Kai - Martin Ritterbach - E-Book

Kai E-Book

Martin Ritterbach

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Beschreibung

Kai hat wohlhabende Eltern, wohnt in einer großen Villa und hat jede Menge Zeit. Da ist es gar nicht so schlimm, dass ihn in der Schule eigentlich niemand wahrnimmt und seine Verwandtschaft etwas zu verrückt für ihn ist. Doch innerhalb eines Sommers ändert sich alles. Während seine Eltern ihn und seinen Cousin auf eine große Fahrradtour schicken, trennen sich die beiden doch tatsächlich. Wieder daheim in Berlin setzt sein Papa Kai und seine Mama auch noch vor die Tür. Vater weg, Geld weg und Villa sowieso. Nur gut, dass Kai den Sommer über die verrücktesten Menschen kennenlernt, die ihn seitdem von einem Schlamassel ins nächste ziehen und ihm einfach nicht genug Zeit lassen, um Trübsal zu blasen.

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Seitenzahl: 367

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Impressum

Widmung

Vorwort

Glossar

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

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Seitenliste

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Cover

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2025 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-7116-1068-3

ISBN e-book: 978-3-7116-1069-0

Lektorat: Laura Oberdorfer

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Für Katja, Julian und Luna

Vorwort

Drei Jugendliche, Kai, Aleks und Nikki, machen über Silvester einen irren Trip nach Venedig. Unterwegs treffen sie auf Luna. Bevor es allerdings losgeht, passiert noch viel in diesem aufregenden Sommer/Herbst 2010.

Chaotisch, verwirrend, aber auch nachdenklich und manchmal traurig.

Glossar

Freunde

Kai-Uwe Ladenbach – Kai

Nikita Chruschtschow – Nikki

Aleks

Klara, Bekannte von Aleks

Saskia Kosec

Luna Holz

Manu, Freundin von Luna

Familie

Peter Ladenbach, Vater

Sabine Ladenbach, Mutter

Lena, Geliebte des Vaters

Veronika, Schwester der Mutter

Tibor Chruschtschow, Mann von Veronika

Bina, Großmutter von Kai und Nikki

Saskias Freundinnen

Natalie

Julia

Celine

Maya

Klasse

der schöne Georg

Achim

Heinz-Alfred

Berthold

die Nazis

die Spackos

die Emos

Lehrer

Herr Kern, Religion

Frau Schrämpel, Erdkunde und Biologie

Frau Schürmann, Deutsch

Herr Molzburger, Musik

Frau Sültefuß, Französisch

Herr Melchior, Sport

Herr Goldstück, Politik und Deutsch in der Sechsten

Eulo, Mathelehrer in der Fünften

Weitere

Fred, Kioskbesitzer

Sara, Mitreisende im Zug

Prolog

Der Winter in Berlin ist einfach scheußlich. Es ist zum Heulen. Überall Matsch auf den Straßen, riesige Pfützen und dann kommt auch noch Schnee, der sich, kaum dass er die Erde berührt, ebenfalls in Matsch verwandelt. Es kommt mir vor, als würde er schon als Matsch vom Himmel fallen.

Eigentlich wollte ich ja mit meiner Erzählung an die Ereignisse aus den Sommerferien anknüpfen, sehe aber inzwischen ein, dass ich doch noch ein wenig weiter ausholen muss. Ansonsten versteht ihr die Zusammenhänge einfach nicht.

Also nun die Vorgeschichte in aller Kürze.

1.

Sommer 2010, Berlin

Der Sommer war eigentlich eine Vollkatastrophe, zumindest überwiegend.

Ich war 15, sah aus wie 13 und irgendwie nahm mich niemand richtig wahr. Und ich unternahm auch gar nicht viel, um dies zu ändern. Dazu hieß ich Kai-Uwe, Kai-Uwe Ladenbach. Aus welchem Jahrhundert stammte denn dieser Name? Niemand, der cool ist, heißt so. In der Schule nannten mich zumindest die meisten einfach Kai, sofern sie mich überhaupt ansprachen. Die Lehrer duzten uns sowieso alle. Nur Melchior rief ab und zu durch die Turnhalle „Ladenbach, mach hinne.“

Der Sommer war heiß in Berlin und alle sehnten sich die Sommerferien herbei. Dann der letzte Schultag und die große Party bei Kern. Kern war der okayste Lehrer, den wir hatten: Religion. Der organisierte mit seinen Schülern große Zeltlager auf Korsika und lud ganze Schulklassen in seinen privaten Partykeller ein. So ein verwinkelter Keller in einer großen Villa mit dunklen, kerzenbeleuchteten Gängen, einer kleinen Tanzfläche, einem eigenen Raum mit Billardtisch und einem alten Flipper. Die Partys waren legendär. Und wer von uns konnte schon mehr als zehn Freunde zu sich nach Hause einladen? Gut, bei uns wäre es möglich gewesen, aber das ist eine andere Sache.

Also am Freitagabend, am letzten Schultag, die Party bei Kern. Und ja, die ganze Klasse war eingeladen. Und die 9 d auch. Und ja, die Party war in doppelter Hinsicht wichtig: Erstens war die Schule endlich vorbei, zumindest für die nächsten sechs Wochen, und dann hatte auch noch Saskia Geburtstag.

Eigentlich hatte Saskia erst am Samstag Geburtstag. Wir würden also hineinfeiern. So war jedenfalls der Plan. Und deshalb hatten die meisten von uns schon seit Längerem Vorkehrungen getroffen, hatten ihren Eltern klargemacht, wie wichtig es war, länger als sonst feiern zu dürfen.

Ich will euch die Details ersparen, aber ich durfte natürlich nur bis kurz vor zwölf bleiben. Wisst ihr, wie peinlich es ist, wenn euch der eigene Vater um Viertel vor zwölf von einer Party abholt – und damit nicht genug – sich auch noch in den Partyraum reindrängelt, um euch zu suchen?

Ich hatte schon Wochen vorher überlegt, was ich Saskia schenken sollte. Saskia, die tollste, liebreizendste und coolste im ganzen Universum. Die Hälfte der Klasse war in Saskia verliebt. Natürlich nur die Jungen, mich eingeschlossen. Und selbst die Spackos und einige der Nazis fanden sie zumindest okay. Nur die Emos fanden sie zum Kotzen, war sie doch das genaue Gegenteil von dem, was sie vertraten.

