Der Musikverführer - Christoph Drösser - E-Book

Der Musikverführer E-Book

Christoph Drösser

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Beschreibung

Musik ist kaum jemandem gleichgültig. Sie rührt uns manchmal zu Tränen, weckt verschüttete Erinnerungen, kann bei bestimmten Krankheiten sogar heilend wirken. Und doch neigen wir dazu, sie als eine Sache für Experten anzusehen. Mit diesem Vorurteil räumt «Der Musikverführer» gründlich auf. Denn: Niemand ist unmusikalisch. Selbst Menschen, die sich dafür halten, verfügen über ganz erstaunliche musikalische Fähigkeiten. Christoph Drösser schildert, welche spannenden Erkenntnisse Wissenschaftler über Musik gewonnen haben. Wieso mögen wir manche Musik, andere nicht? Wie schafft es unser Gehör, aus dem Klangbrei, der uns die meiste Zeit umgibt, einzelne Töne und Geräusche herauszufiltern? Warum gibt es Musik überhaupt? Und aufgrund seiner eigenen Erfahrungen ermuntert er alle, die noch nicht musizieren: Fangen Sie endlich damit an! «Warum Musik in allen Kulturen so eine große Rolle spielt, was in Hirn und Herz dabei passiert und was die Forschung darüber weiß – all das steht in diesem wunderbaren Buch. Sehr empfehlenswert!» Eckart von Hirschhausen in der Berliner Morgenpost

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Seitenzahl: 432

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Christoph Drösser

Der Musikverführer

Warum wir alle musikalisch sind

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Vorwort

1. Thank You for the Music – Eine Einleitung

2. Children of the Evolution – Woher kommt die Musik?

Sonate für Saxophon, Klavier und Wal

Auditiver Käsekuchen

I want your sex

Schlaf, Kindchen, schlaf

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder

Mmm Mmm Mmm Mmm

3. Horch, was kommt von draußen rein – Vom Ohr ins Hirn

Ein Tempel für die Musik

Der feinste aller Sinne

«Musikalische» und «unmusikalische» Töne

Concerto grosso im Kopf

4. Stairway to Heaven – Von Takten und Tonleitern

Das Universum der Töne

Treppe mit Stolperfalle

Pythagoras’ Albtraum, Bachs Freude

Andere Länder, andere Skalen

Das absolute Gehör

Melodien für Neuronen

Die Farbe der Töne

Slave to the Rhythm

Vom Rhythmus zum Takt

It don’t mean a thing if it ain’t got that swing

5. Man müsste Klavier spielen können – Was heißt «musikalisch»?

Amusie

Selbstdiagnose: «tontaub»

Singen? Bloß nicht!

Kann jeder singen?

Die Musikalität des Hörers

6. Feel – Musik und Gefühl

Sentimental Journey

Auf der Suche nach dem universellen Chill

Gedudel überall

Wie erzeugt Musik Gefühle?

Zwischen Wohlklang und Missklang

Dur und Moll

«Neue Musik»

7. The Logical Song – Die Grammatik der Musik

Die Biologie der Erwartung

Ein Sinn für die Zukunft

Das grammatische Gehirn

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Musizieren

Die Musikmaschine

8. Can’t Get You Out of My Head – Woher unsere musikalischen Präferenzen kommen

Das musikalische Lexikon

Hallo, hallo, ich bin dein Ohrwurm!

Der Soundtrack des Lebens

9. Doctor, Doctor – Musik und Gesundheit

Zwischen Esoterik und Evidenz

Es begann mit einem Kribbeln

Der Ton im Kopf

Gestörtes Gefühl

10. I’d like to teach the world to sing – Was Musikunterricht mit uns macht

10 000 Stunden üben

Der «Mozart-Effekt»

Aufbautraining fürs Gehirn

Späte Liebe

Das unbeliebte Schulfach

Bibliographie

Allgemeine Literatur

Literatur zu den einzelnen Kapiteln

Register

In memoriam

Konrad Heidkamp

(1947–2009)

Vorwort

Über Musik zu schreiben ist nicht einfach. Es ist so ähnlich, wie im Radio über eine Gemäldegalerie zu berichten. Ich habe stets die Musikkritiker bewundert, die mit ihrer Sprache ein Konzert oder eine Platte so beschreiben können, dass man fast glaubt, man hätte die Musik selbst gehört. Man kann allerdings auch herbe Enttäuschungen erleben, wenn man sich aufgrund einer solchen Rezension eine CD kauft.

In diesem Buch schreibe ich selten über konkrete Musik, sondern vor allem über das, was man in den letzten Jahren über Musik herausgefunden hat. Die meisten Erkenntnisse, die ich zitiere, sind nach dem Jahr 2000 veröffentlicht worden, und das zeigt, dass hier ein Forschungsgebiet geradezu explodiert, und die Resultate insbesondere der Hirnforscher erschüttern so manche alte Überzeugung. Vor allem die, dass die meisten Menschen unmusikalisch wären. Musikalität ist vielmehr eine Eigenschaft, die praktisch jeder von uns besitzt. Trotzdem hören wir zwar immer mehr Musik, aber wir musizieren immer weniger. Ich würde gern ein bisschen dazu beitragen, dass sich das ändert.

In meiner Hamburger Lokalzeitung gibt es alle paar Wochen eine Seite, die sich «Musikseite» nennt. Da wird man von einem älteren Herrn begrüßt, und auf der Seite stehen nur Artikel über klassische Musik. Selbstverständlich berichtet die Zeitung auch sonst über Musik, täglich sogar, bunt gemischt, aber offenbar behält sich dieser Herr die Deutungshoheit über die «richtige» Musik vor. Die Unterscheidung zwischen U und E, die Trennung zwischen Unterhaltungsmusik und ernster Musik, sie existiert in Deutschland tatsächlich noch in vielen Köpfen. Und natürlich in der Praxis: Die Musikhochschulen werden noch immer von den Klassikern dominiert – einfach weil die meisten klassischen Musiker über die Hochschulausbildung in ihren Beruf kommen, während das bei Rockern und Jazzern noch die Ausnahme ist. In diesem Buch dagegen stammen die meisten Beispiele aus der populären Musik. Das liegt einfach daran, dass ich mich damit besser auskenne. Ich bin aber beileibe kein Klassikfeind, meine Biographie hat irgendwann einfach eine andere Richtung genommen. Mit Musik ist in diesem Buch immer die gesamte Musik gemeint!

Bücher sind stumm – das ist ein Handicap, wenn sie von Musik handeln. Insbesondere bei den theoretischeren Ausführungen zu Tönen, Tonleitern und Akkorden war es mir wichtig, dass der Leser auch die Möglichkeit hat, sich die Beispiele anzuhören. Deshalb habe ich eine Internetseite eingerichtet, auf der Sie diese Beispiele hören können: www.hast-du-toene.net. Immer, wenn Sie im Text ein Lautsprechersymbol sehen (), können Sie im Netz das entsprechende Tonbeispiel anklicken. Außerdem gibt es auf der Website weiterführende Links und Ergänzungen zum Buch, und ich möchte dort auch mit meinen Leserinnen und Lesern in Dialog treten.

Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich in dem Buch Notenschrift verwenden soll, und mich schließlich dagegen entschieden. Ich glaube, dass ein großer Teil meiner Leser nicht besonders firm in dieser Notation ist und sich vielleicht unangenehm an die Schulzeit erinnert fühlt. Die Notenschrift ist ein historisch gewachsener Code, der nicht immer logisch ist und einiges an Vorkenntnissen erfordert. Stattdessen habe ich eine Form der Notation gewählt, die sich an moderne Musik-Computerprogramme anlehnt: Die Töne sind kleine Balken, deren Länge ihrer Dauer entspricht, und die Höhe kann man direkt ablesen, ohne sich um Vorzeichen zu kümmern. Zur Orientierung für musikalisch Versierte steht auch immer am linken Rand eine Klavier-Tastatur.

Schließlich möchte ich noch einigen Menschen danken: meiner Agentin Heike Wilhelmi für das Einfädeln des Buchvertrags. Christof Blome und Uwe Naumann vom Rowohlt Verlag für die Betreuung beim Schreiben und für die Nachsicht, als ich den Abgabetermin überzogen habe. Stefan Koelsch und Eckart Altenmüller für fachliche Diskussionen und Hinweise. Meiner A-cappella-Band No Strings Attached für den wöchentlichen musikalischen Kick. Meinem Sohn Lukas Engelhardt für einen großen Teil der Graphiken in diesem Buch. Und meiner Frau Andrea Cross für den Anstoß, über dieses Buch nicht nur zu reden, sondern es tatsächlich in Angriff zu nehmen.

