Wayan - Benjamin Vogt - E-Book

Wayan E-Book

Benjamin Vogt

5,0

Beschreibung

"Demjenigen, dem es gelingen wird, auch nur Wenigen des untersten Standes zu beweisen, dass er die gleiche Macht besitzt wie der im höchsten Amt stehende und alle Gewalten in sich vereinende Monarch, wird zu einem Symbol, das keine Leibgarde zu stoppen vermag." Wayan, durch dessen Geburt bereits drei Menschen den Tod fanden, steht ein schweres Los bevor: Das Waisenkind trägt ungeahnte Macht in sich. Doch ihm wird die Ausübung von Magie untersagt. Im Kloster der verlorenen Seelen nimmt sich Meister Martin seiner an und unterrichtet ihn heimlich gegen alle Widerstände. Wird Wayans Ziehvater ihn sicher durch alle Herausforderungen führen können? Kann der liebenswerte, verletzliche Junge mit dem offenen, fast kindlichen Gemüt die Anfeindungen und Schikanen ertragen, ohne zu zerbrechen? Ein ergreifender Roman über die Verpflichtungen des Lebens, die Liebe und die Welt der Magie.

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Seitenzahl: 462

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

Nachdruck 2017

© 2016 by riva (powered by 100 FANS), ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Benjamin Vogt

E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, München

ISBN Print: 978-3-95705-012-0

ISBN E-Book (PDF): 978-3-95708-196-4

ISBN E-Book (EPUB, Mobi): 978-3-95708-195-7

Weitere Informationen zum Verlag finden sie unter

www.100FANS.de

Inhalt

Karte

Impressum

Einleitung

Der Anfang allen Übels

Klosterleben

Genesung

Grubschgau

Remiko Ishtri

Bibliothek

Der erste Kontakt

Heilige Quellen

Alte Rivalen

Lektionen

Schweigen

Remikos Leid

Larutan

Giftklinge

Der Raubzug

Letzte Worte

Das Geschenk

Niederlage

Mantaab

Seelenqualen

Orakelspruch

Ohnmacht

Reliquien

Hoher Besuch

Kerker

Geteilte Geheimnisse

Standgericht

Audienz

Newosoresch

Das Auge der Wiederauferstehung

Abschied

Rachegelüste

Bewährungsprobe

Torvic

Stechimmen

Die Garde

Cabinas Dorf

Martyrium

Lupoden

Magie der Götter

Der gläserne Berg

Heimat

Inferno

Erläuterung

Danksagung

Einleitung

»Im Alter fällt es immer leichter, das Leben oder, besser gesagt, die Vergangenheit als unumkehrbar anzunehmen. Die Zukunft bringt unserer Zunft, den Kranken, den Ausgestoßenen, Nicht-mehr-Nützlichen, ein gewisses Maß an Freiheit – nicht körperlicher Natur, sondern geistige Unbeschwertheit.

Wir sind in der Lage zu denken, zu sagen und zu beschimpfen, wen, was und wo wir wollen, da bereits der morgige Tag nur den Tod für uns bereithält.«

Torvic Rachinkow

Jenes wurde mir bewusst, kurz bevor ich im Angesicht meines Ablebens, gefangen in diesem verdammten, noch atmenden Kadaver, beschloss, diese Zeilen niederzuschreiben.

Es war weder ein sehr langes noch ein sehr glückliches Leben. Doch wurde mir die Gnade zuteil, jedem Kontinent, jeder erdenklichen irdischen Freude – und allem Schlechten, was dies mit sich brachte – ein Stück zu entreißen und in mein Innerstes aufzunehmen. Keine Herausforderung war mir zu hart. Jeder, der sich mir in den Weg stellte, wurde durch die eine oder andere Weise von mir überzeugt oder im schlimmsten Fall von seiner armseligen Existenz erlöst. Jede meiner Handlungen geschah in bester Absicht, nur macht es einem das Leben oftmals nicht leicht, ein reines Gewissen zu bewahren.

Wayan

Zeitalter des Pferds, Grubschgau

Der Anfang allen Übels

Begonnen hat alles mit meiner Geburt in einem für die damaligen Verhältnisse wunderbar sauberen und modernen Siechhaus in Grubschgau, welches ein reicher, hoch angesehener Ratsherr namens Roland Eibisch für sein Seelenheil unterhielt. Bereits im Mutterleib begann ich gequält zu werden und selbst zu quälen. Innerhalb von sechs Monden gelang es mir, den Damm meiner Mutter zu zertreten, ihr Rückgrat zu verbiegen und mich dabei selbst an den Rand des Todes zu strangulieren. Zu früh, viel zu früh beschloss der Symbiont – in diesem Fall ich, der ich mit und in meiner Mutter in Symbiose mit ihr lebte –, sich von ihr zu trennen. Mit jeder Wehe zog sich die Schlinge meiner Nabelschnur enger und enger um meine Gurgel und schnitt mir mehr und mehr die Blutzufuhr zu meinem Gehirn ab.

Da Geburten an sich oftmals blutige, ekelhaft schleimige Angelegenheiten sind, dachten sich Hebamme und der kurze Zeit später hinzugezogene Heiler anfangs nicht viel bei der Blutmenge im Schoß der Gebärenden. Sie ermutigten meine Mutter dazu, stärker zu pressen und doch bitte auf das Holzscheit zu beißen, anstatt ihre Lippen mit tiefen Löchern zu versehen. Erst als ihre Atmung immer flacher wurde, zu einem Röcheln verkümmerte und zuletzt erstarb, zeigte sich, dass irgendetwas nicht stimmte.

Im vollen Bewusstsein, dass es ihn wortwörtlich den Kopf kosten konnte, ließ der aufgeblähte Mediziner die Amme schwören, niemals über das, was jetzt geschah, auch nur ein Wort zu verlieren. Umsonst! Beherzt schnitt er verbotenerweise den Bauch der Toten von links nach rechts in einem langen Zug auf. Mit einem schmatzenden Geräusch öffnete sich die unter Spannung stehende Bauchdecke.

Endlich Luft, Licht und Freiheit. Mit Mühe tat ich meinen ersten Atemzug, erbrach Fruchtwasser, vermischt mit Blut, während ich aus dem erkaltenden Leib meiner Mutter gezogen wurde. Zu allem Unglück betrat in diesem Moment der Bezirksvorsteher mit Gefolge die Entbindungskammer. Voller Abscheu blickten sie auf die Szenerie. Der Leichnam war umsäumt von einer Lache aus Körperflüssigkeiten aller Art. Daneben stand der bereits jetzt zum Tode verdammte Arzt, die »Tatwaffe« noch in der Hand.

Und ich, ein winziger Krümel Mensch von maximal 1500 Gramm Gewicht, sich windend und krümmend mit der Nabelschnur um den Hals, besiegelte das Schicksal meiner beiden Retter. Tod durch das Schwert für den höher stehenden Arzt und den Strang für die arme Hebamme. Mit nicht einmal einer Lebensstunde trug ich bereits die Last der Verantwortung für drei erloschene Leben auf meinen kümmerlichen Schultern.

Um nicht als herzlos zu gelten, veranlasste der lombokische Bezirksleiter der Stadt Grubschgau, mir eine Ziehmutter und ein Obdach zu suchen, wobei er strengstens auf die Minimierung der Kosten für sein neues Mündel achtete. So kam ich zunächst bei einer ausgemergelten, mit acht Kindern geschlagenen Übergangsmutter unter. Diese wusste mit einem mickrigen kleinen, dem Sterben nahen Säugling wenig anzufangen. Sie stellte mich unter dem fadenscheinigen Vorwand, für ein todgeweihtes Kind nicht sorgen zu wollen, in einer nackten Holzkiste vor die Pforte des nahe gelegenen Klosters.

Pater Martin, ein dickbäuchiger Mönch mit rotblondem Bart, fand mich quengelnd und fiebernd in der feuchten Kühle des Morgens. Selbst Vater mehrerer Kinder, die traurigerweise im großen Krieg gegen die Ungläubigen ums Leben kamen, schloss er dieses bedauernswerte und nach Krankheit riechende Kleinstkind in sein Herz. Kundig der Heilkünste, trug er die kleine Holzkiste in die mit Buchenholz befeuerte Stube. Sich klar darüber, dass meine Chancen mehr als schlecht standen, begann er mir mit einem Schwämmchen ein Gemisch aus Zucker und schwarzem Nachtschatten gegen Fieber einzuflößen. Dann behandelte er mit Tussilago sowohl meinen eitrigen Bauchnabel als auch meine Strangulationsmale am Hals.

Bis heute befällt mich ein Würgereiz, wenn diese Stellen berührt werden. Die Abscheu gegen Halstücher und zu enge Rüstungen mögen eventuell daher rühren. Nie konnte ich diese Verstümmlung ganz überwinden, welche tiefer reichten als die Striemen auf meiner rosigen Babyhaut. Schmerzen, die sich wie glühendes Eisen in mein Fleisch und Gehirn brannten, blieben ein ständig wiederkehrender Begleiter meines Lebensweges.