Saskia war laufend von ihrer Clique umlagert. Natalie, Celine und Maya schirmten sie ab, als wären sie ihre Bodyguards.

Die meisten Mädchen aus unserer Stufe hatten sich schon zusammengeschlossen und irgendeine gnadenlos grandiose Überraschung vorbereitet. Der schöne Georg stolzierte in der Pause herum und erzählte jedem, wie teuer sein Geschenk sei. Und ich hatte, wie schon so oft, keine Idee. Natürlich hatte ich mich umgehört, wollte mich an einem Gemeinschaftsgeschenk beteiligen, aber alle, die ich fragte, hatten schon ein Geschenk oder waren nicht interessiert.

„Mal ihr doch etwas.“ Ich wusste, dass es meine Mutter nur gut meinte, aber wie uncool war denn so was. Als ob ich mich jetzt hinsetzen und Saskia ein Bild malen würde. Never ever.

Aber dann rückte der letzte Schultag näher und ich hatte immer noch kein Geschenk. PANIK! Also setzte ich mich schließlich doch an meinen Schreibtisch, schob die ganzen DVDs und Schulsachen beiseite und klappte meinen Zeichenblock auf. Eigentlich war ich gar nicht so schlecht in Kunst und wenn ich meine Großmutter Bina in Düsseldorf besuchte, verbrachte ich die meiste Zeit in ihrem Atelier. Die war sowieso die tollste Oma, die man sich vorstellen konnte. Immer hatte die irgendeine verrückte Idee und animierte mich zu Höchstleistungen. Wir malten nicht nur gemeinsam, sondern arbeiteten auch mit Ton, und einmal hat sie sogar eine meiner Ton-Skulpturen in Bronze gießen lassen. Superschweres Teil.

Bina hatte mir auch gezeigt, wie man gegenständlich malt. Sie hatte tolle Kunstbücher in ihrem Atelier, mit Fotorealismus und so. Da konnten Künstler so malen, dass man später das fertige Bild nicht von einer Fotografie unterscheiden konnte. Ziemlich krasse Arbeiten.

Bina und ich hatten uns auch gegenseitig porträtiert und sie hatte mir gezeigt, wie man mit dem Bleistift die richtigen Proportionen abgreift und auf das Papier überträgt.

Genau, ich würde Saskia ein Porträt schenken, aber nicht von ihr selbst, sondern von Vanessa Paradis. Alle standen gerade auf Vanessa, obwohl die eigentlich aus einer anderen Zeit stammte. Vanessa hatte eine Mega-Zahnlücke und war irgendwie anders als die anderen angesagten Popsternchen wie Beyoncé und so.

Papa hatte tatsächlich eine Platte von Vanessa, die ich auf seinem alten Dual-Plattenspieler schon tausendmal abgespielt hatte. Voll antik das Teil, die Platte, aber auch der Plattenspieler. Aber Papa hütete seinen geliebten Dual wie einen Schatz.

Ich legte ein Transparentpapier über das Plattencover und zeichnete darauf ein regelmäßiges Rechteckraster, genauso wie auf mein Zeichenpapier. Und dann übertrug ich die einzelnen Inhalte vom Plattencover auf die Kästchen auf meinem Zeichenpapier. Das ging ziemlich gut, nur die Augen bekam ich einfach nicht hin. Ich brauchte endlos und hatte diese schon so oft ausradiert und ausgebessert, dass das Papier ganz dünn und durchscheinend war. Ich klebte vorsichtig ein zweites Blatt als Verstärkung dahinter und irgendwann war ich dann tatsächlich zufrieden. Am Ende besprühte ich das Bild mit Haarspray, um den Bleistift zu fixieren – auch so ein Tipp von Bina. Ich rollte das Bild vorsichtig zusammen und band eine rote Schleife darum – fertig.

Ja, und dann die Party bei Kern. Wir sind alle mit unseren Fahrrädern hingefahren, zur alten Kern-Villa direkt am Chinesischen Garten.

Ihr kennt diese Partys. Da gibt es die supercoolen Tänzer, die den ganzen Abend auf der Tanzfläche rumwirbeln, dann die Raucher und Kiffer, die draußen auf der Kellertreppe herumlungern und lautstark debattieren, und die Schüchternen, die sich den ganzen Abend am Buffet herumdrücken und Cola trinken. Und dann gibt es noch diejenigen, die eh kein Interesse an Partys haben und den Billardtisch und den Flipper belagern. Zu denen gehörte ich.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich endlich am Flipper stand, aber dann spielte ich mich regelrecht in einen Rausch. Wir spielten um den Highscore und ich lag meistens vorne. Bis zu dem unseligen Moment, als plötzlich mein Vater in der Tür stand und laut nach mir rief. Und ja, er war unerbittlich und zog mich einfach hinter sich her. Aus den Augenwinkeln konnte ich die anderen feixen sehen. Und Saskia tanzte gerade mit dem schönen Georg und schien gar nicht zu merken, dass ich ging. Vielleicht auch besser so.

Warum machten eigentlich immer meine Eltern so ein Theater? Warum konnte ich nicht wie alle anderen mit dem Fahrrad nach Hause fahren? Und mein Bild von Vanessa Paradis lag noch zusammengerollt oben auf dem Flipper. Super gelaufen.

So fingen also die Sommerferien an.

Am nächsten Vormittag lief ich dann zu Fuß zur Kern-Villa. Da stand schließlich noch mein Fahrrad. Es war ein schöner Sommertag und ich ließ mir Zeit. Mein Fahrrad lehnte noch am Zaun und gerade, als ich es aufschließen wollte, öffnete sich die Haustür und Saskia stand auf der Schwelle, einen Wäschekorb in den Armen. Klar, die war hier, um mit ihrem Vater ihre Geschenke abzuholen.

Unschlüssig stand ich über meinem Schloss gebeugt. Wenn ich jetzt sofort ginge, würde sie mich nicht bemerken. Aber da hatte der Kern schon das Gartentor geöffnet und mich entdeckt.

„Hey Kai, alles klar?“

„Muss ja“, murmelte ich.

Dann kam mir eine Idee.

„Hab’ noch was vergessen“, rief ich Kern zu und drängelte mich an Saskia und ihrem Vater vorbei in die Villa.

Ja, meine Zeichnung lag noch oben auf dem Flipper und eine Minute später stand ich wieder keuchend vor Saskia:

„Hier ein Bild von mir für dich. Äh, ich meine ein Bild von mir, gemalt für dich. Nein, ich meine ein Bild für dich, gemalt von mir.“

Saskia schaute mich an, als sähe sie mich zum ersten Mal, und wahrscheinlich war es auch so.

