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Frederick Marryat

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Beschreibung

"Der Neue Robinson" ist ein Kinderroman, der die Abenteuer der Familie Seagrave schildert, die auf See Schiffbruch erleidet und auf einer einsamen Insel mit Hilfe des erfahrenen Seemanns überlebt. Die Familie Seagrave befindet sich auf dem Rückweg nach New South Wales an Bord der Pacific, als ein Sturm aufzieht und das Schiff zerstört. Die Besatzung entkommt in einem Rettungsboot und überlässt die Passagiere ihrem Schicksal. Die Familie Seagrave, ihre junge Dienerin Juno und der erfahrene Seemann lernen, viele Hindernisse zu überwinden.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Frederick Marryat

Der Neue Robinson

Oder, Schiffbruch des Pacific
Übersetzer: Franz Hoffmann
e-artnow, 2022 Kontakt:

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel. Robinson Hurtig
2. Kapitel. Herr Seagrave und seine Familie
3. Kapitel. Das Kap der guten Hoffnung und die Kapstadt
4. Kapitel. Das Schiff in Noth
5. Kapitel. Die Bedrängnisse dauern fort
6. Kapitel. Das Schiff verliert seine Mannschaft
7. Kapitel. Das Wrack strandet
8. Kapitel. Robinson Hurtig beruhigt und tröstet
9. Kapitel. Erste Ueberfahrt
10. Kapitel. Das Wrack verlassen
11. Kapitel. Wie machen wir Feuer an?
12. Kapitel. Haifische und Kokosbäume
13. Kapitel. Berathung
14. Kapitel. Reiseabentheuer
15. Kapitel. Weitere Abentheuer
16. Kapitel. Die Quelle
17. Kapitel. Wieder ein Sturm
18. Kapitel. Das Zelt
19. Kapitel. Ein lehrreiches Kapitel
20. Kapitel. Vorbereitung zur Uebersiedelung
21. Kapitel. Ein langes Gespräch
22. Kapitel. Uebersiedelung
23. Kapitel. Der neue Wohnsitz
24. Kapitel. Verschiedene nützliche Einrichtungen werden getroffen
25. Kapitel. Die Beeren
26. Kapitel. Tommy wieder unartig
27. Kapitel. Schildkrötenfang
28. Kapitel. Fischfang
29. Kapitel. Der Bau
30. Kapitel. Nanny, die Ziege
31. Kapitel. Der alte Hurtig beginnt die Erzählung seiner Lebensgeschichte
Geschichte des alten Robinson
32. Kapitel. Hurtig erzählt weiter
33. Kapitel. Der Fingerhut
34. Kapitel. Das Wetter schlägt ein
35. Kapitel. Gottes Größe und Allmacht
36. Kapitel. Hurtig erzählt weiter
37. Kapitel. Fortsetzung von Hurtigs Geschichte
38. Kapitel. William wird krank
39. Kapitel. Fortsetzung von Hurtig's Geschichte
40. Kapitel. Hurtig erzählt weiter
41. Kapitel. Ende von Hurtig's Geschichte
42. Kapitel. Die Entdeckungsreise
43. Kapitel. Hurtig entdeckt ein Schiff
44. Kapitel. Die Indianerinnen
45. Kapitel. Berathschlagung
46. Kapitel. Tommy und der Krebs
47. Kapitel. Einrichtungen auf der Südseite
48. Kapitel. Tommy und die Schweine
49. Kapitel. Die Rettungsbucht
50. Kapitel. Die Kisten und Vorräthe
51. Kapitel. Tommy und die Flinte
52. Kapitel. Hurtig und William reisen ab
53. Kapitel. Der Postbote
54. Kapitel. Fernere Unterhaltung über die Eigenschaften verschiedener Thiere
55. Kapitel. Hurtig und William reisen wieder ab
56. Kapitel. Der wilde Esel
57. Kapitel. Errichtung der Pallisaden
58. Kapitel. Tommy und das Boot
59. Kapitel. Das neue Haus
60. Kapitel. Hurtig entdeckt Indianer
61. Kapitel. Landung der Indianer
62. Kapitel. Sturm
63. Kapitel. Nächtlicher Angriff
64. Kapitel. Hurtig holt Wasser
65. Kapitel. Neuer Angriff der Wilden
66. Kapitel. Hurtig's Tod
67. Kapitel. Begräbnis und Abreise. Schluß
Nachschrift

1. Kapitel. Robinson Hurtig

Inhaltsverzeichnis

Im Monat October des Jahres 18.. steuerte bei stürmischem Wetter das schöne, englische Kauffahrteischiff, der Pacific, durch den weiten atlantischen Ocean. Es trug nur wenige kleine Segel; denn der Wind wehete heftig, und würde alle Leinwand in Fetzen zerrissen haben, wenn man seinem Wüthen eine größere Fläche zum Spielraum preisgegeben hätte. Trotzdem schoß es durch die Wasser, wie ein gehetzter Hirsch, und die Wogen stürzten hinter ihm her gleich einem Panther, der brüllend und wuthschäumend seine Beute verfolgt, ohne sie erreichen zu können. Die rasenden Windstöße und die tobenden Wellen erschütterten das Fahrzeug in allen seinen Fugen. Es ächzte, stöhnte und zitterte, gleich einem lebendigen Wesen. Dennoch kämpfte es immer wacker vorwärts, obwohl es bald auf der Seite lag und seine Rippen tief in den Höhlungen der Wogen begrub, bald wieder sein Spiegel von einer hochgehenden Welle mit unwiderstehlicher Macht empor geschleudert wurde, während das Vordertheil von den brausenden Wassern überfluthet ward. Immer erhob es sich wieder und beflügelte von Neuem seinen Lauf; denn es war ein wackeres Schiff und sein Kapitän ein tüchtiger Seemann, der, von Sturm und Wettern umbraust, redlich seine Pflicht that und nichts verabsäumte, was irgend zum Heile seines Fahrzeugs und seiner Untergebenen gereichen konnte, im Uebrigen aber unerschütterlich auf den Gott über den Sternen vertraute, dessen väterliches Auge unwandelbar seine guten und frommen Kinder bewahrt und beschirmt.

Er stand neben dem Steuerrade, und hütete mit wachsamen Blicken die Bewegungen der beiden Matrosen, welche den Lauf des Schiffes leiteten; denn er wußte recht gut, daß eine einzige falsche Wendung des Steuerruders den rettungslosen Untergang des Fahrzeugs nach sich ziehen konnte.

Von Zeit zu Zeit warf er einen flüchtigen Blick zum Himmel empor und über die wild aufgeregte, endlose Wasserfläche hinweg; und wenn ihm dann das Herz recht schwer werden wollte, so sang er mit gedämpfter leiser Stimme einige Strophen aus einem alten Schifferliede vor sich hin, die so recht für seine sturmbedrängte Lage gedichtet schienen. Sie lauteten also:

Rings um uns droht der Wasser dumpfes Brausen, Allüberall der Elemente Wuth! Das Schiff erdröhnt, die wilden Stürme sausen, – Doch immer stehen wir in Gottes Huth!

Und hatte er das Liedchen gesungen, so kehrte auch die ruhigste Heiterkeit in seine Seele zurück, und er fürchtete nicht mehr die hilflose Einsamkeit auf dem unendlichen Ocean, nicht mehr die dunkeln Wolken, die schwer und düster vom Himmel herabhingen, nicht mehr den rasenden Sturm, der wie mit verhängten Zügeln grimmig einherjagte und schauerlich durch das klappernde Takelwerk heulte, nicht mehr die berghohen Wogen des Meeres und die weißschimmernden, zischenden Schaumflocken, die unaufhörlich über das Verdeck hinwegspritzten.

Außer dem Kapitän und den beiden Steuerleuten befand sich Niemand mehr auf dem Verdeck, als ein hübsch und muthig aussehender Knabe von etwa zwölf Jahren, und ein wettergebräunter, alter Seemann, dessen graue Locken im Winde flatterten, wenn er über das Hackbord des Schiffes in die rollenden Wogen hinaus schaute. Der Knabe hielt sich immer dicht neben ihm, und klammerte sich fest an seinen Arm, wenn ein so recht heftiger Windstoß herangebraust kam.

»Robinson!« rief er plötzlich, indem er sich dicht an seinen Begleiter anschmiegte, und mit der ausgestreckten Rechten in das Meer hinaus zeigte; »Robinson, schaut die Welle da, wie sie düster hinter uns herrollt! O Gott, sie wird uns überfluthen, und wir müssen alle zu Grunde gehen!«

»Nicht doch, mein Junge,« erwiederte mit tröstlicher Ruhe der alte Bootsmann Robinson Hurtig. »Fürchte dich nicht, William, denn die Welle da thut uns nichts. Sieh' nur, wie stattlich unser gutes Schiff seine Seite gegen sie erhebt, und nun, – da ist sie schon unter uns hinweg! Nein, solch' ein bischen Wasser wird uns nichts anhaben. Aber freilich, wenn so eine recht tüchtige Sturzwelle über uns hinweg schlüge, da würd' es heißen: ›Halt fest, Schelm, wenn du nicht fortgespült werden willst, um nähere Bekanntschaft mit den Seefischen zu machen.‹ Doch dergleichen kommt so häufig nicht vor, wenn der Sturm nicht schlimmer ist, als dieser da.«

Und der alte Mann lächelte, während er sorglos zu den Wolken aufblickte.