Hamburg, im Juli 2009

Christoph Drösser

1.Thank You for the Music

Eine Einleitung

Information ist nicht Wissen,

Wissen ist nicht Weisheit,

Weisheit ist nicht Wahrheit,

Wahrheit ist nicht Schönheit,

Schönheit ist nicht Liebe,

Liebe ist nicht Musik,

Musik ist das Beste.

Frank Zappa

Lieben Sie Musik? Es gibt wenige Menschen, die auf diese Frage mit «Nein» antworten. Sind uns Leute, die mit Musik nichts anfangen können, nicht irgendwie suspekt? Müssen das nicht völlig gefühllose Sonderlinge sein? Musik mag irgendwie jeder, sie gehört zu unserem Alltag dazu. Für die einen ist sie Lebenszweck, für die anderen angenehme Begleiterscheinung. Oder eine Dauerberieselung – man schaue sich nur morgens in der U-Bahn um: Ich schätze, dass mittlerweile mindestens die Hälfte der Fahrgäste mit Stöpseln im Ohr den Soundtrack zum eigenen Leben hört. Eine Welt ohne Musik kann sich kaum jemand vorstellen. Es würde etwas Entscheidendes fehlen.

Sind Sie musikalisch? Wenn man diese Frage Studenten stellt (die meisten psychologischen Studien werden an Studenten durchgeführt), dann antworten etwa 60Prozent mit «Nein». Stefan Koelsch, der Hirnforscher von der Universität Sussex, der in diesem Buch noch mehrmals vorkommen wird, erzählte mir von einer typischen Reaktion seiner Probanden, wenn sie erfahren, dass es in einem Experiment um musikalische Fähigkeiten geht: «Die entschuldigen sich, dass sie vorher den Termin nicht abgesagt haben, weil sie ja völlig unmusikalisch seien und bei ihnen im Gehirn bestimmt nichts zu sehen sei.»

Und selbst die Forscher, die wissen, dass da sehr wohl etwas zu sehen ist, sind befangen, sobald es um ihre eigene Musikalität geht. Ich habe für die Recherche dieses Buches einige musikwissenschaftliche Konferenzen besucht, und dort kommt es oft vor, dass ein Referent während eines gelehrten Vortrags erzählt, wie er und sein Team Versuchspersonen mit Hilfe einer simplen Melodie getestet haben – und dann einen hochroten Kopf bekommt, wenn er diese kurze Melodie vorträllern soll. «Entschuldigung, ich bin ein schlechter Sänger» ist auch unter Musikforschern eine häufige Floskel.

Warum ist das Singen – oder das Musizieren allgemein – so sehr mit Ängsten besetzt? Warum empfinden wir es als so peinlich, dass die meisten ihre Hemmungen nur unter der Dusche oder unter dem Einfluss von Alkohol aufgeben? Es hat mit einem großen Vorurteil zu tun, das in unserer Kultur herrscht: dass Musikalität eine «Gabe» ist, über die nur wenige Ausnahmetalente verfügen. Dass man sie besser den Profis überlässt. Dass man eine musikalische Ausbildung als Kind beginnen muss und der erwachsene Mensch kein Instrument mehr erlernen kann. Dass in puncto Musik der größte Teil der Menschen zum Zuhören verurteilt ist.

Alles das ist nicht wahr, behaupte ich. Und das ist nicht nur meine persönliche Meinung. In diesem Buch werde ich Belege dafür bringen, vor allem neue Erkenntnisse aus dem Gebiet der Hirnforschung, die zeigen: Musikalität ist eine menschliche Grundfähigkeit – wir alle besitzen sie. Wir werden mit einem universellen Faible für Musik geboren, das wir in unseren ersten Lebensjahren zu einem erstaunlich sensiblen Sinn für die Musik unserer jeweiligen Kultur ausbauen.

Auch der Laie, der selbst nicht musiziert, verfügt über verblüffende Fähigkeiten, deren er sich meistens nicht bewusst ist. In Radiosendern ist es ein beliebtes Quiz, den Hörern ultrakurze Ausschnitte aus bekannten Hits vorzuspielen. In diesen wenige Zehntelsekunden langen Clips hört man keine Melodie, kein Wort Text, sondern nur einen Klang – und trotzdem können wir solche Schnipsel identifizieren. Wenn man aufschlüsselt, was das Gehirn dabei leistet, dann kann man nur noch ehrfürchtig staunen. Nicht ein guter Hörsinn oder die Fingerfertigkeit auf einem Instrument machen Musikalität aus – die Musik spielt im Kopf. Unser Gehirn ist das eigentliche Musikorgan, über das jeder verfügt.

Bevor ich die wissenschaftlichen Belege dafür bringe, soll vorerst ein Vergleich genügen: Zu Recht bewundern wir großartige Sportler (zumindest die ungedopten), verehren die Fußballnationalmannschaft an ihren guten Tagen, sind fasziniert von schnellen Läufern, grazilen Turnerinnen und wendigen Skifahrern. Selbst mit viel Training werden wir nie an deren Leistungen heranreichen. Aber ist das ein Grund, sich beim Sport aufs passive Zuschauen vor dem Fernseher zu beschränken?

Natürlich nicht – im Gegenteil. Der Wimbledon-Sieg des 17-jährigen Boris Becker hat 1985 in Deutschland einen Tennis-Boom ausgelöst. In Sportvereinen kann man sich auf vielen Leistungsstufen betätigen, und selbstverständlich würde kein Arzt seinem vielleicht etwas fülligen Patienten sagen, er sei leider für den Sport ungeeignet, weil er nie eine Olympia-Medaille gewinnen könne. Im Gegenteil, gerade für die «Unsportlichen» ist die körperliche Betätigung lebenswichtig, schon einmal pro Woche ein bisschen zu joggen ist besser als gar nichts. Und kaum jemand von uns muss eine Schwellenangst überwinden, wenn er ein Sportgeschäft betritt – es wird kein Leistungsnachweis verlangt, bevor man sich ein paar schicke Sneakers zulegen darf.

Vor allem bezweifelt beim Sport niemand, dass jeder es mit Training zu einer gewissen persönlichen Leistung bringen kann. Die Männer, die in ihren Vierzigern anfangen, Marathon zu laufen, sind ja fast schon ein Klischee, auch ich habe einige in meinem Bekanntenkreis (die ich sehr dafür bewundere). Aber wer fängt in diesem Alter noch an, Klavier zu spielen? Da ist schnell der Spruch bei der Hand, dass Hans nimmermehr lernt, was Hänschen nicht gelernt hat. Und außerdem sei ja Musik vor allem eine Sache der Begabung. Man hat’s, oder man hat’s nicht, und leider haben es nur sehr wenige.

Es ist wohl kein Zufall, dass gerade Hirnforscher, die sich mit der Musikalität des Menschen beschäftigen, vehemente Gegner dieses Begabungs- und Geniekults sind. Stefan Koelsch hat ein ganzes Buch zu dem Thema geschrieben: Der soziale Umgang mit Fähigkeit, Untertitel: «Die geschlossene Gesellschaft und ihre Freunde». Das Wort «Begabung» benutzt er nur mit Anführungszeichen, es ist für ihn ein soziales Konstrukt. In Diskussionen werde ihm als Beispiel für ein Genie, dessen Fähigkeiten nur durch überragende Erbanlagen erklärbar seien, meistens Mozart genannt. «Auf die Frage, ob die Musik von Mozart denn zur Lieblingsmusik meines Gegenübers gehöre, wurde mir bisher immer mit ‹Nein› geantwortet», schreibt Koelsch. «Warum halten diese Menschen Mozart für genial und nicht den Komponisten ihrer Lieblingsmusik? Ich halte Mozart nicht für genial und für keinen Deut mehr oder weniger musikalisch begabt als jeden anderen Menschen auch.» Mozart sei ein «exzellenter Handwerker» gewesen, der seit frühester Kindheit von seinem Vater gedrillt wurde (siehe auch Seite 277).