„Danke“, hörte ich sie leise sagen, so leise, dass ich später glaubte, es mir nur eingebildet zu haben. Aber da saß ich schon auf meinem Fahrrad.

„Hier, ein Bild von mir für dich.“ Blöder ging’s wohl wirklich nicht. Aber dennoch: Mission erfüllt und ich fühlte mich eigentlich richtig gut.

So schlecht fingen die Sommerferien ja doch nicht an.

2.

Nikita

Wir hatten einen russischen Einschlag in unserer Familie. Mamas Schwester Veronika hatte während einer Reise nach Bulgarien Tibor kennengelernt, Tibor Chruschtschow, halb Russe, halb Rumäne. Onkel Tibor war voll korrekt. Er machte immer seine Späße mit uns und eigentlich wusste keiner von uns, ob er den schweren russischen Akzent nur vorspielte. Alle in der Familie sagten, dass Veronika Tibor verfallen sei, und obwohl wir Kinder gar nicht wussten, was damit gemeint war, lachten wir mit den Erwachsenen darüber.

Als die beiden schließlich heirateten, war Veronika schon hochschwanger mit Nikita. Nikita ist zwei Jahre älter als ich. Nikita Chruschtschow, so wie der ehemalige russische Regierungschef. Wir alle nannten ihn Nikki oder einfach Nik.

Tibor verließ Veronika, als ich etwa zehn war, einfach so. Veronika war komplett am Boden zerstört. Mama telefonierte nächtelang mit ihr und nach einem Monat kündigte Veronika ihren Job in Köln und zog nach Berlin, um in Mamas Nähe zu sein. Doch immer wieder reiste sie auch nach Bukarest und obwohl alle wussten, dass sie Tibor besuchte, leugnete sie dies jedes Mal aufs Heftigste.

Wir wohnten damals in Ostberlin in einer tollen Villa. Aber nicht in so einem alten Kasten wie der Kern, sondern in einer richtig modernen Villa. Bauhausstil, sagte Papa immer so, als wäre das etwas Besonderes. In meiner Klasse war ich von Anfang an das „Rich Kid“.

Eigentlich kommen wir jedoch aus Düsseldorf. Papa ist Architekt und als es so richtig losging nach der Wende, wollte er unbedingt nach Berlin.

„That’s the place to be“, war sein Slogan. Ich war damals zwei Jahre alt und Mama weigerte sich anfangs, nach Berlin zu ziehen. So ging Papa 1997 schon mal vor. „Revierkunde“ nannte er das. Er arbeitete in einem renommierten Architekturbüro und wohnte während dieser Zeit bei Uwe in Potsdam, einem Freund aus Studienzeiten.

Und Uwe hatte ihm dann auch diesen Floh ins Ohr gesetzt: „Warum uns für andere abrackern, wenn wir das Geld auch in die eigene Tasche packen können?“

Papa hat dann seinen tollen Job gekündigt und mit Uwe eine Firma gegründet. Projektentwicklung war das Kerngeschäft und überall herrschte Goldgräberstimmung. Sie kauften runtergekommene Immobilien im Osten, sanierten diese und verkauften sie anschließend mit großen Gewinnen weiter. Das lief eine Zeit lang tatsächlich gut, so gut, dass Papa die Villa im Osten kaufte, so mit Pool und eigenem Weinkeller. Und nun hatte selbst Mama keinen Grund mehr, länger in Düsseldorf zu bleiben. 2001 sind wir dann endgültig rüber gezogen.

Der Boom auf dem Immobilienmarkt ging weiter und Papa und Uwe drehten richtig auf, bis sie sich letztendlich gehörig verzockten. Sie hatten ein paar Schrottimmobilien gekauft und standen nun Mietern mit langjährigen Ansprüchen gegenüber. Mietern, die auf keinen Fall ausziehen wollten. Doch ohne Renovierung kein Weiterverkauf, und das Bauamt hatte zudem schier endlose Forderungen im Bereich Denkmalschutz.

Seitdem saß Papa auf teilvermieteten Immobilien, während die Banken auf ihr Geld warteten. Gier frisst eben Hirn. Und dann kam 2008 auch noch die Banken- und Immobilienkrise hinzu und nichts ging mehr.

„Zum Glück haben wir ja noch unser Haus“, sagte Mama, als Papa mal wieder jammerte. Aber auch unser Haus gehörte schon längst der Bank.

Papa probierte damals alles, um sich und uns aus der misslichen Lage zu befreien. Mit Uwe sprach er schon lange nicht mehr.

Und dann die Geschichte mit Lena aus dem Amt für Denkmalschutz. Papa war so oft dort gewesen wegen der Genehmigungen und so und hatte auch hier alles gegeben. Und aus einem unverbindlichen Arbeitsessen wurde dann eine handfeste Affäre.

Mama hatte es natürlich herausbekommen, zumal Papa sich immer weniger Mühe gab, seine Affäre zu verheimlichen, so wie er sich schon längst keine Mühe mehr mit uns gab. Und Mama war nun fast immer allein zu Hause, trank immer mehr und drehte langsam durch.

3.

Urlaub und mehr

Zurück zu den Sommerferien. Am zweiten Ferientag stand plötzlich Veronika in der Tür – mit Nikki.

„Vorschlag: Die Jungs fahren zu Oma Bina und wir beiden machen uns einen schönen Sommer am Balaton. Was meinste?“

Das war nicht das erste Mal, dass beide Schwestern eine gemeinsame Unternehmung planten, aber nun ging es offensichtlich nicht um ein verlängertes Wochenende an der Ostsee. Sie wollten uns gleich ganze drei Wochen loswerden.

„Als ob“, war das Einzige, was ich rausbekam. Ich liebte meine Großmutter und es war immer etwas los bei ihr. Aber drei Wochen mit Nikki waren drei unberechenbare Wochen. Da verging nicht ein einziger Tag ohne Stress und Aufregung.

Nikki lehnte am Türrahmen und ließ mit keiner Regung erkennen, was er dachte. Seine ohnehin schmalen Augen waren nur noch Schlitze und möglicherweise schlief er auch einfach.

„Was für eine idiotische Idee“, war alles, was Papa herausbrachte. Allerdings wusste er auch, dass es schwierig bis unmöglich war, Veronika etwas auszutreiben, wenn sie es sich in den Kopf gesetzt hatte.