»Mag sein, daß es noch schlimmer kommen kann,« entgegnete der Knabe, »aber schon so, wie's jetzt ist, scheint's mir arg genug. Ich habe die See herzlich satt, und mögte, wir wären erst wieder auf dem festen, sicheren Lande. Die Wellen hier ringsum sehen wahrhaftig aus, als ob sie große Lust hätten, unser armes Schiff in tausend Stücke zu zertrümmern.«

»Ei, und Lust genug haben sie auch,« erwiederte der alte Hurtig lächelnd. »Sie brummen und toben vor lauter Aerger, daß sie unser braves Fahrzeug nicht mit Masten und Planken verschlingen können. Aber laß sie brummen, ich fürchte mich nicht davor, denn ich war schon öfter dabei, und bin dran gewöhnt. So lange wir so feste Planken, wie diese da, unter den Füßen haben, und einen tüchtigen Kapitän und gute Mannschaft dazu, ist wenig zu besorgen.«

»Aber doch sind schon viele Schiffe untergegangen, Hurtig,« sagte der Knabe, »und alles, was drauf war, ist von den Wellen verschlungen worden. Es wäre doch schlimm, wenn es uns auch so erginge.«

»Freilich wär's das, mein lieber Junge,« erwiederte Robinson Hurtig; »aber wie gesagt, die Gefahr ist uns noch fern, und im Uebrigen müssen wir uns auf den lieben Gott verlassen. Was er auch thun möge, es ist wohlgethan.«

Diese Worte schienen den Knaben zu trösten, und er blickte mit geringerer Besorgniß in das Meer hinaus. Ein Paar kleine Vögel schossen raschen Fluges dicht über den Wellen entlang, und der Kleine bemerkte sie.

»Was sind das für Vögel, Robinson?« fragte er.

»Das sind Sturmvögel, William,« erwiederte der alte Hurtig. »Sie lassen sich nur blicken, wenn ein Sturm herannaht oder im vollen Gange ist. Wir Seeleute nennen sie Mutter Carey's Küchlein, und mancher Matrose denkt an Klippen und Schiffbruch, wenn er die kleinen Dinger umherflattern sieht.«

»Habt Ihr auch schon einmal Schiffbruch gelitten?« fragte William neugierig. »So an einer unbewohnten Küste, meine ich, wie Robinson Crusoe, Euer Namensvetter.«

»Ja, Schiffbruch gelitten habe ich schon,« entgegnete der alte Bootsmann. »Ob aber grade so, wie dein Freund Robinson Crusoe, das weiß ich nicht, denn ich habe in meinem Leben noch nichts von ihm gehört.«

»Nun, wenn Ihr ihn nicht kennt,« sagte William, »so will ich Euch alles erzählen, was ich in einem wunderhübschen Buche von ihm gelesen habe. In dem Buche steht alles drin, was ihm für wunderbare Schicksale begegnet sind, und Ihr werdet sie gewiß gern hören. Aber vor allen Dingen muß erst der Sturm vorüber sein, und das Schiff wieder sanft auf dem Wasser hingleiten.«

»Gut, mein Junge,« erwiederte der alte Hurtig, dem Knaben freundlich die Wange streichelnd. »Wenn wir den Sturm abgewettert haben, will ich dich an dein Versprechen erinnern, und dir auch Einiges von meinem Schiffbruche berichten; jetzt aber ist's am besten, du geh'st unter Deck, und schau'st dich ein wenig nach deiner Mutter um, die gewiß schon deinetwegen in großer Sorge ist. Komm, ich will dich die Lukentreppe hinab geleiten, damit du nicht etwa durch das Schwanken des Schiffs das Gleichgewicht verlierst und in den Raum hinunterstürzest. Fass' mich an.«

William gehorchte, und als der alte Hurtig ihn sicher bis an die Kajütenthür geleitet hatte, kehrte er geschwind auf's Verdeck zurück, um wieder nach dem Wetter auszuschauen und seinen gewöhnlichen Wachtdienst zu verrichten.

Einen braveren alten Seemann konnte man kaum finden, als unseren Robinson Hurtig. Seit einer Reihe von fünfzig langen Jahren schon hatte er die Meere aller Länder durchfurcht, und bereits im zehnten Jahre seines Alters auf einem englischen Kohlenschiffe Dienste versehen. Sein ehrliches Angesicht war zwar von Wind und Wetter gebräunt, und die Zeit sowohl, wie überstandene Mühseligkeiten hatten seiner Stirne tiefe Furchen eingegraben; dennoch aber war er noch immer ein kräftiger, gesunder und frischer Mann, und Jedermann mogte ihn wegen seiner treuherzigen Gutmüthigkeit gern leiden. Aus seinem vielfach bewegten Leben wußte er eine große Menge sehr seltsamer und abenteuerlicher Geschichtchen zu berichten, die manchmal ganz unglaublich klangen. Keiner seiner Zuhörer zweifelte jedoch jemals an der Wahrheit derselben, da alle Welt wußte, daß der alte Hurtig lieber sterben als eine Lüge sagen würde. Von Gelehrsamkeit und Bücherkram wußte er nicht viel; aber er verstand es prächtig ein Schiff zu steuern, und lesen und schreiben konnte er auch. Den Inhalt seiner Bibel, die ihn auf allen seinen Reisen begleitet hatte, wußte er beinahe auswendig, so oft hatte er ihre schönen Sprüche und Lehren gelesen; und Gott lieb haben, dünkte ihm besser, als alle Weisheit der Menschen. Der Name Hurtig paßte ganz vortrefflich für ihn, und er machte ihm alle mögliche Ehre. Stets war er hurtig bei der Hand, wenn es nothwendige Geschäfte gab; hurtig griff er zu in der Gefahr, und was keiner wagte, das führte Robinson auf das Hurtigste aus. Wo es ein schweres Stück Arbeit gab, da hieß es immer: »wo ist Robinson Hurtig?« und wenn Robinson kam, so ging alles seinen ordnungsmäßigen Gang, besonnen und doch mit der rührigsten Hurtigkeit. Robinson war der Liebling der Matrosen, wie des Kapitäns. Erstere lauschten gern seinen Erzählungen, und lachten über seine gemüthlichen Späße, und der Kapitän hörte in Zeiten der Drangsal und Noth gern auf des alten Bootsmannes gute Meinung, und folgte nicht selten seinen trefflichen Rathschlägen. Lange Erfahrung und unerschütterliche Besonnenheit gaben den Worten Robinson Hurtigs immer ein ganz besonderes Gewicht.

Der Pacific, ein braves Schiff von mehr als vierhundert Tonnen Last, war hinreichend stark erbaut, um es auf offenem Meere auch mit dem heftigsten Sturme aufnehmen zu können. Er segelte mit einer kostbaren Ladung englischer Stahlwaaren und anderer Fabrikate nach Neusüdwales. Den Befehlshaber desselben, Kapitän Osborn, haben wir bereits als einen tüchtigen Seefahrer kennen gelernt, und erwähnen nur noch, daß er, stets heitern und wohlgelaunten Sinnes, jedes Begebniß mit der besten Miene von der Welt aufnahm, und lieber durch Lachen und Scherzen einen Unfall in Vergessenheit brachte, als mürrische Gesichter darüber schnitt, oder wohl gar in gotteslästerliche Flüche und Reden ausbrach.

Sein erster Steuermann hieß Mackintosh, und war von Geburt ein Schotte. Die Mannschaft liebte ihn nicht, und auch der Kapitän, obwohl er ihm viel Vertrauen schenkte und alle mögliche Achtung bewies, empfand keine besondere Zuneigung für ihn. Der Mann erfüllte auf's Genaueste die Pflichten, die ihm oblagen, aber er that es mit finstern, mürrischen Mienen und rauhem, übellaunigem Wesen. Für Niemand hatte er ein freundliches Wort oder einen freundlichen Blick, und da ging es denn ganz natürlich zu, daß auch ihm kein Mensch herzlich und freundlich zugethan war.

2. Kapitel. Herr Seagrave und seine Familie

Inhaltsverzeichnis

Während Robinson Hurtig oben auf dem Verdeck hin und her spazierte, und trotz Sturm und Wogendrang achtsam seinen Dienst versah, befand sein junger Freund William sich unten in der Kajüte, im Kreise seiner Familie, deren nähere Bekanntschaft wir nun machen wollen.

Herr Seagrave, der Vater, ein ruhiger, verständiger Mann, hatte mehrere Jahre hindurch ein wichtiges Amt bei dem englischen Gouvernement zu Sidney, der Hauptstadt von Neusüdwales, bekleidet. Eben jetzt war er im Begriff, nach einem Urlaube von drei Jahren, welchen er mit seiner Familie in England zugebracht hatte, in seine Heimath zurückzukehren, um daselbst in Zukunft die Verwaltung seines Eigenthums, sehr ausgedehnter Ländereien nämlich, die er in der Kolonie besaß, zu übernehmen. Bisher hatte die nöthigen Geschäfte ein Haushofmeister besorgt, und die Güter waren so vortrefflich bewirthschaftet worden, daß ihr Werth in neuerer Zeit sehr bedeutend gestiegen war. Besonders hatte Herr Seagrave von seinen zahlreichen Viehheerden schon ansehnliche Einkünfte bezogen. Theils um seine Güter in noch bessern Stand zu setzen, theils auch um der größeren Eleganz und Behaglichkeit seines Hauswesens willen, führte Herr Seagrave eine große Menge verschiedenartiger Gegenstände mit sich, die er in Neusüdwales gar nicht, oder doch nur mit großer Mühe und ungeheuren Kosten hätte anschaffen können. Die verschiedenen Räume des Schiffes enthielten Meubles, Ackergeräthschaften, Sämereien, Pflanzen, Hausthiere und noch tausenderlei solche und ähnliche Gegenstände für ihn, mit deren Aufzählung wir uns jedoch vorläufig nicht befassen, sondern nur erwähnen wollen, daß Herr Seagrave mit Verstand und Umsicht für alles Nöthige Sorge getragen hatte.