Mir geht es nicht darum, die Leistungen von Ausnahmemusikern in Abrede zu stellen. Auch ich bekomme Gänsehaut, wenn eine schwarze Gospelsängerin in der Kirche einen Choral anstimmt oder wenn ein virtuoser Geiger seine Gefühle durch sein Instrument sprechen lässt. Ich finde es volkswirtschaftlich vertretbar, dass wir den Besten der Besten millionenteure musikalische Kathedralen bauen wie die geplante Hamburger Elbphilharmonie, auf deren Bühne die wenigsten Musiker je stehen werden. Der Geniekult würdigt aber nicht nur die Leistung Einzelner – er stellt gleichzeitig in Abrede, dass der Rest von uns «das Zeug» zum Künstler habe. Und das beschränkt sich nicht auf die sogenannte E-Musik: Auch die Teilnehmer bei «Deutschland sucht den Superstar» müssen sich dem Urteil der Jury um Dieter Bohlen unterwerfen, die per Daumen hoch oder Daumen runter entscheidet, ob das geheimnisvolle Elixier, das einen zum «Star» macht, in den jugendlichen Kandidaten schlummert oder nicht.

Dabei ist die Auswahl der Kandidaten, die in der Show gezeigt werden, natürlich tendenziös. Wir sehen die Sänger mit den erstklassigen Stimmen, die dann auch später in der Endrunde sind, und die Loser, die Nobodys, die Freaks, die keinen Ton treffen, aber sich selbst für die Größten halten. Das Signal, das davon ausgehen soll: Auch du, lieber Zuschauer, gehörst entweder zu der einen oder zu der anderen Gruppe, höchstwahrscheinlich eher zu den Losern, also bleib auf deinem Sofa sitzen und schau dir unsere «Superstars» an. Bekäme man eine zufällige Auswahl der Kandidaten zu sehen, dann würde man wahrscheinlich feststellen, dass die meisten ganz passabel die Popsongs nachträllern, mit den richtigen Tönen. Ganz normale Stimmen eben. Doch das widerspräche der Dramaturgie der Sendung – und außerdem muss die Plattenbranche die Illusion aufrechterhalten, dass ihre Kunstprodukte es wegen ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten in die Charts geschafft haben und nicht etwa aufgrund des pfiffigen Marketings.

Dieses Buch soll eine Lanze brechen für die musikalischen Laien und Amateure, die in Chören singen, in Bands spielen oder in Laienorchestern. Sie treten auf Gemeinde- oder Straßenfesten auf, manchmal klingt es ein bisschen schief, aber oft auch sehr ergreifend. Sie werden nie einen Plattenvertrag bekommen oder viel Geld mit ihrer Kunst verdienen, doch dafür machen sie Erfahrungen, die nicht mit Geld zu bezahlen sind.

In früheren Jahrhunderten sind die Menschen anders mit Musik umgegangen. Die allfällige Beschallung durch Fernsehen und Radio, aber auch im Supermarkt und im Aufzug gab es nicht. Und Weltklassemusiker bekam der Normalsterbliche praktisch nie zu hören. Bei Festen spielten Musikanten auf, in der Kirche sang man Choräle. Regelrechte Konzerte, bei denen die Musik im Mittelpunkt steht und die Menschen gespannt zuhören, kamen erst auf, als es eigene Spielstätten dafür gab (siehe Seite 45). Musik hörte man vor allem, wenn Laien sie machten: Das Kind ließ sich vom Schlaflied der Mutter beruhigen, zu besonderen Anlässen wie Weihnachten sang man zusammen tradierte Weisen. Musik hören und Musik machen gehörten noch viel mehr zusammen, als das heute der Fall ist.

Heute sind alle Menschen vor allem Musikhörexperten. Jeder von uns hat in seinem Leben mehr Musik gehört als Mozart, Bach und Beethoven zusammen. Quantitativ, aber auch qualitativ: Unser Ohr ist mit musikalischen Klängen aus fünf Jahrhunderten und fünf Erdteilen mehr oder weniger vertraut. Und im digitalen Zeitalter ist Musik verfügbarer denn je. Die Festplatte meines Computers zum Beispiel enthält aktuell rund 21000Songs, alle auf Knopfdruck verfügbar. Eine umsatzstarke Industrie sorgt dafür, dass jeder Winkel unseres Lebens beschallt wird, auch wenn die Umsätze in letzter Zeit ein bisschen schwächeln. Und eifersüchtig wachen die Verwertungsgesellschaften darüber, dass niemand Happy Birthday singt, ohne die fällige Abgabe an die Urheber zu bezahlen. Zur Beruhigung: Das gilt nur für die öffentliche Aufführung des Liedes.

Diese umfassende Erfahrung von Musik hinterlässt ihre Spuren im Gehirn. Das Musizieren sowieso, aber auch das reine Hören ist keineswegs ein passiver Prozess. Jedes musikalische Erlebnis verändert das Denkorgan, wir verinnerlichen Regeln darüber, wie Musik zu klingen hat, und entwickeln Erwartungen an neue, unbekannte Klänge. Nichts anderes machen wir, wenn wir Sprachen lernen: Ein Kleinkind findet diejenigen Ton- und Wortkombinationen irgendwann «richtig», die es am meisten hört – sie machen seine Muttersprache aus. Und wie wir beim Sprechen aufgrund solcher statistischen Häufigkeiten einen Wortschatz und eine Grammatik lernen, so verinnerlichen wir auch musikalische Regeln. Welche das sind, davon handelt Kapitel 7.

Solche Forschungsergebnisse lassen eigentlich nur einen Schluss zu: So, wie unser Gehirn in einem bestimmten Alter regelrecht wild darauf ist, eine Sprache zu lernen, scheint es auch süchtig nach Musik zu sein. Musik ist keine rein kulturelle Hervorbringung wie Stricken oder Briefmarkensammeln– Musik scheint dem Menschen innezuwohnen. Man weiß von keiner menschlichen Kultur, in der es keine Musik gibt oder gegeben hat. Wieso ist das so? Gibt es einen evolutionären Nutzen der Musik? Macht Musik uns «fitter» im darwinistischen Kampf ums Dasein?

In diesem Buch soll es um die Antworten gehen, die die Wissenschaft auf diese Fragen hat. Das stößt bei manchen Menschen, vor allem Musikern, auf Vorbehalte. Musik ist für sie eine derart ganzheitliche und auch weitgehend «unvernünftige» Erfahrung, dass man ihr Wesen mit dem kalten, rationalen Instrumentarium der Wissenschaft nicht erfassen könne. Der Musikforscher Daniel Levitin, der selbst in seinem Labor an der McGill-Universität in Montreal sehr detaillierte naturwissenschaftliche Studien betreibt, sieht diese Gefahr: «Vielleicht suchen wir nach einem großen Geheimnis, das niemals vollständig erklärt werden kann, einer dynamischen, schönen, mächtigen Schöpfung, die man versteht, während sie in Bewegung ist, die man aber niemals einfangen kann.» Er zitiert den Religionsphilosophen Alan Watts, der der Naturwissenschaft vorwarf, sie wolle einen Fluss studieren, indem sie eimerweise Wasser ans Ufer trage. Aber ein Eimer Wasser ist kein Fluss.

Levitin erzählt auch in einem Gespräch mit David Byrne, dem legendären Gründer der Talking Heads, wie er einmal mit der Sängerin Cher über seine Studien sprach. «Cher war entsetzt darüber, dass jemand etwas so Unerforschliches erforschen wollte.» Byrne antwortete: «Ausgerechnet die!» – womit er wohl auf die berechnende Art anspielte, mit der Hitmusik wie die des Kunstprodukts Cher produziert wird.

Jeder Musiker weiß entweder intuitiv oder rational, wie er beim Zuhörer die «emotionalen Knöpfe» drücken und tiefe Gefühlserlebnisse auslösen kann. Eine Sängerin muss ja nicht gerade selber ein katastrophales Trennungserlebnis hinter sich haben, um einen Song, in dem es um Verlust und Trennung geht, überzeugend zu interpretieren. Das hat sie mit anderen Künstlern gemein. Aber Musik ist wahrscheinlich die Kunst, die den unmittelbarsten Zugang zu unseren Gefühlen hat.

In dem Buch wird viel von Erkenntnissen der modernen Hirnforschung die Rede sein. Ich gehöre nicht zu denen, die glauben, dass die bunten Bilder aus den Hirnscannern uns alle Fragen über die Vorgänge in unserem Denkorgan beantworten können, erst recht nicht, wenn es um ein so vielschichtiges und subtiles Phänomen wie Musik geht. Wir sind weit davon entfernt, dem Menschen beim Denken und Fühlen zusehen zu können. Oft bestätigt der relativ grobe Blick unter die Schädeldecke nur Dinge, die wir vorher schon irgendwie gewusst haben.