„Und außerdem, habt ihr eigentlich schon Bina gefragt?“

Doch Bina fand, dass das eine ausgesprochen gute Idee war. Und schneller, als wir zustimmen konnten, hatte Veronika nicht nur den eigenen Urlaub am Balaton organisiert, sondern unseren Urlaub gleich mit.

Eine Woche später saßen wir dann bei Papa im Auto. Papa hatte einen seiner Geschäftstermine so verlegen können, dass er uns mitnehmen konnte. Offensichtlich ging es ihm aber weniger darum, uns eine Mitfahrgelegenheit zu bieten, als sicherzustellen, dass wir auch tatsächlich bei Bina ankamen.

Ich glaube, während der ganzen Fahrt hat Nikki nur ein einziges Wort gesprochen: „Mäkkes.“

Bei Bina war dann alles ganz schnell wieder vertraut. Der Garten war wunderschön und überall lagen Katzen herum, die darauf warteten, gekrault zu werden.

Nikki habe ich eigentlich kaum gesehen. Er war wie eine der Katzen, nachtaktiv eben. Er schlief bis zum frühen Nachmittag, frühstückte eine Riesenschüssel Honey-Smacks und war dann direkt unterwegs – wohin auch immer. Nur einmal kam er mit ins Ratinger Freibad. Bis ins Wasser hat er es allerdings nicht geschafft.

Und ich war den ganzen Tag entweder im Garten oder in Binas Atelier. Das Atelier war eine Welt für sich. Voller Bilder und Skulpturen, und dazwischen wirbelte Bina mit ihren Pinseln und Spachteln herum. Auch im Garten waren überall Skulpturen und Kunstwerke. Ich hatte auch wieder mit dem Malen begonnen. Und Bina schaute mir über die Schulter und gab mir nützliche Tipps.

Und dann überraschte Bina uns mit einem Vorschlag:

„Jungs, ihr habt Ferien und solltet etwas unternehmen. So gern ich euch um mich habe, aber Urlaub ist das doch nicht.“

Erst wollten uns unsere Mütter loswerden und jetzt auch noch Bina. Ich protestierte und Nikki schaute nur.

Hariksee war Binas Vorschlag. Nie davon gehört.

„Das ist Richtung Holland. Ein schöner See mit Campingplatz und allem Drum und Dran.“

Bei „Holland“ öffnete Nikki für einen kurzen Augenblick seine Augen und grinste leicht. Schien mir zumindest so.

Ja, und Bina hatte tatsächlich auch schon einiges organisiert. Zwei Fahrräder standen auf dem Hof und mussten nur noch aufgepumpt werden. Und im Keller gab es eine große Kiste mit Campingklamotten.

„Da müsste alles drin sein, noch von deinem Papa.“

Und ja, so alt wie das Zeug war, so roch es auch. Am Ende hatten wir ein Iglu-Zelt, zwei Lumas, Schlafsäcke, einen Campingkocher mit Geschirr und Besteck und allerlei Kleinkram. Fragte sich nur, wie wir das alles transportieren sollten. Und überhaupt, wie sollten wir da nur hingelangen.

Am Abend setzten wir uns zu dritt um einen alten Stadtplan. Bina hatte ihr Haus markiert und dann mit einem Edding die Fahrstrecke quer durch die Stadt farbig angelegt.

„So, und nun geht es vom Stadtplan auf die Straßenkarte. Wenn ihr euch bis dahin nicht verfahren habt, müsstet ihr hier rauskommen.“ Bina deutete auf einen Punkt und folgte von dort zielsicher einer Straße und dann einer weiteren, bis zu einem kleinen blauen Fleck.

„Hier, der Hariksee. Der Campingplatz ist direkt am See, gar nicht zu verfehlen.“

Am nächsten Morgen ging es dann tatsächlich los. Wir hatten am Abend vorher schon die meisten Klamotten verstaut, so mit Gepäckbändern aus Gummi. Bina sprang die ganze Zeit besorgt um uns herum und erzählte uns von irgendeinem Gregor, der sich angeblich mit so einem Gepäckband ein Auge zerschossen hatte. Wie sollte so was überhaupt gehen?

Alles, was nicht auf den Gepäckträger passte, stopfte ich in meinen Rucksack.

Dann waren wir endlich unterwegs und auch wenn es bis zum Hariksee nur etwa 50 Kilometer waren, so brauchten wir doch fast den ganzen Tag. Es war wahnsinnig heiß und Nikki trug dazu noch seinen schwarzen Hoody mit Kapuze. Er sprach mal wieder kein Wort und überließ mir die Streckenführung. Und ja, ich war kein Meister im Kartenlesen. Genauso gut hätte man mich mit einem Kompass in der Wüste aussetzen können. Aber nach vielen kleineren Umwegen und der Hilfe von einigen Passanten kamen wir tatsächlich am Hariksee an. Da gab es gleich drei Campingplätze und alle waren ziemlich überfüllt. Aber Bina hatte vorgesorgt und für uns gebucht. Es dauerte eine Weile, bis wir den richtigen Platz ganz im Süden vom See gefunden hatten, und es dauerte noch mal so lange, bis wir ein kleines Plätzchen direkt am Wasser hatten.

„Ich muss mal was besorgen“, und damit war Nikki auch schon weg. Das kannte ich schon von ihm. „Mal was besorgen, mal was erledigen, dringend mal weg.“ Auf ihn konnte sich niemand verlassen. Manchmal konnte es Stunden dauern, bis er wieder da war, wenn er überhaupt kam.

Ich lag total durchgeschwitzt auf meiner Isomatte und starrte in den Himmel.

„Hey, ihr seid wohl neu hier?“ Die Stimme kam von einem Mädchen, das schräg über mir stand, direkt vor der Sonne. Ich konnte nur ihre Umrisse sehen.

Na, wahnsinnig clever konnte die nicht sein.

„Nee, wir fahren gerade.“ Vielleicht würde sie ja wieder abhauen.

„Gerade angekommen und nun fahrt ihr wieder?“

„Ja, ja. Gleich.“

„Glaube dir kein Wort. Dir nicht und deinem gruseligen Freund auch nicht.“ Damit zog sie wieder ab.

