Der Ruul-Konflikt 3: In dunkelster Stunde - Stefan Burban - E-Book

Der Ruul-Konflikt 3: In dunkelster Stunde E-Book

Stefan Burban

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Beschreibung

Die Invasion hat begonnen. Die ruulanische Armada fegt wie eine unaufhaltsame Naturgewalt durch die Milchstraße und zerstört alles, was sich ihr in den Weg stellt. Die Koalition aus Menschen und Til-Nara steht dem Ausmaß der Gewalt nahezu hilflos gegenüber und ihre Streitkräfte werden bei mehreren Gelegenheiten vernichtend geschlagen. Innerhalb kürzester Zeit degeneriert der Krieg zu einer Abfolge verzweifelter Rückzugsgefechte. Und in dieser dunkelsten aller Stunden, ruhen die Hoffnungen der Menschheit auf den Schultern eines verurteilten Mörders ... Die Romane der Reihe: Prequel 1: Tödliches Kreuzfeuer Prequel 2: Invasion auf Ursus 1: Düstere Vorzeichen 2: Nahende Finsternis 3: In dunkelster Stunde 4: Verschwörung auf Serena 5: Bedrohlicher Pakt 6: Im Angesicht der Niederlage 7: Brüder im Geiste 8: Zwischen Ehre und Pflicht 9: Sturm auf Serena 10: Die Spitze des Speers 11: Gefährliches Wagnis Die Serie wird fortgesetzt. Weitere Bände sind in Vorbereitung.

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Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Weitere Atlantis-Titel

Eine Veröffentlichung des Atlantis-Verlages, Stolberg Oktober 2021 Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin Titelbild: Thomas Knip Lektorat und Satz: André Piotrowski ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-006-3 ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-052-0 Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich. Besuchen Sie uns im Internet:www.atlantis-verlag.de

Kapitel 1

Leuchtspurgeschosse, brennende Gebäude und Explosionen erhellten den nächtlichen Himmel. Dicht über den überfüllten Straßen flogen Schwärme von Helikoptern in Richtung Raumhafen. An Bord drängten sich die Bewohner der kleineren Ortschaften rund um die planetare Hauptstadt, die das Glück gehabt hatten, dass man sie noch hatte evakuieren können, bevor der Feind anrückte.

Justin Hazard presste seinen Körper eng an die Hauswand, in dem vergeblichen Versuch, die endlosen Flüchtlingsströme vorbeizulassen. Alles, was laufen konnte, war heute Nacht auf den Beinen. Einige drückten sich die wenigen Habseligkeiten, die sie aus ihren Häusern retten konnten, an ihren Leib, als wären sie aus purem Gold. Die weitaus meisten führten aber lediglich mit sich, was sie am Leib trugen. Oft sogar nur ein altes Nachthemd, einen verknitterten Pyjama oder ein eilig aus einem Wäschestapel gefischtes T-Shirt. Und alle bewegten sich in dieselbe Richtung.

Die Straße führte zum einzigen Raumhafen des Planeten und war breit genug, dass zwei große Busse bequem aneinander hätten vorbeifahren können. Doch die Menschenmassen drohten sie vollkommen zu verstopfen. Sollte es so weit kommen, würde es den Slugs die Einnahme der Kolonie nur noch leichter machen.

Plötzlich schrie jemand in der Menge schrill auf und zeigte zum Sternenhimmel. »Da oben! Da oben!«, brüllte er immer wieder in Panik. Seine Stimme nahm einen fast weinerlichen Tonfall an. Die Menschen in seiner Umgebung folgten seinem Wink. Pupillen weiteten sich voller Angst. Bewegung kam in die Menge. Erst versuchten einzelne und schließlich ganze Trauben von Flüchtlingen, sich mit Ellbogen und Fäusten einen Weg aus der Umklammerung der Masse zu bahnen.

Justin sah nach oben, um herauszufinden, was die Leute so in Aufregung versetzt hatte. Er brauchte nicht lange zu suchen. Aus der Raumschlacht über der Kolonie hatte sich ein dichter Schwarm kleiner Objekte gelöst, die schnell größer wurden. Es wirkte fast, als wären einige Sterne am nächtlichen Firmament lebendig geworden und fielen vom Himmel.

Wenn dem nur so wäre, dachte Justin, unfähig, etwas gegen das drohende Unheil zu unternehmen. Er musterte die in Panik geratene Menge in dem Wissen, dass es kein Entkommen geben würde. Nicht zu Fuß. Nicht mit den wenigen Waffen, die sie hatten. Die Wahrheit war weitaus schlimmer.

Die Reaper stürzten wie eine Meute hungriger wilder Hunde vom Himmel und eröffneten sofort und ohne Mitleid das Feuer in die Menge. Der Angriff hatte keinerlei militärischen Sinn und war von jedwedem Standpunkt nur als barbarisch zu bezeichnen. Aber Justin war durchaus klar, der Angriff diente auch nur einem einzigen Zweck, nämlich die ohnehin schon bestehende Panik der Bevölkerung noch zu verstärken.

Bei dieser dichtgedrängten Menge mussten die Slugs nicht mal zielen. Die Laserwaffen der Ruul leisteten ganze Arbeit. Sie fuhren wie Sensen aus tödlicher Energie unter die Menschen und mähten sie reihenweise nieder. Nach wenigen Sekunden schon war die Luft erfüllt von Schmerzens- und Todesschreien. Es stank nach Ozon, Blut und purer Angst.

Zwei der Helikopter wurden getroffen. Der erste wurde praktisch glatt wie mit einem Skalpell in der Mitte in zwei Teile geschnitten. Die Bruchstücke krachten auf das Pflaster und gingen sofort in Flammen auf. Die Menschen an Bord hatten nicht den Hauch einer Chance.

Der zweite verlor den Heckrotor durch einen direkten Treffer. Der Hubschrauber drehte sich trudelnd um die eigene Achse, während aus seinem Heck Feuer und Qualm brachen. Durch die entstehende Fliehkraft wurden Menschen aus dem geöffneten Mannschaftsabteil durch die Luft geschleudert.

Die Maschine drehte sich noch dreimal und geriet dabei hinter einige Gebäude und außer Sicht, doch Justin hörte gleich darauf einen dumpfen Aufprall und eine Explosion, die vom schnellen Ende des Helikopters zeugte.

Die übrigen Hubschrauber beeilten sich, so schnell wie möglich in die temporäre Zuflucht der Luftabwehr rund um den Raumhafen zu gelangen. Nur eine der Maschinen – ein Nachzügler – eröffnete knatternd aus einem schweren MG, das aus dem Mannschaftsabteil ragte, das Feuer auf die Slug-Jäger. Es war eine Verzweiflungstat. Der Schütze hatte keine Chance, die Reaper zu treffen. Sie waren schlichtweg viel zu schnell. Zum Glück für den Helikopter und seine Insassen waren die Slug-Piloten gerade anderweitig beschäftigt. Sie säten Tod und Zerstörung unter die panikerfüllten Menschen.

Justin gönnte dem abgestürzten Wrack des Helikopters nur einen beiläufigen Blick und verdrängte die Frage, wie viele Menschen die beiden Hubschrauber wohl befördert hatten.

Mehrere Gebäude entlang der Straße wurden von Laserfeuer getroffen und ganze Hausecken explodierten unter dem Beschuss oder brachen einfach weg. Das Haus, das sich Justin als Deckung ausgesucht hatte, wurde ebenfalls getroffen und überschüttete ihn mit einem Schwall Mörtel, Steinsplittern und Staub. Abwesend klopfte er sich die Uniform ab, wobei er die Umgebung keine Sekunde aus den Augen ließ.

Einer der Soldaten in seiner Begleitung – er war noch ziemlich jung, im Höchstfall gerade zwanzig – ließ sich von der allgemeinen Panik anstecken. Sein unsteter, angsterfüllter Blick schoss von einer Seite zur anderen. An dessen Haltung erkannte Justin, dass der Junge kurz davorstand, seine Waffe wegzuwerfen und davonzurennen.

»Wenn du das machst, bist du tot«, flüsterte Justin ihm so ruhig er konnte zu. Der Kopf des Jungen fuhr überrascht zu ihm herum.

»S… Sir??«

»Mit Bewegung machst du sie auf dich aufmerksam«, erläuterte er dem verdutzten Frischling. »Wenn du wegrennst, knallen sie dich ab. Bleib ganz ruhig. Die Slugs werden gleich wieder abdrehen.«

»W… Woher wissen Sie das?«

»Standard-Taktik der Slugs für Luftangriffe«, erklärte Justin. »Ihre Jäger greifen weiche Ziele nie länger als fünfzig Sekunden an. Weiß der Teufel, wieso das so ist, aber in der Vergangenheit haben die Slugs das immer so gehandhabt. Sie werden gleich wieder an Höhe gewinnen und dann vergehen ein paar Minuten, bis sie uns die nächsten Jäger auf den Hals hetzen.«

Justin betrachtete Uniform und Rangabzeichen des jungen Soldaten. Er nickte wissend. »Private bei den 3. Pionieren. In Morrisons Kompanie, wenn ich mich nicht irre.«

Der Junge starrte ihn erstaunt an. »J… Ja, bin erst vor zwei Tagen eingetroffen. Frisch von der Erde.«

»Wärst jetzt sicher lieber wieder dort, nicht wahr?!«, erwiderte er mit mehr als nur einem Hauch Zynismus.

Dem Jungen entging die in den Worten enthaltene bittere Ironie und er nickte nur müde. »Und Sie sind …? Wenn ich fragen darf?«

Justin wunderte sich, ob die Ausbilder auf der Erde nachgelassen hatten oder ob einfach die Rekruten dümmer waren als zu seiner Zeit. Noch vor einigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Rekrut nicht die Ränge zu unterscheiden wusste und einen höherrangigen Offizier auf diese Weise ansprach. Sein Blick glitt nach unten und er entdeckte die Erklärung für das sonderbare Verhalten des Jungen.