Aber in den vergangenen Jahren haben Hirnforscher aufregende Erkenntnisse über Musik gewonnen – auch wenn sie dabei oft den erwähnten Eimer Wasser untersuchen, um den Fluss zu erklären. So sitzen zum Beispiel Testpersonen im Labor und hören sich isolierte Melodien an, die mechanisch und ausdruckslos von einem synthetischen Klavier gespielt werden. Und was für Melodien sind das? Genau: Happy Birthday, Mary Had A Little Lamb, Alle meine Entchen. Kann man mit solchen mageren Beispielen wirklich herausfinden, was in unserem Kopf beim Hören von Musik vor sich geht?

Die Antwort muss differenziert sein: Einige grundlegende Dinge kann man damit tatsächlich erkennen, komplexere Fragen lassen sich jedoch nur beantworten, wenn man lebensnahe Situationen untersucht. Die Wissenschaftler stehen bei der Erforschung unseres musikalischen Gehirns eben noch ganz am Anfang, und vielleicht ist das, was beim Musikhören oder -machen in uns passiert, ja wirklich zu komplex, um jemals ganz erfasst zu werden. Spannend sind die vorläufigen Ergebnisse aber allemal.

Meine Überzeugung, dass die Forscher mit dem, was sie über die Musikalität herausfinden, auf dem richtigen Weg sind, kommt nicht nur von der Lektüre ihrer Studien und Statistiken, sondern aus meiner persönlichen Erfahrung mit Musik. Ich habe mein ganzes Leben lang musiziert, nie auf professionellem Niveau, immer als Amateur. Ich habe mit dem Klavierspielen angefangen und es nach zwei Jahren wieder aufgegeben, mir dann selbst die Begleitung des Beatles-Repertoires auf der Gitarre beigebracht, ein paar Jahre in einer Jazzband gespielt. Seit zehn Jahren singe ich intensiv, zurzeit in einer fünfköpfigen A-cappella-Band, mit der ich etwa einmal im Monat auf der Bühne stehe. Es ist einfach eine wunderbare Erfahrung, alle paar Wochen ein Publikum von 50 oder 150Menschen mit der Musik zu begeistern, sie zum Jubeln oder zum Weinen zu bringen – und das nur mit fünf Stimmen und ein bisschen Verstärkertechnik.

Ich bin inzwischen auch ganz froh darüber, dass das Schicksal mich nicht auf die Laufbahn eines Berufsmusikers gedrängt hat – die haben nämlich, egal in welchem Genre, einen Knochenjob, von dessen Beschwerlichkeiten der Konzertbesucher wenig mitbekommt. Eckart Altenmüller, Musikermediziner an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, sieht die gestressten Künstler täglich in seiner Praxis. «Angst ist die dominierende Emotion bei Profimusikern», sagte mir Altenmüller. «Ich bin heilfroh, dass meine drei Kinder keine Berufsmusiker werden wollen!»

Sicher ist es ein Erlebnis, die Aufführung eines hochkarätigen Orchesters in einer perfekten Akustik zu genießen, ebenso wie ein Champions-League-Spiel in einem großen Stadion, dessen Rasen mit der Nagelschere getrimmt wird. Aber auch ein Kreisklassenspiel auf holprigem Aschenplatz hat seine Qualitäten, und vor allem kann es die Spitze nur geben, weil die Breite existiert. Verängstigte und gestresste Profi-Musiker auf der einen Seite, von musikalischen Minderwertigkeitsgefühlen geplagte Laien auf der anderen – dazwischen ist noch eine Menge Platz. Für mich, für Sie und für alle, die Musik einfach nur lieben.

2.Children of the Evolution

Woher kommt die Musik?

Die Musik beginnt zu verkümmern, wenn sie sich zu weit vom Tanz entfernt.

Ezra Pound

«Schweinefleisch, Schweine, alles, was aus menschlichem Haar gemacht ist, Satellitenschüsseln, alle Geräte, die Musik produzieren, Billardtische, Schach, Masken, Alkohol, Tonbänder, Computer, Videorecorder, Fernsehgeräte, alles, was Sex propagiert und voller Musik ist, Wein, Hummer, Nagellack, Feuerwerk, Statuen, Handarbeitskataloge, Bilder, Weihnachtskarten» – so lautet eine von den Taliban herausgegebene Liste verbotener Dinge, zitiert von der New York Times im November 2001, kurz nach der militärischen Vertreibung der fundamentalistischen Moslem-Herrscher aus Afghanistan. Musik taucht gleich zweimal in dieser Liste auf.

Eine seltsame religiöse Sekte, die alle Musik unterbinden will (ihre Auslegung des Korans ist eine Minderheitsmeinung im Islam). Und selbstverständlich hat das Verbot während ihrer fünfjährigen Herrschaft nie funktioniert. Es gibt keine menschliche Kultur ohne Musik, von der wir wüssten, nicht heute und nicht in der Vergangenheit.

Wenn das so ist, dann muss der Ursprung der Musik sehr früh in unserer Stammesgeschichte liegen. «Sich mit Musik zu beschäftigen ist eine menschliche Universalie», sagt der britische Anthropologe Steven Mithen von der University of Reading, der ein Buch mit dem bezeichnenden Titel The Singing Neanderthals («Die singenden Neandertaler») geschrieben hat. Wir sind eine «musikalische Spezies», sagt auch der amerikanische Hirnforscher Aniruddh D.Patel. Und vielleicht ist der Mensch ja sogar nicht das einzige musikalische Lebewesen?

Einige Forscher glauben, dass die Musik viel älter ist als unsere Spezies. «Wir sind eher Nachzügler in der Musikszene», sagt Patricia Gray von der University of North Carolina-Greensboro, die einige Jahre das Musikforschungsprogramm der amerikanischen Akademie der Wissenschaften geleitet hat.

Sonate für Saxophon, Klavier und Wal

Wer an einem Sommertag durch den Wald spaziert, der möchte gern bestätigen, dass Tiere musikalisch sind. Vogelgezwitscher erfüllt die Luft, und wir sprechen nicht umsonst von «Singvögeln». Was die Vögel (vor allem die Männchen) da von sich geben, um das andere Geschlecht auf sich aufmerksam zu machen oder auch ihr Revier zu markieren, kann man durchaus als «Lieder» bezeichnen. Ihr Gesang besteht aus klar unterschiedenen Tönen. Es gibt musikalische Figuren, die sich wiederholen. Manche Vögel, etwa gewisse Drossel-Arten, benutzen die pentatonische Skala, eine aus fünf Tönen bestehende Tonleiter, die auch vielen menschlichen Kulturen eigen ist, von afrikanischer Volksmusik bis zum Rock ’n’ Roll. Der Zaunkönig dagegen hält sich ziemlich genau an die zwölftönige Skala, auf der die moderne europäische Musik beruht. Andere Vögel wiederum bedienen sich eines für unsere Ohren fremden Tonvorrats, bei dem die Töne näher beieinanderliegen als in menschlicher Musik.

Vor allem aber sind die Gesänge der Vögel nicht genetisch programmiert wie andere Tierlaute. Ein Hund bellt sein Leben lang gleich, auch das Geschrei von Affen ist ein für alle Mal festgelegt. Anders die Vögel: Sie scheinen eine regelrechte Freude daran zu haben, ihren Gesang immer wieder zu modifizieren. Sie greifen auch die Lieder von Artgenossen auf und machen sie sich mit Abwandlungen zu eigen. Die mexikanischen Spottdrosseln zum Beispiel sind dafür bekannt, dass sie eine Art Kanon beherrschen: Ein Vogel gibt ein Thema vor, der Nachbar wiederholt die Melodie.

Auch in den Ozeanen wird kräftig musiziert. Walgesänge kann man ja sogar auf esoterisch angehauchten CDs kaufen. Die Meeressäuger reihen kurze musikalische Phrasen zu komplexen Liedern, die zwischen der Länge eines Popsongs und der einer Symphonie variieren. Dabei bedienen sie sich sogar der klassischen A-B-A-Form: Im ersten Teil wird ein Thema vorgestellt, im zweiten wird es modifiziert, und am Ende kehrt es in seiner ursprünglichen Form zurück. Das ähnelt sehr dem, was ein Jazzmusiker mit dem Thema eines Standards anstellt. Die Lieder beeinflussen sich auch gegenseitig, Gruppen von Männchen entwickeln während einer Brutsaison ein gemeinsames Repertoire, das ganz anders klingt als das Liedgut anderer Meeresregionen. «Zu solchen Walgesängen kann man musizieren», behauptet Patricia Gray sogar, und sie hat zum Beweis Stücke für Saxophon, Klavier und Wal komponiert.