Ich weiß auch nicht, warum ich mal wieder so blöde war. Da kommt ein Mädchen von sich aus auf mich zu, will einfach nur freundlich sein, und ich kanzele sie ab. Das war für mich eindeutig einfacher, als tatsächlich mit einem Mädchen zu sprechen. Was hätte ich denn auch erzählen sollen?

Ich döste vor mich hin und wachte erst auf, als es bereits ein wenig kühler war. Von Nikki war nichts zu sehen. Es dauerte eine Weile, bis ich das Zelt von Nikkis Fahrrad befreit hatte. Das Zelt steckte in einer silbrigen Hülle. Das Band war fest zugeknotet und es dauerte lange, bis ich das Zelt und die Stangen mit den Heringen aus der Hülle bekam. Es stank erbärmlich. Wahrscheinlich hatte Papa es beim letzten Mal nass eingepackt und seitdem nicht mehr benutzt. Das Innenzelt hatte Stockflecken und war an einigen dieser Stellen eingerissen. Was für eine Scheißaktion.

Eigentlich war ich ganz gut in derartigen Sachen und so stand das Zelt in kurzer Zeit. Das Außenzelt ließ ich erst einmal weg, um das Innenzelt ein wenig auszulüften.

„Hey, ihr bleibt ja doch.“ Da war dieses Mädchen wieder. Es saß im Schneidersitz im Nachbarzelt und hatte mich wohl die ganze Zeit beobachtet.

„Scheinst ja ein echter Profi zu sein.“ Das klang nicht einmal spöttisch.

„Hey, hast du auch einen Namen?“ Die gab einfach nicht auf.

Ich beschloss, sie einfach zu ignorieren. Aber warum? Außer dass sie mir Löcher in den Bauch fragte, tat sie mir doch nicht wirklich etwas.

Ich hatte zwischenzeitlich die Lumas ausgelegt. Mist, einen Blasebalg hatten wir natürlich nicht mitgenommen. Sollte ich die jetzt tatsächlich aufblasen? Ich setzte mich auf meinen Schlafsack und fing mit dem Kopfteil an. Was für ein Geraffel. Nach fünf Minuten war ich außer Puste.

„Soll ich helfen?“ Die stand tatsächlich schon wieder neben mir.

„Nee, lass mal“, schnaufte ich.

„Na dann nicht. Den Blasebalg kannste später einfach vor unser Zelt legen.“

Ich war so ein Idiot. Die kam, um zu helfen, und ich war mal wieder zu blöde.

„Hey, warte mal“, rief ich ihr hinterher.

„Danke … und äh, ich heiße Kai. Und nein, wir fahren nicht weg.“ Wie viel blöder kann man eigentlich noch ein Gespräch anfangen.

Das Mädchen drehte sich um. Jetzt in der Abendsonne konnte ich sie zum ersten Mal richtig mustern. Die sah eigentlich richtig gut aus, hatte mindestens tausend Sommersprossen im Gesicht und rote Locken, die in allen Himmelsrichtungen von ihrem Kopf abstanden. Sie sah mich spöttisch an.

„Na, genug gesehen? Ich bin Luna.“

„Ja, danke für den Blasebalg“, war alles, was ich rausbekam und spürte, wie ich rot wurde. Roter Kopf vor roter Sonne.

Aber sie lachte nur: „Nicht dafür.“

Was war das denn für ein Spruch. Für was denn sonst?

Ich machte mich dann an die Luma. Luma, Luna, die ging mir nicht aus dem Kopf. Und weil ich sonst nichts zu tun hatte, pumpte ich die von Nikki auch gleich mit auf. Und weil ich so gut im Flow war, zog ich auch noch das Außenzelt drüber und verstaute unsere Sachen. Viel war es ja nicht und morgen würden wir erst einmal einkaufen.

Am nächsten Morgen wachte ich früh auf. Ich fühlte mich total gerädert und wusste zuerst gar nicht, wo ich war. Und ich hatte meine Klamotten an. Ich war wohl am Abend einfach eingeschlafen. Und neben mir lag Nikki und grunzte. Mit staksigen Beinen krabbelte ich aus dem Zelt. Das Gras war total feucht und ich hatte sofort nasse Socken.

Erst mal zur Toilette. Die Toilettenanlagen auf Campingplätzen sind eine Geschichte für sich. Einmal waren wir auf einem Campingplatz in Frankreich und die Toiletten waren so ekelhaft, dass Mama eine Woche nicht aufs Klo gegangen ist und sich die Zähne mit Salzwasser direkt am Meer geputzt hatte.

Aber die Anlagen am Hariksee waren ganz okay. Es war früh und noch kein Betrieb. Später schlenderte ich zurück zum Zelt und schaute mich dabei ein wenig um.

Schließlich stand ich ein wenig unschlüssig wieder vor unserem Zelt.

„Auch einen Kaffee?“

Da saß wieder Luna vor ihrem Zelt und streckte mir einen Becher entgegen.

Ich bin eigentlich gar kein Kaffeetrinker und wollte schon ablehnen, aber irgendwie bekam ich die Kurve.

„Ja.“

Bloß kein Wort zu viel, könnte ja eine Unterhaltung daraus entstehen. Achim wäre jetzt bereits zur Höchstform angelaufen und hätte das Mädel „klargemacht“, wie er immer sagte.

Aber ich war so eher der schweigsame Typ, machte einen auf geheimnisvoll, dachten zumindest einige. Aber eigentlich war ich nur schüchtern.

„Guter Kaffee.“ Ganz so, als wäre ich ein ausgewiesener Kaffeekenner.

„Ja, selbst geerntet und geröstet.“

„Echt jetzt?“

„Natürlich nicht. Kaffee aus der Instantdose. Wasser drauf – fertig ist.“

Luna grinste mich freundlich an, aber irgendwie gar nicht spöttisch.

Dann kam Bewegung in das Nachbarzelt. Klar, da würde jetzt Lunas Freund auftauchen, wahrscheinlich so ein cooler Surfertyp. Es zappelte eine Weile und dann erschien erst ein Fuß, dann ein Bein und dann der Rest. Kein Surfertyp, aber so ein Glatzkopf.

Kennt ihr die Situation, wenn man partout nicht hinschauen möchte, aber letztendlich gar nicht anders kann? Letzten Sommer stand so ein Typ vor uns an der Kinokasse. Der hatte ein kurzärmeliges T-Shirt an und da guckten so kleine Ärmchen raus. Ich starrte den Mann so intensiv an, dass der mich schließlich ansprach.

