Der Schatten von Avamoore - Nathan Winters - E-Book

Der Schatten von Avamoore E-Book

Nathan Winters

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Beschreibung

Nebel liegt über den Mooren, hoch im Norden von Schottland. Hier wollte William Pickett jagen gehen. Ein letztes Abenteuer als Junggeselle. Doch von einem Tag auf den anderen ist er spurlos verschwunden. Ist er ertrunken, wie alle behaupten? Er wäre nicht der Erste. Um das Moor ranken sich viele Geschichten. Es spukt dort, sagen die Einheimischen, und der plötzlich aufziehende Nebel sei wie ein Raubtier, das die Unvorsichtigen in die Falle lockt.  All das will Elisabeth Hazelwood nicht glauben, als sie mit Williams Bruder Alexander in das abgelegene Dorf Avamoore reist, um dort nach ihrem Verlobten zu suchen.  Die Bewohner begegnen ihnen mit Misstrauen und Ablehnung und Elisabeth muss schnell erkennen, dass in Avamoore nichts so ist, wie es scheint, und dass es hier niemanden gibt, dem sie wirklich trauen kann. Als dann noch eine Leiche im Moor gefunden wird, geraten Dinge in Gang, die besser für immer im Nebel verborgen geblieben wären.  

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Seitenzahl: 485

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Der Schatten von Avamoore

NATHAN WINTERS

Copyright © 2025 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Stephan Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout Ebook: Stephan Bellem

Umschlag- und Farbschnittdesign Druck: Alexander Kopainski

ISBN 978-3-95991-938-8

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und

Data Mining im Sinne von §44b UrhG ausdrücklich vor.

Inhalt

Eine grausige Nacht

13. Oktober 1881

Ankunft in Kriglin

14. Oktober 1881

Die Straße nach Avamoore

Ein einsames Lied

Das Haus am Fluss

Ein unerwarteter Besuch

Wolf’s Cavern

Die Kirche und der Friedhof

15. Oktober 1881

Schafe im Moor

Traurige Gewissheit

Eine ungewöhnliche Bitte

Wolf’s Cavern

Das Dinner

Calbagon Castle

Mitternacht

Stimmen im Nebel

16. Oktober 1881

Zurück in Wolf’s Cavern

17. Oktober 1881

Ein neuer Tag in Avamore

Ein Schemen

Ein Licht in der Dunkelheit

Die Ruine im Moor

Allein in der Finsternis

Die Gruft

Mut und Hoffnung

Das Gesicht des Todes

Ein seltsamer Raum

Die Kutsche kommt

Nathaniel Finch

Das ewige Moor

Das alte Mühlenhaus

19. Oktober 1881

20.Oktober 1881

Ein gefährliches Experiment

Zerbrochene Mauern

Ein einsames Gefängnis …

Der Staub vergangener Zeiten

Eine verbotene Liebe

Der Laird von Calbagon Castle

Das Fort in den Highlands

Ein langer Tag neigt sich dem Ende zu

Collins

Ein behaglicher Platz beim Feuer

Ein Schrecken in der Finsternis

Eine grässliche Nacht

Albträume

Blutiger Schrecken

21. Oktober 1881

Die Kutsche kommt

Eine unangenehme Wahrheit

Erkenntnis

Der Eingang

Unheilvolles

Erkenntnis

Schreie und Wahnsinn

Kalt wie der Tod

Ein neuer Tag

20. November 1881

Danksagung

Drachenpost

Für meine wundervolle Frau,

ohne deren Ermunterung

ich wohl nie wieder geschrieben hätte.

Eine grausige Nacht

4. OKTOBER 1881

An diesem Tag hatte William Pickett kein Jagdglück gehabt, ebenso wenig wie an den vergangenen beiden Tagen zuvor.

Nun saß er unzufrieden vor dem knisternden Lagerfeuer, an dem er sich vergeblich zu wärmen suchte.

Hier im Norden, in den Hochmooren Schottlands, kamen die Nächte schnell und mit einer beißenden Kälte, die er in den Zehen und Fingerspitzen spüren konnte. Bald schon würde der erste Schnee fallen.

Sein Begleiter, ein stämmiger Mann, der auf den Namen Harrows hörte, kniete ihm gegenüber und kümmerte sich um das Abendessen. Es gab Wachteln und Bohnen.

Gedankenverloren starrte Pickett in die Flammen. Er musste an seine Verlobte denken, die ihn mit Tränen in den Augen von Paddington Station verabschiedet hatte.

Er hatte ihr versprechen müssen, dass er sie nach ihrer Hochzeit zu solchen Ausflügen mitnehmen würde. Vielleicht war er deswegen so erpicht darauf gewesen, ein letztes Mal die Freiheiten eines Junggesellen genießen zu können.

»Tee ist fertig. Sir? Wollen Sie eine Tasse?« Harrows’ tiefe Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück, und in der war es bitterkalt. Dankbar nahm er die Tasse, blies hinein, bis ihn eine duftende Wolke aus Schwarztee umgab, und trank davon.

»Ich habe einen Schluck Whisky reingetan. Vom Wirt aus Avamoore.« Harrows grinste und entblößte dabei zwei Zahnlücken.

Pickett schmunzelte, trank erneut und spähte in die Dunkelheit.

Die Sicht reichte nicht weiter als der Schein des Lagerfeuers. Er wusste, eine Viertelstunde Fußmarsch von hier stand eine verfallene Kapelle. In der hatten sie ihre erste Nacht zugebracht, aber dort wimmelte es von Ratten und anderem Ungeziefer. Nun hatten sie einen relativ trockenen und höher gelegenen Fleck Land gefunden, der genug Platz für das Lagerfeuer, das Zelt und die Ausrüstung bot.

An den Ästen eines abgestorbenen Baumes hingen die Vorräte, sicher in Leinensäcke verschnürt.

»Die Wachteln sind gleich so weit, Sir.« Der angenehme Duft nach gebratenem Fleisch stieg Pickett in die Nase und erinnerte ihn daran, wie hungrig er war. »Sehr gut, Mr Harrows. Wenn wir uns auf meine Schießkünste verlassen müssten, gäbe es heute nur Bohnen«, meinte er mit einer Spur Verdrießlichkeit.

»Grämen Sie sich nicht, Sir. Sie werden sehen, morgen wird’s besser.«

»Bei Gott, ich hoffe, Sie haben recht, sonst werde ich mein Gewehr an den Kamin hängen und es nie wieder anfassen.«

Um sie herum gab es kaum Geräusche. Nur das gelegentliche Schmatzen des Sumpfes unterbrach die bedrückende Stille.

Mit der Nacht war auch der Nebel gekommen. Wabernd und träge wie Geister in ihren Leichenhemden schwebte er über dem Moor.

»Das ist eine ziemlich schauerliche Gegend, nicht wahr, Mr Harrows?«

»O ja, Sir.«

»Erinnern Sie sich noch an die Geschichten, die uns der Wirt in Avamoore erzählt hat?«

»Über das Moor?« Harrows nickte. »Er hat viel über Kobolde und Geister geredet.«

»Glauben Sie daran? An Geister oder … Kobolde, meine ich?«

»Nein, Sir.«

»In einer Nacht wie dieser wäre ich fast versucht, daran zu glauben.« Pickett schauderte, und er rückte noch etwas näher ans Feuer heran. »Wird das Holz für die Nacht reichen?«

»Ja, Sir. Das reicht bis morgen früh.«

Der Nebel wurde dichter, inzwischen hatte er den Rand des Lagers erreicht. Mit dünnen weißen Fingern kroch er auf sie zu, schien sich vorsichtig heranzutasten.

»Essen ist fertig«, sagte Harrows und reichte einen vollen Teller an Pickett. »Passen Sie auf, nicht dass Sie auf ein Schrotkorn beißen. Bin nicht sicher, ob ich alle gefunden habe.«

Sie begannen zu essen. »Ah, wunderbar, Mr Harrows.« Pickett gab einen zufriedenen Seufzer von sich.

»Schmeckt’s Ihnen, Sir?«

»Mh, ein wahres Festmahl. Besser als im Royal Palace.«

Harrows grinste. »Jetzt übertreiben Sie aber, Sir. Ich schätze, aus Ihnen spricht nur der Hunger.«

William lachte ertappt, was ihm schon im nächsten Augenblick in der Kehle erstarb.

Etwas brach aus dem Sumpfwasser hervor, etwas Unerklärliches, Unbegreifliches, das neben ihm landete.

Er fiel rücklings über den Stein, auf dem er gesessen hatte, warf den Teller von sich und schrie gellend auf. Irgendetwas hatte ihm in den Hals gestochen. Er spürte Blut, als er die Hand darauf presste. Gleich darauf befiel ihn eine bleierne Schwere, die sich seines Körpers bemächtigte.

Seine Hände waren kalt und taub, und als er versuchte aufzustehen, gehorchten ihm seine Beine nicht mehr und er fiel vornüber. Feuchter Moosgeruch drang ihm in die Nase. Gelähmt und unfähig, sich zu rühren, sah er zu Harrows, der sein Gewehr ergreifen wollte, das nur eine Drehung entfernt hinter ihm im Zelt lag. Doch der Schatten war schneller und bereits über ihm. Harrows schrie, wie Pickett noch nie einen Menschen hatte schreien hören.

Er wollte zu ihm, ihm helfen, doch er konnte nicht einen Muskel rühren.

