Der Ruf der Kalahari - Patricia Mennen - E-Book

Der Ruf der Kalahari E-Book

Patricia Mennen

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8,99 €

Beschreibung

Eine bewegende Geschichte über Liebe und Hass, Vertrauen und Betrug

Berlin, 1901. Nach dem Tod ihrer Mutter wagt die junge Jella von Sonthofen den Schritt in ein neues Leben: Sie wird Deutschland verlassen und ihren Vater suchen, der in Deutsch-Südwestafrika verschollen ist. Doch als sie nach langer Suche endlich seine Farm gefunden hat, erwartet sie dort die schreckliche Wahrheit …

Der Ruf der Kalahari ist der Auftakt zu einer fesselnden Familiensaga vor einer einzigartigen Landschaft. Sie erzählt die Abenteuer einer jungen Deutschen im heutigen Namibia, ihre Seelenverwandtschaft mit dem Buschmädchen Nakeshi und eine wunderbar romantische Liebesgeschichte.

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Buch
 
Berlin, 1901. Nach dem Tod ihrer Mutter wagt die junge Jella von Sonthofen den Schritt in ein neues Leben: Sie wird Deutschland verlassen und ihren Vater suchen, der in Deutsch-Südwestafrika verschollen ist. Doch als sie nach langer Zeit endlich seine Farm gefunden hat, erwartet sie dort eine schreckliche Überraschung...
 
