Der pastorale Leiter als Prophet - Veit Claesberg - E-Book

Der pastorale Leiter als Prophet E-Book

Veit Claesberg

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Beschreibung

Arnold Köster gilt als einer der kontinuierlichsten und schärfsten Kritiker des Nationalsozialismus. Während des "Dritten Reiches" vermittelte er seiner Baptistengemeinde in Wien und weit darüber hinaus Orientierung und Hoffnung. Seine Predigten verliehen seinem pastoralen Leitungsdienst prophetische Züge. Für den vorliegenden Band konnte der Autor aus einem umfangreichen Fundus gut erhaltener Predigtskripte Kösters schöpfen. Er bringt diese Inhalte ins Gespräch mit neueren Entwürfen pastoraler und prophetischer Leitungskonzepte. Es gelingt ihm, historische und pastorale Theologie miteinander zu verknüpfen und auf ethisch-theologische Fragestellungen zu beziehen. Ein wichtiger Impuls für pastorale Verantwortung in aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen.

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Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Familie Köster in Wien im Juni 1930

‚Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei!‘ Das den Menschen zu sagen, ist Aufgabe der Propheten, die nichts anderes waren als Mund Gottes. Christus aber ist DER Mund Gottes und als solcher der vollkommene Prophet Gottes.

Arnold Köster in einer Predigt am 10. November 1946

Inhalt

Geleitwort (Prof. Volker Kessler)

Vorwort der Herausgeber und Dank des Autors

Einleitung

1.1. Problemstellung

1.2. Hauptforschungsfrage und Forschungsunterfragen

1.3. Bedeutung des Forschungsthemas

1.4. Forschungsziele und Forschungsanliegen

1.5. Verortung der Arbeit

1.5.1. Die Verortung in der Disziplin Christian Leadership

1.5.2. Der Bezug zur Praktischen Theologie und zur Theologischen Ethik

1.6. Aktueller Forschungstand zu Köster

1.6.1. Grundlagenliteratur: Graf-Stuhlhofer 2001 und Spanring 2013

1.6.2. Literatur zur konfessionellen und zeitgeschichtlichen Situation Kösters

1.6.3. Archive mit Quellensammlungen zu Arnold Köster

1.7. Forschungsmethode

1.8. Quellenlage

1.9. Eingrenzung der Arbeit

1.10. Struktur und Aufbau der Arbeit

1.11. Fazit zum ersten Kapitel

Theorie der pastoral-prophetischen Leitung

2.1. Begriffsbestimmung von pastoraler bzw. geistlicher Leitung

2.1.1. Pastorale (geistliche) Leitung wird vom Neuen Testament her definiert

2.1.2. Pastorale (geistliche) Leitung wirkt auf die Auftragserfüllung der Kirche hin

2.1.3. Pastorale (geistliche) Leitung geschieht vorstehend und steuernd

2.1.4. Pastorale (geistliche) Leitungsteams nach Epheser 4,11f

2.1.5. Definition und Beschreibung pastoraler (geistlicher) Leitung

2.2. Ansätze pastoraler Leitung mit der Dimension prophetischer Leitung

2.2.1. Bohren: Prophetische Verkündigung im Rahmen der Predigtlehre

2.2.2. Kraus und Eickhoff: Die Gefahr des Ausfalls prophetischer Predigt

2.2.3. Hoburg: Die prophetische Rolle des Pfarrers

2.2.4. Reimer: Leitung durch prophetische Verkündigung

2.2.5. Osmer: Die normative (prophetische) Aufgabe

2.2.6. Böhlemann und Herbst: Prophetisch-deutende Leitung

2.2.7. Haubeck: Zuweisung der prophetischen Aufgabe an die Verkündigung

2.2.8. Weitere Ansätze: Das prophetische Charisma in der Gemeindeleitung

2.2.9. Die Ansätze im Vergleich

2.3. Definition von pastoral-prophetischer Leitung

2.4. Fazit zum zweiten Kapitel

Der Baptismus: Kösters konfessioneller Leitungskontext

3.1. Entstehung des Baptismus und Verbreitung in Deutschland bis 1918

3.2. Die Baptisten in der Weimarer Republik (1818–1933)

3.3. Der Baptismus im „Dritten Reich“ in Deutschland und Österreich

3.3.1. Das Jahr 1933: Machtergreifung

3.3.2. 1933 bis zum Anschluss Österreichs 1938

3.3.3. Die Baptisten in Österreich bis zum Anschluss 1938 ans „Dritte Reich“

3.3.4. Der Weg zur Vereinigung zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden 1941

3.3.5. Der Zweite Weltkrieg 1939–1945

3.3.6. Die unmittelbare Nachkriegszeit

3.4. Die Haltung der Baptisten zur Judenfrage

3.5. Reflexion des evangelisch-freikirchlichen Verhaltens in der NS-Zeit: Deutungsansätze und Schuldbekenntnisse

3.5.1. Deutungsansatz des Verhaltens nach Strübind

3.5.2. Weitere Deutungsansätze: Balders und Zimmermann

3.5.3. Schuldfrage und Schuldbekenntnisse

3.5.4. Eigene Deutung des baptistischen Verhaltens während der NS-Zeit

3.6. Fazit zum dritten Kapitel

Kösters Leitungsbiographie: Präge- und Wirkungsphasen

4.1. Der Werdegang eines Leiters nach Clinton in Bezug zu Köster

4.2. Kösters erste Phase: Grundlagen des Leiterlebens 1896–1914

4.2.1. Frühe geistliche Prägung: Geburt, Elternhaus und Jugendjahre

4.2.2. Sammlung von Predigterfahrung: Berufung zum Prediger

4.3. Kösters zweite Phase: Wachstum im Leiterleben 1914–1923

4.3.1. Prägung durch Krieg: Soldat an der Front 1914–1918

4.3.2. Prägung im Studium: Am baptistischen Predigerseminar 1919–1923

4.3.3. Kösters Ehe- und Familienleben

4.4. Kösters dritte Phase: Dienstreife im Leiterleben 1923–1938

4.4.1. Das erste Wirkungsjahr als Prediger in Wilhelmsburg 1923–1924

4.4.2. Die Wirkungsjahre als Prediger in Köln 1924–1929

4.4.3. Die Wirkungsjahre als Prediger in Wien bis zum Anschluss Österreichs 1938

4.4.4. Wirkung in der Wiener Allianz bis zum Anschluss Österreichs 1938

4.4.5. Wirkung als Verfasser von Artikeln und als Schriftleiter des Täufer-Boten

4.4.6. Die prophetische Ausrichtung des Täufer-Botens unter Köster

4.5. Kösters vierte Phase: Die Lebensreife im Leiterleben 1938–1945

4.5.1. Wirkung als Prediger in der Mollardgasse nach Anschluss bis Kriegsende

4.5.2. Wirkung in der Wiener Allianz nach Anschluss bis Kriegsende

4.5.3. Wirkung im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden und als Mitglied der neuen Bundesleitung 1941–1945

4.6. Kösters fünfte Phase: Konvergenz im Leiterleben 1945–1960

4.6.1. Wirkung als Pastor in der Mollardgasse

4.6.2. Wirkung in der Evangelischen Allianz Österreichs

4.6.3. Wirkung im österreichischen Baptismus

4.6.4. Wirkung in der Ökumene

4.7. Kösters sechste Phase: Nachklang des Leiterlebens 1960 bis heute

4.7.1. Heimgang, Beisetzung und Nachrufe

4.7.2. Nachwirkungen

4.8. Biographische Rückschlüsse

4.8.1. Kösters Persönlichkeit und Mentalität

4.8.2. Kösters Biographie unter dem Blickwinkel seines prophetischen Handelns

4.9. Fazit zum vierten Kapitel

Kösters pastoral-prophetisches Leitungsverständnis

5.1. Kösters prophetisches Schriftverständnis

5.1.1. Die Auslegung eschatologischer Texte

5.1.2. Kösters Hermeneutik und das Recht auf prophetische Bibelauslegung

5.1.3. Kösters Schriftverständnis und seine Hochachtung des Alten Testaments

5.1.4. Kösters typologische Hermeneutik in Bezug auf das „Prophetische Wort“

5.1.5. Das Hauptanliegen des prophetischen Wortes: Erhellung der Geschichte

5.1.6. Segensreiche Wirkungen des prophetischen Wortes

5.2. Kösters prophetisches Gemeindeverständnis

5.2.1. In der Gemeinde muss das prophetische Wort verkündigt werden

5.2.2. Die Gemeinde wird durch das prophetische Wort hoffnungsvoll ausgerichtet

5.2.3. Die Gemeinde hat das Prophetenamt und hat viele prophetische Aufgaben zu erfüllen

5.2.4. Fazit: Köster weist der gesamten Gemeinde die prophetische Aufgabe zu

5.3. Arnold Köster als prophetisch verkündigender Leiter

5.3.1. Kösters Biographie: Vom Wort her berufen zum Wächteramt

5.3.2. Kösters Berufung zum prophetischen Dienst im Rahmen der Gemeinde

5.3.2.1. Köster empfindet mit der Gemeinde eine prophetische Berufung

5.3.2.2. Köster übt mit der Gemeinde die Aufgabe eines Wächters aus

5.3.2.3. Köster verkündigt als Leiter der Gemeinde das prophetische Wort

5.3.2.4. Köster entlarvt den Zeitgeist (NS)

5.3.2.5. Die Gemeinde bleibt bewahrt!

5.4. Zusammenfassung von Kösters prophetischem Dienstverständnis

5.5. Kösters Verständnis im Gespräch mit neueren Verständnissen prophetischer Leiterschaft

5.6. Das Köster-Paradoxon: Kein Prophet und doch einer

5.7. Fazit zum fünften Kapitel

Kösters prophetisch-widerständiges Leitungswirken in Kirche und NS-Regime

6.1. Kösters Widerstandsverhalten als „kirchlich-prophetischer Widerstand“

6.2. Köster bei der Gestapo: Folge der Provokationen gegenüber dem NS-Regime

6.3. Markante Beispiele für Kösters prophetischen Widerstand

6.3.1. Kösters prophetische Kritik am NS-Regime und der NS-Weltanschauung

6.3.2. Kösters prophetische Kritik am Verhalten der Kirchen gegenüber der NS-Ideologie

6.3.3. Kösters Kritik an nationalsozialistischen Tendenzen im Baptismus

6.3.4. Kösters prophetische Sicht auf den Antichristen und zum „deutschen“ Antichristen

6.3.5. Kösters Judenfreundlichkeit

6.3.6. Kösters Gerichtsankündigung und prophetische Sorge um Deutschland

6.3.7. Kösters Ausführungen zur Schuld und Vergebung in der unmittelbaren Nachkriegszeit

6.4. Beurteilung von Kösters prophetischem Widerstand in Staat und Kirche

6.4.1. Kösters Verhalten vs. Verhalten des offiziellen Baptismus gegenüber dem NS-Regime

6.4.2. Kösters Verhalten vs. Verhalten des offiziellen Baptismus gegenüber Juden

6.4.3. Kösters Umgang mit Schuld vs. Umgang im offiziellen Baptismus mit Schuld

6.5. Fazit zum sechsten Kapitel

Fazit und Schlussfolgerungen

7.1. Zusammenfassender Überblick über die Arbeit

7.2. Forschungsertrag

7.2.1. Beantwortung der Hauptforschungsfrage

7.2.2. Beantwortung von Forschungsunterfragen

7.2.3. In wie weit kann Köster als Vorbild für heutige christliche Leiterinnen und Leiter in Kirchengemeinden dienen? – Zehn Thesen

7.3. Der Beitrag dieser Arbeit zur Forschung

7.4. Weiterer Forschungsbedarf

7.5.

