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Was passiert, wenn Vertrauen im digitalen Zeitalter zerbricht? Dario glaubt, er könne online er selbst sein, bis aus Worten Waffen werden und Freunde zu Schatten. Plötzlich ist nichts mehr sicher: nicht seine Identität, nicht seine Beziehungen, nicht einmal sein eigener Verstand. Ein THRILLER über digitale Kontrolle, Verrat und den langen Weg zurück zu sich selbst. Ehrlich, packend, erschütternd aktuell.
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Vorwort
Kapitel 1. Der Router bleibt aus
Kapitel 2, Schatten im Licht
Kapitel 3, Kein Spiel
Kapitel 4, Nur ein Avatar
Kapitel 5, Ich bin müde vom Starksein
Kapitel 6, Code Schwarz
Kapitel 7, Wer spricht da?
Kapitel 8, Der Algorithmus ist hungrig
Kapitel 9, Schuld ohne Gesicht
Kapitel 10, Du warst das nie
Kapitel 11, Der Junge mit dem falschen Nachnamen
Kapitel 12, Das, was bleibt
Kapitel 13, Code Schwarz
Kapitel 14, Offline reicht nicht mehr
Kapitel 15, Echo ohne Ursprung
Kapitel 16 - Letzter Zugriff
Kapitel 17, Was bleibt, wenn nichts mehr gelöscht wird
Kapitel 18, Noch jemand?
Kapitel 19 - Mira lebt
Kapitel 20, Das, was keiner sehen sollte
Kapitel 21, Unter dem Radar
Kapitel 22, Ich weiß, wer du bist
Kapitel 23, Nichts ist je gelöscht
Kapitel 24 – Einmal gelöscht reicht nicht
Kapitel 25 – Nicht jede Geschichte verdient ein Ende
Kapitel 26 – Die neue Unverwundbarkeit
Kapitel 27 - Nichts mehr zu beweisen
Kapitel 28 - Wenn der Nebel sich lichtet
Kapitel 29 – Rückkehr in die Gegenwart
Kapitel 30 – Der gemeinsame Weg
Kapitel 31 – Der dritte Anker
Rückblende
Wer Frido war
Zurück in der Gegenwart
Der nächste Schritt
Kapitel 32 – Der erste Einsatz
Kapitel 33 – Der zweite Atem
Kapitel 34 – Der erste Schatten
Kapitel 35 – Die Nachricht
Kapitel 36 – Resonanz und Stille
Kapitel 37 – Aktivierung
Hier ein Glossar * Übersetzung einiger Fachwörter
@jemy-bücher
Dieses Buch ist eine Geschichte zwischen Realität und Fantasie. Vieles, was Sie hier lesen, ist nicht frei erfunden. In ähnlicher Form habe ich es selbst erlebt. Begegnungen, die wie Zufälle wirkten, Nachrichten, die mich in den Wahnsinn trieben, das Gefühl, beobachtet und gelenkt zu werden, all das hat Spuren hinterlassen.
Doch ein Roman ist kein Protokoll. Was hier steht, ist verdichtet, zugespitzt, manchmal in eine surreale Form gegossen, um das Unsichtbare sichtbar zu machen. Sie werden Szenen lesen, die wie Science-Fiction klingen, und doch haben sie ihren Ursprung in realen Erfahrungen, die mich geprägt haben.
Dieses Buch ist ein Thriller, aber auch ein Bekenntnis. Es erzählt von Kontrolle und Ohnmacht, von Vertrauen und Verrat, von der Frage, wie viel Freiheit im digitalen Zeitalter noch möglich ist.
Nehmen Sie es als Warnung oder als Spiegel. Vielleicht entdecken Sie eigene Erfahrungen zwischen den Zeilen. Vielleicht fühlen Sie nur die Spannung einer Geschichte. Beides ist erlaubt, beides ist wahr.
Ich widme dieses Buch allen, die schon einmal das Gefühl hatten, nicht mehr Herr über ihr eigenes Leben zu sein.
Dario zog die Vorhänge zu, obwohl es draußen längst dunkel war. Die Straßenlaterne vor dem Fenster flackerte in einem unregelmäßigen Rhythmus, wie ein Morsecode, den nur er verstehen konnte. Das fahle Licht schnitt für Sekunden durch den Raum, legte harte Schatten über die Wände, ließ den Rahmen des Fensters glühen. Jedes Mal zuckte er leicht zusammen. Irrational wusste er. Aber das machte es nicht leichter.