Tatenlos musste er mitansehen, wie Harrows mit brutaler Gewalt am Hals gepackt und hochgerissen wurde. Es knackte hässlich, als wäre jemand auf einen Apfel getreten. Harrows Körper erschlaffte und stürzte zu Boden. Kopf und Schultern versanken in einer schlammigen Pfütze.

Picketts Blick verschwamm und trübte sich. Flammen und Schatten verschmolzen im Nebel zu einem Gemälde aus Grau und Schwarz.

Geräusche drangen nur noch wispernd zu ihm. Da war das Glucksen des Moores, das Reißen von Stoff.

Was geschah, mochte nur ein Moment dauern, doch Pickett erschien es wie eine Ewigkeit.

Die Welt wurde dunkler, und ehe ihn eine gnädige Bewusstlosigkeit einhüllte, sah er einen Schatten, der langsam auf ihn zukam. Sein letzter Gedanke galt Elisabeth.

13. Oktober 1881

EINE VERZWEIFELTE REISE

Neun Tage später …

Elisabeth Hazelwood sah aus dem Fenster des fahrenden Zuges, der am frühen Morgen Edinburgh verlassen hatte.

Tags zuvor waren sie und ihr Begleiter in London aufgebrochen, um in den Norden Schottlands zu reisen.

Es hatte in der Nacht zu regnen begonnen und mit Beginn des neuen Tages auch nicht wieder aufgehört. Dicke Tropfen rannen an den Scheiben entlang, hinter denen sich eine Landschaft aus moosbedeckten Hügeln, vernarbten Felsen und ausgedehnten Lochs erstreckte. Bleigraue Wolken nahmen dem Land jedwede Farbe. Ihr bot sich ein trauriger Ausblick, der ihrer betrübten Stimmung einen Rahmen gab.

Mit jeder zurückgelegten Meile wurde Elisabeth unruhiger.

Wieder nahm sie den Brief zur Hand, den sie schon so oft gelesen hatte, dass sie den Inhalt auswendig kannte.

Liebste Eli,

ich sehne den Tag herbei, an dem ich Dich wieder in meine Arme schließen werde und wir endlich vor den Traualtar treten dürfen. Dies wird die letzte Reise sein, die ich jemals ohne Dich unternehmen werde. Mir fehlen Dein Lächeln, Deine Wärme und Deine Liebe.

Aber um der Ehrlichkeit Genüge zu tun, hier würde es Dir nicht gefallen. Die Bewohner von Avamoore sind uns gegenüber sehr zurückhaltend, um es freundlich zu formulieren.

Es bedurfte einer gewissen Überzeugungskraft, bis sich der Wirt bereit erklärte, uns gute Jagdplätze im Sumpf zu zeigen. Schottische Sturheit, nehme ich an.

Die Landschaft ist wild und urtümlich, aber auch unheimlich. Dazu ist es kalt, kälter als in London zu dieser Zeit, und nachts steigt Nebel aus dem Moor auf. Aber der Whisky hält uns warm und bei guter Laune, und das ist doch das Wichtigste.

Mach Dir also keine Sorgen. Es geht mir gut. Schon bald bin ich wieder zurück.

Richte meinen zukünftigen Schwiegereltern meine besten Grüße aus. Ach ja, solltest Du meinen Bruder treffen, grüße auch ihn von mir.

In Liebe

William

Elisabeth ließ den Brief sinken und erinnerte sich an den Tag seiner Abreise am Bahnsteig von Paddington Station. Mit seiner braunen Jagdkleidung, dem Deerstalker auf dem Kopf, dem Gewehr und dem Rucksack über der Schulter, hatte er wie einer jener Abenteurer ausgesehen, die sie in ihren Büchern so sehr bewunderte.

Die Erinnerung an sein fröhliches Wesen und sein Lachen, als er ihr aus dem abfahrenden Zug zugewunken hatte, hatte eine schmerzhafte Wunde in ihrem Herzen hinterlassen.

Sie wollte weinen, aber tat es nicht. Sie musste stark sein, für sich und für William. Sie faltete den Brief sorgsam zusammen und steckte ihn zurück in die Handtasche. Erst da bemerkte sie, dass ihr Begleiter sie betrachtete. Es war ihr peinlich, und das ärgerte sie. Mit einer fahrigen Geste strich sie über den dunkelroten Samtstoff ihres Kleides. »Finden Sie es nicht unhöflich, mich derart anzustarren?«, fragte sie.

Alexander Pickett blinzelte. »Oh, hab ich das? Dann verzeihen Sie mir, Elisabeth, das lag nicht in meiner Absicht. Ich war in Gedanken.« Er legte die behandschuhten Hände auf den silbernen Knauf seines Gehstocks, der den Kopf eines Pferdes nachbildete.

»Lassen Sie mich an Ihren Gedanken teilhaben?«

Er setzte sich mühsam auf und richtete sein steifes Bein. Dass es schmerzte, verriet ihr nur ein kurzes Zucken in seiner Miene. »Ich dachte gerade daran, wie überaus diensteifrig die Polizisten aus Kriglin nach meinem Bruder gesucht haben. Und dass ich mit den Gentlemen ein ernsthaftes Wort zu sprechen gedenke, wenn wir dort eintreffen.«

Ironie und Entschlossenheit fanden sich in seinen Worten wieder.

»Wir, Alexander. Ich möchte dabei sein, wenn Sie mit ihnen sprechen.«

Diesmal sah er bewusst zu ihr. Mit einem Blick aus seinen grünen Augen schien er sie zu prüfen und zu durchdringen. Dann sagte er: »Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber die Situation ist für Sie sehr belastend. Ich befürchte, Sie werden die Contenance verlieren.«

Elisabeth hielt seinem Blick stand, denn wieder einmal bestätigte er ihre Vorbehalte gegen ihn. Alexander war so ganz anders als William. William war ein Freigeist, ein Mann, der Tanz, Musik und die schönen Künste liebte. Alexanders Herz hingegen gehörte der Kavallerie. Ein Major der 17th Lancers, wie er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit nicht müde wurde zu erwähnen. Seit zwei Jahren befand er sich nun im Ruhestand, nicht auf seinen Wunsch hin, sondern als Folge einer schweren Knieverletzung, die ihm den Gehstock aufnötigte. Obwohl er nun ein ziviles Leben führte, war der Offizier in ihm noch äußerst lebendig. Er musste den Ton angeben, Widerworte waren ihm ein Gräuel.

Das machte Elisabeth zornig, obwohl sie ihm dankbar war, dass er sie auf der Suche nach William begleitete. »William ist mein Verlobter, und ich will hören, was diese Männer zu sagen haben. Wollen Sie mir das wirklich verwehren?«

Er seufzte. »Ich bin nur der Meinung, dass ich anders reden könnte, wenn Sie nicht dabei wären.«

»Sie gedenken laut zu werden?«

»Unter Umständen.«

»Ich glaube nicht, dass Sie damit etwas erreichen werden.«

»O doch, das werde ich.«

»Natürlich … mit mir. Niemand ist so herzlos und verweigert einer verzweifelten Frau seine Hilfe. Bei einem Gentleman, der sie anschreit, könnten die Dinge anders liegen.«

Alexander ließ die Schultern hängen. »Wir werden sehen«, erwiderte er, wandte den Blick ab und sah aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft. Sein Zeichen an sie, dass er nicht gewillt war, die Diskussion fortzusetzen.

Eine Weile schwiegen beide. Nur das Rattern der Räder auf den Schienen durchbrach die Stille.

Es roch nach Rauch, der schwarz aus dem Schornstein der Lokomotive quoll und an den Waggons entlangzog.

Irgendwann fragte Elisabeth. »Glauben Sie, wir werden ihn finden?«

Ohne sie anzusehen, weiter den Blick auf Loch Lommond gerichtet, an dessen Ufern sie gerade entlangfuhren, antwortete er: »Davon bin ich überzeugt, und wir werden herausfinden, was vorgefallen ist.« Nun sah er ihr in die Augen. »Darauf gebe ich Ihnen mein Wort, als Offizier und als Gentleman.«

»Danke.«

»Sie wirken erschöpft.«

»Ja, das bin ich auch«, musste sie eingestehen.

»Dann schlafen Sie ein wenig.« Alexander sah auf seine silberne Taschenuhr. »Bis wir Kriglin erreichen, sind es noch vier Stunden.«

Sie nickte stumm, er hatte recht, wer konnte schon sagen, was ihnen noch bevorstand. Sie brauchte all ihre Kraft.

Mit einem flüchtigen Lächeln lehnte sie sich an die weich gepolsterte Kopfstütze und schloss die Augen. Das beständige und rhythmische Rumpeln des Waggons sorgte dafür, dass sie schnell in einen traumlosen Schlaf fiel.

* * *

Alexander wartete, bis sie eingeschlafen war, erst dann zog er den Bericht der Polizei von Kriglin aus der Tasche, die neben ihm auf einem freien Sitz stand.

Noch immer verärgerte ihn das Verhalten der beiden Beamten Watkins und Ballington. Für sie schien die Suche nach William und Harrows nur eine lästige Pflicht gewesen zu sein, was der einseitige, flüchtig hingekritzelte Bericht überaus deutlich machte.

Die wenigen Zeilen verrieten, dass der ermittelnde Beamte Tolby aus Avamoore seine Kollegen in Kriglin bei der Suche um Hilfe gebeten hatte. Die beiden hatten sich auch gleich auf den Weg gemacht, waren am nächsten Tag aber bereits wieder abgereist. Williams Zeltlager war gefunden worden, von ihm und Harrows allerdings keine Spur. Ihre Ausrüstung hatte man nach Avamoore gebracht, wo sie sich offenbar immer noch befand. Ob die Suche nach der Abreise der beiden Beamten fortgesetzt worden war, stand nicht in dem Bericht.