Vivimus ex uno

– Leben aus dem Einen

Anhang

Bibliografie Arnold Köster

I.1. Verzeichnis Kösters Predigten

I.2. Verzeichnis Archivmaterial zu Köster

I.3. Verzeichnis Zeitschriftenartikel von und zu Köster

Ahnenverzeichnis von Arnold Köster

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Bildnachweis

Geleitwort

Arnold Köster – ein mir völliger unbekannter Prediger, von dem ich erst durch die Themenwahl von Veit Claesberg erfuhr. Selten hat mich als Supervisor das Thema eines Masterstudenten so sehr mitgerissen. Ich wurde angesteckt und fing selbst an, über ihn zu forschen und im Wiener Archiv seine Predigten zu lesen.

Arnold Köster hat – soweit wir wissen – als einziger freikirchlicher Pastor in der Nazizeit öffentlich gegen Hitler Stellung genommen. Und so wird er in einer Doktorarbeit in einem Atemzug mit Dietrich Bonhoeffer genannt. Völlig zu Recht! Beide erkannten sehr früh mit ihrem scharfen Geist, wo die Reise mit Hitler hingehen würde. Bonhoeffer gab dazu drei Tage vor Hitlers Machtergreifung eine berühmte Radiobotschaft. Köster schrieb schon 1932, dass das Hakenkreuz und der Sowjetstern beides antichristliche Symbole seien. Die Christen hörten es nicht und wählten Hitler, damit er sie vor dem Kommunismus bewahre.

Interessant ist, dass Bonhoeffer und Köster auf unterschiedlichen Wegen zu ihrer Erkenntnis kamen. Bonhoeffer, der weltgewandte Theologe, in der Oberschicht aufgewachsen, schuf theologische Konzepte, mit deren Hilfe er Hitlers Fehler aufzeigte. Köster, aus einfachen Verhältnissen stammend, erkannte durch viel Bibellektüre die antichristlichen Züge bei Hitler. Besonders die prophetischen und die apokalyptischen Texte sprachen Köster schon in jungen Jahren an und schärften seine Wahrnehmung, so dass er schon sah, als andere noch verblendet waren. Köster verhalf seiner Gemeinde zu einer prophetischen Stimme. Darin sah er seinen Hauptauftrag als ihr Leiter.

Es lohnt sich, Köster kennen zu lernen und von ihm zu lernen. Für heutige Leiter und Leiterinnen ist ein Ratschlag von ihm besonders interessant: Jeder Pastor möge mindestens einen Tag im Monat eine Auszeit nehmen, wo er oder sie nur die Bibel lese. Nur aus dieser regelmäßigen intensiven Bibellektüre, so Köster, könnte man vollmächtig wirken. Zumindest bei Köster war es so!

Volker Kessler

Professor an der Universität von Südafrika und

Leiter der Akademie für christliche Führungskräfte

Vorwort der Herausgeber

Der Autor Veit Claesberg wurde 1971 im Ruhrgebiet geboren. Nach Ausbildung und Arbeit in einem technischen Beruf studierte er an der Biblisch-Theologischen Akademie Wiedenest. Er wurde 2009 zum Pastoralreferenten im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden ordiniert und war viele Jahre als Leiter der Wiedenest Jugendarbeit in verschiedenen Initiativen tätig. 2016–2017 studierte er nebenberuflich an der University of South Africa und schloss 2018 mit dem Master of Theology in Christian Leadership ab.

Veit Claesberg arbeitet als Pastoralreferent in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Wiedenest. Ehrenamtlich engagiert er sich im Vorstand der Sozialstiftung Oberberg. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Im vorliegenden achten Band der Schriftenreihe Baptismus-Dokumentation veröffentlichen wir die Masterarbeit Veit Claesbergs. Ihre ungewöhnliche Thematik ließ uns zunächst zögern, widmet sich diese Reihe bisher doch ausschließlich kirchengeschichtlichen Untersuchungen. Die auf den ersten Blick pastoral-theologische Arbeit verortet sich im Bereich der „Christian Leadership“ und bezieht sich damit auf eher praktischtheologische Aspekte christlicher Führungstätigkeit.

Dem Autor gelingt es allerdings, sein Thema der „prophetischen Leitung“ unmittelbar aus einer kirchenhistorischen Perspektive herzuleiten, der spannenden Wirksamkeit des Baptistenpredigers Arnold Köster. Dieser hatte in seinen Predigten in der Zeit des „Dritten Reiches“ in Deutschland unerschrocken dem Nationalsozialismus die Stirn geboten. Aus dem riesigen und einzigartigen Fundus seiner gut erhaltenen Predigten, die bis heute nur unvollständig erforscht sind, wählt Claesberg systematisch zahlreiche Dokumente aus, die belegen, wie Köster anknüpfend an alttestamentliche prophetische Zeitansage wagte, aktuelle politische, kirchliche und auch baptistische Entwicklungen kritisch zu hinterfragen. Aus seiner eher streng biblizistischen Theologie leitete Köster durchaus widerständiges Verhalten gegenüber der NS-Ideologie ab. Seiner Wiener Gemeinde und darüber hinaus vermochte er somit in gefährlicher Zeit Orientierung zu vermitteln, was seiner pastoralen Leitungsverantwortung durchaus prophetische Züge verlieh, die er jedoch für seine Person stets ablehnte.

Ein ungewöhnlicher Ansatz, pastorale und historische Theologie miteinander zu verknüpfen und auf ethisch-theologische Fragestellungen zu beziehen. Der vorliegende Band kann ein Impuls sein, diese Fragen pastoraler Verantwortung für die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen zu reflektieren.

Das umfangreiche Verzeichnis bibliografischer Hinweise zu Köster (Predigten, Veröffentlichungen und Archivalien) im Anhang mag anregen zu neuen weiteren Forschungsprojekten.

Für diese Veröffentlichung wurden Form, Struktur und Stil der Masterarbeit weitgehend beibehalten. Das betrifft u. a. die Quellen- und Literaturhinweise unmittelbar im Text, die Beibehaltung der Original-Schreibweise in Zitaten ohne Fehlerkorrektur, die eingerückten Zitate ohne Anführungszeichen, die Struktur der Literaturangaben im Anhang.

Elstal/Berlin im Dezember 2018 Ines Pieper, Reinhard Assmann

Dank des Autors

Mein Dank für die Unterstützung zu dieser Arbeit gilt zuerst meiner Frau Alexandra und meinen Kindern Tim, Til, Cim und Vin. Ich liebe euch!

Ich danke meiner Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Wiedenest, besonders der Gemeindeleitung und meinem Kollegen Manuel Lüling.

Für Unterstützung auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen bedanke ich mich bei Arne König, Annelene Willems, Pauline Stenschke, Christoph Legiehn, meiner Tante Wera und meinem Onkel Dr. Fritz Lippert, Dr. Franz Graf-Stuhlhofer, Brigitte Kößler, Karin Pietsch, Dr. Frank Hinkelmann, Dr. Paul Spanring, Matthias Ohly, Ines Pieper, Cheryl Randall, Claudia Sokolis, Harald Frey, Susanne Borner, Rolf Pickhardt, Arthur Rempel, Elvira Klinghammer, Dr. Debora Sommer, Claudia Böckle und bei meinen Professoren Volker Kessler, Jennifer Slater und Wessel Bentley.

Herzlichen Dank an Reinhard Assmann und das Oncken-Archiv für die Möglichkeit diese Arbeit in der Reihe Baptismus-Dokumentation zu veröffentlichen.

Dieses Buch widme ich besonders den ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mit mir gemeinsam im Reich Gottes gedient haben, dienen und dienen werden. SEIN Reich komme!

Veit Claesberg

1. Einleitung

Im September 2014 wurde ich im Rahmen einer Predigtvorbereitung auf Arnold Köster aufmerksam, als ich bei Wikipedia einen Artikel über meine Wahlheimat Wiedenest las.1 Köster wird dort in der Liste bekannter Persönlichkeiten des Ortes aufgeführt und als „baptistischer Prediger und NS-Widerständler“ bezeichnet. Nach Graf-Stuhlhofer (2001:5) sei er als einer der schärfsten öffentlichen kontinuierlichsten NS-Kritiker im Großdeutschen Reich anzusehen. Das weckte mein Interesse an Köster. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie etwas von ihm gehört, weder im theologischen Studium, noch in der Gemeindearbeit, noch im gesellschaftlichen Geschehen meines Ortes. Und das, obwohl ich seit 1997 in Wiedenest wohne, dort an der Biblisch-Theologischen Akademie studierte, seit mehreren Jahren als Pastoralreferent in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Wiedenest arbeite und von Kindheit an konfessionell im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten- und Brüdergemeinden) beheimatet bin. Darüber hinaus habe ich baptistische Verwandte in Wien, und ich fand im Laufe der Forschungen heraus, dass ein Vorfahre Kösters im Umfeld oder sogar in meinem jetzigen Haus wohnte (Kleinwiedenester Hof).