„Contergan, 1960. Sieht schlimmer aus, als es tatsächlich ist. Schuhe zubinden ist allerdings eine Qual.“

Das war schon cool, wie offen dieser Typ über seine Behinderung sprach. Papa klärte mich dann später über den Contergan-Skandal auf. Ein während der Schwangerschaft verordnetes Schlafmittel führte zu Missbildungen bei den Neugeborenen. Einfach grässlich, diese Vorstellung.

Ich starrte den Typ mit der Glatze immer noch an.

„Sag mir einfach kurz Bescheid, wenn du genug gesehen hast.“

Das war gar kein Surfer. Das war ein Mädchen. Und ich war mal wieder der Depp.

„Manu, ich heiße Manu.“ Dabei streckte sie mir ihre Hand entgegen. Und ich war so überrascht, dass ich ihr die Hand schüttelte, als ob es kein Morgen gäbe.

„Kannst jetzt langsam loslassen? Bekomme sonst noch Schüttellähmung.“

„Na klar doch, ich bin Kai.“ Na also, ein vollständiger Satz. Ich konnte dennoch nicht umhin, Manu noch mal anzuschauen. Sie war ein Stück größer als ich, hatte scharf geschnittene Gesichtszüge und dunkelbraune Haut, die ihre weißen Zähne noch strahlender erscheinen ließ. Und eine Glatze. Sagte ich ja bereits.

Manu schnappte sich einen Becher mit Kaffee und setzte sich mit einer fließenden Bewegung neben uns.

„Was geht so ab heute?“

„Überrasch mich.“

Manu zog eine Schnute. Ich hielt mich zurück.

„Und ihr?“

Damit waren wohl Nikki und ich gemeint.

„Weiß noch nicht. Erst einmal die Gegend erkunden.“

„Das ist ja geheimnisvoll. Klingt ja fast so, als wärt ihr Detektive, so TKKG-mäßig“, prustete Manu heraus.

„Nee, jetzt mal ehrlich. Was macht ihr heute?“

Ich hatte wirklich keinen Plan und Nikki war sowieso komplett unplanbar.

Luna kam mir zur Hilfe.

„Lass mal. Die müssen erst mal ankommen.“

4.

Relaxen

Ja, angekommen sind wir dann tatsächlich. Nikki schlief in der Regel bis zum Mittag und war dafür die ganze Nacht unterwegs, und ich verbrachte die meiste Zeit am Südstrand, eigentlich nur, weil da auch Luna war. Und wo Luna war, war auch Manu, und wo Manu war, war sowieso immer was los. Ob beim Schwimmen, Beachvolleyball oder einfach beim Chillen am Strand: immer waren irgendwelche Typen in der Nähe, die mit irgendwelchen tollen Aktionen oder coolen Sprüchen auf sich aufmerksam machten. Aber Luna und Manu ließen sich einfach nicht beeindrucken.

„Schwirrt einfach ab.“ Oder auch: „Verpisst euch endlich.“

Zu mir sagten sie nichts. Duldeten mich einfach so wie einen kleinen Bruder oder ein Neutrum, zumindest wie jemanden, von dem keine Gefahr ausging, in welcher Hinsicht auch immer.

Wir lagen wie die Heringe zu dritt auf Lunas Badetuch und schauten in den Himmel, während die anderen Typen um uns herum die Welt nicht begriffen. Wahrscheinlich hielten sie Luna und Manu für Lesben und mich für ihren schwulen Freund. Andere Gedanken konnten, nein, durften sie gar nicht zulassen. Wie konnte es sonst sein, dass die beiden coolsten Mädchen ausgerechnet mit dem schmächtigsten Typen auf einem Badetuch lagen?

Luna und Manu trieben den Spaß auch noch weiter. Dauernd kicherten sie, und bei jeder Gelegenheit küssten sie sich, um dann wieder wie verrückt herumzugiggeln. Und zunehmend bezogen sie mich in ihr Getue ein. Zuerst war ich nur ihr Laufbursche. Und ich? Ich tat ihnen jeden Gefallen, auch wenn er noch so absurd erschien. Mal waren es Pommes rot-weiß morgens um neun oder auch schon mal drei Jägermeister, obwohl sie genau wussten, dass der Kioskheini mich nach meinem Ausweis fragen würde. Wenn ich dann erfolgreich war, hingen sie beide an meinem Hals und versuchten, mir Knutschflecken zu verpassen. Einerseits ekelhaft, andererseits: Wann war ich jemals Mädchen so nahegekommen? Unwillkürlich musste ich an die Party in Kerns Keller und meine Flippererfolge denken. Wenn der schöne Georg mich hier sehen könnte oder überhaupt jemand aus meiner Klasse. Sofort musste ich an Saskia denken und wie sie mich bei unserem letzten und eigentlich auch ersten Treffen vor der Kernvilla angeschaut hatte. Ganz leise hörte ich sie „Danke“ sagen.

Abends kochten wir dann gemeinsam – meist zu dritt. Die erste Woche war schon vorbei und unsere Vorräte gingen langsam aus. Luna fischte noch ein paar letzte Konserven aus ihrem Rucksack: Ravioli und Mandarinen.

„Hey Kai, mach doch mal die Dose auf.“

Und schon landete eine der Mandarinendosen neben mir im Gras.

„Mensch, schmeiß doch hier die Dosen nicht durch die Gegend. Hab’ echt keine Lust, so ein Ding ins Gesicht zu bekommen.“

Stattdessen: „Achtung, Öffner folgt!“ Und schon wieder knapp an meinem Kopf vorbei.

Das mit dem Öffnen war eine Sache für sich. Wir hatten nur so einen kleinen Campingöffner und man brauchte schon ziemlich Kraft, um die Schneide überhaupt in das Blech zu stanzen, und damit war die Dose noch lange nicht auf. Nun musste man mit so ruckelnden Bewegungen versuchen, die Schneide durch das Blech zu treiben, ohne dass dabei schon der ganze Saft austrat.

„Mann, der Saft ist das Beste.“ Luna nahm mir die halbgeöffnete Dose aus der Hand und trank in tiefen Zügen, während der Saft links und rechts an ihrem Kinn herunterlief.

Nach dem Essen gingen wir wie so oft an den Steg, legten uns ganz ans Ende und schauten in den Himmel. Luna reichte mir eine Selbstgedrehte und ich bemühte mich immer noch, nicht zu husten. Der Tabak war ganz krümelig und trocken und wenn wir nicht aufpassten, rieselte die Hälfte heraus, noch bevor wir sie überhaupt angezündet hatten.