Je häufiger er den knappen Text las, desto größer wurde sein Zorn auf die Polizei und deren offensichtlichen Unwillen, die Umstände des Verschwindens aufklären zu wollen.

Alexander unterdrückte einen Fluch. Bedingt durch die Fahrt und das lange Sitzen schmerzte sein Knie. Die Zeit verstrich nur langsam. Er war kein geduldiger Mensch und hasste es zu warten. So schlich er sich aus dem Abteil, um auf dem Gang ein paar Schritte hin und her zu gehen. Der Gehstock war ihm dabei zum lästigen Anhängsel geworden.

Alexander hätte dankbar sein müssen, dass die Ärzte sein Bein und sein Leben, das durch eine Wundinfektion bedroht gewesen war, hatten retten können, aber er war es nicht.

Seit seinem Abschied von den Lancers sah er sich als Krüppel von nicht einmal vierzig Jahren. Alles, was ihn ausgemacht und wofür er gelebt hatte, war ihm von einem Tag auf den anderen genommen worden.

Diese Fahrt nach Schottland: Er tat sie nicht ausschließlich für Elisabeth oder für seinen Bruder. Er tat sie ebenso für sich. Er fühlte sich gebraucht und war endlich wieder zu etwas nutze.

Sein Weg hatte ihn zurück zu ihrem Abteil geführt, und er sah durch die offene Tür auf die schlafende Elisabeth. Er kannte sie kaum, auch wenn sie als Kinder Nachbarn gewesen waren. William und sie waren damals unzertrennlich gewesen und wären es wohl auch geblieben, wenn sein Vater nicht nach Bombay versetzt worden wäre und die Familie mitgenommen hatte.

Das lag nun neunzehn Jahre zurück. Alexander staunte noch immer darüber, wie schnell die Zeit verging und was in den Jahren alles passiert war.

Er erinnerte sich daran, wie William ihm offenbart hatte, dass er Elisabeth wiedergetroffen und beschlossen hatte, ihr einen Antrag zu machen.

Bei dem Gedanken daran, wie aufgeregt sein Bruder in diesem Moment gewesen war, stahl sich ein seltenes Lächeln auf Alexanders bärtiges Gesicht.

Elisabeth war eine gute Partie. Sie stammte aus gutem Haus. Ihr Vater, Elias Hazelwood, galt als respektiertes Mitglied der Gesellschaft, der für die Torries im Unterhaus saß und zudem ein edles Gestüt vor den Toren Londons führte.

Alexander nahm seinen Spaziergang wieder auf, wobei er der vorbeiziehenden Landschaft nur flüchtig Aufmerksamkeit schenkte. Williams Gesicht schob sich vor sein inneres Auge. Wie sehr schmerzte es ihn, dass sie in den letzten Jahren so wenig miteinander gesprochen hatten. Dabei hatte es nie Streit zwischen ihnen gegeben. Sie hatten nur unterschiedliche Wege eingeschlagen. Er war dem Weg ihres Vaters gefolgt und Soldat geworden, während sich William als nächster Rembrandt gesehen hatte, der sich anschickte, die Galerien der Welt zu erobern. Alexander verstand nichts von Kunst, und er verstand auch nicht, was William da tat. Vielleicht war das einer der Gründe, der sie voneinander entfernt hatte.

Er kehrte ins Abteil zurück und setzte sich still auf seinen Platz.

Ankunft in Kriglin

Die Uhr zeigte kurz nach neun Uhr am Abend, als der Zug im Bahnhof von Kriglin zum Stehen kam. Aus den Leitungen zischte Dampf, der die Lokomotive und den Bahnsteig einhüllte.

Das Rucken hatte Elisabeth geweckt, und mit einem müden Blinzeln sah sie aus dem Fenster. An der Tür zum Bahnhofsgebäude brannten Gaslaternen mit gelblichem Licht. Ein einsamer Mann, der die dunkle Uniform eines Bahnhofvorstehers trug, trat mit einer Petroleumlampe in der Hand aus der Tür, wobei er den Sitz seiner Mütze richtete.

»Wir sind da«, sagte Alexander.

»Habe ich so lange geschlafen?«

Er nickte und rief einen der Schaffner, der sich um das Gepäck kümmerte.

Gleich darauf stiegen sie aus. Außer ihnen gab es keine weiteren Fahrgäste, die es in diese entlegene Gegend der Highlands verschlagen hatte.

Es regnete zwar nicht mehr, doch sie konnte die Tropfen hören, die in einem beständigen und gleichmäßigen Rhythmus vom Dach ins Gleisbett fielen. Dazu war es empfindlich kalt geworden.

Elisabeth hüllte sich in ihren warmen grünen Mantel. Ein Geschenk von William.

Der Schaffner lud die Koffer auf einen Gepäckwagen, bekam von Alexander ein Trinkgeld und verabschiedete sich.

Derweil kam der Bahnhofsvorsteher zu ihnen. Zur Begrüßung lüpfte er seine Mütze. »Willkomm’n ’n Kriglin«, sagte er mit breitem schottischen Akzent.

»Vielen Dank«, antwortete Elisabeth, und Alexander fragte: »Besteht die Möglichkeit, für heute Nacht eine Unterkunft zu bekommen?«

»Sicher, ’s gibt da ’n kleines, aber sehr feines Gasthaus. Zufällig kenn ich die Besitzerin recht gut. Sie wird sicher noch was frei ham. Ich bring Sie hin.« Während er redete, schloss er ab und löschte die Lampen am Bahnsteig.

»Das war der letzte Zug für heute«, erklärte er. »Ich bin übrigens Morris. Zu Ihren Diensten.« Dann lud er sich das Gepäck auf. »Folgen Sie mir, ich zeig Ihnen den Weg.«

Sie verließen den Bahnhof, der in seiner gedrungenen Bauweise aus gemauertem Flussstein einer Festung ähnelte, und bewegten sich auf das Zentrum von Kriglin zu.

Die Straße war nicht gepflastert, der vom Regen weiche Boden gab nach, und der Dreck blieb schmatzend an den Schuhen kleben. Feuchtigkeit drang durch die Nähte, was Elisabeth noch ein wenig mehr frösteln ließ.

»Aus England?«, fragte Morris.

»Ja, London«, antwortete Alexander.

»Hm, hm, hm«, machte Morris. »Darf ich frag’n, was die Herrschaften hierher verschlägt? Is’ nich’ mehr die Zeit für ’n Ausflug. Bald wird’s richtig kalt und noch ungemütlicher.«

»Wir wollen morgen nach Avamoore weiterreisen.«

Morris blieb wie angewurzelt stehen. »Nach Avamoore?«, echote er, »bei all’n Teufeln, was woll’n Sie denn in diesem von Gott verlassenen Ort? Da gibt’s nur das Moor und Schafe und Nebel. Das is’ kein guter Platz für ’ne junge Lady, bei den Heiligen, ganz sicher nich’.«

»Ihre Meinung in allen Ehren, guter Mann, aber wir haben unsere Gründe, dort hinzugehen«, schob sich Alexander dazwischen.

»Wie Sie meinen. Geht mich ja auch nix an.«

»Fahren Kutschen nach Avamoore?«, fragte Elisabeth, darum bemüht, versöhnlicher als Alexander zu klingen.

»Da fährt nur eine. Am Mittag. Hin und wieder zurück. Jed’n Tag, pünktlich, so verlässlich wie ’n verdammtes Uhrwerk.«

»Und die Polizeistation, hier in Kriglin. Wann öffnet die?«, wollte Alexander wissen.

»Morgen früh um acht. Meistens. Die nehmen ’s da nich’ so genau.«

»Das überrascht mich nicht. Ein Hoch auf die Tüchtigkeit der Polizei. Bei den Lancers hätte es so eine Schludrigkeit nicht gegeben.«

»Sie sind Soldat?«

»Das war ich mal.« Er wies auf sein Bein. »Jetzt im Ruhestand.« Die Bitterkeit war nicht zu überhören.

Morris führte sie weiter.

Von Kriglin war nicht allzu viel zu sehen. Es gab die breite Straße, die man wohlwollend als Hauptstraße bezeichnen konnte. Die Häuser bestanden aus Stein, die Dächer waren mit Ried gedeckt. Außerdem gab es ein paar kleine Geschäfte, zwei Pubs, in denen noch Licht brannte, und die Polizeistation, die jetzt verwaist dalag.

Kurz darauf erreichten sie eine uralte Eiche mit vernarbter Rinde und ausladenden Ästen, die weit in die Straße hineinreichten.

Dahinter lag ein kleiner verwilderter Garten, durch den ein schmaler Weg zu einem Haus führte. Nichts, weder ein Schild noch ein Anschlag deutete auf ein Gästehaus hin, aber Morris hielt darauf zu. Vor der grün gestrichenen Eingangstür wuchsen wilde Rosen, deren lange Triebe den Türrahmen umfassten. In den schmalen Butzenfenstern brannte kein Licht, sodass sie den Hund kaum bemerkten, der es sich unter dem Vordach gemütlich gemacht hatte. Das Tier sah nicht einmal auf, als Morris an der Schnur zog, die irgendwo im Inneren eine Klingel betätigte.

