Der Mäusestamm - Martin Ritterbach - E-Book

Der Mäusestamm E-Book

Martin Ritterbach

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Beschreibung

Klee, eine Jungmaus, wird an seinem ersten Schultag von einer räuberischen Katze in das Haus der Menschen verschleppt. Bevor die Katze ihn verschlingen kann, wird er von den Menschen gerettet und im nahen Wald ausgesetzt. Verletzt und traumatisiert findet er sich in einer rauhen, gefährlichen und ihm vollständig unbekannten Umgebung wieder. Alleine macht er sich auf, um den Weg zurück in seinen Garten zu finden. Doch der direkte Weg dorthin ist ihm versperrt. Tatsächlich findet er im Wald großartige Freunde, die mit ihm die Reise bis in das Areal der Feldmäuse antreten. Ziel sind die weisen Ratten. Während dessen bleiben sein Freund Kugel und die Freunde im Garten nicht tatenlos. Alle beschriebenen Abenteuer haben sich so oder zumindest so ähnlich im Garten und dem nahen Wald ereignet. Die Helden sind echte Mäuse, keine 'Bernhard und Biancas' mit kleinen Rucksäcken und Schwertern.

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Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Martin Ritterbach

Der Mäusestamm

Klee - wie alles begann

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

Die Stämme

Die Stammesareale

Der Garten

Prolog

Kapitel - Gefangen

Kapitel - Die Versammlung

Kapitel - Im Bau

Kapitel - Rückblick - Tinka und Twister

Kapitel - Die Kaninchen 1

Kapitel - Ein unbarmherziger Jäger

Kapitel - Twisters Unfall

Kapitel - Twisters Beerdigung

Kapitel - Der Umzug der Schüler

Kapitel - Der Angriff

Kapitel - Die Gefangennahme

Kapitel - Der Rückzug

Kapitel - Der Verräter 1

Kapitel - Der erste Tag im Wald

Kapitel - Die Begegnung

Kapitel - Die Tage nach dem Angriff

Kapitel - Auf dem Weg zum Waldstamm

Kapitel - Der Waldstamm

Kapitel - Der Rat des Waldstamms

Kapitel - Die Expedition

Kapitel - Tau

Kapitel - Die Vereinbarung der Schüler

Kapitel - Der Verräter 2

Kapitel - Der Schotterstamm

Kapitel - Der Sprung über die Straße

Kapitel - Die Prüfungen

Kapitel - Die Vorbereitung

Kapitel - Der zweite Angriff

Kapitel - Die Vorhut

Kapitel - Das Rohr

Kapitel - Die Kaninchen 2

Kapitel - Die Rampe

Kapitel - Die Nacht nach dem Angriff

Kapitel - Die Vorboten 1

Kapitel - Ein Tag Aufschub

Kapitel - Durch die Gärten

Kapitel - Die weisen Ratten

Kapitel - Der Kontakt 1

Kapitel - Der Kontakt 2

Kapitel - Der gleiche Weg

Kapitel - Die Vorboten 2

Kapitel - Auszug der Schüler

Kapitel - Die Rückkehr der Schüler

Kapitel - Rückkehr zur Rampe

Kapitel - Gehet den gleichen Weg 1

Kapitel - Gehet den gleichen Weg 2

Kapitel - Im Menschenhaus

Kapitel - Entlang der Gleise

Kapitel - Im Wald

Kapitel - Das Wiedersehen

Kapitel - Nachwort

Impressum neobooks

Inhalt

Für und mit Luna

Katja und Julian,

Danke für Eure Inspiration und Geduld

in den letzten drei Jahren

Danke besonders an Julia und Jana

für das kritische Lesen und Korrigieren.

Die Stämme

Gartenstamm

Klee Jungmaus, bescheidener Held der Geschichte - wird im Laufe der Saga zum großen Führer

Blume Mutter von Klee

TripTrap Zwillingsbrüder von Klee, nicht auseinander zu halten

Kugel Schüler, Wühler - bester Freund von Klee

Knolle Schüler, wuseliger, nervöser Sammler

Jupiter Schüler, Bote

Gras Schüler, Wühler

Helm Schüler, Träger

Rinde Schüler, stämmiger Träger

Wacholder Schüler, Wächter

Bambus Schüler, Wächter, junger guter Kletterer

Beere Schülerin, Freundin von Kugel

Hermes Schülerin, pfeilschnelle Botin

Murmel Schülerin, Botin

Farn Lehrerin der Wächterklasse

Schnüffel Lehrerin der Sammlerklasse

Schaufel Lehrer der Wühlerklasse

Portos Lehrer der Botenklasse

Goliath Lehrer der Trägerklasse

Judas Verräter

Birne Heilerin

Laub alte und weise Vorsteherin des Stammesrates

Bärlauch Ratsmitglied

Kirsche Ratsmitglied

Wiese Ratsmitglied

Apfel Ratsmitglied

Waldstamm

Tau Freundin von Klee, Tochter des Stammführers

Tanne Mutter von Tau

Buche Vater von Tau, Stammesführer

Kastanie erfahrene, aber ängstliche Sammlerin

Erle skeptischer Lehrer

Nuss erfahrene Botin

Speer erfahrener Wächter und Kämpfer

Schotterstamm

Birke Anführerin des Schotterstamms

Schotter Späher, häufig am Straßenrand eingesetzt

Schwelle kleine, etwas vorwitzige Maus

Feldstamm

Korn lustiger Mäuserich

Die Stammesareale

Der Garten

Dieser besondere Garten befindet sich im Vorort einer größeren Stadt. Der Hauptgarten liegt im hinteren Bereich des Grundstücks, direkt an den Hofbereich angrenzend. Im vorderen Bereich befindet sich das Haus der Menschen und der Vorgarten.

Das Haus und der Garten liegen direkt an einem großen Waldareal. Allerdings befindet sich zwischen dem Wald und dem Grundstück eine stark befahrene Ausfallstraße und eine Straßenbahntrasse.

Die Gartenmäuse haben ihren Hauptbau direkt unter dem großen Komposthaufen eingerichtet. Hier und im Garten sind die Mäuse zu Hause; fühlen sie sich sicher.

Die Kaninchen bewohnen ein Gehege unter der großen Tanne. Mäuse, Kaninchen und Eichhörnchen leben in friedlicher Koexistenz. Aber sie sind sich bewusst, dass Katzen, Füchse und Raubvögel ihnen ständig nach dem Leben trachten.

Prolog

Es war zu der Zeit, als sich die Mäusefamilien in Stämmen organisierten. Jeder Stamm schützte sein abgegrenztes Stammesareal gegen äußere Feinde. Die einzelnen Stämme waren einander freundschaftlich gesinnt, auch wenn Kontakte zwischen ihnen eher selten waren. Der direkte Austausch beschränkte sich im Wesentlichen auf die Besuche einzelner Boten, die Nachrichten zwischen den Stämmen austauschten.

Doch es gab besondere Situationen und Herausforderungen, die es erforderlich machten, dass Mäuse ihre Grenzen überwanden, um Außerordentliches zu erreichen.

Klee, der junge Mäuserich, wird an seinem ersten Schultag von einer räuberischen Katze in das Haus der Menschen verschleppt. Bevor die Katze ihn verschlingen kann, wird er von den Menschen gerettet und im nahen Wald ausgesetzt. Verletzt und traumatisiert findet er sich in einer rauen, gefährlichen und ihm völlig unbekannten Umgebung wieder. Allein macht er sich auf, um zurück in seinen Garten zu finden. Doch der direkte Weg dorthin ist ihm versperrt. Tatsächlich findet er großartige Freunde, die mit ihm die Reise durch den Wald bis in das Areal der Feldmäuse und zu den weisen Ratten antreten.

Während dessen bleiben sein Freund Kugel und seine Freunde im Garten nicht tatenlos.

Alle im folgenden beschriebenen Abenteuer haben sich so oder zumindest so ähnlich in Klees Garten und dem nahen Wald ereignet.

Kapitel - Gefangen

Klee wachte auf. Er spürte seinen trockenen Mund und einen unbestimmten, leicht bitteren Geschmack. Er ahnte sofort, dass es sein eigenes Blut war, das irgendwie metallisch schmeckte. Er stöhnte leise als er sich auf den Bauch drehte, kurz bevor er wieder in Ohnmacht fiel.

