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Was ist Liebe? Seit Ewigkeiten brüten Denker über dieser Frage, ohne sie je zufriedenstellend beantwortet zu haben. Das liegt nicht an der Unfähigkeit der Philosophen, Psychologen und Dichter. Es liegt daran, dass Liebe nichts Bestimmtes 'ist'. Die Paarliebe ist weder ein festes Ding noch schwebt sie über den sozialen Verhältnissen. Vielmehr stellt sie ein komplexes Gefühls- und Verhaltensphänomen dar, das an die jeweilige Lebenswirklichkeit der Menschen angepasst ist. Daher verstanden Menschen zu jeder Zeit unter Paarliebe etwas anderes, zu jeder Zeit nahm sie unterschiedliche Formen an und zu jeder Zeit erfüllte sie einen anderen Zweck. Zweck? Ja, Paarliebe erfüllte stets einen Zweck; und das gilt auch für die heutige Zeit. Der Autor beschreibt die geschichtliche Entwicklung der Paarliebe, die Bindungsformen, die gegenwärtig in einer Paarbeziehung vorkommen, die Erwartungen, die Paare heute an ihre Beziehung richten und was die Beziehung von ihnen verlangt. So wird nachvollziehbar, was heute unter Paarliebe verstanden wird, welche Formen sie annimmt und welchen neuen Zweck sie für die Partner erfüllt.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhalt
Impressum
Vorwort
Einleitung
Was heute für eine Liebesbeziehung nicht mehr ausreicht
Geschlechtliche Liebe
Liebe in den Urzeiten
Partnerschaftliche Liebe
Freundschaftliche Liebe
Was fehlt?
Was heute in der Paarliebe dazugekommen ist
Ganzliebe – das emotional/leidenschaftliche Element der Paarliebe
Die Liebesformen heutiger Paarbeziehungen
Die Bedeutung der Liebesformen
Liebesmotive
Paar oder Liebespaar?
Im Zentrum der neuen Liebe: Der Einzelne
Individuelle Identität
Identität und Verhalten
Individualität ist sozial unverzichtbar
Das Selbst - ein instabiler Entwurf
Die komplexe Innenwelt
Die Isolation im Selbst
Komplexe Beziehungen
Die Aufgabe der neuen Liebe
Auftrag zur Ganzliebe
Ich werde geliebt, also bin ich (einzig)
Das Selbst mit Bedeutung versorgen
Die Mittel der neuen Liebe
Sich zeigen und gesehen werden
Wie emotional/leidenschaftliche Liebe entsteht
Heilsamer Schwindel
Selektiv kommunizieren
Bereits im Verlieben zeigt sich die neue Liebe
Wie die emotional/leidenschaftliche Liebe gefährdet wird
Angriff auf die Ganzliebe
Kampf um Liebe
Die Liebe gibt es zweimal
Liebe als Gefühl und als Vorgang
Komplikationen mit der zweifachen Liebe
Was sich Partner (noch) unter Liebe vorstellen
Im Kopf: die alten Vorstellungen
Die Vorstellung der Dauer
Die Vorstellung emotionaler Sicherheit
Die Vorstellung der Verschmelzung
Ein Wir oder zwei Ich?
Was Partner längst von der Liebe erwarten
Im Bauch: die neuen Erwartungen
Die Erwartungen hoher Intensität - statt der Dauer
Die Erwartung von Lebendigkeit - statt von Sicherheit
Die Erwartung von Begegnung - statt von Verschmelzung
Ketten von Begegnungen
Was wirklich zählt
Was die neue Liebe von den Partnern verlangt
Veränderungen aufgreifen
Eine Person kennen
Veränderungen schaffen Chaos
Individuelle Veränderungen betreffen die Beziehung
Ein anderer sein
Die Veränderungen des anderen Selbst erkennen
Den Anderen erfassen
Sich für störendes Verhalten interessieren
Den Identitätswandel des Partners mittragen
Veränderungen des eigenen Selbst erkennen
Die Illusion, sich selbst zu kennen
Probleme mit dem Selbst
Die Beziehung als Sensor oder Seismograph
Das Wesen des Innersten verstehen
Das Innerste liegt im Dämmerlicht
Beziehungsupdates
Das Paradox der emotional/leidenschaftlichen Paarliebe
Die Bewältigung schwieriger Lagen
Auseinander gelebt?