Der Ruf der Kalahari
Autorin
Patricia Mennens große Leidenschaft ist das Kennenlernen von Menschen ursprünglicher Kulturen. Wann immer es geht, macht sie sich auf und versucht, einen authentischen Einblick in fremde Lebenswelten zu gewinnen. Ihre Eindrücke und Erlebnisse verarbeitet sie in ihren Büchern. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern abwechselnd in der Nähe des Bodensees und der Provence. Derzeit schreibt Patricia Mennen an der Fortsetzung zu Der Ruf der Kalahari.
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Originalausgabe Dezember 2010 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010 by Blanvalet Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München. Covergestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (Thomas Noitz; chrisdaviez; axz700; Jan Hejda; Jan Martin Will; TASER) und Richard Jenkins Photography Redaktion: Rainer Schöttle
NB ·Herstellung: sam
Satz: Buch Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-05197-6 V003
www.blanvalet.de
Für meine Eltern
Die kleinen Sterne scheinen immer, während die große Sonne
Der Ruf des Num
Die Luft flirrte über der unendlichen Weite der Kalahari. Während der Mittagsstunden hatte sich die Wüste extrem aufgeheizt. Gleißend hell prallte das Licht der Sonne auf die hügelige Ebene mit ihren wenig belaubten Büschen und Sträuchern. Hin und wieder ragten einzelne Bäume wie verknöcherte Hände in den leuchtend blauen Himmel. Selbst jetzt im Winter, zur Zeit der größten Dürre, sah die Kalahari nicht wirklich wie eine Wüste aus. Und doch war sie gerade deswegen unberechenbar. Im Gegensatz zur Namib-Wüste im Südwesten des Landes, die schon durch ihre riesenhaften roten Sanddünen abschreckend wirkte, konnte die Kalahari für kurze Zeit wie ein friedfertiges Paradies erscheinen. Der Regen im Frühjahr füllte die Senken und ausgedörrten Trockenflüsse mit Wasser und ließ innerhalb kürzester Zeit vielerlei Arten von Buschgräsern ergrünen. Das Wasser lockte Abertausende von Wildtieren an. Sie strömten in Scharen in das kurzlebige Paradies, um sich fortzupflanzen. Doch das trügerische Grün verschwand so schnell, wie es gekommen war. Unbarmherzig löschte die übermächtige Sonne jeden Wasserflecken aus, ließ das Gras verdorren und hinterließ einen rissigen Boden, der wie ein zersplitterter Spiegel aussah.
Am Horizont kreisten Geier in weiten Himmelsspiralen und warteten geduldig auf ihre Gelegenheit. Ein Löwenrudel hatte einen Springbock erlegt und riss gerade die besten Stücke aus dem Kadaver. Die Zeit der Geier war noch nicht gekommen. Hyänen umschlichen ungeduldig das Löwenrudel, näherten sich der Beute, wurden allerdings durch grimmiges Gebrüll wieder auf Abstand gebracht, nur um sich sofort von einer anderen Seite zu nähern. Erst wenn sie ihren Hunger gestillt hatten, waren die Aasvögel und die Schakale an der Reihe, um sich um die Reste der Beute zu streiten.
Nakeshis feine Nase nahm den Geruch frischen Blutes in der Luft wahr. Vorsichtshalber wählte sie einen Weg, der sie von dem Kill fortführte. Sie hatte sich bereits vor Stunden von ihrer Gruppe abgesondert und streifte allein durch das dicht stehende Gestrüpp. Prüfend sah sich das zierliche Buschmann-Mädchen noch einmal um. Fern am Horizont sah sie eine Armee von Regenwolken auftauchen. Sie türmten sich rasch zu unheilvollen Gebilden auf und versuchten vom Meer her in die Wüste einzudringen. Wie eine mächtige Streitmacht wurden sie vom Westwind landeinwärts getrieben, um ihre donnernde Regenlast über dem Land loszuwerden. Doch die Sonne stellte sich ihnen mit ihrer unerbittlichen Kraft entgegen. Gierig fraß sie Löcher in die Wolkenberge und zerfetzte das Ungetüm, indem sie es zerteilte, bis sich alles in harmlose Schäfchenwolken aufgelöst hatte. Nakeshi sah es mit Bedauern. Sie sehnte sich sehr nach dem ersten Regen.
Ein scharfes Knacken aus dem Unterholz weckte ihre Aufmerksamkeit. Ihre Sinne richteten sich instinktiv auf das Geräusch. Während ihre Blicke das Gebüsch vor ihr abtasteten, prüfte ihre Nase die Windrichtung. Der Wind kam ihr entgegen und roch trocken. Also drohte keine unmittelbare Gefahr durch Raubtiere. Weder der beißend scharfe Geruch von Löwen noch der moschusartige ätzende Gestank eines Leoparden stiegen ihr in die Nase. Vorsichtig schlich sie näher, um den Ursprung des Geräuschs zu erkunden. Als sie bis auf zwei Schritte herangekommen war, krachte es nochmals, und ein gelbschwarzer Schabrackenschakal brach unmittelbar vor ihr aus dem Gebüsch. Für einen kurzen Augenblick blieb er stehen, hob seine Lefzen zu einem kurzen knurrigen Drohen und trollte sich dann unwillig. Offensichtlich hatte sie ihn in seinem Mittagsschlaf gestört. Das Joansi-Mädchen lachte erleichtert auf. Die Kalahari bot immer wieder Überraschungen. Auf den ersten Blick sah der karge, struppige Bewuchs der Wüste wie ein undurchdringliches Dickicht ohne jede Orientierungsmöglichkeit aus. Die armdicken, kahlen Äste und Zweige der Kameldornbüsche bildeten mit ihren fingerlangen Dornen eine natürliche Wand. Und doch gedieh in dieser lebensfeindlichen Umgebung allerlei Leben. Springböcke, Ducker und auch die kleinen, grazilen Steinböcke mit ihren schwarzen Kulleraugen liebten den Schutz, den ihnen die messerscharfen Dornen boten. Mit ihren Hufen hoben sie am Fuße der Büsche kleine Gruben aus, um dort ihre Jungen zur Welt zu bringen.
Nakeshi ging weiter. Geschickt und schnell bahnte sie sich einen Weg durch das Gebüsch, ohne ernsthaft mit den Dornen in Berührung zu kommen. Während sie lief, hielt sie immer wieder nach dem Mankettibaum Ausschau, dessen dreigeteilte Krone jetzt während der Dürrezeit weithin sichtbar war. Die schmale rotsandige Senke mit den Rosinenbüschen hatte sie bereits durchquert, bevor die Sonne in der Mitte des Himmels gestanden hatte. Auch das schwer zu durchdringende Kameldorngestrüpp hatte sie nun hinter sich. Links von ihr erkannte sie den kleinen, felsigen Hügel mit seinen kugelrunden, roten Steinen. Auf seiner Spitze wuchs aus dem glatten Geröll ein mächtiger Giraffenbaum. Im kräftigen Licht der winterlichen Nachmittagssonne wirkte der leuchtende Hügel wie eine friedliche Oase. Aber der Schein trog. Zwischen den Steinen und der immergrünen Krone des Baumes lauerten allerlei Gefahren. Die Buschmänner mieden für gewöhnlich diesen Ort. Er war voller Llangwasi, voller Geister, deren Unmut und Unberechenbarkeit niemand auf sich ziehen wollte. So war der Fuß des Hügels bei den Wüstenlöwen sehr beliebt. Nakeshi fürchtete kein Tier mehr als diese kräftigen, unberechenbaren Raubkatzen. Die Savannenkönige standen mit den Joansi in ständiger Konkurrenz im Kampf ums tägliche Überleben. Entweder waren es die Buschmänner, die versuchten, den Löwen ihre Beute abzuluchsen, oder es waren die Löwen, die wiederum den Joansimännern ihre Beute streitig machten. Selbst der Schatten spendende Giraffenbaum mit seiner weit ausladenden Krone war kein friedlicher Ort. Auf seinen Ästen hielten sich oftmals Leoparden auf, die in der luftigen Höhe ihre Beute vor den Löwen und Hyänen in Sicherheit brachten. Nakeshi schüttelte sich bei dem Gedanken an die Raubtiere und fiel in den ausdauernden Schnellschritt, der ihr wie allen Buschmann-Frauen zu eigen war. Sie beschloss, den Hügel in einem weiten Bogen zu umrunden. Jetzt war es nicht mehr weit bis zu dem Hain mit den Mankettibäumen. Sie musste sich nur beeilen. Die Sonne stand schon tief, und sie musste unbedingt vor der »Zeit, in der man die Leute nicht mehr sehen kann, weil es dunkel ist« zurück bei ihren Leuten sein. Doch vorher hatte sie eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Sie hatte Sheshe versprochen, die Gwa-Wurzel für sie auszugraben... und sie würde ihr Versprechen halten.
Ein stechender Schmerz schoss völlig unerwartet durch ihren Unterleib. Sie stöhnte leise und beugte sich nach vorn, um ihm entgegenzuwirken. Doch erst nachdem sie zweimal tief durchgeatmet hatte, ließ das Stechen endlich nach. Sie wollte es nicht wahrhaben, doch tief in ihrem Innern wusste sie genau, woher der Schmerz kam. Die Zeichen waren eindeutig. Schon bald würde zum siebzehnten Mal die Zeit kommen, in der Debe den Löwen besiegt hatte und Chuka ihr das Leben geschenkt hatte. Sie ahnte, dass der Schmerz, der in ein gleichmäßiges Ziehen übergegangen war, etwas damit zu tun hatte, dass sie nun bald endgültig zu einer Frau werden würde. Der Gedanke gefiel ihr ganz und gar nicht. Nakeshi fürchtete sich davor. Denn mit der ersten Blutung war die »Zeit, in der man sich keine Sorgen machen muss« für immer vorüber. Viele Buschmann-Mädchen wollten nicht erwachsen werden, um keine Verantwortung in der Gruppe übernehmen zu müssen. Als Kinder waren sie frei und durften Fehler machen und falsche Entscheidungen treffen. Das hatte keinerlei Folgen für sie, weil jeder Erwachsene in der Gruppe wusste, dass Kinder noch keine Verantwortung übernehmen können. Die Kindheit war wie ein schützender Umhang, der sie vor allen Sorgen von außen schützte. Doch Nakeshi scheute sich nicht vor der Verantwortung. Sie freute sich sogar darauf, wenn endlich auch ihre Stimme in der Gruppe Gewicht bekommen würde. Der Grund, weshalb sie nicht erwachsen werden wollte, war ein ganz anderer. Für sie war die Tatsache, dass sie mit dem Erwachsensein auch ihre Unabhängigkeit verlieren würde, weitaus schlimmer. Ihre Leute würden von ihr erwarten, dass sie sich einen Mann suchte und mit ihm in eine eigene Hütte zog. Sie würde Kinder haben und gebunden sein. Vorbei wären die Zeiten, in denen sie ihre Freiheit genoss, um mit der Heilerin Sheshe die Natur und ihre Wunder zu erkunden. Aber diese Freiheit wollte sie auf keinen Fall verlieren! Nakeshi schob trotzig die Unterlippe vor und ballte ihre Hände zu Fäusten. Noch war es ja nicht so weit!
Mit neuer Entschlossenheit legte sie die letzte Strecke bis zu dem Manketti-Hain zurück. Der Baum, den sie suchte, ragte auffallend zwischen den anderen hervor. Sein Stamm war so dick, dass vier Männer sich an den Händen halten mussten, um ihn zu umfassen. Seine Wurzeln umragten ihn wie dicke Spinnenbeine, bevor sie in den sandigen Boden der Kalahari stießen, um in großen Tiefen Wasser zu finden. Nakeshi war schon lange nicht mehr hier gewesen. Trotzdem wusste sie genau, wo sie mit ihrem Grabstock suchen musste. Sie hatte nicht vergessen, was Sheshe, die Heilerin, ihr einmal gezeigt hatte. Aufmerksam umrundete sie den Baum, bis sie schließlich die Stelle entdeckte, wo sich zwei Luftwurzeln kreuzten. Ein Stück oberhalb hatte der Mankettibaum eine armlange Verletzung in seiner Rinde, die im Laufe der Jahre zu einer tiefen Schrunde vernarbt war. Zwei Armlängen davon entfernt musste sie graben. Sie wurde schnell fündig. Sobald sie den Anfang der Gwa-Wurzel ertastet hatte, legte sie den Stock beiseite und schaufelte vorsichtig mit beiden Händen den roten, feinkörnigen Sand zwischen den Baumwurzeln beiseite. Das Graben war anstrengend. Feine Schweißperlen sammelten sich auf der apricotfarbenen Haut ihrer Stirn und Schläfen und liefen in feinen Bächen ihr Gesicht herab. Endlich ertasteten ihre Finger einzelne, zweifingerdicke Knollen am Ende der Wurzeln. Vorsichtig löste sie den Sand von der obersten Knolle und zog sie mitsamt der Wurzel heraus. Die anderen Gwa-Knollen ließ sie an Ort und Stelle. Zu gegebener Zeit würde sie sie für ein anderes Ritual ausgraben. Zärtlich strich Nakeshi über die dunkle Gwa-Knolle in ihren Händen, erst dann steckte sie sie in ihren mit bunten Straußeneierperlen bestickten Sammelbeutel und machte sich eilig auf den Heimweg.
Sheshe würde zufrieden sein! Das machte Nakeshi froh, denn sie liebte ihre Tante. Sie war die jüngere Schwester ihres Vaters Debe und stand ihr in vielem näher als ihre oft so rechthaberische Mutter Chuka. Nakeshi fühlte sich in vielerlei Hinsicht mit Sheshe verbunden. Und ihrer Tante ging es umgekehrt genauso. Denn nach dem Glauben der Joansi stand jeder Stern am Himmel für einen Menschen auf Erden. Sheshe und sie waren Sternenschwestern. Der große Kauha hatte sie beide im gleichen Sternenbild nebeneinander gehängt. Sie hatten einander erkannt und waren eine lebenslange Bindung eingegangen. Sie konnten sogar durch die Kraft ihrer Gefühle spüren, wie es dem anderen ging, und körperlos Kontakt zueinander aufnehmen. Sheshe war der erste Stern in ihrem Sternbild, den sie erkannt hatte.
Sie hatten so vieles gemeinsam. Genau wie ihre Tante mochte Nakeshi es, allein durch den Busch zu ziehen, um Feldkost zu sammeln. Sie genoss es, in aller Ruhe ihren Gedanken nachzuhängen und sich Einzelheiten ihrer Umgebung einzuprägen. Ihre Tante hatte ihr schon viel von den verborgenen Kräften in Pflanzen, Tieren und auch Orten erzählt und sie ein Stück weit in die Anderswelt, die Welt der Geister, eingeführt. Ihre Mutter Chuka sah das nicht gern. Ihr missfiel, dass ihre Tochter so viel allein war und sich damit der Gemeinschaft ihrer Gruppe entzog. Sheshe wurde nicht müde, sie dafür immer wieder in Schutz zu nehmen.
»Wie sollte Nakeshi denn anders sein als ich?«, wiederholte sie immer wieder. »Ihr Stern und meiner sind Schwestern am großen Himmelszelt!« Vielleicht war dieses Sternbild auch schuld daran, dass in Nakeshi ein genauso starkes Num heranzuwachsen begann wie in ihrer Tante. Schon zweimal war sie während der Regenmachertänze in Trance gefallen – und das, obwohl sie noch nicht einmal eine Frau war. Sheshe hatte es mit Freude und Besorgnis beobachtet. Der Trancezustand war äußerst gefährlich. Der Geist löste sich vom Körper und entschwebte in die Anderswelt. Wenn das Num, die Gabe, keine feste Verbindung zwischen Geist und Körper schuf, konnte der Geist sich nur allzu leicht vom Körper lösen und würde nie wieder zurückfinden. Um das zu verhindern, brauchten sie die Gwa-Wurzeln. Sheshe wollte Nakeshi zeigen, wie man aus der Wurzel einen Trank braute, mit dessen Hilfe sie sich in kontrollierte Trance versetzen konnte.
Wieder spürte sie das heftige Ziehen in ihrer Leiste. Sie versuchte es zu ignorieren und lief noch schneller. Doch schon nach wenigen Schritten blieb sie abrupt stehen. Voller Abscheu – jedoch ohne einen Blick dorthin zu wagen – registrierte sie, wie sich zwischen ihren Beinen etwas Feuchtes unangenehm auszubreiten begann. Es fühlte sich warm an und floss in dünnen Rinnsalen zu ihren Knien hin. Angst und Ekel erfüllten Nakeshi. Gleichzeitig ärgerte sie sich über ihre eigene Panik. Mit zugekniffenen Augen neigte sie ihren Kopf nach unten. Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie schließlich die Augen öffnete.
Es war, wie sie befürchtet hatte. Das warme Etwas war Blut! Es floss in feinen Schlangenlinien entlang den Innenseiten ihrer Schenkel bis zu ihren Knien, um von dort in den Sand zu tropfen. Vor Enttäuschung stieß sie einen lauten klagenden Schrei aus. Sie erschrak selbst über ihren unkontrollierten Gefühlsausbruch und hielt sich beide Hände vor den Mund. Schlagartig war ihr die Tragweite dieses Ereignisses bewusst geworden. Mit dem Blut, das aus ihrem Schoß tropfte, war das Ende ihrer Kindheit gekommen! Das Ende ihrer Freiheit! Tränen der Verzweiflung und Wut rannen über ihr Gesicht. Nakeshi gab sich ihrer Enttäuschung hin. Doch dann riss sie sich zusammen. Es hatte keinen Sinn, sich länger gegen das Unvermeidliche aufzulehnen. Es war der Wille Kauhas, des großen Erdschöpfers. Wie alle Joansi-Frauen würde sie nun das Ritual der Frauwerdung stumm über sich ergehen lassen müssen.
 