Es waren weitere Stunden vergangen, als er erneut zu sich kam. Es war schon dunkler geworden, dennoch registrierte er die fremde Umgebung. Rote Lichter tanzten vor seinen Augen und dahinter schimmerte es grün. Er befürchtete Halluzinationen von dem schweren Angriff erlitten zu haben und beschloss, diese Wahrnehmungsstörungen vorerst zu ignorieren und sich um seinen körperlichen Zustand zu kümmern.

Während er langsam seine Beine streckte, fragte er sich, wie lange er ohnmächtig gewesen sein mochte und ob man ihn schon suchte. Er versuchte sich zu konzentrieren, aber seine Erinnerungen stoppten immer wieder an der gleichen Stelle. Wieder und wieder sah er die grünen großen Augen vor sich und spürte fast sofort wieder den stechenden Schmerz in seinem Nacken, als ob das fürchterliche Tier ihn ein weiteres Mal hochgerissen hätte. Dann kam nur noch dunkles Schwarz und später, viel später dieses Grün.

Mittlerweile hatte er seine Gliedmaßen untersucht und festgestellt, dass er zwar einige Prellungen davongetragen, aber Gott sei Dank keine schwerwiegenderen Verletzungen erlitten hatte. Er wusste, dass es sein Todesurteil bedeutet hätte, hätte er sich eines seiner Beine gebrochen. Mäuse, so dachte er, sind nur flink und beweglich, wenn sie Herr über ihre Beine sind. Dann untersuchte er seinen restlichen Körper. Er zuckte zusammen, als er über die nicht mehr blutende, aber doch sehr schmerzhafte Wunde in seinem Nacken strich. Sein Rückenfell war blutverklebt und völlig verdreckt.

Zwischenzeitlich war es noch dunkler geworden, als plötzlich ein helles Licht, wie eine diffuse Sonne, erschien und alles in ein hellgrünes Etwas tauchte. Die tanzenden Lichter vor seinen Augen waren nun einer sehr klaren Wahrnehmung gewichen. Er sah fast überscharf, auch wenn die Umgebung keinerlei Ecken und Kanten aufwies.

Klee war nun neugierig auf sein Gefängnis geworden und ignorierte den aufkeimenden Hunger. Automatisch richteten sich seine Schnurrbarthaare auf und seine Nase begann in tiefen Zügen die Luft aufzusaugen. Erst jetzt nahm er den künstlichen und ungewohnten Geruch wahr, und mit einem Mal wusste er diesen einzuordnen. Es war Kunststoff oder Plastik, auf jeden Fall von Menschen hergestellt und ein ganz schwacher Geruch nach Salami?

Er versuchte die Größe seiner unfreiwilligen Behausung abzuschätzen. Sie war nur etwa zwanzig Zentimeter lang, zehn Zentimeter breit und nicht sehr hoch. Wenn er sich auf die Hinterbeine stellte, konnte er die Decke berühren. „Diese Kiste bietet aber auch keinen Angriffspunkt“, dachte Klee, nachdem er mit seiner Schnauze und seinen Vorderpfoten alle Wände gründlich abgetastet hatte.

Ein letztes Mal stemmte er sich mit aller Kraft gegen die Decke, dann beschloss er seine Kräfte zu schonen.

Es dauerte noch eine Weile, Klee war schon wieder eingedöst, als plötzlich das gesamte Gefängnis mit einer ihm bisher nicht bekannten Kraft noch oben gerissen wurde. Er rutschte unvermittelt nach rechts, um direkt darauf wieder nach links geschleudert zu werden. Er vernahm ein donnerndes Geräusch und wusste instinktiv, dass es eine Menschenstimme war, die dort sprach: „Katja, ich bin mal eben draußen, die tote Maus wegbringen.“ Er hörte zwar die Worte aber verstand sie natürlich nicht - er hätte sich wahrscheinlich auch sehr erschrocken.

Dann ging alles sehr schnell. Es ruckelte noch ein paar Mal, dann öffnete sich sein Gefängnis und Klee wurde unsanft auf dem Boden abgesetzt. Für einen Augenblick war er wie erstarrt, kam auf seine Beine, guckte kurz nach oben und fing an zu rennen, so schnell ihn seine Beine zu tragen vermochten.

Im Wegrennen konnte er den Menschen noch erstaunt rufen hören: „Na so was - die Maus lebt ja noch.“

Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so schnell gelaufen zu sein. Doch dann stoppte er unvermittelt, vor sich die undurchdringliche Dunkelheit, die irgendwie anders war als die in seinem Garten. Der Duft war anders, die Geräusche sowieso und - überall Bäume.

Kapitel - Die Versammlung

Was war eigentlich geschehen? Wie konnte es zu diesem unbeschreiblichen Desaster kommen? Der Tag hatte eigentlich ganz normal angefangen. Ein ganz gewöhnlicher, aber auch wunderschöner Frühsommertag. Irgendetwas kitzelte Klee an der Nase. Er drehte sich um, war sofort hellwach, strich sich seine strubbeligen Schnurrbarthaare glatt und war aus dem Bau, ehe man bis drei zählen konnte.

„Guten Morgen mein Kleiner“ tönte es ihm entgegen. Nicht nur seine Mutter Blume, sondern die gesamte Familie schien schon wach zu sein. Alle tobten durcheinander, irgendwie wie jeden Tag, dachte er.

Und dennoch war dieser Tag anders. Schlagartig fiel es ihm wieder ein:

erster Schultag

Wie hatte er dies nur vergessen können. Und deswegen waren schon alle so wach, hatten ihr Fell gebürstet und gestriegelt, die Krallen poliert und ihre Schwänze sorgfältig geringelt.

Seine beiden Brüder TripTrap giggelten hinter seinem Rücken als sie alle gemeinsam die große Wiese überquerten, vorbei an der großen Steinskulptur in Richtung große Tanne. Hier in der Nähe der Kaninchenställe, abgeschirmt vom hochgewachsenen Elefantengras, hatten sich schon alle anderen Familien des Gartenstamms versammelt. Es herrschte eine aufgeregte, aber auch angespannte Stimmung. Es war schließlich nicht ganz ungefährlich, so am frühen Morgen mit fast fünfzig Mäusen eine Versammlung abzuhalten. Es war die gefährliche Tageszeit, zu der die Katzen von ihrer nächtlichen Jagd zurückkehrten und gerne noch so nebenbei eine Maus zum Nachtmahl fingen, wenn ihnen eine zufällig über den Weg lief.

Doch die Mäuse hatten ausreichende Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Die besten und erfahrensten Wächter hatten sich an allen wichtigen Stellen postiert: vorne an der Einfahrt, an der Treppe zur Terrasse und natürlich hinten am Kompost. Es waren zum Einen die Mäuse mit den schärfsten Augen und dem besten Gehör, zum Anderen die besten Sprinter aus dem Stamm. Mäuse, die es gewohnt waren, sofort zu reagieren.

Auch wenn die Mäuse alle Vorbereitungen mit äußerster Vorsicht geplant hatten, hatte sich die Versammlung bereits im Garten herumgesprochen. Und so gab es einige Augenpaare, die mit Interesse, Sorge oder aber Argwohn das Treiben unter der Tanne beobachteten. Ein einzelner Beobachter mit messerscharfen Krallen und fürchterlichen Fangzähnen war kaum fähig, seinen Hass zu verbergen.

Unter der Tanne hatten die Feierlichkeiten bereits begonnen. Die Familien hatten einen Kreis gebildet, während sich Klee mit den anderen jungen Schülern in der Mitte versammelt hatte.

Die letzten Wochen hatten die Jungmäuse ihre Eltern schon begleiten dürfen und hatten dabei eifrig das geübt, was eine Maus zum Überleben können muss: Nahrungsmittel erkennen und sammeln, Aufspüren von Käfern, Würmern und anderen wohlschmeckenden Leckerbissen sowie das Lesen von geheimen Zeichen, die auf zuvor angelegte Nahrungsdepots verwiesen. Darüber hinaus war es sehr nützlich zu wissen, wo sich unterirdische Wasserstellen befinden oder der süßeste Blumennektar zu finden ist.

