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Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Bei den Bärlauchgnocchi muss man verschiedene Dinge beachten. Zum einen sollte man den Bärlauch nur ganz kurz in heißem Wasser blanchieren, bevor er exakt eine Minute in Eiswasser auskühlt. Sonst gehen wichtige Aromastoffe verloren, und er fügt sich nicht mehr harmonisch zu dem Zanderfilet auf dem Spargelbeet.« Während Dr. Daniel Norden an der Leuchtwand stand und die Röntgenbilder seiner Patientin Luzia Greiner begutachtete, hielt sie einen Monolog über die perfekte Zubereitung eines neuen Gerichts, das sie in der vielen freien Zeit, die ihr seit ihrem Unfall zur Verfügung stand, erdacht hatte. »Der Arm sieht gut aus«, stellte Daniel in einer Redepause zufrieden fest. »Die Brüche sind glatt und gut verheilt. Ich denke, Sie können demnächst mit der Krankengymnastik beginnen.« »Die Kartoffeln für die Gnocchi müssen etwas getrocknet und sehr fein passiert sein, bevor die genau abgewogene Menge Mehl untergemischt wird.« Luzias abwesender Blick hing an ihrem Arzt, der an den Schreibtisch zurückkehrte. »Wenn man sich mit Gnocchi nicht die allergrößte Mühe gibt, werden sie zäh und ungenießbar.« Daniel lächelte und versuchte, damit die Sorge zu vertuschen, die mit jedem Besuch seiner Patientin in ihm wuchs. Nach einem schweren Verkehrsunfall und einem wochenlangen Aufenthalt in der Behnisch-Klinik hatte Jenny Behnisch die Chefköchin zur ambulanten Weiterbehandlung an die Praxis Dr. Norden überwiesen. Anfangs war Luzia recht schweigsam und in sich gekehrt gewesen. Doch das änderte sich von Mal zu Mal. »Ich würde Ihre Gnocchi wirklich gerne mal probieren«, erklärte der Arzt und überlegte, ob ihre zunehmende Beschäftigung mit dem Thema Kochen eine Art Verdrängungstaktik ihrer schrecklichen Erlebnisse war. Um Luzias verkniffene Lippen spielte ein kaum sichtbares Lächeln.
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Seitenzahl: 115
Veröffentlichungsjahr: 2025
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»Bei den Bärlauchgnocchi muss man verschiedene Dinge beachten. Zum einen sollte man den Bärlauch nur ganz kurz in heißem Wasser blanchieren, bevor er exakt eine Minute in Eiswasser auskühlt. Sonst gehen wichtige Aromastoffe verloren, und er fügt sich nicht mehr harmonisch zu dem Zanderfilet auf dem Spargelbeet.«
Während Dr. Daniel Norden an der Leuchtwand stand und die Röntgenbilder seiner Patientin Luzia Greiner begutachtete, hielt sie einen Monolog über die perfekte Zubereitung eines neuen Gerichts, das sie in der vielen freien Zeit, die ihr seit ihrem Unfall zur Verfügung stand, erdacht hatte.
»Der Arm sieht gut aus«, stellte Daniel in einer Redepause zufrieden fest. »Die Brüche sind glatt und gut verheilt. Ich denke, Sie können demnächst mit der Krankengymnastik beginnen.«
»Die Kartoffeln für die Gnocchi müssen etwas getrocknet und sehr fein passiert sein, bevor die genau abgewogene Menge Mehl untergemischt wird.« Luzias abwesender Blick hing an ihrem Arzt, der an den Schreibtisch zurückkehrte. »Wenn man sich mit Gnocchi nicht die allergrößte Mühe gibt, werden sie zäh und ungenießbar.«
Daniel lächelte und versuchte, damit die Sorge zu vertuschen, die mit jedem Besuch seiner Patientin in ihm wuchs. Nach einem schweren Verkehrsunfall und einem wochenlangen Aufenthalt in der Behnisch-Klinik hatte Jenny Behnisch die Chefköchin zur ambulanten Weiterbehandlung an die Praxis Dr. Norden überwiesen. Anfangs war Luzia recht schweigsam und in sich gekehrt gewesen. Doch das änderte sich von Mal zu Mal.