Klosterleben

Als jüngstes Mitglied einer bunt zusammengewürfelten verschworenen Klostergemeinschaft verlorener Seelen erging es mir besser als unter den schwieligen Händen der mageren Amme. Mit Hingabe fütterte und pflegte mich Pater Martin gemeinsam mit seinem Novizen Albrecht rundum gesund. Die Zeit verstrich unter den erfahrenen Händen meines Adoptivvaters. Ich wuchs zu einem aufgeweckten und neugierigen Kind heran, welches sich demütig, durch den einen oder anderen Stockschlag gebremst, den harten Regeln des Klosters unterwarf. Im Alter von vier oder fünf Jahren begann für mich bereits der mühsame Prozess der klösterlichen Ausbildung, welcher mangels Alternativen meinen Lebensweg scheinbar beherrschen sollte.

Pater Konstantin lehrte mich Schreiben und Algebra, was mir spielend von der Hand ging. Schwieriger und mit mehr Härte durchgesetzt war das Fach Theologie bei Meister Schulla. Unlogisch, phlegmatisch und verstaubt erschienen mir seine Lehren. Sowohl dumm als auch unglaubwürdig sein Gerede von der Göttlichkeit des Menschen, wo doch alles, was ich bisher kannte, die niederen Verrichtungen eines jungen Klosterzöglings waren. Was war an Latrinen und Bergen von dreckigem Geschirr göttlich?

Vorsichtig befragte ich meine Vertrauensperson, Vater Martin, über die Dogmen und starren Lehren des Glaubens. Doch blieb mein Hadern nicht unbemerkt. Meinen Zweifeln folgten Nächte des erzwungenen Kniens, befohlen von Meister Schulla, der mir damit Demut und Gehorsam aufzwingen wollte.

Nur vergaß er, dass bei einem im Schmerz geborenen Kind ausschließlich Trotz die Konsequenz solch einer Behandlung war. Mit blutenden Knien, dem Zusammenbruch nahe, wurde ich von Meister Schulla eines Morgens aufgefunden und befragt.

»Na, mein Kind, hast du deine Lektion gelernt?«

Worauf ich unbedarft antwortete: »Welche Lektion, Meister?«

»Dass die Götter in uns allen wohnen, dass du nichts bist ohne dein göttliches Selbst, dass wir dank ihrer Gnade Geist und Fleisch beherrschen!«, gab er unbeherrscht zurück.

Trotzig und naiv, wie ich nun einmal war, konterte ich seine Behauptung mit der Frage: »Wenn wir Geist und Fleisch beherrschen, warum bluten meine Knie? Warum habe ich jetzt Schmerzen? Angeblich bin ich doch ein Kind Matageschs und Newosoreschs.«

Zuerst kreidebleich, dann puterrot im Gesicht, griff der Meister zu einem Rohrstock an der Wand und begann, auf mich einzuprügeln. Meine Schmerzensschreie paarten sich mit dem Klatschen des Stockes auf meiner Haut und ließen bald die übrigen Lehrer sowie Zöglinge und Novizen zusammenlaufen. Doch der Auflauf störte Schulla wenig. Wieder und wieder schlug er mit ganzer Kraft auf mich ein. Schließlich teilten starke Hände die Menge und mit Gewalt entriss der herbeigeeilte Martin Schulla den Stock und schrie ihn aus Leibeskräften an.

»Du Bastard, Sohn einer räudigen Hündin! Wie kannst du es wagen, dieses unschuldige Kind an den Rand des Todes zu prügeln?«

Mit einem lauten Knack landete der Stock in Schullas Gesicht und zertrümmerte ihm die Nase, woraufhin dieser mit leisem Wimmern und blutüberströmt Richtung Lazarett davoneilte. Meine beinahe zugeschwollenen Augen erfassten Schullas Schande mit leiser Genugtuung, als sogleich Martin in schroffem Ton zwei gaffende Novizen anwies, mich in sein Quartier zu tragen.

Als der Pater meine Wunden untersucht hatte, rief er alsbald nach heißem Wasser und schickte nach dem greisen Abt in seiner Kemenate.

Ein Klirren weckte mich aus meinem vernebelten Dämmerzustand. Unter Qualen drehte ich meinen Kopf dem Geräusch zu. Ich erblickte meinen Ziehvater, der in seinem privaten Fundus Fläschchen mit Tinkturen hervorkramte, die in mir unbekannten Lettern beschriftet waren. Dem Übergang nahe, schwanden mir die Sinne und erlösende Dunkelheit umfing mich, als durch die wissenden Hände Martins eine scharlachrote Flüssigkeit meine aufgerissenen Lippen benetzte: mein erster und langfristig prägender Kontakt mit den stark süchtig machenden bittersüßen Beeren des Rauschbaumes. Richtig dosiert, machen sie unempfänglich gegenüber körperlichen Schmerzen und erzeugen ein Gefühl von absoluter Unbesiegbarkeit. Für Schwerverletzte sind sie eine gute Möglichkeit dem Leiden zu entfliehen, damit nicht auch der Geist Schaden davonträgt.

Aus absoluter Dunkelheit erwachte ich mit verkrusteten Augen, die ich nur einen winzigen Spalt zu öffnen vermochte. Aus der Ferne drangen fremd klingende Worte einer bekannten Stimme zu mir.

Genesung

»Abang Ireng Arak, Abang Ireng Arak, Abang …«

Als ich mich schließlich zu bewegen versuchte, erstarb der befremdliche Singsang und die vertrauten stahlblauen Augen Pater Martins blickten in die meinen.

»Er kommt zu sich, dieser zähe, kleine Hund, und ich habe gedacht, wir hätten ihn verloren!«

Eine andere, alte, gebrechliche, doch trotz allem sonore Stimme antwortete ihm: »Wie lang wird seine Genesung dauern?«

»Zwei bis drei Wochen, Ehrwürden, vielleicht auch vier.«

»Wenn ich nur zehn Jahre jünger wäre, würde ich diesem bigotten Abschaum von Hilfslehrer selbst die Leviten lesen. Doch ich bin leider zu alt und bereits zu stark vom Verfall gezeichnet.«

»Aber Ehrwürden …«, antwortete Martin.

»Nichts aber!«, unterbrach die raue Stimme meinen Adoptivvater.

»Sollte ich einmal nicht mehr sein, wünsche ich, dass ihr, mein verehrter Freund, einmal die Nachfolge als Abt antretet. Die Zeit ist reif für frischen Wind in diesen alten Gemäuern. Doch noch habt ihr andere Dinge zu tun. Entlasst euren Novizen, Albrecht, in die heiligen Weihen und nehmt Euch dieses Jungen an. Wie ich hörte, ist er nicht gerade unintelligent, geradezu gewitzt, kombiniert mit einer gewissen Gabe, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Ihr werdet Eure Freude daran haben, diesen Rohling in einen echten Edelstein zu verwandeln.«

»Ja natürlich, doch Albrecht ist noch nicht so weit. Seine Kenntnisse der alten Sprache sind zu ungenau. Er würde mehr schaden als nutzen.«

»Was Ihr ihm, lieber Bruder, bis jetzt nicht beizubringen vermochtet, lernt er nimmermehr. Er ist bereit! So stellt Euch der Aufgabe, diesem Jüngling Eure Kunst zu vermitteln, und gebt bitte Lord Hagen Bescheid, dass in einem Monat ein neuer Schüler seinen Unterricht besuchen wird. Als Abt braucht ihr einen vertrauenswürdigen Leibwächter. Ich sehe doch, wie Euch dieser Bursche am Herzen liegt und wie er Euch verehrt. Es mag sein, dass diesem Waisenkind eine lange und harte Zeit ins Haus steht, doch wird er unter Eurer Hand zu einem weisen Mann heranwachsen, der am Ende den Vorsitz des Rates anstrebt. Das spüre ich in meinen alten, klapprigen Knochen. Dies ist mein letztes Wort zu diesem Thema.«

Martin verbeugte sich unterwürfig und senkte das Haupt.

»So sei es!«

»Ja, so sei es. Und nun helft einem alten Mann auf die Beine und beginnt mit den Vorbereitungen auf Albrechts Prüfungen für die Weihen zum Pater des Klosters Grubschgau.«

Stumm und regungslos lag ich in dem nach Schnaps und Leiden riechenden Bett. Weder der Abt noch Martin wussten, dass ich ihre gesamte Unterhaltung mitangehört und verstanden hatte. Ich glaube, sie gingen davon aus, ich sei von dem Schlaftrunk noch viel zu benommen, um auch nur ein Wort zu verstehen. Meine Zunge mag mir nicht gehorcht haben, doch mein Verstand funktionierte prächtig. So sah also meine Zukunft, mein weiterer Werdegang aus. Novize von Pater Martin, meinem Ersatzvater und Retter. Wer, um der Götter willen, war noch mal Lord Hagen?

Mit diesen Gedanken beschäftigt, fiel ich in einen unruhigen, von lichten Träumen durchzogenen Schlaf. Minuten, vielleicht aber auch Stunden später merkte ich, wie Albrecht mir ein frisches Gewand und neues Bettzeug herrichtete. Die Pein, meine Glieder bewegt zu bekommen, durchfuhr mich wie der Stachel eines Skorpions. Trotz allem musste ich grinsen, als die Ereignisse der letzten Tage in mein Bewusstsein zurücksickerten. Der Novize von Pater Martin, dem einzigen Menschen, von dem ich je Gutes erfahren habe, sollte mein neuer Mentor werden.