Wie nebenbei hatten sie dabei auch gelernt, wie eine Maus sich in der freien Natur verhalten muss, wie man bei drohendem Unwetter schnell eine kleine Erdhöhle anlegt und wie man erkennt, welcher Boden zum Graben und Wühlen am besten geeignet ist. Natürlich hatten ihnen die Eltern und älteren Geschwister auch beigebracht, welche Tiere sich noch in der Umgebung aufhalten, welche davon freundlich gesinnt sind und welchen man am besten aus dem Weg geht. Vor dem ersten Schultag hatten dann alle Mäuse eine Prüfung abgelegt, damit die künftigen Lehrer sehen konnten, welche Maus für welche Aufgabe innerhalb des Stammes am besten geeignet sei. Schließlich würden alle Mäuse am ersten Schultag, je nach ihrer besten Begabung, auf unterschiedliche Klassen aufgeteilt werden. Darüber hinaus durfte jede Maus ungeachtet des Prüfungsergebnisses eine Vorauswahl treffen, in welcher Klasse sie am liebsten unterrichtet werden wollte. Zur Auswahl standen folgende Klassen:

„Die Wühler“, „Die Sammler“, „Die Händler“, „Die Träger“, „Die Wächter“ und „Die Boten“.

Klee selbst hatte sich als hervorragender Sammler erwiesen und hatte sehr lange mit seinem besten Freund Kugel geübt. Immer wieder hatten sie abwechselnd Eicheln und Bucheckern im Garten versteckt, teilweise sogar vergraben und wetteiferten darum, wer diese am schnellsten aufspüren konnte. Dann hatten sie gelernt, Früchte und Pflanzen zu unterscheiden, gab es doch zu jeder essbaren Frucht mindestens ein bis zwei ungenießbare oder gar giftige Gegenstücke. Die falsche Frucht zu erwischen, konnte damit lebensgefährlich sein und einen ganzen Stamm ausrotten.

Natürlich wünschten sich beide Freunde nichts sehnlicher, als gemeinsam in die Klasse der Sammler aufgenommen zu werden. Ein Sammler zu sein war nicht ungefährlich. Hier ging es nicht darum, unbeschwert von Busch zu Busch zu huschen, um nach Essbarem Ausschau zu halten. Nein - Sammler waren diejenigen, die sich abgesehen von den Boten immer am weitesten vom Stammgebiet in unbekannte Territorien wagten, immer auf der Suche nach Nahrung für den Stamm. Sammler durften nie allein auf die Suche gehen, zu gefährlich war die Welt außerhalb des Baus.

Über Sammler kursierten die abenteuerlichsten Geschichten und jede Maus kannte die Legenden über die tapfersten Sammler, die von ihren langen Reisen nicht mehr zurückgekehrt waren.

Manche Sammler waren tagelang auf sich allein gestellt, darauf angewiesen, bei anderen Stämmen zu übernachten. Dies gab natürlich auch Gelegenheit, diese Stämme besser kennenzulernen und Botschaften und Nachrichten zwischen den Stämmen auszutauschen. Einige der begabtesten Sammler wurden später Boten - ausschließlich damit beschäftigt, Nachrichten zwischen den einzelnen Stämmen zu verteilen.

Zu Beginn der Feier hatten sich alle Stammesangehörigen im Kreis um die jungen Schüler versammelt. Neben dem Gartenstamm hatten auch einige Angehörige des befreundeten Hundestamms den Weg durch die Nachbargärten und unter der großen Mauer hindurch gefunden und wurden nun mit Hochachtung und großer Freude willkommen geheißen.

Dann trat unvermutet eine sehr imposante, alte Maus in die Mitte, richtete sich auf und sofort verstummten alle um sie herum. Laub, eine alte Seherin und erfahrene Lehrerin, war wirklich beeindruckend anzusehen. Ihr silbriges Fell war sehr dicht, ungewöhnlich lang und wirkte wie ein königlicher Umhang. Sie hatte große graue Augen, mit denen sie nun die neuen Schüler aufmerksam musterte.

„Schüler“, sprach sie und alle waren überrascht, wie klar und tief ihre Stimme klang. „Schüler“, wiederholte sie. „Ihr habt nun in den letzten Wochen eine sehr intensive Zeit verbracht, ihr habt gespielt, gelernt und eure ersten wichtigen Erfahrungen gemacht. Nun gilt es in den nächsten Wochen, dieses Wissen zu vertiefen, damit ihr vollwertige Mitglieder unserer Stammesgesellschaft werdet.“

Die etwa zwanzig Jungmäuse blickten sie beeindruckt an und wagten kein Schnurrhaar zu regen.

„Damit ihr dieses Wissen möglichst schnell erlangt, werdet ihr nun, wie schon Generationen von Mäusen vor euch, auf die sechs Klassen aufgeteilt. Jede Klasse hat einen Lehrer, der euch begleiten wird und euch alles beibringen wird, was ihr für die für euch bestimmten Aufgaben benötigt. In dieser Zeit werdet ihr den Stammesbau verlassen und mit euren Freunden und den Lehrern in einen eigenen Bau ziehen, einzig und allein um euch vollkommen auf den Lehrstoff und eure künftigen Prüfungen zu konzentrieren.“

Bei Erwähnung des neuen Baus und bei der Vorstellung, Eltern und Verwandte nun nicht mehr regelmäßig zu sehen, guckten einige der kleineren Mäuse recht ängstlich - eine fing zudem fürchterlich zu schluchzen an.

„Ich möchte nicht unerwähnt lassen“, fuhr Laub fort, „dass wir auch in diesem Jahr im Vorfeld wieder hervorragende Leistungen beobachten konnten und auch die Testergebnisse lassen vermuten, vorausgesetzt dass nicht geschummelt wurde, dass wir in diesem Jahrgang wieder herausragende Talente ausbilden dürfen. Hierfür schon einmal vorab meine Hochachtung und Dank.

Doch kommen wir nun zu dem für euch wohl spannendsten Teil: die Zuteilung auf die Klassen. Die Anzahl der Plätze in den einzelnen Klassen ist genau ausgezählt und entspricht unserem aktuellen Bedarf. Wir konnten daher leider nicht jedem eurer Wünsche entsprechen. So werden wohl am Ende einige von euch nicht den gewünschten Klassen zugeteilt werden. Aber seid gewiss, dass wir für alle eine gute Lösung gefunden haben.“

Es machte sich eine kleine Unruhe breit. Eltern und Geschwister scharrten vor Anspannung mit den Pfoten; lediglich die Schüler waren wir erstarrt, unfähig sich auch nur zu rühren.

„Ich werde nun jeden Schüler einzeln aufrufen und bitten, zu mir zu kommen. Sodann werde ich den Namen der Klasse verkünden. Bitte begebt euch dann unverzüglich zu euren Lehrern. Ihr erkennt sie an den Symbolen vor ihnen im Sand.“

Und so geschah es. Mit ihrer tiefen Stimme rief Laub die Mäuse auf. Eine jede Maus trat nach vorne, genauso wie sie es Tage zuvor geübt hatten. Sodann wurde der Name der Klasse verkündet, begleitet vom begeisterten Applaus der jeweiligen Angehörigen:

Gras - Wühlerklasse, Kreis

Klee - Sammlerklasse, Dreieck

Murmel - Botenklasse, Pfeil

Helm - Trägerklasse, Stern

Bambus - Wächterklasse, Viereck

Kugel - Wühlerklasse, Kreis

Und so ging es eine ganze Weile weiter, bis alle Schüler auf die Klassen verteilt worden waren. Lediglich die Händlerklasse wurde in diesem Jahr nicht besetzt, da im vorherigen Jahrgang ausreichend viele Mäuse zu Händlern ausgebildet worden waren.

Es dauerte eine Weile, bis Kugel aus seiner Starre erwachte und zu seiner Bestürzung realisiert, dass er nicht mit seinem besten Freund Klee in der Sammlerklasse untergekommen war. Klee wiederum konnte es ebenfalls nicht fassen, zwar in seiner Wunschklasse gelandet zu sein, aber ohne seinen besten Freund, der nun ein Wühler werden sollte.

Klee überlegte einen Moment und wagte sich dann nach vorne, um seine Auswahl rückgängig zu machen. So etwas kam in jedem Jahr mal vor. „Lieber zu zweit in der Wühlerklasse, als allein ein Sammler zu sein“, dachte er. Kugel bemerkte aus den Augenwinkeln, wie sich sein Freund der weisen Laub näherte. Er verstand sofort, was dieser vorhatte. Mit drei gewaltigen Sätzen kam er ihm zuvor und verstellte ihm den Weg. Mit glitzernden Tränen in den Augen und belegter Stimme keuchte er: „Klee - bitte belass es bei dieser Auswahl. Du hast so hart dafür gearbeitet - du hast es verdient, ein Sammler zu werden.“

„Du doch aber auch“, schluchzte nun auch Klee, der vor Rührung kaum mehr sprechen konnte.