Mit hängendem Kopf machte sich Nakeshi auf den Heimweg. Je näher sie dem Lager ihrer Leute kam, umso schwerer wurde ihr Herz. Das Lager der Joansi lag unter einer großen Schirmakazie, deren Äste sich schützend wie ein Dach über eine von Rosinenbüschen eingegrenzte Lichtung breiteten. Selbst im Winter, wenn nur wenige Blätter an den Zweigen hingen, spendete der Baum genügend Schatten, um die heiße Zeit überstehen zu können. Rund um die Lichtung standen einfache Unterstände, die aus losen Zweigen und Ästen zusammengefügt waren. Die Zwischenräume hatte man mit langem, gelbem Buschgras ausgestopft. Die Behausungen waren gerade groß genug, dass sich darin zwei bis drei Buschmänner eng aneinanderkuscheln konnten. Doch das kam nur vor, wenn ein Sandsturm oder ein heftiger Regenschauer über sie hereinbrach oder wenn ein Paar ungestört Liebe machen wollte. Normalerweise blieben die Hütten leer, denn die Joansi schliefen lieber in der Nähe des wärmenden Feuers. Dieses Lager unter der Schirmakazie gehörte zu den Lieblingsplätzen von Nakeshis Gruppe. Sie kamen immer wieder gern hierher zurück. Es gab ausreichend Wasserknollen, und nur eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt war sogar eine im Sand verborgene Wasserstelle. Solange sie Wasser führte, gab es keinen Grund, sich ein anderes Zuhause zu suchen.
Wie es die Sitten ihres Volkes verlangten, blieb Nakeshi in Blickweite des Dorfes stehen und kauerte sich auf den Boden. Sorgfältig achtete sie darauf, dass der Vorder- und Hinterschurz um ihre Hüfte sowie der weiche Lederumhang, den sie trug, sie von Kopf bis Fuß bedeckten. Eingehüllt in Leder, auf den ersten Blick kaum von einem großen Stein zu unterscheiden, wartete sie geduldig, bis eine der Frauen sie entdecken würde. Jeder Mann würde bei ihrem Anblick schnell das Weite suchen, denn es brachte ihnen Unglück, ein Mädchen bei seiner ersten Blutung anzusehen. Abgeschirmt von der Außenwelt nahm sie die Geräusche um sich herum umso deutlicher wahr. Das Zirpen und Schnarren mancherlei Insekten, den heiseren Schrei eines Raubvogels und das Rascheln von Gras, wenn sich kleine Nagetiere um sie herum bewegten. Mit der einsetzenden Dunkelheit wachten die Menschen des Buschmannlagers aus der Lethargie des heißen Tages auf. Die Frauen kamen vom Sammeln der Feldkost zurück, Kinder tobten in wildem Spiel über den Lagerplatz, und das aufgeregte Palaver einiger Männer zeigte an, dass sie bei ihrer Jagd erfolgreich gewesen waren. Dennoch schien ihr die Zeit unendlich lang, bevor sie endlich entdeckt wurde. Ausgerechnet ihre Mutter Chuka und deren Schwester Goshi waren als Erste bei ihr. An der Art, wie Nakeshi auf dem Boden kauerte, erkannten sie sofort, was los war. Chuka klatschte begeistert in die Hände. Sofort fiel sie mit Goshi in den laut jubelnden »Ey-ei-ey-ei-ey-ei«-Gesang ein, der seit alters ein lange herbeigesehntes Fest ankündigte. Ihre Mutter hatte sich schon so lange auf diesen Augenblick gefreut. Seit vielen Monden wartete sie ungeduldig darauf, dass ihre Tochter endlich das Ritual der Frauwerdung erleben durfte. Weil sie schon gezweifelt hatte, ob mit ihr alles in Ordnung war, wollte sie nun ganz sichergehen. Sie hob Nakeshis Lederumhang leicht an. Was sie sah, befriedigte sie. Das angetrocknete Blut zwischen den Beinen ihrer Tochter bestätigte alles, was sie wissen wollte. Zärtlich strich sie ihr über den Kopf, bevor sie mit Goshi ins Dorf eilte, um die anderen Frauen über Nakeshis Zustand zu informieren.
 
»Ey-ei-ey-ei!«, jubelten die beiden Buschmannfrauen. »Kommt schnell her! Unsere Nakeshi ist dabei, eine Frau zu werden!« Sie rannten aufgeregt von einer Hütte zur anderen, bis sich schließlich alle zwölf Joansi-Frauen versammelt hatten. Die erste Blutung einer Frau war immer Anlass für ein ganz besonderes Fest. Es war ein Ereignis, das Glück brachte, weil es bedeutete, dass die Gruppe um ein vollwertiges Mitglied reicher geworden war. In einem Pulk liefen sie zu dem Lederberg, unter dem Nakeshi noch immer verborgen war. Die Frauen redeten aufgeregt durcheinander und diskutierten, was sie als Erstes tun sollten. Immer wieder berührten sie Nakeshi, weil es Glück brachte, und stießen dabei laute Freudenrufe aus. Schließlich einigten sie sich darauf, dass Chuka und Goshi die neue Hütte für das Fest bauen sollten, während Sheshe mit den jüngeren Frauen Nakeshi ins Dorf trug, wo sie dann für das Ritual zurechtgemacht werden würde. Nakeshi blieb in ihrer Kauerhaltung und versuchte dabei auf den Boden zu starren. Sie musste darauf achten, dass kein Mann ihr Gesicht zu sehen bekam. Der große Kauha und seine Llangwasi waren jetzt um sie, und es war Nakeshis Aufgabe, alles zu tun, um die großen Geister sich und ihrer Sippe gewogen zu halten. Dazu gehörte auch, dass sie während ihrer ersten Blutung jeden Blickkontakt mit den Männern vermeiden musste. Was jedoch nicht hieß, dass sie nicht registrierte, was um sie herum geschah. Aus ihren Augenwinkeln heraus erkannte sie Bô, einen jungen schlanken Jäger, der vor gar nicht langer Zeit erst zu ihnen gestoßen war. Wie alle Männer und Kinder änderte er bei ihrem Anblick rasch seine Richtung und suchte Zuflucht hinter den Hütten. Zu ihrer Überraschung klopfte ihr Herz für einen Augenblick schneller, und sie spürte eine gewisse Enttäuschung, weil sie plötzlich das Gefühl hatte, dass er sie nicht so mochte wie sie ihn. Die Frauen hörten nicht auf zu lachen und zu singen. Unter der großen Schirmakazie setzten sie Nakeshi ab. Im Schein der kleinen Lagerfeuer entkleideten sie das Mädchen und wuschen ihren nackten Körper mit einer Mongono-Nuss. Das fasrige, seifige Fruchtfleisch der Nuss verlieh ihrer Haut einen goldenen, samtigen Glanz. Anschließend wurde ihr Körper mit Bändern und Ketten aus Straußeneiperlen, bunten Samenkörnern und Federn geschmückt. Nakeshi ließ alles äußerlich reglos über sich ergehen, aber in ihrem Innersten fürchtete sie sich vor dem Unbekannten, das jetzt auf sie zukam. Während für die erwachsenen Frauen ihre erste Blutung ein riesiges Fest bedeutete, fühlte sie sich stark verunsichert und von den anderen auf eine beängstigende Art und Weise ausgeschlossen. Die Hütte, in der sie die nächsten Tage würde verbringen müssen, war nun fertig. Sie stand etwas außerhalb des Lagers, weit genug von den Männern und Kindern entfernt.
Keine der Frauen sprach mit Nakeshi, während sie sie durch die Dunkelheit zu der niedrigen Hütte führten. Sie behandelten sie, als wäre sie Luft. Selbst Sheshe war abweisend. Sie zeigte nur wortlos und ohne eine Miene zu verziehen in das finstere Innere der Behausung. Nakeshi kroch hinein. Schwarzes, kühles Nichts umschloss sie, während draußen die Frauen lärmten. Sie fror und zog zitternd den Lederumhang über sich, der ihr als einziger Gegenstand mit in die Hütte gegeben worden war. Wieder spürte sie Blut aus ihrem Schoß fließen. Nach kurzer Zeit drang das Flackern von Flammen durch die Ritzen ihrer Asthütte. Wärme spendeten sie nicht. Die Joansi-Frauen hatten in ihrer Nähe ein Feuer entzündet und sich darum tanzend und singend versammelt. Der Geruch von gebratenem Antilopenfleisch durchzog die Luft. Die dunklen Körper der tanzenden Frauen warfen zappelnde Schatten im flackernden Schein des Feuers. Sie sahen wie bedrohliche Geister aus. Es war ein Auf- und Abebben von wilden Verrenkungen und ruhigerem Stampfen. Wieder und immer wieder, stundenlang. Nach und nach gesellten sich auch die Männer dazu. Sie umringten die tanzenden Frauen, machten ihre Späße und aßen mit ihnen von dem frisch gebratenen Fleisch. So ging es die ganze Nacht. Der Mond hatte sich längst zur Ruhe gelegt, als die Bewegungen der Frauen ruhiger und der Gesang immer monotoner wurde, bis sich schließlich die Ersten müde an Ort und Stelle zur Ruhe legten. Nakeshi war unendlich müde und schlief ebenfalls ein. Doch kurz darauf wurde sie jäh aus ihrem Schlaf gerissen. Mit einem lauten Schrei sprang eine Frau in den Tanzkreis. Sie wirbelte wild herum und begann ausgelassen zu singen. Es war Sheshe. Nakeshi konnte sie deutlich durch die Ritzen in ihrer Hütte erkennen. Sie schien außer sich zu sein, wild und aufreizend wie eine Raubkatze. Und sie tat Dinge, die Nakeshi entsetzten. Es war offensichtlich, dass sie die Männer erregen wollte. Mit beiden Händen presste sie ihre Brüste zusammen und bot sie anzüglich den umstehenden Männern an. Einer griff kichernd zu und versuchte mit der anderen Hand Sheshe an sich zu ziehen, um sie zu küssen. Doch die fauchte wild, kratzte nach ihm und stieß ihn hart zurück. Nakeshi rieb sich die Augen. Sie wollte nicht glauben, was sie da sah. Was war mit ihrer Tante geschehen? Welcher Llangwasi war nur in sie gefahren? Doch Sheshes Vorführung war längst noch nicht vorüber. Die Männer waren nun in ihren Gesang eingefallen. Sie sangen ein ausgelassenes Paarungslied. Die immer schneller werdenden Rhythmen und die ständigen Wechsel zwischen tiefen und hohen Tönen stimulierten Sheshe noch mehr. Sie wirbelte mehrfach um ihre eigene Achse und riss sich dann mit einem lauten Schrei ihren Hüftschurz vom Leib. Ihr Körper zuckte und ihre drallen Pobacken sprangen immer schneller auf und ab, bis sie schließlich wie bei einem Krampf vibrierten. Mit breiten Schritten stampfte sie auf die Männer zu, bog sich nach hinten und bot ihnen schamlos ihre Öffnung dar. Dabei stieß sie obszöne Paarungsschreie aus. Nakeshi schob die Hände vor ihre Augen, um nicht weiter zusehen zu müssen. Ihre Scham wuchs mit dem lauten, begeisterten Johlen der Männer, das ihr wie geiles Brunftgestöhn wilder Tiere in den Ohren klang. Sie weinte vor Scham und Entsetzen und sehnte sich nach ihrer unbeschwerten Kindheit zurück. Doch der Krach vor ihrer Hütte ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Etwas zwang sie, doch immer wieder nach draußen zu blicken. Mit einer Mischung aus Ekel und zu ihrer Überraschung auch aufkeimender sexueller Lust beobachtete sie das ausgelassene Treiben Sheshes und der Männer. Erst im Morgengrauen fiel sie in einen kurzen, traumlosen Schlaf.
 