In der Ecke des Raumes stand ein ausrangierter WLAN-Router, die Antennen abgebrochen, das Netzteil entfernt. Das Plastikgehäuse war an einer Seite aufgesprungen, als hätte jemand versucht, es aufzubrechen. Auf dem Gehäuse klebte ein vergilbter Post-it, die Schrift leicht verwischt: Nur offline ist sicher. Manchmal ertappte er sich dabei, den Zettel mit dem Daumen glattzustreichen, als wäre es ein Talisman, der die Welt draußen fernhielt.
Aus dem Kinderzimmer drang das helle Kichern seiner Tochter. Noch war alles ruhig. Noch war alles unter Kontrolle. Er zwang sich, tief durchzuatmen. Kontrolle, das Wort war für ihn längst kein normales mehr. Es war eine Aufgabe, ein täglicher Kampf.
„Papi? Liest du mir noch was vor?“, rief sie.
„Gleich, Kleines.“
Er nahm das Buch aus dem Regal. Kein Bildschirm, kein automatisches Vorlesen, keine personalisierte Empfehlung. Nur Papier, fest in der Hand, riechend nach Staub und Druckerschwärze. Früher hätte er nicht darüber nachgedacht. Heute war es fast ein politisches Statement.
Im Kinderzimmer saß die Kleine schon unter der Decke. Das Licht der kleinen Nachttischlampe tauchte ihr Gesicht in warmen Schein. In einer Hand hielt sie ihr abgewetztes Kuscheltier, in der anderen einen kleinen Milchzahn.
„Er ist rausgefallen!“,
sagte sie stolz.
„Ich habe ihn unter das Kissen gelegt. Aber du hast gesagt, die Zahnfee gibt’s nicht, oder?“ Dario lächelte müde.
„Ich habe gesagt, sie gibt keine Daten weiter. Das ist ein Unterschied.“
Sie runzelte die Stirn.
„Heißt das … sie ist wie Alexa, aber mit Flügeln?“
Er lachte leise. „So ungefähr.“
Er setzte sich neben sie, das Buch auf den Knien. Während er las, wanderte sein Blick immer wieder durch das Zimmer. Keine Kameras. Keine Smart Toys. Kein Bildschirm, der heimlich mitschnitt. Die meisten Menschen sahen in Kinderzimmern ein Symbol der Geborgenheit. Für ihn waren es potenzielle Einfallstore. Sein Handy lag draußen im Wohnzimmer, ausgeschaltet, Akku entfernt, SIM-Karte in einem kleinen Umschlag versiegelt.
„Papa?“
„Hm?“
„Warum darf ich kein Internet haben wie die anderen?“
Er legte das Buch beiseite. Diese Frage kam nicht zum ersten Mal, aber jedes Mal bohrte sie tiefer.
„Weil das Internet nicht nur gut ist. Es kann lügen. Es kann dich verletzen. Und manchmal sieht es mehr von dir, als du willst.“
„Aber du benutzt doch auch Internet.“
„Ja. Aber ich habe gelernt, was passiert, wenn man zu viel davon zeigt.“
Sie überlegte einen Moment, dann sagte sie: „War das, als die Leute gesagt haben, du bist ein schlechter Mensch?“
Sein Herz machte einen Sprung. Sie erinnerte sich. „Ja“, antwortete er leise. „Und es war nicht wahr. Aber es hat sich angefühlt, als ob es wahr wäre.“ Er atmete durch, kämpfte mit den Bildern, die zurückkamen. „Es gab eine Zeit, da war ich offen. Zu offen. Ich habe vertraut, den falschen Menschen. Jemand, den ich geliebt habe, hat Dinge über mich verbreitet, halbe Wahrheiten, aus dem Zusammenhang gerissene Nachrichten. Und plötzlich stand ich da, als jemand, der ich nie war.“
„Und was ist passiert?“
„Ich habe alles verloren, Kleines. Freunde. Vertrauen.
