Der Pakt mit meinem Schutzengel - Sandra Halbe - E-Book

Der Pakt mit meinem Schutzengel E-Book

Sandra Halbe

0,0

Beschreibung

Vera wacht im Krankenhaus auf und der Albtraum beginnt, als sie denselben Tag immer wieder erleben muss. Gefangen in einer endlosen Schleife zwischen Leben und Tod, begegnet sie Ted, ihrem Schutzengel. Nur ist der gar nicht engelsgleich: Er raucht, flucht und lacht über die Idee von göttlicher Gnade. Er bietet ihr einen Pakt an: Etwas mehr Lebenszeit, doch den Preis verschweigt er ihr. Aus Verzweiflung stimmt Vera zu und setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die ihr Schicksal für immer verändern. Zwischen Hoffnung und Schuld, Liebe und Verlust, steht sie vor der einschneidenden Frage: Was würdest du tun für ein bisschen mehr Zeit?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Sandra Halbe, Jahrgang 1985, wurde im Sauerland geboren. Sie entpuppte sich früh als Leseratte und entdeckte ihre Liebe zum Schreiben. Eine Übersicht ihrer Bücher sowie Termine zu Lesungen finden Sie auf www.sandra-halbe.de.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

Inhaltsverzeichnis

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

21. KAPITEL

22. KAPITEL

23. KAPITEL

24. KAPITEL

25. KAPITEL

26. KAPITEL

27. KAPITEL

28. KAPITEL

29. KAPITEL

EPILOG

DANKSAGUNG

1. KAPITEL

Vera hasste dieses Lied. Sie wusste gar nicht, was sie am meisten daran störte. War es der unrealistische Text? Die kitschige Liebesgeschichte, die darin erzählt wurde? Oder war es die Tatsache, dass sie es den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf bekommen würde, sobald sie die ersten Töne hörte? War es die betont fröhliche Melodie? Dieses Lied war nicht auszuhalten, egal wann es lief. Aber am schlimmsten war es, wenn sie mit ihm geweckt wurde. »Wie kann man nur ein Lied über Pina Colada schreiben und damit berühmt werden?«, murmelte sie, als sie die Radio-App auf ihrem Handy ausschaltete. So schnell wie möglich, um dieses schreckliche Lied bloß nicht länger ertragen zu müssen. Sie blinzelte nach rechts. Moritz’ Seite des Bettes war schon leer. Vera war nicht überrascht.

Gestern hatte er sie mal wieder mit den Worten »Wir müssen reden« empfangen, als sie von der Arbeit nach Hause kam.

»Dafür habe ich jetzt keine Zeit, warum verstehst du das nicht?«, hatte sie genervt erwidert.

»Du vertröstest mich jetzt schon seit Wochen! Wir müssen reden!«

»Ich habe morgen den wichtigsten Termin in meiner Karriere. Glaubst du wirklich, dass ich jetzt Zeit für diesen Kindergarten habe?«

»Das nennst du Kindergarten? Hier geht es um uns!«

»Das geht es morgen auch.«

»Morgen reden wir aber miteinander, okay?«

»Genau, morgen, wenn ich den Tag auf der Arbeit überstanden habe.«

Er hatte sich damit zufriedengegeben, hatte wie immer nachgegeben. Schweigend waren sie schlafen gegangen.

Moritz versuchte schon seit Wochen, über ihre Beziehung zu sprechen. Vera hatte im Moment aber andere Sorgen. Warum er das nicht begriff! Wenigstens hatte er sie heute in Frieden gelassen. Er weckte sie schon lange nicht mehr, wenn er aufstand. Anfangs hatte sie den sanften Kuss und ein leises »Guten Morgen« süß gefunden. Doch das kostete sie eine Stunde Schlaf. Und den brauchte sie, sodass ihre Reaktion irgendwann entsprechend genervt ausgefallen war. Also ließ Moritz sie seit einiger Zeit morgens in Frieden. Wenigstens etwas, das er begriffen hatte. Gerade nach einem Streit so wie gestern fehlte Moritz ihr morgens nicht. Und Streitereien gab es momentan oft. Abgesehen von dem zusätzlichen Schlaf hatte sie das Badezimmer dann ganz allein für sich.

Seufzend stand sie auf und begab sich unter die Dusche. Wie zu erwarten, konnte sie nicht aufhören, dieses Lied zu summen. »Verdammt«, murmelte sie. Heute musste sie fit sein. Ihr stand ein wichtiges Meeting bei einem ihrer größten Kunden bevor. Da konnte sie sich keine Ablenkung leisten. Sie überlegte, mit welchem Lied sich der Ohrwurm am besten bekämpfen ließ. Das musste sie im Auto auf dem Weg zur Arbeit laut aufdrehen.

Vera schlüpfte in den schwarzen Bleistiftrock, der ihre schlanken Beine länger wirken ließ. Sie zog die die Pumps mit den höchsten Absätzen an, die sie in ihrem Schrank finden konnte. Bequemlichkeit war heute kein wichtiges Kriterium. Sie musste punkten, sobald sie den Raum betrat. »Das Auge isst mit«, sagte man schließlich. Außerdem verschafften diese Schuhe ihrem Selbstbewusstsein einen Extraschub. Die weiße Bluse und dezenter Silberschmuck rundeten das Outfit ab. Vera trug Lidschatten und Mascara auf, um ihre grauen Augen größer wirken zu lassen. Als sie ihre langen blonden Haare hochsteckte, fiel ihr eine der Haarklammern herunter. Während sie sich bückte, streifte sie mit dem Ellbogen etwas. Gleich darauf fiel eine ihrer Parfumflaschen mit einem Knall zu Boden und zersplitterte in tausend Teile. Gleichzeitig spritzte der Inhalt in alle Richtungen und in jeden Winkel des Bads. »Das gibt’s doch nicht!« Fluchend sammelte Vera die Scherben ein und wischte die Flüssigkeit auf. Sie hoffte, dass sie nicht zu viel Parfum abbekommen hatte. Für eine weitere Dusche war jetzt keine Zeit mehr. Moritz war wahrscheinlich schon zur Arbeit aufgebrochen, also war gleich niemand mehr zu Hause. Dann mussten die fünf Minuten reichen, um das Bad zu lüften, bevor sie losfuhr. Gegebenenfalls würde sie heute Abend noch mal gründlich durchwischen, um den Gestank zu beseitigen. Natürlich war es eine fast volle Flasche gewesen. Ein teurer Duft, den Moritz ihr zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hatte. Das würde nicht dazu beitragen, seine Laune zu bessern. Egal. Darum würde sie sich später kümmern.