Als sie aufwachte, war es heller Tag. Sheshe tanzte immer noch. Doch ihre Bewegungen waren nicht mehr so wild und ausgelassen wie in der vorigen Nacht, sondern zitternd und schleppend, als wäre sie von einem schweren Fieber befallen. Ihre Tante befand sich in Trance. Nach und nach wachten die Frauen um das Lagerfeuer wieder auf. Sie erhoben sich verschlafen und begaben sich hinter die Rosinenbüsche, um Wasser zu lassen. Später versammelten sie sich wieder vor der Hütte und kauten an den Resten des gestrigen Festmahls herum. Nakeshi lief das Wasser im Mund zusammen, und ihr Magen knurrte erbärmlich. Zur Ablenkung starrte sie die Wände der Hütte an. Doch sie konnte an nichts anderes denken als daran, dass ihre Kehle ausgetrocknet war und ihr Magen sich vor Hunger zusammenkrampfte. Keiner hatte daran gedacht, ihr etwas zu essen oder zu trinken zu bringen. Dazu kam die Hitze. So kalt es in der Nacht gewesen war, so warm wurde es jetzt bei Tag. Trotz der schützenden Äste drückte die Sonne in die Hütte. Nakeshis Kopf dröhnte. Aber noch viel schlimmer war, dass sie sich so ausgeschlossen fühlte. Flirrendes Licht huschte über ihr Gesicht. Es kam von den Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg in die Hütte suchten. Auf ihrem täglichen Lauf über den Himmel stach die Sonne unbarmherzig auf sie herab. Wo kam sie her? Nakeshi musste an die Geschichte denken, die Debe ihr als Kind so oft erzählt hatte. Eines Tages, vor langer Zeit, hatten die Buschmänner die Sonne auf einem ihrer Streifzüge entdeckt. Sie hatten sie als ihre Tochter erkannt. Und weil es ihre Tochter war, mussten sie sie durch die Welt tragen. Aber die Sonne war so heiß und verbrannte ihnen die Schultern, sodass sich die Männer oft beim Tragen abwechseln mussten. Als aber alle ihre Schultern verbrannt waren, konnten sie nicht mehr. Sie ließen die Sonne im Busch liegen und brachten sie nicht bis zu ihren Hütten. Der Ort, wo sie liegen geblieben war, das ist der Ort, wo die Sonne jeden Morgen aufgeht.
Nakeshi fühlte sich wie die Sonne. Man hatte sie einfach in der Hütte abgelegt.
Die Zeit zog sich wie zäher Harz an den Bäumen dahin. Die Sonne stieg bis zu ihrem höchsten Punkt, sank herab und legte sich schließlich schlafen, um einer neuen, langen Nacht zu weichen. Mit der einsetzenden Dunkelheit versammelten sich die Frauen wieder vor Nakeshis Hütte und tanzten, sangen und aßen wie am Abend zuvor. Nur Sheshe fehlte. Am nächsten Morgen gingen die Frauen und Männer ihren gewohnten Tätigkeiten nach, und es wurde still vor ihrer Hütte. Lediglich ein paar Alte saßen abseits im Schatten der Akazie und stellten Schmuck aus Samen und Straußeneierschalen sowie Schnüre aus der Sisalpflanze her. Um sie herum spielten die kleineren Kinder, die noch nicht mit zum Sammeln von Feldkost gehen konnten. Ihr leises Murmeln und ihr Lachen hatten etwas Tröstliches.
 