Alarm für die emotional/leidenschaftliche Liebe
Sich auf den Partner beziehen
Sich beziehen verändert die Wahrnehmung und die Gefühle
Gefühle gehören auch der Beziehung
Noch mehr Individualität
Töten Frauen sanfter?
Das Ende der Liebe?
Individualität in Vollendung
Chancen und Risiken der neuen Liebe
Die Formel der leidenschaftlichen Liebe
Abstand
Verlangen
Gefahr
Das Risiko der Selbstverständlichkeit
Das Risiko der Langeweile
Das Risiko der Abwendung
Anspruchsvoll und gestaltungsoffen
Fazit
Dieses Buch ist erstmals unter dem Titel ‘Liebe will riskiert werden’ 2016 im Ariston-Verlag erschienen. Hier handelt es sich um eine bearbeitete Neufassung.
Epub: ISBN 978-3-946370-11-6
© 2021 by Verlag Henny Nordholt Yokohamastraße 10 D 20457 Hamburg Email
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Was ist Liebe?1 Seit Ewigkeiten brüten Denker über dieser Frage, versuchen Poeten das Phänomen zu erfassen, ohne die Frage je zufriedenstellend beantwortet zu haben. Das liegt nicht an der Unfähigkeit der Philosophen, Psychologen und Dichter. Es liegt daran, dass Liebe nichts Bestimmtes 'ist'.
Liebe ist weder ein festes Ding noch schwebt sie über den sozialen Verhältnissen. Liebe existiert nicht 'an sich' noch 'als solche'. Vielmehr stellt die Liebe ein komplexes Gefühls- und Verhaltensphänomen dar, das in die jeweilige soziale Umgebung und die konkrete Lebenswirklichkeit der Menschen eingebunden ist. Das bedeutet:
Menschen verstanden zu jeder Zeit unter Liebe etwas anderes,
zu jeder Zeit nahm die Paarliebe unterschiedliche Formen an, und
zu jeder Zeit erfüllte sie einen anderen Zweck.
Zweck? Ja, Liebe erfüllt einen Zweck, in erster Linie einen sozialen Zweck. Das gilt auch für die heutige Zeit, und daher spricht der Titel dieses Buches von einem 'neuen Zweck' der Liebe. Ich möchte hier beschreiben, was heute unter Liebe verstanden wird, welche Formen sie heute annimmt und welchen hauptsächlichen Zweck sie gegenwärtig erfüllt.
Die heutige Liebe unterscheidet sich nicht nur von der Liebe der vergangenen Jahrhunderte, sondern auch von der Liebe, die in der Generation unserer Eltern praktiziert wurde, und sie unterscheidet sich sogar beachtlich von der Liebe, die noch vor 20 oder 30 Jahren gemeint war.
Was bildet das Zentrum der heutigen Paarliebe und was ist mittlerweile an ihren Rand gerückt? Wodurch entsteht und wie vergeht sie? Was erwarten Partner heutzutage von der Liebe und was verlangt sie den Partnern ab? Welcher soziale und welcher individuelle Sinn verbirgt sich in ihr? Auf welche Weise wird sie von der Auflösung der Geschlechterrollen beeinflusst? Und welche Chancen und Risiken sind mit ihr verbunden?
Mit diesen Fragen befasse ich mich unter sozialen, psychologischen und gleichwohl praktischen Gesichtspunkten anhand zeitgemäßer Begriffe. Und hoffe, dass Ihnen die Lektüre ebenso viele Erkenntnisse vermittelt, wie mir das Schreiben.
Michael Mary
1 Ich beziehe mich in diesem Buch ausschließlich auf die Paarliebe.
Was ist Liebe? Liebe bedeutet zu jeder Zeit etwas anderes. Lassen Sie mich zu Beginn beispielhaft veranschaulichen, was Partner heute typischer Weise meinen, wenn sie von Liebe sprechen und woran sie erkennen, dass sie geliebt werden.