„Ja natürlich wäre ich gerne ein Sammler geworden, zumal mit dir, als meinem besten Freund. Aber alle aus meiner Familie waren bisher Wühler und da ist es eigentlich nur konsequent, wenn ich diese Familientradition fortführe.“

Da mussten beide nun doch wieder ein wenig lächeln und schworen sich, ob Sammler oder Wühler, ihre Freundschaft nie aufs Spiel zu setzen.

Nachdem nun alle Schüler ihre Lehrer gefunden hatten, setzten sich die Klassen nacheinander in Bewegung - zurück zum Hauptbau unter dem großen Johannisbeerstrauch am vorderen Komposthaufen. Sie wählten unterschiedliche Wege, um nicht als große Gruppe unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Während der gesamten Zeit hatte der, in den Bäumen versteckte, Jäger seine Erregung und Wut kaum mehr verbergen können. Wild peitschte der Schwanz der tiefschwarzen Katze, die sich fast unsichtbar an den Ast des großen Birnbaums schmiegte. Nicht dass sie von der Veranstaltung der Mäuse irgendetwas mitbekommen hätte, dazu war das Elefantengras zu dicht, aber sie wusste, dass sich irgendwo dort unten eine größere Anzahl von Mäusen versammelt hatte. Die Katze mit dem weißen Fleck auf der Brust war fast blind vor Wut, war sich aber bewusst, dass ein ungestüm vorgetragener Angriff zu keinem Ergebnis führen und alle Mäuse in der näheren Umgebung auf Wochen in den Untergrund vertreiben würde. Tinka beschloss daher, eine günstigere Gelegenheit abzuwarten, um sich an den verhassten Mäusen zu rächen. Sie reckte und dehnte sich ausgiebig, und während die Mäuse noch gebannt der Aufteilung der Schüler beiwohnten, hatte sie in wenigen Augenblicken ihren Hochsitz verlassen, um Drinnen bei den Menschen ihr Frühstück in Empfang zu nehmen.

Kapitel - Im Bau

Es dauerte eine Weile, bis alle Familien im Hauptbau eingetroffen waren. Die Wächter zogen sich von den Außenposten zurück und nahmen an den Zugängen zum Bau Aufstellung. Sie würden zu gegebener Zeit ihren Anteil vom Festessen erhalten. In der Zwischenzeit hatten sich die gesamte Festgesellschaft in der Haupthalle versammelt und es wurde gemütlich eng. Reden wurden geschwungen, stolze Eltern präsentierten sich mit den jungen Schülern und die älteren Geschwister, deren Ausbildung schon ein paar Monate zurücklag, prahlten mit ihren Erlebnissen während dieser Zeit.

Natürlich gab es ein tolles Büffet mit Köstlichkeiten der Saison: frische Blumenzwiebeln, Nüsse aus den Winterdepots, Kartoffelschalen vom benachbarten Kompost, dazu kleine Käfer und zarte Regenwürmer - kurz gesagt ein Festessen. Zum Nachtisch wurden erste Johannisbeeren gereicht, die in den letzten Tagen in der Höhle nachgereift waren.

Anders als sonst war die Haupthöhle in ein diffuses Licht getaucht. Kleine Glasscherben waren so in den Gängen angeordnet, dass das Sonnenlicht bis in die Haupthalle geleitet wurde. Eine Installation, die allgemein Beachtung und Bewunderung fand.

Klee tobte mit Kugel durch die Gänge. Es wurde ihnen nun bewusst, dass sie die gewohnten Orte einige Zeit nicht mehr sehen würden. Einerseits genossen sie die Aussicht auf den neuen Lebensabschnitt mit Freunden und neuen Kameraden, anderseits wussten sie auch, dass in den nächsten Monaten höchste Disziplin von ihnen erwartet wurde, verbunden mit harter Arbeit. Für ein gutes Gelingen waren nicht nur auf‘s schärfste ausgebildete Sinne, körperliche Kraft und Ausdauer, Geschick und Kombinationsgabe, sondern auch eine gute Portion Glück erforderlich. Doch der Unterricht würde erst am nächsten Morgen beginnen und so beschlossen die Freunde, den verbliebenen Tag und die anstehende Nacht in vollen Zügen zu genießen.

Zur heißesten Mittagszeit hatte sich die Gesellschaft vorübergehend in die verschiedenen Schlafkammern zurückgezogen, um auszuruhen und um sich auf die abendliche Feier und den Umzug der Schüler vorzubereiten.

Nur eine einzelne Maus schlich jetzt noch durch die Gänge, bemüht sich unsichtbar zu machen und auf keinen Fall aufzufallen. Immer wieder schaute sie sich vorsichtig um, um dann schnell im nächsten Gang zu verschwinden. Zielstrebig bahnte sie sich ihren Weg durch das Labyrinth des vielverzweigten Baus, bis sie in einer kleinen weit entlegenen Kammer angelangt war. Ohne zu zögern steuerte die Maus die hintere Wand an, die fast gänzlich im Dunklen lag und fing sofort an zu graben. Es dauerte nicht lange, da hatte die Maus einen kleinen Gang hergestellt, geradezu ein Kinderspiel für einen erfahrenen Wühler. Und tatsächlich fiel bald fahles Licht durch ein kleines Loch, das die Maus so lange vergrößerte, bis sie sich hindurchwinden konnte.

Kaum draußen angelangt, sammelte die Maus ein paar verstreute Blätter, um den soeben gegrabenen Zugang zu verbergen. Man konnte nie wissen, wer um diese Zeit um den Bau schlich. Nachdem er den Zugang provisorisch verborgen hatte, verschwand der Wühler im Unterholz, wobei er sich noch mehrfach umschaute, um sicherzugehen, dass ihm niemand folgte.

Schnell hatte er die kurze Strecke bis zum Hauptweg zurückgelegt, der große gepflasterte Weg, der den Hof mit dem hinteren Gartenbereich verbindet. Er überquerte den Weg und folgte ihm parallel auf dem kurzgeschorenen Rasen bis zu der kleinen Buchsbaumhecke. Nichts - keinerlei Hinweise. Er querte den Weg erneut, um auf der anderen Seite weiter zu suchen. Und plötzlich fand er sie, die geheimen Zeichen, mit denen Mäuse ihre Pfade markieren. Er prägte sich diese genau ein und machte sich dann wieder auf den Rückweg, um rechtzeitig im Bau einzutreffen, noch bevor die Mäuseschar aus dem Mittagsschlaf erwachte.

Kapitel - Rückblick - Tinka und Twister

Tinka war im Alter von wenigen Wochen mit ihrem Bruder Twister zu der Menschenfamilie, den Besitzern des Gartens, gekommen. Die Familie, die Eltern Katja und Martin mit den beiden Kindern Luna und Julian, war sehr tierlieb und hatte neben den beiden Katzen bereits einige Kaninchen, die in einem großen Stall mit Außengehege ganz in der Nähe der großen Tanne lebten.

Tinka und Twister waren zwar sehr unterschiedlich - Tinka eher vorsichtig, überlegend und sehr klug, Twister ungestüm, wild und ein wenig einfältig - dennoch waren sie unzertrennlich.

In der ersten Zeit waren sie noch zu klein, um in den Garten zu dürfen. Daher erkundeten sie die Menschenwohnung aufs Genaueste, gab es doch auch hier jede Menge interessante Dinge zu entdecken. Täglich dachten sich zudem die Kinder und insbesondere Luna neue Spiele aus, um die Katzen zu belustigen. Schnell hatten Tinka und Twister die gesamte Wohnung zu ihrem Revier erklärt. Entweder spielten sie, tobten wie die Irren durch die Wohnung oder ließen sich von ihren Menschen kraulen und beschmusen. Und dann fanden sie natürlich ausreichend Zeit, in allen möglichen Stellungen zu schlafen.

Im Laufe der Zeit lernten sie sogar die Bedeutung einiger Menschenworte wie zum Beispiel „nein“, „runter“, „leckerleckerlecker“ und natürlich ihre Namen kennen. Ganz eindeutig: Die Katzen waren der Mittelpunkt der Familie und wurden heiß und inniglich geliebt.

Trotz aller Ablenkung und Zuneigung durch die Menschen sehnten sich Tinka und Twister nach der freien Natur, fragten sich ständig, wann es ihnen wohl gestattet würde, nach draußen zu gehen.