Am dritten Tag wusste Nakeshi nicht mehr, wie lange sie schon in der Hütte war. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Ein Schleier von Gleichgültigkeit begann sich über ihren Geist zu legen. Die Stimmen der Menschen draußen vor der Hütte fingen an, sich zu verzerren. Sie verstand den Inhalt des Gesagten nicht mehr und war auch gar nicht interessiert daran. Bald trübte sich ihr Gesichtsfeld ein. Farben und Formen verschoben sich und wurden zu Halluzinationen. Aus den grauen Zweigen ihrer Hütte wurden lebendige Schlangen, die sich wild ineinander verknoteten und ihr so den Weg in die normale Welt versperrten. Seltsamerweise verspürte Nakeshi keinerlei Angst dabei. Im Gegenteil, sie empfand die Schlangenbrut wie einen Schutz. Immer wieder floss Blut aus ihrer Scheide, auch wenn es deutlich weniger wurde. Mittlerweile hatte es seinen Schrecken verloren. Nakeshi begriff, dass die Blutung etwas Gesundes war, das wie ein Geschenk aus ihr herausfloss und das sie nun in den Kreislauf der Natur zurückgeben konnte. Kauha zeigte ihr dadurch, dass sie ein Teil seiner Schöpfung war. Kauha hatte Debe den Samen gegeben, um ihn in den Schoß ihrer Mutter zu pflanzen. So war sie geboren worden, um nun selbst zum Gefäß zu werden, um eines Tages jemand anderem auf diese Welt zu verhelfen. Und wenn sie starb, würde sie wieder zurück zu Kauha in sein großes Himmelshaus kommen. War es vielleicht das, was Sheshe ihr durch ihren obszönen Tanz hatte zeigen wollen?
Plötzlich bäumte sich Nakeshis Körper auf und begann sich zu verkrampfen. Einzelne Muskeln zuckten und gaben ihre Schwingungen an die benachbarten Muskeln weiter, bis schließlich ihr gesamter Körper wie von einem Sturm wild durchgeschüttelt wurde. Nakeshi spürte, wie ihr Geist aus ihrem Körper drängte. Sie versuchte sich dagegen zu wehren, doch es war vergebens. Ein kräftiger Stoß katapultierte ihn weit hinaus in die Weiten der Unendlichkeit.
Sie war überrascht von der Freiheit, die sie plötzlich ohne ihren Körper verspürte. Es war ein merkwürdiges, ganz leichtes Gefühl. Und dann stellte sie staunend fest, dass sie wie ein Vogel flog! Weit unter sich erkannte sie ihren Lagerplatz mit den Hütten. Sie sah, wie ihr Vater hinter einem Rosinenbusch einem Springbock auflauerte und ihn schließlich mit einem Pfeilschuss verletzte. Vier andere Jäger warteten gut versteckt auf sein Zeichen, bevor sie dem waidwunden Tier durch das Dickicht folgten. Sie entdeckte ihre Mutter und Goshi beim Sammeln von Feldkost. Sie lachten und erzählten sich Geschichten. Auf einer kleinen Lichtung, nahe dem verborgenen Wasserloch, saß Sheshe. Sie hob kurz ihren Kopf und sah zu ihr hinauf und dann – Nakeshis Herz machte einen kleinen Hüpfer – dann winkte sie ihr zu und lachte!
Nakeshi versuchte ebenfalls zu winken, aber eine unbändige Kraft zog sie fort von ihren Leuten. Sheshe, die Bäume, die Landschaft wurden immer kleiner. Bald waren Menschen und Tiere nur noch winzig kleine Punkte. Immer höher trug es sie hinaus. Doch wohin? Eine Zeit lang glaubte sie, die ewige Reise zu Kauha angetreten zu haben.
Sah so der Tod aus?
Nakeshi verspürte keine Angst, obwohl sie ein wenig bedauerte, dass ihr Leben so kurz gewesen war. Bô kam ihr in den Sinn. Würde er sie vermissen? Er hatte ihr nie gezeigt, ob er sie mochte. Sie würde es wohl nie erfahren. Stattdessen würde sie bald das große Himmelshaus sehen. Wem würde sie dort begegnen? Großmutter Nisa und Großvater Dau? Sie würden ihr sicherlich helfen, sich im großen Haus der Ahnen zurechtzufinden.
Doch Nakeshi steuerte nicht auf das große Himmelshaus zu. Plötzlich stoppte ihr Flug nach oben, und sie wurde wie eine Feder im Wind parallel zur Erde weiter über die Landschaft geblasen. Bald tauchte am Horizont eine große, dunkelblaue Fläche auf. Sie wirkte bedrohlich und riesig groß. Auf ihrer Oberfläche tanzten kleine weiße Schaumkronen. Zu ihrem Erstaunen erkannte sie, dass es Wasser war. So viel Wasser! Welch eine Verschwendung! Hatte das Wasser das Land unter sich verschluckt? Nakeshi näherte sich der Grenze, wo Wasser und Land aufeinandertrafen. Der Ort war noch heißer und erbarmungsloser als die Kalahari. Kein Busch, kein Baum wuchs an den Stränden, nur riesenhafte, rot leuchtende Sandberge reihten sich so weit das Auge reichte aneinander. An den Stränden entdeckte sie Skelette von großen Tieren, noch größer als die von Elefanten. Grellweiß lagen die Knochen in der sengenden Hitze der Dünen. Es mussten Ungeheuer aus dem großen Wasser gewesen sein, denn Nakeshi hatte noch nie solche Knochen gesehen. Warum waren sie gestorben? Welche Llangwasis hatten sie dorthin gelockt? Hier war kein Leben möglich. Und schon blies der Wind sie weiter. Inständig hoffte sie, dass sie nicht über dem großen Wasser, über das sie jetzt flog, abstürzen würde. Die auf und ab rollenden Wellenberge unter ihr machten ihr große Angst. Bestimmt war dieses Wasser voller böser Geister und wartete nur darauf, sie zu verschlingen! Aber Nakeshi konnte nichts tun. Sie konnte ihren Flug weder steuern noch beeinflussen, sondern wurde von dieser unsichtbaren Kraft immer weiter gezogen. Immer weiter über das stürmische Wasser, bis sie nach unendlich langer Zeit wieder Land unter sich entdeckte. Doch dieses Land war so anders als ihre Heimat! Es war felsig und saftig grün und von hohen, blauen Bergen mit weißen Spitzen durchzogen. Nakeshi musste an die Muster von geflochtenen Körben denken, die ihr Volk herstellte. Nur war alles viel bunter und farbenprächtiger. Sie hatte nicht geglaubt, dass solche Farben überhaupt möglich waren. War sie etwa doch auf dem Weg zu Kauha? Welch ein Überfluss an Nahrung es in diesem Land gab! Grünes Gras für die Antilopen und Feldfrüchte ohne Ende. Alle Joansi, ach was, alle Buschmänner der Kalahari konnten davon satt werden. Wie kam es, dass hier so viel wuchs, noch viel mehr, als wenn in der Regenzeit die Feldkost aus dem Boden spross?
Nakeshi bemerkte, dass sie an Höhe verlor und sich ihr Flug verlangsamte. Je näher sie diesem fruchtbaren Paradies kam, umso erschreckender und wundersamer wurde es. Sie entdeckte Dinge, die sie noch nie gesehen hatte. Viereckige Höhlen aus Stein, wie sie die weißen Menschen am Rande der Wüste bewohnten, nur viel größer. Die Höhlen standen dicht aneinander; und es waren viele – mehr, als die größte Herde in ihrer Heimat Tiere zählte. Außerdem waren sie hoch, so hoch wie Berge, und besaßen Löcher oder Augen, die gelb in die Nacht hinausblitzten. Braune Zebras liefen auf grauen Pfaden und zogen rollende Kürbisse hinter sich her. Darin eingesperrt entdeckte sie Menschen. Am unheimlichsten aber fand sie die grauen Ungeheuer, die giftig schwarzen Rauch in die Luft stießen. Sie heulten vor Anstrengung, während sie auf schmalen, glänzenden Wegen dahinstampften. Hin und wieder hielten sie an und spuckten Menschen aus ihrem Leib, um sogleich wieder andere zu verschlucken. Ein furchterweckendes Raubtier!
Nakeshi spürte einen heftigen Ruck. Im selben Moment verlor sie an Höhe und sank herab. Mit der Kraft ihres Willens versuchte sie dagegen anzukämpfen. Doch es half nichts. Sie sank weiter hinab – dieser unheimlichen Welt mit ihren erschreckenden Steinhöhlen entgegen. Voller Entsetzen stellte sie fest, dass die Kraft sie immer schneller in Richtung Boden riss. Gleich würde sie zerschellen! Wie ein Wirbelwind raste sie auf einen Platz mit vielen Menschen zu, direkt auf eine Holzbude, aus der eine Menschentraube strömte. Nakeshi schloss die Augen. So also war das Ende!
ERSTER TEIL
Berlin
Lohnabzug
Der Sommer hatte Berlin fest im Griff. Die Luft war drückend und schwül, das Sonnenlicht wurde vom gleißend weißen Staub der Straße reflektiert. Eine alte, klapprige Schindmähre quälte sich im Schneckentempo über den Mühlendamm und zog ein voll beladenes Fuhrwerk hinter sich her. Auf seiner Pritsche befand sich ein Berg rostiger Eisenschrott, der sich durch das Geschaukel immer mehr ineinander verkeilte und dabei stumpfe, metallene Geräusche von sich gab. Auf dem Kutschbock saß ein ausgemergeltes, kleines Männlein, die Schiebermütze tief im Gesicht. Er wedelte nervös mit einer langen Reitpeitsche vor der Schnauze des Pferdes herum. Das Tier scherte sich um die Peitsche nicht mehr als um die Fliegen, die seinen Kopf umschwirrten, und trottete unbeirrt seines Wegs. Es ließ sich auch nicht durch eine Horde barfüßiger Kinder stören, die johlend seinen Weg kreuzten und einen rollenden Holzreifen verfolgten, um ihn mit ihren Stöcken anzutreiben. Der Kutscher schimpfte dafür umso mehr und schickte den Kindern derbe Flüche hinterher. Ansonsten war die Straße menschenleer. Wer es sich leisten konnte, flanierte um diese Zeit im Schatten der großen Bäume, die der Prachtallee »Unter den Linden« ihren Namen gegeben hatten, oder trank eine kühle Molle in einer der vielen Gartenwirtschaften. Der größte Teil der Bevölkerung ging um diese Zeit allerdings seiner Arbeit nach und schuftete in einer der vielen Fabriken, die in den letzten Jahrzehnten wie die Pilze aus dem Boden geschossen waren. Oder sie verrichteten in den muffigen Mietskasernen Näharbeiten, wuschen anderer Leute Wäsche in einem der vielen Hinterhöfe und verkauften auf der Straße mit ihren Handkarren Waren aller Art. Die Welt veränderte sich dieser Tage rasend schnell. Überall herrschte Fortschritt. Kaiser Wilhelm II. hatte von einem neuen, einem goldenen Zeitalter gesprochen. Das Baufieber schoss hoch in den Adern der Stadt. Ganze Stadtviertel wurden in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft. Täglich zogen mehr Menschen in die Stadt, um ihr armseliges Leben auf dem Land in ein vielversprechenderes Leben in der Stadt einzutauschen. Sie suchten Wohnungen und Arbeit. Monat für Monat entstanden neue Wohnblöcke mit bis zu zehn Hinterhöfen. Sie befanden sich meist in der Nähe der großen Fabriken, deren Wahrzeichen die in den Himmel wachsenden roten Ziegelschornsteine waren. Die Industrie brummte. Die Auftragsbücher der Agfa, Borsig sowie der beiden Elektroriesen Siemens & Halske und AEG waren voll, die hohen Herren zufrieden, während Tausende von Arbeitern in ihren Fabriken fleißig wie die Ameisen Tag für Tag zwölf Stunden und mehr malochten.
 