»Ich würde Ihre Gnocchi wirklich gerne mal probieren«, erklärte der Arzt und überlegte, ob ihre zunehmende Beschäftigung mit dem Thema Kochen eine Art Verdrängungstaktik ihrer schrecklichen Erlebnisse war.
Um Luzias verkniffene Lippen spielte ein kaum sichtbares Lächeln.
»Ich will so schnell wie möglich in meine Küche zurück. Was ist mit den Wunden im Gesicht? Und den inneren Organen?«, erkundigte sie sich ungeduldig.
»Die sehen wir uns gleich an«, versprach Daniel und bat sie hinüber ins Behandlungszimmer. Behutsam betastete er ihren Bauchraum.
»Sie haben wirklich Glück im Unglück gehabt, dass Sie sich nicht die Milz oder die Leber gerissen haben. Die Schwellungen und Prellungen sind weitgehend abgeklungen. Wir haben hier keine Komplikationen mehr zu erwarten.«
»Das ist ja schon mal was.« Trotzdem wirkte Luzia alles andere als glücklich. Sie fröstelte, als sie sich wieder anzog und setzte sich kerzengerade auf die Behandlungsliege, damit der Arzt die Verletzungen in ihrem Gesicht begutachten konnte. »Die Schnitte an der Stirn jucken. Das ist doch ein gutes Zeichen, nicht wahr?«
Behutsam hob Daniel die Ponyfransen hoch.
»Die sehen sehr gut aus. Aber Sie dürfen auf keinen Fall kratzen. Sonst gibt es hässliche Narben.«
»Und was ist mit der Wange?« Luzia deutete mit dem Zeigefinger auf den zackigen Schnitt, der sich vom Jochbein bis zum Ohrläppchen zog.
»Meiner Ansicht nach spricht nichts dagegen, die Fäden zu ziehen.« Schon hatte Dr. Norden Schere und Pinzette zur Hand und beugte sich über Luzia. »Vorsicht, jetzt könnte es ein bisschen wehtun. Aber Sie nehmen ja Schmerzmittel, nicht wahr?«
Trotzdem stöhnte Luzia wenig später gequält auf. »Ist es möglich, dass die Tabletten inzwischen weniger gut wirken? In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass sie schneller nachlassen«, presste sie mühsam hervor. »Am Anfang haben sie mich eingehüllt wie eine warme weiche Decke. Das funktioniert leider nicht mehr so richtig.«
Daniel hatte seine Arbeit beendet und hielt Luzia einen Handspiegel hin, damit sie die rote Narbe begutachten konnte.
»Na ja, ohne die schwarzen Fäden sieht sie nicht mehr ganz so furchterregend aus«, stellte sie bescheiden fest. »Mit Sicherheit kann die plastische Chirurgie auch noch was retten.«
»Bis dahin müssen Sie sich aber noch etwas gedulden«, teilte Daniel seiner Patientin mit. »Und wer weiß, vielleicht ist es ja gar nicht nötig, die Narbe nachzubehandeln. Man weiß nie, wie sich die Dinge entwickeln.«
»Ihr Wort in Gottes Ohr«, seufzte Luzia. »Ehrlich gesagt bin ich nicht so scharf auf weitere Operationen. Davon und von den Unmengen Medikamenten hab ich erst mal genug. Ich möchte endlich wieder kochen.«
»Das kann ich mir vorstellen.«
In Luzias Begleitung kehrte Daniel Norden ins Sprechzimmer zurück und setzte sich an seinen Schreibtisch. Er öffnete ihr Datenblatt im Computer und studierte es eingehend. »Puh, das ist ja noch eine ganze Menge. Antibiotika, Schmerzmittel, Antidepressiva, Schlafmittel«, zählte er auf, was dort aufgelistet war.
»Mal abgesehen von den Mengen an Vitamintabletten, die ich jeden Tag schlucke«, beendete Luzia seinen Satz.
Daniel zog die Stirn kraus.