Seine Uniform war zerrissen und von Ruß und Dreck verschmutzt. Dort, wo am Kragen eigentlich stolz seine Rangabzeichen hätten prangen sollen, zierte nun ein ausgefranstes Loch seine Uniform. Die Abzeichen musste er irgendwo auf seiner überstürzten Flucht aus Versehen abgerissen haben.

»Major Justin Hazard, 2. Bataillon der 1. Ursus-Rangers.«

Dem Jungen verschlug es glatt die Sprache. Ihm wurde klar, er stand einem waschechten Bataillonskommandeur gegenüber. Die rechte Hand fuhr nach oben zur Karikatur eines Saluts. Die Szene hätte einer gewissen Komik nicht entbehrt, wäre sie nicht dermaßen ernst gewesen.

»Private Lance Stollner«, stellte sich der Junge nun endlich vor. »Ich bitte vielmals um Verzeihung, Major. Ich … ich …«

Justin winkte nur ab. »Schon gut. Ich kann schon verstehen, dass sie verwirrt sind. Wenn ich mich so ansehe, glaube ich, selbst meine eigene Mutter würde mich im Augenblick nicht erkennen.«

Justins Blick glitt über die anderen Männer und Frauen in seiner Begleitung. Es waren im Ganzen etwa zwei Dutzend, wobei er selbst den höchsten Rang innehatte. Allesamt gut ausgebildete Männer und Frauen. Trotzdem drängten sie sich schutzsuchend aneinander, als könnte die gegenseitige Nähe sie vor den angreifenden Reapern beschützen.

Sie stammten aus den verschiedensten Waffengattungen. Kaum zwei von ihnen trugen die gleiche Uniform. Artillerie, Infanterie, motorisierte Infanterie und sogar zwei Panzerfahrer waren dabei. Teilweise trugen sie Uniformen von Einheiten, die bereits seit Stunden nicht mehr existierten – so wie sein eigenes Bataillon.

»Mein Gott«, flüsterte er niedergeschlagen. »Wie konnte es nur so weit kommen?«

Dass er laut gesprochen hatte, bemerkte er erst, als Stollner ihn fragend aus großen Augen ansah.

»Sir?«, hakte er nach. Unschlüssig, ob Justin mit ihm gesprochen hatte.

»Nicht so wichtig«, wehrte er ab.

Ein Staff Sergeant schob sich an Stollner vorbei, ohne den Private zu beachten, und zeigte nach oben. »Sie ziehen ab. Wir sollten weiter.«

Die Reaper drehten tatsächlich ab. Ganz so, wie er es prophezeit hatte. Der Angriff endete so unvermittelt, wie er begonnen hatte. Zurück blieben Berge von Leichen, Ströme von Blut und furchtbares Leid. Die Straße war durch das Laserfeuer an vielen Stellen aufgebrochen oder geschmolzen. Verbrannte Leiber lagen überall. Einige bewegten sich noch schwach. Gebäude waren in Brand geschossen worden oder nur noch Ruinen. Es war kaum zu glauben, dass dies gestern Abend noch ein ruhiges Wohngebiet gewesen war.

Den Menschen wurde langsam bewusst, dass der Beschuss vorläufig aufgehört hatte. Vorsichtig wagten sie sich aus ihren Löchern und hinter ihren Verstecken hervor, packten ihre wenigen Habseligkeiten erneut zusammen und marschierten weiter. Wer sich in der Mitte der Straße eingekeilt in die Menschenmenge befunden hatte, hatte kaum eine Chance gehabt. Dort war das Sterben am schlimmsten gewesen.

»Wir müssen hier weg«, drängte der Staff Sergeant.

Justin nickte abwesend. »Dann los, Carson.«

Der Jägerangriff hatte zumindest einen Vorteil gehabt. Die Straße war nun nicht mehr verstopft und sie kamen wesentlich schneller voran. Der Raumhafen war nur noch eine Meile entfernt. Sie mussten ihn erreichen, wenn sie den Planeten verlassen wollten. Die Evakuierung lief bestimmt schon auf Hochtouren.

Er bemerkte, dass Stollner ihm nicht von der Seite wich. Als würde seine Gegenwart Schutz vor dem Wahnsinn bieten, der die Ursus-Kolonie befallen hatte.

»Sir?«, wagte Stollner zu sagen, während sie die Straße entlangeilten. Vorbei an Tausenden von verängstigten Menschen.

»Ja?«

»Darf ich etwas fragen? Was ist passiert? Wie konnten die Slugs uns das nur antun? In der Ausbildung wurde uns immer wieder gesagt, wir wären den Slugs technologisch um etliche Jahre voraus. Und jetzt das.«

Justin dachte gründlich über die Frage nach. Seine Gedanken glitten fast einen ganzen Tag zurück. Er hatte dienstfrei gehabt, als der Alarm losging. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich in einem Restaurant in Lacross befunden, der planetaren Hauptstadt von Ursus. Zusammen mit einigen Freunden, um den Geburtstag seines Cousins zu feiern, der ebenfalls Offizier bei den 1. Rangern war.

Gewesen war, verbesserte sich Justin voller Trauer. Denn sein Cousin Joseph war inzwischen tot. Die Freunde hatten sich sofort auf den Weg zurück zu ihren Kasernen gemacht. Ob von ihnen überhaupt noch jemand am Leben war, wusste Justin nicht. Er konnte es nur hoffen.

Einzelne Bataillone waren noch in derselben Stunde ausgerückt. Sein eigenes 2. Bataillon hatte nicht dazugehört. Informationen waren zu diesem Zeitpunkt Mangelware gewesen. Man wusste nur, dass eine ruulanische Streitmacht gelandet war, man die Situation aber im Griff hatte. Er schnaubte kurz und humorlos auf. Die Wahrheit hätte nicht weiter entfernt sein können.

Nur eine Stunde später war Generalalarm ausgelöst worden und sämtliche auf Ursus stationierten Truppen hatten ausrücken müssen. Dann war der Wahnsinn erst richtig ausgebrochen. Die Frontlinie befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits weniger als zehn Meilen vor der Stadt. Sein Bataillon hatte sie nicht erreicht. Über die Hälfte des Weges lag noch vor ihnen, als die Ruul sie zuerst erwischten.

An die Einzelheiten des Kampfes konnte sich Justin kaum noch erinnern. Es wirkte alles wie ein weit entfernter Traum, den man schon fast vergessen hatte, sobald man aufwachte. Nur eins wusste er noch: Die Ruul hatten ihnen furchtbar zugesetzt. Und am Ende des Gefechts war sein Bataillon aufgerieben worden. Die wenigen Überlebenden waren geflohen in dem Versuch, wenigstens das nackte Leben zu retten.

Bruchstücke des Kampfes kamen ihm in den Sinn. Klobige, ruulanische Panzer, die aus dem Hinterhalt das Feuer auf seinen Konvoi eröffneten, hundeähnliche Kreaturen mit sechs Beinen und spitzer Schnauze, die über seine Leute herfielen und sie in Stücke rissen. Die Schreie seines Adjutanten, der neben ihm verblutete. Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Vielleicht war es besser, sich nicht an alles zu erinnern.

»Ich weiß es nicht, Lance«, erwiderte er wahrheitsgemäß. »Ich weiß es einfach nicht.«

Justin war nicht der Einzige, der beobachtete, wie die drei Reaper wieder an Höhe gewannen. Nur zwei Häuserblocks entfernt verfolgte Sergeant Major Hank MacIntyre von der planetaren Ursus-Miliz den Steigflug der feindlichen Jäger.

Der Zigarrenstummel in seinem Mundwinkel verströmte einen widerlich abgestandenen Geruch in dem kleinen Raum. Aber die anderen sechs Männer – alle in der matt grauen Uniform der Miliz – versuchten, den Gestank zu ignorieren, der von der Zigarre ausging. Keiner kam auf die Idee, den Sergeant Major zu bitten, das ekelhafte Ding wegzuwerfen.

MacIntyre verzog seine spröden, aufgesprungenen Lippen zu einem zufriedenen Grinsen. Die Reaper wussten es noch nicht, doch ihr Steigflug würde ein jähes Ende nehmen. Er richtete sich aus seiner gebückten Haltung auf und tätschelte fast liebevoll den Geschützlauf neben sich.

Irgendein Scherzkeks hatte die Karikatur einer Frau daraufgemalt und darunter den Schriftzug Die heiße Betty geschrieben. Na ja, wem so etwas gefiel?! MacIntyre quetschte seine bullige Gestalt, die mehr an einen Wrestler denn an einen Soldaten erinnerte, an zweien seiner Untergebenen vorbei und setzte sich auf den Sitz der Flakbatterie.

»Fletcher, Debrovskaja. Ihr müsst mir Geschwindigkeit und Entfernung angeben. Wenn die erste Salve nicht hundertprozentig sitzt, haben wir danach ein ernstes Problem.«

»Geht klar, Sarge«, erwiderte Fletcher mit mehr löblichem Eifer. Debrovskaja sagte gar nicht dazu, sondern stellte sich einfach neben das Geschützrohr und beobachtete an dessen Lauf entlang das Trio sich schnell entfernender Jäger.

MacIntyre musste kein Gedankenleser sein, um zu erkennen, was in den Köpfen seiner Leute vor sich ging. Sie fragten sich, warum sie nicht längst auf dem Weg zum Raumhafen waren, anstatt hier in einer sinnlosen Geste eines zum Scheitern verurteilten Widerstandes einige ruulanische Jäger abzuschießen.