Und dann war es endlich soweit. Ostern war gekommen und dies war der Zeitpunkt, zu dem zum Einen die Kaninchen ihren Sommerplatz unter der großen Tanne einnahmen und zum Anderen die Familie beschloss, die Katzen zum ersten Mal nach in den Garten zu lassen. Tinka und Twister konnten ihr Glück gar nicht fassen. Ein riesiger Garten ganz für sie alleine, wenn man mal von den Kaninchen absah - so dachten sie jedenfalls. Ein ganzer Garten voller neuer Gerüche, Farben, Früchte und Klettergelegenheiten. Dazu viel kleines Krabbelgetier von der Ameise, den Regenwürmern, unzähligen Käfern bis zu der ein oder anderen Libelle. Im hinteren Gartenbereich war zudem ein Gartenteich mit echten Fröschen. Was will das Katzenherz mehr?

Auch die Menschen kamen nun immer häufiger in den Garten und spielten mit Bällen oder anderen merkwürdigen Dingen, sammelten Blumen oder saßen einfach nur herum. Und immer konnte man vom Spielen müde, den Menschen einfach auf den Schoß springen und sich ein paar Krauleinheiten abholen. Was für eine herrliche Welt.

Zu diesem Zeitpunkt ahnten allerdings weder Tinka noch Twister, dass es mit der Ruhe und Gemütlichkeit bald vorbei sein würde. Und das lag nicht nur an dem Hornissennest, das oben im hohlen Birnbaum hing.

Schon seit einiger Zeit hatten die beiden Geschwisterkatzen das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden. Dazu wehte manchmal eine seltsame Geruchsfahne durch den Garten - meistens in den frühen Abend- und Morgenstunden. Ein Geruch der unwillkürlich an Gefahr denken ließ und bei dem sich nicht nur bei den Kaninchen die Nackenhaare aufstellten.

Kapitel - Die Kaninchen 1

Überhaupt die Kaninchen. Saßen den ganzen Tag in ihrem Gehege, nur ahnend, wie aufregend das Leben draußen im Garten war. Seit jedoch Tinka und Twister im Garten herumtollten, steckten die Kaninchen immer häufiger ihre Nasen durch die Gitterstäbe und schauten sehnsüchtig auf die Wiese. Ist es nicht so, dass die Wiese auf der anderen Seite des Zauns immer ein wenig grüner und begehrenswerter erscheint, als die Wiese auf der eigenen Seite. So empfanden es zumindest die Kaninchen. Und mit der Zeit wurde der Wunsch fast unerträglich, genau dies herauszufinden.

Eines Tages kam Merlin, das größere der beiden Kaninchen, auf eine verwegene Idee. Was wäre, wenn er aus dem Gehege ausbräche - natürlich nicht für immer, nur mal für einen Nachmittag, nur mal, um sich umzuschauen? Natürlich würde er abends wieder zurückkehren in den sicheren Stall.

Spontan stemmte er sich mit aller Kraft gegen die Gitterstäbe des Stalls, die auch sofort nachgaben, aber nachdem er losgelassen, wieder in ihre ursprüngliche Lage zurücksprangen. Er merkte schnell, dass er so nicht weiterkam.

Zum ersten Mal überhaupt schaute er sich das Gehege genauer an. Da war der zweigeschossige Schlafstall. Oben die mit Stroh gefüllte Schlafstelle mit der kleinen Lauframpe. Hier klappten die Menschen manchmal das ganze Dach auf, vornehmlich um den Stall zu reinigen oder Futter nachzulegen. Keine Chance hier unbemerkt zu entkommen. Dann gab es den Außenbereich, der zweigeteilt war. Einerseits ein aus einzelnen Gitterelementen begrenztes Areal mit einem vergitterten Foliendach, andererseits ein eher niedriger Bereich, der ursprünglich der Aufsatz eines Meerschweinchen-Käfigs war. Alle Gitterelemente waren miteinander durch Drähte verbunden. Hier bot sich möglicherweise eine Angriffsmöglichkeit.

Sorgfältig und dabei ständig mit der Nase schnuppernd, untersuchte Merlin den gesamten Stall, wobei er sich auch nicht von der ein oder anderen Leckerei ablenken ließ, die er dabei zufällig fand: ein Stück Möhre, ein kleines Büschel Giersch und einen Löwenzahn. Er hatte Zeit und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Außerdem wollte er sichergehen, dass er kein noch so kleines Detail übersah. Am Ende seiner Inspektion konstatierte er: Schlafstall - Ausbruch ausgeschlossen. Außenstall - Ausbruch durchaus machbar, wenn auch mühsam.

Während Merlin noch über einen Weg nach draußen nachdachte, beobachtete er Kasimir, das beige kleinere Kaninchen wie es mit den Vorderpfoten im Sand scharte. Da hatte er einen Geistesblitz. Natürlich, warum hatte er nicht gleich daran gedacht. Sind denn Kaninchen nicht ausgezeichnete Wühler und Buddler. Jetzt wusste er, wie sie es anstellen würden. Sie würden einen Tunnel graben. Sofort testete er den Untergrund innerhalb des Geheges. Schnell hatte er eine ansehnliche Kuhle gegraben, die er ebenso schnell wieder zuschaufelte. Das Letzte was nun geschehen durfte war, dass die Menschen von seinen Plänen erfahren würden. Er beschloss daher, Kasimir einzuweihen und die Arbeit in die Nacht zu verlegen.

In der frühen Dämmerung trafen sie die ersten Vorbereitungen für den großen Ausbruch. Sie beschlossen, den Anfang des Tunnels in die untere Etage des Schlafstalls zu verlegen. Hier kamen die Menschen so gut wie nie hin und man konnte den Eingang gut mit ein wenig Stroh verbergen. Der Tunnelausgang durfte auf keinen Fall auf der Wiese enden, daher legten sie den Ausgang hinter den Schlafstall, direkt vor dem Elefantengras.

Kasimir erwies sich als der bessere Wühler. Schnell hatte er ein tiefes Loch gegraben, während Merlin das abgetragene Erdreich im restlichen Stall verteilte. Es dauerte gar nicht lange, da war Kasimir vollständig im Loch verschwunden und es war nur noch sein beständiges Scharren und Schnaufen zu vernehmen. In regelmäßigen Abständen kamen kleine Sandfontänen aus dem Loch geflogen.

Mit einem Mal kam er rückwärts aus dem Loch gekrochen. „Uff - ich komme nicht weiter“ keuchte er. „Da ist eine riesige Wurzel im Weg.“

„Die schaue ich mir mal näher an“, sprach Merlin und wetzte die Zähne.

Es war ein gutes Stück Arbeit und Merlin war auch ein wenig aus der Übung, war doch eine Möhre bisher das Härteste was er zernagt hatte. Es war bereits früher Morgen, als er endlich mit der Wurzel zwischen den Zähnen aus dem Loch gerobbt kam und Kasimir den Tunnel fertigstellen konnte.

Sie beschlossen, sich ein wenig zu stärken, um dann im ersten Morgenlicht, die Umgebung zu erkunden.

Nacheinander schlüpften sie durch den Tunnel, um gleich darauf hinter dem Schlafstall wieder herauszukommen. Sie hoppelten um das Elefantengrasbüschel herum und betraten die noch taunasse Wiese. Die Luft war rein und klar und der Mond verschwand gerade hinter den Wolken.

Die Wiese fühlte sich weich und federnd unter ihren Pfoten an und plötzlich lief Merlin, wie von der Tarantel gestochen, los. Er war selber erstaunt, wie schnell er rennen und erst recht, welch blitzschnellen Haken er dabei schlagen konnte, sobald ihm ein Hindernis den Weg versperrte. Unwillkürlich fing er an zu lachen, so glücklich war er über die gewonnene Freiheit. Erst jetzt bemerkte er, dass Kasimir gleichzeitig mit ihm losgerannt war und jede seiner Bewegungen nachvollzogen hatte, quasi wie sein Schatten an im klebte.

So liefen und sprangen sie eine ganze Weile übermütig durch den Garten, bis sie beschlossen, sich wieder in den Stall zurück zu ziehen.

Außer Atem und aufgeregt vor Glück waren sie nicht in der Lage, den gefährlichen Geruch wahrzunehmen, der sich in unmittelbarer Nähe ihres Stalles langsam ausbreitete. Auch waren sie zu unerfahren und unbedarft, als dass sie daran gedacht hätten, den soeben gegrabenen Tunnel zumindest provisorisch zu versperren. Nicht einen Augenblick hatten sie bedacht, dass der gleiche Tunnel, der ihnen als Zugang in die Freiheit diente, im umgekehrten Fall bösen und gefährlichen Tieren die Gelegenheit gab, in ihr Gehege einzudringen.