Andere Forscher stehen der tierischen Musik eher skeptisch gegenüber. Sie klingt vielleicht ähnlich wie die unsere, aber es fehlt ihr etwas: Bedeutung. Ein Zaunkönig mag im Laufe seines Lebens Tausende von Liedern erfinden, doch «sie bedeuten alle dasselbe: Ich bin ein junges Männchen», schreibt Steven Mithen. Nur: Ist das bei den Songs von Robbie Williams anders? Was bedeutet Musik überhaupt, wenn sie keinen Text hat, der eine Geschichte erzählt?

Interessant ist, dass die besten Sänger im Tierreich auf den unterschiedlichsten Zweigen des Wirbeltierstammbaums angesiedelt sind. Der letzte gemeinsame Vorfahr von Mensch, Vogel und Wal lebte vor vielen Millionen Jahren, war wahrscheinlich ein Reptil, und fast alle seiner Nachkommen sind unmusikalisch.

Auch sind die Stimmapparate der singenden Spezies nicht vergleichbar, sodass man zu dem Schluss kommen muss: Der Gesang, ob Musik oder nicht, hat sich im Verlauf der Evolution mehrmals entwickelt. Das kennt man auch von anderen Phänomenen, etwa dem Auge. Es hat sich in mehreren ökologischen Nischen aus unterschiedlichen Vorläufern entwickelt, weil das Sehen einen ganz unbestreitbaren Vorteil bietet. Das scheint mit dem Gesang ähnlich zu sein, zumindest unter gewissen Umweltbedingungen.

Auditiver Käsekuchen

Ob Vögel und Wale wirklich Musik machen oder ob das etwas anderes ist, mag eine Geschmacksfrage sein – auf jeden Fall ist es von keiner großen Bedeutung für die Antwort auf die Frage, woher denn nun die Musikalität des Menschen kommt. Jedenfalls wurde auf dem Ast des Stammbaums, der schließlich zum Homo sapiens geführt hat, herzlich wenig gesungen. Unsere nächsten Verwandten, die musikalisch klingende Töne von sich geben, sind einige Gibbonarten, die in Südostasien leben. Diese Affen führen eindrucksvolle Gesänge vor, die der Anthropologe Thomas Geissmann von der Universität Zürich ausführlich untersucht hat. Männchen und Weibchen singen teilweise im Duett, die «Lieder» können sich über eine halbe Stunde hinziehen.1 Im Gegensatz zu Vögeln und Walen lernen diese Affen aber keine neuen Lieder – sie kommen mit ihrer Sangesfähigkeit zur Welt, und ihr Repertoire verändert sich nicht im Lauf ihres Lebens.

Unsere unmittelbaren Verwandten, die Menschenaffen, sind dagegen denkbar unmusikalische Gesellen. Schon anatomisch sind sie aufgrund ihres Stimmapparates, insbesondere ihres hoch liegenden Kehlkopfes, nicht in der Lage, «saubere» Töne zu erzeugen. Schimpansen, Gorillas und Bonobos äußern sich nur mit hechelnden und knarzenden Lauten sowie spitzen Schreien.

Unsere musikalischen Fähigkeiten müssen also irgendwann nach der Zeit enstanden sein, als sich aus dem gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse zwei separate Äste entwickelten – das war vor fünf Millionen Jahren. Die Urmenschen stiegen von den Bäumen, begannen aufrecht zu gehen, bekamen größere Gehirne. Und irgendwann begannen sie zu singen, später dann einfache Musikinstrumente zu schnitzen. Aber wann war das? Und vor allem – warum taten sie das? Welchen evolutionären Vorteil brachte ihnen die Musik?

Dass Musik in unsere Gene eingebaut ist und wir schon mit einem Sinn für Töne zur Welt kommen, bezweifelt angesichts der überzeugenden Beweise der Musikforscher eigentlich niemand mehr. «Eine Prädisposition zu musikartigen Aktivitäten ist ein Teil unseres biologischen Erbes», sagt der Psychologe Ian Cross von der Universität Cambridge. Und Daniel Levitin kommt zu dem Schluss: «Wenn man Fragen nach einer grundlegenden, omnipräsenten menschlichen Fähigkeit stellt, dann stellt man implizit Fragen nach der Evolution.»

Seit Charles Darwin wissen wir, dass sich Eigenschaften von Lebewesen durchsetzen, wenn sie einen Überlebensvorteil bieten. Nach einer ganz engen darwinistischen Sichtweise leistet sich die Natur keine Girlanden und Verzierungen – was nicht gebraucht wird, stirbt ab; nur wirklich nützliche Eigenschaften setzen sich auf breiter Front durch.

Das gilt auch für Dinge, die auf den ersten Blick einfach nur Spaß machen. Die Freude an gutem Essen zum Beispiel. Sie sorgt dafür, dass der Mensch nicht erst dann anfängt, sich nach etwas Essbarem umzusehen, wenn er vor Hunger fast stirbt. Die Urmenschen konnten ja nicht mal schnell zum Supermarkt um die Ecke gehen, um sich mit Proviant einzudecken – sie mussten viel Energie aufwenden, um Tiere zu jagen und Pflanzen zu sammeln. Und man kann sich leicht vorstellen, dass ein Lebewesen, das nicht nur aus Notwendigkeit isst, sondern auch noch Spaß dabei hat, einen Überlebensvorteil besitzt. Weil sich bei ihm ständig alles ums Essen dreht, legt es sich mit Vergnügen in guten Zeiten auch schon einmal einen Vorrat in Form einer Speckschicht an. Unser Problem heute ist, dass zumindest in den westlichen Ländern die schlechten Zeiten ausbleiben und die Speckschicht nicht wieder abgebaut wird.

Oder Sex: Mit der sexuellen Lust überlistet uns die Natur und lässt uns viel Energie in die Partnersuche investieren. Auch da ist klar: Wem die Sache Spaß macht, der betreibt sie öfter und pflanzt sich daher besser fort als ein Sexmuffel.

Aber Musik? Was nützt sie zum Überleben? Was für Vorteile hat ein guter Sänger gegenüber einem brummenden Banausen? Darüber lässt sich im Moment nur spekulieren, und die Meinungen unter den Forschern gehen weit auseinander. Manche glauben sogar, dass die Musik kein direktes Ergebnis evolutionärer Anpassung ist, sondern nur ein angenehmes Nebenprodukt. Der amerikanische Sprach- und Hirnforscher Steven Pinker vertrat diese Position 1997 in seinem Buch Wie das Denken im Kopf entsteht: Musik sei «auditiver Käsekuchen», eine Formulierung, die natürlich sämtliche Musikforscher sofort auf die Palme gebracht hat.

Pinker bemerkt ganz richtig, dass nicht jede Eigenschaft von Lebewesen unbedingt durch die Anpassung an bestimmte Lebensbedingungen entstanden sein muss, selbst wenn alle Mitglieder einer Gattung darüber verfügen. Diese Ansicht wäre zu naiv. Für Pinker, den Linguisten, ist die eigentliche Anpassungsleistung die Sprache. Dass die Vorteile im Überlebenskampf hat, muss man gar nicht groß begründen. Mit Sprache kann man Wissen an seine Stammeskollegen weitergeben, etwa, wo der Säbelzahntiger lauert, und sie erlaubt uns, kulturelle Errungenschaften über Generationen hinweg zu tradieren.

Pinker behauptet, dass die Musik ein Nebeneffekt des Spracherwerbs ist. Für die Sprache brauchen wir einen flexiblen und vielseitigen Stimmapparat, und den kann man dann halt auch für «überflüssige» Dinge wie die Musik nutzen. Eben wie Käsekuchen – eine nicht lebenswichtige, aber durchaus angenehme Form, Nahrung aufzunehmen. Dass Musik universell in allen menschlichen Kulturen vorkommt, ist für Pinker nur ein Zeichen dafür, dass Musikalität wohl angeboren ist, jedoch nicht dafür, dass sie tatsächlich eine Anpassung darstellt.

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Die Vorfahren des Menschen und ihre räumliche Verbreitung (nach S.Mithen)

Um den Streit zu entscheiden, müsste man wissen, wann die Urmenschen zu singen und zu sprechen anfingen, wie das damals klang, in welchen Situationen sie Musik machten. Aber Archäologen und Paläontologen stehen vor dem Problem, dass die Zeitzeugnisse, die sie ausgraben, stumm sind. Einem Schädel sieht man nicht an, ob er zu einem Sänger gehörte, und schriftliche Erzählungen aus der Vorzeit gibt es ja leider nicht. Alle Überlegungen zum Ursprung der Musik stützen sich auf indirekte, mit Plausibilitäten operierende Argumente (das gilt für die Sprachforschung allerdings genauso).