Und irgendwann wusste ich nicht mehr, wem ich überhaupt noch glauben kann, nicht mal mir selbst.“
Sie kroch näher zu ihm, legte den Kopf an seine Schulter. „Ich glaub dir, Papa.“
Er schluckte. „Danke, Kleines.“
Er blieb noch sitzen, lange nachdem sie eingeschlafen war. Das Kinderzimmer roch nach Shampoo und warmem Stoff. Draußen war es still, doch in seinem Kopf summte es, wie ein leises Hintergrundrauschen, das nie ganz verschwand. Er wusste: Wenn selbst Kinder schon solche Fragen stellten, war es Zeit zu handeln. Nicht nur für sich. Für alle. Und irgendwo in der Dunkelheit, hinter den geschlossenen Vorhängen, fühlte er sich beobachtet, ohne zu wissen, ob es nur seine Angst war oder längst mehr.
Elina stand im Badezimmer und betrachtete ihr Spiegelbild. Das Licht über dem Waschbecken flackerte kurz, nicht wie in einem überinszenierten Thriller, sondern eher wie das Leben selbst, mal zu grell, mal zu matt, mal so, dass man sich selbst nicht klar erkennen konnte. Sie fuhr sich durch das feuchte Haar, band es zu einem lockeren Knoten und strich die widerspenstigen Strähnen zurück, die ihr immer wieder ins Gesicht fielen. Mit dem Ärmel wischte sie die Zahnpastaspuren vom Waschbeckenrand, ohne hinzusehen. Ihre Handbewegung war mechanisch, eingeübt, wie etwas, das man tut, während der Kopf längst woanders ist.
In der Stille hörte sie das gedämpfte Ticken der Küchenuhr, gleichmäßig, fast beruhigend. Darunter das leise, unregelmäßige Schnaufen ihres Sohnes aus dem Kinderzimmer. Er war endlich eingeschlafen. Heute hatte er wieder geweint. Wegen eines Memes. Wegen ein paar Bildern, die irgendwo im digitalen Dreck lagen und doch ihren Weg zu ihm gefunden hatten. Sie hatte ihn in den Arm genommen, ihm gesagt, dass er stark sei, dass das nicht die Wahrheit sei. Aber sie wusste, Kinder glauben, was sie sehen. Und wenn das Internet es sagt, hat es für viele den Klang von Wirklichkeit.
Sie verließ das Badezimmer und ging ins Wohnzimmer. Das Licht war gedimmt, ein einzelner, schräger Schatten fiel über die Couch. Sie ließ sich sinken, zog die Beine an und klappte den Laptop auf. Sie wusste, sie sollte schlafen. Aber Schlaf war etwas für Menschen, die keinen Kopf voller Stimmen hatten, Stimmen, die alles kommentierten, was man getan, gesagt, geschrieben hatte.
Mit ein paar Klicks loggte sie sich in ein geschlossenes Forum ein. Ein Ort, an dem Menschen über digitale Gewalt sprachen. Manche anonym, manche unter Klarnamen, viele gebrochen. Sie scrollte langsam durch die Beiträge, während die bläuliche Bildschirmbeleuchtung ihr Gesicht in eine andere Person verwandelte, müde, konzentriert, älter.
„Ich wurde in einer WhatsApp-Gruppe nackt gemacht.“
„Mein Gesicht in fremdem Porno.“
„Mein Kind hat mich gefragt, ob ich wirklich so bin, wie das Internet sagt.“
Elina schloss die Augen. Das Brennen in der Brust kam sofort zurück. Sie wusste, wie es war, wenn die eigene Realität durch fremde Lügen ersetzt wurde, wenn plötzlich ein neues, falsches Ich im Umlauf war, eines, das Freunde verunsicherte, das Blicke veränderte, das selbst in stillen Räumen anwesend war.
Damals, als sie das erste Mal gestreamt hatte, war es aus Neugier gewesen. Aus Freude. Aus einem Rest Hoffnung, dass man im Netz einfach man selbst sein darf, ohne Maske, ohne Plan. Es hatte gut begonnen. Menschen schrieben, sie sei mutig, authentisch. Ein paar Zuschauer wurden zu Vertrauten. Dann kam dieser Moment.
Ein Zuschauer hatte ihr eine kleine Spende geschickt. Fünfzig Cent. Dazu ein Text: Von meinem Taschengeld. Du bist die Beste.
Sie hatte geschluckt, das Mikro kurz stumm geschaltet, um die Tränen nicht zu zeigen. So selten war echte, unkomplizierte Zuwendung geworden. Später stellte sich heraus, dass alles inszeniert war. Ein organisierter Chatangriff. Die Nachricht war Fake, der Spender ein Troll. Die Szene wurde geschnitten, in fremden Gruppen geteilt, verspottet, hunderte Male kommentiert. Heulsuse mit PayPal-Herz, nannten sie sie.