»Können Sie die nicht bald weglassen? Seit Sie nicht mehr künstlich ernährt werden, sollte essen doch kein Problem mehr sein.«
Betreten senkte Luzia den Kopf.
Sie hätte sich ohrfeigen mögen, dieses heikle Thema erwähnt zu haben. »Ist es aber doch. Ich bringe kaum einen Bissen hinunter«, gestand sie kleinlaut.
»Mir ist schon aufgefallen, wie dünn Sie geworden sind.« Daniels kritischer Blick ruhte auf Luzias schmaler Gestalt. »Ehrlich gesagt hatte ich aber die Hoffnung, dass sich das von selbst wieder gibt.«
»Vielleicht tut es das ja«, wollte Luzia den Arzt beschwichtigen. Doch Daniel konnte sie nicht so leicht etwas vormachen.
Er lehnte sich zurück und nahm seine Patientin streng ins Visier.
»Könnte es sein, dass Sie sich bestrafen wollen? Dass Sie denken, Sie haben nach allem, was passiert ist, kein Recht mehr auf Vergnügen, Spaß und Genuss?«
Luzia zupfte verlegen mit den Zähnen an ihrer Unterlippe. Konnte Dr. Norden etwa Gedanken lesen?
»Möglich«, gestand sie so leise, dass Daniel sie kaum verstand. »Aber vielleicht verschwinden all die seelischen Narben auch endlich, wenn ich mein gewohntes Leben wieder aufnehme. Was glauben Sie?«
»Sie wollen wieder arbeiten?«
»Ja, warum nicht?«
»Im Prinzip ist das sicher eine gute Idee. Ich mache mir lediglich Gedanken, ob Ihre Kraft dazu schon ausreicht«, erklärte Daniel skeptisch.
»Es muss einfach gehen. Ich kann nicht länger untätig im Bett oder auf der Couch herumliegen und über alles nachdenken. Ich muss wieder zu meinen Töpfen.« Nur wenn Luzia übers Kochen sprach, bekamen ihre traurigen, haselnussbraunen Augen ein wenig Glanz. »Wissen Sie, woran man einen guten Koch erkennt?«
Daniel unterdrückte ein Seufzen.
»Nein.«
»Wie begabt ein Koch wirklich ist, erkennt man daran, wie gut er einfache Gerichte zubereitet. Nehmen wir zum Beispiel Lachs an einer leichten Weißweincreme. Bei diesem Rezept lenkt nichts vom Geschmack des Fisches ab. Ein Körnchen Salz zu viel kann alles verderben«, deklamierte Luzia.
Daniel zog eine Augenbraue nach oben. Er konnte nicht länger an sich halten. »Darf ich Sie etwas fragen?«
»Natürlich«, antwortete Luzia mit ihrer klaren, leisen, unaufgeregten Stimme.
»Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Kochen bei Ihnen etwas Zwanghaftes hat. Finden Sie nicht?«
Luzias Reaktion war erstaunlich. Wie so vieles an ihr.
»Ich würde es nicht zwanghaft, sondern präzise nennen. Dieser Präzision habe ich es zu verdanken, dass ich die beste Köchin der Stadt bin.« Auch wenn ihr Selbstbewusstsein an sich nicht besonders gut ausgebildet war, so schien sie ihre Fähigkeiten im Beruf genau einschätzen zu können. Doch Daniels Bedenken konnte sie damit nicht zerstreuen.
»Ich fürchte trotzdem, dass es zu anstrengend für Sie werden könnte. Vor allen Dingen, wenn Sie nicht essen.«
Aber Luzia schien wild entschlossen. »Es ist mir schon klar, dass ich meine Position als Küchenchefin erst mal vergessen kann. Mein Chef musste schnell für Ersatz sorgen. Kai hat mir aber versichert, dass ich jederzeit zum Gemüseschneiden kommen kann«, erklärte sie mit einer guten Portion Galgenhumor.