Die ersten handfesten Artefakte, die man eindeutig als Musikinstrumente identifizieren kann, sind kleine Flöten aus Vogelknochen, die 1973 in der Geißenklösterle-Höhle in der Nähe von Blaubeuren ausgegraben wurden. Die hohlen Knochen haben Grifflöcher wie eine heutige Blockflöte und sind mindestens 32000Jahre alt. Waren das die ersten Musikinstrumente? Sie haben die Jahrtausende überdauert, weil Knochen sehr langlebig sind. Die Forscher gehen aber davon aus, dass schon lange vorher Instrumente aus vergänglicherem Material, etwa aus Holz, verwendet wurden, die jedoch allesamt verrottet sind.

Damit sich die Musik in den menschlichen Genen niederschlagen konnte, muss sie noch viel älter sein und mindestens bis zu der Zeit zurückgehen, als der moderne Mensch entstand – vor etwa 150000Jahren. Warum begannen unsere Vorfahren damals zu musizieren? Und wenn Musik tatsächlich einen evolutionären Vorteil darstellte – was für eine Überlegenheit brachte ihnen die Musik? Es gibt drei mögliche Erklärungen: Sex, Babys und Geselligkeit.

I want your sex

Schon Charles Darwin, der Vater der Evolutionstheorie, grübelte darüber nach, warum sich die Musik entwickelt hat. Er glaubte, dass sie dem gleichen Zweck diente wie das Gezwitscher der Vögel. In seinem Buch Die Abstammung des Menschen schrieb er: «Musikalische Noten und Rhythmus eigneten sich die männlichen oder weiblichen Vorgänger der Menschheit zuerst an, um das andere Geschlecht zu bezaubern.»

Musik als Balzritual also. Wenn man sich einige Erscheinungen des Musikbetriebs ansieht, ist das durchaus plausibel. Geoffrey Miller, ein Evolutionspsychologe von der University of New Mexico, vertritt heute noch Darwins These. Für ihn hat sich der gesamte menschliche Geist durch sexuelle Zuchtwahl entwickelt, er hat ein Buch mit dem Titel Die sexuelle Evolution darüber geschrieben. Musik (und Tanz, die beiden waren seiner Meinung nach früher untrennbar miteinander verbunden) sieht er als ein Ritual, das Kampf und Jagd symbolisierte. Ein junger Steinzeitmann, der lange, ausdauernd und schön sang und tanzte, stellte damit Kreativität, Intelligenz und körperliche Fitness zur Schau. Das zog die Damenwelt schon damals an.

Ich kann hier durchaus eigene Erfahrungen beisteuern: Ein Mann, der zur Gitarre greift, ist auch heute noch eine erotische Attraktion. Bei meinen Rucksackreisen in den 70er und 80er Jahren war die Gitarre eine treue Begleiterin, und nichts brach das Eis beim anderen Geschlecht so schnell wie ein paar flott gespielte Songs. Umgekehrt galt für mich stets: Auch eine ansonsten ganz durchschnittlich aussehende Frau gewinnt gehörig an Attraktivität, sobald sie zum Musikinstrument greift, und insbesondere dann, wenn sie singt. Musik ist für uns ein Fenster, durch das wir direkt in die Seele schauen (oder zu schauen meinen), sie schließt den Draht zwischen den Gefühlswelten von Menschen unmittelbar kurz. Allerdings, und auch das kann ich aus Erfahrung bestätigen, gibt es ebenso den Effekt, dass der Musiker durch seinen Gesang dafür sorgt, dass zwischen zwei anderen Menschen die Emotionen zu fließen beginnen. Ich denke da an Abende an griechischen Stränden, an denen ich zum Schluss recht einsam mit meiner Gitarre für die Untermalung sorgte, während um mich herum die Pärchen schmusten.

Miller hat seine These, dass Musik ursprünglich ein männliches Balzritual ist, auch statistisch zu untermauern versucht: Er untersuchte 6000Plattenproduktionen aller Genres, und in 90Prozent der Fälle waren sie von Männern produziert worden. Männliche Popmusiker sind meist um die 30 und damit im sexuell aktivsten Alter, die Geschichten von wilden Orgien mit Scharen von Groupies sind Legion. Besonders fasziniert hat Miller die Vita des Gitarristen Jimi Hendrix. Der hatte «Romanzen mit Hunderten von Groupies, unterhielt parallele langfristige Beziehungen mit mindestens zwei Frauen und zeugte mindestens drei Kinder in den USA, Deutschland und Schweden. Unter Urzeitbedingungen, vor der Geburtenkontrolle, hätte er noch viel mehr gezeugt.»

Keine Frage, Musik, insbesondere Popmusik, hat diese sexuelle Komponente. Man muss nur ein paar Stunden MTV schauen – in den meisten Videoclips geht es nur um das Eine. Die klassische Musik gibt sich gesitteter, aber auch Startenöre werden von Frauen umschwärmt. Doch ist das alles? Das wichtigste Argument gegen die Balz-Theorie kommt von dem Musikwissenschaftler David Huron von der Ohio State University: Überall im Tierreich, wo es Balzrituale gibt, haben die zu einer Differenzierung der Geschlechter geführt. Der männliche Pfau schlägt das Rad, nicht seine Frau. Das Vogelmännchen singt, nicht das Weibchen. Bei den meisten Tierarten ist es der männliche Teil, der sich aufplustert, hübsch macht und vorteilhaft darstellt.

Das hat damit zu tun, dass der reproduktive Aufwand für das Weibchen größer ist: Es investiert viel Lebenszeit in die Geburt und die Aufzucht von Jungen, die Zahl der Schwangerschaften ist natürlich begrenzt, während das Männchen seinen Samen beliebig oft verbreiten kann (jedenfalls bei Arten, die Polygynie, also Vielweiberei, praktizieren). Männchen kopulieren relativ wahllos, das Weibchen wählt aus (wenn nicht, auch das ist zum Beispiel bei Menschenaffen verbreitet, ein dominantes Männchen eifersüchtig über seinen Harem wacht). Also entwickeln die Männchen teilweise groteske Merkmale, um auf ihre Vorzüge aufmerksam zu machen.

Das geht so weit, dass sich ein solches Merkmal in einer «galoppierenden Evolution». (der Genetiker R.A.Fisher entwickelte in den 30er Jahren des 20.Jahrhunderts den Begriff runaway evolution) immer weiter ausprägt, manchmal so weit, dass es sogar einen Überlebensnachteil darstellt. Der lange Schwanz des Pfaus ist ein Beispiel dafür – das arme Tier muss seine überdimensionierten Schwanzfedern ständig hinter sich herschleppen, was sicherlich ein Nachteil ist, wenn es vor einem Räuber flieht.

Bei Tierarten, die ein solches Balzritual praktizieren, prägt sich also ein «Dimorphismus» aus, ein offensichtlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern. Meist sind die Männchen größer – denn sie müssen nicht nur um die Gunst des Weibchens buhlen, sondern auch ihre männlichen Konkurrenten ausstechen, und da ist körperliche Größe und Stärke von Vorteil. Paläanthropologen haben eine Faustformel: Je größer der körperliche Unterschied zwischen Männchen und Weibchen, desto mehr Polygynie betreibt eine Gemeinschaft. Männliche Gorillas sind doppelt so groß wie die Weibchen, beim Schimpansen ist das Verhältnis etwa 1,4:1, bei monogamen Gibbons 1:1.Der Mensch liegt ein bisschen darüber, ein Mann ist etwa 1,2-mal so groß wie eine Frau. In modernen Gesellschaften ist Monogamie zwar der soziale Standard, doch wahrscheinlich lassen sich Menschen wissenschaftlich am besten als «gemäßigt polygyn» bezeichnen.

Aber auch, wenn sich musikalische Fähigkeiten nicht in größerer Körpermasse ausdrücken – ein musikalischer Dimorphismus beim Menschen ist nicht zu erkennen. «Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Männer besser darin sind, jemandem unter dem Balkon eine Serenade zu singen, als Frauen», sagt David Huron. Und das Argument mit der männlich dominierten Musikindustrie zählt für ihn nicht, weil das auch für viele andere Branchen gilt. Selbst die meisten Chefköche sind männlich, und niemand würde behaupten, dass das Kochen ursprünglich von Männern erfunden wurde. Dass in unserer Kultur die Männer buchstäblich den Ton angeben, kann an der üblichen Geschlechterdiskriminierung liegen und muss keinen biologischen Grund haben.