In der Küche verrührte Vera hastig ein paar Himbeeren, Joghurt und Haferflocken in einer Schüssel und süßte das Ganze leicht mit Honig. Der Tag würde so hektisch werden, dass ihr später keine Zeit mehr blieb, etwas zu essen. Deswegen musste sie wenigstens frühstücken. Nichts war peinlicher als ein knurrender Magen bei ihrem Termin. Dazu gab es einen Kaffee aus dem Vollautomaten, den sie schnell herunterstürzte. Dann schulterte sie ihre Handtasche und stürmte zum Auto.

Unterwegs drehte Vera das Radio auf volle Lautstärke. Sie hatte Moritz gestern Abend angelogen, als sie ihm sagte, dass der Kundentermin früh am Morgen stattfinden würde und sie deswegen keine Zeit mehr hätte, mit ihm zu sprechen. Heute fuhr sie wie jeden Tag ins Büro. Das Meeting war erst für den späten Vormittag angesetzt. Aber sie hatte keinen Kopf für Moritz’ Probleme. Auch wenn sie jetzt etwas Zeit hatte, musste sie voll konzentriert sein. Sie wollte die Präsentation ein letztes Mal durchgehen. Und Liam würde sie mit Sicherheit brauchen. Bei dem Gedanken an ihn breitete sich ein warmes Prickeln in Veras ganzem Körper aus.

Vor fünf Jahren hatte Vera bei Born to Bake angefangen. Anfangs war sie skeptisch gewesen. Eine Firma, die mit Backutensilien ihr Geld verdiente? Das sollte langfristig funktionieren? Dann lernte sie Liam kennen und war überzeugt: Ja, das würde es. Born to Bake hatte zu dieser Zeit 20 Mitarbeiter. Mittlerweile waren es 60, und fieberhaft wurde nach weiteren gesucht, die zur Firma passten. Die kleine Fabrik vor Ort produzierte hauptsächlich hochwertige Backformen. Auch andere Utensilien waren mittlerweile ins Programm aufgenommen worden. Mit einer eigenen Kochbuchreihe hatte Born to Bake sein Sortiment Anfang des Jahres erweitert. Fertigbackmischungen aus dem Glas rundeten das Programm ab. »Sieh dich doch mal um, Vera«, hatte Liam während des Vorstellungsgesprächs gesagt – er hatte sie von Anfang an geduzt, und es hatte sie nicht gestört: »Backen und Kochen sind Kult. Die Leute sitzen vorm Fernseher und lassen sich von den vielen Shows berieseln, in denen es um nichts anderes geht. Es gibt massenhaft Portale im Internet, die sich einzig mit diesem Thema befassen. Wir bieten die passenden Produkte dazu. Und die sind Made in Germany. Damit liegen wir voll im Trend. Wir haben einen Vorführraum, wo Kunden unsere Ware nicht nur anfassen dürfen, sondern sogar testen können. Regelmäßig organisieren wir Backkurse, bei denen man sich von der Qualität unserer Formen überzeugen kann. Dafür bezahlt man gerne mehr als für Billigmaterial aus China. Nachhaltig und umweltfreundlich, so muss ein Unternehmen sich heute aufstellen, um erfolgreich zu sein.«

Anfangs hatte Vera nicht geplant, lange bei Born to Bake zu bleiben. Sie war Assistentin der Geschäftsleitung. Das klang nach einer besser bezahlten Sekretärin, und das wollte sie auf Dauer nicht sein. Aber Liam behandelte sie nicht wie seine Sekretärin. Im Gegenteil: Sie übernahm schnell Verantwortung. Sie kümmerte sich um den Aufbau des Online-Shops und darum, neue Werbepartner zu finden. Bei der Produktauswahl für die Backmischungen ließ Liam ihr weitgehend freie Hand. Hochwertig und von Bioqualität sollten sie sein, um ins Firmenkonzept zu passen, und trotzdem mussten sie innerhalb des vorgegebenen Budgets liegen. Keine leichte Aufgabe, aber Vera wurde fündig. Sie liebte diese verrückten Ideen ihres Chefs. So schlich sich keinerlei Routine in ihren Arbeitsalltag. Deswegen war sie immer noch hier. Heute hatte sie die nächste Herausforderung vor sich: Eine der größten Bäckereiketten Deutschlands sollte mit Backformen von Born to Bake ausgestattet werden. Das wäre die bisher wichtigste Kooperation in der Geschichte des Unternehmens. Und Vera war diejenige, die ihre Firma präsentieren und den Auftrag an Land ziehen sollte. Sie hatte Born to Bake mit aufgebaut und war dieser Aufgabe gewachsen. Nervosität gab es für sie nicht. Sie sah blendend aus und hatte ein sicheres Auftreten. Das allein reichte oft schon, um ihr die ein oder andere Tür zu öffnen. Am Rest würde sie gleich feilen.