Da durchbrach Albrecht barsch die Stille. »Was grinst du so blöd, Kleiner? Du stinkst wie ein Geißbock und siehst aus, als hättest du eine Rauferei verloren. Meister Schulla schrubbt für dich gerade die Latrinen und ist im wahrsten Sinne des Wortes angepisst.« Bei diesen Worten lachte er schallend auf.

»Wir dachten, du wärst tot. Was hast du zu dem alten Griesgram gesagt, dass er dich so zugerichtet hat?«

»Och, nichts«, antwortete ich ihm mit belegter Stimme. »Wir hatten einen kleinen Austausch über unsere Götter.« Ich erschrak, wie viel Kraft mich diese wenigen Laute kosteten.

»Er wird sich nie wieder an einem Schüler vergreifen. Er sieht jetzt noch mehr aus wie ein Schwein mit seiner verbeulten Fresse. Der Meister muss zur Strafe sieben Tage fasten und schweigen, weil ihm der Stock ins Gesicht dieses Despoten ausgerutscht ist. Armer Martin.«

Mit glasigem Blick sah ich in das ebenmäßig geschnittene Gesicht von Albrecht.

»Einige Narben werden dir von dieser hinterhältigen Attacke noch bleiben«, meinte er abschätzig. Er wusch vorsichtig meine Arme und Beine, bestrich dabei die bereits verschorfenden Wunden an meinem Kopf mit einer gelben, übel riechenden Paste von der Konsistenz gestockter Milch. Währenddessen wiederholte er genau, wie Meister Martin zuvor, die Worte »Abang Ireng Arak« in einer tiefen, grollenden, fast körperlosen Stimme.

»Was tust du da?«, fragte ich den hoch konzentriert wirkenden jungen Mann an meinem Krankenlager.

»Ich heile dich durch die Macht der alten Sprache, kombiniert mit dem Wissen über die Heilkräfte der Natur.«

»Alte Sprache?«, stieß ich neugierig hervor und bereute sogleich meine ungestüme Reaktion, als eine angebrochene Rippe in meinem Innersten qualvoll knackte.

»Das Wissen um den Gebrauch der alten Sprache schenkt dir die Fähigkeit, zusammen mit einem starken Geist, Dinge aus dir selbst und deiner Umgebung zu schöpfen. Leider bin ich nicht sehr gut darin.«

Er stellte sich, den Bauch nach vorne gereckt hin, wobei er versuchte, wie Martin zu klingen.

»Zu schwach ist dein Wille, zu unrein dein Blut. Da hat es die Götterschar mit dir besser gemeint, Wayan.«

»Warum?«, fragte ich ihn erstaunt.

»Meister Martin hat den Rahiket mit dir gemacht, als du weggetreten warst.«

Auf meinen verwirrten Gesichtsausdruck hin setzte er nach. »Er testete dein Blut, um die Stärke des Bundes mit den Göttern zu bestimmen. Nur wenige Menschen können Magie überhaupt nutzen, noch weniger verstehen sich darin, sie zu kontrollieren, ohne sich selbst zu schaden. Ich darf nur die einfachsten Zauber verwenden, und auch die sind eher mickrig. Hingegen ergab sich bei dir, dass du ein Bastard eines hochgeborenen Mannes sein musst. Die Ergebnisse der Untersuchung, die unser Meister an dir vorgenommen hat, zeigen, dass du das Potenzial dazu hast, ein großer Magier zu werden, mächtiger, als es Meister Martin selbst in seinen besten Jahren war.«

Mit glänzenden Augen versuchte ich das Gesagte zu verarbeiten. »Magie? Ich? Unmöglich!« Besäße ich in irgendeiner Weise so eine Art der Macht, hätte ich Meister Schulla und einige meiner Kommilitonen bereits in die ewige Verdammnis geschickt. Meine Zweifel schienen mir ins Gesicht geschrieben zu sein, denn Albrecht begann erneut, mit übertriebenem martinhaften Pathos zu mir zu sprechen.

»Die Einzigen mit wirklicher magischer Kraft stammen aus der Familie des obersten Herrschers über die uns bekannte Welt. Er ist der Eroberer von Larutan, der Löwe Lombokiens, die Geisel der Ungläubigen, die Zierde des vereinten Reiches und oberste Instanz in allen geistigen wie weltlichen Belangen. Ob du nun eine Missgeburt bist oder einem Abkömmling des heiligen Geschlechts der Pedanas entstammst, ist mir völlig egal. Bilde dir ja nichts darauf ein. Denn noch bist du nur ein Mückenfurz im Kloster der Verstoßenen. Du wartest nur darauf, dass über dein Schicksal entschieden wird. Unser ehrwürdiger Abt spricht gerade beim kaiserlichen Bezirksvorsteher vor, um deine Ausbildung in der alten Sprache Larutans genehmigt zu bekommen. Wie du dir sicherlich denken kannst, untersteht diese Form der Lehrtätigkeit der strengen Kontrolle des Verwaltungsapparates, des einzig wahren Herrschers, Rachul dem Allmächtigen.«

Mit einem Stirnrunzeln unterbrach ich ihn und hakte nach: »Was ist, wenn nicht? Wenn es unserem Abt nicht gelingt, den Bezirksvorsteher zu überzeugen. Was dann?«

Da Albrecht selten um eine Antwort verlegen war, hatte er auch diesmal eine parat: »Dann bleibst du wohl ein normaler Novize, gehst weiter in den regulären Unterricht wie alle anderen deines Alters auch, damit du später deinen Platz unter den Brüdern des Grubschgauer Klosters einnehmen kannst. Genug jetzt. Hör auf zu fragen und denk nicht weiter darüber nach. Liegt doch eh alles in den Händen der Götter. Obwohl, deine Zukunft liegt gerade eher in den Händen des Bezirksvorstehers.« Mit einem schelmischen Grinsen auf dem Gesicht drehte er sich um und ließ mich sowohl mit meinen bohrenden Fragen als auch mit den nagenden Zweifeln, Pater Martin habe mit meiner Beurteilung einen furchtbaren Fehler begangen, alleine zurück.

Am darauffolgenden Abend kam der greise Abt, auch als Pater Pius bekannt, mit meinem Adoptivvater, der ausgemergelt, mit Schatten unter den Augen hinter ihm das Zimmer betrat, mich besuchen. Auf seinen knorrigen Stock gestützt verkündete er, trotz seines gebeugten Rückens überraschend fest bei Stimme, wie es um meine Ausbildung bestellt sein würde.

»Da du bereits von Albrecht unterrichtet worden bist, dass ich beim Bezirksvorsteher war, spare ich meinen Atem und komme gleich zum Punkt. Keine Magie! Trotzdem wirst du bei Meister Martin die Ausbildung der Heilkünste beginnen.«

Den Göttern sei Dank, dass niemand meinen inneren Freudenschrei hören konnte. Ein gigantischer Stein fiel von meinen Schultern und mir wurde merklich leichter ums Herz.

»Die Ausbildung zum Leibwächter des stellvertretenden Abtes bleibt auch bestehen. Lord Hagen freut sich bereits auf deine Unterweisung.«

Unmerklich zuckte Martin ein wenig bei der Erwähnung zusammen, dass er jetzt stellvertretender Abt sei. Trotzdem gab er keinen Laut von sich. Scheinbar schien diese Nachricht gerade erst in voller Tragweite zu ihm durchgedrungen zu sein.

»Nutze diese Chance und hänge nicht dem Unerreichbaren nach.« Seine Anspielung auf die mir unbekannte, alte Sprache und somit auf das Mysterium der Magie war nicht zu überhören.

»Du wirst hart arbeiten müssen. In deinem zarten Alter hast du dir hier bereits einen mächtigen Feind gemacht. Ich wünsche, dass du die Götter um Vergebung bittest für deine Blasphemie. Meister Schulla hat mir deine Worte erzählt und ich muss sagen, dass du mich enttäuscht hast.«

Es stimmte mich traurig, den Ansprüchen des Alten nicht genügt zu haben. Den Tränen nahe, musste ich meine Schwäche herunterschlucken.

»Nun ist es an dir, dich zu beweisen, und das Vertrauen, welches wir in dich setzen, nicht zu missbrauchen.«

Hinter dem Rücken des gebeugten Greises erhob mein neuer Lehrmeister beide Daumen, dabei grinste er bis über beide Ohren. Sichtlich merkte man ihm seine Erschöpfung an, da er auf unsicheren Beinen unterwegs war.

»Nun ruh dich aus. Du musst schnell zu Kräften kommen. Hast du noch Fragen, so stelle sie jetzt.«

Eine Flut von Worten brach unweigerlich aus mir heraus, wurde dann aber abrupt unterbrochen.

»Warum darf ich keine Magie erlernen? Wer ist Lord Hagen? Wer sind meine Eltern? Wieso …«

Mit einer harschen Geste gebot mir Pater Pius Einhalt. Ein ehrliches Lächeln umspielte dabei seinen in Falten geworfenen Mund, während er sachte seinen Kopf schüttelte.