Das Beispiel erzählt von einer 32jährige Frau, sie ist Single und sucht seit längerem einen Liebespartner. Sie beschreibt ihre Lebenssituation überaus positiv:
„Eigentlich kann es mir kaum besser gehen. Ich habe einen guten Job, der mir Spaß macht und in dem ich gut verdiene. Ich besitze eine Eigentumswohnung, die in einigen Jahren abbezahlt sein wird. Ich habe eine Menge Bekannte, mit denen ich viel unternehme, und beste Freunde, mit denen ich über alles Mögliche reden kann. Ich habe tolle Hobbys und reise sehr gern. Wenn ich möchte, habe ich guten Sex …“ dann zögert sie und fügt hinzu „und doch … fehlt mir etwas … zum echten Glück.“
Diese junge Frau hat in der Tat eine Menge, doch wie sie sagt, fehlt ihr etwas zum 'echten' Glück:
„Was mir fehlt … ist jemand, der mir das Gefühl gibt, die Frau für ihn zu sein, die einzige Frau. Ja, mir fehlt ein Mann, der mich fühlen lässt, die wichtigste Person in seinem Leben zu sein.“
Interessanter Weise spricht sie nicht davon, eine Beziehung zu suchen. Auch nicht davon, einen Mann lieben zu wollen oder von der Sehnsucht, von einem Mann geliebt zu werden. Sie sehnt sich nach einem ganz bestimmten Gefühl. Nach dem Gefühl, für jemand anderen die wichtigste Person seines Lebens zu sein.
Diese Sehnsucht, für jemand anderen eine derart zentrale Bedeutung einzunehmen, ist charakteristisch für die heutige Liebesvorstellung.
Im Zentrum der heutigen Paarliebe steht die emotionale Vermittlung gegenseitiger Bedeutung.
Man könnte einwenden, das wäre nichts Neues, weil Gefühle immer eine Rolle in der Paarliebe gespielt haben und Partner immer bedeutsam füreinander waren. Doch es handelt sich um sehr spezifische Gefühle, die nicht durch bewährtes Paarverhalten hergestellt oder aufrecht erhalten werden können.
Die ersehnten Gefühle können weder durch Verlässlichkeit noch durch Vertrautheit, weder durch gemeinsame Werte noch durch geteilte Weltsicht, weder durch Sex noch durch Freundschaft oder geteilte Interessen, weder durch gegenseitige Unterstützung noch durch Lebensbegleitung hervorgerufen werden – all das reicht vielleicht aus, um ein Paar zu sein. Aber es reicht nicht aus, um sich als Liebespaar zu empfinden.
Allein durch Verlässlichkeit und Wohlgesonnenheit können Partner einander nicht die einzigartige Bedeutung vermitteln, die sie ersehnen. Es gehört viel mehr dazu, den neuen Zweck der Liebe zu erfüllen.
Ich möchte die Frage, was eine heutige Liebesbeziehung kennzeichnet, was sie erfordert und was unverzichtbar ist, damit sie sich bildet, deduktiv angehen. Dazu werde ich näher beschreiben, was ich bereits angedeutet habe: Paare können eine Menge miteinander teilen, ohne dass es für eine Liebesbeziehung ausreicht.
Zwei können ein Paar sein, ohne ein Liebespaar zu sein.
Um das zu zeigen werde ich sozusagen die äußeren Schalen einer Paarbeziehung ablösen, um schrittweise ihren Kern freizulegen, das, worauf es den Liebespartnern mittlerweile ankommt.
Ich folge bei der Freilegung des Kerns einer Liebesbeziehung in Kurzform der geschichtlichen Entwicklung der Paarbeziehung, angefangen bei der Urzeit bis in die Gegenwart. Dabei wird nebenbei auch deutlich werden, dass Paarliebe nie über eine feste Form verfügte, sondern dass zu jeder Zeit etwas anderes darunter verstanden wurde, und es wird klar werden, dass die Paarliebe ihre Form und ihren Inhalt stets abhängig von den sozialen Umständen veränderte.
Die Stationen, an denen ich halt machen werde, lauten geschlechtliche Liebe, partnerschaftliche Liebe, freundschaftliche Liebe und schließlich emotional/leidenschaftliche Liebe.