Jella bog links ab zur Fischerbrücke, die zum Krögel führte. Mit einem Ächzen stellte sie den Wäschekorb ab, um ein wenig zu verschnaufen. Der Weg von der Andreasstraße am Schlesischen Bahnhof bis zum Krögel war nicht nur weit, sondern in der Hitze auch ziemlich beschwerlich. Mit beiden Händen versuchte sie sich ein wenig frische Spreeluft zuzufächeln, aber selbst hier am Fluss war die Luft dampfig und schwer. Schweiß rann über ihr Gesicht. Jella kramte in ihren Rocktaschen nach dem Taschentuch und wischte sich damit über die Stirn. Dann packte sie den geflochtenen Wäschekorb an seinen Griffen und machte sich weiter auf ihren Weg zu Lies Schmodde, die ungeduldig auf ihre Waren wartete. In dem Korb lag das Ergebnis von drei Wochen Schufterei. Sie und ihre Mutter hatten Tag und Nacht an den bestellten Malerkitteln genäht. Jetzt waren alle zwanzig Stück fertig, jedes einzelne frisch gewaschen, gebügelt und gestärkt. Wie Jella das Nähen hasste! Obwohl sie gern mit ihren Händen arbeitete und sich auch durchaus geschickt anstellte, wenn es um technische Dinge ging, verabscheute sie das penible Arbeiten mit Nadel und Nähmaschine doch sehr. Die Zeit, die zum Anfertigen eines Nähstücks erforderlich war, stand für sie in keinerlei Verhältnis zu dem Lohn, den man dafür erwarten konnte. Außerdem stahl das Nähen kostbare Zeit, Zeit, die man für durchaus nützlichere Dinge verwenden konnte. Für das Studium der Naturwissenschaften zum Beispiel, denn das war ihr größter Traum! Aber im Moment war sie von der Erfüllung ihres Traums weiter entfernt als vom Mond. Und das nur, weil ihr Großvater so ein bornierter Sturkopf war! Immer, wenn Jella an den selbstherrlichen Baron Gernot von Sonthofen dachte, spürte sie diese dumpfe Wut über seine Ungerechtigkeit in sich aufsteigen. Bis zu dem großen Eklat vor einigen Monaten hatten sie und ihre Mutter Rachel bei ihm in seiner vornehmen Villa im Tiergarten gelebt. Es hatte ihnen äußerlich an nichts gefehlt, und doch war das Haus nie ihr Zuhause gewesen. Jellas Mutter behauptete zwar, dass der Großvater sie auf seine verhaltene preußische Art wohl mochte, nur war er offensichtlich unfähig, es zu zeigen. Mögliche Liebe verbarg er erfolgreich hinter äußerster Strenge und eisenharter Disziplin. Dazu ließ er all seinen Unmut an ihrer Mutter Rachel aus. Er hatte ihr nie verziehen, dass sie sich von seinem einzigen Sohn hatte schwängern lassen. Denn erstens war sie katholische Irin, und zweitens war sie ohne anständige Familie und somit nicht standesgemäß. Allein der Gedanke daran empörte Jella, und sie blies eine ihrer roten Locken aus ihrem Gesicht.
Baron Gernot von Sonthofen hatte die hochschwangere Rachel vor vielen Jahren nicht etwa aus Pflichtgefühl bei sich aufgenommen, sondern weil er sich in seiner Verbitterung an ihr dafür hatte rächen wollen, dass sein einziger Sohn ihn verlassen hatte. Johannes von Sonthofen, Jellas Vater, hatte mit ihm im Streit gebrochen und war nach Afrika verschwunden. Seit ihrer Ankunft vor beinahe achtzehn Jahren hatte der Baron keinen Tag verstreichen lassen, an dem er Rachel nicht wie eine Almosenempfängerin behandelt hätte. Er hatte keine Gelegenheit ausgelassen, um ihr zu zeigen, wie unerwünscht sie in seinem Hause war und dass er sie nur duldete, weil sie die Mutter seiner einzigen Enkelin war. Rachel war eine stolze Frau. Trotzdem hatte sie bisher klaglos die kleineren und größeren Schikanen des verbitterten Barons ertragen. Sie wollte für Jella ein gesichertes Zuhause, das sie ihr allein nie hätte bieten können. Es hatte sie damals große Überwindung gekostet, hochschwanger, wie sie war, beim Baron aufzutauchen und ihn um Hilfe zu bitten. Doch sie hatte keine andere Lösung gesehen. Jellas Vater war nach dem schrecklichen Streit mit seinem Vater in die deutsche Kolonie Südwestafrika abgereist, um dort sein Glück als Geologe zu machen. Er hatte Rachel geschworen, sie nachzuholen, sobald er in der Fremde Fuß gefasst haben würde. Bei seiner Abreise hatte er nicht einmal geahnt, dass er sie schwanger zurückgelassen hatte. Nachdem die Schwangerschaft sichtbar geworden war, hatte Rachel ihre Stellung als Gouvernante verloren. Von einem auf den anderen Tag hatte sie schwanger und mittellos auf der Straße gestanden. Um nicht mit ihrem Kind als Obdachlose in den Gassen Berlins zu verkommen, war ihr gar keine andere Wahl geblieben, als sich an Johannes’ Vater zu wenden in der Hoffnung, dass Johannes sie und ihre kleine Tochter eines Tages nach Deutsch-Südwestafrika holen würde. Achtzehn Jahre waren seither vergangen. Aber Johannes von Sonthofen hatte sich nie gemeldet.
Jella hätte ihrem Großvater eigentlich dankbar sein müssen. Schließlich hatte er für ihren Unterhalt gesorgt und ihr eine Schulbildung ermöglicht. Nachdem Jella die Höhere Töchterschule als Beste abgeschlossen hatte, erlaubte er ihr sogar, das Gymnasium zu besuchen. Jetzt gehörte sie zu den wenigen deutschen Mädchen, die das Abitur besaßen. Als Mann hätte ihr damit die Welt offen gestanden. Aber als Frau... Wie gern hätte Jella Medizin oder Naturwissenschaften studiert. Sie war überaus neugierig, technisch interessiert und praktisch veranlagt. Doch als sie, unterstützt von ihrer Mutter, mit ihren Wünschen und Vorstellungen zu ihrem Großvater gekommen war, hatte sie ihr blaues Wunder erlebt.
 