»Alles zu seiner Zeit, mein Sohn. Geduld ist eine Tugend, die für Jungspunde wie dich am allerschwersten zu erlernen ist. Nur eine deiner Fragen will ich dir beantworten. Lord von Hagen ist unser einziger weltlicher Lehrmeister. Den Nahkampf, einhergehend damit die Kontrolle des Geistes über den Körper, wird er dir vermitteln. Um genau zu sein, ist der gewaltsame Tod sein Spezialgebiet. Du wirst ihn noch früh genug fürchten lernen. Nun haben wir aber genug geplaudert. Ich bin müde, du bist müde. Lass uns den Schlaf des Gerechten nutzen, um morgen mit den Studien beginnen zu können. Deshalb wünsche ich dir nun angenehme Träume.«

Mit einem leisen Stöhnen erhob er sich von meinem Bett, auf das er sich zwischenzeitlich niedergelassen hatte. Auf seinen Wink folgte Pater Martin dem Alten aus dem Zimmer, nicht, ohne über seine Schulter zu blicken und für den Bruchteil eines Herzschlages meine Augen zu taxieren.

Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken, beinahe so, als hätte er in mein Innerstes, in meine Seele geblickt. Auch wenn ich der Zauberei nicht mächtig war, wusste ich, dass dieses Gefühl, durchleuchtet zu werden, nur auf magischem Weg zustande kommen konnte. Die brennende Neugier auf das, was da kommen sollte, linderte meine Sehnsucht nicht im Mindesten, sondern heizte sie noch an.

Kurz danach besuchte mich Albrecht, der in eine neue Mönchsrobe gekleidet war. An seinem Verhalten war abzulesen, dass er bereits wusste, wie die Entscheidung des Bezirksvorstehers ausgefallen war, denn er blickte mich weder an noch sagte er ein Wort. Seufzend legte er auf das kleine, einfach gezimmerte Tischchen neben meinem Bett einige Pergamentrollen. Etwas undeutlich murmelnd, beschwor er aus dem Nichts eine kleine Kerze, was mich unendlich beeindruckte. Es stimmte mein Gemüt schwermütig und melancholisch, was man mir wohl ansah, da er mich mitleidig von der Seite beäugte.

»Sei nicht enttäuscht. Dir entgeht mit der Magie nicht viel. Es gibt so viel mehr zu lernen auf dieser Welt.«

Er grabschte nach dem Pergament auf meinem Beistelltisch und warf es mir auf den Schoß.

»Studiere erst einmal diese Schriftrollen der heimischen Gärten.«

Ob er angeben oder mich ärgern wollte, konnte ich nicht beurteilen, doch wie um mir zu beweisen, was ich alles verpasste, schnalzte er mit der Zunge, infolgedessen die Kerze mit einem leisen Plopp entflammte. Als er gegangen war, stürzte ich mich in die Lektüre der abgegriffenen, vergilbten Blätter. Maßlos enttäuscht warf ich wenige Minuten später die Beschreibungen von Minze, Erdbeeren, Knoblauch und allerlei anderem Gartengestrüpp neben mich auf den kleinen Tisch.

Langweilig, dachte ich mir. Doch um niemanden zu enttäuschen, las ich bald weiter und stieß, je mehr ich mich in das Thema vergrub, auf einige interessante Fakten. Gänseblümchen heilen Magenverstimmungen. Knoblauch lindert Herzrasen. Bei einem Trauma oder einem schweren Schock durch einen Verlust gibt man Baldrian, was die Nerven beruhigt. Nach und nach begann ich die Faszination, die Mutter Natur auf Pater Martin ausübte, zu begreifen. Sein stundenlanges Herumwandern im Wald, die nächtlichen Spaziergänge, um Blumen zu pflücken, der üppige Garten, den er so liebevoll pflegte, ergaben für mich endlich einen Sinn. Je mehr botanisches Wissen ich erlernte, desto besser verstand ich die Zusammenhänge zwischen körperlichen Gebrechen und deren Linderung durch die heilenden Eigenschaften der Pflanzen. Zumindest dachte ich, dass ich irgendwann jede Krankheit zu heilen vermochte, was sich aber als Irrtum herausstellen sollte. Jeden Tag meiner Genesungszeit brachte mir Albrecht neue Blätter und kleine selbst angefertigte Skizzen aus Martins privater Bibliothek. Er half mir, unleserliche Passagen zu entziffern. Manchmal besorgte er mir Pflanzenproben zum Riechen und Schmecken aus dem Garten oder dem nahe gelegenen Wald, um mir die Zusammenhänge zwischen den abstrakten Bildern auf dem Papier und echten, wachsenden Lebewesen zu verdeutlichen. Nach einer Weile konnte ich mich bereits wieder aufsetzen. Zur Verblüffung aller bemühte ich mich schon nach wenigen Tagen aufzustehen. Es drängte mich, schnell gesund zu werden, um den meiner Meinung nach interessanteren Teil meiner Ausbildung zu beginnen: die Nahkampflektionen bei Lord Hagen.

Knapp eine Woche war vergangen, ich lief munter in meinem Zimmer auf und ab, da wurmte mich eine Frage, die mich tagaus, tagein beschäftigte. In all der Zeit, in der ich auf das Krankenlager gefesselt war, hatte sich mein Meister nicht einmal blicken lassen. So quälte ich mich, da ich nicht wusste, ob ich etwas falsch gemacht hatte. War er böse auf mich oder hatte ich ihn enttäuscht?

Auf mein Drängen hin zuckte Albrecht nur mit den Schultern: »Er wird kommen, wenn ER es für richtig hält.«

Für Albrecht war das Thema damit gegessen, wohingegen ich nach vier Wochen, als ich mit den anderen Zöglingen und Novizen auf den Hof durfte, begann, mir ernsthafte Sorgen zu machen. Zu meinem Unglück vermieden die anderen es, mir zu nahe zu kommen, weil ich durch die halb verheilten Wunden am Kopf schrecklich aussah. Deshalb vergrub ich mich weiter in die mystische Welt der mir erlaubten Bücher.Währenddessen gewann der Garten für mich als Rückzugsort mehr und mehr an Bedeutung. Sein Charme lag nicht nur in seiner natürlichen Schönheit, sondern auch in der Hoffnung, dort Martin beim Jäten oder Gießen zu begegnen. Außerdem erkannte ich mittlerweile eine Vielzahl der dort wuchernden Gewächse. Ich wusste um ihre schmerzlindernden, berauschenden und auch tödlichen Wirkungen, was ich in meiner kindlichen Unschuld auch rigoros anzuwenden begann. Eine Rezeptur gegen Einsamkeit war mal eine Tollkirsche hier oder Stechapfelblätter da, die ich zerkaute. Im Nachhinein bin ich froh, mit dem Leben davongekommen zu sein, denn wenn ich mich irgendwann in den Dosierungen geirrt hätte, wäre das Ende fatal gewesen.

An einem lauen Augusttag, dem Datum meines Auffindens in einem Korb auf der Pforte des Klosters, der als mein Geburtstag begangen wurde, kam Meister Martin endlich zu mir. Er legte die Hand auf meinen Kopf und meinte mit ernster Miene: »Du hast mir einigen Stoff zum Nachdenken gegeben. Als ich neulich in deine Seele geblickt habe, fand ich ein reines Herz, was in der heutigen Zeit eine wahre Seltenheit ist.«

Innerlich fühlte ich mich in der Annahme, am Abend des Besuches des Abtes sei etwas Magisches, Zauberhaftes zwischen mir und Martin geschehen, bestätigt.

»Nun, Wayan, lass mal sehen, was du gelernt hast.«

Er nahm mich bei der Hand und deutete auf einen Engelstrompetenstrauch.

»Was ist das für ein Gewächs und was bewirkt es?«

Mir war es peinlich zu antworten, doch mein Ziehvater warf seine Stirn in Falten und wollte sich schon dem nächsten Pflänzchen zuwenden, da fasste ich mir ein Herz. Mit hochrotem Kopf antwortete ich ihm: »Das ist Engelstrompete. Ein Tee aus den Blättern bewirkt, dass das männliche Glied steht, halt dass da unten alles funktioniert.«

Peinlich berührt starrte ich zu Boden.

»Weiter«, hakte er nach.

»Wenn man die Blüten mit Tabak vermischt, lässt uns Brugmansia Bilder sehen, die nicht existieren. Manchmal führt es zu Wahnsinn, was bis zu einem Selbstmord ausufern kann.«

Erstaunt pfiff der Heilkundige durch seine Zähne. Er nahm einen tiefen Atemzug der ätherischen Öle.

»Glückstreffer!«

Unverzüglich griff er in seine Tasche und holte zwei Kastanien hervor.

»Das ist eine Kastanie. Aus dem Mark kann man Seife herstellen.«

Das war einfach, dachte ich mir.

Wiederum griff er in seine Tasche. Einige kleine schwarze Beeren kamen zum Vorschein, wie sie viele Sträucher, Bäume und krautige Pflanzen tragen.

»Darf ich mir die genauer ansehen, bitte?«, erkundigte ich mich höflich.

»Aber gern«, gab er genauso höflich zurück.

