Der Sandling - Benjamin Vogt - E-Book

Der Sandling E-Book

Benjamin Vogt

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Beschreibung

Der erfolgreiche Autor Benjamin Vogt beschreibt die Rettung des verletzten Straßenhundes Keule. Neben Sonne, Sand, Durst und brütender Hitze bietet 'Der Sandling' abwechslungsreiche Geschichten und Anekdoten über den Alltag auf einer ehemaligen Sklaveninsel. Von den Cap Verden, einem gottverlassenen Inselarchipel nahe der afrikanischen Westküste, führt die Reise anschließend ins Herz des winterlichen Europa, nach Bayern. Dort wächst Keule, ungezählte Stolpersteine später, Schritt für Schritt in sein Dasein als liebenswerter Bauernhofhund.

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Hallo! Ich bin Keule!

KAPITEL:

Vorgeschichte

Anreise mit Hindernissen

First Contact

Einen Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück

Back to the roots!

Normalität?

Ja, wo ist die Leine hin?

Touri, Touri, du musst wandern…

Abschied und Neuanfang

Erste Welt! Wo kommt denn nur das viele Wasser her?

Der Ernst des Lebens

Unverhofft kommt oft

Unbekannte Wege

Frühlingserwachen

Benni allein zu Haus

Humpelinchen

Der Zuckerhund

Friede, Freude, Eierkuchen

Dankilog und Wissenswertes

VORGESCHICHTE

Die Cityfarmer sind auf den Cap Verden, genauer auf Sal, einer Afrika vorgelagerten Insel mit brennenden Wüstenklima. Dort verbringen wir eine traumhafte Woche zwischen Strand und ewigem Sand. Auf Einladung meiner Eltern genießen wir in vollen Zügen die Pause vom harten Farmalltag. Wie schon so oft während eines gemeinsamen Urlaubs beabsichtigt meine liebste Ildi, mich in eine Tierauffangstation zu schleppen. Hilfe und vor allem Bargeld ist dort immer gern gesehen.

Wir hatten bereits einen vollen Tag damit verbracht, die Tierschutzorganisation OSPA in dem kleinen Städtchen Santa Maria aufzustöbern. Vergeblich!

Nach langer, abenteuerlicher Odyssee durch Afrika-typische Schulen und Hinterhöfe hatten wir aufgegeben.

Es ist der letzte Tag unseres Urlaubs. Wir verlassen gerade den dort ansässigen Botanischen Garten und befinden uns auf dem Heimweg. Meiner geliebten Ehefrau fällt ein quietsche-oranges Schild unweit unseres Hotels ins Auge. Es ist verziert mit Hundepfötchen.

Groß und breit prangert „OSPA“ darauf. In der Ferne hallt Hundegebell wider. Kann es so einfach sein? Keine zehn Minuten Fußweg von unserem Tourikomplex entfernt ein Tierheim?

Zögerlich folge ich Ildi. Wir stehen vor einer schweren Eisentüre. Sowohl Fressnäpfe als auch Wasserschüsseln weisen darauf hin, dass wir am Ort des vielfach vierbeinigen Geschehens sind. Spätestens als ich meine Hand durch ein Loch in der Türe stecke, um die massive Vorlegekette zu lösen, bin ich mir sicher, dass hier Hunde wohnen. Über meine Hand streicht warmer, feuchter Atem. Sie wird abgeschnüffelt, dann abgeleckt.

Die Pforte des Schicksals öffnet sich. Mit vollem Körpereinsatz verhindert meine Liebste, dass sich eine Horde Welpen in die Wüste verdünnisiert. Vor uns offenbart sich ein abgezäunter, grauer Verschlag, dahinter ein viertel Hektar Auslauf, auf dem fröhlich eine Hundemeute tobt. Ich komme kaum mit dem Streicheln nach. Wir werden sofort von einem halben Dutzend kunterbunter ehemaliger Straßenhunde belagert, hauptsächlich Jungspunde. Es ist schwierig, den Überblick zu bewahren. Eine strahlend lächelnde kreolische Frau namens Maria nimmt uns in Empfang. Sie spricht weder Englisch noch Französisch, geschweige denn Deutsch, wir kein Portugiesisch. Dank Latinum verstehe ich zwar im Groben, was sie sagt, doch kann ich nur mit Händen und Füßen antworten.