Ich freue mich daher, eine Arbeit über Arnold Köster vorzulegen und sein Andenken wach zu halten. Ich verstehe sie als Ergänzung und Fortführung der bisher wenigen Bücher über seine Person und sein Wirken, die vor allen Dingen den Fokus auf seine Kritik am NS-Regime legen.

Mein Interesse gilt Arnold Kösters prophetischem Leitungshandeln. Köster leitete durch prophetische Verkündigung seine Gemeinde durch schwierige Zeiten. Er erkannte für sich und seine Kirche eine prophetische Aufgabe, die er als Prediger auf der Kanzel zu erfüllen hatte. Mein besonderes Augenmerk liegt auf den prophetischen Predigten Kösters. Er hatte für seine prophetische Art der Verkündigung ein bestimmtes Selbst- und Schriftverständnis, das ich in dieser Arbeit anhand von Zitaten herausarbeite. Dieses Verständnis ermöglichte ihm, von der Kanzel aus, die NS-Ideologie anzugreifen und seine Gemeinde durch die Zeit zu führen, und das ist inspirierend für die heutige Zeit.

1.1. Problemstellung

Wie ein Überblick über den Forschungstand zu Arnold Köster zeigen wird, wurde sein widerständiges Verhalten im NS-Regime bis jetzt noch nicht mit dem Blick auf sein Führungshandeln erforscht. Besonders sein spezielles prophetisches Leitungshandeln wurde bis jetzt nur unzureichend gewürdigt. Ausgehend von Hebräer 13,72 wird mit meiner Arbeit diesem Mangel begegnet. Arnold Kösters pastoral-prophetisches Leitungshandeln wird für heutige Leiterinnen und Leiter illustriert, um davon lernen zu können. Dies entspricht dem Ansatz der kirchengeschichtlichen Forschung: „Verstehen ist […] zielgerichtet: Es soll ermöglichen, aus der Vergangenheit Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen, d. h. Gegenwart und Zukunft besser zu verstehen“ (Markschies 1995:5).3

1.2. Hauptforschungsfrage und Forschungsunterfragen

Um Kösters Leitungshandeln für heutige Leiter und Leiterinnen nutzbar zu machen, stelle ich folgende Hauptforschungsfrage:

Wie wirkte und handelte Arnold Köster unter besonderen Zeitumständen als prophetischer Leiter?

Darüber hinaus möchte ich folgende Unterfragen beantworten:

Welches prophetische Schrift-, Gemeinde- und Selbstverständnis ist bei Köster erkennbar?

Wie stark und auf welche Weise wird das Prophetische in seinen Predigten und Veröffentlichungen als Widerstand in der NS-Zeit sichtbar?

Welchen (prophetischen) Einfluss nahm Arnold Köster auf seine Freikirche in der NS-Zeit?

Gibt es in seiner Frühphase in Hamburg und Köln bereits Anzeichen für seine spätere prophetische Leitungsrolle?

In wie weit kann Köster als Vorbild für heutige christliche Leiterinnen und Leiter in Kirchengemeinden dienen?

1.3. Bedeutung des Forschungsthemas

Arnold Köster ist der einzig bekannte deutsche Pastor (Prediger4), aus den Reihen der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden (Baptisten- und Brüdergemeinden), der das NS-Regime kontinuierlich öffentlich kritisiert hat. Seine NS-Kritik kommt Widerstand gleich. Über Artikel und Predigten kritisierte er die NS-Weltanschauung und die Judenverfolgung und auch die Haltung seiner Kirche gegenüber dem NS-Regime. Somit gab er als christlicher Leiter seiner Gemeinde eine Denkrichtung vor. Er hatte dafür eine bestimmte Hermeneutik und ein bestimmtes Prophetieverständnis.

Von Köster sind über 500 Predigten aus der NS-Zeit überliefert (Graf-Stuhlhofer 2001:14).5 Diese sind bisher allerdings nur aus der Perspektive auf seinen Widerstand gegen das NS-Regime hin untersucht worden. Ich lege den Fokus dagegen auf seine pastoral-prophetische Leitung. Köster ist, wie der praktische Theologe Christian Grethlein (2012:129) es ausdrückt, ein „living human document“. Grethlein beschreibt damit den Ansatz des Praktischen Theologen Richard R. Osmer (2008:4), der nach Mustern und Informationen in bestimmten Kontexten sucht und sie interpretiert (interpretive task), um aus der guten Praxis zu lernen (:4). „Normative Einsichten werden demnach nicht nur durch den Bezug auf die Bibel und die reformierte Tradition sowie durch ethische Reflexion, sondern auch auf Grund gegenwärtiger Praxis (good practice) und damit konkreter Kommunikationsvollzüge gewonnen“ (Grethlein 2012:129, in Bezug auf Osmer 2008:152f). In meiner Arbeit erhelle ich die Zeitumstände Kösters und analysiere seine prophetische Verkündigung. Ich arbeite heraus, wie Köster als pastoraler Leiter prophetisch aufgetreten ist. Ich beschreibe Kösters Wirken, interpretiere es und stelle es somit als ein Beispiel für „good practice“ vor, um es für heutige christliche Leiter nutzbar zu machen und sie zu inspirieren, auch prophetisch zu predigen. Arnold Köster ist damit auch ein Vorbild für heutige Verkündigerinnen und Verkündiger. In diese Richtung verweisen auch Kessler und Kretzschmar (2015:5): „We are interested in research on church leadership because we want to improve current church leadership, we want to support Christians who take the risk of moving ahead and thus, we want to contribute to the welfare of both the church and society.“

Das Thema der Arbeit repräsentiert mein Interessensgebiet, da ich selber Verkündiger und Mitglied im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden bin. Außerdem ist Arnold Köster in meiner jetzigen Wahlheimat geboren. Daher ergeben sich Synergieeffekte durch Inspiration für meine eigene Verkündigung, durch Veröffentlichung der Arbeit im Rahmen des BEFG und der lokalen Presse in Bergneustadt.

1.4. Forschungsziele und Forschungsanliegen

Mein Ziel ist, Kösters pastoral-prophetisches Leitungsverständnis, das sich durch Widerstand gegenüber dem NS-Regime herauskristallisierte, herauszuarbeiten und damit für heutige Leitung als Beispiel aus der Praxis nutzbar zu machen.

Ich zeige durch die Auswertung von relevanten Quellenstücken auf, wie Köster im Rahmen seiner Gemeinde, seines Gemeindebundes und seines Staates prophetisch wirkte. Ich arbeite die Inhalte seiner prophetischen Verkündigung heraus und lege seine Motivation dafür offen. Ich stelle somit sein pastorales Leitungshandeln anhand seiner Verkündigungstätigkeit dar.

Kirchengeschichtlich ist es mein Anliegen, die von ihrem Umfang her noch geringe historische Forschung und Aufarbeitung des Lebens von Arnold Köster zu bereichern. Weiter geht es mir darum, Kösters Wirken und seine Rolle im deutschen und österreichischen Baptismus generell zu erhellen. Somit läge dann erstmalig eine ausführliche Gesamtdarstellung Kösters kirchlichen Wirkens in Form einer Leitungsbiographie vor. Als Ziel für meine Kirche, den Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, möchte ich das positive Wirken einer Einzelperson in der NS-Zeit anderen Veröffentlichungen zu diesem Thema zur Seite stellen.

Mit meiner Forschung ist auch das Anliegen verbunden, dass Arnold Köster in seinem Geburtsort Wiedenest, der heute zur Stadt Bergneustadt gehört, bekannter wird.

1.5. Verortung der Arbeit

Zunächst zeige ich die Verortung der Arbeit in der Disziplin Christian Leadership auf und stelle die Bezüge zu anderen theologischen Disziplinen her. Dadurch werden auch die Hintergründe von Kösters Leitungstätigkeit im großdeutschen Reich und innerhalb seiner Kirche deutlich. Dann bringe ich den Bezug zur Praktischen Theologie und zur Theologischen Ethik.

1.5.1. Die Verortung in der Disziplin Christian Leadership

Die Arbeit wird in der Disziplin Christian Leadership geschrieben. Audrey Malphurs (2003:10) definiert Christliche Leiterschaft auf zweifache Weise:

[…], Christian Leaders are servants with the credibility and capabilities to influence people in a particular context to pursue their God-given direction. The second builds off the first. Christian Leadership is the process whereby servants use their credibility and capability to influence people in a particular context to pursue their God-given direction.

Arnold Köster hatte als Prediger seiner jeweiligen Ortsgemeinde ein einflussreiches pastorales Mandat zur Leitung. Durch die wöchentliche Verkündigung leitet ein Pastor seine Gemeinde und hat als Leiter einen großen Einfluss auf die Gemeindemitglieder (Reimer 2008:37f). Diese Aufgabe bekam während des NS-Regimes eine besondere Bedeutung. Sein Einfluss ging dabei über den Rahmen der Ortsgemeinde hinaus. Er schrieb auch Artikel in Zeitschriften und engagierte sich im Rahmen der Evangelischen Allianz und des Baptistenbundes. Ihm war es ein Anliegen, dass die Kirche ihrem Herrn bis zu dessen Wiederkunft treu bleibt und nicht politischen Ideologien hinterherläuft. „Er sah es als seinen Aufrag an, die christliche Botschaft für die Situation seiner Zuhörer – und diese Situation wurde durch die jeweilige politische Lage wesentlich mitbestimmt – deutlich zu machen“ (Graf-Stuhlhofer 2001:4).

Böhlemann und Herbst (2011:59) betonen im Blick auf Gemeindeleitung im Neuen Testament besonders den Verkündigungsdienst:

Eine wesentliche Funktion von Leitung ist die Auslegung der Schrift und die Verkündigung des Evangeliums. Die Lehre dessen, was Jesus geboten hat, ist oberste Aufgabe und Ziel aller Geistlichen [sic!] Leitung […]. Leitung hat im Neuen Testament häufig diese prophetische Funktion, wenn sie nämlich Christi Lehre und Gebot im gegenwärtigen Geschehen erkennt.

