiner hat sie bisher benutzt. Um Hilfe pfeifen muss ich nicht. Aber es schadet nicht, ein Lied vor mich hinzupfeifen, um mir Mut zu machen. Ist mir egal, wenn die anderen mich hören.

Skorpione und kleine Schlangen huschen durch den Sand an den Wasserstellen, an denen wir unsere Trinkflaschen auffüllen. Hier ist es hell und warm, ich kann sehen, wo ich hintrete. Und das ist gut! Den Gedanken, dass diese Tiere auch im Dunkeln an jeder anderen Stelle auftauchen können, versuche ich aus meinem Kopf zu verbannen.

Weiter, immer weiter geht es.

Linker Hand zeichnet sich die dunkle Silhouette einer lang gezogenen Düne ab. Plötzlich höre ich, genau da, wo mein rechter Fuß eben beim Auftreten eine kleine Kuhle in den Sand gegraben hat, ein Zischen. Ich mache vor Schreck einen Satz zur Seite, mein Herz springt fast aus der Brust. Eine braune Schlange gleitet im Licht meiner Stirnlampe eilig davon.

Nicht denken, nur laufen, sage ich mir. Nichts passiert … einfach weiterlaufen.

Wüstenschlangen verstecken sich tagsüber im Sand, weil es ihnen zu heiß ist. Nachts kommen sie heraus, um nach Nahrung zu suchen. Die braune Schlange hat sich eben bestimmt genauso erschreckt wie ich, rede ich mir ein und merke, wie ich mich dabei langsam wieder beruhige.

Ein Bild steigt in mir auf: eine Szene bei einer Tiermesse am Bodensee, wo ich vor vielen Jahren hingefahren bin, um Hunderte von Tieren zu segnen: Schlangen, Hunde, Pferde und andere. Damals legte mir tatsächlich jemand einen Alligator in die Arme. Das war aufregend. Und auf dem Heimweg wurde ich eingeschneit. Aber Angst hatte ich damals keine …

Wie komme ich auf Schnee? Etwas Kühles, das wäre jetzt herrlich!

 

Lauf weiter, Tobias!

Ich setze einen Fuß vor den anderen und richte den Blick nach vorne.

Man lernt unterwegs recht schnell, die verschiedenen Sandarten zu unterscheiden. Je nach Farbe und Richtung hat der Sand eine andere Beschaffenheit und ist besser oder schlecht zum Laufen geeignet. In den Senken ist der Boden morgens meist fester, denn hier sammelt sich der Tau und sorgt dafür, dass die Sandkörner zusammenhalten, bis die Mittagshitze sie löst. Auf Dünenkämmen kann man meistens ebenfalls gut laufen, doch der Wind setzt einem dort natürlich eher zu als in den Senken. Auf der dem Wind zugewandten Seite der Dünen versinkt man in der Regel tiefer im Sand als auf der dem Wind abgewandten Fläche. In der Ebene liegen oftmals winzig kleine Steinchen auf dem sandigen Boden.

Momentan geht es nur sehr beschwerlich voran. Hoffentlich halte ich das alles durch. Ich trinke einen großen Schluck Wasser aus einer der beiden Flaschen, die vorne links und rechts an den Trägern meines Rucksacks befestigt sind. Über einen Schlauch kann ich das Wasser aus der Flasche ansaugen, sodass ich nicht anhalten oder die Flaschen jedes Mal in die Hand nehmen muss, um etwas zu trinken.

Versorgungsstationen zum Auffüllen meiner Vorräte sind etwa alle zehn Kilometer aufgebaut. Manchmal sind da Leute, die uns Läufer ermutigen und helfen, unsere Flaschen zu befüllen. Regelmäßig kontrolliert uns bei solchen Gelegenheiten auch ein Ärzteteam. Sie fragen, wie es einem geht, und nehmen erschöpfte Läufer aus dem Rennen, ob man will oder nicht. Wer sich schnell erholt, kann an der nächsten Etappe wieder teilnehmen. Alle anderen bringt man mit dem Jeep zum Ziel und in Sicherheit.