Und noch ein Argument spricht gegen die These, dass Musik ihren Ursprung im Sex hat: Musik ist, vor allem in ihrer «primitiven» Form, eine Gemeinschaftsaktivität. Vielleicht kann man noch am ehesten beim Hip-Hop ein konkurrierendes Imponiergehabe von Männern ausmachen, wenn sich zwei Rapper auf der Bühne gegenseitig heruntermachen und «dissen». In den meisten musikalischen Genres geht es dagegen darum, zusammen ein Klangerlebnis zu inszenieren, und nicht darum, den Mitmusiker auszustechen.

Schlaf, Kindchen, schlaf

Nicht die Männer haben die Musik erfunden, sondern die Frauen, besagt eine andere Hyptothese. «Jede Kultur auf der Welt hat Schlaflieder», erklärt Sandra Trehub von der University of Toronto, «und sie klingen quer durch die Kulturen sehr ähnlich: Die Tonhöhe steigt, und das Tempo wird langsamer.»

Kinder sind von Geburt an sehr empfänglich für Musik. Sie kommen offenbar schon mit einem Gespür für «richtige» Harmonien auf die Welt (siehe Seite 196). Und sie mögen Gesang, vor allem, wenn er von der Mutter kommt: Trehub und ihre Mitarbeiter konnten durch Messungen zeigen, dass der Spiegel des Stresshormons Kortisol im Speichel von Babys sank, wenn die Mutter das Kind mit Sprache oder Gesang zu beruhigen versuchte. Und der Effekt hielt beim Singen viel länger an als beim Sprechen – bis zu 25Minuten.

Umgekehrt scheint es bei Erwachsenen einen Reflex zu geben, Babys besonders «musikalisch» anzusprechen. Nicht nur Mütter verfallen beim Anblick eines Säuglings in «Babysprache». (auf Englisch «Motherese» genannt, «Mutterisch»). Die Stimme wird höher, wir verwenden (auch beim Sprechen) einen Singsang, artikulieren die Wörter langsamer und mit deutlicherer Betonung. Eine solche Form der Babysprache (und nicht eine, die sich auf «dadada» und «butzibutzi» beschränkt) ist auch durchaus sinnvoll. Schließlich muss der kleine Mensch lernen, aus einem kontinuierlichen Sprachfluss die Grenzen von Wörtern und Sätzen herauszuhören und den Wörtern Bedeutungen zuzuordnen. Eine kognitive Meisterleistung, die Erwachsene viel schlechter beherrschen – das weiß jeder, der sich einmal in einem Land aufgehalten hat, dessen Sprache von unserer völlig verschieden ist.

Warum singen Menschenmütter zu ihren Babys, Affenmütter jedoch nicht? Menschenbabys werden viel unreifer geboren als die Kinder unserer Verwandten im Tierreich. Das liegt daran, dass Menschen ein im Verhältnis viel größeres Gehirn haben, aber der Durchmesser des weiblichen Beckens anatomisch begrenzt ist, nicht zuletzt durch den aufrechten Gang. Das heißt: Das Baby muss raus, bevor der Kopf voll ausgewachsen ist, und folglich kommt es viel hilfloser auf die Welt als ein Tierbaby; es ist praktisch noch ein Fötus, allein nicht überlebensfähig. Affenkinder können sich zum Beispiel schon recht früh an ihrer Mutter festkrallen, die dann ihrem gewohnten Tagwerk nachgehen kann. Menschenbabys können nicht einmal das. Sie müssen viel herumgetragen werden, und sie mögen es überhaupt nicht, wenn man sie allein lässt. Eine Mutter, die ständig ein Baby im Arm hat (Tragetücher hatten die frühen Menschen ja noch nicht), ist jedoch stark behindert bei der Nahrungssuche.

Eine mögliche Lösung des Problems praktizieren heute auch berufstätige Eltern: Kinderbetreuung durch Großeltern, Tagesmütter, Kindertagesstätten. Aber das ist nur möglich, wenn das Kind abgestillt ist, und vor der Erfindung von synthetischer Kindernahrung wurden die Babys gewiss sehr lange gestillt. An dieser Stelle setzt die Anthropologin Dean Falk von der Florida State University an. Ihre These: Musik (oder zumindest musikähnliche Laute) hatten den Zweck, das Baby auch einmal ablegen zu können. Solange die Mutter in Hörreichweite war, konnte sie mit ihren Lauten das Baby beruhigen. Musik also als eine Art «Fernwartung» des hilflosen Nachwuchses.

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder

Diese Form von «Fernbeziehung» liegt auch der dritten Erklärungshypothese für die Entstehung von Musik zugrunde. Ihr zufolge ist Musik eine Art «sozialer Kitt» zwischen den Menschen.

Dass Musik ein Gruppenerlebnis ist, vergessen wir heute manchmal, wenn wir sie allein konsumieren, möglichst noch mit Stöpseln im Ohr, abgeschottet gegen jede Form der sozialen Interaktion. Aber bis vor ein paar Jahrzehnten war Musik grundsätzlich live, und auch wenn der Musiker viele Stunden einsam in seinem Kämmerlein damit verbringt, seine Stimme oder ein Instrument zu üben, so ist das Ziel dabei doch immer, diese Musik anderen zu Gehör zu bringen – selbst wenn es nie zum Auftritt kommt. Auch das Zuhören ist in der Gruppe ein ganz anderes Erlebnis als in einer einsamen Situation. Wenn bei einem Rockkonzert der Funke von der Band aufs Publikum überspringt, dann wird aus Hunderten von Einzelpersonen eine wogende Masse, die im Rhythmus groovt, fast ein einziges vielköpfiges Wesen. Die Musiker nehmen das Publikum dann ebenfalls als ein homogenes Gegenüber wahr, das ihnen zujubelt.

Und sogar der Besucher klassischer Konzerte, obwohl während der Vorführung an seinen Sessel gefesselt, nimmt spätestens beim Schlussapplaus emotionale Fühlung mit dem Orchester und dem Rest des Publikums auf. War das Erlebnis ein außerordentliches, dann verlassen die Zuhörer den Saal in einer aufgewühlten Stimmung. So etwas gemeinsam zu erleben, fügt dem reinen Hörerlebnis eben noch etwas hinzu. Das ist keine triviale Feststellung: Bei bildender Kunst ist es ganz anders, im Museum sind zwar auch viele Leute, aber jeder versenkt sich doch eher ganz individuell in das Kunstwerk. Dieser Kunstgenuss ist Privatsache, ein Konzert ist immer ein soziales Ereignis.

Doch Konzerte gibt es erst seit ein paar hundert Jahren. Davor war die Trennung zwischen Musikern und Publikum viel weniger strikt oder gar nicht vorhanden. Zusammen Musik zu machen aber ist das Gruppenerlebnis schlechthin. Das kann jeder bestätigen, der einmal in einem Chor gesungen hat: Da ist eine zusammengewürfelte Gruppe von Individuen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Herkunft, die nicht einmal eine besondere Zuneigung oder Freundschaft verbinden muss – und sobald der Dirigent den Einsatz gibt, verschmelzen die Stimmen miteinander (wenn es ein halbwegs guter Chor ist). Das heißt jetzt nicht, dass in einer solchen Gruppe immer eitel Sonnenschein herrscht – im Gegenteil, in jedem Kollektiv, das viel Zeit miteinander verbringt, gibt es manchmal Spannungen. Das wird auch von Profi-Orchestern berichtet, und Musikern sagt man nicht gerade die Fähigkeit nach, mit solchen Gruppenproblemen offen umgehen zu können. Man kann aber zumindest sagen: Mit wem ich musiziere, dem schlage ich nicht den Schädel ein.

Das war jetzt im übertragenen Sinn gemeint – doch in der Urzeit ging es wörtlich um Leben und Tod. Das heutige soziale Tabu der Gewaltanwendung galt noch nicht, das Recht des Stärkeren dominierte. In den Hominidengruppen gab es immer die Spannung zwischen individueller Rivalität (vor allem der Männer) und dem Zwang zur Kooperation.