Köster predigte in der Regel dreimal die Woche. Er legte die Bibel in das „gegenwärtige Geschehen“ aus und wurde so „einer der schärfsten öffentlichen kontinuierlichen NS-Kritiker im Großdeutschen Reich“ (Graf-Stuhlhofer 2001:5). So beeinflusste er in Wien jeweils etwa 300 Zuhörer (:188), also seine Gemeinde und alle Gäste, die zu Predigten und Vorträgen anwesend waren und ab ca. 1939 die Leser seiner vervielfältigten Predigten über den Schriftdienst der Wiener Gemeinde. Allein aus der NS-Zeit sind 500 Mitschriften erhalten geblieben (:189).

Kessler und Kretzschmar (2015:3) stellen fest: „Christian Leadership viewed primarily as church leadership is traditionally a study field within Practical Theology.“ Sie verweisen darauf, dass Christian Leadership mit anderen theologischen Disziplinen kommuniziert und nennen unter anderem die Kirchengeschichte (:3), eine Facette, die auch in meiner Arbeit vorkommt. Sie enthält weiter kybernetische, homiletische und pastoraltheologische Aspekte.

Pohl-Patalong (2007) nennt als Handlungsfelder der Pastoraltheologie z. B. Seelsorge, Gottesdienst, Predigt oder Unterricht und schreibt, dass sich die Pastoraltheologie auf die Personen konzentriert, die „wesentlich für die Ausübung dieser Handlungsfelder verantwortlich sind“ (:516).6

Grethlein (2012:67f) erwähnt in seinem Aufsatz zur Praktischen Theologie eine Spezialisierung der Forschung. Er führt die pastoralen Handlungsfelder Seelsorge, Religionspädagogik, Kybernetik, Homiletik und Liturgik an. Dadurch wird die Breite der Praktischen Theologie noch einmal deutlich.

Osmer (2013) erkennt, dass Praktische Theologie heute verschiedene Felder umfasst, die sich gegenseitig ausbalancieren oder „reflektierend gleichgewichten“ (:3):

A reflective equilibrium assumes that practical theology is, as with other fields today, highly pluralistic. It attempts to take a kind of snapshot of the field in order to identify tasks or elements that are held in common, even as they are carried out in very different ways by different practical theologians. (:3)

Die Abbildung macht die Bezüge grafisch deutlich:

Verortung der Arbeit

Damit lässt sich die Verortung der Arbeit in der Disziplin „Christian Leadership“ feststellen.

1.5.2. Der Bezug zur Praktischen Theologie und zur Theologischen Ethik

Christian Grethlein (2012:8) definiert Praktische Theologie als die „Theorie der Kommunikation des Evangeliums in der Gegenwart“. Dieser Definition schließe ich mich im Rahmen dieser Arbeit an. Ich zeige auf, wie der Pastor Arnold Köster in der Praxis Theologie durch Verkündigung betrieben hat. „Kommunikation des Evangeliums“ führt inhaltlich zur Mitte des christlichen Glaubens (:9). Grethlein betont den Kontext der Kommunikation und stellt aus der Analyse der Problemgeschichte der Praktischen Theologie heraus fest: „Evangelium wird in konkreten Kontexten kommuniziert. Deshalb sind darauf bezogene Theorien notwendigerweise regional bestimmt“ (:18). In der Arbeit – die aufgrund der historischen Person auf die Verkündigung in der Vergangenheit ausgerichtet ist –, wird Kösters Rolle als prophetischer Verkündiger in bewegten politischen Kontexten herausgearbeitet. Dabei werden bedeutende Zeitereignisse hervorgehoben, wie der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich (1936), der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges (1939), die Niederlage der deutschen Wehrmacht in Stalingrad (1943) oder das Ende des Krieges (1945). Kösters Wirken wird auch im Kontext seiner baptistischen Konfession betrachtet.

In Bezug auf die Auslegung prophetischer Bibeltexte bezeichnet Spanring (2014:105) Kösters Methode als „This-Is-What Application“. Dadurch haben einige seiner Predigten eine unmittelbare ethische Dimension, in Bezug auf das Verhältnis von Gemeinde/Kirche und Staat, dem Verhältnis von Christ und Staat und im Blick auf die Beurteilung des einhergehenden Zeitgeistes (:121f). Kessler und Kretzschmar (2015) weisen in ihrem Artikel auf den engen Zusammenhang von Führung und Ethik hin, die auch für die Situation Kösters in der Zeit des NS-Regimes reklamiert werden darf:

Theological Ethics seeks to understand who God is and what the nature of reality is. It seeks to understand how to live in the world as God’s children, ambassadors and moral agents. Hence, Christian leaders are concerned with the clarification and application of moral norms and values to concrete life. (:6)

1.6. Aktueller Forschungstand zu Köster

Der aktuelle Forschungsstand entspricht der bisher veröffentlichten Literatur über Köster, den ich im Folgenden anhand einer Literaturübersicht darstelle. Zunächst verweise ich auf zwei Grundlagenwerke über Köster. Anschließend führe ich flankierende Literatur an, die den konfessionellen und zeitgeschichtlichen Kontext von Köster erhellt.7 Danach gebe ich einen Überblick über die Archive, in denen sich Quellen über Arnold Köster befinden.

1.6.1. Grundlagenliteratur: Graf-Stuhlhofer 2001 und Spanring 2013

Als umfassendes Werk über Kösters Leben liegt das Buch des Historikers Franz Graf-Stuhlhofer (2001) vor: Öffentliche Kritik am Nationalsozialismus im Großdeutschen Reich – Leben und Weltanschauung des Wiener Baptistenpastors Arnold Köster (1896– 1960). Es gibt einen Überblick über den Lebenslauf Kösters, sein konfessionelles Umfeld und seine Veröffentlichungen. Der Schwerpunkt liegt auf Kösters NS-Kritik während seines Dienstes in der Wiener Baptistengemeinde Mollardgasse. Dabei wird auch seine Aufgabe als Schriftleiter des baptistischen „Täufer-Boten“ berücksichtigt. Graf-Stuhlhofer betont: „In der Verkündigung sah Köster eine geradezu prophetische Aufgabe […]“ (:72). Graf-Stuhlhofer weist nach, dass Köster einen prophetischen Auftrag empfand. Als sein – bewusstes oder unbewusstes – Vorbild darf der Prophet Jeremia gelten (:244). Auch wenn Köster sich selbst niemals ausdrücklich als Prophet bezeichnete, so zog er doch „mehrmals Vergleiche, die seine Gemeinde – und somit ihn als den in der Gemeinde Lehrenden – mit Propheten parallelisieren“ (:246). Diesen Aussagen Graf-Stuhlhofers werde ich in meiner Arbeit nachgehen und anhand von Zitaten aus Kösters Predigten konkret aufzeigen, in welchem Umfang und zu welchen Themenfeldern er die prophetische Verkündigung als seine Aufgabe und als Aufgabe der Gemeinde ansah. Dadurch wird das prophetische Selbstverständnis Kösters klarer als bisher herausgearbeitet.

Als zweites Grundlagenwerk ist das Buch von Paul Spanring (2013) anzusehen: Dietrich Bonhoeffer and Arnold Köster – Two Distinct Voices in the Midst of Germany’s Third Reich Turmoil. Köster und Bonhoeffer werden von Spanring nebeneinander gestellt. Er vergleicht ihre unterschiedlichen konfessionellen Biographien und die daraus entspringenden theologischen Ansichten anhand der Themenbereiche Welt, Beziehung zur Welt, Kirche und Erlösung. Spanring arbeitet Kösters eschatologisches Verständnis heraus, auf dem seine prophetische Verkündigung gründete (:44–46). In der NS-Zeit musste er dafür auch Kritik einstecken: „He countered the charge ,you are a terrible pessimistʻ with the claim of being a prophetic realist“ (:51).8 Nach Ansicht Spanrings (:105–108) interpretierte Köster prophetische Texte, indem er biblische Situationen in die aktuelle Situation übertrug. Prophetie sah Köster als Aufgabe der Gemeinde an:

The existence of the church was a prophetic nature – prophetic in the sense that the church had the duty of interpreting the present context and events in the light of divine revelation. Like the ancient prophets, its role was to both translate and share with humanity the experience of sin and divine judgement. (:147)

Gemeinde und Welt müssen getrennt sein, aber die Gemeinde bietet der Welt eine prophetische Botschaft mit alternativer Vision und Gemeinschaft an (:225).

1.6.2. Literatur zur konfessionellen und zeitgeschichtlichen Situation Kösters

Flankierend zu den Grundlagenwerken berücksichtige ich Literatur zur zeitgeschichtlichen Situation des deutsch-österreichischen Baptismus, besonders zur Zeit des Nationalsozialismus, sowie die Geschichte der Wiener bzw. österreichischen Evangelischen Allianz.

Die baptistische Professorin Andrea Strübind (1995) setzt sich intensiv mit der Geschichte des Baptismus zur Zeit des NS-Regimes auseinander. Sie weist darin die Akkommodation des Bundes an den NS-Staat nach: „Die ‚offizielle Linie‘ des Bundes gegenüber dem NS-Staat war ein Weg der Anpassung“ (Strübind 1995:320). Ziel war es, die Existenz der Gemeinden zu erhalten und den missionarischen Auftrag weiterzuführen. Die Kompromisse hatten „in den verschiedenen Phasen des ‚Dritten Reiches‘ unterschiedliche Ausprägungen“ (:320). Gleichzeitig wurde aber die NS-Ideologie klar erkannt und verurteilt. Als sie praktisch angewandt wurde, war die „apokalyptische Geschichtsdeutung“, laut Strübind, eine Fluchtmöglichkeit, um trotzdem gegenüber dem Staat loyal zu bleiben (:320).

Ein schon etwas älteres Werk des freikirchlichen Lehrers Klaus Bloedhorn jr. (1982) stellt ebenfalls die Situation der Baptisten- und Brüdergemeinden während der NS-Zeit dar.

Auf die besonderen Zeitumstände während des NS-Regimes geht auch der baptistische Professor Günther Balders (1989) in seinem Buch zum 150-jährigen Bestehen des deutschen Baptismus ein und liefert einen Deutungsansatz.

Pastor Manfred Stedtler (2015) analysiert anhand von Artikeln aus der baptistischen Zeitschrift „Der Wahrheitszeuge“ die Gedanken der Baptisten zu Politik und Gesellschaft in der Zeit der Weimarer Republik bis zum Beginn des NS-Regimes.