Aber MacIntyre wollte verdammt sein, wenn er die Slugs so einfach davonkommen ließ. Vorher wollte er ihnen wenigstens noch eine blutige Nase verpassen. Zum Glück hatte er auf dem Rückzug diese verlassene Geschützstellung entdeckt. Man hatte sie in einem leeren Gebäude eingerichtet. Das Dach war abgedeckt und durch eine einfach Plane mit der grauen Tarnbemalung für Stadtkämpfe ersetzt worden. Und die Ruul hatten sie tatsächlich nicht entdeckt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Luftabwehrstellungen, die in der Zwischenzeit identifiziert und zerstört worden waren. Die frühere Besatzung dieser Stellung allerdings musste beim ersten Anzeichen des Angriffs geflohen sein.

Verfluchte Feiglinge!, wetterte er in Gedanken.

Aber zumindest hatten sie das Geschütz intakt zurückgelassen. Sogar bereits geladen und feuerbereit. Dadurch ergab sich die Chance, noch einmal etwas zu bewirken. Er bezweifelte, dass je jemand etwas davon erfahren würde, dass eine kleine Handvoll Milizionäre ein paar Jäger abgeschossen hatte. Egal ob Freund oder Feind. Aber er würde es wissen, und das genügte schon.

»Also«, forderte er seine Leute auf. »Sagt an.«

»Entfernung etwa fünfzehn Meilen und nimmt schnell zu«, begann Fletcher. »Sie müssen etwas vorhalten, sonst erwischen Sie sie nicht.«

»Alles klar. Debrovskaja?«

»Geschwindigkeit etwa dreihundert würde ich schätzen.«

»Gut, gut.«

MacIntyre richtete das Geschützrohr aus und zielte gemäß Fletchers Vorschlag ein wenig vor die drei Reaper. Die vier Männer, die nicht am Vorgang des Feuerns beteiligt waren, warteten unbehaglich in einer Ecke. Wie bestellt und nicht abgeholt.

»Jaaa … So ist es richtig.« Die Reaper gewannen weiterhin schnell an Höhe. Nicht mehr lange und sie waren außer Reichweite. Wenn er etwas unternehmen wollte, musste es jetzt geschehen. Er atmete noch einmal tief durch und drückte dann beide Auslöser bis zum Anschlag durch.

Das Geschütz röhrte einmal verächtlich und ein Zittern durchlief die Konstruktion. MacIntyre befürchtete schon, sie hätten beim Ausrichten etwas falsch gemacht, da die Batterie keine Anstalten machte zu feuern. Doch dann stieß der Lauf in schneller Folge Granaten aus. So schnell, dass die Projektile nur als schemenhafte Objekte wahrgenommen werden konnten.

MacIntyre hatte alle Hände voll zu tun, um das Geschütz auf die Reaper gerichtet zu halten. Der Rückstoß war gewaltig und auch für jemanden mit seinem Körpermaßen nicht unbedingt ein Kinderspiel. Das Ergebnis konnte sich jedoch sehen lassen.

Der Reaper auf der rechten Seite wurde voll getroffen und zerfetzt. Der linke hatte etwas mehr Glück. Falls man in diesem Zusammenhang von Glück reden konnte. Beide Tragflächen wurden abgerissen und die Maschine trudelte Richtung Oberfläche zurück. Der Pilot hatte keine Chance, den Fall abzufangen, und konnte nur hilflos abwarten, bis der Jäger aufschlug.

Der Ruul am Steuer des führenden Reapers allerdings musste ein geübter und erfahrener Pilot sein. Bereits als der erste Jäger explodierte, begann der Reaper ein kompliziertes Ausweichmanöver, wobei er seinen anderen Flügelmann sogar als Deckung benutzte.

Das Geschützrohr verstummte. Die Munition war verschossen. MacIntyre verfolgte die Flugbahn des überlebenden Jägers, der nur als kleiner Lichtpunkt am Himmel erkennbar war.

Dem Slug musste ebenfalls aufgefallen sein, dass der Beschuss aufhörte, denn plötzlich ändere er die Richtung.

»Oh, Scheiße!«

MacIntyre sah in die Runde, aber seine Leute waren vor Angst wie erstarrt. Sie hatten nur Augen für den sich nähernden Tod aus den Wolken.

»Bewegt euch, verdammt!«, fluchte der Sergeant Major. »Sonst sind wir alle erledigt.«

Als hätte diese Ankündigung den Bann gelöst, fanden Fletcher und Debrovskaja ihren eigenen Willen wieder. Fletcher öffnete die Abdeckung an der Oberseite der Flakbatterie, während sein Partner ins Nebenzimmer eilte und mit einem weiteren Munitionsstreifen zurückkehrte.

Gemeinsam fummelten sie an der Flak herum und versuchten unter Aufbietung all ihrer Kräfte, den Munitionsstreifen in die schmale, dafür vorgesehene Öffnung zu pressen. Unterdessen ließ MacIntyre den angreifenden Reaper nicht aus den Augen.

Mit einem metallischen Klicken gelang es den Milizionären endlich, die Munition einzuführen und die Abdeckung wieder zu schließen.

»Geschafft!«, verkündete Fletcher triumphierend.

Aber MacIntyre wusste, dass es bereits zu spät war. Der Reaper eröffnete aus seinen Bordwaffen das Feuer auf die ungeschützte Stellung.

Die pure Wucht des Angriffs riss die Flakbatterie aus ihrer Verankerung und schleuderte MacIntyre davon. Sein Flug durch den Raum konnte nur Sekundenbruchteile gedauert haben, doch ihm kam es wie eine Ewigkeit vor. Er prallte gegen etwas Hartes und der Aufprall trieb ihm sämtliche Luft aus den Lungen. Der Sergeant Major japste, doch der Sauerstoff war jetzt mit Mörtel, Staub und kleinsten Partikeln angereichert und er hustete würgend. Außerdem war die Luft nun so heiß, dass er sich beim Einatmen die Luftröhre versengte.

Zwinkernd versuchte er, etwas in seiner Umgebung zu erkennen. Keine einfache Aufgabe, da der ganze Raum von aufgewirbeltem Staub und Dreck verdunkelt wurde. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Lichtverhältnisse. Was er sah, war jedoch nicht wirklich ermutigend.

Das Flakgeschütz lag auf dem Rücken. Das Rohr war verdreht und von Hitze geschwärzt. Von Debrovskaja war nur noch eine verrenkte, schwarz verbrannte Gestalt übrig.

Seine vier Leute, die in der Ecke gestanden hatten, waren nicht mehr da. Einschließlich der ganzen Zimmerecke. Der gesamte Bereich war einfach verschwunden. Nur Brandflecken zeugten davon, was mit seinem Männern geschehen war.

MacIntyre versuchte, sich aufzurichten, aber stechender Schmerz ließ ihn zusammenzucken. Vorsichtig betastete er seine rechte Seite und kam zu dem Schluss, mindestens eine Rippe war gebrochen. Zwar hatte er Schmerzen beim Atmen, aber soweit er das beurteilen konnte, rasselte seine Lunge nicht bei den einzelnen Atemzügen. Dies ließ ihn hoffen, die gebrochene Rippe hatte nicht seinen Lungenflügel perforiert.

Vorsichtig, seine rechte Körperseite schonend, kroch er näher. Das Geschütz hatte sein letztes Gefecht erlebt. Der Reaper hatte längst wieder abgedreht. Der Pilot war wohl zufrieden mit sich und seiner Arbeit. Wäre die Munition im Nebenraum getroffen worden, wäre die Arbeit in der Tat perfekt gewesen. Dann würde er jetzt nicht mehr hier sitzen.

»Es tut mir leid«, flüsterte er leise in den Raum hinein. Er war für seine Leute verantwortlich gewesen, hätte sie in Sicherheit bringen müssen. Und nun waren sie tot. Geopfert in einer sinnlosen Geste. »Es tut mir so unendlich leid.«

Ein kurzes Stöhnen ließ ihn aufhorchen. Nichts. Er glaubte schon, sich getäuscht zu haben. Doch dann stöhnte wieder jemand. MacIntyre biss die Zähne zusammen und unterdrückte den Schmerz, während er das zerstörte Geschütz umrundete.

Auf der anderen Seite, halb unter dem verdrehten Lauf eingeklemmt, lag Fletcher. Schwer verletzt, aber noch am Leben.

»Fletcher?!«, MacIntyre konnte es kaum glauben und sank vor dem verletzten Kameraden auf die Knie. »Fletcher? Können Sie mich hören?« Nur halb benommenes Stöhnen war die Antwort.

Ohne auf seine eigenen Schmerzen zu achten, griff der Sergeant Major nach dem zerstörten Geschütz und stemmte sich mit allen seinen nicht unbeträchtlichen Kräften dagegen. Dicke Schweißperlen rannen ihm aus allen Poren und durchtränkten die Reste seiner Uniform. Der Schmerz in seiner Seite war unbeschreiblich, aber er konnte nur daran denken. Fletcher zu befreien.

MacIntyre konnte später nicht mehr sagen, wie er es geschafft hatte, das Bewusstsein nicht zu verlieren, geschweige denn die Flak von Fletcher herunterzuhieven. Aber es gelang ihm irgendwie. Mit letzter Kraft lud er sich den verletzten Kameraden auf die Schultern und machte sich auf den langen Weg zum Raumhafen. In der zweifelhaften Hoffnung, dass es für zwei abgehalfterte Milizionäre noch einen Platz auf einem der Fluchtschiffe geben würde. Diese kleine Hoffnung war alles, was MacIntyre noch auf den Beinen hielt.

Die Luft in dem provisorischen Zelt war zum Schneiden dick. Es roch nach Schweiß und nach Uniformen, die zu lange nicht gewechselt worden waren. In der Mitte des Zelts standen um einen kleinen Kartentisch drei Männer, von denen nur einer sich sein Unbehagen nicht anmerken ließ.