Diese Spannung kann man heute noch in den sozialen Verbänden von Menschenaffen beobachten. Ein Gorilla hat kein Problem damit, ein Baby umzubringen, das nicht von ihm ist. Und Kämpfe zwischen rivalisierenden Männchen sind an der Tagesordnung. Gleichzeitig gibt es aber auch Kooperation – bei der Nahrungsbeschaffung, bei der Abwehr von Feinden. Die Tiere brauchen daher Signale, mit denen sie einander zeigen, dass sie nichts Böses im Schilde führen. Sie tun das häufig über Körperkontakt – vor allem, indem sie einander die Flöhe aus dem Fell picken. Bei den Bonobos gehören auch sexuelle Handlungen zu den vertrauensbildenden Maßnahmen.

Solange unsere Vorfahren sich sozusagen von Ast zu Ast hangelten und in kleinen Gruppen lebten, war das eine praktikable Sache. Spätestens der Homo ergaster aber, der vor 1,8Millionen Jahren lebte, erweiterte seinen Lebensraum, richtete sich auf, ging auf zwei Beinen und begann die baumlose Savanne zu erkunden. In dieser offenen Landschaft hatte er weniger Schutz vor Feinden. Auch das Jagd- und Sammelrevier wurde größer. Und damit wuchs die Fläche, über die sich eine soziale Gemeinschaft verteilte. Ab einer gewissen Gruppengröße und Distanz zwischen den Individuen ist das Lausen jedoch keine praktikable Geste der Friedfertigkeit mehr. Ein Ersatz musste her – und da bot sich die Musik an, oder sagen wir lieber: eine Vorform der Musik.

Gemeinsame Gesänge und Tänze, so die Theorie, schweißten die Gruppe zusammen. Sie dienten als Vorbeugung gegen interne Rivalitäten, aber auch als sinnstiftendes Element, wenn man in den Kampf gegen andere Gruppen und Stämme zog. Eine Horde von Angreifern wirkt furchterregender, wenn sie mit Kriegsgeschrei oder koordinierten rhythmischen Gesängen auf den Feind losgeht. Dass man heute noch immer Soldaten im Gleichschritt marschieren und dabei zweifelhafte Lieder absingen lässt, hat wohl einen sehr alten stammesgeschichtlichen Hintergrund.

Musik stärkt den Zusammenhalt von Gruppen tatsächlich messbar. Das jedenfalls behauptet Robin Dunbar, ein Psychologe von der University of Liverpool. In einem Forschungsprojekt wollten er und seine Studenten herausfinden, ob bei Kirchenbesuchern der Pegel der Endorphine steigt – das sind körpereigene Opiate, die unsere Toleranz gegenüber Schmerz und Stress erhöhen. Direkt messen konnten sie diese Endorphine nicht (dazu hätten sie das Rückenmark der Kirchgänger punktieren müssen), deshalb legten sie ihnen nach dem Besuch der Kirche eine Blutdruck-Manschette an und pumpten sie auf, bis es wehtat. Die Gemeindemitglieder, die gesungen hatten, hielten den Schmerz deutlich länger aus.

Just diese Endorphine werden bei Affen ausgeschüttet, wenn sie einander lausen. Übernahm also die Musik bei uns die Rolle des Körperkontakts als Auslöser für eine Endorphin-Ausschüttung? Plausibel klingt das schon – aber wie weist man so etwas nach? Die wenigen gefundenen Knochenflöten zeugen ja von einer bereits sehr differenzierten musikalischen Kultur. Gibt es Zeugnisse, die noch älter sind und auf musikalische Gemeinschaftsrituale schließen lassen?

Im thüringischen Bilzingsleben hat man Knochen und kulturelle Artefakte des Homo heidelbergensis gefunden, eines gemeinsamen Vorfahren des heutigen Menschen und des Neandertalers. Die Stätte ist etwa 400000Jahre alt, und viele Zeugnisse lassen darauf schließen, dass sie ein beliebter Treffpunkt unserer Vorfahren war. Darunter finden sich auch seltsame, kreisrunde Formationen von mehreren Metern Durchmesser, in denen Knochen von Nashörnern und Elefanten angeordnet worden waren, teilweise auch mit verkohlten Überresten. Die herkömmliche Erklärung war, dass runde Hütten oder Feuerstellen diese Kreise geformt haben.

Es gibt aber auch eine andere Interpretation: Der Archäologe Clive Gamble vom Londoner Hooloway College hält die Stätten für Versammlungsorte dieser frühen Gesellschaften. Steven Mithen fügt der Hypothese ein akustisches Element hinzu: Bilzingsleben sei ein Ort gewesen, an dem man sich zu rituellen Tänzen und Gesängen traf. Und die Knochenkreise stellten die ersten primitiven Bühnen dar – hier traten Einzelne in den Mittelpunkt, sangen, tanzten, gestikulierten und «erzählten» so ihren Mithominiden Geschichten.

Das würde auf einen engen Zusammenhang von Musik und Sprache hindeuten. Und genau das ist das Thema von Mithens Buch, dem er nicht zufällig den Titel The Singing Neanderthals («Die singenden Neandertaler») gegeben hat und das 2006 erschien. Mithen hat sich als Archäologe vor allem darauf spezialisiert, die Entstehung des menschlichen Geistes zu erforschen. Im Buch versucht er zu erklären, wie Musik und Sprache entstanden, was sie miteinander verbindet und was sie trennt.

Mmm Mmm Mmm Mmm

Der Ursprung der Sprache wird schon seit langem erforscht. Es sind viele gelehrte Bücher darüber geschrieben worden, aber notwendigerweise bleibt vieles Spekulation, eben weil die archäologischen Zeugnisse stumm sind. Tatsache ist, dass der moderne Mensch, Homo sapiens, das einzige Wesen ist, das über eine Sprache verfügt (jedenfalls eine Sprache im engeren Sinne, die es durch grammatische Regeln ermöglicht, eine potenziell unendliche Vielfalt von Sätzen zu bilden). Einig sind sich die Wissenschaftler auch, dass die Sprache den Menschen zum evolutionären Erfolgsmodell gemacht hat: Sie bedeutete die Möglichkeit, in der Gruppe präzise Informationen auszutauschen, auch über bisher unbekannte Dinge, und Wissen an die Nachkommen weiterzugeben. Mit dieser Fähigkeit hat Homo sapiens alle anderen Hominiden ausgestochen und ist als Einziger übrig geblieben. Die Zahl der Menschen hat sich exponentiell vergrößert und führte zu den bekannten Problemen, mit denen wir heute zu kämpfen haben.

Traditionelle Sprachtheorien haben sich vor allem mit dem Bedeutungsaspekt der Wörter beschäftigt. Grob gesagt, fingen unsere Vorfahren demnach an, Dinge mit Lauten zu belegen – die ersten Wörter entstanden: Mann, Frau, Elefant, Wasser. Später gingen sie dazu über, diese Wörter zu primitiven Sätzen zusammenzufügen. Irgendwann merkten sie jedoch, dass diese «Sätze» ohne grammatische Regeln zu großen Missverständnissen führen konnten. «Mann beißen Bär» kann bedeuten, dass der Mann einen Bär gebissen hat, aber auch umgekehrt, dass er vom Bär gebissen wurde. Also mussten Regeln her, um die Wörter wie auf einer Perlenkette zu schönen Sätzen aneinanderzureihen – und fertig war die Sprache.

Eine «kompositionale» Theorie der Sprache nennt man das. Die Voraussetzungen dafür – großes Gehirn, aufrechter Gang, ausgeprägter Stimmapparat – haben die Urmenschen seit knapp zwei Millionen Jahren – wieso sind sie dann erst in den letzten 100000 Jahren auf die Idee gekommen, ihre Urwörter zu Sätzen zusammenzufügen?

Was der Homo heidelbergensis vor mehr als 400000Jahren an Lauten von sich gab, hatte wahrscheinlich wenig mit dem zu tun, was wir heute als Sprache bezeichnen, aber auch wenig mit heutiger Musik – gewiss weniger als der Gesang einer Nachtigall. Vielmehr handelte es sich, das jedenfalls ist Mithens These, um eine Vorstufe, die sich später aufspaltete in Musik und Sprache. Als «Protosprache» bezeichnen das manche Forscher, Mithen hat ein anderes Wort dafür gefunden: «Hmmmmm» nennt er diese Form der Kommunikation. Das soll einerseits darauf anspielen, wie das damals geklungen haben mag, andererseits ist es ein Akronym – «Hmmmmm» steht für eine Reihe von Adjektiven: holistisch, manipulativ, multi-modal, musikalisch und mimetisch.