Die Singlefrau aus dem Eingangsbeispiel hat, so sagt sie, Sex. Weil sie sogar davon spricht, 'guten' Sex zu haben, wird ihr auf dem Gebiet der Sexualität nichts Wesentliches fehlen. Um guten Sex zu erleben nimmt sie weder gelegentliche Escortdienste noch professionelle Sexarbeit in Anspruch. Sie hat ab und zu Sex mit Fremden, sprich: One-Night-Stands. Noch öfter als solche Zufallsgeschichten praktiziert sie, weil ihr ausschließlich One-Night-Stands zu unpersönlich sind, Sex mit besten Freunden. Wenn ihr danach ist, ruft sie bestimmte Personen aus ihrem Freundeskreis an, mit denen sie sich erotisch gut versteht und mit denen sie vereinbart hat, frei von Komplikationen sexuellen Bedürfnissen nachzukommen. Die Angelegenheit verläuft komplikationslos, weil beide Parteien sich sympathisch sind und dennoch nur Sex und nichts anderes wollen. Das ist nichts Ungewöhnlich und bei dauerhaften Singles zunehmend verbreitet. Es gibt dafür den Begriff der 'friends with benefits', der Freunde mit Zusatznutzen. Man ist befreundet und hat sozusagen eine freundschaftliche 'Sexbeziehung', bei der klar ist, dass daraus nicht mehr werden soll.
Menschen, die solchen funktionellen Sex praktizieren, leben eine Verbindungsform, die ich als 'geschlechtliche Liebe' bezeichne. Diese Verbindung dient vorrangig dem Zweck, sexuelle und erotische Bedürfnisse zu befriedigen. Über sexuelle Bedürfnisse verfügen wir Menschen schließlich in reichlichem Ausmaß. Die Evolution hat uns, um für die Reproduktion der Art zu sorgen, mit drängenden sexuellen Sehnsüchten ausgestattet, die seit jeher für eine starke Anziehung zwischen den Geschlechtern sorgen.
Die geschlechtliche Liebe stellt damit ursprüngliche Bindungsform zwischen Männern und Frauen dar.
Es gab also, lange bevor sich Familien oder gar Ehen bildeten, bereits Liebespaare. Allerdings war das keine Liebe im heutigen Sinn. Unter dieser ursprünglichen Paarliebe muss man sich aufgrund der damaligen Lebensverhältnisse etwas völlig anderes vorstellen. Wie waren diese Lebensverhältnisse in der Urzeit beschaffen und wie sah die Paarliebe darin aus?
In den Urzeiten lebten Menschen in Sippen oder in kleinen Gruppen, in durch Verwandtschaft verbundenen sozialen Verbänden. Die jeweilige Gruppe oder Sippe bot Schutz und Nahrung und soziale Kontakte und sorgte auf diese Weise für das Wohl und das Überleben ihrer Mitglieder. Wurden in der Gruppe Kinder gezeugt, waren diese nicht dem Paar zugeordnet, das sie gezeugt hatte. Der Anteil des Vaters an einer Zeugung war lange Zeit unbekannt, zudem gab es keine strikte sexuelle Treueerwartung, die eine Zuordnung der Kinder zu einem spezifischen Paar ermöglicht hätte. Daher gehörten die Kinder zu der Frau, die sie geboren hatte, zur Mutter und zur mütterlichen Sippe. Der leibliche Vater hatte ihnen gegenüber weder Pflichten noch Rechte, er diente als Erzeuger. Sicherlich gestalteten sich die Verhältnisse in den unzähligen Ethnien sehr unterschiedlich, und später sollten Kinder allgemein einem Paar zugeordnet werden, in der Anfangszeit war das aber offenbar nicht der Fall.