Mistreß Seagrave, seine Gemahlin, war eine höchst liebenswürdige und vortreffliche Frau, die zärtlichste Mutter, die liebevollste Gattin. Leider erfreute sie sich nicht der besten Gesundheit, und hatte oft mit Kränklichkeit und Unwohlsein zu kämpfen. Ihren ältesten Sohn, unsern jungen Freund William, kennen wir schon als einen aufgeweckten, thätigen und kraftvollen Knaben, der in jeder Hinsicht seinen Eltern zur Freude gereichte. Thomas, oder Tommy, wie er gewöhnlich kurzweg gerufen wurde, sein jüngerer Bruder, glich ihm nur wenig. Es steckten viele Unarten in ihm, und er war stets bereit, thörichte Streiche auszuführen, wenn man ihm nicht fortwährend die sorgfältigste Aufmerksamkeit widmete. Doch entsprangen seine Fehler mehr aus Gedankenlosigkeit, als aus bösem Herzen, und überdieß zählte er erst sechs Jahre. Eine zweckmäßige Erziehung, so hoffte sein Vater, würde ihn mit der Zeit schon noch zu einem ordentlichen Menschen machen. Karoline, ein allerliebstes, artiges Mädchen von sieben Jahren, und der kleine, erst einjährige Albert, waren die übrigen Kinder Herrn Seagrave's. Seine Dienerschaft bestand einzig und allein aus Juno, einer Negerin vom Kap der guten Hoffnung, deren Geschäfte sich während der Ueberfahrt meist auf die sorgsame Pflege des kleinen Albert beschränkten. Sie war gutmüthig und willig, und hatte die Familie nach England begleitet.

Hiemit hätten wir denn alle Personen an Bord des Pacific aufgeführt, dürfen jedoch nicht vergessen, noch zweier Schäferhunde, die Herrn Seagrave, und eines kleinen Dachshundes, der dem Kapitän Osborn gehörte, Erwähnung zu thun, da sie mit der Zeit vermuthlich noch öfters unsere besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen werden.

Mittlerweile wüthete der Sturm mit unverminderter Kraft und ohne Unterbrechung drei Tage und drei Nächte fort, und begann erst am Morgen des vierten Tages seine furchtbare Heftigkeit in Etwas zu mäßigen. Nach und nach lullte er immer mehr ein; die Stöße folgten immer seltener auf einander, und endlich wehete er so schwach, daß beinahe völlige Windstille eintrat. Die empörten Wogen beruhigten sich; das Schiff wurde nicht länger von ihnen, gleich einer Nußschale, umhergeschleudert, und glitt schon am Abende des vierten Tages sanft und gleichmäßig dahin. In der Nacht ebneten sich die Wasser völlig, und nur ein milder, würziger Wind kräuselte noch sanft und lieblich die glänzende Oberfläche des Wassers.

Die armen Matrosen, die während der ganzen Dauer des Sturmes kein Auge hatten schließen dürfen, konnten sich nun der erquickendsten und süßesten Ruhe hingeben. Zuvor aber warfen sie ihre völlig durchnäßten Kleider ab, und hingen sie am Takelwerk zum Trocknen aus; spreiteten darauf die klatschnassen Segel aus einander, damit sie von der harzigen Feuchtigkeit nicht verderbt werden mögten, und suchten dann erst, als es nichts Wichtiges mehr zu thun gab, ihre Schlummerstätten, die Hängematten, auf. Sie schliefen fest und erquicklich bis zum nächsten Morgen, und erwachten erst lange nach dem Aufgange der Sonne mit neuem Lebensmuthe und neuer Kraft.

Um die Mittagsstunde des ersten völlig wieder heiteren Tages finden wir die ganze Familie Seagrave auf dem Verdecke des Schiffes versammelt. Mistreß Seagrave saß, sorgfältig von einem großen Mantel umhüllt, in einem bequemen Armstuhle, nahe am Sterne des Schiffes. Ihr Gatte und die fröhlich jauchzenden Kinder waren in ihrer Nähe versammelt, und alle ohne Ausnahme freuten sich des heiteren blauen Himmels und der glatten Fläche des Meeres, welche dem rasenden Toben der Elemente gefolgt war. Der Wind blies schwach, aber stet, und trieb das Schiff vier Meilen in der Stunde vorwärts. Während Eltern und Kinder fröhlich mit einander plauderten und scherzten, trat Kapitän Osborn, den Sextanten, mit dem er so eben den Stand der Sonne beobachtet hatte, unter dem Arm, zu ihnen, und grüßte alle mit Herzlichkeit und freundlichem Gesichte.

»Nun, Tommy, du kleiner Märzhase,« scherzte er, »bist du froh, daß der Sturm vorüber ist?«

»Gewiß bin ich's, obgleich ich keine Angst hatte,« erwiederte der kleine Bursch, indem er schelmisch lächelnd den Kapitän anschaute; »aber ich habe mich alle Tage ärgern müssen, weil ich immer die Hälfte von meiner Suppe verschüttete, und Juno da ist mit dem Stuhle umgepurzelt, und ist mit sammt dem kleinen Brüderchen auf dem Boden umher gekugelt, bis der Papa alle beide aufgehoben hat. Das war eine schöne Geschichte!«

»Ja gewiß!« bemerkte Frau Seagrave. »Wir können Gott danken, daß er den kleinen Albert in dieser Gefahr beschützt hat. Es ist ein wahres Glück, daß er ohne Verletzung der zarten Glieder davon gekommen ist.«

»Und nächst Gott müssen wir der guten Juno dankbar sein,« sagte Herr Seagrave, die Negerin freundlich anblickend. »Ohne auf sich selbst zu achten, war sie nur um das Wohl des Kleinen besorgt, und hütete ihn, wie ihren Augapfel.«

»Ja, ja, ich habe davon gehört,« sprach Kapitän Osborn, »doch hoffe ich, daß sie das Knäbchen gerettet hat, ohne sich selbst Schaden zu thun.«

»Ich mein Kopf sehr stark anstoßen,« sagte Juno, aber mit heiterem Lächeln.

»Nun,« rief der Kapitän, und lachte herzlich, »so ist es ja ein wahres Glück, daß du auf deinem Kopfe einen so schönen, dicken, krausen Pelz zum Schutze hattest, Juno. – Doch sei nicht böse, mein Mädchen,« setzte er schnell hinzu, und reichte ihr die Hand, als er sah, daß bei dem Scherze die Freundlichkeit von Juno's Gesichte verschwand, – »ich mein' es gut mit dir, und weiß ja, daß du ein braves Mädchen bist.«

Juno lachte wieder mit dem ganzen Gesichte bei diesem Lobspruche, und der Kapitän wendete sich nach seinem Steuermanne um, der so eben herangeschritten kam.

»Es ist zwölf Uhr nach dem Stande der Sonne, Sir!« sagte Herr Mackintosh mürrisch.

»Gut, Herr!« erwiederte der Kapitän. »So nehmen Sie denn die Breite auf, während ich nach meinen eigenen Beobachtungen die Länge ermitteln werde. In fünf Minuten, Herr Seagrave,« wendete er sich darauf zu diesem, »will ich Ihnen auf das Genaueste sagen, auf welchem Fleckchen der lieben Mutter Erde wir uns eben jetzt befinden.«

Während Kapitän Osborn seine Berechnungen anstellte, kamen mit lautem Gebelle die beiden Schäferhunde Herrn Seagrave's auf's Deck gerannt, und setzten, heulend und bellend, mit großen Sprüngen darauf umher.

»Seht doch die Hunde,« rief William lebhaft. »Sie scheinen sich in der That nicht minder über das schöne Wetter zu freuen, wie wir vernünftigen Wesen. Komm her, Romulus! Hierher, Remus! Remus, her da!«

Die Thiere gehorchten schwanzwedelnd dem Rufe, und wurden dafür freundlich auf den Rücken geklopft. Der alte Hurtig stand mit seinem Quadranten daneben, und schaute lächelnd dem Kosen der Hunde zu. Plötzlich wendete er sich zu Herrn Seagrave, und sagte: »Ihre Hunde da, Sir, haben ein Paar ganz absonderliche Namen, die ich mein Lebtage noch nicht gehört habe. Romulus und Remus! Bitte, sagen Sie mir, wer und was waren die Beiden?«

»Romulus und Remus sind die Namen zweier Brüder, die vor uralten Zeiten die Stadt Rom gründeten, deren Herrlichkeit und Pracht nachmals alle übrigen Städte der Welt verdunkelte,« erwiederte Herr Seagrave. »Die beiden Brüder waren ihre ersten Könige, und regierten den aufblühenden Staat gemeinschaftlich.«

»Was sagt Ihr aber dazu, Hurtig, daß eben jene Beiden von einer Wölfin in der Wildniß aufgesaugt worden sind?« fragte William.

»Je nun, ich meine, das muß eine recht bärbeißige Amme gewesen sein, der ich für mein Theil die Kinder gewiß nicht anvertraut hätte,« erwiederte Hurtig mit einem gutmüthigen Lächeln.

»Ja, und Romulus schlug später seinen Bruder todt,« sagte William.

»Das wundert mich eben nicht, wenn ich bedenke, wie und von wem er erzogen ward,« sagte Robinson. »Aber sprich, William, warum denn erschlug er ihn?«

»Weil er ein bischen zu hoch sprang!« erwiederte der schalkhafte Knabe lachend.

»Der Junge will mich wohl zum Narren haben,« sagte Robinson Hurtig, indem er sich zu Herrn Seagrave wendete, ein wenig zweifelhaft.