Lieutenant Colonel Ibrahim Karalenkov vom Marine Corps des Terranischen Konglomerats stand stocksteif und hoch aufgerichtet im Raum. Für einen Marine war er relativ schmächtig. Eine körperliche Eigenart, die er durch die Präsenz seiner Persönlichkeit wieder wettmachte. Sein Ego füllte dafür fast jeden Zentimeter des Raumes aus.

Sein markantes Gesicht mit dem arabischen Teint und dem beginnenden Dreitagebart war in tiefe Sorgenfalten gelegt. Die Mundwinkel hingen vor Enttäuschung etwas nach unten. Er war dabei, die Schlacht um Ursus zu verlieren. Und verlieren war etwas, das er nicht gewohnt war.

Jeder der beiden anderen im Raum anwesenden Männer war ranghöher als Ibrahim. Trotzdem bestand kein Zweifel daran, wer hier im Endeffekt das Sagen hatte.

Der Mann, der ihm gegenüberstand, war Lieutenant General Edwyn Nyssa, der Kommandeur der planetaren Miliz von Ursus. Und in dieser Funktion war er zugleich der Befehlshaber der örtlichen Infanterieregimenter der Terranischen Konglomerats-Armee, kurz TKA. Aber so, wie es aussah, schwand mit jeder Minute mehr der Einfluss, den Nyssa auf die Situation hatte, da seine Leute mit erschreckender Geschwindigkeit und Effektivität abgeschlachtet wurden.

Ibrahim verzog das Gesicht zur bitteren Karikatur eines Lächelns. Er hielt für gewöhnlich nichts von Milizen. Die meisten wurden überhaupt nur in Kriegszeiten mobilisiert und gingen ansonsten ganz normalen Berufen nach. Freizeitsoldaten, die man besser dazu einsetzte, den Verkehr zu regeln, als gegen den Feind zu kämpfen. Meistens waren sie schlecht ausgebildet und stellten für eigene Truppen eine größere Bedrohung dar als für den Gegner.

Nur konnte er ihnen hier und heute keinen Vorwurf machen. Seinen eigenen Truppen erging es nicht viel besser. Die Ruul drehten sie allesamt durch den Fleischwolf.

Der feiste Milizgeneral mit den Pausbäckchen, dem Wanst, über den sich eine Uniform spannte, die mindestens eine volle Nummer zu klein war, und der Halbglatze zog ein Taschentuch aus seiner Hose und wischte sich über die glänzende Stirn. Im Grunde seines Herzens tat ihm der Mann sogar leid. Nyssa war Zahnarzt im Zivilleben und mit dieser Krise deutlich überfordert.

Der andere Mann, der rechts von Ibrahim stand, war Sandro Meskalla, der Gouverneur von Ursus. Der mit einem Meter sechzig sehr kleine Meskalla war einer der Ersten gewesen, der sich mit seiner Familie am Raumhafen eingefunden hatte. Nur für den Fall, dass die Evakuierung unvermeidlich wurde.

Für Ibrahim, der mit Begriffen wie Ehre und Pflichterfüllung aufgewachsen war, ein eindeutiges Zeichen von Feigheit, das den Gouverneur in seinen Augen nicht unbedingt an Respekt gewinnen ließ.

Ob Feigheit oder nicht, die Entscheidung, den Raumhafen aufzusuchen, mochte von Meskallas Standpunkt aus äußerst klug gewesen sein. Denn er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits erkannt, was den beiden anderen Männern damals noch verborgen blieb. Der Planet war verloren. Es gab nichts, das er oder sonst jemand tun konnte, um das zu verhindern.

»Und nun?«, fragte der Gouverneur. Wohl mehr um die Stille zu vertreiben, als dass er wirklich auf eine sinnvolle Antwort gehofft hatte. Meskalla sah dabei demonstrativ Nyssa an, der unter dem Blick des Gouverneurs anfing, noch heftiger zu schwitzen.

»Zunächst ist es wichtig, dass wir unsere Stellung sichern«, begann der General, wobei er Hilfe suchende Blicke in Ibrahims Richtung warf. »Colonel? Wären Sie so freundlich, uns einen kurzen Bericht zu geben?«

Ibrahim unterdrückte nur mit Mühe einen genervten Stoßseufzer, aber technisch gesehen war Nyssa tatsächlich ranghöher. Auch wenn er über die bessere Ausbildung und die weit höhere Erfahrung verfügte. Jedoch war er Soldat genug, um zu wissen, dass die militärische Rangfolge gewahrt werden musste. Selbst wenn dies für ihn hieß, vor Nyssa zurückzustecken.

»Das 1. Bataillon meiner Marines hat einen Kordon um den Raumhafen etabliert. Unterstützt werden meine Leute durch vier verstärkte Schützenkompanien der Miliz und zwei weitere Bataillone, die aus den Überresten dreier Regimenter der TKA zusammengelegt worden sind. Das ist im Augenblick alles an Truppen, was wir zur Verfügung haben, um den Raumhafen zu verteidigen.«

»Im Prinzip also vier Bataillone?«, murrte Meskalla erschüttert. »Gestern hatten wir noch das Äquivalent von neun verschiedenen Regimentern auf dem Planeten. Die Marines nicht mitgerechnet. Was zum Teufel ist mit denen passiert?«

»Die Ruul sind passiert«, erwiderte Ibrahim, bevor Nyssa Gelegenheit erhielt, auf die Frage zu antworten. »Die schlimmsten Verluste haben wir hier erlitten.« Er deutete auf einen Punkt auf der Karte, der einen Ort etwas östlich von Lacross darstellte. »Dort liegen jetzt die meisten Ihrer neun Regimenter.« Seine Stimme wurde etwas weicher. »Genauso wie die meisten von meinen Jungs.«

»Und was tun wir jetzt?«, wiederholte der Gouverneur seine Frage.

»Wir halten den Raumhafen so lange wie möglich. Wie bereits erwähnt, haben unsere verbliebenen Truppen einen Sicherheitsbereich eingerichtet, in den nichts und niemand eindringen kann. Von hier aus koordinieren wir die Evakuierung.« Er seufzte schwer. »Bis uns die Transporter ausgehen.«

Diese unheilverkündende Prophezeiung rief betroffenes Schweigen hervor. Wenn die Menge vor den Toren erkannte, dass die letzten Schiffe dabei waren abzuheben, würde es eine ausgewachsene Panik geben und sie hätten es nicht nur mit den Ruul zu tun, sondern auch mit einem marodierenden Mob verängstigter Menschen.

»Gibt es denn nichts, das wir sonst noch tun können?«, fragte Nyssa und Ibrahim bekam fast so etwas wie einen Anflug von Hochachtung vor dem Mann. Der General hatte Angst wie noch nie zuvor in seinem Leben – keine Frage –, trotzdem drängte es ihn, etwas zu tun, um die verfahrene Situation noch zu retten.

So sehr es Ibrahim auch widerstrebte, er musste dem Mann auch den letzten Hoffnungsschimmer nehmen. Es war nicht seine Art, andere Menschen anzulügen. Also schüttelte er nur traurig den Kopf.

»Nichts«, erwiderte er. »Wir können nur warten und beten, dass wir so viele Menschen wie nur irgend möglich evakuieren können.« Er sah zur Decke, als könnte er sie mit seinen Blicken durchdringen. Die zwei Männer verstanden zunächst nicht, warum er das tat. Dann sprach er weiter.

»Ich hoffe nur, dass Admiral Kehler noch ein wenig länger durchhält. Falls nicht, dann werden eine Menge mehr Menschen hier auf Ursus zurückbleiben und der Gnade der Ruul ausgeliefert sein.«

Konteradmiral Laurence Kehler, der die terranischen Streitkräfte im Orbit um Ursus kommandierte, hatte indes ganz andere Probleme und weitaus tiefschürfendere Entscheidungen zu treffen. Er spürte die Bürde seines Kommandos schwer auf seinen Schultern lasten.

Seine 5. terranische Flotte war dabei, in Stücke geschossen zu werden. Genau wie Karalenkov auf der Oberfläche war auch er zu dem Schluss gelangt, dass die Schlacht nicht mehr zu gewinnen war. Die Frage, die sich noch stellte, war, welches Ausmaß die endgültige Niederlage annehmen würde. Er betrachtete nachdenklich die holographischen Anzeigen an seiner Station, verglich Aufstellung und Stellungen seiner eigenen Verbände mit denen der ruulanischen und kam immer wieder zum selben Ergebnis.

Obwohl technologisch im Vorteil, waren seine Streitkräfte zahlenmäßig weit unterlegen. Mindestens im Verhältnis sieben zu eins. Hinzu kam, die Ruul kontrollierten bereits die nördliche Nullgrenze des Systems und wurden dadurch in die beneidenswerte Lage versetzt, unbegrenzt Verstärkungen heranführen zu können. Und Kehler hatte schon lange nicht mehr die Ressourcen, um die Nullgrenze mit dem Sprungpunkt zurückzuerobern. Es wäre die einzige Möglichkeit gewesen, das Blatt noch zu wenden.

Und das war noch nicht das Schlimmste. Vom Planeten starteten in regelmäßigen Abständen Evakuierungstransporter. Leichte Beute für die Reaper oder die schnellen Typ-8-Kreuzer der Ruul. Also musste er den Konvois Schiffe zuteilen, um sie zu schützen, bis sie über die südliche Nullgrenze entkommen waren und in Sicherheit springen konnten.

Sicherheit, dachte er mürrisch. Wo war man heutzutage noch in Sicherheit?

Durch den Schutz der Konvois wurde seine ohnehin bereits sehr dünne Verteidigungslinie noch zusätzlich ausgedünnt. Und die Slugs wussten das sehr genau.