Die Beschaffenheit einer Paarbeziehung unter den Lebensumständen der frühen Urzeit lässt sich beispielhaft anhand der Besuchsehe veranschaulichen. Diese ursprüngliche Form der Paarbeziehung existiert noch heute in einigen entlegenen Teilen Chinas und in einigen Gebieten Afrikas.1 In einer Besuchsehe kommt der Mann nach Einbruch der Dämmerung zur Frau und verbringt die Nacht mit ihr. Die beiden lieben sich auf geschlechtliche, also auf körperliche Weise. Emotionen spielen in dieser Paarbeziehung allerdings keine zentrale Rolle, können das auch nicht, da sich noch kein ausgeprägtes Gefühlsleben im heutigen Sinn entwickelt hat und Paarbeziehungen noch wenig mit Bedeutung aufgeladen sind. Vor allem haben sie keine existentielle Bedeutung und sollen diese auch nicht haben. Der Mann muss bereits im Morgengrauen das Bett der Frau verlassen und zu seiner eigenen Sippe zurückkehren. Er darf aus einem ganz bestimmten Grund nicht zum Essen bleiben: weil er und die Sippe der Frau sich damit gegenseitig verpflichten würden. Das Verhältnis soll aber nicht materiell und nicht sozial verbindlich werden, es soll rein geschlechtlich und unverbindlich bleiben.
Was werden diese ersten Liebespartner miteinander gemacht haben? Sie werden sich geküsst haben, sie werden gelacht haben, sie werden zärtlich zueinander gewesen sein, sie werden Sex gehabt und vielleicht sogar Orgasmen erlebt haben. Das alles, aber nicht mehr. Denn für eine über die geschlechtliche Anziehung hinausgehende Verbindung wurde kein sozialer Raum zur Verfügung gestellt. Das hätte keinen Sinn ergeben. Die Liebespartner teilten weder den Lebensalltag miteinander noch trugen sie Verantwortung füreinander. Den über das Sexuelle hinausgehenden Bedürfnissen der Partner, seien sie sozialer oder materieller oder emotionaler Art, wurde getrennt vom Liebespartner in der eigenen Sippe nachgegangen.
Für Frauen barg diese Form geschlechtlicher Paarliebe einige Vorteile. Sie waren weitaus unabhängiger, weil sie nicht in materielle Abhängigkeit zu ihrem jeweiligen Liebespartner gerieten, und sie mussten dennoch nicht allein für ihre Kinder sorgen. Die Versorgung der Kinder übernahm ihre Sippe, zu der neben anderen Frauen auch ihre Väter, ihre Brüder, ihre Onkel und alle anderen Männer gehörten. Die spezielle Besuchsbeziehung zwischen einem Mann und einer Frau diente allein der geschlechtlichen Liebe und der Kindeszeugung, und sie hielt, wie es eine chinesische Ethnologin in Bezug auf die Besuchsehe ausdrückte, „solange es der Liebe gefällt“. Es war sogar erlaubt, mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig zu führen, und jeder Partner konnte eine Verbindung jederzeit auf eigenen Wunsch hin auflösen.
Auch in den Ethnien, die keine Besuchsehe kannten, war die Paarbeziehung meist nicht starr, sondern frei gewählt und auflösbar und sie boten keine existentielle Grundlage. Der Grund, warum Mann und Frau ein Paar bildeten, lag in den sexuellen und emotionalen Bedürfnissen, im Bedürfnis nach Sex und einer gewissen Intimität.
Die geschlechtliche Liebe stellte somit die erste Paarliebe dar. Als Liebesmotiv ist sie auch heute nicht aus der Welt, vielmehr erfüllt sie in Paarbeziehungen weiterhin ihre wesentlichsten Aufgaben. Neben ihrer Zeugungsfunktion dient sie nach wie vor der Erfüllung sexueller Bedürfnisse. Sexuelle Bedürfnisse haben beim modernen, aufgeklärten Menschen keineswegs nachgelassen, sie scheinen unter heutigen, oft als entfremdet bezeichneten Lebensverhältnissen, sogar noch wichtiger geworden zu sein. Sex ist für den naturfernen Menschen eine Quelle unmittelbar sinnlichen Erlebens, eine gute Möglichkeit, 'aus dem Kopf' zu kommen, ins 'Hier und Jetzt' zu gelangen und sich körperlich und emotional zu erholen.
Auf die Erfüllung sexueller Bedürfnisse und erotischer Leidenschaft wollen jedenfalls weder Singles noch Paare verzichten. Davon können Paarberater und Therapeuten ein Lied singen, da sie nicht selten damit beauftragt werden, eine abgeflachte Sexualität zu beleben oder eine ganz zum Erliegen gekommenen Paarsexualität zu reanimieren.