Kurz darauf war Lichtschein zu sehen, der sich der Tür näherte, die gleich darauf geöffnet wurde.

Vor ihnen stand eine Dame mit grauem Haar, das sie zu einem Dutt hochgesteckt hatte. Sie trug einen gesteppten Morgenmantel und darunter ein weißes Nachthemd mit Spitzenbesatz an Kragen und Ärmeln. Auf der Nase saß eine runde Brille, durch die sie die Ankömmlinge musterte.

»So spät noch Gäste?«, fragte sie, um dann mit einem nachgiebigen Seufzer beiseitezutreten. »Dann mal immer rein. Aber die Schuhe abtreten. Nicht wie letztes Mal, Morris McPherson«, sagte sie mit mütterlich klingendem Tadel.

Der Dielenboden knarrte leise, als sie den Dreck von den Schuhen streiften und eintraten. »Immer herein, immer herein. Ich bin Mable.« Elisabeth fiel es schwer, ihr Alter zu schätzen.

Der Vorraum, in den sie traten, war nicht groß. Links und geradeaus gab es jeweils eine weitere Tür. Dazwischen stand ein gemauerter Kamin, in dem noch Reste von Glut vorhanden waren. Rechts führte eine Treppe nach oben in die nächste Etage. An den Streben des Geländers hingen kleine Sträuße aus getrocknetem Lavendel, die einen angenehmen Duft verströmten.

Morris stellte das Gepäck neben den Eingang. »Ich geh dann mal. Wünsch ’ne gute Nacht.«

»Die wünsche ich Ihnen auch«, sagte Elisabeth, und Alexander gab ihm ein großzügiges Trinkgeld.

Mable tätschelte ihm die Schulter und schloss die Tür hinter ihm ab.

»Ein Zimmer kostet zehn Pence die Nacht. Frühstück drei Pence zusätzlich.«

»Wir nehmen zwei. Für eine Nacht«, sagte Alexander schnell. »Morgen reisen wir weiter.«

Mable nahm die beiden nun genauer in Augenschein. »Sie sind nicht verheiratet?«, fragte sie mit einem Unterton, den Elisabeth nicht deuten konnte.

»Nein, das sind wir nicht.« Alexander verschränkte die Arme. »Ich wüsste aber auch nicht, was Sie das …«

»Wir suchen meinen Verlobten«, fiel ihm Elisabeth ins Wort, ehe er unhöflich werden konnte. »Vielleicht sind Sie ihm begegnet. Sein Name ist William. Er kam mit einem Begleiter hierher, um in den Mooren zu jagen. Sie sind nach Avamoore gegangen.« Mit kurzen, aber prägnanten Worten beschrieb sie die beiden.

Mable hörte zu und furchte dabei nachdenklich die Stirn, bevor sie schließlich nickte. »Ja, natürlich erinnere ich mich. Sie waren hier, aber es ist schon eine Weile her. Die armen Kerle. Ich hörte, sie sind im Moor verschwunden.«

»Verschwunden ja, aber anscheinend hat sich keiner die Mühe gemacht, wirklich nach ihnen zu suchen«, bemerkte Alexander bissig.

»Darüber weiß ich nichts. Ich habe nur gehört, was so gesprochen wird.«

»Dorfgeschwätz, hm?«

»Alexander, bitte. Das ist nicht hilfreich.«

»Lassen Sie nur, mein Kind.« Sie winkte ab, nahm die Kerze, die in einem gusseisernen Kerzenständer steckte, und zeigte auf die Treppe. »Die Zimmer sind oben. Wären Sie beide so freundlich, das Gepäck zu nehmen? Mein Rücken und meine Beine wollen nicht mehr so, wie ich will.«

Sie humpelte voran und wies ihnen den Weg.

Die Zimmer waren klein, aber sauber und lagen sich auf dem Gang gegenüber. Unnötigen Luxus wie fließendes Wasser gab es nicht. Dafür stand eine Waschschüssel mit Kanne auf einer Kommode mit angelaufenem Spiegel. Das Bett sah weich und gemütlich aus. Auf dem Tisch stand eine Petroleumlampe. Auch hier duftete es nach Lavendel. »Es ist sehr schön«, sagte Elisabeth, die ihre Reisetaschen aufs Bett stellte und selbst auf einem der beiden Stühle am Tisch Platz nahm.

»Sie werden hungrig sein. Ich mache Ihnen noch schnell etwas zur Nacht. Es schläft sich nicht gut mit knurrendem Magen«, sagte Mable.

Tatsächlich verspürte Elisabeth überhaupt keinen Hunger, doch wenn sich die alte Dame schon die Mühe machen wollte, würde sie nicht unhöflich sein und das Angebot ausschlagen.

Inzwischen war Wind aufgekommen, der leise um das Haus strich und wispernd durch die Äste der alten Eiche fuhr.

Alexander kam kurz zu ihr und wünschte ihr eine gute Nacht, bevor er sich auf sein Zimmer zurückzog.

Sie selbst öffnete das Fenster, das zur Straße hinaus gerichtet war. Die kalte Nachtluft griff nach ihr, sie zitterte, doch nicht wegen der Kälte, es war die Angst um William, die sie seit dem Antritt ihrer Reise begleitete. Was würde sie am Ende erwarten? Ungewissheit oder Gewissheit, beides konnte gleichsam schmerzhaft wie grausam sein. Nur William lebend zu finden, obwohl die Hoffnung gering war, konnte ihr den Seelenfrieden zurückbringen, den sie mit dem Tag seines Verschwindens verloren hatte.

Es klopfte. Mable brachte ein Tablett mit Sandwiches und einen Becher Milch. Als sie es auf dem Tisch abgestellt hatte und bereits wieder gehen wollte, sagte Elisabeth: »Bitte, würden Sie noch einen Moment bleiben?«

Mable zeigte ein mütterliches Lächeln, nickte, und während sie die Tür anlehnte, meinte sie: »Ich weiß, was Sie möchten. Aber ich werde Ihnen leider nicht mehr sagen können, mein Kind.«

»Ich … ich will nur noch nicht allein sein.« Mit einer fahrigen Geste lud Elisabeth Mable ein, sich zu ihr zu setzen. »Mr McPherson … Morris sagte … Avamoore wäre kein guter Ort. Was … meinte er damit?«

»Das sollten Sie nicht so ernst nehmen. Morris ist ein guter Kerl, aber er redet viel Unsinn und übertreibt gern.«

»Wenn es seine Absicht war, mich zu ängstigen, dann war das unnötig. Ich habe bereits Angst.«

»Das wollte er sicher nicht tun … nicht mit Absicht.« Mable seufzte und lehnte sich mit einem Arm gegen den Tisch. »Es ist das Moor … nun … es kann ein schauerlicher Ort sein. Wer dort lebt, kennt es und respektiert seine Tücken. Es ist gefährlich, manchmal lockt es mit Irrlichtern, oder der Nebel wird so dicht, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sehen kann. Fremde sollten dort nicht hingehen. Nicht allein.«

Sie sprach es nicht aus, das brauchte sie auch nicht. Elisabeth sah es in Mables Augen. Sie glaubte nicht daran, dass William noch lebte.

Sie widerstand dem Drang, wütend zu werden, und sagte: »Es heißt, er sei ertrunken. Ich weigere mich, das zu glauben. Er lebt, ich fühle es.«

Mable beugte sich vor, um Elisabeths Hände zu nehmen, die sich eiskalt anfühlten.

»Wenn Sie so empfinden ist es recht. Dann dürfen Sie die Hoffnung auch nicht aufgeben.«

»Die Polizei von Kriglin hat sie bereits nach einem Tag aufgegeben«, bemerkte Elisabeth verbittert.

Mable sagte nichts darauf, so ergriff Elisabeth erneut das Wort. »Morris sagte noch etwas. Er sagte … er hält Avamoore für gottlos.«

Mable hielt einen Moment inne, ehe sie schwach nickte. »Damit könnte er vielleicht sogar recht haben«, gab sie zu.

Elisabeth schauderte. »Wie soll ich das verstehen?«

»Reverend Anderly ist gestorben. Der Dorfgeistliche. Ein Unfall, heißt es.«

»Oh. Wie ist es geschehen?«

»Das weiß ich nicht genau. Ich hörte nur, er sei gestürzt.« Mable stand auf. »Solche Dinge geschehen. Der Tod ist immer um uns herum. Anderly war schon alt. Sehr alt. Irgendwann ist dann der Tag, an dem es endet. Das ist leider unvermeidlich.« Trotz ihrer düsteren Worte schenkte sie Elisabeth ein Lächeln und deutete auf das Tablett. »Jetzt essen Sie etwas, und dann versuchen Sie zu schlafen. Sie werden sehen, morgen sieht alles schon viel freundlicher aus.« Dann ging sie. Elisabeth sah ihr nach, mit der Überzeugung, dass kein Tag mehr freundlich sein würde, sollte sie William nicht finden.

14. Oktober 1881

DIE DORFPOLIZISTEN

Der neue Tag machte dem Ruf des schottischen Wetters alle Ehre. War es gestern noch die Nacht gewesen, die das Land verbarg, so war es heute der dichte und feuchte Nebel. Menschen und Gebäude wurden zu Schemen, Geräusche zu einem fernen Wispern.

Pünktlich um acht Uhr hatte Mable durch das Treppenhaus zum Frühstück gerufen, dem Alexander und Elisabeth kurz darauf gefolgt waren.

