Der Schiffsjunge der Santa Maria - Frank Schwieger - E-Book

Der Schiffsjunge der Santa Maria E-Book

Frank Schwieger

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Beschreibung

Auf Entdeckungsfahrt mit Christoph Columbus. Spanien, 1492: Der 10-jährige Luis muss von früh bis spät in der Kneipe seiner Stiefmutter schuften. Als Rodrigo, ihr neuer Mann, ihm wieder mal besonders schlimm zusetzt, haut Luis einfach ab. Dass im Hafen drei Schiffe abfahrtbereit liegen, kommt ihm gelegen - erst recht, als er erfährt, dass sie auf dem Westweg nach Indien segeln wollen. Mit einem Trick schmuggelt er sich auf die Santa Maria und versteckt sich im Lagerraum. Als Luis allerdings auf hoher See entdeckt wird, würde Kapitän Christoph Kolumbus den Jungen am liebsten gleich über Bord werfen. Doch dann erkrankt ein Schiffsjunge ...

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Frank Schwieger

Der Schiffsjunge der Santa Maria

Ein Abenteuer mit Christoph Kolumbus

Mit Illustrationen von Peter Knorr und Doro Göbel

Deutscher Taschenbuch Verlag

Originalausgabe 2009

© Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital– die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

eBook ISBN 978-3-423-41241-4 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-07722-4

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website

www.dtv.de/​ebooks

Nichts wie weg!

Luis wusste nicht, wo er war. Er hatte tief geschlafen und wunderbar geträumt. Von Zipangu, dem sagenhaften Land im Fernen Osten. Von Löwen, von Tigern und Elefanten. Und vom großen Kublai Khan, dessen gewaltiger Palast mit Edelsteinen verziert und mit goldenen Schindeln gedeckt war. Sie standen im Thronsaal. Die Wände hier waren über und über mit leuchtenden Rubinen geschmückt. Vor ihnen saß der große Khan auf seinem Thron aus Elfenbein und lächelte sie gütig an.

»Hattet ihr eine gute Reise?«

Luis traute sich nicht zu antworten.

»Ja, edler Herrscher«, sagte sein Vater, der neben ihm stand und seine Hand hielt. »Unser Schiff hat heute Morgen in Eurem Hafen angelegt. Wir haben Euch ein Geschenk mitgebracht.«

Luis’ Vater verbeugte sich und streckte dem Khan eben ein hölzernes Kästchen entgegen, als eine knarrende Stimme den ganzen Traumpalast zerplatzen ließ wie eine Seifenblase. Luis fuhr zusammen und schnellte in die Höhe. Wo war er? Er brauchte einen Moment, um sich zurechtzufinden.

Vor ihm stand der dicke Rodrigo, die Hände in die ausladenden Hüften gestemmt, und knurrte ihn wütend an: »Bist du eingeschlafen? Ja, wo gibt’s denn so was? An die Arbeit mit dir! Die Fässer müssen in den Keller gebracht werden. Und hier hast du auch noch nicht sauber gemacht.«

Luis schaute sich in der schmuddeligen Schankstube um. Die Gäste der letzten Nacht hatten wieder jede Menge Dreck hinterlassen. In einem Schweinestall sah es sauberer aus. Luis erinnerte sich. Er hatte die Stühle hochgestellt und den Besen holen wollen, als Rodrigo das Haus verlassen hatte, um zum Weinhändler zu gehen. Luis hatte die Chance genutzt, sich an irgendeinen Tisch gesetzt, den Kopf auf die klebrige Tischplatte gelegt und war sofort eingeschlafen. Kein Wunder, dass er müde war. Er hatte in der Nacht zuvor gerade mal zwei Stunden geschlafen, weil er bis zum Morgengrauen in der Schänke mitgeholfen hatte. Wie fast jede Nacht. Und dann hatte der dicke Rodrigo ihn um sechs Uhr früh aus dem Bett gezerrt, in die Schankstube geschleppt und ihm aufgetragen, diese blitzeblank zu putzen, vom Fußboden bis zur Decke.