»Ein neuer Konvoi kommt von der Oberfläche«, meldete Commander Hutchinson, sein XO.

»Wie viele Schiffe?«

»Neun.«

»Teilen Sie ihnen fünf Kreuzer vom 2. Geschwader zu. Außerdem noch ein halbes Dutzend Zerstörer und Fregatten zur Jägerabwehr.«

»Verstanden«, bestätigte der XO. Auch seiner Stimme war die enorme Belastung anzumerken, unter der sie standen. Die Tonlage seines Ersten Offiziers war matt und dumpf. Als würde er jeden Augenblick vor Müdigkeit umkippen. Das war vermutlich nicht weit von der Wahrheit entfernt.

Auf seinem Plot sah er, wie Bewegung in die ruulanischen Linien kam. Obwohl er wusste, was passieren würde, beugte er sich interessiert vor. Dieses Spiel spielten die Ruul schon seit Stunden. Das Schockierende dabei war, dass es ihnen offenbar egal war, wie viele Schiffe sie verloren, solange sie nur ein paar von Kehlers Einheiten und einige Evakuierungsschiffe mit sich rissen.

Aus der Front der ruulanischen Linien lösten sich etwa zwanzig Schiffe. Wie der Admiral vorhergesehen hatte, hauptsächlich Typ-8-Kreuzer, die von Hunderten von Reapern umschwärmt wurden. Ohne jegliche Finesse oder Taktik stießen sie in Richtung des Konvois vor. Doch jetzt machten sie einen winzig kleinen Fehler und Kehler bemerkte ihn augenblicklich.

Die Ruul kamen einer seiner eigenen Stellungen gefährlich nahe. Nahe genug, dass diese ins Geschehen eingreifen konnte. Die Slugs wurden langsam arrogant. Und Arroganz gehörte umgehend bestraft.

»Commander? Befehl an die Susanna und ihr Geschwader. Zum sich nähernden Feind aufschließen und Feuer frei nach eigenem Ermessen.«

Hutchinson gab den Befehl weiter, ohne sich die Mühe zu machen, ihn gegenüber dem Admiral zu bestätigen. Ein weiteres Indiz für die sich anbahnende Erschöpfung.

Aber das war nicht weiter wichtig. Der Befehl wurde buchstabengetreu übermittelt und das war die Hauptsache. Der Schlachtträger Susanna ging sofort auf Abfangkurs zu den Slug-Schiffen. Begleitet wurde das riesige Schiff von zwei Dutzend Kreuzern, Zerstörern und Fregatten. Und von drei Schlachtschiffen der Shark-Klasse.

Vom Bug der Susanna lösten sich jetzt Hunderte kleiner Objekte. Die Jäger entfernten sich mit Höchstgeschwindigkeit von ihrem Mutterschiff und strebten den Reapern entgegen. Stürzten sich mit kalter Wut auf den Gegner. Ließen sie für diesen feigen Überfall blutig bezahlen.

Die Jägerduelle wurden mit einer solchen Geschwindigkeit und Brutalität geführt, dass es sinnlos war, ihnen mit den Augen folgen zu wollen. Kampfmaschinen beider Seiten explodierten. Die spärlichen Überreste wurden als Schrapnelle in alle Richtungen geschleudert.

Die Typ-8-Kreuzer ignorierten den zwischen ihnen tobenden Kampf und nahmen weiter Fahrt auf. Dabei ließen sie die Reaper schnell hinter sich zurück. Ihre Absicht war es offensichtlich, den Konvoi zu erreichen, bevor die Susanna und ihre Schiffe optimale Feuerdistanz erreicht hatten. Es gelang ihnen nur teilweise.

Vier der ruulanischen Kreuzer eröffneten das Feuer auf den Konvoi, sobald sie in Reichweite waren. Zwei der Evakuierungsschiffe wurden getroffen und zerstört. So schnell, dass sich niemand mithilfe der Rettungskapseln in Sicherheit bringen konnte. Die zum Schutz der zivilen Schiffe abgestellten Fregatten und Zerstörer schoben sich eilig zwischen ihre Schützlinge und die neue Bedrohung. Beide Seiten feuerten aufeinander, ohne dass eine Seite einen nennenswerten Vorteil erzielen konnte. Das Geleitgeschwader verlor zwei Fregatten und einen Zerstörer, bis endlich Hilfe eintraf.

Dann erreichte die Susanna den Schauplatz des Geschehens. Ihre Torpedorohre spien Tod und Vernichtung gegen die Ruul. Nur Sekunden später eröffneten die drei Shark-Klasse-Schlachtschiffe ebenfalls das Feuer. Mit dieser geballten Feuerkraft wurden die Slugs quasi überwältigt. Schilde versagten und Panzerung wurde buchstäblich pulverisiert. Die Ruul verloren in kürzester Zeit siebzehn ihrer Schiffe, bevor sie einsahen, dass sie dieser Feuerkraft nichts entgegenzusetzen hatten.

Kehler beobachtete die holographische Darstellung der ruulanischen Schiffe, wie sie zu ihren eigenen Linien zurückkehrten. Eine deutlich geschrumpfte Anzahl an Reapern folgte ihnen. Die Susanna beorderte ihre Jäger ebenfalls zurück und machte Anstalten, ihre vorherige Position wieder einzunehmen.

Der Admiral knirschte unterdrückt mit den Zähnen. Das Gefecht war erfolgreich verlaufen. Diesmal. Aber es war nur ein kleiner Sieg innerhalb einer Schlacht, die verloren war. Kehler war klar, dass ihm die Zeit davonlief. Und dem Planeten unter ihm auch.

Als Justin den Raumhafen erreichte, war der Tumult gerade dabei auszubrechen. Vor dem Haupttor hatte sich eine riesige Menschenmenge versammelt, die lautstark und grölend Einlass verlangte.

Das Areal war von Miliz, TKA und Marines umstellt, die die Menge misstrauisch beäugten. Justin fiel auf, wie verkniffen sie ihre Waffen hielten. Ihnen war bewusst, die Situation glich einem Pulverfass, und ihrer Haltung war anzusehen, ihnen war nicht wohl bei dem Gedanken, dass sie vielleicht bald gezwungen waren, ihre Waffen auf Menschen zu richten, die einzig und allein ihre Familien in Sicherheit bringen wollten.

Doch Justin kannte die Marines. Sollte es zum Äußersten kommen, würden sie es dennoch, ohne zu zögern, tun. Wie die Milizionäre handeln würden, die ja viele der Flüchtlinge persönlich kannten, stand auf einem ganz anderen Blatt.

Dank seiner Uniform ließ man ihn und seine Begleiter sofort passieren. Jeder Militärangehörige wurde hier gern gesehen. Jedes zusätzliche Paar Hände, das eine Waffe tragen konnte, wurde gebraucht.

Neben dem Tor waren einige Milizionäre gerade dabei, ein paar Säcke zu einem behelfsmäßigen MG-Nest aufzuschichten und die schwere Waffe dahinter in Stellung zu bringen. Das Maschinengewehr sah brandneu aus; praktisch wie frisch aus der Fabrik. Justin bezweifelte, dass schon jemals ein Schuss daraus abgefeuert worden war. Die Gesichter hinter dem MG wirkten erschreckend jung.

Jetzt schicken wir schon Kinder in den Krieg!, schoss es ihm durch den Kopf.

Ein Schrei in der Menge ließ ihn herumfahren.

»Die Ruul! Die Ruul kommen!«

Dies löste eine lang überfällige Panik aus. Die verzweifelten Menschen hämmerten gegen die Umzäunung. Marines und Miliz wurden zusehends nervöser. Explosionen und das Fauchen von Blitzschleudern waren in den hinteren Reihen der Menge zu hören.

Die hinteren Reihen drängten nach vorne und quetschen die ersten Reihen zwischen Menge und Zaun ein. Die Scharniere des Tores quietschend bedrohlich. Justin stellte sich auf einige Kisten, um besser sehen zu können. Er glaubte, in einigen Meilen Entfernung die klobigen Umrisse ruulanischer Panzer erkennen zu können. Ein Explosionspilz bäumte sich auf. Das war übel. Das war wirklich richtig übel.

Das charakteristische hohe Pfeifen anfliegender Jäger durchdrang die Luft und schon schossen die ersten Reaper über ihre Köpfe hinweg. Ein paar einsame Flakbatterien eröffneten das Feuer, um sie auf Abstand zu halten.

Aber für die Menge war das einfach zu viel. Mit einer letzten verzweifelten Kraftanstrengung drückte sie sich gegen das Tor und stemmte es mit vereinter Kraft auf. Die Marines wechselten unsichere Blicke mit ihren Offizieren. Ein Major wirkte nachdenklich und schüttelte dann den Kopf. Die Männer ließen ihre Waffen sinken.

Justin atmete erleichtert auf. Die Marines handelten menschlich und ließen die Flüchtlinge gewähren. Jetzt kam es sowieso nur darauf an, so viele wie möglich in die letzten Schiffe zu bekommen. Das stellte jedoch auch ihn vor ein Problem.

»Lauft!«, schrie er seiner Truppe zu. »Wenn ihr von hier wegwollt, dann rennt, als wäre der Teufel hinter euch her!«

Seine Leute ließen sich das nicht zweimal sagen. Justin befolgte seinen eigenen Rat und rannte auf das Flugfeld zu. Es standen noch sieben Fluchtschiffe bereit. Die Rampen waren heruntergelassen und die Türen standen verheißungsvoll weit offen.

Er sah sich nicht um, aber er war sicher, eine Meute verängstigter Menschen folgte ihm. Justin nahm alle Kraft zusammen, die er noch hatte, und beschleunigte seinen Lauf. Er wollte nicht hier zurückbleiben, um zu sterben.

Oder Schlimmeres.