Da ich wusste, dass viele dieser unscheinbaren Früchte essbar sind, aber nur wenige gefährlich, ging ich zu den wenige Schritte entfernt stehenden Hühnern.

»Put, put, put. Kommt her, ihr süßen Hühner.«

Ohne zu zögern, warf ich ein paar der Beeren auf den staubigen Boden. Martin stand mit fragender Miene, sich am Kopf kratzend, neben mir. Dann ging ihm ein Licht auf. Er schrie.

»Warte, nein!«

Doch es war zu spät. Keine der schwarzen Früchte war mehr zu sehen. Sie waren in den Mägen der Hühner gelandet. Einige Sekunden geschah gar nichts, dann kippte das erste Federtier kreischend mit schäumendem Schnabel zur Seite. Mit unnatürlichen Zuckungen begingen sie ihre letzten Atemzüge.

»Keine Johannisbeeren«, stellte ich ernüchtert fest.

»Vielleicht Hartriegel? Nein, der Schaum und der schnelle Exitus sprechen dagegen. Ha, ich hab’s. Es ist Giftefeu!«, schleuderte ich ihm triumphierend entgegen.

»Du hättest sie nur zerdrücken müssen und an den Kernen hättest du festgestellt, dass sie fasrig und groß sind.«

Zu meiner Verteidigung meinte ich: »Noch nie habe ich diese Pflanze in echt gesehen. In euren Schriften stand nur etwas von einer festen Schale und wenigen Kernen.«

Mit in Falten geworfener Stirn musterte er mich intensiv.

»Ich hätte dir mehr Aufmerksamkeit widmen sollen. Ab jetzt wird sich das ändern. Ich erkenne, dass Bücher und Schriftrollen alleine für ein aufgewecktes Kind wie dich zu gefährlich sind. Ab jetzt wirst du mit Albrecht und mir die Praxis der Heilkunst in natura erlernen. Apropos Albrecht, gehe ihn suchen und lasst Euch aus der Schatzkammer einige Kupfermünzen geben. Ihr seid beauftragt, neue Hühner zu kaufen. Schade um die armen Viecher. Nicht einmal essen kann man sie mehr nach dem, was du ihnen angetan hast.«

In mir kam Zerknirschung auf. Das Ableben dieser armen Tiere tat mir aufrichtig leid. Martin redete unbeirrt weiter.

»Am zentralen Markt dürftet ihr genügend Auswahl haben.«

»Der zentrale Marktplatz? Wirklich?«

Bis ein Novize die heiligen Weihen erhalten hatte, durfte er das Kloster nicht verlassen. Das Äußere der schützenden Mauern war ein Mysterium unter uns Novizen. Nicht im Traum hätte ich geglaubt, so ein Privileg jemals genießen zu dürfen. Aus gutem Grund war es verboten, wie sich später herausstellen sollte.

»Wayan, achte darauf, dass unser neuester Bruder die Finger von den Mädchen lässt. Das Zölibat ist eines der zentralen Punkte unseres Gelübdes und du willst ja nicht, dass sein Glied oder seine Eier als Futter für die Hunde enden«, fügte er leicht besorgt hinzu. Ich wusste zwar nicht, was Zölibat bedeutete, hütete mich aber, das zuzugeben, um keinen dummen Eindruck zu hinterlassen.

»Ach ja, fühlst du dich fit genug, bei Hagen anzufangen?«

Die letzten Worte spuckte er förmlich in den Raum. Dabei verzog er sein Gesicht zu einer wütenden Grimasse.

»Das sollte ich dich stellvertretend für unseren ehrwürdigen Abt Pius fragen, denn ich konnte ihm diese tolle Idee leider nicht mehr ausreden, dich bei diesem Despoten von Trainer in den Kampfkünsten ausbilden zu lassen. Der versteht nur was vom Kriegshandwerk und vom Schlachten, doch nichts von einem normalen unblutigen Zweikampf.«

Auf dem Weg in die Schatzkammer dachte ich über das Gesagte nach. Soviel ich wusste, war Martin vor seinen Klosterzeiten selbst ein Krieger gewesen. Er hatte sogar Familie. Als ich mich später bei Albrecht erkundigte, erzählte er mir Folgendes:

»Es war ein prächtiger Haushalt, den der gute Martin damals führte. Drei Kinder soll er gehabt haben, dazu unzählige Sklaven in einem großen Herrenhaus. Er war im Krieg gegen die ungläubigen Heiden zu einem Helden geworden. Mit seinen überragenden magischen Fähigkeiten und dem Schwert kam er zu Ruhm und Ehre, was er aber nie jemandem erzählt.«

Ich selbst hatte durch Gerüchte, verbreitet von den anderen Novizen, davon gehört, konnte es aber nicht so recht glauben.

»Während er auf einem Feldzug im Kernland des Feindes in Larutan war, wurde bei einem Überfall der berüchtigten larutanischen Beutekommandos sein gesamtes Heimatdorf, in dem er Bürgermeister war, vernichtet. Diese Elitetruppe hinterlässt niemals Überlebende. Zuerst metzeln sie die Bevölkerung nieder, dann brandschatzen sie die Häuser und Tempelanlagen, und zwar sowohl der überfallenen Städte als auch der hilflosen Dörfer. Regelmäßig entweihen sie das Allerheiligste unserer Götterhaine. Diejenigen, die sie verschonen, enden entweder in der Sklaverei, was dem lebenswerteren Schicksal entspricht, oder werden als Beute so lange geschändet und missbraucht, bis die meisten den Freitod wählen. So viel weiß ich über die Geschichte der Familie des Meisters. Aber auch nicht mehr.«

So aufgeschlossen war Albrecht selten. Als ich ihn in der Nähe der Schatzkammer fand, war er tief im Gebet an einem Schrein zu Ehren des Kaisers versunken. Mein Erscheinen ließ ihn hochfahren und verwirrt umherblicken, bis er mich, den Eindringling, fand und seine geröteten Augen in die meinigen bohrte.

»Was willst du, Knirps?«

Beunruhigt von seinem aggressiven Unterton, richtete ich ihm den Auftrag seines früheren Lehrmeisters aus. Augenblicklich verflog seine schlechte Laune bei dem Gedanken, den Markt in der Stadt besuchen zu dürfen. Wir freuten uns beide darauf, dem täglichen Einerlei des Klosterlebens zu entkommen.

Grubschgau

Mit klimpernden, ledernen Geldsäckchen bewaffnet verließen wir die Abtei durch die große Pforte. Ich zum ersten Mal seit meiner Ankunft in einer kleinen Holzkiste vor nunmehr beinahe einem Jahrzehnt. Aufgeregt, ununterbrochen vor mich hinplappernd, durchschritt ich neben Albrecht die überfüllte Stadt. Struppige vor Karren gespannte Esel kreuzten unseren Weg, Läden mit opulent gefüllten Auslagen säumten die Straße. Überall streunten abgemagerte Hunde durch die nach Abwässern stinkende Provinzhauptstadt. Etliche Schlaglöcher verursachten, wenn Kutschen darüberrumpelten, einen Heidenlärm. Aus Angst hielt ich mir immer, wenn eine vorbeifuhr, die Ohren zu, bis mich Albrecht ermahnte, das bleiben zu lassen, da man sich daran gewöhnen müsse.

Ehrfürchtig verneigten sich viele vor der Robe des nunmehr Pater genannten Albrecht. Bald würde es so weit sein, dann bekam er einen neuen Namen und würde in die Bruderschaft als vollwertiges Mitglied aufgenommen sein. In Grubschgau genossen die Mönche einen guten Ruf. Sie waren gern gesehene Kunden, da ein Geschäft mit ihnen als gesegnet galt.

Der Großteil meiner Heimatstadt bestand aus verwinkelten Gässchen mit alten Häusern, auf die im Verlauf der Jahrhunderte Stockwerk um Stockwerk gebaut wurde. So lange, bis sie unter ihrem eigenen Gewicht irgendwann zusammenbrachen. Das ergab eine einzigartige Verbindung aus der heutigen, der Not entsprungenen Architektur und dem Prunk längst vergangener Zeiten. Bemerkenswert waren die glitzernden Balkonverkleidungen der reicheren Kaufleute. Nicht die Pracht, die zur Schau gestellt wurde, sondern die Vielzahl von Tieren, die in ihnen hausten, interessierte mich. Am liebsten beobachtete ich die tschilpenden Spatzen, die in den bepflanzten Balkonkästen Quartier bezogen hatten. Die zentralen Brunnen am Rathaus und Marktplatz nutzten sie als Waschstationen, derweil entwickelten sie die Frechheit, Essen von den Tellern der anliegenden Essensbuden zu stibitzen.

Mein Mitleid erregten immer wieder die auf Rollbrettern bettelnden Krüppel. Unter vorgehaltener Hand erklärte mir Albrecht anhand einiger überaus aufdringlicher Exemplare der besitzlosen Zunft, wer von ihnen Kriegsveteran und wer ein von den kaiserlichen Schutztruppen gebrandmarkter Verbrecher war. Besonders schwere Vergehen wurden zusätzlich zur eigentlichen Strafe mit einem Brandmal im Gesicht geahndet. Etwas, das mir nicht in den Kopf gehen wollte, war, dass man Diebe, die Essen stahlen, mit dem Verlust eines Fingers bestrafte. Dahingegen hackte man für das Rauben von Geld gleich die ganze Hand ab. Wo war da der Unterschied?, fragte ich mich.