Heute konnte sie darüber sprechen. Aber der Stich war geblieben. Nicht, weil man sie hereingelegt hatte, sondern weil sie so sehr geglaubt hatte, dass es echt war. Weil man im Netz immer an das Gute glauben will, bis es einen verbrennt.
Das Handy vibrierte auf dem Couchtisch. Sie drehte es um, sah den Namen: Darius.
Ein kurzes Lächeln. Niemand konnte so trocken schreiben wie er.
D: „Bereit für die Beta?“
E: „Bereit, Angst zu haben.“
D: „Gut. Angst schützt.“
E: „Oder sie lähmt.“
D: „Kommt auf die Dosis an.“
E: „Du weißt, warum ich das tue.“
D: „Ja. Wegen den Kleinen.“
E: „Nein. Wegen uns.“
Sie legte das Handy weg, starrte ins Dunkel. Im Flur hing eine Zeichnung ihres Sohnes: zwei Strichmenschen, Hand in Hand. Darunter in krakeliger Kinderschrift: Mama, du bist sicher.
Elina wusste, das stimmte nicht. Aber vielleicht, wenn sie es richtig anstellten, konnte es eines Tages wieder stimmen. Sie zog die Decke enger um sich, lauschte in die Stille. Kein Schritt im Hausflur, kein Auto vor dem Fenster, nur das ferne Rauschen der Stadt, gedämpft wie unter Wasser. Doch irgendwo in ihr blieb das Gefühl, dass jede Bewegung, jedes Wort, jeder Blick, längst nicht mehr nur ihr gehörte.
Die Tür zu Darius’ Wohnung schloss sich leise hinter ihr. Das Schloss schnappte mit einem dumpfen Klick ein, und für einen Moment war nur das leise Summen des Kühlschranks zu hören. Elina trat die Schuhe ab, ordnete sie nebeneinander, als wollte sie dem Raum keinen falschen ersten Eindruck von ihr geben. Ihr Blick wanderte durch die Wohnung: glatte Oberflächen, makellos aufgeräumt, kaum persönliche Gegenstände. Alles wirkte funktional, fast klinisch. Kein Bild an der Wand, kein Buchstapel, der zufällig liegen geblieben war. Nur eine Reihe exakt ausgerichteter Geräte, die wie stumme Wächter auf ihren Einsatz warteten.
„Kaffee?“ rief Darius aus der Küche, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme klang so, als wäre es weniger eine Frage als ein Angebot, das er ohnehin umsetzen würde.
„Nur wenn er keine Daten sammelt“, erwiderte sie trocken.
Er lachte kurz. „Ist analog. Wie früher.“
Sie setzte sich an den Esstisch. Die Tischplatte aus mattem Metall spiegelte schemenhaft ihr Gesicht, als sie die Hände darauf ablegte. Zwischen ihnen lag ein schwarzes Notizbuch, daneben ein kleiner, unscheinbarer USB-Stick und ein Block mit krakeliger Handschrift: Testfall: Mensch. Die drei Worte wirkten in dieser nüchternen Umgebung wie eine Provokation.
„Du meinst das wirklich ernst, oder?“ fragte sie.
Er nickte, während er zwei Tassen abstellte. „Wenn wir es nicht tun, machen es andere. Aber dann ohne Moral.“
„Und unsere Moral ist … was genau?“
Er hob den Blick und hielt ihn auf ihr. Einen Moment zu lange. „Wir zeigen der Welt, wie leicht man manipuliert werden kann. Und dass niemand sicher ist. Auch nicht mit VPN, Adblocker und Misstrauen.“
Elina schwieg. Sie wusste, dass er recht hatte, und genau das machte es schwer. „Aber wir benutzen dieselben Waffen wie die, vor denen wir warnen.“ Darius zuckte kaum merklich mit den Schultern.
„Man kann eine Krankheit nur verstehen, wenn man sie unter dem Mikroskop betrachtet.“
„Und wenn man sie auslöst?“
Sein Blick glitt kurz zur Küchentür, als könne er dort eine Antwort finden. „Dann weiß man wenigstens, wie sie funktioniert.“
Sie nahm das Notizbuch, blätterte vorsichtig, als wären die Seiten aus Glas. Skizzen, Diagramme, Zeitachsen. Fiktive Profile, sorgfältig erdacht, mit digitalen Spuren, die in die Welt hinausgesät werden sollten. Die Strategie war klar: eine Identität aufbauen, angreifbar machen und dann öffentlich zerstören.