Der adventistische Historiker Heinz (2011) hat einen Sammelband herausgegeben, in dem verschiedene Autoren zum Verhalten ihrer Freikirche im „Dritten Reich“ Stellung nehmen, u. a. auch Strübind. Im Appendix ist eine 20-seitige Abhandlung von Graf-Stuhlhofer über die spezielle Situation in Österreich enthalten, die hauptsächlich das Wirken Kösters illustriert.

Zum fünfzigjährigen Jubiläum des Bundes der Baptistengemeinden in Österreich erschien von Graf-Stuhlhofer (2005) ebenfalls ein Sammelband, der besonders die Situation der Baptistengemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg betrachtet.

Drei Werke behandeln Einzelthemen im Zusammenhang mit der NS-Zeit. Der freikirchliche Pastor Roland Fleischer (2014) zeigt eine interne baptistische Auseinandersetzung über den Weg der Baptisten im NS auf. Pastor Reinhard Assmann und der Historiker Andreas Liese (beide freikirchlich) (2015) thematisieren in ihrem Sammelband die Zusammenführung von Baptisten und Brüdern zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden 1941. Der Baptistenpastor Heinz Szobries (2013) greift die Thematik eines Schuldbekenntnisses zum Verhalten in der NS-Zeit im Rahmen des Bundes auf.

Einen Einblick in die Arbeit der Wiener Evangelischen Allianz gibt das Buch von Graf-Stuhlhofer (2010). Er hat die Protokolle aus der Zeit von 1920 bis 1945 herausgegeben, aus denen das Wirken Kösters im Rahmen dieses Netzwerkes entnommen werden kann. Der Historiker Frank Hinkelmann (2013) zeigt die Geschichte der österreichischen Allianz in den Nachkriegsjahren auf.

1.6.3. Archive mit Quellensammlungen zu Arnold Köster

Der Schwerpunkt meiner Forschung ist die Verarbeitung von Archivmaterial über Arnold Köster, das sein pastorales Wirken als Leiter sichtbar macht. Es werden Protokolle, Statistiken und vor allen Dingen die aufgezeichneten Predigten Kösters berücksichtigt. Diese Materialien sind als Primärquellen anzusehen. Um das Material zu sichten habe ich folgende Archive aufgesucht:

Das Archiv der Baptistengemeinde Hamburg-Altona, an der die Baptistengemeinde Wilhelmsburg als Gemeindestation angegliedert war.

9

Hier trat Köster 1923/1924 seinen ersten Dienst als Pastor an.

Das Archiv der Baptistengemeinde Köln-Rheinaustraße. Die Gemeinde war Kösters zweite Dienststation von 1924 bis 1929.

Das Archiv der Baptistengemeinde Wien-Mollardgasse, in der Köster von 1929 bis zu seinem Tod 1960 als Pastor wirkte. In diesem Archiv ist das meiste Material über Kösters Wirken in der NS-Zeit zu finden. Es sind dort ca. 3.100 Predigten vorhanden, die mitstenographiert wurden. Weiter sind Archivalien aus dem Gemeindeleben und aus der Zeit Kösters als Mitglied der Wiener Allianz erhalten.

Das Oncken-Archiv des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) in Elstal. Köster hat am Seminar der Baptisten in den Jahren 1919–1923 seine Ausbildung zum Prediger absolviert. Von 1941 an war Köster Teil der Bundesleitung des BEFG. Darüber existieren teilweise Aufzeichnungen. Hier finden sich Jahrgänge der Zeitschriften „Der Wahrheitszeuge“, „Täufer-Bote“, „Der Sendbote“, „Der Hilfsbote“ und „Die Gemeinde“, in denen Köster Artikel verfasst hat oder in denen Artikel über ihn verfasst wurden.

Das Privatarchiv von Frau K. P., einer in Wien lebenden Enkelin von Arnold Köster, enthält persönliche Familienerinnerungen in Form von aufgezeichneten Lebensläufen, die mir freundlicherweise als Kopie zur Verfügung gestellt wurden.

Ergänzend zu den genannten Archiven habe ich auch noch das Archiv zur Geschichte der Brüderbewegung, das Archiv der Bibelschule in Wiedenest und das Archiv der EFG Derschlag, aus der Kösters Familie stammt, konsultiert.

Weitere Quellen sind veröffentlichte Nachdrucke von Kösters Predigten und Vorträge:

Ist die gegenwärtige Weltkatastrophe Krise oder Untergang? (Köster 1932). Bei diesem Werk handelt es sich um einen 15-seitigen Nachdruck eines Vortrages.

Lampenlicht am dunklen Ort (Köster 1965). Karl Federmann hat 18 Predigten und Vorträge von Arnold Köster aus den Jahren 1932–1958 zusammengestellt und veröffentlicht. Dabei wurden die Predigten und Vorträge unwesentlich redigiert.10

Köster hat darüber hinaus – wie oben schon angedeutet – Artikel in Zeitschriften verfasst. Er war in Wien Schriftleiter der Zeitschrift „Täufer-Bote“ (1930–1942). Sie erreichte deutschsprachige Baptisten in den Donauländern, aber auch in Nordamerika.11 Weiter veröffentlichte er gelegentlich Artikel im Wochenblatt der deutschen Baptisten „Der Wahrheitszeuge“ und in „Der Hilfsbote“, einer baptistischen Handreichung für Prediger.

1.7. Forschungsmethode

Ich führe eine historische Studie zu Christian Leadership durch. Methodisch orientiere ich mich an dem Ansatz von Christoph Markschies (1995).

Unter historischer Arbeit verstehen wir, daß auf der Basis einer sorgfältigen, d. i. methodisch kontrollierten Analyse von Quellen in kritischer Darstellung vergangene Sachverhalte, Begebenheiten und Abläufe so genau und spannend wie möglich mitgeteilt bzw. nacherzählt werden. ( Markschies 1995:1)

Das Vorgehen entspricht dem Weg kirchenhistorischer Arbeit, den Markschies (1995:6) mit den Begriffen Heuristik (Auffindung des historischen Materials, Quellensystematik, Quellenkunde), Kritik (Prüfung des Materials), Interpretation und Darstellung umschreibt. Ich finde auf diesem Weg Material über Köster, indem ich seine Predigten, seine Artikel und Gemeindeprotokolle, vor allen Dingen aus der Zeit 1933–1945, untersuche. Ich suche dabei Zitate Kösters zu von mir vorher definierten Themenfeldern und lasse mir gleichzeitig durch die Quellen neue Themenfelder vorgeben, die in der Arbeit berücksichtigt werden.12 Diese Quellen werden interpretiert und anschließend dargestellt. Kirchengeschichtlich bewege ich mich dabei im Rahmen der „Zeitgeschichte/Neueste Zeit“ (:18f).

1.8. Quellenlage

„Als Quellen bezeichnen wir, mit der Definition von P. Kirn, ‚alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann‘“ (Brandt 2003:48). Im Falle Arnold Kösters handelt es sich, wie unter 1.6.3. dargestellt, in erster Linie um aufgezeichnete Predigten, veröffentlichte Artikel und Protokolle aus seinen Gemeindestationen. Hinzu kommen noch die privaten Aufzeichnungen seiner Familie. Diese Quellen sind als Primärquellen zu bezeichnen. Die angeführte Literatur unter 1.6.1. ist dagegen als Sekundärquelle anzusehen.

Ab 1939 beginnt Gertrud Hoffmann Kösters Predigten mitzustenographieren und anschließend auf der Schreibmaschine abzutippen (Graf-Stuhlhofer 2001:186f).13 Köster selbst verwendet für seine Predigten kein ausformuliertes Konzept, sondern macht sich Stichpunkte.14 „Im Anschluss an die Predigt besprach Hoffmann noch einzelne Fragen mit Köster“ (:186).

Dies sind die Anfänge des späteren „Schriftdienstes“ der Gemeinde, der wohl ab 1943 systematisiert wurde (AWM Nr. 8, undatiert, befand sich bei den Predigten 1943). Doch zunächst wurden die Predigten nur abgetippt. Dabei wurden bis zu zehn Durchschläge angefertigt. Später wurden wohl wiederum noch die maschinenschriftlichen Abschriften von anderen Mitgliedern abgetippt, so dass es relativ schnell relativ hohe Auflagen gab. „Die wesentlich zahlreichere Vervielfältigung durch Matrizen läßt sich erst ab Ende 1943 nachweisen“ (:188). Ein oder mehrere Typoskripte jeder Predigt lagern im Archiv der Baptistengemeinde Wien-Mollardgasse. Graf-Stuhlhofer schätzt, dass ein Typoskript einer Predigt durchschnittlich sechs Seiten umfasst. Vorträge dauerten ca. eine Stunde und ergeben ein Typoskript von durchschnittlich neun Seiten (:188f). „Aus der NS-Zeit sind über 500 Köster-Predigten (bzw. -Vorträge) erhalten“ (:189). Graf-Stuhlhofer nennt folgende Zahlen:

1938/1939: 20 Predigten über den 1. Petrusbrief

1939: 9 weitere Predigten

1940: 20 Predigten.

Dann beginnt die Überlieferung dichter zu werden:

1941: 63 Predigten

1942: 119 Predigten

1943: 124 Predigten

1944: 90 Predigten.

Aus den ersten Monaten 1945 bis zur Eroberung Wiens sind dann 15 Predigten erhalten.

Graf-Stuhlhofer schätzt den Umfang aller ca. 500 Predigten und Vorträge auf ca. 5.500 Druckseiten. „Besonders wertvoll ist eine so umfassende Predigtsammlung für die Zeit nach Juni 1941, als die kirchliche Presse weitgehend eingestellt werden mußte“ (:190).

Die Quellen aus der Nachkriegszeit sind noch wesentlich umfangreicher. Wenn man davon ausgeht, dass Köster, abzüglich von vier bis sechs Wochen Urlaub pro Jahr, in 46 Wochen aktiv war, dann kommen seit Juni 1945 – Kapitulation und Kriegsende waren am 08. Mai 1945 – bis September 1960, dem letzten Monat vor Kösters Heimgang, ca. 700 Wochen zusammen, in denen er dreimal predigte. Somit ergibt sich eine Anzahl von ca. 2.100 Predigtskripten.15

Wir kommen damit auf einen Umfang von ca. 2.600 Typoskripten. Augenscheinlich lagern auch so viele im Wiener Archiv (Archivbesuch Januar 2017).16

Der Zustand der von mir in Augenschein genommenen Predigten Kösters ist überwiegend gut. Einige wenige Typoskripte sind nicht mehr lesbar.17

Auch wenn keine Zweifel an der Echtheit der archivierten Predigtskripte bestehen, geht Graf-Stuhlhofer (2001:190-194) ausführlich auf dieses Thema ein und widerlegt methodische Echtheitszweifel.