Während sie sich in der Nacht mit unruhigen Träumen gequält hatte, an die sie sich nach dem Erwachen kaum noch erinnern konnte, wirkte Alexander ausgeschlafen und voller Tatendrang. Adrett wie immer, im grauen Anzug und die Stiefel auf Hochglanz poliert, hatte er am Frühstückstisch Platz genommen. Er gab etwas Milch in seinen Tee und schenkte Elisabeth ein, als sie sich ihm gegenübersetzte.

Sie nippte am Tee und ignorierte den Porridge auf einem Silbertablett, den Käse und die noch dampfenden Brotscheiben. Alexander hingegen griff reichlich zu.

»Wie war Ihre Nacht?«, fragte er.

»Unruhig. Ich habe schlecht geträumt.«

»So was kommt vor«, sagte er, ohne mitfühlend zu klingen, und tupfte sich den Mund mit einer Serviette ab. »Ich habe nachgedacht. Über das, was Sie sagten.«

»Und was genau habe ich gesagt?«

»Über die hiesigen Polizisten. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es tatsächlich hilfreich sein könnte, wenn Sie mich begleiten würden.«

»Wie überaus großzügig von Ihnen, Alexander.«

Entweder verstand er die Ironie nicht oder er überhörte sie geflissentlich, als er eine Portion Porridge auf seinen Teller lud. »Aber lassen Sie mich reden. Ich weiß, wie man so was macht.«

»Sie sind kein Offizier mehr«, sagte sie und schaffte es damit, dass er sie böse anstarrte.

»Sehr freundlich von Ihnen, mich daran zu erinnern.«

»So habe ich das nicht gemeint. Ich meinte nur, dass sie Ihnen nicht zuhören müssen, wenn ihnen Ihr Ton nicht gefallen sollte.«

»Finden wir doch heraus, ob ich dazu noch tauge.« Er fuhr sich erneut mit der Serviette über die Lippen, bevor er sie dann wütend auf den Tisch knallte und aufstand. »Wenn Sie mich begleiten wollen, dann jetzt.«

Mit dem Gehstock in der Hand humpelte er auf den Korridor hinaus in Richtung Haustür. Elisabeth folgte ihm derart hastig, dass sie beinahe über ihr eigenes Kleid gestolpert wäre.

Mables Hofhund, ein Scottish Terrier, der bei Tage ebenso verschlafen wirkte wie des Abends, trottete eine Weile neben ihnen her, ehe er eine gemütliche Stelle unter einem Karren entdeckte, an der er sich träge zusammenrollte.

Die Hauptstraße war von Leben erfüllt. Ein paar Männer diskutierten lauthals miteinander und rauchten Pfeife. Elisabeth verstand kein Wort, denn sie redeten Gälisch. Eine Frau klopfte, dem Wetter zum Trotz, ihre Teppiche auf einem Holzgestell.

In den Pferchen, die es rund um Kriglin überall gab, blökten Schafe.

Es roch nach verbranntem Horn aus einer nahen Schmiede, in der ein Pferd neue Hufeisen bekam.

Die Polizeistation lag der Schmiede direkt gegenüber. Ungeachtet des Nebels war das rostige Eisenschild mit der Aufschrift Constabulary of Kriglin deutlich zu lesen.

Innen war es still. Alexander nahm den silberbeschlagenen Griff seines Gehstocks und klopfte an. Dann trat er ein und hielt Elisabeth die Tür auf.

Der große Raum war schlicht, ja spartanisch eingerichtet. Es gab zwei Holzbänke auf der einen und einen langen Tresen auf der anderen Seite des Raums.

An den Wänden hingen ein paar vergilbte Steckbriefe und ein stockfleckiger Stich, der eine Straßenansicht von Kriglin zeigte. Hinter dem Tresen zwischen zwei Schreibtischen hing ein Porträt von Königin Victoria in der fortgeschrittenen Blüte ihrer Jahre.

Bei ihrem Anblick nahm Alexander augenblicklich Haltung an.

Sie traten an den Tresen, die Schreibtische lagen verwaist da. »Hallo? Ist hier jemand?«, rief Elisabeth.

Eine Tür öffnete sich, und ein junger Mann in einer zu engen Uniform betrat den Raum. Seine Wangen waren eingefallen, wodurch sein Mund viel zu groß wirkte. »Guten Tag, Madam. Sir«, sagte er nervös lächelnd. »Wie kann ich behilflich sein?«

»Ich suche die Beamten Ballington und Watkins.«

Der Mann warf sich in die Brust. »Ich bin Constable Watkins, Sir. Sergeant Ballington … ist noch verhindert, aber er wird sicher gleich kommen.«

»So viel Zeit haben wir nicht. Wir sind hier, um ein ernstes Wort mit Ihnen zu sprechen.« Alexander nahm den Bericht aus der Innentasche seines Jacketts und knallte ihn auf den Tresen. »Das hier, Sir, haben Sie die Frechheit besessen, Miss Hazelwood zu schicken.« Er verwies auf Elisabeth an seiner Seite. »Sie ist die Verlobte von William Pickett, dem Mann, dem Sie nur einen Tag Ihrer Suche gewidmet haben, um ihn dann für unauffindbar zu erklären. War es Ihnen derart lästig, sich etwas mehr Mühe zu geben?«

Watkins war noch blasser geworden. »Sie müssen entschuldigen. Das Moor ist groß und … tückisch.« Sein Blick wanderte hektisch zwischen Elisabeth und Alexander hin und her. Er begann zu schwitzen.

»Mich interessieren Ihre Ausflüchte nicht.«

»Sir. Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir wirklich alles getan.«

»Alles getan?«, donnerte Alexander. »Ich werde Ihnen jetzt sagen, was es bedeutet, alles getan zu haben. In Afrika wurde unsere Einheit überfallen. Mehrere meiner Männer wurden verschleppt, einschließlich meines Lieutenants. Wir haben zwei Wochen nach ihnen gesucht, bis wir sie endlich fanden. Leider zu spät. Die Zulus hatten sie ermordet, aber bei Gott, ich hätte nicht mehr schlafen können, wenn wir nicht wenigstens versucht hätten, sie lebend zu finden. Also sagen Sie mir nicht, Sie hätten alles getan.«

Durch den lautstarken Vortrag trat nun auch Sergeant Ballington durch die Tür. Er war das genaue Gegenteil von Watkins. Klein gewachsen und wohlbeleibt, mit einem viel zu großen Kopf auf einem zu kurz geratenen Hals. In seinen Mundwinkeln hingen Krümel. »Na, na, na«, sagte er ungehalten, »ich muss doch sehr bitten. Was ist denn das hier für ein Krach?«

Alexander überließ es Watkins, sie einander vorzustellen. Nachdem das geschehen war, löste sich Ballingtons erboste Miene in Anteilnahme auf. »Es tut mir sehr leid. Sie haben mein tiefstes Mitgefühl.«

»Es wäre uns lieber gewesen, wenn Sie mehr Tatkraft und Entschlossenheit gezeigt hätten, statt nun Mitgefühl zu heucheln«, gab Alexander wenig diplomatisch zurück.

Watkins zog sich zurück, um sich intensiv mit irgendwelchen Unterlagen zu befassen.

»Das genügt jetzt, Sir. Ich will Ihnen die Lage erklären. Wir sind unterbesetzt. Constable Watkins und ich sind hier die einzigen Polizisten, und wir sind nicht nur für Kriglin zuständig. Es ist also unmöglich, tagelang fortzubleiben.«

Von da an zeigte Ballington Alexander die kalte Schulter und wandte sich Elisabeth zu. »So leid es mir tut, und so schwer es mir fällt, das sagen zu müssen, Ihr Verlobter war unvorsichtig. Er wäre nicht der Erste, der das Moor unterschätzt und darin … umkommt.«

»Er war aber nicht allein. Mr Harrows begleitete ihn. Er war schon oft im Moor zur Jagd, deswegen hat William ihn ja mitgenommen.« Ihr Puls raste. »Bitte. Es muss doch mehr geben als das.« Sie tippte auf den Bericht, der zwischen ihnen auf dem Tresen lag. »Irgendetwas.« Die Verzweiflung in ihrer Stimme brachte Ballington dazu, den Kopf zu senken.

»Ich wünschte wirklich, ich könnte Ihnen mehr sagen. Aber das kann ich nicht. Constable Tolby aus Avamoore wollte weitersuchen lassen und mich informieren, falls sich etwas Neues ergibt. Aber bis jetzt … habe ich nichts von ihm gehört.«

»Ich verstehe.« Elisabeth ließ die Schultern sinken.

»Es tut mir wirklich sehr leid.«

»Ich werde nicht aufgeben«, sagte sie. »Wir gehen nach Avamoore.«

»Gestatten Sie mir einen Rat?«

Sie nickte.

»Sie sollten umkehren. Avamoore ist ein seltsamer Ort, mit seltsamen Menschen.«

»Das werden wir nicht.«

»Ja, das dachte ich mir. Wenn Sie dort sind, wenden Sie sich an Mr Tolby. Er ist ein guter Mann.«

Wieder nickte sie, ohne etwas zu erwidern. Dann wandte sie sich um und verließ die Constabulary. Draußen vor der Tür wartete sie auf Alexander.

Sie war wütend und verzweifelt, und was immer sie sich mit dem Besuch erhofft hatte, es war nicht erfüllt worden.

Blieb nur eine Hoffnung: Avamoore.