In der Zwischenzeit hatte der Eindringling aufmerksam beobachtet, wie die Kaninchen aus dem Gehege gelangt waren. Insbesondere hatte er registriert, wo sich der Tunnelausgang befand. Der Fuchs, ebenfalls ein sehr erfahrener Wühler, schätzte ein, dass es ihn nicht allzu viel Mühe bereiten würde, den Tunnel der Kaninchen so aufzuweiten, dass es ihm gelingen würde, sich selbst hindurch zu zwängen.

Doch er musste vorsichtig vorgehen. Er konnte sich nicht erlauben, die Aufmerksamkeit der Kaninchen auf sich zu ziehen. Diese würden sofort einen kräftigen Radau machen, panisch vor Angst gegen die Gitter springen und dann würden sofort alle Vögel, ihnen voran der Eichelhäher, ein Höllenkonzert veranstalten. Und dann war es wiederum nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen kommen würden. Keine Chance in diesem Durcheinander sich ein Kaninchen zu greifen und dieses auch noch durch einen engen Tunnel zu schleifen. Er brauchte ganz eindeutig einen anderen Plan.

Kapitel - Ein unbarmherziger Jäger

Am folgenden Morgen fand sich der Fuchs wieder am Kaninchenstall ein. Er achtete sogfältig darauf, dass er sich gegen den leichten Wind bewegte. Er nahm also einen kleinen Umweg in Kauf, bis er wieder in der Nähe des Elefantengrases seinen Beobachtungsposten einnahm.

Es dauerte gar nicht lange, da hörte er die ersten Geräusche aus dem Stall und kurze Zeit später waren beide Kaninchen durch den Tunnel gekrochen gerade mal einen knappen Meter vor ihm entfernt.

Erneut wiederholte sich das muntere Treiben der beiden Kaninchen. Lustige Sprünge, wildes Gejage, Wettrennen so schnell sie die Beine trugen. Mehr als einmal kamen sie dabei auch ganz dicht an sein Versteck heran. Er wusste, dass es so gut wie unmöglich war, ein Kaninchen im vollen Lauf zu erwischen.

Der Fuchs duckte er sich daher noch tiefer, die Schnauze flach auf dem Boden gepresst. Gebannt beobachtete er jede Bewegung der Kaninchen, bereit sofort aufzuspringen, sollten sie ihn entdecken.

Und dann kam der Moment, auf den er gewartet hatte. Die Kaninchen waren vollkommen erschöpft und beschlossen, sich in den Stall zurück zu ziehen. Müde hoppelten sie, Merlin voran, in Richtung Elefantengras. Der Fuchs spannte sämtliche Muskeln an und richtete sich sprungbereit auf, als plötzlich der Wind drehte.

Merlins Nüstern blähten sich und rochen Gefahr und zwar allerhöchste Gefahr, direkt vor ihm. Er drehte auf der Stelle um und rannte trotz seiner schweren Beine mit einem ungeahnten Tempo in Richtung große Treppe. Kasimir, der direkt hinter ihm trottelte wurde durch die Wucht umgerissen und begriff erst, was Merlin so aus der Ruhe gebracht hatte, als sich der Fuchs bereits über ihn beugte.

Mit einer letzten Kraftanstrengung wand sich Kasimir unter dem Fuchs hervor und preschte ebenfalls in Richtung große Treppe. War es auch ungemein schwer, ein Kaninchen zu fangen, welches sich im vollen Lauf befindet, so war Kasimir zumindest gerade erst gestartet. Gar keine so schlechte Ausgangssituation für den Fuchs. Mit einer Schnelligkeit, die ihn selbst überraschte, wirbelte er herum und jagte in großen Sätzen hinter dem flüchtenden Kaninchen her.

Er hatte Glück, dass Kasimir kurz vor der Treppe abbremste, unentschlossen, ob er nun die Treppe hinausflitzen sollte, wo im Übrigen schon Merlin wartete oder lieber über den Hof und die Einfahrt in Richtung Vorgarten flüchten sollte.

Weiter konnte und brauchte er nicht zu denken, denn der Fuchs hatte ihn eingeholt, riss ihn zu Boden und verbiss sich in seiner Kehle. Kasimir stieß einen herzzerreißenden, gellenden Schrei aus, dann bekam er keine Luft mehr und verlor das Bewusstsein, kurz bevor er starb.

Merlin musste die grausame Jagd von der Terrasse aus mit ansehen. Mit bebenden Nüstern, weit aufgerissenen Augen verfolgte er das Geschehen. Was würde er darum geben, nun in seinem sicheren Stall zu liegen. Warum waren sie überhaupt auf die Idee gekommen, aus ihrem Stall auszubrechen?

Der Fuchs richtete sich auf. Er hatte eine blutverschmierte Schnauze und schaute sich nach Merlin um. Merlin gefror bei diesem Anblick das Blut in den Adern und er machte das, was alle Kaninchen bei Gefahr machen. Er klopfte. Er schlug mit seinen Hinterbeinen so schnell er konnte auf die Terrassenfliesen ein - ein dumpfes, aber in der ansonsten stillen Nacht, unüberhörbares, lautes Geräusch. Natürlich wusste nun auch der Fuchs wohin sich Merlin verkrochen hatte. Er schaute die Treppe hoch und schien zu überlegen. Einerseits reizte ihn die Aussicht, noch ein zweites Kaninchen zu reißen, andererseits scheute er sich, die Treppe hinauf zu laufen. Da oben, das wusste er, war Menschenland. Außerdem gab es nur einen Fluchtweg.

Für einen Augenblick war er unschlüssig, als er plötzlich auf der Hofeinfahrt ein Gepolter wahrnahm. Eine Tür fiel ins Schloss und im selben Augenblick traf ihn ein heller Lichtstrahl direkt in die Augen. Für einen Moment war er geblendet und sah nur noch kreisende Lichter. Er schloss die Lider, wartete einen Augenblick und beugte sich über Kasimirs toten Körper. Mit einem Ruck riss er das tote Kaninchen an sich, musste es aber sofort wieder fallen lassen. Zu schwer war die Last, als dass er damit hätte fliehen können. Schweren Herzens verschwand er mit aufgerichtetem Schwanz im hinteren Teil des Gartens.

Merlin wusste am nächsten Morgen nicht mehr, wie er in den Stall zurückgekommen war. Es waren wahrscheinlich die Menschen, die ihn eingefangen und in den Schlafstall gesetzt hatten. Er hätte die Ereignisse der Nacht für einen bösen Traum gehalten, hätte sein Freund Kasimir nicht gefehlt. Außerdem hatten die Menschen den Tunnelausgang mit einem großen Stein verschlossen.

Kapitel - Twisters Unfall

Tinka und Twister ahnten nichts von den schrecklichen Ereignissen der Nacht. Sie bemerkten nicht einmal, dass Merlin nun alleine in seinem Stall saß. Und hätte sie es bemerkt, wäre es ihnen vermutlich auch egal gewesen.

Unbekümmert nahmen sie in den nächsten Wochen den Garten für sich in Beschlag. Sie liebten die verschiedenen Plätze, den Schatten unter der großen Tanne direkt neben dem Kaninchenstall, den hohen Ausguck oben im Birnbaum, die Wiese mit ihrem kurzgeschorenen Gras und die warmen Steine auf der Terrasse, die noch lange nach Einbruch der Dunkelheit die Wärme des Tages speicherten.

Während es Tinka vollkommen ausreichte, sich im hinteren Garten aufzuhalten, zog es Twister wie eine unbekannte Macht die Einfahrt hinauf. Er wollte entdecken, war ständig auf der Suche nach Abenteuer, liebte fremde Gerüche, auch die gefährlichen. Der Vorgarten war nicht wirklich eine Abwechslung, aber von der Mauer aus bot sich ihm der Blick auf eine vollkommen andere Welt. Keine zwanzig Meter entfernt erhoben sich majestätische Bäume und bildeten eine undurchdringliche grüne Wand. Er hatte von diesem Ort gehört, Wald nannten ihn die Menschen. Wald - das klang einfach und schlicht und hatte dennoch etwas Magisches. Einige Male hatte er versucht, sich diesem Wald zu nähern, hatte sich über den Fußweg an die parkenden Autos herangeschlichen. Manchmal lag er dort stundenlang und starrte auf die andere Straßenseite. Hier war es sehr laut. Autos rauschten an ihm vorbei und ab und zu fuhren dazu noch große silberne Straßenbahnen auf gleißenden Schienen hin und her. Unmöglich jemals auf die andere Seite zu kommen.