»Wenn das so ist …« Dr. Norden gingen dazu mehrere Gedanken durch den Kopf. Zum einen hielt er Abwechslung für Luzia Greiner wirklich für das Beste. Zum anderen erhoffte er sich ein Wiedererwachen ihres Appetits, wenn sie erst einmal wieder in die Welt der Gewürze, verlockenden Lebensmittel und verschiedensten Düften eintauchen würde. »… habe ich natürlich nichts dagegen einzuwenden. Allerdings müssen Sie mir versprechen, dass Sie sich auf keinen Fall überfordern und aufhören, wann immer Sie das Gefühl haben, dass es reicht.«
»Abgemacht!« Dieses Versprechen kam Luzia leicht über die Lippen. Sie lächelte verhalten. Im Normalfall hätte sie der Gedanke daran, nicht mehr hilflos an die Wohnung gefesselt zu sein und statt dessen wieder ihrer geliebten Arbeit nachgehen zu können, mit Sicherheit in Hochstimmung versetzt. Doch dieses positive Gefühl gehörte – wie alle anderen auch – seit dem Montag, der alles änderte, für immer der Vergangenheit an.
Luzia glaubte fest daran, sich nie wieder richtig freuen zu können. Doch wenn sie erst einmal wieder kochen konnte, war das nicht so schlimm.
Als sie von Dr. Norden zurückkam, fand Luzia ihre Freundin und Mitbewohnerin Bettina in der gemeinsamen Wohnung auf der Couch vor, eine Zeitschrift auf dem Schoß, ein Handtuch um das frisch gewaschene Haar geschlungen. Zwischen ihren Zehen steckten Schaumgummiröllchen, damit der Nagellack unbeschadet trocknen konnte.
»Oh, Luzie! Was sagt der Arzt?«, erkundigte Betti sich und hob kaum den Kopf zur Begrüßung, so vertieft war sie in einen Artikel.
»Ich würde lieber wissen, was du sagst.« Luzia hielt der Freundin die Wange hin und wartete. Vergeblich.
Betti hatte keine Augen für sie.
»Gleich, mein Engel. Wenn ich diesen Test unterbreche, komme ich durcheinander und muss alles von vorne machen. Ich bin fast fertig.«
»Was denn für ein Test?«, erkundigte sich Luzia interessiert und ließ sich neben ihre Freundin aufs Sofa sinken. Der Besuch bei Dr. Norden hatte sie mehr erschöpft, als sie selbst wahrhaben wollte.
Der Stift in Bettinas Hand kratzte über ein Stück Papier. Sie fügte einer ominösen Zahlenreihe eine weitere Ziffer hinzu.
»Wusstest du, dass sich das Schönheitsempfinden der Menschen seit Jahrtausenden nicht verändert hat?«, erklärte sie nebenbei. »Deshalb ist es Wissenschaftlern gelungen, einen zuverlässigen Test zu entwickeln, wie schön man ist. Man muss nur ein paar Fragen beantworten, und schwupps, weiß man Bescheid.«
Seit fast zwei Jahren war Bettina Single und trotz vieler Verabredungen war kein Ende in Sicht. Inzwischen war ihr Selbstwertgefühl auf ein Minimum geschrumpft.
Mitfühlend strich Luzia der Freundin über den Rücken.
»Das ist doch toll«, versicherte sie, obwohl sie dieses Problem nicht ganz nachvollziehen konnte – nicht mehr – und spähte über Bettis Schulter. »Und? Wie schön bist du?«
»Warte! Ich muss nur noch das hier zu dem dazuzählen«, murmelte die hoch konzentriert. Es folgte eine lange Kolonne von Zahlen. Und am Ende ein spitzer Schrei.
Erschrocken zuckte Luzia zurück und stieß sich den Arm am Beistelltischchen. Nur mit Mühe konnte sie die aufsteigenden Tränen zurückhalten.
»Was ist los?«, presste sie durch die Zähne.
Bestürzt starrte Bettina auf die Zeitschrift.
»Ich hab nur achtzehn Punkte.«
»Wie viele kann man denn erreichen?«
»Achtzig. Oh Luzie, ich bin hässlich. Ich hab es immer gewusst. Kein Wunder, dass es mit meinen Verabredungen nicht klappt. Wahrscheinlich ekeln sich die Männer …« Sie sah Luzia an, blickte direkt auf den leuchtend roten, gezackten Strich auf ihrer Wange. Und verstummte.