„Die Frage ist“, sagte sie leise, „wie weit wir gehen.
Fake-Videos? Gerüchte? Deepfakes mit Stimmen?“
„So weit, bis es weh tut“, antwortete er ohne zu zögern. „Aber nur uns. Niemand sonst.“
„Das kannst du nicht garantieren.“
Seine Stimme wurde fester. „Wir machen das sauber. Kein echter Name, kein echter Ort, kein echtes Kind. Nur Simulation.“
„Und wenn die Leute trotzdem jemanden finden, den sie hassen wollen?“, entgegnete sie. „Sie finden immer jemanden.“
Das Schweigen zwischen ihnen zog sich, bis sie das Notizbuch sinken ließ. „Weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben?“
Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Klar. Destiny Reloaded.“
Elina nickte. „Damals in Terra Online. Du warst der Gildenleiter, ich das Heilmädchen mit dem blauen Umhang.“
„Und du hast mir ständig das Leben gerettet, nicht nur im Spiel.“
Beide lachten leise, doch es klang wie ein Echo aus einer Zeit, in der alles noch einfacher war.
„Ich fand es immer seltsam, wie selbstverständlich es wurde, dich privat zu treffen“, sagte sie.
„Irgendwann warst du nicht mehr nur ein Spielername, sondern ein Mensch.“
„Und du warst die Erste, die verstand, dass hinter dem Avatarnamen ein echtes Ich steht.“
Sie blätterte weiter. Auf einer der mittleren Seiten stand in großen, klaren Buchstaben: Ziel:
Beweisführung durch Zerstörung.
„Das klingt, als würdest du Krieg führen“, sagte sie.
„Vielleicht muss man das. Zumindest digital.“ Seine Stimme hatte jetzt etwas Endgültiges, als gäbe es keine Umkehr.
Sie lehnte sich zurück, verschränkte die Arme, und ihr Blick blieb an ihm hängen. „Okay“, sagte sie schließlich. „Aber wir brauchen ein Stoppsignal.
Einen Punkt, an dem wir rausgehen, bevor es zu spät ist.“
Darius nickte langsam. „Wir nennen es Code Schwarz. Wenn einer von uns das sagt, steigen wir aus. Keine Fragen.“
„Einverstanden.“
Sie reichten sich die Hand. Kein fester Händedruck unter Freunden, sondern ein stilles Abkommen, das sich schwerer anfühlte, als beide es zugeben wollten. Für einen Moment war der Raum vollkommen still. Dann vibrierte irgendwo im Nebenzimmer ein Gerät, und beide sahen gleichzeitig zur Tür, als hätten sie gerade einen Schritt in ein Spiel gemacht, von dem sie wussten, dass es keins war.
„Sie braucht einen Namen“, sagte Elina, während sie über die Tastatur gebeugt saß. Ihre Finger ruhten auf den Tasten, als warte sie darauf, dass Darius das Wort wie einen Schlüssel aussprach.
„Mira“, antwortete er ohne Zögern. „Klingt jung, aber nicht kindlich. Modern, aber nicht zu auffällig.
Mira Schneider.“
„Beruf?“
„Influencerin auf dem Weg nach oben. Schwerpunkt:
Mental Health. Authentisch, aber angreifbar.“
Elina nickte, als würde sie in ihrem Kopf schon sehen, wie diese Person lächelnd in eine Kamera sprach. „Okay.“ Sie begann, das erste Profil anzulegen.
Ein Instagram-Account, frisch erstellt, mit einem neutralen Profilbild, das ein KI-Tool aus tausenden anonymen Gesichtern berechnet hatte. Keine echte Person, und doch war da etwas, das sich vertraut anfühlte. Die Haut makellos, aber nicht zu glatt; ein kleiner Schatten unter dem linken Auge; Lippen, die beim Lächeln leicht zögerten. Ein Gesicht, das man im Vorbeigehen hätte bemerken können, ohne zu wissen, warum.
Während sie Bilder hochlud, sorgfältig ausgewählte Stockfotos, ein paar KI-generierte Selfies, leicht unscharf, damit sie glaubwürdiger wirkten, arbeitete Darius parallel an der zweiten Identität.
„Lukas Merten“, sagte er. „Anfang dreißig.