Liebe ist nach wie vor unverzichtbar, und ein heutiges Paar mag Sex haben, es mag sogar guten Sex haben. Aber fest steht auch: Sex allein macht noch kein Liebespaar. Ansonsten würden alle 'friends with benefits' nicht Freunde bleiben, sondern einander Liebespartner werden. Und gute One-Night-Stands würden sich zu Paarbeziehungen entwickeln. Das ist aber nicht so. Im Gegenteil.
Partner, die sich gerade kennen lernen und die sich im Bett gut verstehen, sind meist sehr enttäuscht, sobald sie feststellen müssen, dass 'sonst nichts' läuft. Zwei können sich im besten Sinne miteinander befriedigen, sie mögen sexuelle Sehnsüchte miteinander ausleben, aber wenn sie außer Sex nichts verbindet, fühlt sich ihre Beziehung alsbald leer an. Paarbeziehungen, die vorwiegend oder ausschließlich auf der Befriedigung sexueller Bedürfnisse aufbauen, halten meist nur kurze Zeit. Wenn sich keine weitere Bindung als die sexuelle einstellt, schwindet das Interesse aneinander.
Soviel zur geschlechtlichen Liebe. Halten wir an dieser Stelle für unser Thema fest: Geschlechtliche Liebe ist möglich, sie kann wichtiger Teil einer Paarbeziehung sein, aber sie allein macht (heute) längst noch kein Liebespaar. Sex reicht dazu einfach nicht aus.
Geschichtlich ist die Paarbeziehung nicht bei der geschlechtlichen Liebe stehen geblieben. Im Laufe sozialer und wirtschaftlicher Entwicklungen bildete sich eine weitere Bindungsform zwischen Männern und Frauen, der neue Aufgaben zukamen.
Zu den wichtigsten Veränderungen der Lebensumstände gehörte, dass die Menschen sesshaft wurden und allmählich größere Sozialverbände entstanden. In diesen großen - und verglichen mit vormaligen Verhältnissen sehr viel anonymeren - Gemeinschaften bildete sich in einem langen geschichtlichen Prozess privates Eigentum. Dieses geriet aus verschiedenen Gründen2, die ich hier nur streifen kann, unter die Kontrolle der Männer.
Den Männern fiel im sozialen Gefüge eine besondere Aufgabe zu. Sie vertraten die sozialen Verbände nach außen hin, sie führten bewaffnete Auseinandersetzungen mit anderen Stämmen und sie waren es auch, die Frieden schlossen. Damit hielten sie eine politische Schlüsselposition in den Händen, denn die Außenbeziehungen wurden in den großen Gesellschaften immer bedeutsamer, über sie wurde Handel getrieben und Wohlstand geschaffen. So gelang es den Männern, die Verfügung über Eigentum zu erringen und in der Folge davon mehr politische Macht innerhalb der sozialen Verbände an sich zu reißen.
Die Männer verfolgten von da an eigene Interessen. Sie waren wenig am Erhalt von Sippenstrukturen und der bisherigen, an der mütterlichen Linie ausgerichteten sozialen Ordnung interessiert. Ihr vorwiegendes Interesse bestand darin, das erworbene Eigentum für ihre eigene Zukunft abzusichern. Wenn Kinder jedoch weiterhin der mütterlichen Sippe zugeordnet blieben, würde deren Erbe auch dieser Sippe zufallen und der Vater wäre im Alter um den Genuss seines erbeuteten oder erworbenen Vermögens gebracht.
Es gab für Männer nur eine Möglichkeit, ihr Vermögen zu behalten: es musste in die männliche Erblinie übertragen werden. Dazu musste das Kind dem Vater und nicht länger der Mutter zugeordnet werden. Nur wenn Kinder zu ihrem Vater gehörten und diesen beerbten, konnte dieser im Alter weiterhin an der von ihm erworbenen Macht und dem von ihm erworbenen Besitz teilhaben. Aufgrund der Stellung der Männer, im speziellen aufgrund der ihnen übertragenen Aufgabe der Kriegsführung und der Ordnung der politischen Außenverhältnisse, wurden die sozialen Verhältnisse nach und nach patriarchalisch.