In der Firma angekommen, hielt Vera ihren Firmenausweis an den Türöffner. Wie immer stürmte sie wortlos an der Rezeption vorbei. Das fröhliche »Guten Morgen« der Dame dahinter nahm sie mit einem kurzen Nicken zur Kenntnis. Bei der Größe der Firma kannte sie die Mitarbeiter, hatte manche von ihnen sogar mit Liam zusammen ausgesucht. In ihrem Gebäude war ein zweites Unternehmen ansässig. Die Rezeptionsmitarbeiter wurden in der Regel von dieser Firma beschäftigt, sodass Vera sich nicht allzu sehr für sie interessierte.

Ihr Büro befand sich in der dritten Etage am Ende des Ganges. Unterwegs dorthin grüßte sie die Mitarbeiter, die ihr auf dem Flur begegneten, und tauschte sich mit ihnen aus. Freundlich, aber distanziert. Sie hatte ein offenes Ohr für sie, sie war an ihren Problemen interessiert. Sie half, wo sie konnte. Aber sie stand über ihnen allen, und das ließ sie sie spüren. Nach einer Zeit, die Vera für angemessen hielt, lächelte sie freundlich und beendete das Gespräch. Sie war es gewohnt, in Rock und Bluse ins Büro zu kommen. Auch das hob sie von den anderen Mitarbeitern ab, die in der Regel weniger schick angezogen waren. An Tagen wie heute hatte ihre Kleidung zusätzliche Vorteile: Niemand dachte, dass ein wichtiges Meeting anstehen könnte. Von dem Termin am späteren Vormittag wussten nur Liam und Vera. Bis der Deal unter Dach und Fach war, ging er niemanden etwas an.

Als sie die Tür ihres Büros hinter sich geschlossen hatte, fuhr Vera ihren Computer hoch und stellte ihren Schreibtisch so ein, dass sie im Stehen arbeiten konnte. In ihren Augen war sie bestens vorbereitet, aber es schadete sicher nicht, einen letzten Blick auf die Präsentation zu werfen. »Hast du mir etwas mitgebracht?«, hörte sie auf einmal eine Stimme.

»An was denkst du denn da?«, antwortete sie und hob den Blick.

Liam stand im Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich. »Guten Morgen.« Wie immer sah er blendend aus. Die schwarzen Haare waren elegant kurz geschnitten, seine braunen Augen glänzten. Er trug einen dunklen maßgeschneiderten Anzug. Nur die Krawatte hatte er heute weggelassen.

»Guten Morgen. Wollen wir zusammen durch die Präsentation ge…«

»Das hat Zeit.« Liam kam einen Schritt auf Vera zu und zog sie an sich. Ihr wurde heiß, als seine Hand runter zu ihrem Po wanderte. »Du siehst toll aus«, murmelte er, während er ihren Hals küsste.

»Du auch. Aber wir haben keine Zeit für ...«

»Wir machen schnell.«

Liam streifte sein Jackett ab und öffnete danach seinen Hosenbund. Vera kickte in der Zwischenzeit ihre Pumps von sich und zog Strumpfhose, Rock und Slip aus. Liam hob sie hoch und schob sie zusammen mit dem elektrisch verstellbaren Schreibtisch auf die perfekte Höhe. »Pass auf meine Haare auf«, murmelte sie. Eine Minute später war ihre Frisur ihr egal.

Veras Affäre mit Liam hatte vor einem Jahr begonnen. Es war wieder einmal einer dieser Tage, an denen sie zusammen an einem Projekt saßen und die Zeit keine Rolle spielte. Draußen war es schon dunkel, sie hatten seit Stunden nicht mehr auf die Uhr geschaut. Sie aßen Sushi vom Lieferdienst. Vera hatte Moritz eine Nachricht geschrieben, dass sie nicht wusste, wann sie zu Hause sein würde. Liam war Junggeselle. Auf ihn wartete niemand. Moritz konnte sich nicht recht daran gewöhnen, dass Vera so lange arbeitete. Sie hatte in weiser Voraussicht ihr Handy ausgeschaltet, nachdem sie ihn informiert hatte, damit sie nicht gestört wurden.

Eine Fachzeitschrift hatte Born to Bake eine ganze Doppelseite gewidmet und ausführlich über das Unternehmen berichtet. Unter der Überschrift gab es ein großes Foto von Vera und Liam in Kostüm und Anzug. Darüber hatten sie sich weiße Schürzen gebunden, auf denen das Firmenlogo prangte. Auf dem Kopf trugen sie große Kochmützen. Am Anfang hatten sie die Idee dämlich gefunden. Aber jetzt waren sie begeistert von dem Bild. Rücken an Rücken standen sie da und grinsten in die Kamera, jeder von ihnen bewaffnet mit einer Backform und einem Glas mit Backmischung. »Das vermittelt unseren Kunden, dass wir nicht nur im Hintergrund herumwerkeln, sondern ihnen auf Augenhöhe begegnen!«, rief Liam. »Das Foto wird eingerahmt und kommt an unsere Wall of Fame!«

Der Artikel hatte sein Ziel erreicht und für eine riesige Nachfrage gesorgt. Deswegen sollte jetzt außer dem Fabrikverkauf und dem schon existierenden Laden ein weiterer Shop eröffnet werden. Sie hatten alles durchdacht. In diesem Moment berieten sie über einen Aushang, der die Kunden dazu auffordern würde, die ausgestellte Ware zu inspizieren, aber vorsichtig damit umzugehen. »Wie wäre es mit ›Anfassen erlaubt, doch wehe, ihr klaut‹«, schlug Liam vor.

»Das wirkt gekünstelt«, gab Vera zu bedenken. »Und die Nachricht, die wir rüberbringen wollen, ist es auch nicht. Dass Diebstahl nicht erlaubt ist, erklärt sich von selbst.«

»Hast du einen besseren Vorschlag?«

»Wie wäre es mit ›Fass es an, doch Vorsicht erbeten. Wenn du es kaputt machst, kostet’s deine Moneten.«

»Das ist gut! Das gefällt mir! Das ist fesch, das ist fancy! Das bringt es auf den Punkt!« Liam war begeistert. Er warf einen Blick auf das Bild in der Fachzeitschrift. »Du siehst darauf perfekt aus«, sagte er dann. Seine Stimme war tiefer als sonst. »Ich weiß, warum ich damals dich eingestellt habe!« Er lehnte sich nach vorn und drückte Vera einen Kuss auf den Mund. Erst war es nur ein Kuss. Doch es fühlte sich so gut an, dass aus diesem schnell mehr wurde.