»O nein, lieber Freund,« entgegnete Herr Seagrave, »er erzählt nur wieder, was uns die Geschichtschreiber des Alterthums von der Sache mittheilen. Sie berichten, daß Romulus eine Mauer um die Stadt Rom aufführen ließ, und daß Remus, um seinen Bruder zu ärgern und zu kränken, die geringe Höhe derselben bespöttelte, und über sie hinwegsprang. Im ersten Zorne griff Romulus zu seinen Waffen, stürzte über Remus her und tödtete ihn. So lautet die Geschichte, deren Wahrheit wir übrigens dahingestellt sein lassen wollen, da man den alten Schriftstellern nicht immer auf's Wort glauben darf.«

»Mag dem sein wie ihm wolle,« sagte Robinson Hurtig, bedächtig, »jedenfalls bestätigt das Mährlein das alte Sprichwort, daß zwei Brüder in Einem Hause nicht gut zusammen thun. Doch sagen Sie mir, Herr, ist das Rom, von dem Sie so eben erzählten, dieselbe Stadt, welche noch heut zu Tage öfters erwähnt wird?«

»Nicht dieselbe, aber doch die Ueberbleibsel und Trümmer von der vormaligen Welthauptstadt!« sagte William. »Ihre Pracht ist zerstoben, ihre Herrlichkeit ist dahingesunken, ihre Macht ist gebrochen. Sie ist kaum noch der Schatten von dem, was sie vor Jahrhunderten war.«

»Ich danke dir für deine Belehrung, mein Junge,« sagte der alte Hurtig, dem Knaben treuherzig die Hand schüttelnd. »Ja, ja, so alt man auch werden möge, immer gibt es noch Gelegenheit, etwas Neues zu lernen, und nimmer lernt man es besser, als wenn man bei seiner Unwissenheit geradezu fragt, selbst auf die Gefahr hin, von thörichten Menschen einmal ausgelacht zu werden. Die wenigen Kenntnisse, die ich besitze, habe ich auf solche Art und Weise erworben, und gebe einem Jeden den aufrichtigen Rath, meinem Beispiele zu folgen. Gewiß wird sich Niemand übel dabei stehen.«

»Merke dir diese Worte, lieber William,« sagte Herr Seagrave zu seinem Sohne, »und schäme dich niemals, eine Frage zu thun, wenn dir irgend eine Sache nicht recht klar und deutlich erscheint.«

»Oh, ich schäme mich dessen niemals, liebster Vater,« erwiederte William voll Eifers. »Lege ich Euch nicht alle Tage tausend Fragen vor, Robinson?«

»Ja gewiß thust du das, mein Junge,« sagte der alte Hurtig, beifällig, mit dem Kopfe nickend. »Und ich kann wohl behaupten, daß es immer recht gescheidte Fragen für solchen jungen Knaben sind, wie du bist. Schade nur, daß ich sie bisweilen nicht so vollkommen beantworten kann, wie ich es wohl mögte.«

Mistreß Seagrave unterbrach jetzt das Gespräch, indem sie den Wunsch äußerte, das Verdeck zu verlassen und sich wieder in die Kajüte zu begeben. »Steh' mir bei, bester Mann,« bat sie ihren Gatten, »und Ihr, Robinson, habt wohl die Güte, meinen kleinen Albert hinab zu tragen.«

»Herzlich gern,« versicherte der alte Seemann, und nahm sogleich der Negerin den Kleinen ab.

»Steig' nur voraus, Juno,« sagte er zu dieser, »ich komme mit dem Jüngelchen schon nach. Aber rückwärts! Rückwärts mußt du die Leiter hinunter klimmen, dummes Mädchen! Wie oft soll ich dir das noch sagen! Ich seh's kommen, daß du eines Tages schneller, als es dein Wille ist, hinabsegelst!«

»Und brechen Genick, Hurtig?« stammelte die Negerin erschreckt.

»Ja, oder das Bein, oder den Arm, und wer sollte dann das herzige Bübchen hier tragen? Du mußt hübsch vorsichtig sein, schwarzes Ding.«

»Juno künftig alles besser machen,« sagte die Negerin, und stieg vorsichtig die Lukentreppe hinab. Robinson Hurtig folgte schnell aber bedachtsam.

Als alle wieder in der Kajüte versammelt waren, breitete Kapitän Osborn eine Seekarte auf dem Tische aus, und suchte mit Herrn Seagrave die Gegend des Meeres auf, in welcher sich zu dieser Zeit das Schiff befand. Sie ermittelten nach wenig Minuten, daß sie sich bis auf 50 Stunden dem Kap der guten Hoffnung auf der Südspitze von Afrika genähert hatten.

»Morgen schon, wenn irgend der Wind anhält, werden wir das Festland betreten können,« sagte bei dieser Entdeckung Herr Seagrave erfreut zu seiner Gattin. »Und du, Juno,« wendete er sich zu der Negerin, »findest wohl gar Vater und Mutter in der Kapstadt.«

Betrübt schüttelte Juno ihren Kopf, und zerdrückte eine helle Thräne in ihrem Auge. »Nicht Vater finden, nicht Mutter finden,« sagte sie mit trauriger Stimme. »Vater und Mutter weit fort in das Innere von Land. Arme Juno nicht sehen.«

Des weiteren erzählte sie, daß ihre Eltern Sclaven seien, und von ihrem Herrn in entfernte Länder geführt worden wären. Sie selbst sei als kleines Kind in der Kapstadt zurückgelassen, und durch eine seltsame Verkettung außerordentlicher Umstände nach Neusüdwales verschlagen worden, um dort Herrn Seagrave als Sclavin zu dienen.

»Aber jetzt bist du keine Sclavin mehr, Juno,« tröstete Herr Seagrave die Negerin. »Du bist frei, wie alle, die nur einmal Englands Boden betreten haben. Freue dich daher, und sei vergnügt.«

»Wenn auch frei,« erwiederte schluchzend das Mädchen, »arme Juno doch nicht Vater, nicht Mutter mehr haben. Das sehr traurig sein.«

Sie weinte fort, und Herr Seagrave gab nun den Versuch, das Mädchen zu trösten, auf, und überließ es sich selbst. Juno vergoß noch einige Thränen. Als jedoch der kleine Albert zu schreien anfing, und sie ihn schnell auf den Arm nahm, um ihn zu beruhigen; als das Knäbchen sie freundlich anlächelte, und ihr zuletzt gar die Wange streichelte, da wurde sie auf einmal wieder fröhlich, vergaß ihren Kummer, spielte mit dem holden Kinde, lachte mit ihm und sang ihm endlich ein munteres Wiegenlied.

Darüber verging der Tag; die Nacht dämmerte herauf mit ihren funkelnden Sternen, und aller Augen schlossen sich zu dem sanftesten Schlummer.

3. Kapitel. Das Kap der guten Hoffnung und die Kapstadt

Inhaltsverzeichnis

Am nächsten Morgen stand William mit seinem Freunde Hurtig auf dem Verdecke, und schaute nach der Kapstadt hinüber, welche sich deutlich erkennbar vor seinen Augen ausbreitete.

»Es ist hübsch hier,« wandte er sich zu Robinson; »die Aussicht vom Meere auf das Land gefällt mir außerordentlich; doch mögte ich bei alledem lieber auf dem Ufer umherspazieren.

»Geduld, Geduld, William!« sagte Robinson Hurtig gemütlich; »ein Seefahrer muß immer und jederzeit einen absonderlich großen Vorrath von dem Kräutlein Geduld als Ballast bei sich führen, und da du jetzt ein halber Seemann bist, mußt du es eben so machen. Uebrigens werden wir binnen einer Viertelstunde in der Tafelbai dort die Anker auswerfen, und dein Wunsch kann alsdann befriedigt werden.«

»Warum nennt man jene Bucht die Tafelbai?« fragte William, nachdem er seine Freude über die baldige Erlösung vom Schiffe ausgedrückt hatte.

»I nun, William,« antwortete Hurtig, »vermuthlich wegen des hohen Berges dort, den sie hier zu Lande den Tafelberg nennen. Schau hin, mein Junge! Bemerkst du wohl, wie flach sein Gipfel ist?«

»Gewiß!« erwiederte William. »Er sieht beinahe aus, wie ein Tisch.«

»Richtig, mein Junge!« sagte Robinson; »und an einem Tischtuche, das zu der großen Tafel paßt, fehlt's auch nicht. Es ziehen nämlich zuweilen leichte weiße Wölkchen auf ganz eigenthümliche Weise über die Tafel weg, und lagern sich darüber hin. Diese Erscheinung nennen wir Seefahrer: ›die Tafel decken,‹ freuen uns eben nicht darüber, weil in der Regel schlechtes Wetter darauf folgt.«

»Na, dann will ich nur den lieben Gott bitten, daß er die Tafel nicht decken möge, so lange wir hier sind, denn schlechtes Wetter haben wir zur Genüge gehabt, sollte ich meinen, und ich spüre gar keinen Appetit darauf,« sprach William.

Mittlerweile war der Pacific in die Bai gesegelt, und hier wurden nun auf das Kommando des Kapitäns die Segel gerefft und die gewichtigen Anker ausgeworfen. Nach kurzer Zeit waren diese Geschäfte beseitigt, und Kapitän Osborn trat zu Herrn Seagrave und dessen Gattin, welche vom Verdeck aus einen Blick auf die köstliche, vor ihnen ausgebreitete Landschaft warfen.

»Wir werden hier zwei Tage verweilen, Sir,« sagte der Kapitän zu Seagrave. »Vielleicht macht es Ihnen Vergnügen, diese Zeit mit Ihrer Frau Gemahlin am Lande zuzubringen.«

»Was meinst du, mein Kind?« fragte Herr Seagrave seine Frau. »Wollen wir hinüber, oder ziehst du es vor, an Bord zu bleiben?«

Madame Seagrave schwankte, entschied sich aber doch endlich für das Letztere.