Die von mir in Augenschein genommenen Protokolle und Mitgliederverzeichnisse in den Archiven sind alle in einem guten Zustand. Leider fehlen die Mitgliederverzeichnisse und Protokolle im Archiv der Baptistengemeinde Wien aus der gesamten Wirkungszeit Kösters, die dort eigentlich zu erwarten gewesen wären. Ihre Existenz und ein möglicher Aufbewahrungsort sind ungeklärt.18 Diese würden sicher weitere wertvolle Einblicke in Kösters Leitungshandeln geben.

Ausgehend von Graf-Stuhlhofer (2001) und Spanring (2013) und unter Berücksichtigung der genannten Sekundärliteratur zur Zeitgeschichte (siehe Literaturüberblick), wurde von mir ergänzend entdecktes Material aus den Archiven verarbeitet. Die veröffentlichten Wiener Allianzprotokolle bis 1945 (Graf-Stuhlhofer 2010) und die unveröffentlichten Protokolle von 1945 bis 1960 wurden je nach Relevanz für die Leitungsbiographie, Kösters Prophetieverständnis und für die Darstellung von NS-kritischen Themenfeldern berücksichtigt. Ebenso berücksichtige ich relevante Artikel aus den baptistischen Zeitschriften „Der Täufer-Bote“ (TB) und „Der Wahrheitszeuge“ (WZ).

1.9. Eingrenzung der Arbeit

Ausgehend von einer Gesamtzahl von ca. 2.600 erhaltenen Mitschriften von Predigten und Vorträgen (KöV)19 wurde, im Sinne des Themas der Arbeit, eine Auswahl getroffen. Es ist aber zu vermuten, dass Köster auch in den anderen Predigten prophetische und kritische Äußerungen zum NS-Regime getätigt hat, die ein noch genaueres Bild seiner prophetischen Leitung ergeben könnten.

Der Schwerpunkt der Auswahl lag auf der NS-Zeit. Für die mir dankenswerterweise von Paul Spanring zur Verfügung gestellten Fotokopien der Jahrgänge 1939, 1940, 1941, 1943 und 1945 habe ich bei meinem Archivbesuch die wenigen fehlenden Predigten ergänzt, so dass ich für diese Jahrgänge fast alle vorhandenen Köster-Predigten zusammengetragen haben dürfte. Für die Jahrgänge 1942 und 1944 habe ich dann bei der Recherche eine erste Eingrenzung vorgenommen, indem ich nur Skripte erfasst habe, die von einem alttestamentlichen Propheten oder einem neutestamentlichen eschatologischen Text handelten oder die von ihrem Titel her als Themenpredigt auf einen prophetischen Gehalt oder eine eindeutige Zeitansage schließen lassen.20 Eschatologische Texte haben oft einen apokalyptischen Charakter. Unter Apokalyptik verstehe ich biblische eschatologische Texte, die das Ende der Welt zum Inhalt haben und auf eine neue Schöpfung hinweisen (Koenen 2007).21 Grundsätzlich ist in der wissenschaftlichen Theologie das Verhältnis zwischen Eschatologie und Apokalyptik nicht eindeutig (Jakobs 2016). Pöhlmann (1991:166) betont aber: „Der theologische Ort, an dem biblische Theologie und Dogmatik Aussagen über die Geschichte machen ist die Eschatologie.“ Es sind Aussagen „über das Handeln Gottes zur Vollendung der Geschichte“ (:166).

Pöhlmann nennt drei Themen, denen man in apokalyptischen Schriften begegnet: 1. Gott sei der Schöpfer der Welt und er werde eine erneuerte Schöpfung und ein erneuertes soziales und politisches Gemeinwesen herbeiführen. Hier herrsche Gerechtigkeit und Frieden. Frevel und Gewalt seien aufgehoben. 2. Die Vollendung der Welt geschehe durch einen eschatologischen Kampf. „Das apokalyptische Enddrama ist Vorbedingung und Durchgang zur Vollendung der Welt“ (:166). 3. Das apokalyptische Drama sei nicht loszulösen vom jüdischen Volk oder vom Volk Gottes aus Juden und Heiden. Dabei „wird sie getragen von der Hoffnung, daß Gott durch alle apokalyptischen Katastrophen, Bedrängnisse und Verfolgungen hindurch sein Volk nicht aufgibt, sondern daß er das letzte Wort behält“ (:167).22

Diese über die Textgattung her kommende erste Eingrenzung habe ich dann auch auf die vorhandenen Predigtskripte aus der Nachkriegszeit bis 1960 angewandt. So konnte ich zunächst ca. 430 Skripte zusammentragen, mit einem Umfang von ca. 3.400 Seiten (plus das Buch Lampenlicht am dunklen Ort).23 Sie wurden von mir gesichtet und auf ihre Relevanz für mein Thema hin überprüft. Bei den Untersuchungen der Texte leiteten mich die Forschungsfragen. Nach einer ersten Sichtung wurden ca. 35 Skripte sofort aussortiert. Aus den ca. 395 verbliebenen Skripten wurden dann Zitate zu folgenden Themenbereichen gefunden: Anekdoten aus dem Leben Kösters, Aussagen über den Baptismus, Aussagen zum prophetischen Schriftverständnis, Aussagen zur Art und Weise des Predigtdienstes, Stellungnahmen zum Zeitgeist und Aussagen mit NS-kritischem Gehalt.24 Diese Art der Zitate-Generierung erbrachte ca. 320 DIN A4-Seiten.

Um den Umfang im Sinne des Themas und Rahmens dieser Arbeit weiter zu reduzieren, wurde nun eine zweite Eingrenzung durchgeführt: Zunächst wurde der Themenbereich „Art und Weise des Predigtdienstes“ nicht weiter berücksichtigt. Dies ergab eine Reduzierung um ca. 25 Seiten. Vor allen Dingen aber wurde die Entscheidung getroffen, für die Themenbereiche Zeitansage und Aussagen mit NS-kritischem Gehalt nur Predigten bis zum Kriegsende 1945 zu berücksichtigen.

Da nach dieser Eingrenzung immer noch ca. 120 Seiten Zitate vorhanden waren, wurde eine dritte Eingrenzung vorgenommen, indem für diese beiden Themenbereiche nur Predigten und Vorträge aus dem Alten Testament und der Offenbarung verwendet wurden. Andere apokalyptische Texte des Neuen Testaments oder Themenpredigten mit Zeitansagen oder Predigten zu anderen Themen und Bibeltexten aus dem ergänzten Fundus von Spanring wurden nicht mehr berücksichtigt. Die dann noch vorhandenen ca. 70 Seiten Zitate sind Grundlage für die Ausführungen in Kapitel 6 zum Thema prophetische NS-Kritik.

Fazit: Die Themenbereiche Anekdoten, Aussagen über den Baptismus und Aussagen zum prophetischen Schriftverständnis wurden also nur einmal eingegrenzt, während die Themenbereiche Zeitansage und Aussagen mit NS-kritischem Gehalt dreimal eingegrenzt wurden. Diese dreifache Eingrenzung, die Kapitel 6 betrifft, ist dadurch gerechtfertigt, dass es in dieser Arbeit vor allen Dingen um Kösters prophetische Kritik in der NS-Zeit geht. Dadurch, dass die Zitate für diese beiden letzten Themenbereiche aber zunächst aus allen Jahrgängen, zu allen apokalyptischen NT-Texten und zu allen Themenpredigten mit Zeitansagen gefunden wurden, konnten über diese Eingrenzung hinaus auch subjektiv ausgewählte Zitate als Ergänzung herangezogen werden.

Die gewonnenen Zitate wurden nun für jeden Themenbereich auf verschiedene Themenfelder aufgeteilt. Die Definition der Themenfelder ergab sich aus den Inhalten der Zitate. Durch diese Forschungsmethode werden in dieser Arbeit Kösters Ansichten direkt zur Sprache gebracht.25

1.10. Struktur und Aufbau der Arbeit

Der Aufbau dieser Arbeit stellt sich nun wie folgt dar:

Nach dieser Einleitung erläutere ich in Kapitel 2, wie ich pastorale Leitung verstehe, und ich stelle Ansätze vor, die die Notwendigkeit des prophetischen Elementes innerhalb der Gemeindeleitung betonen. Von da aus bestimme ich prophetisch-verkündigende Leitung. Mit diesen Entwürfen bringe ich später Kösters Leitungshandeln ins Gespräch.

In Kapitel 3 erhelle ich Kösters konfessionellen Leitungskontext, also den Baptismus in Deutschland und Österreich während der NS-Zeit. Dazu werde ich später Kösters Verhalten in Kontrast setzten.

In Kapitel 4 geht es um Kösters Prägung und um seine Wirkung als Leiter. Es ist anhand des Modells „Der Werdegang eines Leiters“ von Clinton (2006) aufgebaut. Beginnend mit seiner Prägung durch Elternhaus, Ausbildung, Soldatenzeit, Studium und Hochzeit zeige ich, wie er als Leiter in seinen Gemeinden und darüber hinaus wirkte. Mit diesem Kapitel liegt dann erstmals eine Gesamtdarstellung des Leitungswirkens Kösters vor.

Kösters Verständnis von Prophetie, prophetischer Bibelauslegung und von der prophetischen Rolle der Gemeinde wird ausführlich in Kapitel 5 entfaltet. Dazu führe ich relevante Quellenstücke (Zitate) aus seinen Artikeln und Predigten an. Hier bringe ich sein Verständnis mit den Entwürfen zur pastoral-prophetischen Leitung aus Kapitel 2 ins Gespräch.

Ausgehend von seinem prophetischen Selbstverständnis bringe ich in Kapitel 6 Kösters Handeln mit dem Widerstandsbegriff zusammen und führe dazu entsprechende Quellenstücke an. Schließlich vergleiche ich sein Verhalten mit dem des offiziellen Baptismus.

Kapitel 7 bildet das Fazit der Arbeit, bringt den Forschungsertrag auf den Punkt und wendet die Ergebnisse auf heutige Leiter an.