Ab und zu erwischten ihn die Menschen. Die waren dann immer ganz aufgeregt, sprangen um ihn herum und riefen: „Nein, Twister, nein“, wedelten mit ihren Armen und versuchten ihn unter den Autos hervor zu scheuchen.

Er tat ihnen dann den Gefallen und verzog sich wieder in den hinteren Garten.

Es geschah an einem dieser Tage, an denen man am besten nicht aus dem Haus geht. Es hatte schon am Morgen geregnet und noch mittags tropfte es von allen Bäumen. Es war für einen Maitag ungewöhnlich kalt, dazu wehte ein starker Ostwind. Eigentlich ein guter Tag, um im Haus zu bleiben, auf den Sofas herumzulungern und sich von den Menschen verwöhnen zu lassen.

Dennoch beschloss Twister eine Runde durch den Garten zu ziehen. Er genoss es, draußen in der Natur zu sein, stattete den Kaninchen einen kurzen Besuch ab, versuchte halbherzig eine Amsel vom Kompost zu jagen und schnappte nach ein paar Libellen, die unvorsichtigerweise zu niedrig durch den Garten flogen. Er war irgendwie planlos und fand sich plötzlich oben an der Einfahrt wieder.

Da spürte er sie wieder ganz stark, diese Sehnsucht nach dem Unbekannten. Der Wald war nun fast schwarz und wirkte aus der Ferne geheimnisvoll, ja sogar etwas bedrohlich.

Twister legte sich unter das nächstbeste geparkte Auto. Es war noch warm und bot ihm Schutz und Deckung. Er schaute wie schon so oft nach drüben, nur hatte er diesmal das seltsame Gefühl, ebenfalls beobachtet zu werden.

Und tatsächlich, auf der anderen Seite der Straße im Schutze der Bahnschwellen lag jemand, der ihn beobachtete. Es war der Mäuserich Schotter, ein erfahrener Späher des Schotterstamms. Schon häufiger war Schotter eingeteilt, das Stammesrevier zu schützen. Und ebenso häufig war Schotter mit der Aufgabe betraut, die andere Straßenseite zu beobachten, betraut, alle Unregelmäßigkeiten sofort zu melden. Er hatte Twister schon oft gesehen. Jedes Mal hatte er seinen Stamm sofort darüber in Kenntnis gesetzt. Aber nie war irgendetwas geschehen. Nie hatte Twister irgendwelche Anstalten gemacht, die Straße zu überqueren. Und so hatte allmählich Schotters Aufmerksamkeit nachgelassen.

Doch heute war ein besonderer Tag. Die Boten des Schotterstamms wurden erwartet. Sie waren schon einige Zeit überfällig. Und kamen aus den Gärten auf der anderen Seite der Straße, ziemlich genau dort, wo Twister sich unter dem Auto bequem gemacht hatte.

Die große, gefährliche Straße und die Gleise der Straßenbahn zu überwinden, war bisher nur einigen sehr erfahrenen Mäusen gelungen, vornehmlich vom Schotterstamm. Diese Mäuse hatten sich seit Generationen an den Verkehr der Straße und auf der Schiene gewöhnt und pendelten geschickt zwischen den beiden Straßenseiten hin und her. Sie kannten mittlerweile den Rhythmus der Straßenbahnen, wussten an den Vibrationen der Schienen abzuschätzen, wie weit die nächste Bahn noch entfernt war. Auch hatten sie Techniken entwickelt, die stark befahrene Straße zu überqueren. Wichtig war es, die Straße in zwei Etappen zu überwinden. In der Straßenmitte befand sich ein weißer Streifen, der relativ sicher war, sofern man nicht schon vorher vor Schreck über die vorbeidonnernden Autos gestorben war.

Plötzlich nahm Schotter eine fast unmerkliche Bewegung auf der anderen Straßenseite wahr. Die überfälligen Boten näherten sich dem Straßenrand und versteckten sich unter dem vorderen Autoreifen unmittelbar neben Twister. Weder die Boten, noch Twister hatten sich bisher bemerkt.

Schotter sah die drohende Gefahr. Instinktiv sprang er auf, um den Boten ein Signal zu geben. Ein schriller Pfiff würde genügen, um den Mäusen zu signalisieren, dass Gefahr drohte. Er musste es riskieren, auch wenn er Twister dadurch möglicherweise erst auf die Mäuse aufmerksam machen würde.

Doch er kam nicht mehr dazu. Eine Bahn näherte sich mit hoher Geschwindigkeit und er musste zusehen, dass er sich in die Tiefen des Schotterbettes verkroch.

Die Boten hatten zwischenzeitlich eine für sie günstige Lücke im ständigen Verkehrsstrom ausgemacht - nur noch ein großer Lastwagen und sie würden bis zur Straßenmitte vorlaufen, dort auf dem Mittelstreifen verharren, um dort die nächste Gelegenheit bis zur Überquerung der zweiten Fahrspur abzuwarten. Sie stellten sich sprungbereit am Straßenrand auf.

Da erst bemerkte sie Twister. Ungeheuerlich, drei Mäuse direkt vor seiner Nase. Und plötzlich lösten sich diese vom Bordstein und rannten über die Straße. Es gab also doch eine Möglichkeit. Twister zögerte nicht einen Moment. Er sprang auf, wobei er sich den Kopf am Unterboden des Fahrzeugs stieß, und jagte mit dröhnendem Kopf hinter den Mäusen her.

Die Boten hatten zwischenzeitlich den Mittelstreifen erreicht, pressten sich flach auf dem Boden und warteten nun auf eine weitere Lücke im Verkehr, um den sicheren Straßenrand zu erreichen. Die Autos sausten in einem atemberaubenden Tempo an ihnen vorbei. Und auch wenn sie an den Verkehrslärm schon lange gewohnt waren, war das Heulen der vorbeidonnernden Fahrzeuge fast unerträglich.

Twister erreichte den Mittelstreifen kurz nach den Mäusen. Er hatte weder nach links noch nach rechts geschaut, war einfach den Mäusen gefolgt. Im Moment interessierte er sich nicht für sie, er wollte nur nach drüben in den Wald, und diese Mäuse schienen zu wissen, wie das ging.

Diese bemerkten Twister erst, als er quasi schon direkt bei ihnen war. Sie waren mit der Situation vollkommen überfordert. Hinter und vor sich die gefährlichen Fahrzeuge und direkt bei ihnen auf dem schmalen Mittelstreifen eine Katze. Wo kam dieser Kater plötzlich her?

Die Mäuse taten das, was Mäuse in solchen Situationen zu tun pflegen: Sie rannten um ihr Leben. Zwei der Boten drehten sich um und rannten so schnell sie konnten in die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren. Sie hatten Glück und erreichten unversehrt den Straßenrand. Der dritte Bote, panisch vor Angst, preschte nach vorne in Richtung Wald. Und Twister folgte ihm auf dem Fuß.

Es gab einen fürchterlichen Schlag, als das Auto Twister und den Boten überfuhr. Beide wurden durch die Wucht des Aufpralls durch die Luft geschleudert und beide landeten auf dem Schotterbett. Der Bote war auf der Stelle tot. Twister hatte sich noch in der Luft gedreht und war auf seinen Beinen aufgekommen. Der Aufprall war aber derartig stark, dass er schwerverletzt liegenblieb. Unter Aufbietung aller Kräfte rappelte er sich auf, seine verletzten Hinterbeine hinter sich herziehend. Der Wald lag nun unmittelbar vor ihm. Noch eine letzte Kraftanstrengung, dann hatte er den Waldrand erreicht. „Wald, oh wie schön ist es im Wald“, war das Letzte, was er dachte, dann erlag er seinen schweren inneren Verletzungen.

Schotter bot sich ein Bild des Grauens: Twister im Todeskampf am Waldesrand und direkt vor ihm der dritte Bote mit verdrehten Gliedern und weit aufgerissenen Augen, wie ein kaputtes Spielzeug. Oh, hätte er doch seine Freunde nur warnen können.

Und noch jemand hatte den grauenvollen Unfall miterleben müssen. Tinka, die es vorgezogen hatte, im Haus zu bleiben, hatte es sich auf der Küchenfensterbank bequem gemacht. Mit Erstaunen und zunehmenden Entsetzen beobachtete sie, wie sich Twister und drei Mäuse daran machten, die Straße zu überqueren. Es herrschte der übliche starke Nachmittagsverkehr. Wenig beruhigt stellte Tinka fest, dass Twister zwar den Mittelstreifen erreichte, doch was war das? Ohne auch nur einen Augenblick zu verharren, jagte Twister wie unter Hypnose einer einzelnen Maus hinterher, geradewegs in Richtung Wald. Was hatte er dort zu suchen. Die Menschen würden sauer sein, und das mit Recht.