»Ich fühle mich noch zu schwach, um das Schiff verlassen zu können,« sagte sie, »und will deßhalb, wenn es dir recht ist, lieber Mann, mit Karoline und dem kleinen Albert an Bord zurückbleiben, während du mit den andern Kindern das Land besuchst.«

Bei dieser Bestimmung blieb es, und am nächsten Morgen ward ein großes Boot ausgesetzt, in dem Herr Seagrave, William, Tommy und Kapitän Osborn an das Ufer ruderten. Vor der Abfahrt hatte Thomas seiner Mutter das feste Versprechen geben müssen, sich recht artig zu benehmen, und nicht, wie gewöhnlich, dumme Streiche zu machen. Bald aber werden wir sehen, wie er das Versprechen hielt.

Vom Landungsplatze aus führte Kapitän Osborn seine Begleiter in das Haus eines alten Bekannten, erquickte sie dort, da es ein brennend heißer Tag war, mit einigen Gläsern Limonade, und machte ihnen dann den Vorschlag, sie in die Gärten der Kompagnie zu führen, und ihnen die daselbst gefangen gehaltenen wilden Thiere zu zeigen. Mit großer Freude wurde dieser Vorschlag, besonders von den beiden Knaben, angenommen, und man machte sich ohne längeres Zögern sogleich auf den Weg.

»Was sind das eigentlich für Gärten, die Gärten der Kompagnie?« fragte William unterwegs seinen Vater.

»Man nennt sie so,« erwiederte Herr Seagrave, »weil sie zur Zeit, wo das Kap noch ein Besitzthum der Holländisch-Ostindischen Kompagnie war, von selbiger angelegt wurden. Eigentlich sind es botanische Gärten, doch befinden sich auch wilde Thiere darin, und besonders in früheren Zeiten hielt man deren eine große Menge. Neuerdings vernachlässigt man sie jedoch, weil wir jetzt in England selbst genug dergleichen haben.«

»Erzähle mir doch, was wir alles zu sehen bekommen werden,« bat Tommy den Kapitän Osborn.

»Eine ganze Menge großer, wilder Löwen wirst du sehen, mein Jüngelchen,« erwiederte der Kapitän, »und ich rathe dir freundschaftlich, nicht zu nahe an den Käfig zu treten, in dem sie aufbewahrt werden. Hörst du wohl, Tommy?«

»Ja, ich hör's, und werde gewiß nicht hingehen,« entgegnete der Knabe. »Aber auf die Löwen freue ich mich recht; ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen gesehen.«

Mittlerweile kamen sie alle in den Gärten an, hatten aber kaum das Eingangsthor hinter sich, als unser Tommychen ganz still und heimlich davon schlüpfte, um so bald als möglich zu den Löwen zu kommen. Zum Glück bemerkte es Kapitän Osborn noch zu rechter Zeit, und eilte dem kleinen Ausreißer nach.

»Du bist mir ein schöner Bursch!« sagte er, ihn ergreifend und bei, der Hand festhaltend. »Komm nur ruhig wieder mit, und bleib hübsch bei uns, wenn du nicht augenblicklich auf das Schiff zurückgeschickt werden willst.«

Tommychen schwieg beschämt still, und verhielt sich vor der Hand ein Weilchen sehr artig und gesittet.

Indessen gesellte sich ein Aufseher der Gärten zu unsern Freunden, und machte sie auf die besondern Sehenswürdigkeiten aufmerksam.

»Hier erblicken Sie,« sagte er, »ein Paar sehr beachtenswerthe Vögel, die wegen des kleinen Federbusches am Hinterkopfe Sekretäre genannt werden. Sie befreien uns von einer sehr lästigen Plage, von den giftigen Schlangen nämlich, deren es in unserem Klima eine große Menge gibt. Die Sekretäre sind ihre gefährlichsten Feinde. Wo sie eine erblicken, fallen sie über sie her, packen sie mit ihren Krallen, und tödten sie durch gewaltige Flügelschläge und durch kräftige Bisse mit ihrem scharfen Schnabel.

»Also gibt es Schlangen in dieser Gegend?« fragte William bescheiden den Aufseher.

»Gewiß, mein lieber Knabe,« erwiederte freundlich der Führer. »Es gibt ihrer eine große Menge, und sie sind meist durch ihr tödtliches Gift sehr gefährlich, so daß uns die Sekretäre durch ihre Ausrottung eine große Wohlthat erweisen.«

»Wunderbar ist es,« rief Herr Seagrave aus, »mit welcher Weisheit Gott alle Dinge auf der Erde eingerichtet hat! Ueberall ist dafür gesorgt, daß kein Geschöpf, und besonders kein schädliches, sich im Uebermaße vermehren kann. Wo man viele Thiere einer besonderen Gattung findet, da findet man stets auch andere, die jene bekämpfen und vertilgen. Hier z. B. gibt es eine Menge giftiger Schlangen; sie würden sich bis in's Unendliche vermehren, wenn nicht der Sekretärvogel von Gott dazu bestimmt wäre, sie zu verfolgen und zu vernichten. Was würde dieser nützliche Vogel für Dienste thun können, wenn England seine Heimath wäre? Gar keine! Hier ist sein rechter Platz, und darum eben bestimmte es Gottes unendliche Weisheit, daß er diese Gegenden bewohnen und sich nützlich machen muß.«

»Wie aber, Vater, ist es mit den Elephanten und Löwen und anderen, ebenso starken und gewaltigen Thieren?« fragte William. »Wer kann sie bezwingen und ausrotten?«

»Der Mensch, das edelste Geschöpf Gottes, kann es und thut es,« erwiederte Herr Seagrave. »Abgesehen davon aber hat Gott selbst wieder dafür gesorgt, daß auch die Zahl der stärksten und reißendsten Thiere nicht allzusehr überhand nehmen kann. Der Elephant bekommt in einem Zeitraume von zwei und mehr Jahren nur ein einziges Junges, wo hingegen Kaninchen, Hasen, Rebhühner und andere solche Thierchen, die größeren Geschöpfen zur Nahrung dienen, sich auf die erstaunlichste Weise vervielfältigen. Ich habe gelesen, daß ein einziges Paar Kaninchen in einem einzigen günstigen Jahre mehrere Hundert Nachkommen in die Welt setzen kann. Schaue umher in der Schöpfung, mein Sohn! Ueberall wirst du gewahren, daß eine unfehlbare und weise Hand unabänderlich das nothwendige Gleichgewicht erhält, und daß es niemals und nirgends einem lebendigen Geschöpfe je an Nahrung fehlt, um seinen Hunger zu stillen. Alles ist weise und väterlich eingerichtet, und je mehr wir die Geheimnisse der Natur erforschen, desto lebendiger wird in unserer Seele die Erkenntniß von Gottes unendlicher und liebevoller Weisheit aufgehen.«

Unter solchen und ähnlichen Gesprächen setzten unsere Freunde ihre Wanderung fort, bis sie an den Behälter der Löwen gelangten. Ein stattliches, langes Gebäude, von breiten Quadersteinen aufgeführt, zeigte sich ihren Blicken. Auf drei Seiten erschien es geschlossen, und nur die vierte Seite, welche von oben bis unten mit starken eisernen Stangen vergittert war, vergönnte den Besuchern einen freien Blick in das Innere des Raumes. Die Stangen waren hinreichend weit von einander entfernt, daß die Löwen ohne große Beschwerde ihre breiten Pranken hindurch stecken konnten, und Kapitän Osborn warnte daher den kleinen Tommy noch einmal sehr ernstlich, sich dem Gitter mehr, als die größeste Vorsicht erlaubte, zu nähern. Tommy versprach, die Warnung zu befolgen, und bewunderte mit seinem Bruder William die schöne, kraftvolle und majestätische Gestalt der gefangenen Wüstenkönige, die in verschiedenen Stellungen auf dem Boden des Käfigs lagen, und sich wenig um ihre neugierigen Beschauer zu kümmern schienen. Es wurden ihrer im Ganzen acht gefangen gehalten. Sie sonnten ihre breiten Rücken, wedelten langsam mit dem Schweife, und hatten, da das helle Tageslicht sie blendete, die großen, glühenden Augen halb geschlossen.

Eine Weile hielt sich Thomas in gemessener Entfernung vom Gitter, indem er wußte, daß Kapitän Osborn ein wachsames Auge auf ihn hatte, und dann auch wohl, weil er vor den trotzigen und wilden Gestalten der Löwen einige Furcht empfand. Als aber der Führer im Fortgehen unseren Freunden einige anziehende Geschichtchen von den Löwen erzählte, als alle aufmerksam seinen Worten lauschten, und selbst Kapitän Osborn auf einige Augenblicke den kleinen Tommy vergaß, da machte sich der vorwitzige Bursch in aller Stille aus dem Staube, und lief zum Löwenzwinger zurück, um sich noch einmal des herrlichen Anblicks der wilden Geschöpfe zu erfreuen. Dreister geworden durch die majestätische Ruhe der edeln Thiere, schlich er näher und immer näher an das Gitter heran, und ergriff endlich einen Stein, um sie damit aus ihrer unbeweglichen Muhe aufzuschrecken.

»Das muß ein Spaß sein, wenn sie so recht wüthend und brüllend in die Höhe fahren,« dachte er, und schleuderte den Stein wohl gezielt nach einem eben ausgewachsenen jungen Löwen, der zunächst dem Gitter lag und seine Pranke halb aus dem Gitter herausstreckte. Der Stein streifte des Löwen Mähne, und mit dumpfem Murren drehte das gewaltige Thier langsam den Kopf zu seinem Beleidiger um, und schaute ihn mit wildglühenden Augen zornig an.

Tommy fuhr zurück und erschrak. Doch bald faßte er sich wieder, nahm abermals einen Stein auf und schlich immer näher an das Gitter, um den Löwen noch empfindlicher, als das erste Mal, zu treffen.

»Er kann dir ja nichts anhaben,« dachte er, schleuderte den Stein und traf den Löwen an die Schulter. Ein noch grollenderes Murren als das erste, tönte dumpf und hohl aus des gewaltigen Thieres breiter Brust. Es peitschte mit dem Schweife seine Seiten, schüttelte die dichte Mähne und heftete seine rothgelben, großen Augen fest auf Tommy's Gesicht.

»Brumme du nur und blicke mich an, du alter Bursche!« rief Tommy, immer dreister werdend, dem Löwen zu. »Ehe du mir nicht den Willen thust und aufstehst, laß ich dich nicht in Ruhe.«

Und abermals flog ein Stein in das Gitter, und noch einer und wieder einer, bis endlich das gereizte Thier furchtbar brüllend aufsprang, seinen blutrothen Rachen aufriß, sich an den Eisenstäben des Gitters in die Höhe richtete, und sie mit solcher furchtbaren Gewalt erschütterte, daß große Stücken Kalk von ihrer Befestigung oben herabstürzten. Zu gleicher Zeit sprangen auch die übrigen Löwen in die Höhe, und erfüllten die Luft weit umher mit ihrem zornigen, donnerähnlichen Gebrüll.

Tommy, der sich dieser plötzlichen und furchtbaren Wuth des geneckten Thieres nicht versah, taumelte alsbald vor lauter Schrecken zur Erde nieder, und erhob ein jammervolles, gellendes Geschrei. Ein Glück für ihn war es übrigens, daß er rückwärts niederstürzte; denn er befand sich bei dem plötzlichen Aufruhre in der Löwenhöhle nahe genug am Gitter, um von den Tatzen des Löwen gepackt werden zu können, wenn er vorn über gefallen wäre. Und in solcher Lage mögte ihm sein Vorwitz übel genug bekommen sein.

Auf das Gebrüll der wilden Thiere kehrten unsere vorausgegangenen Freunde sofort eiligst zum Zwinger zurück, und sahen dort Tommychen, noch immer mörderlich schreiend, an der Erde liegen. Kapitän Osborn sprang sogleich zu und hob ihn vom Boden auf. Der erschreckte Knabe zitterte am ganzen Leibe, und konnte sich kaum auf den Füßen halten. Sein Gesicht war blaß, und Thränen, von Furcht und Angst ausgepreßt, strömten über seine Wangen.

»Fort von hier!« schrie er gellend. »Fort! Ich will auf's Schiff! Auf's Schiff! Ich mag hier nicht länger bleiben!«

Ohne daß man aber groß auf sein Geschrei geachtet hätte, wurde er aus der Nähe des Löwenkäfigs fortgebracht, und erhielt von seinem Vater eine tüchtige Strafpredigt.

»Ich werde dich nicht wieder mit an's Land nehmen, Thomas,« sagte Herr Seagrave, als er des Knaben Geständnisse vernommen hatte, »denn du bist ein höchst unartiger und gedankenloser Bursch, der vor der Hand noch gehörig die Ruthe der Mutter kosten muß. Schweige jetzt still, und schreie nicht mehr, wenn du mich nicht ernstlich böse machen willst.«

Tommy unterdrückte seine Thränen, und schlich demüthig und betrübt neben seinem Bruder her. Die Löwen hatten ihm aber eine so derbe Lection gegeben, daß er sich fortan von allen übrigen Thieren, die in den Gärten zu sehen waren, in sehr respectvoller Entfernung hielt, und sogar kaum zu bewegen war, ein unschuldiges Schaf mit einem breiten Fettschwanze, wie sie auf dem Kap der guten Hoffnung vorkommen, mit den Händen zu berühren. Er wurde daher tüchtig ausgelacht, und war herzlich froh, als es endlich wieder zum Schiffe ging, wo er der guten Mutter sein bitteres Herzeleid klagen konnte.

Madame Seagrave jedoch, als sie seine Abenteuer vernommen hatte, erklärte ganz ernsthaft, daß sie den unartigen Tommy nun und nimmer wieder aus den Augen lassen werde, bis sie genügende Beweise von seiner vollkommenen Besserung erhalten hätte.

4. Kapitel. Das Schiff in Noth

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Tags darauf nahm Kapitän Osborn Wasser und Lebensmittel ein, ließ die ausgeworfenen Anker in die Höhe winden, und befahl die Segel zu entfalten. Ein frischer, günstiger Wind hauchte hinein, und trieb das gute Schiff mit der Schnelligkeit eines Vogels vor sich her. Mannschaft und Passagiere des Pacific befanden sich in der heitersten Laune. Jeder zeigte ein freundliches Gesicht, und das Verdeck war häufig der Tummelplatz des ungestörtesten Vergnügens.

Mehrere Tage hinter einander herrschte das köstlichste Wetter. Rein und wolkenlos wölbte sich der tiefblaue Himmel über dem glitzernden Meere, und kein Anhauch von Besorgniß trübte die heitere Zuversicht in den Herzen unserer Freunde. Jeder hoffte auf eine glückliche, von keinem Unfalle mehr gestörte Ueberfahrt.

Die Hoffnungen der Menschen sind jedoch trügerisch, und Niemand vermag mit sicherem Auge die Zukunft zu erforschen.

Nachdem der Wind einige Tage frisch und anhaltend gewehet hatte, ließ er ganz unmerklich nach, und schwieg endlich ganz. Kein Lüftchen mehr regte sich, und völlig unbeweglich und hilflos lag der Pacific auf der glatten, spiegelblanken Meeresfläche, die nicht mehr von einer leichten, erquickenden Briese gekräuselt ward. Eine tiefe, erschreckende Stille lag brütend über dem Ocean. Nirgends war ein lebendes Wesen zu erblicken; selbst die Fische erschienen nicht auf der Oberfläche des Wassers, und so weit das Auge reichte, erforschte es nichts als den blauen Himmel und den endlosen Spiegel des Meeres. Selten nur kam träge und langsam, mit lässigem Flügelschlage, ein Albatroß geflogen, ließ sich in der Nähe des Schiffes in das Meer hinab, und pickte ohne Scheu vor den Menschen die Brosämlein auf, die von den Knaben zu ihrer Belustigung über die Brüstung in das Wasser geworfen wurden. Die Sonne strömte eine so drückende, niederschlagende und ermattende Hitze aus, daß Niemand die mindeste Lust empfand, durch irgend eine Beschäftigung die sich einstellende Langeweile zu vertreiben, und es war daher nicht zu verwundern, daß sich die bisher heitern und vergnügten Gesichter auf dem Pacific in mürrische und unfreundliche verwandelten.

Drei volle Tage hielt die Windstille an. Plötzlich aber fiel der Barometer so tief, daß Kapitän Osborn sofort auf eine nahe bevorstehende Witterungs-Veränderung schließen mußte, und sich auf einen heftigen Sturm gefaßt machte. Ohne Zögern traf er alle Vorbereitungen, um auch dem heftigsten Unwetter die Spitze bieten zu können, und hatte gar keine Ursache, seine weise und zweckmäßige Vorsorge in der Folge zu bereuen.

Gegen Mitternacht stiegen düstere und drohende Wolken am Himmel empor, thürmten sich in wilder Bewegung dunkel übereinander, und löschten das Licht der Sterne aus. Einige Windstöße brausten dumpf über die Wasser, und versetzten sie in eine zitternde, schwankende Bewegung. Zackige Blitze fuhren, mit grellem Lichte auf Augenblicke die herrschende Finsterniß erleuchtend, gleich feurigen Schlangen nach allen Richtungen hin und wieder; dumpf rollende Donner erschütterten die Luft und krachten ringsum; einzelne schwere Regentropfen fielen klatschend auf das Verdeck und in's Meer, und dann wieder war es eine kurze Zeit hindurch ringsum todtenstill. Die kurzen, raschen Windstöße heulten schnell vorüber, der Donner schwieg, die tropfenden Wolken versiegten, und in regungsloser Ruhe lag wieder der weite Ocean.

»Hurtig,« sagte Kapitän Osborn zu seinem Bootsmanne, der nicht fern von ihm auf dem Verdecke stand, und achtsam nach den Zeichen des Himmels schaute, »Hurtig, was haltet Ihr von diesem Wetter, und welchen Wind, meint Ihr wohl, werden wir bekommen?«

»In Wahrheit, Herr Kapitän,« antwortete Robinson mit dem Ausdrucke der innigsten Ueberzeugung, »ich denke, er wird nicht aus Einer Richtung blasen. Zunächst werden wir wohl einen tüchtigen Nordoster bekommen, der jedoch, nach meiner Ansicht, nicht lange anhalten, sondern nach einer andern Himmelsgegend umspringen wird. Jedenfalls mag's toll genug werden diese Nacht.«

»Und was ist Ihre Meinung, Mackintosh?« fragte der Kapitän den Steuermann.

»S'gibt Sturm, und das einen recht tüchtigen, so viel scheint mir gewiß,« erwiederte Mackintosh mit seinem gewöhnlichen barschen Wesen. »Schaden kann es nicht, wenn wir die Todtenlichter zuklappen, und je eher es geschieht, desto besser wird's sein.«

Zufällig stand während dieses kurzen Gesprächs Herr Seagrave mit William in der Nähe des Kapitäns, und der alte Hurtig bemerkte, daß bei Erwähnung der Todtenlichter ein ängstlicher Ausdruck das Gesicht seines jungen Freundes überflog. Sogleich wendete er sich zu ihm, suchte ihn zu trösten, und sagte freundlich:

»Du mußt nicht erschrecken, William, wenn du von Todtenlichtern sprechen hörst. Wir Seefahrer bezeichnen mit diesem Ausdrucke nur die Klappen über den Kajütenfenstern, die bei jedem herannahenden Sturme geschlossen werden, um dem spritzenden Seewasser das Eindringen zu verwehren. S'ist ein sonderbarer Name, aber zu fürchten brauchst du dich vor ihm nicht.«

»Hört, Hurtig,« unterbrach ihn der Kapitän, »warum glaubt Ihr, daß der Wind umspringen werde? Mackintosh scheint Eure Meinung nicht zu theilen.«

»Nun, mag sein, daß ich Unrecht habe,« entgegnete ruhig der alte Robinson, und wandte sich zum Kompaßhäuschen, wo er aufmerksam die Magnetnadel beobachtete. »Jedenfalls kommt eben jetzt der Wind steif aus Nordost, wie ich sehe,« fuhr er fort, »und möglich ist's, daß er stät fortbläst.«

Kapitän Osborn antwortete nicht, sondern schaute mit prüfenden Blicken über das Meer hinaus und auf die von Minute zu Minute unruhiger wogende Meeresfläche. Herr Seagrave und William begaben sich indeß unter Deck, und Mackintosh schritt an das andere Ende des Schiffs, um mit rauher Stimme Befehle zu ertheilen. Kaum hatten sich alle entfernt, so trat Hurtig rasch zum Kapitän, und sagte ehrerbietig:

»Kapitän Osborn, ich mogte vorhin, wo Herr Seagrave und sein Sohn neben uns standen, dem Steuermann nicht widersprechen; jetzt aber, wo das Feld rein ist, und Niemand, als Sie allein, mich hören kann, muß ich Ihnen meine offene Meinung sagen. Glauben Sie mir denn, Sir, daß wir nicht nur einen Sturm, sondern einen furchtbaren Orkan zu erwarten haben, der allen Anzeichen nach länger dauern wird, als es gewöhnlich der Fall ist. Wie Sie wissen, war ich schon öfter in diesen Breiten, und es fehlt mir nicht an langjähriger Erfahrung. Alle Anzeichen, selbst die letzte Windstille, deuten auf eine außerordentliche Empörung der Elemente, und die Natur selbst gibt uns nie trügende Merkmale an die Hand, aus denen wir unfehlbare Schlüsse ziehen können. Sehen Sie nur die Seevögel, wie sie niedrig und pfeilgeschwind über die kochenden Wellen streichen, hören Sie ihr gellendes Geschrei, und zweifeln Sie dann noch länger an der Wahrheit meiner Worte, wenn Sie können. Die Lehrmeisterin der Vögel ist die Natur, die uns niemals täuscht, und ich behaupte daher nochmals, ohne alles Bedenken, daß wir einen fürchterlichen Orkan bekommen werden. Dieß, Sir, ist meine ernstliche und aufrichtige Ansicht von der Lage der Dinge.«

Der Kapitän warf von Neuem einen langen, prüfenden Blick in die Wolken hinauf, und sagte dann mit fester Stimme: »Ich theile Eure Meinung, Hurtig, und will lieber zu viel Vorsicht, als zu wenig anwenden. Uebrigens danke ich Euch für Euer vorsichtiges Benehmen in Betreff des Steuermanns, und werde nun sogleich die nöthigen Befehle geben.«

Robinson Hurtig trat zurück, und wenige Minuten nachher war die ganze Schiffsmannschaft in voller Thätigkeit. Die Bramsegelraaen wurden abgenommen, alle Segel, bis auf die vorderen, dicht gerefft, und die außerdem bei erwartetem Sturme gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen. In wenigen Minuten war alles geschehen, und es zeigte sich nur zu bald, wie weise der Kapitän gehandelt hatte, als er den treu und gut gemeinten Warnungen Robinsons gefolgt war.

Der Sturm brauste in voller Wuth heran, und schleuderte die Wellen mit entsetzlicher und unwiderstehlicher Gewalt hoch empor. Trotz der meist gerefften Segel jagte er das Schiff mit fürchterlicher Schnelle vor sich her, und so gewaltig war der Andrang des rasenden Sturmes, daß drei starke Männer nur mit Anstrengung aller Kräfte im Stande waren, das Steuerrad zu regieren, um das Schiff vor dem Winde zu halten. Alle Matrosen, selbst jene, deren Pflicht es nicht erheischte, auf Deck zu bleiben, waren wach und munter, so sorglos sie auch sonst in den Tag hinein lebten. Aller Herzen erbebten bei diesem Sturme, der, gleich einem todtbringenden Riesengeiste, heulend über die Wasser hinbrauste.

Plötzlich, es war um die dritte Morgenstunde, hörte das Wehen des Windes auf, und eine tiefe Stille trat ein. Bewegungslos hingen die düstern Wolken vom Himmel nieder, und die Sturmstagsegel klappten gegen den Vordermast.

Robinson Hurtig stand gerade dicht bei dem Kapitän, als diese fast erschreckende Windstille eintrat, und er winkte ihm mit einem bedeutenden Blicke zu.

»Passen Sie auf, Sir,« sagte er mit gepreßter Stimme, »jetzt erst wird es recht losgehn; der Sturm sammelt Athem.«

Und kaum hatte er die wenigen Worte gesprochen, so vernahm man ein schreckliches, dumpfes Brausen in der Luft; schwarz und düster zog es, wie eine dunkle Wand, über die plötzlich darnieder gedrückten Wellen einher, und auf einmal brach ein so entsetzliches Geheul, Gepfeif und Gebrüll los, daß man auf drei Schritt Entfernung nicht den lautesten Ruf eines Sprachrohres vernommen haben würde. Majestätisch in der vernichtenden Gewalt seines Ungestüms fuhr der Orkan über das Meer, und wehete nicht mehr aus Nordost, sondern hatte, wie Robinson vorausgesagt, nach Westnordwest umgesetzt. Mit unwiderstehlicher Wuth stürzte er auf das Vordersegel los, zerriß sie in einem Augenblicke zu tausend und aber tausend Fetzen, und trieb diese mit sich fort, bis nach kurzer Zeit von dem ganzen Segel auch nicht die geringste Spur mehr zu entdecken war. Düsterer noch als vorher zeigte sich der Himmel, und die schwärzeste Nacht lag über dem armen, vom Sturme hin und her geschleuderten Fahrzeuge. Nur der glänzend weiße Schaum der in ihren tiefsten Tiefen aufgeregten Wogen verbreitete ein mattes, aber schauerliches Licht.

Der Pacific befand sich in schlimmer Lage. Durch das Umspringen des Windes wurde Kapitän Osborn gezwungen, den Lauf des Schiffes zu ändern, und keine Wahl war ihm geblieben, als ohne Zögern vor dem Winde abzufallen. Dieß geschah, und nun hatte er die Gewalt des Sturmes hinter sich, den Drang der Wellen aber, die noch immer von Nordost her anrollten, vor sich, und mußte mit Noth und Gefahr gegen die Strömung, die das ganze Schiff von vorn bis hinten erschütterte, ankämpfen. Natürlich stürzten mit jeder Minute die hoch aufgethürmten Wellen über das stöhnende Fahrzeug hinweg, und schwemmten alles, was nicht sorgsam befestigt war, mit sich fort. Selbst ein Matrose wurde von dem Wasserschwall überwältigt und über Bord gespült, und keine menschliche Hilfe vermogte das traurige Schicksal des Unglücklichen abzuwenden. Einen einzigen herzbrechenden Schrei stieß er aus, und verschwand dann in den rastlos aufbäumenden, zischenden Wassern.

»Schrecklich, schrecklich!« rief Kapitän Osborn seinem Steuermann zu, und klammerte sich fest an die Pflöcke der Luvbrassen. »Ein furchtbares Unwetter! Wie lange mag das anhalten, Mackintosh?«

»Länger gewiß, als unser braves Schiff!« erwiederte kurz und mit finsterem Ernste der Steuermann.

»Oh, das wollen wir nicht fürchten!« stieß Kapitän Osborn mit einem tiefen Seufzer hervor. »Sicher kann solch' ein Unwetter nicht lange wüthen. Was meint Ihr, Hurtig?«

»Daß wir in diesem Augenblicke mehr vom Himmel, als von Wind und Wellen zu fürchten haben. Da schauen Sie hin, Sir!« erwiederte Hurtig schnell, und deutete mit der Hand auf die Enden der Raa über ihm.

Schnell folgten des Kapitäns Augen dem gegebenen Winke, und er bemerkte, daß den Enden der Segelstangen electrische Funken entsprühten, die mit bläulichem Lichte die nächste Umgebung erhellten.

»Gott sei uns gnädig!« schrie er laut auf, während eine tiefe Blässe sein sorgenvolles Gesicht überzog. »Das bedeutet ein schreckliches Unglück!«

Und noch hatte er das Wort nicht gesprochen, so zuckte ein Blitz mit solch' blendendem Lichte am Fockmaste herab, daß in dem nämlichen Momente auch aller Augen für einige Zeit gänzlich erblindeten. Ein schmetternder Donnerschlag begleitete mit betäubendem Krachen den elektrischen Strahl, und das ganze große Schiff erzitterte und bebte bis in die Rippen und den Kiel hinab. Noch vernahm man ein Splittern und Krachen, einen entsetzenvollen Weheschrei, und empfand sodann einen heftigen Stoß, durch welchen das Schiff mit Gewalt nach vorwärts geschleudert wurde. Hierauf war das Unglück geschehen, und schaudernd gewahrte es die Mannschaft, als sie nach einiger Zeit die Sehkraft der Augen wieder erlangt hatte.