Die einzelnen Kapitel korrespondieren wie folgt miteinander:

Das einleitende Kapitel 1 bildet mit dem Fazit in Kapitel 7 den Rahmen der Arbeit. Kapitel 2 zeigt aktuelle Entwürfe prophetischer Leiterschaft, mit denen Kösters prophetisches Leitungsverständnis in Kapitel 5 verglichen wird. Kapitel 3 zeigt die Haltung des offiziellen Baptismus in der NS-Zeit auf, mit der Kösters Verhalten in Kapitel 6 kontrastiert wird. Kapitel 4 bildet als Mitte die Leitungsbiographie Kösters ab. Schließlich korrespondiert Kapitel 5 mit Kapitel 6, weil Kapitel 6 die Folgen von Kösters prophetischem Dienstverständnis während der NS-Zeit aufzeigt.

1.11. Fazit zum ersten Kapitel

Der Beitrag der Arbeit zur Forschung besteht in der Ergänzung der bisherigen Forschungen von Graf-Stuhlhofer (2001) und Spanring (2013). Während Graf-Stuhlhofer sich besonders auf Kösters Kritik am Nationalsozialismus konzentriert, liegt der Schwerpunkt bei Spanring mehr auf dem Vergleich des Lebens und der Theologie von Bonhoeffer und Köster. Mein Fokus liegt auf der prophetischen Leitungsrolle und der prophetischen Verkündigung und Rolle Kösters, die besonders unter den Umständen der NS-Zeit und anhand Kösters Kritik dieser Weltanschauung hervortritt.

Mit Kapitel 1 habe ich die Notwendigkeit dieser Arbeit aufgezeigt. Weiter habe ich die Forschungsmethode und Quellenlage dargestellt. Die Arbeit wurde in der Disziplin Christian Leadership verortet und wird nun mit einem Kapitel zur Theorie der pastoralprophetischen Führung fortgesetzt.

1 Internet: https://de.wikipedia.org/wiki/Wiedenest#Persönlichkeiten [Stand: 18.08.2017].

2 „Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt dem Beispiel ihres Glaubens.“ (nach Lutherübersetzung 2017).

3 Auf das Thema historia magistra vitae, also die These, dass Geschichte Lehrmeisterin des Lebens ist, um Fehler zu vermeiden, und die in dem Zusammenhang diskutierten verbundenden Antithesen kann ich im Rahmen dieser Arbeit nicht eingehen. Vgl. dazu http://medien-geschichte.akbild.ac.at/materialien-ws-09/zeit-volltexte/Koselleck_Historia_Magistra_Vitae.pdf/at_download/file [16.06.2018].

4 Pastoren innerhalb des Baptismus wurden damals Prediger genannt. Die Begriffe Pastor und Prediger werden daher im Rahmen dieser Arbeit synonym verwendet.

5 Graf-Stuhlhofer bezeichnet dies als eine ungewöhnlich hohe Überlieferungsanzahl von Predigten eines Pastors während des NS-Regimes. Er führt mehrere Gründe an, warum Predigtskripte von Pastoren nicht erhalten sind: Erstens wurden die meisten Predigten nie im Volltext geschrieben. Zweitens wurden NS-freundliche Predigten im Nachhinein beseitigt, und drittens sind manche Predigtarchive durch Bomben zerstört worden (Graf-Stuhlhofer 2001:14f).

6 Weiter verweist sie auf die verschiedenen Einordnungsmöglichkeiten der Pastoraltheologie in Bezug auf die Praktische Theologie (Pohl-Patalong 2007:517). Ich bevorzuge Ansatz 3: „Eine Einordnung in die Praktische Theologie als eigenständige Disziplin“ (:517), weil diese Einordnung m. E. dem Einfluss der Praktischen Theologie auf die Kirche insgesamt gerecht wird.

7 Desweiteren habe ich Literatur zur pastoral-prophetischen Leitung verarbeitet, um Kösters prophetisches Leitungswirken kontrastieren zu können. Diese Literatur wird in Kapitel 2 vorgestellt.

8 Spanring interpretiert hier eine Aussage Kösters in dessen Auslegung zur Offenbarung (KöV11.06.46:120).

9 Die Gemeinde Wilhelmsburg wurde inzwischen aufgelöst.

10 Wenn mir die Originalquelle zur Verfügung stand, habe ich diese bevorzugt. Bei dem Buch handelt es sich also eher um eine Sekundärquelle (vgl. Brandt 2003:48f).

11 Paul Spanring entwirft ein genaueres Profil der Leserschaft (Spanring 2013:103f).

12 Vgl. Markschies 1995:2: „Historische Arbeit zielt auf eine wissenschaftlich verantwortete Analyse und die darauf aufbauende Nacherzählung dieses Prozesses, mithin die Umsetzung von Geschichte in Geschichten einer ganz bestimmten Sorte.“

13 Graf-Stuhlhofer vermutet, dass die drei ältesten überlieferten Skripte von Köster selbst abgetippt wurden (2001:187, Fußnote 2).

14 Einige dieser Stichpunkte sind erhalten, wie Aufzeichnungen zum Hohelied aus dem Jahre 1945 und 1958.

15 Das ist die Zahl der Predigten nach dem Zweiten Weltkrieg. Hinzu kommen die von Graf-Stuhlhofer erwähnten 500 Predigten in der NS-Zeit (2001:14).

16 Diestelkamp (1993:81) weist treffend auf den Umstand hin, dass eine schriftliche Predigt nicht exakt die Situation einer Anrede auf der Kanzel wiedergeben kann, weil ihr die nonverbale Kommunikation fehlt, die bestimmte Aussagen unterstreicht. Für meine Untersuchung ist diese Tatsache – wie bei Diestelkamp – aber unerheblich, weil in dieser Arbeit Themen herausgearbeitet werden, die in einer bestimmten Situation angesprochen wurden.

17 Die von mir gesichteten 434 Skripte habe ich in Bezug auf ihre Lesbarkeit mit Schulnoten benotet. 27 Skripte bekamen die Note 4- und zehn Skripte ein mangelhaft oder ungenügend. Damit sind ca. 8,5 % der untersuchten Skripte nicht richtig lesbar.

18 Nach Rücksprache mit Gemeindemitgliedern und der Archivarin der Gemeinde sind Protokolle aus dieser Zeit bisher nicht bekannt. Sie werden auch in keinen anderen Arbeiten über Köster als Quellen erwähnt. Möglicherweise gab es unter Köster keine Aufzeichnungen, weil es keine Gemeindeleitungssitzungen gab, oder aber die Protokolle lagern bei einem unbekannten Dritten.

20 Prophetische Texte des Alten Testaments sind oft eschatologische, also heilsgeschichtliche Texte, wie z. B. das Buch Daniel. Sie informieren über den Lauf der Weltgeschichte und die anbrechende Endzeit (vgl. dazu Bittner 1998). Laut Koenen (2007:Punkt 1) versteht man unter dem Begriff Eschatologie die Lehre von den letzten Dingen oder von der Endzeit. „Er hat sich im 19. Jh. in der systematischen Theologie als Bezeichnung für die Lehre von den letzten Dingen (Tod, Auferstehung, Jüngstes Gericht etc.) etabliert. In der alttestamentlichen Wissenschaft kann der Begriff in einem weiten Sinne verwendet auf alle prophetischen Ankündigungen beziehen, in einem engen nur auf die Vorstellung vom Ende der Welt und der Geschichte (vgl. 1Kor 15,52). Weit verbreitet ist jedoch ein Mittelweg: Eschatologie bezeichnet die Vorstellung von einer endgültigen innerweltlichen Heilszeit […]“

21 Für Koenen (2007:Punkt 1) ist Apokalyptik „die Vorstellung, dass die Welt, die man wohl angesichts entsprechender Erfahrungen nur noch negativ sehen kann, bald ein Ende finden wird. Erst danach wird für die Frommen eine endgültige, jenseitige Heilszeit beginnen. Alle Hoffnung auf eine bessere Welt ist aufgegeben. Man hat mit der Welt Schluss gemacht und erwartet nur noch eine Neuschöpfung Gottes jenseits der Welt. Statt der Wende der Zeiten erwartet man ein Ende der Zeiten und den Beginn einer ganz anderen Zeit“.

22 Spanring (2013:50f) stellt eine ähnliche Auffassung bei Köster fest: „The underlying motif of Arnold Köster’s preaching was eschatology. The Christian disciple was primarily awaiting the return of the Lord. This perspective allowed temporary issues tobe placed into the bigger apocalyptic picture. The world was ravaged by human sin and little could humanly be done to save this world. The practical manifestations of sin were human attempts to create systems of security separate from God. Part of God’s dealing with the world was to undercut and destroy all such attempts – this would eventually lead to the recognition that he alone was the only possible rescue. Salvation was trust in God and utter dependency on God’s son who by virtue of his death, resurrection and ascension offered the possibility of a personal relationship with him and the call to follow him. God continued to offer salvation to the world through the community of disciples; they were salt and light in the midst of corruption and darkness.”

23 Falls mir die Originalpredigt vorlag, wurde die Originalpredigt durchgesehen, weil die Predigten in „Lampenlicht“ redigiert wurden.

24 Köster hat oft ganze Reihen über mehrere Monate in Form einer Predigtserie gehalten, die als Gesamtdokument archiviert sind. Die Predigtserien Bergpredigt (1944), Offenbarung (1946) und Daniel (1947) wurden nur nach Anmerkungen zum Baptismus und auf Lebensanekdoten hin untersucht. Bei der Serie Bergpredigt handelt es sich nicht um apokalyptische Texte und die beiden anderen Serien stammen aus der Nachkriegszeit.

25 Folgende Predigten und Veröffentlichungen Kösters sind demnach bist jetzt noch weitgehend unerforscht: Alle Vorträge/Predigten und Predigtserien außerhalb der alttestamentlichen Propheten, der apokalyptischen Reden Jesu in den Evangelien und der Offenbarung des Johannes oder ohne einen eindeutigen zeitgeschichtlichen oder prophetischen Bezug im Titel, aus den Jahrgängen 1939–1960, mit Ausnahme der Predigten/Vorträge – nicht der Predigtserien – der Jahrgänge 1938–1941, 1943 und 1945. Weiter die gedruckten Predigten/Andachten im österreichischen Gemeindebrief 1950–1954 und teilweise Berichte und Artikel Kösters im WZ und HB.