Sie konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, als sie das fürchterliche Geräusch des Zusammenpralls unterbrach. Fast gleichzeitig sah sie ihren geliebten Bruder Twister durch die Luft fliegen und auf das Schotterbett aufschlagen.

„Twister“, schrie sie und ihr Schrei klang herzzerreißend. „Twister“, schrie sie nochmals klagend, wohl wissend, dass er sie nicht hören würde.

Menschen sprachen Katzen sieben Leben zu, aber sie wusste, dass dieser Aufprall dazu geeignet war, mehr als sieben Leben auf einmal auszulöschen.

Kurze Zeit später erreichte Tinka den Straßenrand. Sie konnte Twister auf den Gleisen liegen sehen, sah wie er sich aufrappelte und sich mit letzter Kraft an den Waldrand schleppte. Sie wusste, dass sie niemals die Straße würde überqueren können, dass sie ihm nicht zu Hilfe eilen konnte. So blieb ihr nur, aus der Ferne zuzusehen, wie ihr geliebter Bruder starb, dort wo er immer hinwollte - im Wald. Ihre großen grünen Augen füllten sich mit Tränen. Nun war sie allein auf dieser Welt.

Doch wie war es zu diesem Unfall gekommen? In ihrer Wut und Trauer gab es für Tinka nur eine Erklärung: Die Mäuse hatten Twister irgendwie in eine Falle gelockt, hatten auf ihn gewartet, um ihn in den Tod zu locken. Hatten sich seine Naivität und Unerfahrenheit zu Nutzen gemacht.

Von diesem Tag an, hasste Tinka die Mäuse abgrundtief. Unter Tränen der Wut versprach sie ihrem toten Bruder, sich fürchterlich an den Mäusen zu rächen - ganz gleich zu welcher Familie oder Stamm diese auch gehören würden.

Kapitel - Twisters Beerdigung

Die Menschen bemerkten nicht sofort, dass Twister nicht mehr lebte. Er war schon häufiger tagsüber nicht zum Essen nach Hause gekommen und einige Male war er sogar über Nacht draußen geblieben. Allerdings war er dann am nächsten Morgen immer zum Frühstück erschienen und hatte sich bei den Menschen mit lautem Mauzen in Erinnerung gebracht.

Diesmal jedoch war es anders. Twister kam weder zum Abendessen, noch am nächsten Morgen zum Frühstück. Die Menschen liefen durch den Garten und riefen seinen Namen. Es konnte ja sein, dass er sich irgendwo hatte einschließen lassen; im Gartenhäuschen, im Keller oder im Atelier. Vielleicht war er ja auch verletzt und konnte sich nicht bemerkbar machen.

Aber sie konnten Twister nicht finden. Die Menschen verteilten kleine Zettel mit einem Foto von Twister und hängten Suchplakate an die Straßenlaternen. Sie fragten in der Nachbarschaft und immer wieder riefen sie seinen Namen. Aber ihre Suche blieb ergebnislos.

Tinka benahm sich während dieser Zeit sehr merkwürdig. Sie schien sich an der Suche überhaupt nicht zu beteiligen, so als wüsste sie, dass jegliche Bemühungen umsonst sein würden. Stattdessen trafen die Menschen sie, die immer die Straße gescheut hatte, immer häufiger am Straßenrand an, wo sie mit traurigen Augen auf die andere Seite schaute. Von dort ließ sie sich nur mit äußerster Mühe vertreiben.

Nach einiger Zeit nahmen die Menschen traurig zur Kenntnis, dass Twister wohl nicht zurückkehren würde. Sie hatten Grund zur Annahme, dass er möglicherweise verunglückt war, dazu das merkwürdige Verhalten von Tinka.

Sie gaben dennoch nicht auf, wollten Gewissheit über seinen Verbleib haben. Sie suchten nun in einem weiteren Radius, schauten unter die Autos, untersuchten die Straßenränder und jede einzelne Parkbucht und gingen sogar die Gleise in beiden Richtungen ab, als sie schließlich Twister am Waldesrand fanden.

Die Menschen waren tieftraurig, hatten sie nun doch die schreckliche Gewissheit. Sie beschlossen, seinen Körper dort zu begraben, wo er gestorben war - im Wald. Sie holten einen kleinen Pappkarton, den sie mit Gras auspolsterten. Sie legten Twister auf das Graspolstern, verschlossen den Karton mit einem passenden Deckel und vergruben diesen direkt neben dem Waldweg, in Sichtweite zum Haus. Das kleine Grab kennzeichneten sie mit einem Holzkreuz, auf dem Twisters Name geschrieben stand. Das Begräbnis selbst beendeten die Kinder und ihre Eltern mit einer kleinen Prozession.

Natürlich blieben diese Aktivitäten den Waldbewohnern nicht verborgen. Insbesondere die Schotterstammmäuse beobachteten alles sehr aufmerksam, spielte sich die gesamte Zeremonie doch in unmittelbarer Nähe eines ihrer Baue ab.

Die Menschen kümmerten sich in der nächsten Zeit rührend um Tinka, die sich nur langsam erholte und sich nach der Beerdigung ihres Bruders nie mehr am Straßenrand, sondern ausschließlich im hinteren Garten aufhielt.

Kapitel - Der Umzug der Schüler

Langsam kam wieder Leben in den Bau. Die Mäusefamilien mit ihren Gästen hatten sich nach ihrer Mittagsruhe wieder in der Haupthalle eingefunden. Die Halle selbst war für diesen Anlass schon vor Wochen vergrößert worden und war dennoch fast zu klein für die gesamte Gesellschaft. Aus diesem Grund hatten die Mäuse das Nachtmahl in den von der Haupthalle abgehenden Nebenhöhlen aufgebaut. Ein wahrhaftiger Festschmaus. Als Getränke wurden in unterschiedlichen Gefäßen frischer Morgentau und süßer Blumennektar gereicht.

Die meisten Mäuse wussten, wie die nächsten Stunden ablaufen würden. Zuerst würden alle gemeinsam Essen. Dabei würden erneut verschiedene Reden gehalten werden. So dankte der Stammälteste der alten Mäusin für die Ausrichtung der Zeremonie, die Eltern der jungen Schüler dankten dem Stammesältesten für die großzügige Bewirtung, die Lehrer dankten schon einmal vorab den Schülern für die noch vor ihnen liegenden gemeinsamen Wochen und so ging es eine ganze Weile.

Dann folgte die große Verabschiedung der Schüler. Jeder Schüler war umringt von seinen Eltern, Geschwistern, Verwandten und Freunden. Es war eine andächtige aber zugleich fröhliche Atmosphäre. Jeder versuchte die Schüler nochmals zu umarmen oder zumindest auf die Schulter zu stupsen. Jeder hatte noch irgendeinen Rat oder wollte noch schnell einen Tipp loswerden.

Und dann schließlich ergriff Laub, die alte, weise Mäusin, erneut das Wort: „Liebe Schüler, nachdem wir nun so einen wunderschönen Tag gemeinsam erlebt haben, werdet ihr nun mit euren Lehrern und mir diesen Bau für einige Wochen verlassen. Ihr werdet einen eigenen Bau beziehen, dessen Standort aus Sicherheitsgründen jedoch geheim bleiben muss. Der Weg von unserem Bau dorthin wird jedes Jahr neu festgelegt; die geheimen Wegweiser sind nur einigen wenigen Lehrern bekannt. Sobald wir den Bau erreicht haben, werden die Lehrer euch eure Schlafräume zeigen und euch die Instruktionen für den nächsten Tag geben.“

Die gesammelte Gesellschaft lauschte sehr andächtig; dann stellten sich die Schüler mit ihren Lehrern auf und zogen in einer feierlichen Prozession in Richtung Hauptausgang. Vorab ging Laub mit einigen Lehrern, den Sammlern und Wühlern, dann folgten die Träger und die Boten. Die Wächter bildeten mit den restlichen Lehrern die Nachhut. So erreichten sie den Ausgang des Baus.

Die Sonne war inzwischen untergegangen und die Kühle der Nacht breitete sich aus. Die letzten Grillen stellten ihr Zirpen ein, nur in der Ferne hörte man noch die Frösche quaken.