Da heiße ich noch Koyla!

Maria führt uns herum. Am anderen Ende des Innenhofes reiht sich Zwinger an Zwinger. Als selbsternannten Handwerker gruseln mich die afrikanisch gehaltenen Verbauungen. Wenn das Loch im Zaun zu groß wird, so stopft man halt einen Liegestuhl hinein oder klemmt einfach eine Palette dazwischen. Wird schon halten... Die Hunde wirken alles in allem gepflegt, trotz der Tatsache, dass sich einige echt räudige Biester darunter befinden. Der eine humpelt wegen eines fehlenden Beines, der andere ist taub und blind, der nächste so dünn und geschwächt, dass er nicht mehr laufen kann und händisch gefüttert werden muss. Man sieht so manchem der Caninen seine harte Vergangenheit an. Maria selbst gleicht einem Engel. Mit abgesägten Spritzen, anstatt dem eigentlich benötigten Fläschchen, flößt sie den abgemagerten Neuzugängen geduldig ihr Futter ein. Sie reinigt, gekleidet in traditionell afrikanische Tracht, diverse Ohren, verbindet Pfötchen und bespaßt nebenher uns Touristen. Wir sind positiv überrascht!

Ich habe Räude, deshalb auch keine Haare!

Es ist brütend heiß. Der Schatten lockt. Wir landen in dem Häuschen, in dem Medikamente gelagert werden, und wo die Schwächsten der Schwachen ihren Rückzugsort haben. An den Wänden hängen lange Listen vermittelter, dort wohnender, sowie verstorbener Hunde. Mir stolpert auf unsicheren Beinen ein knapp dem Welpenalter entwachsener Hundegeist entgegen.

Um ehrlich zu sein: Zunächst wirkt das Kerlchen auf mich abstoßend. Dürr, voller Narben, mit nur einem Drittel Fell, ist seine Erscheinung wenig einladend. Während Ildi unser verbliebenes Bargeld weitergibt, über das sich Maria tierisch freut, verteile ich Leckerlis. Der Einzige, der keine annimmt, ist mein zukünftiger Hund. Er scheint an mir zu kleben. Maria ruft ihn zu sich. Ich verstehe immer nur „Keule“. „Keule, Keule ven aqui! Keule ven aqui!“ Der hört nicht auf seine Betreuerin, denn Koyla (sein eigentlicher Name) bleibt stoisch. Er hängt an meinem Rockzipfel wie eine Klette. Ob er sich wegen des mir anhaftenden Duftes eines All-Inclusive-Buffets zuwendet oder weil wir einfach füreinander bestimmt sind, wage ich nicht zu beurteilen.

Jedenfalls springt er los und fällt mir in die Arme. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihn aufzufangen, da das eh schon arg gebeutelte Wesen ansonsten hart auf den Boden gekracht wäre. Ich setze mich in den Schneidersitz und überwinde mich, den halbnackten „Köter“ zu streicheln. Eine Art „Blitz der reinen Liebe“ fährt durch uns hindurch. Er riecht bis heute für mich wie Hibiskus, Frangipani und Rosen zugleich. Ich kann meinen Blick kaum abwenden. Der versehrte Hund robbt auf mich, gleich einem krabbelnden Baby. In völliger Hingabe leckt er mir zaghaft die Fingerspitzen ab. Er bekommt eine gewaltige Erektion, was ein internationales Schmunzeln unter den Anwesenden hervorruft. Auch Maria staunt nicht schlecht. „Koyla meidet normalerweise

Männer!“ Genauso ergriffen ist meine Ehefrau. Später meinte Ildi nur, dass sie so etwas bei ihrem Gatten noch nie erlebt hätte. „Ich glaube es ja nicht! Mein Mann - der Vierbeineritis verfallen? Und mich daheim wegen meines Hündchens, Fluffgepuff, auslachen! Ja, ja, wo die Liebe hinfällt!“ Schweren Herzens löse ich mich von diesem hinreißenden Überlebenskünstler, denn es steht noch Packen und Verabschieden auf dem Tagesplan.