Diese tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen führten zur Aufwertung der Paarbeziehung, der fortan die Aufgabe der Versorgung übertragen war. Die Sippen verloren an Bedeutung, sie verloren auch ihre direkte Versorgungsaufgabe, während sich die einst rein geschlechtlichen Paarbeziehungen in familiäre Versorgungsgemeinschaften verwandelten, in denen eine Frau an einen Mann gebunden war. In der ehelichen Versorgungsgemeinschaft bildete sich die Rollenteilung zwischen Mann und Frau aus. Die Partner teilten ihre Pflichten untereinander auf. Der Mann war fortan für die Außenbeziehungen, die Frau für die Innenbeziehungen der Familie zuständig.
Die neue Beziehungsform erhielt schließlich die rechtliche Form einer Ehe. Mit der Ehe verbunden war eine strikte Treueverpflichtung für die Frau, denn nur wenn man die Kinder einem konkreten Paar zuordnen konnte, war es möglich, Ansprüche seitens unehelicher Kinder – also anderer Familien – auszuschließen.
Der Begriff 'Ehe' bedeutet in seinem Ursprung 'Vertrag'. Eine Ehe ist eine vertragliche, partnerschaftliche Vereinbarung und Bindung zwischen Mann und Frau. Diese Verbindung wurde ebenfalls als Liebe empfunden und bezeichnet, jedoch nicht als die ehemals sexuelle und 'wilde', sondern als eine partnerschaftliche und 'kultivierte' Form der Liebe. Die partnerschaftliche Liebe beruhte auf Verlässlichkeit und auf der Erfüllung der Pflichten, die sich aus der Rollenzuweisung ergaben. Der Mann hatte die Familie zu ernähren und zu beschützen, die Frau hatte die Familie zu betreuen; und wenn beide das füreinander taten, liebten sie sich.
Wiederum zeigt sich, das unter Paarliebe damals etwas ganz anderes verstanden wurde als zuvor und erst recht, als wir es heute tun. Mit der partnerschaftlichen Liebe war die zuvor geschlechtliche Liebe natürlich nicht aus der Welt. Die sexuelle Verbindung wurde in der Ehe zwar auch gebraucht, allerdings nur zur Fortpflanzung, nicht zur Erfüllung sexueller und erotischer Bedürfnisse. Sexuelle und leidenschaftliche Liebe war in ehelichen Verbindungen sogar ungern gesehen, lange Zeit war sie moralisch und teilweise auch rechtlich aus den Ehen verbannt. Das hatte seinen guten Grund. Denn Ehen waren als Versorgungsgemeinschaften auf Stabilität und Dauer ausgerichtet, und die geschlechtliche Liebe bestand, wie es die Ethnologin hinsichtlich der Besuchsehe ausdrückte, nur „solange es ihr gefiel“. Es war aufgrund ihrer Unzuverlässigkeit schlicht unmöglich, eine langfristig angelegte Paarbindung und die dahinter stehende soziale Ordnung auf geschlechtlicher Liebe und sexuellen Bedürfnissen aufzubauen.
Ehen – und damit das materielle und soziale Überleben der Familien – wurden von der launischen sexuelle Liebe gefährdet. Nur - wohin mit sexuellen Bedürfnissen? Die Lösung war pragmatisch. Die sexuelle Liebe wurde quer durch die Zeit außerhalb der Ehe gelebt.3 Natürlich war das für Männer einfacher zu praktizieren, weil man ihren Ehebruch nicht an ihrem Bauchumfang ablesen konnte. Frauen hingegen wurden oft brachial am Seitensprung gehindert. Sei es, indem man sie durch Einschnüren der Füße im Wortsinn ans Haus band, sei es, indem man ihnen durch Beschneidung der Klitoris die Lust nahm oder sie auf andere Weise kontrollierte und am Seitensprung hinderte.
Geschichtlich hatte sich jedenfalls die partnerschaftliche Liebe durchgesetzt, und damit hatten Paarbeziehungen ihre ehemalige Unverbindlichkeit verloren, sie waren verbindlicher und zugleich anspruchsvoller geworden.