»Was für Flausen!«, knurrte der Baron. »Ein Studium ist Männersache. Frauen haben sich um Haus und Kinder zu kümmern!«
»Aber das kann ich doch immer noch nach dem Studium«, argumentierte Jella. Der Großvater strafte sie mit einem abfälligen Blick.
»Deine Mutter hat es verpasst, dir den nötigen Anstand beizubringen. Die Regeln in diesem Haus stelle immer noch ich auf!«
»Es geht doch nicht um Regeln, sondern um meine Ausbildung. Ich möchte Naturwissenschaftlerin werden und forschen oder, noch besser, Medizin studieren und den Menschen helfen. Dadurch werde ich unabhängig und kann für mich selbst sorgen.«
»Was für eine aufsässige und impertinente Person du bist!«
»Lieber Baron«, versuchte Rachel ihn zu beschwichtigen. »Meine Tochter denkt gar nicht daran, Ihren Anweisungen nicht Folge zu leisten. Sie hat nur sehr klare und, wie ich finde, vernünftige Vorstellungen davon, wie sie ihr Leben gestalten möchte. Ich bitte Sie, ihre Vorschläge wenigstens anzuhören!«
»Papperlapapp«, schnaubte der Baron ungehalten. »Was fällt Ihnen ein, sich in meine Entscheidungen zu mischen. Jella und Sie leben unter meinem Dach und unter meiner Obhut, also werden Sie sich gefalligst nach mir richten! Sie werden einsehen müssen, dass ich am besten weiß, was gut für Jella ist.«
»Das wissen Sie nicht!«, entgegnete Jella heftig. »Sonst würden Sie mich meinen eigenen Weg gehen lassen. Ich kann genauso viel leisten wie jeder Mann. Mein Abitur habe ich schließlich mit Auszeichnung bestanden. Soll ich das alles umsonst getan haben?«
Der alte Baron schüttelte ungehalten den Kopf. »Nichts wird umsonst gewesen sein! Du sollst deine Ausbildung haben. Ich habe bereits Vorkehrungen getroffen. Wenn du es unbedingt willst, dann darfst du das Lehrerinnenseminar des Lette-Vereins besuchen. Allerdings...«, er machte eine kurze Pause, »... wirst du selbstverständlich niemals den Beruf der Lehrerin ausüben. Schließlich wirst du eines Tages Baronesse oder gar Gräfin sein und den Familienbesitz erben. Während du dich deiner Ausbildung widmest und hoffentlich auch Nützliches für dein zukünftiges Zuhause erlernst, werde ich die Zeit nutzen, dir einen passenden Bräutigam zu finden.«
Jella verschlug es die Sprache. Sie schnappte ungläubig nach Luft. »Einen Bräutigam?«, brachte sie schließlich hervor. »Aber ich beabsichtige keineswegs, in nächster Zeit zu heiraten! Außerdem... was soll ich bei dem Lette-Verein, der ohnehin nicht mehr als eine Hausfrauendrillanstalt ist, wenn ich nicht einmal Lehrerin sein darf?«
»Potzblitz«, donnerte der alte Herr los. Jella hatte ihn wieder einmal aus der Fassung gebracht. Er war maßlos empört. »Du wirst heiraten, und zwar ohne Wenn und Aber! Es wird ohnehin schwer genug werden, für dich einen passenden Kandidaten zu finden, der sich bereit erklärt, die uneheliche Tochter eines Barons zu nehmen. Basta!«
Seine laute, befehlsgewohnte Stimme vibrierte eine geraume Zeit im Raum nach. Rachel wagte es dennoch, seine Autorität in Frage zu stellen.
»Da habe ich wohl auch noch ein Wort mitzureden, Baron«, warf sie mit leiser, aber fester Stimme ein. »Schließlich bin ich immer noch ihre Mutter. Sie sollten wenigst...«
»Halten Sie Ihren Mund, Sie unverschämte Person!«, unterbrach der Baron ungehalten ihr Wort. »Sie vergessen, dass Sie in meiner Schuld stehen! Ich habe dem Kind meinen Namen gegeben.«
Rachel zuckte wie ein geprügelter Hund zusammen und schwieg. Jella hatte es fast das Herz zerrissen, weil der Großvater ihre Mutter vor ihren Augen so demütigte. Gleichzeitig wuchs ihr Zorn.
»Wie können Sie es wagen, so mit meiner Mutter zu reden?«, schnaubte sie empört. »Außerdem haben Sie kein Recht, über mich zu bestimmen. Ich bin weder Ihr Dienstpersonal noch ein Stück Vieh, das man verschachern kann! Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Meinung. Sie werden mich zu nichts zwingen, weil...«
Der Großvater beendete ihre Rede mit einer wütenden Handbewegung. Drohend schob sich sein Kinn nach vorn, während seine andere Hand über den grau gezwirbelten Kaiserbart strich. Er war kurz davor zu explodieren. »Weil was?«, fragte er schneidend. »Weil ich euch sonst hinauswerfe? Das würde dir nämlich blühen, wenn du nicht gehorchst. Ich dulde keine Widerrede mehr! Hast du mich endlich verstanden?«
Jella erwiderte unerschrocken seinen Blick, was ihn noch mehr aufbrachte. »Du bist ganz einfach nicht in der Position, irgendetwas zu entscheiden«, polterte er los. »Als uneheliches Kind bist du eine Last. Du machst dir keinerlei Vorstellungen, wie schwer es für mich sein wird, dich vernünftig und standesgemäß unter die Haube zu bringen. Dazu benötige ich Zeit. Deswegen und allein deswegen erlaube ich dir, das Lehrerinnenseminar zu besuchen.« Mit diesen Worten hatte er sich umgedreht und grußlos den Raum verlassen.
Die Worte »Last« und »uneheliches Kind« waren wie ein Richtbeil über Jella und ihrer Mutter im Raum hängen geblieben. Dieses Mal hatte es der alte Herr zu weit getrieben. In diesem Augenblick war Jella bewusst geworden, dass der Großvater sie nur aufgenommen hatte, um sie und ihre Mutter dafür leiden zu lassen, dass Johannes auf seinen Titel und sein Erbe verzichtet hatte und stattdessen als freier Mensch nach Deutsch-Südwestafrika gegangen war. Für den Großvater war sie nichts anderes als eine Schachfigur, die er nach seinem Belieben und entsprechend seiner Taktik über das Brett ziehen konnte. Und das konnte und wollte sie sich nicht länger gefallen lassen. Und sie wollte auch nicht, dass ihre Mutter noch länger unter dem Tyrannen litt.
Es hatte nur wenig Überzeugungskraft gekostet, ihre Mutter zu überreden. Wenig später hatten sie die prachtvolle Villa am Tiergarten verlassen. Mit dem wenigen Geld, das sie besaßen, hatten sie sich am Schlesischen Bahnhof im Keller eines heruntergekommenen Mietshauses ein Zimmer gemietet und verdienten seither ihr Geld mit Näharbeiten.
 
Jella wischte die Erinnerung beiseite und genoss den zarten Windhauch, der am Ende der Brücke leise über ihr Gesicht strich. Vor ihr lagen die finsteren, dampfigen Gassen des Krögel, jenem baufälligen Viertel von Berlin, in dem seit Jahrhunderten die Ärmsten der Armen wohnten. Hier gab es weder fließendes Wasser noch eine Straßenbeleuchtung, geschweige denn Aborte, die die Fäkalien in die Abwasserkanäle geleitet hätten. Die Rinnen der Gassen waren selbst im Sommer feucht und rochen nach den Inhalten der Nachttöpfe, die einfach aus den Fenstern der Häuser entleert wurden. Jella überkam ein fröstelndes Erschauern, als sie das dunkle Viertel betrat. Ihr Zimmer in der Andreasstraße war schon armselig genug, aber das Krögel war noch viel heruntergekommener. Die schmutzig graugelben Häuser waren so eng aneinandergebaut, dass sich ihre Giebel oben fast berührten. Ein kleiner Funke würde genügen, um das ganze Stadtviertel in Brand zu setzen. Sobald Jella in die engen Gassen eintauchte, wurde es dunkel. Noch an das gleißende Licht der Sonne gewöhnt, hatte sie anfangs Mühe, sich in der Dunkelheit zwischen den Häusern zu orientieren. Für einen kurzen Augenblick war sie wie blind. Das wurde ihr zum Verhängnis. Als sie den angetrunkenen Arbeiter entdeckte, war es bereits zu spät. Unberechenbar wie ein schlingerndes Schiff kam er auf sie zugesteuert. Sie wich aus, er folgte ihr, und schon war es geschehen. Die Heftigkeit ihres Zusammenstoßes brachte Jella aus dem Gleichgewicht. Im letzten Moment gelang es ihr, sich an der Hauswand abzustützen. Dabei entglitt ihr der Wäschekorb. Krachend kippte er auf die Gasse, und die Wäschestücke landeten im Straßenstaub.
»Trottel!«, stieß Jella aufgebracht hervor. »Können Sie nicht aufpassen?«
Der Betrunkene lehnte nach dem Zusammenprall an der gegenüberliegenden Hauswand. Er versuchte Jella mit seinen vom Alkohol getrübten Augen zu fixieren. Offensichtlich hatte er Mühe, zu begreifen, was geschehen war. Schließlich stieß er sich von der Wand ab und versuchte, allein zu stehen. Dabei schwankte er wie eine Boje auf der Havel. Statt einer Antwort stieß er einen lauten Rülpser aus.
»Pass doch selber uff!«, lallte er schließlich und hob zur Bekräftigung seinen Zeigefinger in die Höhe. Dann stolperte er einen Schritt vorwärts, konzentrierte sich dabei auf seine nächsten Schritte und torkelte direkt auf die am Boden verstreuten Malerkittel zu. Jella stieß einen Schrei aus und versuchte gleichzeitig, den Betrunkenen an seiner Jacke zurückzureißen. Vergeblich. Bevor sie ihn erreichen konnte, hatte er bereits auf einem der Wäschestücke zwei deutlich sichtbare Stiefelabdrücke hinterlassen. Jella kämpfte mit ihrer aufsteigenden Wut. Am liebsten wäre sie dem Idioten an die Gurgel gesprungen. Doch das würde den Malerkittel auch nicht wieder sauber machen. Stattdessen stiegen ihr Tränen in die Augen. Drei Wochen harte Arbeit lagen verstreut in der Gosse herum und waren vielleicht nicht mehr zu gebrauchen. Die Schmodde würde ihr den Hals umdrehen! Bevor noch mehr Schaden entstand, beeilte sie sich mit dem Einsammeln der Wäsche. Sorgfältig legte sie Kittel für Kittel zurück in den Korb. Auf den zweiten Blick war der Schaden nicht so groß, wie sie befürchtet hatte. Der Staub von der Gasse ließ sich abklopfen. Nur ein Malerkittel war durch die Fußabdrücke ernsthaft verschmutzt. Auch das war schlimm genug. Wenn Lies Schmodde das mitbekam, würde es einen ordentlichen Lohnabzug geben. Ganz abgesehen davon, dass sie sich den Vorschuss, den sie für ihre Miete erbitten wollte, gleich ganz aus dem Kopf schlagen konnte. Es war zum Verzweifeln. Sie musste einen Ausweg finden. Vielleicht übersah die Zwischenhändlerin den verschmutzten Kittel ja! Jella legte ihn sorgfältig zusammen und schob ihn ganz unten in den Korb. Wütend ballte sie die Faust in Richtung des Betrunkenen. Dann setzte sie ihren Weg fort, vorbei an den Werkstätten und Remisen, von deren Mauern der Putz abbröckelte. Weiter in die dunklen Hinterhöfe, in denen die Mülleimer überquollen, bis sie schließlich zu einem düsteren, schmalen Treppenaufgang kam und die ausgetretenen Stufen hinauf zur Wohnung der Schmodde stieg.
 