Bei Vergewaltigern machte man kurzen Prozess und entfernte entweder alles, was nötig war, um diese Straftat zu begehen, oder amputierte beide Beine. Wenige überlebten diese Prozedur.

Die Höhe und Art der Strafe war unter anderem auch abhängig vom gesellschaftlichen Stand des Verurteilten. Adelige hatten im Falle einer Hinrichtung das Recht, ihr Leben durch das Schwert zu verlieren. Der Pöbel wurde erhängt, gesteinigt, gekreuzigt oder anderweitig dem Tod überführt, je nach Gusto des jeweiligen Richters.

Wir trafen in einer besonders engen Gasse auf eine Ansammlung Hunderter Männer. Jung und Alt standen dicht gedrängt um irgendetwas im Kreis. Der weitere Weg war versperrt. Selbst in unseren Mönchsroben gab es für uns kein Durchkommen mehr. Angekündigt hatte sich dieses Spektakel durch etliche herrenlose Eselskarren. Ihre Besitzer hatten sie einfach da, wo sie gerade waren, stehen gelassen und sich der grölenden Menge angeschlossen.

Auf einer Treppe suchten wir vor den aufgebrachten Massen Schutz. Endlich konnten wir erkennen, was vor sich ging. Kupfer und Silber wechselte den Besitzer, Wetten wurden akribisch in Tonscherben, dem Pergament des armen Mannes, geritzt. Die Kämpfer in Händen gewogen, genauestens untersucht und mit langen Messern, die an die Sporen gebunden wurden, bewaffnet. Die Nummer eins war ein herrlicher weißer Hahn mit langen Schwanzfedern. Der eingeölte, blutrote Kamm glänzte schimmernd in der Mittagssonne. Sein Gegner war ein gedrungener, rotbrauner Hahn mit kräftigen Beinen. Die Regeln dieses sogenannten Sports waren simpel. Kampf bis zum Tod eines oder beider Probanden. Mit Rupfen und Zupfen an den Schwanzfedern heizten ihre stolzen Besitzer, zwei zahnlose alte Männer, ihre Gockel an. Als die Kämpfer Gesicht an Gesicht einander gegenübergehalten wurden, sträubten sich die Federn an Nacken und Hals. Verzweifelt versuchte der farbig gesprenkelte Hahn, immer wieder auf die Finger beziehungsweise Gesichter der Umstehenden einzuhacken, wohingegen sein monochromer Gegenspieler seinem Unmut mit einem lauten Krähen Luft machte. Auf einen Schlag brach die Hölle los.

»Kämpft, kämpft, kääämpft!«, brüllte die Menge im Chor, dann wurden die beiden Todfeinde aufeinander losgelassen. Zuerst schien der weiße die Oberhand zu haben. Mit aufgestelltem Federkleid warf er seinen gedrungenen Artgenossen nieder. Doch der kleinere, wendigere und meiner Meinung nach kampferprobtere ließ seinen doppelt so großen Widersacher stehen. Er nutzte den Schwung, drehte sich, wobei er in einer atemberaubenden Geschwindigkeit konterte. Die angebundene Klinge streifte den wunderschönen Kamm des Albinos, der sofort zu bluten begann. Seiner Sicht beraubt, torkelte das verschmierte Tier auf einmal ziellos umher. Der nächste Angriff des Zwerggockels saß. In der Bauchdecke seines Kontrahenten klaffte ein tiefes Loch. Kombiniert mit seinem ohnehin außergewöhnlichen Blutverlust durch die Verletzung am Kamm fiel das nun nicht mehr schöne, reinweiße Tier auf die Brust. In dieser Position blieb es mit den Beinen tretend im Dreck liegen. Der kleine Kampfhahn stürzte sich zwar noch einmal auf ihn, doch hatte dieser Angriff nun eher etwas von Leichenschändung als von einem fairen Zweikampf. Vorsichtig, um ja nicht von der rasiermesserscharfen Klinge am Bein verletzt zu werden, fing der zahnlose Glatzkopf seinen Gewinner ein. In dem Moment, als er ihn über seinem Kopf präsentierte, klatschte und johlte die Menge.

Nur schien Albrecht nicht so recht begeistert von dem Spektakel zu sein, was sich dadurch ausdrückte, dass er mich mit sanfter Gewalt durch die Heerschar von Menschen schob. Wie durch Zauberhand tat sich vor uns immer ein kleiner Spalt oder eine Lücke auf, durch die wir gerade so hindurchschlüpfen konnten. Innerhalb weniger Minuten hatten wir den drängelnden, sich ab und an schubsenden Pöbel hinter uns gelassen. Nach einem kurzen Seitenblick auf meinen Begleiter wusste ich, dass da etwas nicht stimmte.

»Alles in Ordnung?«, fragte ich den sowohl kreideweißen als auch geschwächt aussehenden jungen Mann.

»Gemach. Gemach. Ich muss mich setzen.«

So weit kam es aber nicht. Abrupt übergab er sich in einem platschenden Schwall auf die Straße. Nachdem er sich den Mund abgewischt hatte, meinte er ernst: »Hab mich übernommen. So viele Menschen zu beeinflussen ist kräftezehrender, als ich gedacht habe. Schnell jetzt! Ich will ins Bett, sonst falle ich hier noch um. Dann bist du Freiwild, Knirps.«

Geahnt hatte ich schon, dass die vielen aufgeregten Schaulustigen nicht freiwillig Platz gemacht hatten. Magie konnte mehr, als ich mir je in meinen kühnsten Träumen erhofft hatte. Trotz seiner Ansage liefen wir jetzt langsamer im Vergleich zu vorhin. Sein Gang war unsicher, weswegen er oftmals über kleine Hindernisse wie Schlaglöcher stolperte. Dann endlich öffnete sich die Straße hin zu einem großen, von herrlichen mit Stuck verkleideten Anwesen gesäumten Platz. Die mit allerlei Glitzerkram verzierten palastartigen Häuser stachen zuallererst ins Auge. Was man schon früher wahrnahm, war der Gestank, der einem entgegenschlug. Es raubte uns schon seit einiger Zeit vor der Ankunft im Marktgetümmel den Atem.

Eine mögliche Erklärung waren die vielen lebenden und verendeten Tiere. In geflochtenen Körben lagerten tote Fische, Dutzende Schweine in allen Größen und Farben vegetierten in viel zu kleinen Pferchen. Eine Hundertschaft von Hühnern gackerte meterhoch gestapelt in handgemachten Käfigen von der gegenüberliegenden Seite des Marktes. Weniger auffällig, dafür umso interessanter, gestalteten sich die Auslagen der Geschäfte im Erdgeschoss der Herrenhäuser links und rechts von uns. Pergament in einer überquellenden Fülle, verfasst in den unterschiedlichsten Sprachen. Gewürzregale, gefüllt mit Pülverchen aus tausendundeiner Nacht. Phiolen mit getrockneten, eingesalzenen oder gedörrten Pflanzen und Tieren zu horrenden Preisen. Eine Boutique führte ausschließlich Lampen, die mit merkwürdig anmutenden Wesen bestückt waren. Sie wirkten wie eine Mischung aus zu groß geratenen Glühwürmchen und furchterregenden Fledermäusen. Das passende Futter für diese possierlichen Tierchen stand in bauchigen Fässern daneben. Dem Schild, das darin steckte, konnte ich entnehmen, dass es bestes getrocknetes Rinderblut sei. Besonders anziehend fand ich das vergitterte Antiquariat mit seinen in Leder eingeschlagenen Kleinoden. In Reih und Glied standen sie da, Freunde fürs Leben, doch unerreichbar. Leider. Ein besitzloser Mönch konnte nur davon träumen.

Ein reges Treiben herrschte überall. Feilschende Frauen waren allerorten zu erkennen, genauso wie die aus Leibeskräften plärrenden Marktschreier, die die Vorzüge ihrer verschiedenen Waren feilboten. Die Lautesten waren die Sklavenhändler. Sie machten den größten Profit und hatten deshalb eine dominierende Stellung auf dem Marktplatz. In jeder Ecke sah man in Ketten gelegte, kauernde Gestalten. Die meisten waren dunkelhäutig, wohingegen mich eher erschreckte, dass sich unter dieser bemitleidenswerten Handelsware Frauen und Kinder aller Altersstufen befanden. Zwei mürrische, zum Stiernacken neigende, dabei aber in außergewöhnlich prächtige Gewänder gehüllte Seelenverkäufer stachen besonders ins Ohr.