Seine Angst zahlte sich aus. Er war einer der Ersten, die die letzten Schiffe erreichten. Carson und Stollner waren dicht hinter ihm. Justin warf einen Blick zurück. Die Slug-Panzer hatten fast schon die Umzäunung erreicht. Sie feuerten nach allen Seiten und walzten platt, was sich ihnen in den Weg stellte. Zwischen ihnen marschierten Kriegertrupps und diese seltsamen hundeähnlichen Kreaturen. Das MG-Nest, dessen Aufbau er vorhin hatte beobachten können, eröffnete das Feuer. Ein ganzer ruulanischer Trupp und zwei dieser sechsbeinigen Monster gingen zu Boden.

Nicht übel, kommentierte er wortlos den Mut der Milizionäre. Doch einer der Panzer schwenkte seinen Gefechtsturm herum und erwiderte das Feuer aus seinem Hauptgeschütz und die MG-Stellung ging in einem Feuerball auf. Der Fall des Raumhafens stand unmittelbar bevor.

Aus versteckten Stellungen rings um den Raumhafen schossen Raketenwerfer-Trupps der Marines auf die vorrückenden Ruul. Zwei ihrer Panzer standen bereits in Flammen. Während Justin noch einen Blick über die Schulter warf, explodierte ein Dritter. Ursus war vielleicht gefallen. Aber die Verteidiger des Planeten gingen nicht kampflos unter.

»Rein da, Major«, drängte Staff Sergeant Carson.

»Nach Ihnen«, verlangte Justin.

Stollner rannte die Rampe hinauf, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen, ohne sich umzusehen.

»Jetzt Sie!«

Carson lächelte nur wehmütig und schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht, Major.«

»Was soll das denn heißen?«

»Auch wenn die Evakuierung abgeschlossen ist, wird man hier immer noch Soldaten brauchen. Der Widerstand muss organisiert werden.«

Justin sah seinen Sergeant fassungslos an. »Widerstand? Sind Sie wahnsinnig? Ursus ist verloren. Es gibt keinen Widerstand mehr.«

»Es wird ihn geben. Wenn jemand hierbleibt, der etwas davon versteht. Außerdem muss sich jemand um die Menschen kümmern, die zurückbleiben. Man kann sie schließlich nicht alle sich selbst überlassen. Ich werde hier tun, was ich kann.«

»Die Slugs werden Sie umbringen.«

Carson zuckte lässig mit den Achseln. »Vielleicht, aber noch bin ich nicht tot.« Er lachte bellend auf. »Im Übrigen bin ich zu alt, um wegzulaufen. Sie wissen doch: Ein alter Hund lernt keine neuen Tricks mehr.«

Justin dachte einen kurzen Moment lang nach. Warf dabei der Türöffnung einen fast flehenden Blick zu. »Dann bleibe ich auch.« Sein Blick drückte mehr Entschlossenheit aus, als er in seinem Herzen fühlte.

»Den Teufel werden Sie. Sie haben Familie. Die braucht Sie. Ich habe niemanden. Entweder Sie gehen jetzt diese Rampe hoch oder ich trete Ihnen persönlich in den Arsch … Sir!« Das letzte Wort sagte er mit einem schiefen Grinsen.

Langsam nickte Justin und reichte seinem Staff Sergeant die Hand. Vielleicht hatten sie nie wieder Gelegenheit dazu. »Na schön. Viel Glück, Carson.«

»Danke, Major.«

Justin schluckte schwer. Abschiede waren nicht sein Ding. Sogar ganz und gar nicht. »Ich weiß nicht, wie lange es dauert, aber ich verspreche, ich werde zurückkommen.«

Carson grinste. »Und ich werde dafür sorgen, dass noch jemand hier ist, den Sie retten können.«

Justin riss sich zusammen und lief die Rampe hinauf, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Flüchtlingsströme hatten inzwischen die Schiffe erreicht. Es waren hauptsächlich Zivilisten. Nur hin und wieder blitzte die graue Uniform der Miliz oder die dunklere der TKA heraus. Fast fühlte sich Justin wie ein Feigling, weil er zu den wenigen Soldaten gehörte, die flohen. Aber was er gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Er würde zurückkommen. Koste es, was es wolle. Und die Menschheit würde schon sehr bald jeden Soldaten dringend brauchen, den sie bekommen konnte.

Eine Frau, die zwei Kinder in den Armen trug, ging direkt hinter ihm. Justin machte Platz, damit sie zuerst das Schiff betreten konnte. Aber einem Armleuchter dahinter ging es nicht schnell genug. Unter Einsatz seiner Ellbogen verschaffte er seiner Forderung Nachdruck, zuerst ins Schiff zu gelangen. Die Frau stürzte und wäre beinahe von der Rampe gefallen. Justin bekam sie gerade noch zu fassen und zog sie wieder in Sicherheit. Ihre Kinder wimmerten vor Angst. Justin wollte dem Kerl hinterher, der das Innere des Evakuierungstransporters fast erreicht hatte. Doch eine riesige Faust aus dem Inneren des Schiffes bescherte der Flucht des Mannes ein jähes Ende.

Justin konnte das Knacken hören, als die Nase des Mannes brach. Er glaubte sogar, Blutspritzer in alle Richtungen fliegen zu sehen. Der Mann taumelte rücklings und fiel von der Rampe auf den vier Meter tieferen Boden des Raumhafens. Justin weinte dem Emporkömmling keine Träne nach.

Ein Riese von Mann in der grauen Uniform der Miliz stand in der Tür und winkte die Frau, ihre Kinder und ihn auffordernd herein.

Justin half der Frau auf und brachte sie und ihre Kinder sicher ins Innere des Schiffes. Sie warf dem Milizionär und ihm selbst einen dankbaren Blick zu und suchte dann einen Platz für ihre kleine Familie.

Justin musterte den Mann von oben bis unten. Er war sogar noch größer, als er anfangs gedacht hatte. Neben ihm am Boden lag ein schwer verletzter Soldat der Miliz, der gerade von einem Sanitäter notdürftig versorgt wurde. Justin streckte seinem Helfer in ehrlicher Dankbarkeit die Hand hin. »Vielen Dank. Major Justin Hazard«, stellte er sich vor. Der Hüne ergriff die Hand mit festem Griff.

»Keine Ursache. Sergeant Major Hank MacIntyre.«

»Es ist also vorbei«, flüsterte Nyssa fast andächtig.

»So gut wie«, bestätigte Ibrahim. »Die Slugs haben unsere äußere Abschirmung durchbrochen.«

Die zwei Männer waren zwischenzeitlich allein im Zelt. Meskalla war bereits vor einer halben Stunde zu seiner persönlichen Yacht geflohen. So, wie er den Gouverneur einschätzte, hatte das Schiff auch schon abgehoben und war auf halbem Weg zur Nullgrenze.

So sehr er es sich auch wünschte. Er konnte den Mann nicht verdammen. Der Gouverneur war Zivilist. Kein Soldat. Niemand konnte von ihm verlangen, dass er in dem Hexenkessel aushielt, zu dem Ursus geworden war. Apropos aushielt. Das brachte ihn auf etwas.

»Sie sollten jetzt auch langsam gehen, General. Sonst sind alle Plätze auf den Fluchtschiffen vergeben.«

Nyssa sah Ibrahim einen Augenblick lang verständnislos an. Dann dämmerte die Erkenntnis in seinen Augen.

»Sie meinen …?«

»Ja, gehen Sie. Sie können hier nichts mehr ausrichten.«

»Aber … aber … ich muss doch weiter die Verteidigung führen«, antwortete Nyssa. Hin und her gerissen zwischen seinem Pflichtgefühl und dem überwältigenden Drang, die Beine in die Hand zu nehmen. Fast musste Ibrahim lächeln.

»Ist schon in Ordnung. Für so etwas sind Sie nie ausgebildet worden. Ich hingegen schon. Machen Sie sich keine Sorgen. Ihr Planet ist in guten Händen.«

Mit diesen Worten packte Ibrahim seinen Kampfhelm, griff sich ein Gewehr und strebte dem Ausgang entgegen. Nyssas ungläubiger Ausruf hielt ihn kurz zurück.

»Aber wenn Sie hierbleiben, werden Sie sterben. Sie und ihre Männer.«

Ibrahim schenkte dem General ein letztes, wehmütiges Lächeln. »Das ist doch nichts Neues. Dafür sind die Marines schließlich da. Leben Sie wohl, General – und alles Gute.«

Nyssa sah Lieutenant Colonel Ibrahim Karalenkov nach, lange nachdem dieser das Zelt schon verlassen hatte. Dann packte er eilig seine wenigen Habseligkeiten und machte sich auf, um das Flugfeld noch rechtzeitig zu erreichen.

Das Fluchtschiff hob schwerfällig vom Boden ab. Justin hatte den Eindruck, dass der Pilot Schwierigkeiten hatte, gegen die Schwerkraft anzukämpfen. Vermutlich war das Schiff überladen.

Der Raumhafen unter ihnen war nun Schauplatz eines erbitterten Abwehrgefechts. Die wenigen verbliebenen Verteidiger versuchten, den Fluchtschiffen so viel Zeit wie möglich zu verschaffen. Tausende von Flüchtlingen hatte man zurücklassen müssen. Sie duckten sich zwischen den Ruinen ausgebrannter Häuser und den Wracks zerstörter Fahrzeuge und warteten auf das unvermeidliche Ende der Schlacht.

Die Fluchtschiffe wurden von Hunderten Jägern umschwärmt, die einen Abwehrring um den Konvoi gebildet hatten. Reaper versuchten immer wieder, die Linie zu durchbrechen, wurden aber bis auf wenige Ausnahmen zurückgeworfen.