Nachdem wir uns herzlich verabschiedet haben, geht mir der kleine Koyla nicht mehr aus dem Kopf. Noch knöcheltief durch den Wüstensand schlendernd, verfallen wir in eine hitzig geführte Diskussion. Ich hätte das räudige Etwas am liebsten sofort mitgenommen. Doch meine Liebste wäscht mir gehörig den Kopf, denn sie weiß weit besser um die Probleme, einen Hund nach Europa zu bringen als meine Wenigkeit.

„Impfung, Quarantäne, neue Wohnungsaufteilung, Mehrkosten, Gesundheitsfolgen durch Mangelernährung im Welpenalter, eifersüchtiges Fluffgepuff...“

Sie nennt mir tausend und einen Grund, der dagegen spricht, DIESEN Hund zu adoptieren. Aber! Sie nimmt sich gnädig unserer Sache an. Bereits bevor wir am nächsten Morgen abfliegen, hat sie den Kontakt zu OSPA hergestellt.

Via Whats-App erhalte ich eine Informationsbroschüre.

„How to adopt a dog from Sal!“ Zunächst erschlägt mich die Fülle der Vorschriften, Kosten und Zollbestimmungen, die auf uns zukommen würden. Desillusioniert und bitter enttäuscht verwerfe ich die Hoffnung, den kränklichen Racker jemals nach Deutschland holen zu dürfen.

Da geht es mir schon besser!

Zum Glück kann man auch anderweitig helfen. Mit dem guten alten Euro. Denn für mich steht nach der Lektüre der Broschüre nur noch fest, dass ich die Patenschaft für Keule übernehme, um ihm ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen. Damit sind sein Essen, die Tierarztkosten und Impfungen bezahlt.

Zu meinem Geburtstag dann die Überraschung. Ildi macht Nägel mit Köpfen: „Mein Liebster, wenn du Keule immer noch zu dir holen willst, dann schenke ich dir die Reise nach Afrika und organisiere alles für dich!“ Ein Monate dauerndes Bangen beginnt. Keule fällt einmal, dann nochmal durch die Antikörper-Tollwut Prüfung.

Erst beim dritten Anlauf, knappe sieben Monate später, besteht er den Test. En passant erfahre ich vom Albtraum eines jeden Mitglieds des männlichen Geschlechts. Sowohl OSPA als auch meine Liebste verschweigen mir nämlich, dass der arme Kerl kastriert worden ist. Als ob das noch nicht genug wäre, bereitet mir die fortwährende Unterbringung Koylas in einem Zwinger Sorgen. Was macht das mit der Psyche eines Hundes? Alle paar Monate müssen wir zudem Unterhaltszahlungen leisten, die auf die Dauer nicht zu unterschätzen sind. Summa summarum hätten wir uns mit den Unkosten für Keule auch einen Rassehund aus einer professionellen Zucht holen können. Aber nein! Der Herr Vogt bildet sich genau diesen Hund aus der Tierrettung ein. Im tiefsten Winter erreicht uns endlich die erlösende Nachricht: „Sehr geehrter Herr Vogt, am 23.01.2019 um 06.00 Uhr geht Ihr Flug auf die Cap Verden. Wir wünschen Ihnen einen schönen Urlaub. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Reisebüro.“

Das Abenteuer beginnt!