Der Qualm stand mir in den Augen und so bemerkte ich zuerst gar nicht, wie sich drei Köpfe von oben in unser Blickfeld schoben.

„Hey Blödmann.“ Der mittlere stieß mir mit seinem Turnschuh rhythmisch gegen die Schulter.

Luna war diesmal merkwürdig ruhig: „Macht mal keinen Scheiß jetzt, wir wollen hier nur ganz ruhig liegen.“

„Interessant, wir sollen also keinen Scheiß machen? Was ist, wenn wir aber genau das wollen?“ Der Mittlere stieß weiter gegen meine Schulter.

Luna flüsterte mir ins Ohr: „Die trinken Wodka schon seit heute Mittag. Lass uns hier die Biege machen.“

Wenn Luna so drauf war, dann war sie wirklich besorgt. Ich stieß Manu in die Seite und versuchte, mich irgendwie aufzurichten. Der Mittlere stieß mir nun vor die Brust.

„Liegengeblieben, du Homo. Um dich kümmern wir uns später.“

Damit beugte er sich über Manu und versuchte, sie zu küssen. Manu hatte die Gefährlichkeit der Situation noch gar nicht erfasst und stieß den Mittleren von sich.

„Tickst du noch richtig? Du stinkst.“

Ohne Vorwarnung schlug ihr der Mittlere mit der offenen Hand ins Gesicht. Manus Lippe sprang auf und augenblicklich blutete sie wie Sau. Manu schrie auf, vor Schmerz und Entrüstung.

„Hau ab, du verfickter Bastard.“ Da kam schon der nächste Schlag, diesmal von dem kleinen Dicken. Und der dünne Blasse glaubte auch noch, zeigen zu müssen, wie cool er war.

Luna war die Einzige von uns Dreien, die es schaffte, aufzustehen. Sie stand am Stegrand und zitterte vor Wut.

„So, ihr beiden Lesben, ihr habt die Wahl, entweder ihr spielt mit oder …“

„Oder was?“ Wie aus dem Nichts war Nikki aufgetaucht. Er stand ganz lässig auf dem Steg und sprach ganz ruhig. Seine Augen waren mal wieder kaum zu sehen.

„Ach, der Mongo ist auch da.“ Der Dicke wollte auch mal lustig sein und der Mittlere und der Dünne hauten sich vor Lachen auf die Schenkel.

„Das wird jetzt richtig wehtun.“ Der Mittlere baute sich vor Nikki auf. Er war tatsächlich ein Stückchen größer als Nikki und genoss die große Show.

„Richtig wehtun“, wiederholte der Mittlere. Er musterte Nikki und überlegte wohl, wie er beginnen sollte.

„Richtig, richtig wehtun“, echote Nikki leise, aber für alle verständlich, und schloss seine Augen noch weiter. Und dann explodierte er geradezu.

Der erste Schlag traf den Mittleren an der Kehle. Der klappte förmlich zusammen und fiel der Länge nach auf den Steg. Der Dicke bekam einen Tritt an das Knie, drehte sich um die eigene Achse und landete quer über dem Mittleren. Der Dünne versuchte noch, einen Arm schützend vor das Gesicht zu bekommen, da hatte Nikki ihm schon die Nase demoliert.

Das Ganze in Bruchteilen von Sekunden. Während die Drei wimmernd auf dem Steg lagen, sprangen Manu und ich auf.

„Los, nur weg hier.“ Luna zog Manu hinter sich her und zum ersten Mal seit Tagen waren wir zu viert unterwegs.

Im Waschraum tupfte Manu sich ihre aufgeplatzte Lippe ab.

„Mann, jetzt habe ich wenigstens mal aufgespritzte Lippen.“

Sie lachte schon wieder ein wenig und gab Luna einen dicken Kuss auf den Mund.

„Geil, ne?“

„Hey, danke noch mal. Du bist ja eine richtige Kampfmaschine.“

Nikki antwortete nicht, aber nickte ganz leicht.

„Ne, wirklich, sag mal, woher kannst du so was?“

„Kampfsportschule Neukölln“, murmelte er und grinste. Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen und mir wurde mal wieder bewusst, wie wenig ich eigentlich von Nikki und seiner verrückten Familie wusste. Es hätte mich nicht weiter gewundert, wenn er jetzt auch noch anfinge, Klavier zu spielen oder zu steppen.

Nikki zog eine Flasche Rotwein aus seinem Rucksack. Wir saßen auf unseren Schlafsäcken vor den Zelten, ließen die Flasche rumgehen, rauchten und hingen unseren Gedanken nach.

Plötzlich Manu: „Kifft hier einer?“

Dann lauter: „Mensch, Nikki!“

Dann wieder leiser: „Gib mal rüber.“

Nikki reichte die Zigarette rum. Seine Selbstgedrehte sah irgendwie komisch aus. Das lag wohl an dem braunen Papier.

Manu nahm einen tiefen Zug und reichte die Zigarette an Luna weiter. Luna zog zweimal so tief, dass die Zigarette fast verbrannte.

„Hey, ihr, das ist verdammt gutes Zeug, lasst mir noch was übrig.“

Nikki griff sich den Joint, bevor dieser bei mir landen konnte, und ich war froh darüber. Drogen und so waren echt nicht mein Ding. Einige der Spackos in unserer Klasse tranken auf Partys regelmäßig Wodka und nicht zu knapp. Ich konnte nicht einmal rauchen. Hatte das gerade erst hier im Urlaub angefangen, aber auch nur, um vor Luna und Manu nicht vollends als Trottel dazustehen. Und nun saßen die hier, kifften und wurden von Minute zu Minute alberner.

Nikki lief zur Höchstform auf, scherzte und war ziemlich witzig dabei. Zumindest schüttelten sich Luna und Manu aus vor Lachen. So hatte ich Nikki noch nie erlebt. Doch dann schaute er auf seine Uhr, sprang plötzlich auf und war wieder der Alte.

„Ich muss.“ Und schon war er verschwunden.

„Was war das denn?“ Manu war sichtlich irritiert.