Die Straße nach Avamoore

Die Kutsche nach Avamoore war eine altersschwache Four Wheeler, die auf dem Platz vor der Poststation stand. Der Kutscher saß vorn auf dem Bock, während der Innenraum vier Passagieren begrenzten Platz und keinerlei Komfort bot.

Die dunkelrote Farbe hatte tiefe Risse bekommen und blätterte im unteren Teil bereits großflächig ab. Die Aufschrift Postal Express ließ sich kaum noch entziffern. Elisabeth überließ es dem Kutscher, einem schottischen Rotbart namens Eldridge, Alexanders und ihr Gepäck auf dem Dach zu verstauen.

Sie nutzte die Zeit, um sich von Mable zu verabschieden, die sie herzlich in die Arme schloss.

»So, das wär’s!«, rief Eldrigde, nachdem er den ledernen Sack mit der Post für Avamoore festgezurrt hatte. »’s kann losgehen!« Auf seinen linken Nasenflügel drückte eine derart große Warze, dass er beim Ein- und Ausatmen ein leise pfeifendes Geräusch von sich gab.

»Wie lange werden wir unterwegs sein?«, fragte Alexander, während Eldrigde in einen abgetragenen Regenmantel schlüpfte und sich die Mütze tiefer in die Stirn zog. »Na ja, gestern hab ich zwei Stunden für ’n Rückweg gebraucht. Da saß aber auch niemand in der Kutsche. Aber mit Passagieren und Gepäck, dazu is’ die Straße um die Jahreszeit ziemlich schlecht …«

»Es genügt, wenn Sie mir eine Zeit nennen«, unterbrach Alexander den Redefluss.

»Drei Stunden, vielleicht vier, wenn’s noch regnen sollte. Aber jetzt hab’n wir genug gequatscht. Wir sollt’n los. Gut festhalten. Heyohh!« Eldridge ließ die Peitsche knallen, und die beiden struppigen schottischen Hochlandponys setzten sich schnaubend in Bewegung.

Kaum hatten sie Kriglin hinter sich gelassen, sagte Elisabeth: »Es wäre gut, wenn Sie sich in Avamoore mehr unter Kontrolle hätten als jetzt gerade. Man wird uns nicht helfen, wenn Sie die Menschen derart brüskieren.«

Seine Kiefermuskeln zuckten, und sein Blick verdüsterte sich, aber dann stimmte Alexander widerstrebend zu. »Ich habe mich bei Sergeant Ballington gehen lassen. Das war unklug und wird nicht wieder vorkommen.«

Das genügte ihr, und sie nickte wohlwollend.

Die erste Stunde verging, dann eine weitere, in der sich die Kutsche polternd und schlingernd ihren Weg auf dem rutschigen Untergrund suchte. Das Holz knarzte und ächzte wie ein Schiff, das in schweren Sturm geraten war. Die Räder zogen tiefe Furchen in den Untergrund, und die Hufe der Pferde wirbelten große Brocken Moorerde auf.

»Verdammter Mist!«, hörten sie Eldridge fluchen. Wie er befürchtet hatte, begann es zu regnen, und es war keiner dieser harmlosen Landregen, bei denen Elisabeth nicht einmal einen Schirm aufgespannt hätte. Vielmehr war es ein heftiges Unwetter, begleitet von einem schneidenden Wind, der zwar den Nebel vertrieb, den Regen aber vor sich herpeitschte. »Ach hol’s doch der Teufel. Verfluchtes Mistwetter!« Eldridge fluchte ohne Unterlass, ließ die Zügel knallen und schwang die Peitsche.

Elisabeth zuckte erschrocken vom Fenster zurück. Die schmalen Wagenräder zerfurchten haarscharf den Rand der ausgefahrenen Straße.

Daneben begann bereits das Moor. Fahlgrünes Riedgras wuchs hier und da in kleinen Inseln, die einzigen Farbtupfer in diesem Einerlei aus Grau und Brauntönen. Verkrüppelte Bäume, die Rinde bewachsen von Moosen und Flechten, hielten sich standhaft aufrecht.

»Wir sin’ bald da!«, hörten sie Eldridge gegen den Wind anbrüllen. »Is’ nich’ mehr weit!«

Für Elisabeth wurde die Anspannung schier unerträglich. Ein törichter Wunsch ließ sie hoffen, dass sie aus der Kutsche stieg und William auf sie warten würde.

Nach einer weiteren halben Stunde rumpelte die Kutsche über eine uralte steinerne Brücke aus dem Mittelalter, die den kleinen Fluss Avery überspannte, dessen Ufer Trauerweiden und eng verwachsene Büsche säumten. Das Wasser besaß eine rötlich-braune Färbung, was Elisabeth auf unangenehme Weise an geronnenes Blut erinnerte. Auf einer breiten, dicht bewachsenen Insel, dort, wo sich der Fluss zweiteilte, stand ein wenig erhöht eine Burg, die sie im Regen nur undeutlich erkennen konnte. An den Ufern erhoben sich zwei Türme, die mit ihren Spitzdächern in den Himmel stießen.

Das große Tor stand offen, es wirkte wie ein schwarzer Eingang in die Unterwelt. Die Zugbrücke hatte man heruntergelassen.

»Hören Sie das?«, fragte Alexander, was Elisabeth dazu veranlasste, angestrengt zu lauschen.

Da spielte ein einsamer Dudelsack eine melancholische Melodie. Elisabeth konnte ihr nur einen Moment lang lauschen, dann erreichten sie die ersten Häuser von Avamoore, und jedes andere Geräusch erstarb unter dem Rumpeln der Wagenräder auf dem Kopfsteinpflaster.

Die Straße war schmal und folgte den Windungen des Flusses. Die Häuser links und rechts wirkten gedrungen, schmutzig, kalt und abweisend. Vielleicht lag es an den Umständen, die sie herführten, an den Geschichten, die sie gehört hatte, oder vielleicht auch am Grau des bevorstehenden Winters, der ihr Avamoore ungastlich erscheinen ließ.

Es gab kleine Vorgärten, umfasst von niedrigen Mäuerchen, die wiederum durch schmale Pforten durchbrochen wurden, die dicht mit Grünspan überzogen waren. In jeder Nische schien etwas zu wachsen, das wenig ansehnlich war.

Die Straße nahm einen leicht gewundenen Verlauf mit sanften Anstiegen.

Avamoore war nicht sehr groß, und schon bald erreichten sie den Dorfplatz, der bei diesem Wetter ebenso menschenleer dalag wie der Rest der Ortschaft.

In der Mitte des Platzes stand ein großer gemauerter Brunnen mit einem Dach und einer Winde. Ihn flankierte eine narbige Eiche, die die Spuren eines Blitzeinschlags trug.

Eldridge umrundete den Brunnen, auf dessen gegenüberliegender Seite die Kirche stand, und brachte die Kutsche vor der einzigen Herberge des Ortes mit einem lauten »Hoooo!« zum Stehen. »Wir sin’ da!«, rief er und lachte schon wieder, obwohl ihn der Regen völlig durchnässt hatte.

Alexander schlug den Kragen seines Mantels hoch, stieg als Erster aus und half dann Elisabeth, bevor sich beide beeilten, zum Eingang der Herberge zu gelangen.

Über dem Eingang hing ein gemaltes Schild, das einen Wolf zeigte. Darunter stand in geschwungener Schrift: Wolf’s Cavern.

Das Innere erwartete sie mit prasselndem Kaminfeuer und dem Geruch nach Bier, Whisky und frisch gebratenem Fleisch. Kerzen in gusseisernen Halterungen und Petroleumlampen sorgten für die Beleuchtung. Wenn der Raum auch eine angenehme Atmosphäre ausstrahlte, seine Gäste taten es nicht. Außer dem Wirt, der gerade aus der Küche kam, saßen noch fünf weitere Männer an den Tischen in der Nähe des Feuers. Ein siebter stand an der Theke. Waren ihre Gespräche ohnedies schon spärlich gewesen, so verstummten sie nun ganz.

Elisabeth spürte ihre unterschwellige Abneigung, aber auch eine gewisse … Schwermut.

»Guten Tag, Gentlemen«, sagte Alexander.

Der Mann, der an der Theke lehnte, betrachtete ihn von oben bis unten. Das Gleiche tat er bei Elisabeth. Mit großen Händen hielt er ein halb geleertes Bierglas. »Wen haben wir denn da? ’nen feinen Pinkel. Bist wohl ’n Engländer. Habt ihr euch in der Gegend geirrt?«

Die anderen im Raum schmunzelten.

»Nathaniel Finch! Lass gut sein«, sagte der Wirt und trat seinen Gästen mit einem freundlichen Lächeln auf dem pausbäckigen Gesicht entgegen. Im Kontrast zu seinem vollen rostroten Bart stand sein Kopfhaar, das nur noch ein paar wenige, dafür umso lockigere Strähnen aufwies.

Seine grünen Augen blitzten fröhlich, als er mit der Hand in Richtung des Schreihalses wies. »Beachten Sie Nathaniel gar nicht. Er ist und bleibt ein unhöflicher Rüpel!«

Sein Gesicht verlor auch das Lachen nicht, als Nathaniel das Glas auf den Tresen knallte und fluchend aus der Herberge stürmte. An der Tür rempelte er Eldridge an, der das Gepäck brachte.

»Pass doch auf, wo du hinläufst!«, rief der ihm nach.

»Sie müssen es ihm nachsehen. Seit seine Verlobte mit einem Engländer durchgebrannt ist, ist er nicht gut auf sie zu sprechen. Aber was soll’s.« Er öffnete einladend die Arme. »Willkommen in Wolf’s Cavern. Bitte … nehmen Sie Platz. Am besten am Kamin. Die Reise war sicher anstrengend.« Er zwinkerte dem triefend nassen Kutscher zu, der das letzte Gepäckstück brachte und sich dann seines Mantels entledigte. »Unser alter Eldridge hier fährt wie ein Henker, es wundert mich, dass sie nicht seekrank geworden sind.« Während er redete, war er hinter die Theke verschwunden, schenkte für Alexander, Eldrige und sich einen doppelten Whisky ein und mischte für Elisabeth ein Getränk, das aus Whisky, Wasser und drei Löffel Zucker bestand.

»Um diese Jahreszeit hätte ich nicht mehr mit Gästen gerechnet«, sagte er, als er die Gläser auf ein Tablett lud und servierte.

»Wir sind auch nicht zum Vergnügen hier«, erwiderte Alexander.

»Geschäfte also? Wollen Sie Schafe kaufen?« Er stellte das größte Glas vor Elisabeth hin. »Wir nennen das einen Toddy, probieren Sie. Schmeckt vorzüglich.«

Sie prosteten sich zu und tranken. »Also, es gibt ein paar Züchter hier, deren Tiere sind …«

»Wir sind nicht hier, um Schafe zu kaufen«, unterbrach Elisabeth.

»Nicht? Was könnte dann der Grund sein?«

»Mein Name ist Elisabeth Hazelwood. Das ist Major Alexander Pickett. Wir suchen nach meinem Verlobten … William Pickett. Er und sein Begleiter waren hergekommen, um zu jagen, und sie sind verschwunden.«

»Oh«, machte der Wirt.

»Und wir wollen den Polizisten sprechen, der hier verantwortlich ist.«

»Oh«, machte der Wirt ein weiteres Mal und füllte sein Glas gleich noch einmal nach. »Das bin dann wohl ich. Lawrence Tolby – zu Ihren Diensten.«

»Sie?« Alexander furchte die Stirn.

»Nun … ja. Ich bin hier für vieles zuständig. Ich bin Wirt, Bürgermeister, Küster und eben auch der Dorfpolizist. Es passiert hier nicht so viel, dass wir eine dauerhafte Polizeistation brauchen würden.«

»Aber doch offenbar genug.«

Elisabeth entging Alexanders gereizter Unterton nicht. Ihren warnenden Blick ignorierte er, also mischte sie sich ein. »Ich würde gern wissen, was passiert ist. In Kriglin konnten sie uns nicht viel sagen und haben auf Sie verwiesen.«

Tolbys Miene versteinerte, seine Fröhlichkeit verschwand. Die anderen Gäste starrten ihn an. »Sie werden sicher ein paar Tage bleiben«, sagte er mit gesenkter Stimme.

»Das ist unsere Absicht.«

»Dann kommen Sie bitte mit. Ich zeige Ihnen Ihre Zimmer. Da reden wir weiter.« Er lud sich das Gepäck auf und stieg die alte Treppe hoch, die bei jedem Schritt knackte.

Die beiden folgten ihm.

Sie betraten einen schmalen Gang, dessen Boden ein ausgetretener grüner Läufer bedeckte. An den Wänden hingen Stiche der schottischen Landschaft. Da waren die weiten Gewässer von Loch Lommond, die Berge von Glencoe oder die Ruine von Kilchurn Castle an den Ufern von Loch Awe. Daneben hing ein kleines, aber feines Ölgemälde, das die Front von Wolf’s Cavern zeigte.

»Hier bitte, Ihre Zimmer«, sagte Tolby, nestelte einen Schlüsselbund aus seiner Jacke und gab ihnen die Schlüssel mit den Nummern drei und vier. Die Zimmer lagen nebeneinander und waren dem Dorfplatz zugewandt. Zwischen den niedrigen Räumen gab es eine Verbindungstür, die er nun aufschloss. Elisabeth setzte sich auf eine gemütlich aussehende Bank vor dem Fenster, während Alexander Mantel und Hut auszog und sie sorgsam an den Kleiderständer hängte. Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, wandte sich Tolby an Elisabeth und fragte: »Wo soll ich beginnen?«

»Mit dem Tag, als William hier ankam, wenn Sie so freundlich wären.«

»Das ist schon eine Weile her. Aber ich erinnere mich noch gut an die beiden. Ein schlanker junger Mann mit blondem Haar, teurem Gewehr und Jagdkleidung, die aussah, als hätte er sie noch nie benutzt.«

»Das ist Willam.«

»Der andere war groß, schwarzes Haar, grobes Äußeres, ihm fehlten zwei Zähne, wenn ich mich recht entsinne.«

Elisabeth nickte. »Mr Harrows ist ein Bediensteter meines Vaters.«

Tolby strich sich über den kahlen Schädel. »Kaum waren sie angekommen, wollten sie auch schon ins Moor und jagen, aber damals war es ein genauso scheußlicher Tag wie heute, und ich habe ihnen Zimmer angeboten, um auf besseres Wetter zu warten. Womit sie einverstanden waren. Am nächsten Tag klarte es dann auf, und ich führte sie zur alten Kapelle im Sumpf. Das Gebiet ist einigermaßen sicher, viel fester Boden. Dort haben sie ihr Lager aufgeschlagen. Ich habe sie für verrückt gehalten, zu dieser Jahreszeit noch in einem Zelt schlafen zu wollen, aber sie haben darauf bestanden. Ich habe sie noch gewarnt, sich in der Nacht nicht zu weit vom Lager zu entfernen.«

»Und weiter?«, fragte Alexander.

»Wir hatten ausgemacht, dass ich jeden zweiten Tag nach dem Rechten sehen würde. Manchmal habe ich eine Flasche Whisky vorbeigebracht oder was zu essen. Ich glaube, sie waren ganz dankbar dafür. Beim ersten Mal hatten sie ihr Lager bereits verlegt. Auf ein kleines Stück festen Boden, mitten im Sumpf. In der Kapelle seien Ratten. Ich habe nichts dazu gesagt, aber ich habe den Platz für ungeeignet gehalten.«

»Wann haben Sie bemerkt, dass etwas nicht stimmte?« Alexander wandte sich vom Fenster ab, um Tolby anzusehen.

»Das war am … fünften Oktober. Ich kam wie vereinbart, aber sie waren nicht in ihrem Lager. Zunächst dachte ich, sie seien unterwegs … und ich bin am nächsten Tag noch mal hin. Als ich sie auch dann nicht angetroffen habe, habe ich begonnen, mir Sorgen zu machen, und ich habe ein paar Männer zusammengetrommelt, die mir bei der Suche helfen sollten. Erfolglos, das Gleiche am nächsten Tag. Ich habe auch eine Nachricht an die Polizei in Kriglin geschickt. Sie sind mit der nächsten Kutsche gekommen, aber nicht lange geblieben. Sie haben bei der Suche geholfen, aber … nichts.« Tolby ließ die Schultern sinken. »Schließlich haben wir aufgegeben.«

»Im Bericht stand, dass von der Ausrüstung nichts fehlte und auch nichts durchsucht worden wäre.«

»Ja, das stimmt auch. Wir haben alles hergebracht. Wenn Sie die Sachen durchsehen wollen, ich bewahre alles auf dem Dachboden auf.«

Elisabeth war sehr still und blass geworden. »Das würde ich sehr gern«, sagte sie mit schwacher Stimme, »aber später. Ich … ich fühle mich gerade nicht sehr wohl.«

»Oh, ähm, soll ich den Arzt holen lassen?«

»Nein, nein danke, Mr Tolby. Ich brauche nur etwas Ruhe. Das ist alles zu viel für mich.« Sie stand hastig auf, ihr schwindelte, und sie musste sich an der Tischkante abstützen. Den Mann zu treffen, der zuletzt mit William gesprochen hatte, machte ihr mehr zu schaffen, als sie geahnt hätte. Sie eilte in ihr Zimmer und schloss die Zwischentür ab.

»Ihr Verlust tut mir sehr leid«, murmelte Tolby an Alexander gewandt und wollte gehen, doch sein Gast hielt ihn auf.

»Warten Sie. Ich würde gern die Sachen meines Bruders durchsehen.«

»Sicher. Hier entlang bitte.« Tolby folgte dem Korridor bis zum Ende. Mit einem Haken öffnete er eine Klappe in der Decke, und mit dem gleichen Haken fasste er nach der untersten Sprosse einer auf dem Dachboden bereitliegenden Leiter. Er zog sie nach unten und lehnte sie an. »Ich habe alles dort raufgebracht«, sagte er und machte Alexander Platz.

»Hier, nehmen Sie die Lampe. Die werden Sie brauchen. Die Sachen liegen links, unter dem kleinen Fenster.«

Alexander nickte dankbar, dann stieg er mühselig die Leiter hinauf. Sein Knie knackte, und bei jeder Sprosse musste er einen Schmerzenslaut unterdrücken.

Auf dem Dachboden erwarteten ihn alte, verstaubte Möbel, ein paar Bilder in losen Rahmen, abgestellte Kisten und mottenzerfressene Kleidung, die an Haken von den Dachbalken hinabhing.