ANREISE MIT HINDERNISSEN

Ich bin zu Tode aufgeregt, weswegen sich die Nachtruhe bei mir einfach nicht einstellen will. Meine Gedanken kreisen um eine große Frage: Wird Keule mich akzeptieren? Was ist, wenn…? 1001 Szenarien spiele ich im Geiste durch. Zwei Minuten, bevor der Wecker klingelt, springe ich auf. Nach genau null Sekunden Schlaf geht es endlich los. Meine Herzensdame erwacht mit üblem Halsweh, das Tage später in eine tonlose Heiserkeit ausartet. Da ist Lehrtätigkeit genau das Richtige zur Heilung! Oder nicht? Selbstverständlich darf eine ausgedehnte Abschiedsliebkosung des einzig wahren Fluffgepuffs, unseres Ersthundes, nicht fehlen. Vorwurfsvoll wirft sie mir ihren durchdringendsten „Du darfst jetzt nicht gehen“ Blick nach. Pünktlich um 03.00 Uhr sitzen wir also im Auto.

Genau 500 Meter hinter der Tankstelle, an der das SWA Carsharingauto seinen Dauerparkplatz hat, fällt uns auf, dass der Tank nur ganz knapp über Reserve steht. Kaum auf der Autobahn angekommen, ploppt die Computeranzeige auf: Noch 70 Kilometer, dann ist Schluss! Man möchte meinen, zwischen München und Augsburg gäbe es auch nachts eine geöffnete Zapfsäule. Pustekuchen!

40 Kilometer… 30 Kilometer… Dann typisch, wenn man es mal eilig hat und das Benzin auszugehen droht: „Zubringer München Flughafen gesperrt!“

Wir zuckeln also weiter Richtung Norden gen Nürnberg. 28 Kilometer… 27 Kilometer… Zurück nach Augsburg kämen wir definitiv nicht mehr. In mir brodelt der Ärger über den gedankenlosen Vorbenutzer. Bei einem Viertel Füllstand ist Tanken eigentlich Pflicht! Kostet ja nicht einmal etwas. Zumindest ist auf den „Internationalen Flughafen München“ Verlass. Erstaunt darüber, dass 72 Euro Diesel in so einen Tank passen, zieht es mich in den Flughafen.

Dank Halsschmerz gibt es leider nur einen halbherzigen Abschiedsknutsch, dafür eine umso festere Umarmung. Also rein ins Getümmel!

Weitläufige Hallen, verlassene Schalter, kein Mensch in Sicht. Nochmals das Ticket checken. Ich wandere durch ein leeres Mammutgebäude von Flughafen. Wussten Sie, dass es Terminal A, B sowie C gibt und dann unverhofft Terminal Z kommt?

Zur Erklärung: In Terminal Z sind die Pauschalreisenden von Tui und Co. angesiedelt. Hauptstadtlogik, die ich ungebildeter Provinzler aus Augsburg nicht verstehen muss. Immerhin befinde ich mich angeblich im modernsten internationalen Flughafen überhaupt. Da steh ich nun, ich armer Tor.

In meine 1 m auf 1.20 m messende Hundetransportbox bohren sich neugierige Blicke. „Wer fliegt da mit?“ Ich übe mich in Erklärungsversuchen.

„Außer Decken und Hundefutter ist da noch niemand drin!“ Enttäuschung steht den Leuten ins Gesicht geschrieben. Am schlimmsten den Rentnern, Fraktion 70 plus. Mir rutscht das Herz in die Hose. Ablehnung am Schalter! „Es tut uns Leid, aber, Ihre Box ist zu groß, Herr Vogt!“ Ich antworte unverzagt. „Sie ist sogar vorab angemeldet worden! Hättet ihr das nicht eher sagen können!“ Unverändert freundlich verweist mich die Dame auf den Schalter am Beschickungssystem und beklebt meine Box fahrig mit Zetteln und Strichcodes. Ich hieve die 16 Kilo wieder auf meinen Rolli und eile davon. Eine weitere Tui-Mitarbeiterin, die seit einer geschlagenen Stunde den gleichen Slogan propagiert, lächelt mir wohlwollend zu. Für Deutschland sehr unüblich. Ich fühle mich an Japan erinnert, als die angegraute Mittvierzigerin auch mich aufklärt: „Bitte keine Feuerzeuge mit ins Flugzeug nehmen!“ Dass sich daran einzig und allein der dumme Benni hält, war auch klar. Glücklicherweise hatte ein netter Herr Erbarmen im Transit und schenkte mir „a Feuerli“ in schreiendem quietsche-Rosa. Wie ich später erfuhr, wurde es schmerzlich von seiner Frau vermisst, die, wie es der Teufel will, meine Sitznachbarin wurde. Er selbst hatte immer noch drei weitere Feuerzeuge einstecken. „Sicher ist sicher. Die werden schon nicht alle finden.“ Beim System „Sperrgepäck“ angekommen ereilt mich die Ansage des Grauens. „Zu große! Du gehe zu B!“ Verwundert kratze ich mir den Kopf. Es ist 45 Minuten vor Abflug und niemand fühlt sich zuständig. Gott ergeben schlappe ich also in Halle B. Ein einzelner spärlich beleuchteter Schalter weist mir den Weg.