2. Theorie der pastoral-prophetischen Leitung

In diesem Kapitel bestimme ich zunächst mein Verständnis von pastoraler (geistlicher) Leitung. Danach führe ich pastorale Leitungsansätze auf, die den prophetischen Aspekt von Leitung betonen. Nach einem kurzen Fazit bringe ich schließlich eine definierende Beschreibung von pastoral-prophetischer Leitung.

Arnold Köster war als leitender Pastor für die Verkündigung in seinen Gemeinden zuständig (Spanring 2013:9). Köster beschreibt kurz nach seinem Amtsantritt in Wien seine Stellung wie folgt (AWM Nr. 6):

Ich sehe meine Aufgabe, nachdem ich in den verflossenen Wochen mich eingefühlt habe in die Lage, in die Struktur der Gemeinde und des Volkes, so: Neben dem – gegenwärtigen sehr notwendigen – Gemeindedienst wird wohl zunächst das Schwergewicht meiner Arbeit liegen als Vortragsredner.

2.1. Begriffsbestimmung von pastoraler bzw. geistlicher Leitung

Unter pastoraler Leitung verstehe ich das geistliche Leitungshandeln oder die geistliche Leitungstätigkeit im Rahmen einer christlichen Ortsgemeinde.26 Der Begriff „pastorale Leitung“ wird im Rahmen dieser Arbeit verwendet, weil Kösters pastorale Rolle der Rolle eines geistlichen Leiters einer Ortsgemeinde entsprach.27 Er hatte durch seine Stellung und Aufgabe als Prediger den größten Einfluss auf seine Gemeinde.

Pastorale Leitung umfasst in der Praxis mehr als nur den pastoralen (hirtendienstlichen) Aspekt von Leitung und wird im Gemeindekontext oft als Überbegriff geistlichen Leitungshandelns verstanden. Im Folgenden werden die Begriffe pastorale Leitung und geistliche Leitung daher synonym verwendet.

Pastorale Leitung kann von ehren- und hauptamtlichen Personen ausgeübt werden und wird in vielen Kirchen von einem Team gestaltet oder begleitet (Gemeindeleitung, Presbyterium, Pfarrgemeinderat). Diesem Team steht oft ein Repräsentant vor (Gemeindeleiter, Pastor, Priester, Gemeindereferent), der je nach Gemeindemodell vom Team gewählt oder von außen eingesetzt wurde und je nach Rollenverständnis eine starke oder schwache Machtfülle bzw. Leitungsbeauftragung besitzt.28 Arnold Köster besaß in Wien einen hohen Einfluss und damit eine hohe Machtfülle.

2.1.1. Pastorale (geistliche) Leitung wird vom Neuen Testament her definiert

Pastorale Leitung muss sich in erster Linie vom Neuen Testament her definieren, auch wenn es nicht möglich ist, Leitung ohne Beachtung des eigenen kulturellen Hintergrunds zu definieren (vergleiche hierzu Kessler 2013). Der Sinn von biblischen Aussagen zum Thema Gemeindeleitung muss zuerst im jeweiligen ursprünglichen Kontext verstanden werden und dann in den jeweiligen heutigen Kontext ausgelegt und angewandt werden. Das Neue Testament ist eine Zusammenstellung von Evangelien und Briefen an verschiedene Gemeinden von verschiedenen Schreibern, die zu unterschiedlichen Zeiten, im Wesentlichen im 1. Jahrhundert nach Christus, geschrieben wurden. Das Neue Testament definiert keine Leitungslehre, sondern reagiert auf die Entwicklung der jungen Kirche. Geistesgaben werden geschenkt und erkannt. Dienste und Ämter bilden sich nach und nach heraus. Die Kirche wächst und braucht Strukturen, die Schritt für Schritt entstehen. Die erste Apostel- und Prophetengeneration, auf die die Gemeinde aufgebaut wurde (Eph 2,20), tritt nach und nach ab.29 In den Briefen des Neuen Testamentes wird den Gemeinden mitgeteilt, wie sich Leiter zu verhalten haben und wie sich die Gemeinde gegenüber der Leitung zu verhalten hat. Schon während der Abfassungszeit der Briefe findet in der Urgemeinde eine dynamische Entwicklung statt, aus der sich heraus Leitungsstrukturen weiterentwickeln. Wenn daher nach biblisch geistlicher Leitung gefragt wird, gibt es verschiedene Aspekte zu berücksichtigen, aus denen sich ein Gesamtbild ergibt. Die Aussagen sind als komplementär zu betrachten.30 Es ist zu fragen, nach in der Bibel vorkommenden …

… generellen Aufträgen an Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu und die Gemeinde, die es zu allen Zeiten umzusetzen gilt (Salz und Licht: Mt 5,13–16; Mission: Mt 28,18– 20; Einheit: Joh 17; Zeugnis: Apg 1,8; Liebe: Mk 12,29f; 1Kor 13).

… Anweisungen an Leiterinnen und Leiter (Nachfolger) durch Jesus (Mt 23,11; Joh 13: Fußwaschung).

… apostolischen Anweisungen an Leiterinnen und Leiter (Hirten, Älteste, Aufseher), besonders durch Paulus (Apg 20,28).

… apostolische Aussagen zur Qualifikationen von Leiterinnen und Leiter (1Tim 3,1f; Tit 1,6f; 1Petr 5,1f).

…Aufzählungen von Leitungscharismen (Röm 12,4–8; 1Kor 12,8–12; 28–31; Eph 4,1–11).

… Erwähnungen von Leitungsrollen (Dienste und Ämter).

… Anweisungen an die zu Leitenden (1Thes 5,12–13; 1Kor 16,16; 1Tim 5,17).

2.1.2. Pastorale (geistliche) Leitung wirkt auf die Auftragserfüllung der Kirche hin

Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu haben seit Pfingsten den Heiligen Geist. Er gestaltet und formt ihr Leben. Das gilt auch für das Leitungshandeln. Daher kann man mit Böhlemann und Herbst (2011:19) sagen: „Geistliche Leitung unterscheidet sich von ‚normalem‘ Leitungshandeln in der Tiefe. Diese Tiefendimension erschließt sich jedoch nur im Glauben.“ Sie definieren geistliche Leitung als Essenz von Leitung. Sie sei in der Tiefe Begegnung mit Gott (:20). Geistliche Leitung sollte sich daher an den biblischen Anforderungen für Leiter orientieren, besonders an dem dienenden Vorbild Jesu Christi.31

Leitung ist Einfluss (Maxwell 2002:26f). Wright (2003:20) meint, dass „Führung eine Beziehung ist – eine Beziehung, durch die eine Person versucht, die Gedanken, das Verhalten, den Glauben oder die Werte einer anderen Person zu beeinflussen“. Ähnlich sieht es Clinton (2006:9): „Leiterschaft ist ein dynamischer Prozess, in dem ein Mann oder eine Frau mit den von Gott gegebenen Fähigkeiten eine bestimmte Gruppe von Menschen Gottes in bezug [sic!] auf seine Absichten mit dieser Gruppe beeinflusst.“ Maxwell (2002:26) definiert zugespitzt: „Die Maßeinheit für Führung ist Einfluss – nicht mehr und nicht weniger.“ Diese Gedanken korrespondieren mit dem Schutz der Bewahrung der christlichen Herde, z. B. vor Verführung oder der Versorgung der Gemeinde durch gute Lehre (Apg 20,28f).32

Leitung sorgt dafür, dass die Herde zusammenbleibt und aufgebaut wird, um ihren Auftrag zu erfüllen. Dies macht neben Apostelgeschichte 20,28 und 1. Petrus 5,2 besonders Epheser 4,11f deutlich (nach Lutherübersetzung 2017): „Und er selbst gab den Heiligen die einen als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes.“

Laut Böhlemann und Herbst (2011:47) fließt in geistlicher Leitung ein Dreifaches zusammen: 1. der Dienst an der Gemeinschaft und am Nächsten (Seelsorge und Diakonie), 2. die Orientierung am Evangelium (Schriftstudium und Auslegung) und 3. die Verbindung durch Glauben zu Gott (Spiritualität und Gottesdienst).

Mit Rust (2011:324f) ist davon auszugehen, dass sich die in Epheser 4,11 genannten Leitungsdienste herausbildeten, um die umfassende Mission der Kirche voranzutreiben. Die Charismen verfolgen nach Eickhoff (2009:278) in ihrer Verschiedenheit das Ziel, den Sendungsbefehl zu erfüllen. Dabei kann mit Schröter (2012:27) das Bild des Hirten als Metapher gelten, weil es verschiedenste inhaltliche Dimensionen enthält.33

2.1.3. Pastorale (geistliche) Leitung geschieht vorstehend und steuernd

Der Begriff des Vorstehens findet sich in den Leitungsämtern „Presbyter“ und „Aufseher“. Er wird mehrmals im Neuen Testament verwendet. Der Begriff des Steuerns kommt in diesem Zusammenhang nur einmal vor. Beide Leitungsgaben haben also unterschiedliche Akzentuierungen (Rust 2012:68f). Es würde im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen, in die Bedeutungsfülle dieser beiden Begriffe einzutauchen. Wenn ich im Folgenden die Begriffe Kybernetik oder Kybernet verwende, gebrauche ich sie im Sinne der deutschsprachigen Praktischen Theologie, in der sich seit dem 19. Jahrhundert der Begriff Kybernetik für die Lehre von der Gemeindeleitung eingebürgert hat (Meyer-Blanck 2007:507).34 Er ist zu unterscheiden von dem amerikanischen Kybernetik-Begriff, der auf Norbert Wiener zurückgeht und säkular verstanden wird.

Ich verstehe den Kyberneten ausdrücklich immer als Teil einer geistlichen Leitung im Sinne von 1. Korinther 12,28. Ich betone aber, dass gerade der Kybernet die Gabe der Steuerung und der Navigation mitbringt und daher in einem Team von Leitern diese Aufgabe übernehmen sollte (mit Kessler 2012:20 und mit Eickhoff 1992:178). Er hat die Rolle des „Ersten unter Gleichen“. „Die Leitungsgruppe bedarf neben der Geistleitung der kybernetischen Hand“ (Eickhoff 1992:178).35 Eickhoff weiter: