Der Märchenerzähler - Peter A. Söhngen - E-Book

Der Märchenerzähler E-Book

Peter A. Söhngen

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Beschreibung

Diese orientalischen Märchen berühren das weite Spektrum von der irdischen Liebesglut bis zum himmlischen Angenommensein. Aufschlussreiche und unterhaltsame Märchen für Liebende und alle die geliebt sein wollen.

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Wie ein Kadi zum Märchenerzähler wurde

Die Schnecke Adn

Netze

Mangel oder Fülle

- Wie ein Einsamer die Liebe fand.

Die Prinzessin aus dem Reich der Mitte und der arabische Fürst

Wer warten kann, hat viel getan

- Ein erotisches Märchen.

Heilige Hochzeit in Alachan

- Ein erotisches Märchen.

Stadt der tausend Moscheen

- Ein mystisches Märchen.

Lin und Lang

Götter

Nuhr

Enten, Hühner und der Pelikan

Nachwort

Zitate

Dank

Mein Dank gilt allen, die mir ihr Echo über die vorausgegangenen Versionen gaben.

Michael, meinem ältesten Sohn, danke ich für seine liebevoll gezeichneten Illustrationen.

Besonderer Dank gilt meiner Frau, die mich auf viele Weisen bei der Entstehung des Buches unterstützt hat.

Peter A. Söhngen

Ein Herz, das liebt,

ragt an des Himmels Zinnen.

Rumi, persischer Mystiker 1207–1273

Vorwort

Liebe und damit auch Liebesmärchen umspannen einen weiten Bogen. Sie reichen vom sexuellen Verlangen über das Interesse und die tiefe, herzliche Verbundenheit bis zur weltweiten Humanität. Ja, sogar über das Menschliche hinaus kann in der Mystik die Liebe erfahren werden.

Der Mensch ist ein Wesen zwischen Himmel und Erde und so handeln die folgenden Märchen vom mystischen Angenommensein und von irdischer Erotik. Die vorderen Märchen handeln von der Liebe im Allgemeinen, die des mittleren Teils zentrieren sich um die irdische Liebesglut und die letzten erzählen von der überirdischen Liebe.

Diese Märchen sind mit einer zum Himmel steigenden Leiter verbunden. Du kannst das letzte Märchen in seiner ganzen Fülle nur dann erfassen, wenn du das erste kennst.

Die Welt dieser Märchen reicht von Marokko im Westen bis nach China im Osten.

Im deutschsprachigen Raum besteht vielfach die Meinung, dass Märchen etwas für Kinder seien. Andere Kulturen weichen von dieser Vorstellung ab, da suchen Erwachsene die Märchenerzähler auf, um sich unterhalten zu lassen und gleichzeitig Volksweisheiten zu hören.

Im Orient findest du die Märchenerzähler normalerweise hinter der Moschee, in Marrakesch aber kannst du sie unter dem weiten Himmel des Gauklerplatzes sehen und hören. Vor nicht allzu langer Zeit war ich dort. Als den beeindruckendsten Märchenerzähler fand ich einen alten, bärtigen Mann, der am Stock ging und eine Brille mit einem matten Glas trug. Sein Äußeres bestand in einer aus verschiedenen, bunten Flicken genähten Kutte. Er ging, hin und wieder heftig gestikulierend in einem Kreis, den seine Zuhörer um ihn geschlossen hatten. In der Mitte stand ein Vogelkäfig, unter dessen Abdeckung die schwarz getupften Beine einer Schleiereule zu sehen waren. Mit diesem lebenden Symbol deutete er die Tiefe seiner Weisheit an.

Ich würde gerne wiedergeben, was er erzählt hat, aber ich verstand nur von Zeit zu Zeit Allah. Deshalb erzähle ich, zu welchen Märchen dieser Exote mich inspirierte.

Schauen wir nun zum Märchenerzähler…

Wie ein Kadi zum Märchenerzähler wurde

- Wie ein Richter, der nach dem Islam Recht spricht, ein Märchenerzähler wurde.

Einst lebte in einer fernen Stadt ein verwitweter Kadi. Sein Witwerdasein behagte ihm gar nicht, deshalb suchte er nach einer neuen Gattin. Wie er das von früher gewohnt war, sollte sie einen Teil seiner Verantwortung übernehmen.

Eine Witwe, die er schon öfters beraten hatte, wollte ihr neuerliches Familienproblem mit seiner Hilfe lösen. Dazu mussten sie zum Ende der Stadt. Er hoffte dabei auch zu ihr einen Zugang zu finden, dass er mit ihr seinen Witwerstand ändern könnte. Weil beide schlecht zu Fuß waren, suchten sie den Weg auf Eseln zurückzulegen.

Sie waren an den ersten Eseltreibern der Karawanserei1 bereits vorbeigegangen, da sprach sie ein Mann mit grauen, buschigen Augenbrauen an:

„Wohin?“

Sie nannten ihr Ziel am Rande der Stadt. Der Eseltreiber nickte zum Zeichen, dass er sie hinbringen würde. Der Kadi fragte nach dem Preis. Der Eseltreiber wollte drei Dinare. Der Preis war angemessen und so stimmte der Kadi zu. Der Eseltreiber hielt die Hand auf. Die Witwe kramte einen 20 Dinar-Schein heraus. Da weiteten sich seine Augen und er gedachte, das Rückgeld einzubehalten. Er nahm den Schein mit den Worten „In Ordnung“ und steckte ihn weg.

Der Kadi sah nun eine Gelegenheit gekommen, ihr seine Beschützerqualitäten zu zeigen und widersprach:

„Nein, das ist nicht in Ordnung.“

Der Eseltreiber zog ein Geldpäckchen aus seiner Tasche und blätterte es mehrmals durch zum Zeichen, dass er nicht herausgeben könne und fragte:

„Ein Dinar?“

Sie fand einen und reichte ihm den Schein. Er gab ihr nur fünfzehn zurück, steckte sein Geld in die Tasche und half der Witwe auf einen Esel.

Der Kadi gewahrte, dass der Eseltreiber sie nochmals betrogen hatte. Da der Preis für beide gerecht war, nahm er den Eseltreiber am Ärmel und sagte zu ihm:

„Für das zurückbehaltene Geld stellst du mir mein Grautier.“

Der Eseltreiber nickte, band den Esel der Witwe los und ging zwischen seiner Herde hindurch. Darauf erschien der Eseltreiber mit einem Tier, auf dem ein Mann saß. Der Kadi fragte den Reiter:

„Hast du schon bezahlt?“

Der nickte.

Da stieg dem Kadi das Blut in den Kopf. Er versuchte innerlich sich hinter ein Mäuerchen zu stellen und das Ganze nur zu beobachten. Doch die Ungerechtigkeit zerrte ihn hinter dem Mäuerchen hervor, er packte den Eseltreiber am Arm und fuhr ihn an:

„Bring jetzt einen Esel für mich her!“

Der feste Armdruck widerstrebte dem freiheitsliebenden Eseltreiber. Sich befreiend, stieß er seinen Ellenbogen in das Gesicht des Kadis. Er traf ihn ins Auge, das der Kadi dadurch verlor.

Als der Kadi das Ausmaß seines Unglücks erkannte, tobte er und beschuldigte die Witwe:

„Wenn du auf dein Rückgeld besser aufgepasst hättest, dann würde ich immer noch beide Augen haben.“

Sie wollte ihn nicht bemuttern, sie wollte sich an einen starken Mann anlehnen, nicht an ein ausgewachsenes Kind. Die Witwe wies die Anschuldigung zurück und sagte:

„Wenn du so denkst, dann sind wir geschiedene Leute“ und verließ ihn geradewegs.

Der Kadi konnte sich nicht in sein Schicksal finden, das verlorene Auge und die Zurückweisung der Witwe waren ihm einfach zu viel. Er beriet andere, sich selbst konnte er nicht raten. Da suchte er Sterndeuter auf. Sie sagten ihm allerlei über ihn, aber bei seinem brennenden Problem konnten sie ihm nicht helfen. Er besuchte Kartenlegerinnen, auch sie halfen ihm nicht weiter. So beendete er sein seitheriges Leben und begab sich auf eine Reise.

Mit dem Nötigsten ausgestattet, pilgerte er von Wallfahrtsort zu Wallfahrtsort, von Land zu Land auf der Suche nach dem Weg zu sich selbst.

In Kairo, am Grabmal des Gawhar Bey, betete er darum, sein Schicksal verstehen zu dürfen. Plötzlich hörte er eine Stimme:

„Im westlichen Atlasgebirge lebt ein kleiner Stamm, der einst von Ägypten nach Westen ausgewandert war. Zu diesem Stamm gehört eine weise Frau. Sie trägt ihre Haare zu einer Turmschnecke gebunden. Sie kann weissagen.“

Auch wenn es ein aussichtsloses Unterfangen zu sein schien, er muss den geheimnisvollen Stamm finden. Für den Fall, dass er ihn verfehle, wollte er auf dem Weg dorthin alle Pilgerstätten aufsuchen, auch, um sich ausreichend vorzubereiten.

Er schiffte sich nach Marokko ein.

Seit dem Auslaufen waren sieben Tage vergangen. Es war Nacht. Er fand keinen Schlaf. Er ging auf das Vorderschiff. Im Mondlicht wanderte sein Blick auf das Wasser. Die Wellen versuchten sich zu haschen. Sie glichen den falschen Katzen, die ihr Opfer mit einem Schlag fangen, es gleich darauf entlassen, um es erneut zu fangen. Hatte eine Welle die andere erreicht, lachte sie, dass sich die Krone vor Freude schneeweiß färbte, bis sie gleich wieder in Dunkelheit zurückfiel und in der Nacht entschwand, um bald darauf wieder hell aufzuleuchten. Ist das nicht das gleiche Spiel wie das, welches er mit dem verschlagenen Eseltreiber hatte?

Bei dem Durchtriebenen schaffte er Gerechtigkeit und dafür wurde er vom Schicksal geknüppelt. Warum nur hatte er sein Auge verloren? Gerechtigkeit kann doch nicht mit Ungerechtigkeit vergolten werden.

Er blickte zum Himmel. In der nächtlich warmen Schwärze blinkte ihm mit eiskaltem Blau ein Stern entgegen, als sei er der alte Weise, den anderen Sternen fern, über allem stehend, unerreichbar. Da kam ihm das Sprichwort in den Sinn:

Das Kamel sieht nur den langen Hals seiner Geschwister, den eigenen sieht es nicht.

Er war von der Witwe nicht um Hilfe gebeten worden. Er hatte sich in die Angelegenheiten anderer eingemischt, anstatt sich um seine eigenen zu kümmern. Er sollte bei sich bleiben, in sich ruhen, in sich schauen. Um nicht bei anderen Fehler zu suchen, sondern seine eigenen, inneren Regungen wahrzunehmen, hatte er auf dem einen Auge den Blick nach außen verloren.

Er blickte zum Himmel, als ob er dem funkelnden Stern danken wollte.

Er hatte den Grund seines Missgeschicks gefunden, aber der Ausweg fehlte ihm noch. Müdigkeit überkam ihn. Er fröstelte. So ging er zu Bett.

Er hatte den größten Teil der Schiffsreise hinter sich. Die nächsten Häfen gehörten bereits zu Marokko mit dem westlichen Atlas und seinem geheimnisvollen Stamm.

Um ihn aufzusuchen, schiffte er in Rabat aus.

In der Königsstadt stand ein prächtiger Palast mit einem wunderbaren Garten. Schneidige Wachen mit blinkenden Waffen auf gestriegelten Pferden zogen Fremde in Bann.

Ihn bewegte das wenig. Ihn interessierte das Grab des Frommen Abu Hassan. Die vielen Storchenhorste, die auf Ruinen, Bäumen und auf einem Minarett der weitläufigen Totenstadt gebaut waren, zeigten von Weitem einen außergewöhnlichen Ort an. Er war voller Hoffnung. Am Grab des Frommen betete und meditierte der Kadi. Wie bei seinen vorherigen Meditationen bekam er auf seine lebenswichtige Frage keine Antwort.

Die Fehler bei anderen konnte er sehen. Um auch nach innen zu schauen und seine eigenen Regungen wahrzunehmen, verlor er sein Auge.

Gemessenen Schrittes ging er zurück zu dem Tor, durch das er in die Totenstadt gekommen war. Ein kleines Mädchen holte ihn ein. Beide gingen nebeneinander. Still war aus zwei Fremden ein Paar geworden. Obwohl das Mädchen arm war und des Kadis Wohlstand sah, bettelte es nicht. Plötzlich nahm es sich einfach das, was es haben wollte, seine Hand. Er ließ sie nehmen. Durch dieses Vertrauen, welches das fremde, kleine Mädchen ihm entgegenbrachte, nahm er wieder freudiger am Leben teil. Er hielt dieses Händchen. Die Schritte Seite an Seite genügten, um die Gemeinsamkeit zu bewahren. Es bedurfte keines Wortes. Für ihn hatte sich der Himmel geöffnet. Er ließ sich von diesem Kind, das sich ihm voll anvertraut hatte, führen. Es war jetzt das Wertvollste für ihn. Er wird mit ihm gehen, wohin es geht, nur um das Händchen in seiner Hand zu fühlen. Gerade, als sein Leben wieder aufgeblüht war, zweigte der Weg des Mädchens von seinem ab und es ließ die große Hand los. Unerwartet, wie der Himmel sich für ihn geöffnet hatte, schloss er sich auch wieder. Er dankte dem Schicksal für dieses unerwartete Geschenk.

Am nächsten Tag verließ er Rabat und reiste weiter.

Er sah die Ruinen einer römischen Stadt und besuchte sie. Um alles zu versuchen, wollte er im einstigen Tempel der Schicksalsgöttin sie bewegen, ihm sein weiteres Schicksal zu weisen. So selbstverloren war er geworden, dass er glaubte, in einem verfallenen Heiligtum eine Göttin anzutreffen. Er bekam nicht den geringsten Wink. Er reiste weiter nach Fes. Dort führte sein Weg durch die verwinkelten Gassen zum Obst- und Gemüsemarkt an der Stadtmauer. Wegen des geringen Platzangebots drängten sich die Verkaufsstände aneinander. Sie waren so schmal, dass sogar mit dem Zugang in den Stand gegeizt werden musste. Der Kadi sah, wie ein Verkäufer mit einem Fuß zwischen die Waren stieg, einen Ring an einem herabhängenden Seil ergriff und sich über die Auslagen hinweg in sein Geschäft hineinschwang. Bei dieser erforderlichen Artistik konnte sein Lebensweg hier nicht weitergehen.

Er ging an der Koranhochschule vorbei zur Grabmoschee des Gründers und Schutzheiligen der Stadt. Er führte die rituellen Waschungen durch und meditierte. Auf seine brennende Frage bekam er keinen erkennbaren Hinweis.