Unter dem einzigen Dachfenster, das so schmutzig war, das kaum Tageslicht hindurchdrang, lag die Ausrüstung von William und Harrows. Der Schein der Petroleumlampe strich über die Rucksäcke, die beiden Zelte, die noch Spuren von getrocknetem Schlamm trugen, Williams Mantel und die beiden Jagdgewehre, die an einem wackeligen Stuhl lehnten, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Tolby steckte den Kopf durch die Luke. »Sie haben’s gefunden. Gut. Ich lass Sie dann mal allein. Ich muss runter und wieder mit anpacken.«

»Mr Tolby.« Alexander öffnete den Rucksack seines Bruders.

»Ja?«

»Ist das wirklich alles?«

»Es ist alles, was wir dort finden konnten. Niemand hat etwas mitgenommen, wenn Sie das andeuten wollen«, erwiderte er mit leichter Verärgerung. Dann verschwand er, und seine Schritte verhallten im Korridor und auf der Treppe nach unten.

Derweil hatte Alexander den Docht höher gedreht und nahm die Habseligkeiten in Augenschein. Er roch sogar am Zelt und am Mantel. Aber da war nichts außer dem Geruch nach Erde. Im Rucksack fand er ein Rasiermesser, einen Taschenspiegel, Streichhölzer und einiges andere, was man für einen Jagdausflug benötigte. In Papier eingeschlagen fand er auch eine Fotografie von Elisabeth und William. Beide standen in einem Atelier im Londoner Westend, wie der Aufdruck auf der Rückseite verriet. William wirkte ernst und angespannt – ganz anders Elisabeth. Sie sah ihn glücklich lächelnd an und hatte die Hände auf seinen Arm gelegt. Alexander musste schmunzeln. Sein Bruder hasste es, vor einer Kamera still zu stehen, das war ihm als Kind schon nicht gelungen.

Er steckte die Fotografie ein und setzte seine Suche fort. Ohne Erfolg. Es gab nichts, was auf den Verbleib der beiden hingedeutet hätte. Alexander nahm schließlich das Gewehr seines Bruders und steckte die Munition ein, die er im Rucksack gefunden hatte. Danach verließ er den Dachboden.

Er war noch nicht müde und beschloss, in den Schankraum zu gehen, um etwas zu trinken und das Gespräch mit Tolby fortzusetzen.

Dort fand er nur den Hausherrn und seine Frau vor. Die Gäste hatten Wolf’s Cavern inzwischen verlassen, was Alexander ganz recht war.

Tolby nutzte die Zeit und reparierte zwei wackelige Stühle, während seine Frau das Petroleum in den Lampen nachfüllte.

»Haben Sie was gefunden?«, fragte Tolby, der kurz in seiner Arbeit innehielt.

»Leider nein. Wäre es möglich, einen Whisky zu bekommen?«

»Sicher. Warum setzen Sie sich nicht an den Kamin? Ich komm dann gleich zu Ihnen.«

Alexander bedankte sich und nahm Platz. Im Kamin glomm nur etwas Glut, doch es war noch genug Restwärme vorhanden, um es behaglich zu haben.

Während Alexander Tolby beim Einschenken zusah, sagte er: »Mir ist zu Ohren gekommen, Ihr Reverend sei kürzlich verstorben. Ein Unfall, wie ich hörte.«

Der Wirt kam um die Theke herum und brachte den Whisky. Er selbst hatte sich auch ein Glas genommen und setzte sich Alexander gegenüber. »Es ist furchtbar, eine Tragödie, ich kann es selbst noch gar nicht fassen.«

»Was ist denn passiert?«

»Der arme Anderly. Er ist zu Tode gestürzt. Man fand ihn morgens am Fuß der Burg. Er muss ausgerutscht sein und das Gleichgewicht verloren haben.«

»Wahrlich ein tragisches Unglück. War er lange hier tätig?«

»Das kann man wohl sagen. Er hat mich getauft und mich verheiratet. Seit Ewigkeiten sind unser Laird und er Freunde, oder besser gesagt, sie waren es.«

»Anderly war also schon älter?«

»Letztes Jahr feierten wir seinen achtzigsten Geburtstag. Das ganze Dorf war damals auf den Beinen und hat ihn hochleben lassen.« Tolby hob den Blick zur Decke und prostete in den Himmel. »Avamoore wird ohne ihn nicht mehr dasselbe sein.«

»So wie es ohne meinen Bruder nicht mehr dasselbe für mich ist.«

Tolby nickte abwesend, und Alexander setzte nach. »Zwei Menschen verschwinden, ein dritter stirbt. Und das alles innerhalb weniger Tage, in einem kleinen Ort wie Avamoore. Kommt Ihnen das nicht auch seltsam vor, Mr Tolby?«

Tolby sah in sein Glas. »Tatsächlich gibt es da etwas, was mich beschäftigt.«

»Ach ja? Und was wäre das?«

»Reverend Anderly litt unter fortgeschrittener Gicht. Er konnte kaum noch laufen, und da habe ich mich gefragt, was er auf den Mauern der Burg zu suchen hatte. Besonders nachdem ihm Doktor Collins strenge Bettruhe verordnet hatte.«

»Das ist in der Tat interessant. Und zu welcher Erkenntnis sind Sie gekommen?«

»Zu gar keiner. Ich habe keine Erklärung dafür.«

»Ich verstehe. Sagen Sie, dieser Doktor Collins. Wo könnte ich ihn wohl finden?«

»Er bewohnt das kleine Wassermühlenhaus an der Brücke. Aber er macht Krankenbesuche und wird wohl erst spät zurück sein.«

»Danke.«

Tolby wollte noch etwas sagen, er hatte schon den Mund geöffnet, überlegte es sich dann aber anders und kippte den Whisky hinunter, bevor er aufstand und seine Arbeit fortsetzte.

Vor dem Fenster ließ der Wind abgerissene Blätter tanzen. Regentropfen schlugen gegen die Scheiben. Grau, düster und Unheil verkündend zogen Wolken über das Land.

Eine Zeit lang hing Alexander seinen Gedanken nach, von denen keiner klar genug war, um ihn greifen und weiterverfolgen zu können. Irgendwann gab er es auf, trank sein Glas aus und verabschiedete sich in sein Zimmer.

Nebenan war es still. Elisabeth schien zu schlafen, und er war nicht willens, sie zu wecken. Er war sogar dankbar für diesen Umstand. Er hatte nicht gewollt, dass sie mitgekommen war. Ihre Emotionalität in dieser Angelegenheit würde die Suche nach William nur erschweren. Davon war er überzeugt. Aber sie hatte sich nicht umstimmen lassen, und nun musste er das Beste aus der Situation machen. Zuerst, so beschloss er, würde er sich etwas Ruhe gönnen, um dann später den Doktor aufzusuchen. Allein.

* * *

Ein heulender Windstoß umfasste das Gasthaus, spielte mit einer losen Dachschindel und ließ sie klappern. Dürres Gras wiegte sich in Richtung des Flusses, in dem das Ried rauschte und knisterte.

Und dort, nah beim Ufer, im Schatten einer morschen Scheune und verborgen hinter Sträuchern, stand eine dunkle Gestalt, reglos und stumm. Ihr Körper zitterte nicht und trotzte der Kälte des Windes und dem beißenden Regen. Sie beobachtete das Dorf, die Regentropfen, das Wiegen der Bäume im Oktoberwind. Sie nahm jedes Geräusch wahr, als wäre es eingebunden in ein Lied, und jeder Ton, jedes Rauschen und Säuseln gehörte zur Melodie. Es waren diese Momente, die die Gestalt mit Frieden erfüllten. Es gab kein Leid und keine Trauer. Aber das waren nur vergängliche Augenblicke, denn verborgen im Inneren schliefen der Schmerz und die Angst. Die Gestalt wandte sich ab und ging davon. Ihr letzter Blick galt Wolf’s Cavern.

* * *

Alexander erwachte so, wie er sich niedergelegt hatte. Verschlafen rieb er sich die Augen und sah auf seine Uhr. Kurz vor sieben. Draußen war es dunkel geworden.

Er suchte nach Streichhölzern und entzündete die Lampe, die auf einem Sockel neben dem Fenster stand.

Aus Elisabeths Zimmer drang immer noch kein Laut, daher machte er sich daran, sein Gepäck auszuräumen. Eingewickelt in ein großes Stück Tuch lag sein Webley Revolver. Die alte Dienstwaffe war in tadellosem Zustand. Er nahm sie in die Hand, klappte die Trommel auf, prüfte, ob alle Kammern gefüllt waren, und ließ sie dann rotieren. Das Geräusch beruhigte ihn.

Es wurde Zeit, den Doktor aufzusuchen. Er nahm gerade den Mackintosh-Mantel vom Haken, als es zaghaft an der Verbindungstür zwischen den beiden Zimmern klopfte. »Alexander? Sind Sie wach?«, hörte er Elisabeth fragen.

Hastig steckte er die Waffe in die Manteltasche, ehe er ihr die Tür öffnete und vor ihr erschrak.

Elisabeth sah blass aus wie ein Geist, ihr Lächeln wirkte gequält. Sie schien die Frage vorauszuahnen, die ihm bereits auf den Lippen lag, denn sie sagte: »Schauen Sie nicht so. Es geht mir wieder gut.«

Statt einer Antwort hob er nur zweifelnd eine Augenbraue.

»Ja, wirklich. Glauben Sie mir. Gehen wir nach unten und essen etwas? Ich sterbe vor Hunger.«

Es war keine Frage, vielmehr eine Aufforderung, der sich Alexander nicht widersetzen konnte. Der Doktor musste noch warten. »Natürlich.« Er warf sich den Mantel über den Arm und verließ mit Elisabeth das Zimmer. Dabei musterte er sie unauffällig.