Selbstständiger Medienberater. Leicht narzisstische Note, aber im Auftreten charmant.“
„Charmant oder berechnend charmant?“
„Berechnet sympathisch“, korrigierte er. „Charmant ist ein Zufall, Sympathie kann man planen.“
Die nächsten Stunden wurden zu einem stillen Wettbewerb zwischen ihnen.
Instagram, LinkedIn, Twitter. Ein verlassener TikTok-Account mit genau zwei belanglosen Videos, ein Filtertest und ein harmloser Hundeschnappschuss. Dazu ein paar alte Forenbeiträge, die niemand je lesen würde, die aber bei einer Google-Suche wie echte digitale Fußspuren wirkten. Kleine Krümel, die zusammengenommen eine Geschichte ergaben.
„Du weißt, das wirkt realer, je banaler es ist“, sagte Darius, ohne vom Bildschirm aufzusehen.
„Mira muss auch Fehler machen“, entgegnete Elina.
„Sie braucht Rechtschreibfehler. Kommas, wo keine hingehören. Gedankenstriche …“
„… statt Punkt. Genau.“
Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, und er erwiderte ihn. Ein flüchtiges Lächeln, nicht mehr als ein Hauch, aber es sagte: Wir wissen beide, was wir tun, und wie gefährlich es ist.
Manchmal vergaßen sie, wie lange sie sich schon kannten. Bevor sie je persönlich im selben Raum gewesen waren, hatte sie ein anderes Leben verbunden, digital, flüchtig, aber intensiv. Darius hatte vor Jahren die Online-Gilde Destiny Reloaded geleitet, ein MMO-Kollektiv, das aus Idealismus, Taktiknächten und stundenlangen Gesprächen bestand. Elina war damals unter dem Namen LinaVerse dabei gewesen. Sie war nicht nur gut im Spiel, sondern im Zuhören. In einer toxischen Welt voller Konkurrenz hatte sie Verständnis gezeigt, und das blieb.
Als die Gilde zerbrach, zu viel Neid, zu viele Intrigen, zu viele falsche Versprechen, verloren sie sich. Erst Jahre später, nachdem Darius sich aus dem Streaming zurückgezogen hatte, weil Spott und digitale Übergriffe ihn zermürbt hatten, kreuzten sich ihre Wege wieder. Dieses Mal ohne Zufall. Dieses Mal mit einem Plan.
Sie entwarfen drei Phasen, präzise wie ein Drehbuch:
1. Aufbauphase, glaubwürdige Inhalte posten. Selfies, Zitate, kleine Alltagseinblicke, Kommentare unter viralen Beiträgen.
2. Kontaktphase, Mira und Lukas beginnen, miteinander zu interagieren. Likes, Kommentare, dezente Anspielungen, kleine öffentliche Flirts.
3. Implosion, ein inszenierter Konflikt. Missverständnisse, Vorwürfe, Screenshots, ein plötzlicher Skandal.
„Ich hab das Gefühl, ich erschaffe jemanden, der irgendwann mehr lebt als ich selbst“, murmelte Elina, während sie Miras drittes Posting formulierte:
Ich wünschte, ich könnte manchmal abschalten. Aber mein Kopf ist ein Live-Ticker.
Darius antwortete nicht sofort. Seine Finger blieben auf der Tastatur liegen, als müsste er etwas abwägen. „Das ist genau der Punkt“, sagte er schließlich. „Wenn genug Leute das lesen, wird sie real.“
„Aber sie ist eine Lüge.“
„Nein“, entgegnete er. „Sie ist ein Test.“
Nach acht Stunden Arbeit saßen sie in einem Raum voller unsichtbarer Menschen. Zwei vollständig erschaffene Persönlichkeiten existierten nun, mit Followern, Freunden, Bildern, Erinnerungen, Meinungen. Beide so greifbar wie die Geräte, auf denen sie lebten, und gleichzeitig so fragil, dass ein gelöschtes Passwort alles beenden könnte. Unter Miras erstem Post erschien ein neuer Kommentar:
Fühl ich so sehr. Stay strong, Girl.
Elina starrte lange auf den Satz. Er war harmlos, freundlich, und doch fühlte er sich wie eine Schwelle an. „Und wenn jemand echte Hilfe will von jemandem, der nicht existiert?“
Darius sah sie an, als wollte er antworten, aber keine Worte fanden den Weg aus seinem Mund. Die Stille zwischen ihnen war schwerer als jedes Argument.