Seitdem schliefen Vera und Liam regelmäßig miteinander. In der Regel verabredeten sie sich nach Feierabend. Veras Zuhause war natürlich tabu, sodass sie zu Liam fuhren. Doch manchmal, so wie heute, hielten sie es nicht so lange aus und fielen im Büro übereinander her. Das Gefühl, jederzeit von einem ihrer Mitarbeiter erwischt werden zu können, gab ihnen einen zusätzlichen Kick. Dass sie beide eine Affäre miteinander hatten, war im Büro zumindest ein Gerücht, da war Vera sich sicher. Aber die Mitarbeiter hatten auch schon über sie gelästert, bevor ihre Affäre begonnen hatte, deswegen machte es keinen großen Unterschied. Und sie störte sich nicht daran, ob hinter ihrem Rücken getratscht wurde. Dafür genoss sie die Zeit mit Liam zu sehr. Sie hatte ihn von Anfang an attraktiv gefunden. Offensichtlich ging es ihm bei ihr genauso. Sie hatten nie darüber gesprochen, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Liam genoss seinen Ruf als unnahbarer Junggeselle. Feste Beziehungen waren nicht sein Ding, hatte er Vera verraten. Und Vera hatte Moritz. Das hier war ihr Ausgleich zum stressigen Job, nicht mehr.

»Haben wir noch Zeit, über die Präsentation zu gehen?«, fragte Liam, während er seine Hose wieder zuknöpfte.

Vera warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Verdammt, nein! Ich muss los!« Sie strich ihre Bluse glatt. »Frisur?«, fragte sie.

»Perfekt,« gab Liam zurück. »Du hast mehr Parfum aufgetragen als sonst, kann das sein?«

»Ein Missgeschick im Bad.« Vera rollte mit den Augen. »Zu schlimm?«.

»Keiner kommt dir so nah wie ich, aber ...« Liam verzog das Gesicht.

»Verdammt!« Vera griff nach ihrer Strumpfhose und warf sie in den Mülleimer. Die hatte die größte Parfümladung abbekommen, als die Flasche am Boden zerbrochen war. Dann stürmte Vera mit ihrer Tasche aufs nächstgelegene Damenklo. Dort zog sie eine neue Strumpfhose an. Hoffentlich hatte sie damit den Großteil des Geruchs beseitigt. Im Flur wartete Liam auf sie. »Ich fahre jetzt«, sagte sie.

»Warte!«

»Keine Zeit!«

»Doch, eine Sekunde hast du.« Da war er, der Ton, den Liam auflegte, wenn er sich in der Rolle des Chefs befand.

Anfangs hatte dieser Ton Vera gestört. Eine Zeitlang hatte sie sogar versucht, ihn Liam abzugewöhnen. Aber er brauchte die Momente, in denen er ihr klar machte, dass er am längeren Hebel saß. Glücklicherweise kamen die nicht oft vor, sodass Vera gelernt hatte, den Mund zu halten und sie über sich ergehen ließ. »Leg los.«

»Du weißt, wie wichtig dieser Kunde ist. Mit seinem Auftrag werden wir unseren Umsatz nächstes Jahr verdoppeln. Wir können es uns nicht leisten, zu versagen. Verstanden?«

»Dann sollte ich zum Termin besser nicht zu spät kommen. Ich kriege das schon hin«, rief sie Liam über die Schulter hinweg zu, während sie in Richtung Aufzug stürmte.

Vera plante gern einen kleinen Zeitpuffer ein, wenn sie einen Termin hatte, doch jetzt musste sie sich beeilen. Der Quickie mit Liam und der Abstecher auf die Toilette hatten sie wertvolle Minuten gekostet. Zum Glück war ihr Kofferraum schon voll mit Backformen und anderen Utensilien, die sie zur Ansicht mitbrachte. Die Präsentation befand sich auf ihrem Computer, und einige Ausdrucke zum Verteilen hatte sie auch dabei.

Noch eine Ampel, dann ging es endlich auf die Hauptstraße. »Werd schon grün«, murmelte Vera zwischen zusammengebissenen Zähnen. Nervös trommelten ihre Finger auf dem Lenkrad herum. »Geht doch!« Sie trat aufs Gas, sodass der Wagen sich mit einem Ruck in Bewegung setzte. Endlich fuhr sie aus dem Ort heraus und beschleunigte. Die Landstraße war an dieser Stelle recht schmal und kurvig. Ein paar Kilometer führte sie durch den Wald, bevor die nächste Ortschaft folgte. Vera kannte die Strecke wie ihre Westentasche. 70 Stundenkilometer lautete hier die Geschwindigkeitsbegrenzung. Aber soweit sie das beurteilen konnte, hielt sich niemand daran. Und in den vielen Jahren, die sie diese Strecke schon zurücklegte, hatte es nie Kontrollen gegeben. Hoffentlich blieb es so. Heute hatte sie jeden Grund, sich nicht ans Tempolimit zu halten. Die Polizei sollte sie bloß nicht anhalten, das würde sie noch mehr Zeit kosten. Sollten sie ihr den Strafzettel per Post schicken, sie würde alles regeln, sobald sie ihren Termin hinter sich hatte. Der Tempomat zeigte 80 an, dann 85. Vera warf einen Blick auf die Uhr. Mit dieser Geschwindigkeit käme sie rechtzeitig an. Aber jede rote Ampel würde ihren Zeitplan erneut gefährden. Ein paar Stundenkilometer mehr schadeten nicht. Sie trat das Gaspedal weiter auf 90 durch.