Nur einmal gelang es ihnen, zu den Fluchtschiffen durchzubrechen. Die Zerberus- und Arrow-Jäger konnten sie zwar wieder zurückdrängen. Aber nicht, bevor eins der Evakuierungsschiffe angegriffen und schwer beschädigt worden war. Die Triebwerke des unglückseligen Transporters stellten flackernd ihre Arbeit ein und das zum Untergang verurteilte Schiff fiel wieder zur Oberfläche hinab, wobei es einen Schwanz aus geborstener Panzerung und Rauch hinter sich herzog.

Als sie endlich den Orbit erreichten, waren sie plötzlich von Dutzenden von Kriegsschiffen umgeben. Die Zeichen der Raumschlacht waren allgegenwärtig. Zerstörte Kriegsschiffe – terranische und ruulanische – säumten ihren Weg. Die Überreste der 5. Flotte zogen sich gemeinsam mit den letzten Fluchtschiffen zur Nullgrenze zurück.

Jedes Schiff zeigte einen unterschiedlichen Grad an Beschädigung. Ein riesiger Schlachtträger musste sogar von zwei Schlachtschiffen abgeschleppt werden, um nicht zurückgelassen zu werden.

Im Innern des Transporters waren das Weinen von Kindern und das Wimmern verängstigter Menschen die vorherrschende Geräuschkulisse. Man konnte nur vermuten, dass es an Bord der anderen Schiffe genauso aussah.

Justin warf durch das Bullauge einen letzten Blick auf Ursus. Der Planet war nun von ruulanischen Schiffen vollständig eingekreist.

Kapitel 2

Es war totenstill in dem schmucklosen Büro. Der Mann, der am Schreibtisch saß, war leichenblass. Zwischen seinen vom Alter ausgebleichten, fast weißen Haaren und seiner Gesichtsfarbe bestand kaum ein Unterschied.

»Wie schlimm ist es?«, fragte Harkon Magnus, Präsident des Terranischen Konglomerats.

Die vier Männer und eine Frau, die ihm gegenüber im Halbkreis saßen, warfen sich unbehagliche Blicke zu und einigten sich wortlos darüber, wer denn nun fortfahren sollte.

Konteradmiral Okuchi Nogujama machte den Anfang. Der drahtige, alte Japaner leitete schon seit vielen Jahrzehnten erfolgreich den MAD und hatte in dieser Zeit gelernt, schlechte Nachrichten präsentierte man am besten direkt und ohne Schönrederei. Denn schlechte Nachrichten wurden nicht besser, wenn man um den heißen Brei redete.

»Was sich auf Ursus ereignete, hat sich in elf weiteren Systemen wiederholt«, begann der Geheimdienstchef seinen Bericht. »Zu den Kolonien, die gefallen sind, gehören unter anderem Oreanus, Edinburgh, Deltona, Kensington und Rainbow. Außerdem haben wir die Flottenbasis auf New Born und die Raumfestung im New-Zealand-System verloren.«

Präsident Magnus sah auf. Seine Augen war trübe vor Trauer und Schmerz. »Unsere Verluste?«

»Waren verheerend«, antwortete die einzige Frau der Runde. Admiral der Flotte Maria Antonetti rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her. Es war klar, dass sie am liebsten geschwiegen hätte, doch ihre Dienstauffassung zwang sie zu reden. Der Präsident hatte gefragt und die Beantwortung dieser Frage fiel in ihr Ressort. Während sie redete, strich sie sich eine Locke ihrer brünetten Löwenmähne hinter das linke Ohr.

»Wir haben die 3., 7. und 11. Flotte verloren.«

»Doch nicht etwa vollständig??«

»Beinahe. Zusammen erlitten die drei Flottenverbände fast achtzig Prozent Verluste. Die überlebenden Schiffe sind verstreut und ziehen sich in kleinen Grüppchen von der Frontlinie zurück. Es wird Zeit brauchen, sie wieder zu sammeln, und selbst dann werden sie eine ganze Weile nicht einsatzfähig sein.

Zum Glück war Kehler so umsichtig, sich nicht auf eine Verteidigung der Ursus-Kolonie bis zum letzten Mann einzulassen. Somit ist seine 5. Flotte noch relativ einsatztauglich. Allerdings mit fast fünfunddreißig Prozent Verlusten. Trotzdem hätte es weit schlimmer kommen können.«

»Das Ganze ist ein absoluter Albtraum.« Magnus schlug erneut die Hände über dem Kopf zusammen. Die Klimaanlage des Präsidentenpalais war defekt und alle Anwesenden litten unter der derzeitigen Hitzewelle. Aber obwohl es August und die Temperatur für Oslo ungewöhnlich warm war, schlugen über dem Präsidenten Wellen der Eiseskälte zusammen und er fröstelte. Eine Kälte, die sich nicht durch das Aufdrehen der Heizung hätte vertreiben lassen.

»Eine Katastrophe«, murmelte General Ephraim MacCullogh verdrossen. Der Oberkommandierende des Marine Corps fuhr sich mit einer Hand über den kahlrasierten, kantigen Schädel. Obwohl es in dem Büro über 30 Grad warm sein musste, war die Uniform des Marines geradezu penibel bis zum Kragen zugeknöpft. Mehrere dicke Schweißperlen rannen ihm über die Stirn und Magnus bewunderte seine Disziplin, sie nicht mit dem Ärmel der Uniform wegzuwischen.

General Daniel Sutter, Oberkommandierender der TKA, reichte Magnus wortlos eine Datendisc, die dieser mit zitternden Fingern annahm und in einen Schlitz auf der rechten Seite seines Schreibtischs steckte.

Nahezu ohne Verzögerung erschien flackernd ein Hologramm über der Eichenholztischplatte. Es war eine vollständige Darstellung der ruulanischen Vorstöße, komplett mit Schätzungen der aktuellen freundlichen und feindlichen Verluste sowie Hochrechnungen der vermuteten nächsten Ziele. Drei Systeme zwischen den eigenen und ruulanischen Linien glühten orange und zeigten damit an, dass sie derzeit noch verbissen umkämpft waren. Doch ein System fiel Magnus besonders ins Auge. Es befand sich an der äußersten Grenze des menschlichen Raums und war ebenfalls in Orange gehalten. Alle Systeme um diese einzelne, isolierte Enklave herum, glühten in Rot, um anzuzeigen, dass sie sich bereits in Feindeshand befanden.

»Was ist das?« Er deutete auf das einzelne System.

Sutter schnaubte kurz auf. Der grauhaarige, schmächtige TKA-General hatte als Tribut an die Hitze die obersten zwei Knöpfe seiner Uniform aufgemacht.

»Unser derzeit einziger Lichtblick. Das ist das Taradan-System.«

»Karpov?«

Sutter nickte. »Seit Negren’Tai waren wir bemüht, das Taradan-System in eine Festung zu verwandeln. Uns war zu jedem Zeitpunkt klar, es würde unsere erste Verteidigungslinie sein. Anscheinend haben sich unsere Erwartungen voll und ganz erfüllt.«

»Karpov hält also stand?!«, fragte Magnus mit aufkeimender Hoffnung.

»Allerdings«, erklärte Antonetti an Sutters Stelle. »Karpov hat den ersten Angriff abgewehrt und sich im Taradan-System eingeigelt. Seitdem hält er die Slugs auf Abstand.«

»Vielleicht kann er den Ruul in den Rücken fallen. Seine Position scheint mir ideal für einen Angriff auf ihren Nachschub zu sein. Er könnte ihren Vormarsch zum Erliegen bringen.«

Maria Antonetti schüttelte traurig den Kopf. Sie war diejenige, die dem Präsidenten auch diese Hoffnung nehmen musste.

»Ich fürchte, das ist nicht möglich. Die Slugs konnten Taradan zwar nicht einnehmen, aber isolieren. Es gelang ihnen, beide Nullgrenzen des Systems mit den dazugehörigen Sprungpunkten zu erobern und Karpov sozusagen von jeder Möglichkeit abzuschneiden, das System zu verlassen. Der Admiral kontrolliert das innere System mit dem Flottenstützpunkt, der Werft und den bewohnten Planeten, die Ruul dafür das äußere System.

Außerdem wären seine Kräfte ohnehin nicht stark genug, die Ruul in Schwierigkeiten zu bringen. Selbst wenn er in der Lage wäre, das System zu verlassen. Und ein solches Abenteuer würde nur die bewohnten Planeten Taradans unnötig exponieren und einen Angriff der Slugs regelrecht herausfordern.«

»Dann ist er sozusagen neutralisiert.« Magnus’ Stimme troff vor Frustration und er war nahe daran, sich seinen beginnenden Depressionen zu ergeben.

»So würde ich das nicht gerade ausdrücken«, kam Nogujama Antonetti zu Hilfe. »Durch seinen anhaltenden Widerstand bindet Karpov zwei große feindliche Flotten. Flotten, die nicht gegen unsere Kolonien eingesetzt werden können. Allein dadurch entlastet er uns schon. Außerdem müssen die Ruul ihm an dieser Front ihre ganze Aufmerksamkeit zukommen lassen. Wenn sie nur für einen Augenblick in ihrer Wachsamkeit nachlassen, wird der bärbeißige alte Haudegen ihnen die Hölle heißmachen.«

»Wie stehen seine Chancen, über einen längeren Zeitraum durchzuhalten?«

Nogujama fuhr sich mit einer Hand über das Kinn, als er über die Frage nachdachte. »Taradan ist fast völlig autonom. Karpov hat genügend Schiffe und durch die Werft auch die Möglichkeit, sie zu warten und zu reparieren. Ich denke, er kann durchhalten, solange es nötig sein wird. Zumindest können wir das nur hoffen.«

»Na schön«, lenkte Magnus ein. »Und wie sehen die Pläne meiner Stabschefs zur Rückeroberung der besetzten Kolonien aus?« Der Präsident sah auffordernd von einem zum anderen.