Die partnerschaftliche Liebe stellt eine zweite geschichtlich entstandene Bindungsform zwischen Männern und Frauen dar.
Auch heute besteht das partnerschaftliche Liebesmotiv weiterhin, die partnerschaftliche Liebe spielt sogar eine wichtige Rolle im Leben der Menschen. Es geht dabei zwar kaum noch ums materielle Überleben und um die gegenseitige Versorgung, vielmehr führen Ehepartner heute gemeinsame Projekte durch, von denen die Gründung einer Kleinfamilie eines der größten darstellt. Andere Projekte, die durch partnerschaftliche Liebe ermöglicht werden, sind beispielsweise gemeinsame Firmen, gemeinsame Kunstprojekte, gemeinsame wissenschaftliche Forschungen etc. - vor allem aber Projekt gemeinsamer Alltagsbewältigung und verlässlicher Lebensbegleitung.
Ein heutiges Paar mag daher eine gute Partnerschaft führen, die Partner mögen sich aufeinander verlassen können, sich vertrauen, sie mögen ohne Streit und Konflikte in tiefster Harmonie miteinander leben und im besten Sinn zusammen arbeiten. Sie mögen sich als Partner lieben. Das ist sicher eine ganze Menge. Nur: Selbst eine solch starke Bindung macht aus einem Paar noch kein Liebespaar! Davon zeugen jene zahllosen Paare, die in der Beratung folgende resignierte Aussage treffen: „Wir verstehen uns gut, wir streiten nie, wir ziehen am gleichen Strang, wir sind ein super Team. Aber mehr auch nicht.“ Etwas fehlt. Das Viele genügt nicht, es muss heute schon mehr sein.
Halten wir an dieser Stelle für unser Thema fest: Selbst eine partnerschaftliche Bindung macht (heute) längst noch kein Liebespaar. Harmonie und gute Zusammenarbeit sind dafür einfach nicht genug.
Schreiten wir in den sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen bis nahe an die Jetztzeit voran. Naturgemäß wirken sich gesellschaftliche Entwicklungen, das haben die vorigen Abschnitte gezeigt, auf die Aufgaben von Paarbeziehungen und auf ihre Form aus. Die erste der Paarbeziehung zugewiesene Aufgabe war die Zeugung und Befriedigung damit verbundener sexueller Bedürfnisse. Die zweite Aufgabe war eine Versorgungsaufgabe. Angestoßen durch soziale Veränderungen sollte eine weitere Aufgabe hinzukommen.
Die Entwicklung hin zur industriellen Produktion und zur globalen Wirtschaft haben die Welt verändert. Moderne Gesellschaften nehmen riesige Ausmaße an, es leben Millionen Menschen darin. Diese Sozialverbände sind so komplex, so unüberschaubar, dass sie nicht mehr zentral gesteuert werden können. Weil feudale Verhältnisse die Ökonomie und soziale Entwicklung behinderten, warf man diese über Bord und versucht es seither mit der Demokratie. Das heißt, die Gesellschaft wird nicht mehr durch Könige oder andere Herrscher gesteuert, sie steuert sich jetzt selbst, ähnlich wie ein Organismus das macht, wie es beispielsweise der menschliche Körper tut, indem seine Bestandteile und Bereiche in Eigenregie miteinander kooperieren.
In den zahlreichen Bereichen der modernen Gesellschaft tauchen Individuen auf, die je nach ihrer Bedürfnislage darin tätig werden oder daraus verschwinden. Alle wichtigen Entscheidungsprozesse sind somit auf Individuen und deren Kooperation in Gruppen übertragen. Mit anderen Worten: die Gesellschaft ist individualisiert. Es kommt auf den Einzelnen an. Dieser kann sich nicht mehr vorrangig zu einer Gruppe, Schicht oder Klasse zugehörig fühlen. Er ist auch nicht mehr an deren Verhaltensvorlagen gebunden, er muss sich vielmehr selbst orientieren.
Der moderne Mensch ist ein Selbst geworden. Er hat ein Selbstbewusstsein, es ist selbstverantwortlich, es muss selbstbestimmt sein, es muss sich ständig selbst optimieren, um sich selbst zu verwirklichen.