»Luzie, liebste Luzie, entschuldige. Ich habe nicht …, ich wollte nicht …, oh Mann, ich bin so ein gefühlloses Trampeltier.«
Obwohl sie sich wirklich gekränkt fühlte, machte Luzia gute Miene zum bösen Spiel.
»Ach was. Es ist schon gut«, winkte sie nüchtern ab. »Irgendwann muss das Leben ja weitergehen. Zumindest für euch.«
»Für dich auch«, murmelte Bettina schuldbewusst und umfing Luzia so stürmisch, dass sie beide in die weichen Kissen der Couch stürzten.
Luzia stieß einen Schmerzensschrei aus. So viel hielten ihre geschundenen Knochen noch nicht aus. Es dauerte jedoch einen Moment, bis sie sich aus der misslichen Lage befreit hatte.
Während Bettina den Turban auf ihrem Kopf ordnete, betrachtete sie ihre Freundin sorgenvoll.
»Tut mir so leid. Gehts wieder?«
»Alles klar«, erklärte Luzia tapfer, und Betti nahm die Narbe auf der Wange ins Visier.
»Sieht doch eigentlich ganz gut aus. Wenn sich das Gewebe erst mal beruhigt hat, wird nicht viel übrig bleiben. Außerdem kannst du dir sicher sein, dass Max dich auch mit Narbe liebt. Erst recht mit Narbe, weil die nämlich interessant machen.«
»Das gilt vielleicht für Männer. Aber sicher nicht für das schwache Geschlecht«, konstatierte Luzia abfällig und wischte das Thema mit einer entschiedenen Handbewegung beiseite. »Welcher Glückspilz darf denn heute mit dir ausgehen?« Sie wusste, dass Bettina es liebte, über ihre Verabredungen zu sprechen.
Tatsächlich fingen ihre Augen an, zu leuchten, als sie berichtete:
»Er heißt Matthias. Ich hab ihn beim Englisch-Kurs in der Volkshochschule kennengelernt. Gestern Abend hat er mich gefragt, ob ich mit ihm in einen Irish Pub gehen will«, berichtete, Bettina. Erstaunlicherweise wirkte sie dabei alles andere als glücklich.
»Ist doch toll.« Luzia sah das Problem nicht. »Das ist was anderes als der hässliche Mensch aus der Zeitung, den du neulich getroffen hast. Der, der ein falsches Foto beigelegt hat. Immerhin hast du Matthias schon öfter gesehen und weißt, worauf du dich einlässt.«
»Ja, schon«, räumte Bettina zähneknirschend ein. »Trotzdem finde ich einen Irish Pub nicht gerade originell für eine erste Verabredung. Mal abgesehen davon, dass ich es schrecklich finde, wie er sich kleidet.«
»Das kann man ändern. Gib ihm doch eine Chance. Die Dates, auf die man die wenigste Lust hat, werden erfahrungsgemäß die besten«, versuchte Luzia ihre Freundin zu überreden. Dafür erntete sie einen verständnisinnigen Blick.
»Ach, Luzie, ich fühle mich so dumm. Ich langweile dich mit meinen lächerlichen kleinen Problemen, die für dich wahrscheinlich noch nicht mal erwähnenswert sind«, entschuldigte sie sich eifrig.
»Doch, doch, ich finde deine Probleme durchaus …«, wollte Luzia widersprechen.
Doch Bettina ließ ihr keine Chance. »Aber weißt du: Immerhin hast du Max, der zu dir steht. In guten wie in schlechten Zeiten. Eure Beziehung macht mir Hoffnung. Deshalb treffe ich mich heute Abend mit diesem Matthias. Vielleicht entpuppt er sich als der Traummann, den ich schon so lange suche.« Ihre Miene ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass sie diese Möglichkeit im Grunde genommen für ausgeschlossen hielt.
Die Lobeshymnen auf ihren Freund waren zu viel für Luzia. Sie war aufgestanden und ans Fenster getreten. Bettina sollte ihre Tränen nicht sehen. »Ja, du hast ja recht«, murmelte sie und verriet sich dadurch erst recht.