Jella pustete eine der widerspenstigen, kupferroten Locken aus ihrem Gesicht und klemmte sie hinter ihr Ohr. Erst dann zog sie entschlossen an dem Klingelzug neben der Tür. Eine Zeit lang tat sich gar nichts. Dann hörte sie Keuchen und Stöhnen, begleitet vom Schieben und Rücken eines schweren Holzmöbels. Jella konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie stellte sich vor, wie Lies Schmodde ihren eingepressten Nilpferdhintern aus dem Ohrensessel zwängte, um dann mit schwerfälligem Schlurfen zur Tür zu ächzen. Das Drehen des Schlüssels im Türschloss verriet ihr, dass die Alte es geschafft hatte. Wie üblich öffnete sie die Tür nur einen Spalt weit und linste mit ihren wässrig blauen Augen hinter eingehängter Kette auf den Gang hinaus.
»Dat Jettchen!«, rief sie mit ihrer öligen Stimme. »Dat wurde aber auch Zeit!«
»Mein Name ist Jella, nicht Jettchen«, korrigierte Jella verärgert. Lies Schmodde wusste genau, wie ihr richtiger Name lautete. Es bereitete ihr immer wieder ein diebisches Vergnügen, aus dem irischen Namen Jella den Berliner Namen Jette zu machen.
»Nu mecker ma nich rum; komm lieber mal rinne!« Die Schmodde löste die Kette und öffnete die Tür. Bevor Jella etwas erwidern konnte, zog sie sie in die Wohnung hinein und schloss sofort hinter ihr wieder ab. Lies Schmodde war von Haus aus misstrauisch. Sie war eine Art Maklerin, die im Auftrag von Großhändlern genähte Waren wie Malerkittel, Kindermäntel, Pelerinen und anderes besorgte und dann gewinnträchtig weiterverkaufte. Während sie den Frauen, die für sie nähten, einen Hungerlohn von sieben Pfennig pro Stunde bezahlte, machte sie beim Verkauf an den Großhändler das Zehnfache an Gewinn, ohne auch nur einen Handstreich dafür tun zu müssen. Jella vermutete, dass sie eine Menge Geld im Haus versteckt hatte und aus gutem Grund fürchtete, beklaut zu werden. Nicht zu Unrecht, denn der Krögel steckte voller Gauner und Habenichtse. Jella hatte sich schon oft gefragt, warum die Schmodde und ihr Sohn Olaf nicht schon längst in ein besseres Viertel gezogen waren. Vermutlich hatte es damit zu tun, dass Olaf und sie hier im Krögel ein festes Netzwerk an Dieben, Betrügern und Schurken, wie sie selbst welche waren, besaßen. Schmoddes Pomade liebender Sohn war schon mehrere Male mit der Polizei in Konflikt geraten. Es ging das Gerücht, dass er dem Glücksspiel verfallen war und seine Schulden auf so dubiose Weise wie durch Einbrüche und Erpressungen beglich. Hier im Krögel war er relativ sicher, denn es gab immer jemanden, der ihm ein Alibi verschaffte. Außerhalb des Kiez wäre das wohl kaum möglich gewesen.
»Nun stell deinen Korb mal rasch hinten in den Salon«, forderte die Schmodde Jella auf. »Warum bist du denn nicht früher gekommen?«, meckerte sie. »Der Bolle wollte die Lieferung schon viel eher haben. Jetzt macht er mir womöglich noch’nen Abzug!«
Beim Wort »Abzug« zuckte Jella unwillkürlich zusammen. Es war nicht nur Lies Schmoddes absolutes Lieblingswort, sondern sie setzte es auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Tat um.
»Wir haben uns alle Mühe gegeben«, versuchte sie sich zu rechtfertigen. »Aber meine Mutter ist noch krank. Es geht ihr einfach nicht besser. Sie braucht dringend Medizin!« Jella spürte einen Kloß im Hals. Die Sorge um ihre Mutter machte ihr schwer zu schaffen. Rachel war schon viel zu lange krank. Die schimmelige Wohnung, der Moder und die ständigen Geldsorgen zehrten an ihrer Gesundheit.
»Dann musst du halt schneller arbeiten!« Lies Schmodde sah Jella aus ihren kleinen Augen herausfordernd an. »Aber Madamchen hat ja Abitur. Da macht man seine Finger nicht so gern krumm, was?«
»Das hat damit überhaupt nichts zu tun!«, brauste Jella auf. »Ich arbeite schnell und gut!«
Lies Schmodde grinste selbstzufrieden. Sie liebte es, zu sticheln und zu allem ihren Senf dazuzugeben. »Wenn ich deine Mutter wäre, dann hätte ich dir das mit dem Abitur nie erlaubt. Das bringt nur Flausen in die Köpfe. Wirt schon sehen, wohin dich das führt – in die Gosse und sonst nirgendwohin!«
Jella ballte insgeheim ihre Hände zu Fäusten. Am liebsten hätte sie der Schmodde eine gepfefferte Antwort gegeben. Aber dann fiel ihr wieder der schmutzige Malerkittel ein, und sie bezwang ihre Gefühle. Sie begnügte sich stattdessen mit einem finsteren Blick.
»Könnten wir dann mal zur Abrechnung kommen?«, schlug sie mit einem gezwungenen Lächeln vor.
»Hhmm!«, brummte die Schmodde und watschelte auf den Holztisch zu, auf den Jella den Wäschekorb gestellt hatte. Sie stand nun direkt neben ihr und reichte ihr gerade mal bis zur Schulter. Argwöhnisch beäugte sie sie von unten. Jella hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie schon wieder um einige Kilo schwerer geworden war. Die Maklerin liebte nicht nur fette Eintöpfe mit Schweinefleisch. Ihre Leidenschaft galt klebrigen Kamellen, von denen sie täglich Unmengen vertilgte. Überall in ihrer Wohnung lagen die sahnigen Karamellbonbons einladend herum – auf dem Büfett, auf dem Holztisch neben der gestickten Decke, ja selbst auf dem kleinen Beistelltischchen neben ihrem Sessel stand ein Schälchen davon. Natürlich bot sie ihr niemals welche an. Jella wusste trotzdem, dass sie köstlich waren. Beim letzten Mal hatte sie der Versuchung nicht widerstehen können und sich in einem unbemerkten Augenblick heimlich eines geschnappt. Doch das war lange her. Sehnsüchtig musste sie mit ansehen, wie sich die fetten Finger ein Karamell herausfischten und genüsslich in ihren Karpfenmund schoben.
»Na, dann zeig mal her«, meinte sie lutschend. Ihre fleischigen Hände fuhren prüfend über den obersten Kittel. Jella hielt die Luft an und betete, dass sie es dabei belassen würde. Ihre Hoffnung wurde enttäuscht. Sorgfältig inspizierte Lies Schmodde die Malerkittel. Stück für Stück prüfte sie die Nähte und Schnitte und brummelte Unverständliches vor sich hin. So war es unvermeidlich, dass sie den verschmutzten Kittel doch noch herauszog.
»Willste mir verkackeiern?«, rief sie prompt. Sie schleuderte Jella aufgebracht die Näharbeit entgegen. Die wässrig blauen Augen fixierten sie böse, während um ihren Mund bereits eine gewisse Genugtuung spielte. »Das Ding ist ja nicht einmal mehr als Putzlappen zu gebrauchen! Der gute Stoff, völlig ruiniert!« Sie schnaufte einmal tief durch. »Das hat Folgen!«
»Ich kann nichts dafür!« Jella hasste es, sich rechtfertigen zu müssen, aber ihr blieb nichts anderes übrig. »Das war so ein betrunkener Idiot, der mich auf der Straße angerempelt hat. Ich hatte keine Chance, ihm auszuweichen!«
»Aber mir wolltest du das Teil unterschieben, was?«
»Das ist nicht schlimm. Der Kittel ist einwandfrei genäht. Das ist nur Dreck von der Straße.« Jella merkte, dass ihre Argumente nicht griffen. »Das kann man leicht wieder rauswaschen.« Sie ahnte bereits, dass die Schmodde den Vorfall als Druckmittel benutzen würde, um ihr einen saftigen Lohnabzug zu machen. Das musste sie mit allen Mitteln verhindern. »Ein kleiner Fleck, der sich schnell entfernen lässt! Ich werde den Kittel mit nach Hause nehmen und gleich waschen. Morgen ist er wieder sauber und gestärkt bei dir!«
»Morgen, morgen!«, meckerte die Schmodde ungehalten. »Morgen ist zu spät! Heute brauch ich das Teil, verstehste? Ich hab meine Liefervereinbarungen, die ich einhalten muss. Und jetzt das!«
»Aber die anderen Kittel sind doch in einwandfreiem Zustand; die kannst du doch liefern!« Jella ließ nicht locker. »Wenn du willst, bring ich das Teil morgen auch selbst nach Charlottenburg hinaus. Ja, das werde ich tun!«
»Gar nischt wirst du tun! Ungeschickt und unverschämt bist du, sonst nischt!« In Schmoddes Augen blitzte jetzt auch Schadenfreude auf. Jella konnte ihr ansehen, wie sie aus dem Missgeschick für sich Profit ausrechnete, was sich auch prompt bestätigte.
»Das gibt einen kräftigen Abzug«, meinte die Schmodde genüsslich. Sie verschränkte ihre fetten Finger wie zu einem Gebet und weidete sich an Jellas entsetztem Gesicht.
»Mach das nicht!«, flehte Jella. »Dieses eine Mal nicht! Wir brauchen das Geld! Meine Mutter ist krank und benötigt ihre Medizin, und die Miete haben wir auch noch nicht bezahlt. Der Pischke schmeißt uns raus. Ich bring doch alles wieder in Ordnung. Gib mir Zeit, nur bis morgen!«
Die Schmodde wiegte den Kopf hin und her und tat, als würde sie überlegen. »Ich will ja kein Unmensch sein«, brummte sie schließlich gnädig. »Schon wegen deiner kranken Mutter nicht. Wir werden uns den Schaden teilen.«
Jella schöpfte leise Hoffnung.
»Tatsächlich?«