In diesem Moment hörte sie die Hupe. Sie riss die Augen los von Uhr und Tempomat und blickte wieder nach vorn durch die Windschutzscheibe. Sie sah den LKW auf sich zukommen. Vera fragte sich, ob er aus der Kurve brach, oder ob sie nicht weit genug auf ihrer Spur geblieben war. Sie riss das Lenkrad nach rechts, um Abstand zu gewinnen. Aber es reichte nicht. Sie hörte weiter das dunkle Hupen und das Quietschen der Reifen, als sie beide auf die Bremsen traten. Als letztes nahm sie einen gewaltigen Knall wahr, und den Ruck, der dabei durch ihren Körper ging.

Dann wurde alles dunkel.

2. KAPITEL

»Warum habe ausgerechnet ich diesen Fall bekommen, kann mir das mal jemand sagen? Ja, sie sieht gut aus. Okay, ich gebe es ja schon zu: Die Braut ist echt heiß. Und was in der Birne hat sie. Zumindest, was ihren Job angeht. Aber im Privatleben bekommt sie nix gebacken. Betrügt ihren Lebensgefährten. Verprellt ihre Familie. Und Freunde? Welche Freunde? Das Schlimmste ist: Sie rafft es nicht mal! Sie denkt, alles ist in Ordnung. Und ich soll das jetzt richten, schon klar. Ich bin der Depp vom Dienst.«

»Was ist ...« Vera versuchte, die Augen aufzuschlagen, aber eine unerträgliche Last lag auf ihren Lidern.

»Und jetzt wird sie wach.«

Wieder diese Stimme, die sie nicht zuordnen konnte. Bestimmt war die nur in ihrem Kopf. Wenn sie die Augen öffnete, wäre niemand da. Sie musste sich nur ein wenig mehr anstrengen. Da! Endlich nahm sie die Umrisse des Zimmers wahr, in dem sie sich befand. Es sah aus wie ein Krankenzimmer. Klein und eng war es, und zu dunkel, um alles um sich herum zu erkennen. Nur das Bett vor ihr war genau in Veras Blickfeld. Und darauf lag ... »Das bin ja ich!«

»Eine Blitzmerkerin ist sie auch noch.«

Vera fuhr herum. Genau neben ihr stand ein Mann. Er war etwa in ihrem Alter. Während sie ihr Kostüm trug, war er in Jeans und ein rotkariertes Hemd gekleidet. Die dunklen Haare waren vorn einen Tick zu lang, sodass ihm ein paar Strähnen in die Stirn fielen. Er hatte mit Gel versucht, die Frisur zu stylen. Liam wäre schockiert, aber diesem Mann stand der leicht ungepflegte Look mit Dreitagebart. Obwohl die großen dunklen Augen alles andere als amüsiert dreinschauten. »Hi, ich bin Ted«, stellte er sich vor und streckte die Hand aus. Vorsichtig ergriff Vera sie. Ein Auge hatte sie weiterhin auf die schlafende Frau im Bett gerichtet, die genauso aussah wie sie.

»Genau, das bist du«, bestätigte der Mann ihre unausgesprochene Frage.

»Aber ich ...«

»Wir stehen neben deinem Körper, exakt. Schon mal was davon gehört, dass du dich von oben siehst, wenn du stirbst?«

»Ja, aber so oft war ich noch nicht in der Situation.« Veras wunderte sich, wie genervt sie klang, aber das hier war zu absurd.

Der Typ hob abwehrend die Hände. »Ich schon. Und ich tendiere dazu, das zu vergessen, tut mir leid. Fangen wir noch mal von vorn an.«

»Ich bitte darum.«

»Was ist das Letzte, an das du dich erinnerst?«

»Ich war auf dem Weg zu meinem Termin. Und da war dieser LKW ...«

»Genau. Ihr beide wart zu schnell unterwegs. Und dich hat es übel erwischt.« Ted deutete auf die Frau vor ihnen. »Du liegst im Koma.«

»WAS?!«

»Die Wahrscheinlichkeit, dass du wieder aufwachst, ist nicht besonders groß.«

»Ich fühle mich aber ziemlich lebendig.«

»Der Eindruck trügt leider.«

»Dann bist du ein Psychologe? Redest du in Wirklichkeit mit der Vera auf dem Bett und sollst sie ... auf die andere Seite begleiten? Oder bist du eine Halluzination? Das ist es! Die pumpen mich mit Medikamenten voll!«

»Ich bin dein Schutzengel.«

»Wofür brauche ich einen Schutzengel, wenn mein Leben vorbei ist?«

»Wer hat gesagt, dass dein Leben vorbei ist?«

»Du! Du hast gesagt, dass ich nicht mehr aufwachen werde!« In diesem Moment fühlte Vera sich, als würde sämtliche Luft aus ihren Lungen gepresst. «Ich wache nicht mehr auf?», wiederholte sie dann, plötzlich ganz leise.

»Wahrscheinlich nicht. Aber es gibt etwas, das wir tun können. Ich kann dafür sorgen, dass du diesen Tag noch mal erlebst. Es gibt da allerdings ein paar Dinge, die du wissen soll...«

«Das ist es! Du bist mein Schutzengel, hast du gesagt.»

«Korrekt.»

«Dann hast du Mist gebaut und hättest mich vor dem LKW retten müssen!»

Ted hob abwehrend die Hände. «Schätzchen, ganz so einfach läuft das nicht.»

«Wenn ich den heutigen Tag noch mal erlebe, kann ich den Unfall verhindern!»

»Du solltest mich ausreden la...«

»Schick mich zurück!«

«Lass mich doch mal kurz erklären!»

Vera schüttelte den Kopf. Sie zeigte auf ihren leblosen Körper. «Hast du eine Ahnung, wie ich mich gerade fühle? Das da auf dem Bett bin ich! Ich will nicht auf diesem Bett liegen! Ich will nicht im Koma sein, verstehst du das?»

«Kann ich nachvollziehen.»

«Du hast gesagt, ich kann diesen Tag noch mal erleben. Ich muss nicht sterben. Wenn du mir die Chance gibst.»

Einen Moment lang sah Ted sie wortlos an. »Gut, dann lernst du eben aus Erfahrung.« Mit einem Augenrollen griff Ted nach Vera und drehte sie zu sich um. Er legte ihre rechte Hand auf seine Schulter. Dann drückte er auf einen Punkt in ihrem Nacken. Vera spürte, wie ihr Kopf schwer wurde und ihre Augen sich schlossen. Sie hörte, wie Ted etwas zu ihr sagte, aber seine Worte kamen nicht mehr bei ihr an, bevor alles um sie herum schwarz wurde.

Vera hasste dieses Lied. Sie wusste gar nicht, was sie am meisten daran störte. War es der unrealistische Text? Die kitschige Liebesgeschichte, die darin erzählt wurde? Oder war es die Tatsache, dass sie es den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf bekommen würde, sobald sie die ersten Töne hörte? War es die betont fröhliche Melodie? Dieses Lied war nicht auszuhalten, egal, wann es lief. Aber am schlimmsten war es, wenn sie mit ihm geweckt wurde. »Wie kann man nur ein Lied über Pina Colada schreiben und damit berühmt werden?«, murmelte sie, als sie die Radio-App auf ihrem Handy ausschaltete. So schnell wie möglich, um dieses schreckliche Lied bloß nicht länger ertragen zu müssen. Sie warf einen flüchtigen Blick nach rechts. Moritz’ Seite des Bettes war schon leer. Vera war nicht überrascht.

Gestern hatte er sie mal wieder mit den Worten »Wir müssen reden« empfangen, als sie von der Arbeit nach Hause kam.

»Dafür habe ich jetzt keine Zeit, warum verstehst du das nicht?«, hatte sie genervt erwidert.

»Du vertröstest mich jetzt schon seit Wochen! Wir müssen reden!«

»Ich habe morgen den wichtigsten Termin in meiner Karriere. Glaubst du wirklich, dass ich jetzt Zeit für diesen Kindergarten habe?«

»Das nennst du Kindergarten? Hier geht es um uns!«

»Das geht es morgen auch.«

Moment mal ... Morgen? Mit einem Mal war Vera hellwach. Sie griff nach ihrem Handy, um einen Blick aufs Datum zu werfen. Nein, heute war der 9. September, genau wie sie erwartet hatte. Was war das für ein merkwürdiger Traum gewesen? Einen Moment lang hatte sie gedacht, sie hätte diesen Tag schon erlebt. Das musste an den ständigen Streitereien liegen, die ihren und Moritz’ Alltag momentan bestimmten. Kein Wunder, dass sie ein Déjà-vu hatte. Kopfschüttelnd begab sie sich ins Bad. Heute war ein wichtiger Termin bei ihrem bislang größten Kunden. Den sollte sie allein an Land ziehen. Vera war gut vorbereitet. Gleich würde sie mit Liam ein letztes Mal die Präsentation durchgehen, um sich abzusichern. Trotzdem schien sie nervöser zu sein als gedacht. Anders konnte sie sich diesen Traum nicht erklären, geschweige denn das merkwürdige Gefühl, mit dem sie aufgewacht war.

Das Outfit war perfekt: Bleistiftrock, die Pumps mit dem wahnsinnig langen Absatz, die sie so liebte, und eine weiße Bluse. So würde sie schon Eindruck machen, wenn sie den Besprechungsraum betrat. Vera gönnte sich ein Make-up, das ihre Augen hervorhob. Dann widmete sich ihren Haaren. Als eine der Nadeln herunterfiel, breitete sich ein merkwürdiges Gefühl in ihrer Brust aus. Sie bückte sich, um sie aufzuheben. Dabei riss sie mit dem Arm ihre Parfumflasche herunter. Die zersprang auf dem Boden in tausend Teile. Einen Moment lang sah Vera fassungslos auf das Chaos zu ihren Füßen. »Das gibt’s doch nicht«, murmelte sie. Kurz darauf spürte sie wieder ein Ziehen in der Magengegend, ignorierte es aber. Sie fühlte die Parfumspritzer an ihren Beinen. Ihre Strumpfhose sog sich mit der Flüssigkeit voll. Schnell sammelte sie die Scherben auf und wischte das Parfum, das auf dem Boden gelandet war, grob weg. Für mehr war jetzt keine Zeit. Moritz’ Reaktion heute Abend wollte Vera sich lieber nicht ausmalen. Er hatte ihr das Parfum geschenkt, ein teurer Duft, den sie sich lange gewünscht hatte. Na toll. Ein weiteres Problem mit ihm konnte sie gerade noch gebrauchen. Egal, sie hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken.

In der Küche stürzte Vera einen Kaffee herunter und mixte sich schnell ein Frühstück aus Joghurt, Himbeeren, Haferflocken und Honig. Ihr Hunger hielt sich in Grenzen, aber sie wusste nicht, wann sie heute Zeit zum Essen finden würde. Und vorm Kunden mit knurrendem Magen zu sitzen, wäre ihr zu peinlich.

In der Firma angekommen, hörte Vera den Rezeptionisten »Guten Morgen« sagen. Sie nickte, sah aber nicht in seine Richtung. Sie kannte die Angestellten an der Rezeption nicht und interessierte sich generell nicht für sie. Und heute hatte sie erst recht keine Zeit, sich dort aufzuhalten. Nur dunkel erinnerte sie sich, dass sie sonst immer eine Frauenstimme hörte. Vielleicht war die Rezeptionistin krank. Egal. Auf ihrer Etage tauschte sie einige Nettigkeiten mit ihren Kollegen aus. Doch so sehr sie sich anstrengte, sie konnte sich heute nicht auf das, was sie sagten, konzentrieren. Deswegen beendete sie das Gespräch nach ein paar Minuten und lief weiter den Gang entlang zu ihrem Büro. Als sie den PC einschaltete, um einen letzten Blick auf die Präsentation zu werfen, hörte sie Liams Stimme. »Hast du mir etwas mitgebracht?«

»Die Präsentation.«

»Es gibt interessantere Dinge.« Liam schloss die Tür hinter sich und kam langsam auf Vera zu.

»Wir haben keine Zeit heute Morgen«, brachte sie hervor und wich bis an die Schreibtischkante zurück.

»Wir machen schnell.« Liam setzte Vera auf den Schreibtisch und schob ihren Rock nach oben. »Heiß siehst du aus«, flüsterte er in ihr Ohr.

Das komische Gefühl in ihrer Brust nahm zu. »Ich bin ein wenig nervös.«

»Umso besser, wenn wir dich auf andere Gedanken bringen.«

Zögernd gab Vera sich ihm hin. An diesem merkwürdigen Vormittag konnte ein wenig Ablenkung nicht schaden.

»Haben wir noch Zeit, die Präsentation durchzugehen?«, fragte Liam, nachdem sie miteinander geschlafen hatten.

»Nein, ich muss los«, erwiderte Vera. »Frisur?«

»Sitzt. Aber du hast zu viel Parfum aufgetragen.«

»Dachte ich mir schon«, murmelte sie und erinnerte sich an das Gefühl der Parfumspritzer auf ihren Beinen. Sie zog die Strumpfhose ganz aus, um sie in den Mülleimer unter dem Schreibtisch zu werfen. Wenn sie sich den Abstecher aufs Damenklo sparte, verlor sie weniger Zeit.

»Warte«, hörte Vera Liams Stimme hinter sich, bevor sie das Büro verließ.

»Ich muss los«, antwortete sie, drehte sich aber schon zu ihm um. Sie kannte den Ton, den er anschlug, und wusste, dass er sie nicht gehen lassen würde.

Liam hatte einen ernsten Gesichtsausdruck aufgesetzt und griff nach ihren Schultern. Vera wusste, dass er jetzt den Chef raushängen lassen würde, und machte sich bereit.

»Du weißt, wie wichtig dieser Kunde ist. Mit seinem Auftrag verdoppelt sich unser Umsatz nächstes Jahr. Wir können es uns nicht leisten, zu versagen. Verstanden?«

Vera nickte »Dann sollte ich zum Termin besser nicht zu spät kommen.« Sie riss sich von Liam los und öffnete die Bürotür. »Ich kriege das schon hin«, versicherte sie ihm, bevor sie zum Aufzug rannte.

Das komische Gefühl in Veras Bauch war zu einer handfesten Übelkeit geworden. Sie hatte den Kaffee heute Morgen zu hastig getrunken. Oder sie hätte besser doch nichts gegessen. Vielleicht war es der penetrante Parfumgeruch, der an ihr zu haften schien. Oder sie war schlicht und ergreifend nervös. Zumal ihr die Zeit davonlief. Durch den Quickie mit

Liam war sie zu spät dran. Sie trat das Gaspedal durch, um Zeit zu gewinnen. Polizeikontrollen hatte sie hier noch nie gesehen, und heute konnte sie erst recht keine gebrauchen. Darauf musste sie es jetzt ankommen lassen. 80 Stundenkilometer zeigte der Tempomat, dann 85. Ein bisschen mehr konnte sie riskieren. Sie kannte die Strecke in- und auswendig und wusste, vor welchen Kurven sie bremsen musste. Als die Nadel die 90 erreichte, hörte Vera das Hupen. Sie sah den LKW auf sich zukommen. Bevor die Fahrzeuge mit einem Knall aufeinanderprallten und sie das Bewusstsein verlor, fragte Vera sich, warum sie nicht überrascht war.

3. KAPITEL

»Da sind wir ja wieder.« Die Stimme klang genervt, aber Vera hörte ein leichtes Lachen heraus. Sie stöhnte und rieb sich die Augen. Nur mit großer Mühe konnte sie sie öffnen. Ihr Blick fiel zuallererst auf die bewusstlose Frau im Krankenbett. »Ich glaube nicht, dass ich das bin«, murmelte sie. Neben ihr stand wieder dieser Mann mit dem karierten Hemd und der Jeans. »Ted?«, fragte sie zur Sicherheit.

»Live und in Farbe.« Der Mann nickte. »Willkommen zurück.«

»Nehme ich Drogen? Das wäre eine logische Erklärung für das hier. Genau! Ich nehme Drogen. Mir ist der Stress auf der Arbeit zu viel geworden und ich habe deswegen was eingeworfen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so weit für meine Karriere gehen würde. Was für ein Trip!«

»Soweit ich weiß, ist deine einzige Droge der Sex mit Liam.« Ted verzog angewidert das Gesicht.

»Dann ist das hier der merkwürdigste Traum, den ich jemals hatte. Und er fühlt sich so echt an.« Vera kniff sich fest in den Unterarm. Von dem Schmerz würde sie aufwachen. »Au!« Nichts passierte. Sie stand immer noch neben diesem Mann und sah sich selbst in dem Krankenbett liegen. Sie rieb sich die schmerzende Stelle.

»Nein, das hier ist kein Traum. Das ist die Realität. Du stirbst. Und ich ...«

»Ich sterbe nicht! Das hier ist nicht real. Ich war eben im echten Leben. Ich gehe jetzt dahin zurück und werde den Unfall verhindern. Dann muss ich mir das hier nicht länger antun.«

»Vera, hör mir doch einmal zu!«

Doch Vera hatte schon ihre Hand auf Teds Schulter gelegt und die Augen geschlossen, sodass sie seine Worte nicht mehr wahrnahm.

Wieder dieses Lied. Vera hatte das Gefühl, dass sie seit Tagen nur damit geweckt wurde. Konnten die Leute am Radio nicht mal was anderes aussuchen? Furchtbar. Der ganze Text! Und dieses aufgesetzt Fröhliche! Pina Colada. Vielleicht sollte sie auch ein Lied über einen Cocktail schreiben und damit reich werden, obwohl es allen Menschen irgendwann auf die Nerven ging. Sie wusste jetzt schon, dass sie das Lied den ganzen Tag über nicht mehr aus dem Kopf bekommen würde. Während Vera sich aufsetzte, fiel ihr Blick auf die andere Seite des Bettes. Moritz lag nicht mehr neben ihr. War er gestern überhaupt mit ihr zusammen ins Bett gegangen? Vera erinnerte sich nur daran, dass er mal wieder hatte reden wollen. Und sie hatte sich geweigert. Heute war ein zu wichtiger Tag. Darauf musste sie sich vorbereiten und konnte sich keine Ablenkung leisten, und wenn es nur darum ging, sich mit Moritz auszusprechen. Dennoch hinterließ der Gedanke an ihn einen faden Geschmack in Veras Mund. Oder war sie nur aufgeregt vor dem Termin mit ihrem wichtigen Kunden? Ja, es musste die Aufregung sein. Sie griff nach dem Handy, um endlich dieses Lied auszuschalten. Dabei fiel ihr Blick auf das Datum. 9. September. Alles in Ordnung. Oder? Vera sprintete ins Bad. Sie war spät dran. Zumindest hatte sie das Gefühl.

Das Kostüm saß wie angegossen, das Make-up war perfekt. Irgendetwas war trotzdem anders als sonst. Nur was? Waren es die Haare? Nein, sie lagen genau so, wie Vera sie haben wollte. Nein! Da war eine Strähne, die sie noch hochstecken musste. Warum hatte sie dieses flaue Gefühl im Magen? Sie griff nach einer Haarnadel. Und sah fasziniert zu, als sie die Parfumflasche streifte und die vor ihr auf dem Boden zerschellte. Warum war sie kein bisschen überrascht? Sie sammelte die Scherben auf und wischte die Flüssigkeit notdürftig weg. Die Bewegungen führte sie völlig routiniert aus. Als wäre ihr das schon einmal passiert. Stirnrunzelnd schloss Vera das Fenster. Die paar Sekunden Luft hatten kaum gereicht, um den Gestank zu vertreiben, aber mehr Zeit hatte sie nicht. Sie bereitete sich ein schnelles Frühstück zu. Bis auf den Vorfall mit der Parfumflasche und den bevorstehenden Termin war das hier ein normaler Morgen. Sie trug meistens ein edles Outfit. In Jeans und T-Shirt würde sie sich auf der Arbeit nicht wohlfühlen. Auch die Haferflocken mit Obst und Joghurt und der Kaffee aus dem Vollautomaten waren das Frühstück, das sie sich immer genehmigte. Doch das Gefühl, das Vera beschlich, ging über die Morgenroutine hinaus. Es kam ihr vor, als hätte sie das alles schon einmal erlebt. Wie in einem Film. Einen Moment lang starrte sie vor sich auf den Tisch. Dann überkam es sie: »9. September!«, rief sie aus. Natürlich! Der Unfall! Sie hatte keine Zeit zu verlieren, wenn sie überleben wollte! Hastig stellte Vera das Geschirr in die Spüle und fuhr los. Sie musste mit Liam die Präsentation durchgehen und dann zu ihrem Termin fahren. Wenn sie nur ein paar Minuten einsparte, konnte sie den Unfall verhindern! Und einen neuen Kunden gewinnen! Ja, das würde klappen. Es MUSSTE klappen!

Bei Born to Bake angekommen, rannte Vera über den Parkplatz und an der Rezeption vorbei. Die Stimme des Rezeptionisten registrierte sie erst, als sie schon auf dem Weg in den ersten Stock war. Dort beschränkte sie das Gespräch mit den Kollegen auf ein paar Nettigkeiten. Sie wollte nicht unhöflich wirken. Immerhin würde sie morgen wieder als Assistentin der Geschäftsleitung hierherkommen und konnte es sich mit den Kollegen nicht verscherzen. Und ihnen zu erzählen, warum sie keine Zeit für einen kleinen Plausch hatte, war ausgeschlossen. Wer würde ihr schon glauben? Auf diese Art würden sie sich morgen an eine kurz angebundene, aber freundliche Vera erinnern und ihre Hektik auf den Kundentermin schieben, sobald sie davon erfuhren.

Der Sex mit Liam war ihr wichtig. Sie wollte mit ihm schlafen, Sex im Büro gab ihr immer einen besonderen Kick. Das würde ihr guttun. Sie käme gelöster beim Kunden an. Und sie würde vor Liam nicht ihr Gesicht verlieren. Trotzdem ertappte sie sich dabei, wie sie sich, als es dazu kam, nervös an der Schreibtischkante festkrallte und darauf wartete, dass es vorbei war. Wo war denn jetzt bitte die Entspannung, die sie sich erhofft hatte?

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Liam, der merkte, dass sie nicht bei der Sache war.

»Es tut mir leid, aber ich muss los.«

»Oh. Okay.« Irritiert zog er sich zurück.

Hektisch zog Vera ihren Rock zurecht, nachdem sie ihre Strumpfhose komplett ausgezogen und im Mülleimer unter dem Schreibtisch entsorgt hatte.

»Gott sei Dank. Ich wollte dir schon sagen, dass du zu viel Parfum aufgetragen hast«, kommentierte Liam.

»Du wirst mir jetzt auch sagen, dass das unser größter Kunde ist und ich nicht versagen darf«, antwortete Vera mechanisch.

»Das stimmt! Woher weißt du das?«