„Na, Nikki eben. Immer undurchschaubar und unberechenbar. Und immer unterwegs auf geheimer Mission.“

Wir blieben zurück, allein mit unseren Gedanken. Warum waren wir, wie wir waren? Warum gab es immer noch so viele Idioten da draußen? Wo würden wir in zehn Jahren sein? Woher hatte Nikki die Drogen und warum war er immer so rastlos? War ich nun in Saskia verliebt oder in Luna? Als ob ich jemals eine Chance bei Saskia hätte. Und was wusste ich eigentlich von Luna, außer dass sie in Deggendorf wohnte, das ist irgendwo in Bayern, Richtung Tschechien. Als ob ich wüsste, wo Tschechien liegt. Klar hatten wir das alles schon in der Sechsten gehabt, alle unsere Nachbarländer und deren Hauptstädte. Nur Heinz-Alfred konnte die noch runterrasseln, aber keinen interessierte das.

„Deggendorf, am Arsch der Welt. Das Gute an so einem Dorf ist, jeder kennt jeden. Und das Doofe an so einem Dorf ist, jeder kennt jeden. Und dann sprechen die so komisch.“

Eigentlich kam Luna aus dem Ruhrgebiet, aber die Eltern hatten sich vor zwei Jahren getrennt und die Mutter war in ihre Heimat zurückgezogen, gemeinsam mit Luna und der kleinen Schwester. Der Vater, ein Bergbauingenieur, blieb in Duisburg.

„Uns hat keiner gefragt. Wir hatten Freunde und ein eigenes Leben. Und Duisburg war top im Vergleich zu Deggendorf. Und sowieso wollte ich lieber bei Papa bleiben.“

Nach der Trennung waren die drei erst einmal bei den Großeltern untergekommen. Auf dem kleinen Bauernhof in Deggendorf gab es zum Entzücken von Lunas kleiner Schwester jede Menge Tiere. Luna hätte eine Katze allein schon gereicht.

Anfänglich ging alles gut. Aber schon bald gab es erste Streitereien zwischen Lunas Mutter und ihren Eltern. Mal ging es um die Erziehung, mal um irgendeine Kleinigkeit. Irgendwann eskalierte ein Streit und endete in gegenseitigen Vorwürfen. Eine Woche später zogen die drei in eine eigene kleine Mietwohnung.

Luna war nach dem Umzug komplett abgedriftet. Sie schwänzte die Schule und wenn sie mal nicht schwänzte, störte sie den Unterricht, bis man sie rausschmiss. Die Mutter wurde mehrfach in die Schule zitiert, versprach Besserung, ohne dass sich irgendetwas änderte. Dann kamen diese komischen Freunde dazu, Gruftis und Punker.

„Die kiffen und saufen und pöbeln Passanten an. Geh da nicht hin.“ Aber Lunas Mutter hatte schon längst die Kontrolle verloren. Da war zum einen der Job im Textilgroßhandel und dann die Erziehung der beiden Schwestern.

Und irgendwann kam Luna dann gar nicht mehr nach Hause und wurde erst nach drei Tagen von einer Streife auf der Straße aufgegriffen. Was folgte, war ein Mordsärger zu Hause mit Schreierei und Verboten. Und bei nächster Gelegenheit wiederholte sich der ganze Ärger. Diesmal blieb Luna eine ganze Woche weg, keine Nachricht, kein Anruf. Lunas Mutter war fassungslos, blieb eine Woche zu Hause, um daheim zu sein, falls sich Luna meldete. Und wieder war die Polizei zur Stelle. Aber diesmal lieferten sie Luna nicht zu Hause ab. Das war ihre erste Zeit in dem Jugendheim. Und weitere, längere Aufenthalte folgten.

„Warum tust du uns das an?“, war alles, was Lunas Mutter hervorbrachte. Aber Luna wusste selbst nicht warum.

„Wenigstens die Sommerferien verbringe ich bei Papa.“ Und so fuhr ihre Mutter sie nach Regensburg und setzte sie in den Zug nach Duisburg.

Aber da ist sie nie angekommen. Noch im Zug hatte sie Manu kennengelernt und in Köln hatten beide beschlossen, nach Holland zu trampen.

Und nun war sie hier – nicht ganz in Holland, aber doch schon recht nah dran. Und besonders nah an mir. Auch wenn die beiden weiter giggelten und miteinander flüsterten, genoss ich es, hier zu liegen. Mal kitzelte mich eine Haarsträhne am Ohr, mal traf mich ihre Ferse, wenn sie sich abrupt zu Manu drehte.

Ich stützte mich auf meine Ellbogen und schaute über das Gras in Richtung See. Es war fast Vollmond und über dem Wasser stand eine kleine Nebelbank.

„Ich geh mal kurz.“

Von der Decke kam nur ein Kichern. Ich rappelte mich auf und streckte meine steifen Beine. Vorsichtig ging ich Richtung Waschräume. Auf keinen Fall wollte ich auf die Spackos treffen, insbesondere wenn Nikki nicht da war. Aber falls die Spackos sich bei uns rächen wollten, bräuchten sie ja nur bei unserem Zelt aufzutauchen.

Der Waschraum war wie immer hell erleuchtet und stach aus der Dunkelheit hervor wie ein gerade gelandetes Alien-Raumschiff auf der dunklen Oberfläche eines eisigen Meteoriten.

Ich sah zu, dass ich schnell dorthin kam, und war in Windeseile auch schon wieder weg. Jeder andere hätte einfach irgendwo in die Büsche gepisst. Zähneputzen konnte ich auch am Zelt.

Die Nacht war schön, aber auch zunehmend kühl. Ich ging noch zum Kiosk, vielleicht spielte jemand Tischtennis und ich konnte einspringen. Ich war gar nicht so schlecht in Tischtennis, zwar nicht so ein Schmetterkönig wie der schöne Georg, aber ich war schnell, hatte eine gerade Rückhand und meine Angaben waren richtig geil.

Aber da spielte niemand. Fred, der Kioskbesitzer, saß auf einem wackligen Plastikstuhl vor der Tür, rauchte und nickte mir zu.

Ich schlenderte weiter Richtung Strand und von dort zu den Tretbooten. In zwei, drei Sätzen hatte ich das Boot mit der kleinen Rutsche erreicht und setzte mich oben auf die Treppe. Von dort hatte ich den perfekten Überblick über das Wasser, den Strand und den südlichen Zeltplatz. Fast glaubte ich, Luna und Manu kichern zu hören.

Da wisperte tatsächlich jemand ganz in der Nähe. Ich war neugierig. Waren mir die beiden gefolgt? So bekifft, wie die waren, konnte das einfach nicht sein.