»Auf Wunsch kastrieren wir auch euren Sklaven! Die besten Eunuchen sind meine Eunuchen! Lasst euch den guten Service nicht entgehen. Schützt eure Frauen und Kinder!«

Angewidert zogen Albrecht und ich ab, die wir beide im Kloster aufgewachsen waren. So steuerten wir zielstrebig auf einen der Hühnerkäfigberge zu, kamen aber nicht umhin, die Darbietung des anderen Menschenhändlers zu vernehmen: »Sie sind jung und sie sind schön! Macht sie zu eurem Eigentum und erwirtschaftet mit ihnen Profit. Schaut euch diesen Liebreiz an!« Er packte ein blondes Mädchen am Kinn und zerrte sie an den Bühnenrand seiner Verkaufsfläche. »Kommt näher! Binnen einer Woche hat sie ihren Preis wieder wettgemacht. Wer bietet ein Goldstück?« Doch den Ausgang der Versteigerung bekam ich nicht mehr mit, da etwas noch nie Dagewesenes geschah.

Remiko Ishtri

Wie ein Schlag ins Gesicht traf es mich. Ein etwa 15-jähriges Mädchen fütterte gerade eine Heerschar piepender, kleiner, flauschiger Bollen, die sich als Küken herausstellten. In ihrer blauen Tunika sah sie im Gegensatz zu den Sklavenmädchen einfach hinreißend aus. Ihre ebenholzschwarzen Haare, die zu langen nach Vanille aussehenden Zöpfen gefilzt waren, fielen ihr lässig über die Schulter. Meine erste Begegnung von Angesicht zu Angesicht mit einem leibhaftigen Mädchen. Zwar wusste ich vieles über die Behandlung bei Menstruationsbeschwerden, auch kannte ich den genauen Ablauf einer Schwangerschaft und welche Kräuter für die Einleitung einer Geburt oder theoretisch für eine Abtreibung notwendig waren, nur war ich auf diesen Anblick nicht gefasst. Wenn es für einen Jüngling die Liebe auf den ersten Blick gibt, dann war es gerade um mich geschehen. Mit offenem Mund starrte ich sie an, unfähig zu reden oder auch nur den kleinen Finger zu rühren. Barsch blaffte der törichte Albrecht jenen Engel einfach an: »Weib, was willst du für ein Huhn?«

Keck gab sie in einer weichen, lieblichen Stimme zurück: »Ich bin kein Weib, du Pfaff, und wie überall kostet ein Huhn drei Kupferstücke.«

Baff von der frechen Antwort zog sich Albrecht noch einmal galant aus der Affäre: »Na gut. Entschuldigung. Dann nehmen wir sechs Stück.«

Sie machte keine Anstalten, auch nur einen Finger zu rühren, sondern schaute mich an und fragte neugierig: »Wer bist du denn, junger Novize?«

»Wayan«, presste ich mühselig hervor, wobei, so glaube ich jedenfalls, mein Gesicht rot anlief.

»Du bist wohl einer von den ganz Schüchternen. Warte, ich hab hier ein kleines Geschenk für dich.«

Sie fischte aus dem wuselnden Kükenhaufen ein Braunes heraus und setzte es vorsichtig in einen winzigen Käfig.

»Er oder sie gehört jetzt dir. Gib gut auf es acht, damit es genauso wie du irgendwann groß und stark wird.«

Stotternd hauchte ich ihr ein »Dddddanke« zu und nahm diese edle Gabe von ihr entgegen. In diesem Moment berührten sich sacht unsere Hände und es durchfuhr mich wie ein Blitz. Etwas war bei diesem kurzen Kontakt geschehen.

»Mein Name ist übrigens Remiko Ishtri. So, nun sucht euch die Hühner aus. Ich hoffe, ihr habt Geld dabei, denn bis auf ein Küklein für hübsche Jungs gibt es bei mir nichts umsonst.«

Ich musste mich zwingen, meinen Blick von ihren wie Saphire glänzenden Augen abzuwenden, mit denen sie mir schelmisch zuzwinkerte. Während ich neben ihr drei schwarz-braune und drei weiße Hühner abstellte, händigte ihr Albrecht die achtzehn Kupfermünzen aus.

»Danke schön Pater, sehr schön. Und du, Wayan, denk an mich, falls du jemals ein Ei von diesem Bibberle essen solltest.«

Was, wie sich später herausstellen sollte, nie geschehen würde, denn es war ein Hahn, mein Hahn.

»Lasst es euch gut gehen. Ein langes und zufriedenes Leben im Kloster wünsch ich euch beiden. Vielleicht sieht man sich ja wieder, Grubschgau ist klein.«

Scheu gab ich zurück: »Ich hoffe es.«

Mit ihrem strahlenden, ebenmäßigen Lächeln verabschiedete sie sich von uns. Insgesamt vier Käfige, die ich zu tragen hatte, verhinderten, dass ich einen Blick zurückwerfen konnte, was mir damals in einer unerklärlichen Art und Weise einen Stich ins Herz versetzte. Im Nachhinein weiß ich: Ich war verliebt. Nicht so, wie man die Liebe als Erwachsener kennenlernt, mit romantischen Gefühlen, sondern kindliche, absolut unschuldige, aber trotz allem wahre Liebe. Jetzt erst fand ich in die Realität zurück und bemerkte, wo wir waren. Der Gestank, der Dreck und der Lärm störten mich nicht mehr im Geringsten. Ich war wie berauscht.

Zurück im Kloster, befreiten wir die neue Hühnerschar im Hof aus ihren Gefängnissen. Sogleich begannen sie zu scharren und zielstrebig in den Garten zu trippeln, was Meister Martin mit einem zufriedenen Glucksen kommentierte. Stolz präsentierte ich ihm meinen neuesten, aufgeregt piepsenden Besitz. Typisch Lehrer, begann er zu dozieren.

»Gib ihm viele Fleischreste. Er braucht das Eiweiß, um zu wachsen und groß und stark zu werden. Du solltest ihm einen Namen geben. Am besten ist es, wenn ich dir einen Erlaubnisschein für die Klosterbibliothek gebe, damit du dich inspirieren lassen kannst. Zudem ist es notwendig, dass du die Ordnung dort kennenlernst, weil du selbst zu studieren beginnen wirst. Ich kann keinen ungebildeten Affen als Assistenten gebrauchen, der nur Flausen im Kopf hat.«

Mit dem Schein in der Hand wollte ich sogleich, das Küken im Arm, losrennen, doch stellte sich mir Martin in den Weg.

»Wayan, halte ein! Freu dich nicht zu früh. Nicht, dass du die ganze Nacht in der Bibliothek verbringst. Wichtige Pflichten erwarten dich.«

In diesem Moment konnte ich mir keinen Reim aus dem Gesagten machen und glotzte ihn nur fragend an.

»Morgen vor Sonnenaufgang wirst du dich in der Küche einfinden. Dort wartet Lord Hagen mit seinem Schüler Mirco auf dich. Leiste dem Lord unbedingten Gehorsam, stelle niemals seine Worte infrage, egal wie abstrus sie klingen mögen, und, um der Götter willen, lass dein Küken bei mir. Es hat in der Bibliothek nun wirklich nichts zu suchen.«

Milde lächelnd nahm er mir das Kleine aus der Hand, setzte es vor sich auf den Boden, wobei er mir einen Klaps auf die Schulter gab, womit er mir bedeutete, dass ich gehen konnte.

Bibliothek

Gerüchteweise hatte ich von den Ausmaßen unserer Büchersammlung schon gehört. Bis zum Abendessen waren es noch zwei Stunden. Genug Zeit, mich im gesammelten Wissen Lombokiens zu verlieren. Mit dem Nachhall der Warnung meines Adoptivvaters sowohl über die anstehenden Aufgaben am morgigen Tage als auch über meinen neuen Lehrer, Lord Hagen, sprintete ich los. Am größten Gebäude des gesamten Klosterareals angekommen, wischte ich mir den Schweiß von der Stirn, bevor ich an die mit einem imposanten Drachen verzierte Türe klopfte. Ein Riegel knallte, der von einem kleinen Sehschlitz, ungefähr einen Meter über meinem Kopf, stammte.

»Wer da?«, schnarrte eine vertraute Stimme.

Um gesehen zu werden, ging ich drei Schritte zurück.

»Meister Konstantin! Ich bin es! Wayan! Öffnet mir bitte!«, brüllte ich aus Leibeskräften in Richtung der kleinen Öffnung.

Ewas leiser fuhr ich fort.

»Ich habe eine Erlaubnis zur Nutzung der Bibliothek.«

Mit einem kreischenden Quietschen der Angeln öffnete sich die Pforte zum Wissen etlicher Generationen meiner Ahnen. Der Duft von Papier, altem Leder, Pergament und aus Tagetesblumen gewonnener, immerwährender Tinte stieg in meine Nase.

»Komm rein und zeig mir mal deinen Erlaubnisschein.«

Freudig erregt, dass ich einen von Martin bekommen hatte, streckte ich ihn ihm entgegen.

»Das scheint in Ordnung zu sein. Er ist sowohl vom Abt als auch von Martin unterschrieben. Sehr gut. Er gewährt dir dauerhaften Zugang zu unserem Allerheiligsten, mit Ausnahme der Lehrschriften der alten Sprache. Hmmm…«

Er tastete in einem alten abgegriffenen Schrank herum, aus dem er ein angegilbtes Stück Pergament zog.

»Lass mir dir kurz die Regeln, die in diesen Gemäuern herrschen, erklären. Jedes Buch, dass von dir benutzt wird, wird hier eingetragen.«

Er deutet auf eine lange Liste voller Titel und Autoren.

»Behandle alle Schriftstücke mit äußerster Sorgfalt. Eintragungen sind verboten, genauso wie das Herausreißen von Seiten. Alles kehrt an seinen angestammten Platz zurück, denn nur vollwertige Mitglieder unserer Abtei dürfen Bücher mit nach draußen nehmen. Gespräche sind hier unerwünscht.«

Er spähte auf die Handschrift, die er in seinen Händen hielt.

»Genau, fast vergessen. Ist etwas beschädigt, fehlen Seiten oder sind welche eingerissen, legst du das Buch in das Fach unter der Bücherliste und vermerkst es deutlich in deiner Eintragung. Dann wird es repariert, instand gesetzt oder erneut abgeschrieben. Selbstverständlich ist Essen, Trinken und jegliche Form von Feuer strengstens verboten. Ein Verstoß führt zur unwiderruflichen Verbannung aus meiner Bibliothek. Das war alles. Hast du verstanden, was ich dir soeben gesagt habe?«

Unterwürfig antwortete ich: »Ja Meister!«

Schon im Begriff zu gehen, wandte er sich noch einmal um und gab mir einiges an Selbstvertrauen durch seine kleine Ansprache zurück: »Wenn du dich im Studium genauso gut anstellst wie in meinem Schriftunterricht, wirst du es bei uns im Kloster weit bringen. Du hast verstanden, dass Fleiß der Anfang aller Tugenden darstellt. Weiter so.«

Damit wandte er sich ab und ich fühlte mich entlassen. Im Schneckentempo begann ich durch die Reihen Abertausender Bücher zu wandern. Hier und dort standen lange Leitern bereit, um auch in die obersten Regale zu gelangen. Es schien eine klare Ordnung zu geben, doch vermochte ich sie nicht zu durchschauen. Der Grund, warum ich das zu diesem Zeitpunkt nicht bewältigte, war das schiere Ausmaß der in Reih und Glied stehenden Büchermassen. Eine Abteilung widmete sich ausschließlich der angewandten Mathematik. In ihr gab es Schriften über den Häuserbau, Statik, Umrechnungstabellen von Längen und Volumen in unterschiedlichen Maßeinheiten. Es war möglich, sich in faustdicken Wälzern über Wahrscheinlichkeitsrechnung zur Voraussage von Ereignissen zu verlieren. Ratgeber zur Konstruktion von Brücken, die Hebelgesetze, Trägheitsverhalten von schweren Objekten, Sternenbewegungen … und viele mehr bevölkerten von nun an meine neue Wissenswelt. Einstweilen ließ ich aber den Bereich der Mathematik hinter mir, weshalb ich nun in ein weit interessanteres Themenfeld gelangte. Mit dem Übertitel am Regalende wusste ich gar nichts anzufangen, wohingegen die einzelnen Bücher mir schnell zeigten, was Archäologie bedeutete. Für mich bedeutete es Geschichte.

Ein älteres, angegammeltes, nur grob gebundenes Stück Pergament erregte meine Aufmerksamkeit, da es zwischen zwei ebenso interessanten Büchern mit den Titeln »Gräberfunde der Tropen« und »Kryptozoologie ausgestorbener Zivilisationen« stand. Es sah einfach so fehl am Platze aus, dass ich nicht widerstehen konnte, es in die Hand zu nehmen und aufzuschlagen. Irgendwo musste ich ja wohl anfangen. Versehen war das Innere mit einigen Zeichnungen von Knochenfunden in Kiesgruben von Bergbauunternehmen in Lombokien. Viele Anmerkungen über Informationen, die ein ungenannter Autor aus der ganzen Welt zusammengetragen hatte, waren sorgfältig aufgelistet. Der Titel war befremdlich, umso mehr weckte er meine Neugier: »Das Rätsel der Götter, Riesen aus längst vergangener Zeit. Leben vor dem Menschen?«

Beflissen trug ich das Buch zum Eingang, setzte sowohl den Titel des Manuskripts als auch meinen Namen hinein, wobei ich bei der Spalte Autor einfach ein Fragezeichen hineinkritzelte. An einem Lesepult in der Nähe begannen zum ersten Mal meine Studien. Für mich ein bewegender Moment in meinem Leben. Der erste Absatz lautete wie folgt:

»Kreationismus mag unserer Religion genügen, doch lege ich hier Beweise vor, dass die Götter uns nicht eines Tages aus dem Licht des Vollmondes erschaffen konnten. Das ist kein Streich eines Verrückten, sondern mein Lebenswerk. In einer unbekannten Ära vor sehr, sehr langer Zeit war unsere Erde, jawohl, auch Lombokien, von gigantischen Reptilienartigen besiedelt. Abdrücke von Federn in Lehmschichten deuten darauf hin, dass unsere heutigen Vögel von jenen rätselhaften Eier legenden Kreaturen abstammen. Von mehreren Tonnen über einige Kilo bis zum Gewicht eines Spatzes reichte das Spektrum der Urzeitwesen. Die ausladendsten Knochen, die ich untersuchte, deuteten auf eine maximale Größe von dreißig Metern hin. Meine Forschungen an jenen Versteinerungen zeigen zudem, dass sich sowohl flachzahnige Pflanzenfresser als auch spitz- und reißzahnige Fleischfresser unter ihnen bewegten. Die Mehrzahl der kleineren Individuen hatte schnabelartige Fortsätze an ihren Kiefern entwickelt, die wohl der Nahrungsaufnahme dienten.

Um mich selbst und meine Familie zu schützen muss ich anonym bleiben, da die Niederschrift dieser Texte das kaiserliche Dogma der Menschwerdung auf das Eklatanteste verletzt.

Auf den folgenden Seiten sind einzelne Funde detailreich abgezeichnet. Anmerkungen dürfen ergänzt werden und im Falle des Niedergangs der Unterdrückung der lombokischen Wissenschaften durch den Staat mein Lebenswerk gerne wieder aufgenommen werden.

Preiset die Götter. Grubschgau, Zeitalter des Löwen Jahr 22.«

Damit endeten für mich vorläufig die Lektionen. Bei der Erkenntnis, was ich da gerade gelesen hatte, fuhr ich erschrocken zusammen. Skandalös, was sich dieser Irre da zusammengereimt hatte. Wie konnte er es wagen, eines unserer wichtigsten Glaubensprinzipien so zu beschmutzen? Zudem bezeichnete er die kaiserliche Ordnung als Unterdrückung, was einem Todesurteil gleichkam. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich Idiot hatte diesen fragwürdigen Titel bereits in immerwährender Tinte eingetragen. Unter meinem Namen. Panisch schlug ich das Buch zu, brachte es zurück in die archäologische Abteilung, erklomm die höchste Leiter, um es hinter zwei dicken Wälzern über die »Ahnendynastien der frühen Neuzeit« zu verstecken. Wieder am Boden angekommen, machte ich auf dem Absatz kehrt.

Meister Martin war hoffentlich die Lösung für mein Problem. Wer, wenn nicht er, würde mir helfen können? Völlig aufgelöst fand ich ihn nach kurzer Suche jätend im Garten. In hastigen Worten erklärte ich, den Tränen nahe, was vorgefallen war. Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ er seine Hacke fallen. In Windeseile fingen wir zusammen das piepende Küken ein und stopften es etwas ruppig zurück in seinen kleinen Käfig. »Entschuldigung, mein Freund. Wir sehen uns später«, murmelte ich dem Alleingelassenen zu. Mit eiligen Schritten strebten wir, ohne zu rennen, um nicht aufzufallen, schweigend nebeneinander her. Fast schon zurück an der Bibliothek, läutete zu unserer Erleichterung die Glocke, die zum Abendbrot rief. Das durchdringende Gebimmel veranlasste Novizen wie Mönche, in den Speisesaal zu gehen. Mit einem massiven, geschmiedeten Schlüssel öffnete mein Ziehvater die von mir so oft bestaunte Drachentüre. Den Göttern sei Dank, meine krakelige Eintragung war immer noch die Letzte in der langen Reihe der Leseliste.

»Pass auf, junger Wayan, und lerne, das kann dir niemand verbieten!«, flüsterte er verschwörerisch.

Der erste Kontakt

Sanft fuhr er mit dem Finger über die in ewiger Tinte verfassten Worte. Dabei sprach er gebieterisch mit einem merkwürdig veränderten Klang in seiner Stimme: »Sueta!«

Zu meiner großen Überraschung löste sich das Geschriebene in nichts auf. So immerwährend war dieses Zeug also gar nicht, dachte ich mir erleichtert.

»Geschafft, du Strolch. Kaum lässt man dich unbeaufsichtigt, schon bringst du dich in Gefahr. Jetzt hole mir bitte dieses Machwerk.«

Mir war deutlich leichter ums Herz, als ich die archäologische Abteilung erneut aufsuchte. Auf Anhieb war das alte, handgeschriebene Manuskript wiedergefunden, denn es war genau dort, wo ich es zurückgelassen hatte. Nachdem ich es Martin gebracht hatte, überflog er es mit blitzenden Augen, was sich nach meinem Zeitverständnis eine Ewigkeit hinzog. Urplötzlich hastete er los. »Hier rein!«