Wieder wechselten die Anwesenden unbehagliche Blicke. Der Schwarze Peter fiel erneut auf Nogujama.

»Es gibt keine.«

»Bitte??«

»Lassen Sie mich eines ganz klar vorneweg sagen. Wir haben darüber ausführlich diskutiert und sind uns einig, dass unser Militär derzeit nicht in der Lage ist, einen erfolgversprechenden Gegenangriff auf die Beine zu stellen. Unsere Verbände in der Nähe der Frontlinie sind eingekesselt oder zerschlagen und die Umgruppierung anderer Flotten, um die zu ersetzen, die wir verloren haben, braucht Zeit. Zeit, die wir nicht haben.

Auch die Ersetzung zerstörter Schiffe mittels Nachschub aus unseren Werften wird Zeit beanspruchen. Zu viel Zeit. Unsere militärischen Schiffswerften arbeiten mit hundertprozentiger Auslastung, aber wir müssen realistisch sein. Unsere Verluste auszugleichen, wird Monate oder sogar Jahre dauern. Vom notwendigen Personalbedarf, um diese Schiffe auch zu bemannen und gefechtsklar zu kriegen, will ich gar nicht sprechen.«

Magnus sah ratlos in die Runde. Wobei ratlos das falsche Wort war. Fassungslos beschrieb es da schon besser.

»Das ist Ihre Antwort? Wir tun einfach nichts?«

»Dass wir nichts tun, habe ich nicht gesagt. Wir können nur keine Gegenoffensive auf die Beine stellen.« Bevor Magnus etwas entgegnen konnte, hob Nogujama beschwichtigend die Hand. »Verstehen Sie mich richtig. Wir könnten durchaus einige der besetzten Systeme zurückerobern. Aber was dann? Die Ruul greifen mit einer solchen Stärke an, dass es abzusehen ist, dass wir die Systeme lediglich Tage würden halten können. Danach würden sie von den Slugs erneut eingenommen. Wir hätten Schiffe und Leben vergeudet, die wir noch dringend brauchen werden. Es wären die Siege, mit denen wir letztendlich den Krieg verlieren würden.«

»Was ist mit den Til-Nara oder anderen unserer Nachbarn? Wäre von denen nicht jemand bereit, uns zu helfen?«

Antonetti schlug bestürzt ihre Augen nieder. »Wohl kaum. Die Til-Nara haben noch mehr Systeme verloren als wir. Darunter auch fünf ihrer Brutplaneten. Die haben ihre eigenen Probleme. Was die anderen Völker in unserer Nachbarschaft angeht, so bezweifle ich, dass sie fähig oder willens sind, uns zu helfen. Die Slugs greifen nicht nur uns und die Til-Nara an, sondern alle Völker, die sich in der Stoßrichtung ihrer Hauptflotten befinden. Niemand hätte für möglich gehalten, dass die Ruul zu so etwas fähig sind. Tatsache ist, wir haben sie gründlich unterschätzt. Dies ist nicht nur ein Krieg zwischen uns und den Til-Nara auf der einen und den Ruul auf der anderen Seite. Dieser Krieg umfasst die gesamte Milchstraße.«

»Mein Gott!«, flüsterte Magnus andächtig.

»Aber noch gibt es Hoffnung«, ergriff zum ersten Mal der einzige Anwesende, der Zivilkleidung trug, das Wort. Der Mann war in einen einfachen, unscheinbaren Anzug gekleidet. Das einzige Zugeständnis des Sprechers an die Hitze war eine leichte Lockerung des Krawattenknotens. Sowohl Anzug als auch Krawatte waren in dezenten Beige- und Grautönen gehalten. Auf der Nase saß eine Brille mit schmalem Rand. Der Mann sah in jeder Hinsicht durchschnittlich aus und hätte eher in ein Buchhaltungsbüro denn in eine derart hochkarätige Besprechung gepasst. In einer Menschenmenge würde er sofort untergehen. Nur einer aus Tausenden gesichtsloser Geschäftsleute.

Nur war der Mann alles andere als Durchschnitt. Seine Äußeres war das Produkt eines jahrzehntelang fein säuberlich aufgebauten Images. Der Name dieses Mannes war Robert »Bobby« Bates. Der Leiter der Sicherheitsbehörde Erdsektor. Der SES war das zivile Gegenstück zum MAD und ein streng gehütetes Geheimnis. Offiziell gab es so etwas wie den SES gar nicht. Seine Existenz war nur einem streng begrenzten Kreis einflussreicher Persönlichkeiten bekannt, wovon die Anwesenden bereits zwei Drittel ausmachten.

»Jetzt bin ich aber gespannt«, forderte Magnus ihn zum Fortfahren auf.

»Ich sage Ihnen aber gleich, es dürfte Ihnen kaum gefallen, was wir vorschlagen.«

»Sehr viel schlimmer kann es wohl kaum noch kommen.«

»Seien Sie sich da nicht so sicher«, beschwor Bates mit einer unheilverkündenden Stimme, die Magnus weitere Schauer dunkler Vorahnungen über den Rücken jagten.

»Wie Admiral Nogujama bereits ausgeführt hat, sind wir nicht in der Lage, die Ruul dauerhaft aus den besetzten Systemen zu vertreiben. Zumindest vorerst. Bis wir unsere Flotten wieder aufgebaut haben und dadurch in die Lage versetzt werden, das, was wir zurückerobern, auch halten zu können.«

»Soweit hab ich es verstanden. Und weiter?«

Bates atmete hörbar auf, bevor er weitersprach. »Wir schlagen vor, eine Verteidigungslinie aufzubauen, die stark genug wäre, den Vormarsch der Ruul zu stoppen.«

»Das klingt doch sehr vielversprechend?!«, antwortete Magnus zaghaft, dem langsam bewusst wurde, dass das noch längst nicht alles war. »Wo liegt der Haken?«

»In der jetzigen Konstellation ist die Frontlinie nicht fähig, dies zu gewährleisten.«

»Was wollen Sie mir sagen?«, wollte Magnus zögernd wissen.

»Dass es erst schlimmer werden muss, bevor es besser wird.« Bates reichte dem Präsidenten eine weitere Datendisc. Magnus nahm sie entgegen und tauschte sie gegen die bereits vorhandene aus. Ein weiteres Hologramm erschien über dem Tisch. Er brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, was an diesem Bild nicht stimmte. Als er endlich erkannte, worauf seine Stabschefs hinauswollten, verschlug es ihm glatt die Sprache.

»Das kann unmöglich Ihr Ernst sein«, begehrte er auf und meinte damit alle Anwesenden und niemand im Speziellen.

»Ich weiß, es ist schrecklich, und wir müssen heute eine furchtbare Entscheidung treffen, aber leider ist es auch unsere einzige Hoffnung.«

»Sie reden davon, weitere Kolonien aufzugeben? Sie dem Feind zu überlassen? Vor den Ruul praktisch zu kapitulieren?« Seine Stimme wurde immer lauter.

»Nein!« Bates hob mahnend den Zeigefinger. »Niemand redet von Kapitulation. Es geht nur darum, die Verteidigung von Welten einzustellen, die wir ohnehin nicht halten können, und die Truppen darüber hinaus aus drei weiteren Systemen abzuziehen und so eine Linie zu schaffen, die den Ruul standhalten kann. Wir müssen die komplette Frontlinie um vielleicht hundert Lichtjahre zurückziehen. Nur so haben wir eine reelle Chance.«

»Und die Menschen? Es ist unsere Pflicht, die Menschen zu beschützen. Wir können sie doch nicht einfach alle ihrem Schicksal überlassen?!«

»Der Sinn hinter unserem Vorschlag ist es, uns eine Atempause zu verschaffen. Die Ruul müssen Ressourcen und Zeit darauf verwenden, die eroberten Planeten unter Kontrolle zu bringen.«

»Das heißt, Sie werfen ihnen die Menschen einfach als Köder vor.«

»Sollten Sie unserem Plan zustimmen, beginnen wir umgehend mit der Evakuierung der gefährdeten Welten. Doch selbst wenn wir jedes einzelne zivile Transportschiff beschlagnahmen und einsetzen, werden Zehntausende Menschen zurückbleiben. Also im Endeffekt: ja. Wir benutzen sie als Köder. Und es hat keinen Sinn, etwas anderes zu behaupten.«

»Und wie weit wollen Sie die Linie zurückziehen?«

»Bis zu diesem Punkt.« Bates zog eine kleine Fernbedienung aus der Tasche und drückte einen Knopf. Sofort wurden drei Systeme hervorgehoben.

»Dies sind die Systeme Starlight, Fortress und Serena. Diese drei Kolonien werden das Rückgrat unserer neuen Verteidigung bilden. Wir nennen es die Fortress-Linie. Jedes der vorgenannten Systeme verfügt nur über einen einzelnen bewohnten Planeten. Das macht es für uns günstiger, sie zu verteidigen. Wir müssen unsere Ressourcen nicht auf mehrere zu verteidigende Kolonien verteilen, sondern sind in der Lage, unsere Kräfte zu konzentrieren.«

»Gibt es noch andere Gründe, warum es ausgerechnet diese Systeme sein müssen?« Das Ausmaß des umrissenen Plans weckte in Magnus noch immer Brechreiz und Übelkeit, dennoch war er bereit, zumindest zuzuhören.

»Starlight und Serena sind stark bevölkerte Kolonien und verfügen beide bereits über ausgedehnte Verteidigungsanlagen und ausreichend große Flottenstützpunkte sowie umfangreiche Truppenverbände an TKA, Marines und Miliz. Fortress hingegen ist unbewohnt und befindet sich zwischen den beiden vorgenannten Systemen.