Da steht er! Ein auf seinem Handy daddelnderTurbanträger begrüßt mich in Herz erwärmendem indischem Gelaber. Ein Angehöriger des Volkstammes der Sikh wie aus dem Bilderbuch, inklusive langem Bart und Verbeugung zur Begrüßung. Neugierig erkundigt er sich, ob etwas in dem Käfig lebt? Ich verneine lachend. Er wirkt erleichtert. Nachdem die vielen Strichcodes und Aufkleber gescannt waren, strahlt mich sein breites Lächeln an. Der traditionsbewusste Herr trägt mir das Teil sogar zum Flieger, denn er hat eine Sondererlaubnis. Ein wenig zweifelnd überlasse ich ihm meine mit Futterschätzen aus 1001 Hundetraum gefüllte Monsterbox. Ihm scheint egal zu sein, was drin ist! Mein Engel mit Turban schlappt also los. Ich glaube, Mr. Sikh freute sich einfach über die Aufgabe. Ab jetzt blieb der Schalter schlichtweg unbesetzt. Hätte ich nun sonst was schmuggeln können? Liebe Flughafensicherheit, was ist da los? Keine X-Ray Aktion?

Ich spute mich, um an mein Gate zu kommen. In Terminal C! Von B zu Z zu B zu C. Entspricht einem Fußmarsch von gefühlten dreieinhalb Kilometern.

Mir öffnet sich nach einem elektronischen Ticketscan das Tor in eine neue Welt. Die des Technik-Overkills. Durch den Ganzkörperscanner, zum chemischen Bombenabstrich meines Laptops, bis letztendlich der Reisepassscanner via Bling-Bling Gesichtserfassung meinen Durchmarsch zum Stoppen bringt. Das Ganze wird bedient von drei überfordert wirkenden Damen und einer Heerschar blau leuchtender Computer. Mein formvollendetes Antlitz will dieser vermaledeite Gesichtsscanner einfach nicht fressen. Ob die KI mich nicht erkennt oder der Bart störe, wissen die Damen auch nicht. Ergo müsse ich mich für ein weiteres Foto bereitstellen. Nach dem zweiten Scan ist amtlich erwiesen, dass mein Gesicht nicht mit meinem Reisepassfoto übereinstimmt! Wir gehen also den traditionellen Weg. Ein uniformierter, bewaffneter Beamter eilt herbei, mustert sowohl meinen Reisepass als auch meinen Führerschein, den ich sicherheitshalber hervorkrame, und meint: „Gehens durch!“ Was für eine Erleichterung. Heute ist wohl der Tag der großen Extrawurst.

Boarding, Abflug, alles gut. Glück muss man haben. Wie das Schicksal manchmal so spielt, kürt das Leben besagte Feuerzeugspenderin zu meiner Sitznachbarin. Ihr Mann ist von Beruf Messebauer für Buchevents. Als sie mitbekommt, dass ich als Schriftsteller tätig bin, blitzt die unverhohlene Neugier in ihren Augen. Die weitgereiste Dame von Welt springt beim Anblick meiner Fantasyreihe „Wayan“ sogleich auf und nimmt mir gut gelaunt mein Reservebuch ab. „Du bekommst es nächste Woche zum Rückflug wieder!“ Mal schauen, was daraus wird. Durch heftige Turbulenzen gibt es leider einige Kotz-Eskapaden. Sonst schlafe ich auf Flügen durch.