Der starke Fockmast war gleich einem dünnen Binsenhalme in seiner ganzen Länge von dem Blitzstrahle zersplittert worden, das Vordertheil des Schiffes stand in lichten Flammen, und der Hauptmast war, da bei dem Krachen des Donners die Männer am Steuerrade vor Schrecken nicht mehr zu steuern vermogten, und das Schiff dadurch plötzlich eine andere Richtung genommen hatte, dicht über dem Verdecke abgebrochen und über Bord in das Wasser geschleudert worden. Da hing er noch in seinem Takelwerk und drohete die Wände des Fahrzeuges zu zerschmettern, oder doch zum Wenigsten einen Leck hinein zu stoßen, indem Wind und Wogendrang ihn fort und fort krachend dagegen antrieben.

Einen Moment hindurch herrschte überall auf dem Schiffe nichts als Verwirrung und Besinnungslosigkeit. Die meisten Matrosen jammerten laut, und selbst Kapitän Osborn bedurfte einiger Augenblicke Zeit, um die fast gänzlich verlorne Fassung wieder erringen zu können. Zum Glück half der Himmel, wo Menschenhände nicht mehr helfen und retten konnten: die lodernden Flammen am Vordertheile des Schiffes wurden durch die rastlos darüber hinschlagenden Wellen gelöscht, und die dringendste und nächste Gefahr ward auf diese Weise beseitigt. Nun galt es, den Hauptmast aus seinem Takelwerk zu lösen, und das Schiff so schleunig als möglich wieder vor den Wind zu bringen. Ersteres war bald geschehen. Kapitän Osborn, Mackintosh und Hurtig griffen nach den Aexten, hieben mit Kraft und Geschicklichkeit das Takelwerk aus einander, und hatten bald die Freude, das Schiff von seinem gefährlichen Anhängsel befreit zu sehen.

Schwieriger erschien es, den Pacific wieder in den rechten Lauf zu bringen. Hurtig und Mackintosh eilten zwar an das Steuerrad, und versuchten ihr Bestes, um den beabsichtigten Zweck zu erreichen, mußten jedoch ihre Anstrengungen, da sie sich gänzlich nutzlos erwiesen, bald aufgeben, und vorher andere und nöthigere Maßregeln treffen. Seitdem nämlich der Fockmast zersplittert und der Hauptmast über Bord gegangen war, befand sich nur noch der Besanmast auf dem Schiffe, welcher durch seine Stellung auf dem Hintertheile des Fahrzeugs die Wirkungen des Steuers vereitelte. Er mußte gekappt und auf dem stehengebliebenen Stumpfe des Fockmastes ein Nothsegel angebracht werden.

Hurtig und Mackintosh verständigten sich hierüber, da man vor dem Heulen des Sturmes kaum sein eigenes Wort vernehmen konnte, durch schnell gewechselte Zeichen, und hieben mit Kraft auf das untere Ende des Besanmastes los. Bald wankte er und stürzte krachend über die Brüstung. Bei ihm, wie beim Hauptmaste, wurde hierauf das Takelwerk durchhauen, und jetzt endlich konnte man darauf denken, das Nothsegel zu errichten. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelang das schwierige Werk, und nun erst gehorchte das Fahrzeug wieder dem Steuer, und man konnte sich genauer mit dem Schaden, welchen der erbarmungslose Blitzstrahl verursacht hatte, bekannt machen. Es fand sich, daß in der Verwirrung, entweder vom Blitze oder vom stürzenden Hauptmaste erschlagen, vier der besten Matrosen ihr Leben verloren hatten.

5. Kapitel. Die Bedrängnisse dauern fort

Inhaltsverzeichnis

Brave Seeleute verlieren in keiner Gefahr den Muth, so lange sie noch irgend eine Möglichkeit sehen, ihr Schiff und ihr Leben durch Kraft, Anstrengung und Besonnenheit zu erhalten. So thaten denn auch auf dem Pacific alle Männer ihre Schuldigkeit, und weder der gebrechliche Zustand des entmasteten Fahrzeugs, noch der fortwährend tobende Orkan vermogten es, sie der tröstlichen Hoffnung auf ein noch gutes und erfreuliches Ende ihrer Fahrt zu berauben. Nur der plötzliche und unerwartete Tod ihrer Kameraden beugte das Gemüth der Matrosen nieder, obgleich auch selbst der Gedanke an ein ähnliches Schicksal ihre Herzen nicht entmuthigen konnte.

Das Schiff segelte, wie erwähnt, wieder vor dem Winde, und befand sich gegen früher, vergleichungsweise wenigstens, in einer so ziemlich gesicherten Lage, obwohl noch keineswegs die Gefahr zu scheitern sich bedeutend vermindert hatte. Noch immer stürzten die Wellen mit Wuth über das Verdeck hin, und der Tag kam und verging, ohne daß sich die Heftigkeit des Sturmes besänftigt hätte. Auch die Nacht brach wieder herein, und keine Aussicht eröffnete sich, der erschöpften Mannschaft einige Ruhe zu gewähren. Es dachte daher auch kein Mensch daran, Schlaf oder wenigstens Erholung in seiner Hängematte aufzusuchen. Jeder ohne Ausnahme fühlte sich mehr oder minder in unbehaglicher Stimmung, und sehnte sich so recht mit ganzem Gemüthe nach ein bischen Windstille und Sonnenschein.

Unten in der Kajüte unserer Freunde sah's traurig aus, wie oben auf dem Verdeck, wenn auch nicht ganz so schlimm. Madame Seagrave, von Angst, Schrecken und fortwährender Schlaflosigkeit erschöpft, fühlte sich ernstlich unwohl und mußte das Bett hüten. Herr Seagrave widmete ihr alle mögliche Sorgfalt, pflegte sie, beruhigte und tröstete sie, und vergaß darüber seine eigenen ängstlichen Besorgnisse. Die älteren Kinder, damit sie nicht durch das unaufhörliche Rollen und Schwanken des Schiffes hin und her geschleudert und verletzt werden mögten, wurden gezwungen, in ihren Betten liegen zu bleiben, und den kleinen Albert trug die geduldige und unermüdliche Juno fortwährend auf ihren Armen. Wenn nicht Kapitän Osborn und Robinson Hurtig zuweilen gekommen wären, um der Familie durch beruhigende Worte Trost und Hoffnung einzuflößen, so würde sich gewiß völlige Verzweiflung der bedrängten und geängstigten Leutchen bemächtigt haben.

Mittlerweile verging Tag auf Tag, Nacht auf Nacht, und der vierte Morgen nach Beginn des Sturmes dämmerte auf, ohne daß die trüben Aussichten in die Zukunft sich etwas tröstlicher erwiesen hätten. Die Lage des Schiffes war eher schlimmer als besser geworden. Das rastlose Anstürmen und Ueberströmen der Wellen machte die Mannschaft von Stunde zu Stunde mißmuthiger, und übel war es vollends, daß ein mächtig über das Hinterdeck rauschender Wogenschwall das Kompaßhäuschen mit sich fortgerissen hatte. Denn nun war Niemand mehr im Stande, weder die Richtung des Schiffes genau zu bestimmen, noch auch die Entfernungen zu messen, welche es den Tag über zurücklegte. Auch zeigte der lecke Zustand des Fahrzeugs dem erfahrenen Auge nur zu deutlich, wie viel ihm bereits die erlittenen heftigen Stöße geschadet hatten, und Niemand zweifelte daran, daß es nicht lange mehr der Gewalt des Sturmes und dem Anstürmen der Wogen werde Widerstand leisten können.

Kapitän Osborns Herz war schwer bekümmert und voll bitterer Sorge. Die gewichtigste Verantwortlichkeit ruhte auf seinen Schultern. Man hatte ihm ein werthvolles Schiff, eine kostbare Ladung anvertraut, und er konnte es sich selber kaum noch verhehlen, daß über kurz oder lang, trotz der ernstlichsten Anstrengungen, alles zu Grunde gehen müsse. Es jammerte ihn sein schönes Fahrzeug, aber mehr als Alles beklagte er den voraussichtlichen Untergang seiner Schiffsmannschaft und seiner unglücklichen Passagiere.

Raschen Fluges und unaufhaltsam eilte der Pacific einer Gegend des Meeres zu, die durch verborgene Korallenriffe selbst bei der günstigsten Witterung dem Seefahrer Tod und Verderben drohte. Wie sollte nun das entmastete Schiff beim heftigsten Sturme der unabwendbar herannahenden Gefahr entgehen? Kapitän Osborn schüttelte traurig bei diesem Gedanken sein sorgenschweres Haupt, und wendete sich, wie Trost suchend, zu Robinson Hurtig, der dicht in seiner Nähe eine Leine an dem flatternden Segel des Fockmastes befestigte.

»Das Wetter gefällt mir gar nicht, Hurtig,« sagte er mit bedrückter Stimme zu dem alten Seemanne, »und ich fürchte, daß wir einer Gefahr in den Rachen laufen, die wir mit aller Aufopferung und Mühe nicht werden abwenden können.«

»Leider sprechen Sie nur zu wahr, Herr,« erwiederte Robinson, »und ich selbst sehe weder Rath noch Hilfe. Bei alledem aber stehen wir immer in Gottes Hand, und des Herrn Wille mag geschehen!«

»Amen! Amen!« bekräftigte Kapitän Osborn feierlich mit gefalteten Händen und zum Himmel emporgerichteten Augen.