Wenn sich aber der Hintermann beinahe über deinen Schoß übergibt, fällt es schwer, ins Land der Träume zu gelangen. Meine auf Langstreckenflügen bewährte „Kopf auf Esstisch“ Methode fand trotzdem Anklang .

Ein eher dem „Show Off“ Feld zuzuteilender Surferverschnitt in Flipflops und Shorts bedankte sich sogar bei mir für den „Trick“. Sonst habe er immer Rückenschmerzen. „ Alter! Saucoole Idee, Mann!“

Endlich bin ich an meinem ersehnten Ziel. Das Tor zu den Cap-Verden ist in greifbarer Nähe. Leider kommt eine Kleinigkeit dazwischen. Am digitalisierten Visa Checkpoint wird eine alte Dame von einem dicklichen Beamten eiskalt abgewiesen, obwohl sie die Papiere extra im Voraus beantragt und bezahlt hatte. Ihr Gatte latscht derweil unbehelligt durch die Kontrollen.

Die französischsprachige Mittachtzigerin weint jämmerlich. Keine zwanzig Minuten vorher las ich noch die Reisewarnung. „Sollten Sie doppelt bezahlen müssen, wenden Sie sich bitte an die Hotline...“ Dies geschieht meines Wissens nicht zum ersten Mal und scheint eine Abzockmasche der Zöllner zu sein, da sie den doppelten Betrag in die eigene Tasche stecken können. Immerhin 35 Euro pro Coup, was ungefähr einem durchschnittlichen Tageseinkommen entspricht. In gebrochenem Französisch erkläre ich der Frau die Problematik. Ihre Miene erhellt sich. Der Weltuntergang wurde abgewendet, denn irgendwann nehmen sich Oberzöllner und Tui-Reiseleitung der Sache an.

Als ich nun in die beinahe menschenleere Empfangshalle laufe, erwarten mich Gepäck und Box unversehrt am Rand der etwas schäbig anmutenden Kofferausgabe. Am Geländer nebenan lungert ein breitschultriger Mann mit kryptischem Schild. Mein Name steht drauf. Hut ab vor meiner Frau! Sie hat das alles im Vorfeld organisiert. Typisch afrikanisch begrüßt mich der Hüne mit Handschlag und Faust aufs Herz. An der Hundebox hat er mich erkannt. Auf der Fahrt zu meinem neuen Domizil sollte ich alles über seine Familie, Herkunft und Träume erfahren. Weniger Taxifahrer, mehr Papa. Bei fünf Kindern aus Rücksicht gegenüber seiner Frau verständlich. Unser Weg führt uns über eine geräumige Wüstenschnellstraße, vorbei an dornigen Büschen und braunem Gras hinein ins Nichts. Schotter, Sandpiste und in der Ferne vier Betonblöcke. Die Straße sei noch nicht fertig, deswegen der Umweg. Nach einer ausgedehnten Rechtskurve fahren wir von hinten an ein gepflegtes Strandhochhaus. Beinahe ein Neubau. In der Tat ist die Straße nicht weiter als bis hierhin befahrbar. Berge aus Pflastersteinen, Sand und Kalkbruch türmen sich zwischen den Häusern, soweit der Blick reicht. Keule sollten die Klettergelegenheiten noch gefallen.

Mein Kletterparadies!

Schnell wird klar, dass diese Art zu wohnen ein einzigartiges Erlebnis sein wird.

Eine Immobilie in Mischnutzung von Einheimischen und Touristen. Zugegeben, die Touriwohnungen haben Panzertüren, vergitterte Fenster und einen eingemauerten Tresor, aber sonst sind die Appartements schnittgleich. Es wird geboren, gelebt, lautstark gezeugt und still gestorben in diesen vier Wänden. Sofort werde ich von der Nachbarschaft