»Was glotzt du so dämlich?«, blökte Rodrigo und hob drohend die Hand. Im letzten Moment konnte Luis sich unter dem Schlag hinwegducken. Das gelang ihm nur selten, denn meistens traf Rodrigo besser. Wahrscheinlich war er noch zu betrunken. Luis sprang vom Stuhl, Rodrigo packte ihn am Kragen, Luis schlug um sich, biss dem Dicken in die Hand, Rodrigo schrie auf und ließ Luis los. Als er durch die offene Tür hinausrannte, hörte Luis noch die kreischende Stimme Juanas, die wohl aus der Küche gekommen war: »Was ist hier los? Hat der Junge wieder Ärger gemacht?«

Luis rannte und rannte. In seinem Kopf hämmerte nur ein einziger Gedanke: »Ich will weg! Weg, weg, weg von hier!« Tränen kullerten über seine Wangen. Er lief hinunter zum Hafen, der nur ein paar Straßen entfernt war von der Kneipe, die seine Stiefmutter Juana und der dicke Rodrigo betrieben. Die Tränen kühlten sein Gesicht. Schwer atmend schaute er sich um.

Hier herrschte schon zu dieser frühen Stunde reger Betrieb. Starke Männer trugen Kisten und Fässer über Planken auf die Schiffe hinauf oder von ihnen herunter. Einige pfiffen oder sangen ein Lied, die meisten schnauften und schwitzten unter der schweren Last. Überall kreisten und kreischten hungrige Möwen. Es roch nach Teer und nach Schweiß, nach Seetang und nach Salz, nach fernen Ufern und nach der großen weiten Welt.

Palos war zwar nur eine kleine Hafenstadt, bei Weitem nicht so bedeutsam wie Cádiz oder gar Valencia. Aber auch von hier aus fuhren Schiffe nach Guinea im heißen Afrika, nach Schottland im kühlen Norden, nach Griechenland oder nach Ägypten.

Luis wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht. »Ich gehe nicht zurück«, sagte er zu sich selbst. »Nie mehr! Nicht in dieses Haus! Nicht zu Juana und Rodrigo!«

An seine leibliche Mutter konnte Luis sich nicht erinnern. Sie war gestorben, als er zwei Jahre alt war. Bald darauf hatte sein Vater ein zweites Mal geheiratet, Juana, seine Stiefmutter. Seit fast neun Jahren lebte Luis nun unter ihrer Fuchtel. Gut, sie hatte ihn nur selten geschlagen, das musste er zugeben. Und gehungert hatte er auch nicht oft. Trotzdem hatte Juana ihn behandelt wie einen zugelaufenen Straßenköter, den sie am liebsten mit dem Besen aus dem Haus gejagt hätte. Sie hatte sich zurückgehalten, solange Luis’ Vater noch am Leben war. Doch dann verlor Luis auch ihn, vor vier Jahren.

Der Vater hieß Antonio und war Seemann. Sein Schiff war mit einer Ladung Zuckerrohr nach Sizilien aufgebrochen und dort nie angekommen. Über ein Jahr lang hatten Juana und Luis auf ein Lebenszeichen von Antonio gewartet. Vergeblich. Der kleine Luis war jeden Tag zum Hafen von Cádiz gegangen, hatte dort stundenlang ausgeharrt und die Matrosen der einlaufenden Schiffe nach seinem Vater gefragt. Vergeblich. Auch wenn Antonio nicht oft zu Hause war, hatte Luis ihn doch über alles geliebt. Seitdem er denken konnte, wollte er Seemann werden, genau wie sein Vater, die Weltmeere befahren und all die wunderbaren Länder kennenlernen, von denen Antonio so oft erzählt hatte. Fast jede Nacht träumte er von ihm. Die Erinnerung und die Träume waren das Einzige, das ihm von seinem Vater geblieben war. Und ein Kruzifix, ein kleiner silberner Anhänger, den Antonio ihm einst aus Venedig mitgebracht hatte. Auf seiner Rückseite waren die Worte »Meinem lieben Sohn Luis« eingraviert. Luis hütete dieses Kruzifix wie seinen Augapfel und trug es immer bei sich.

Ein gutes Jahr nach dem Tod seines Vaters hatte Juana den dicken Rodrigo kennengelernt. Sie hatten ihre Heimatstadt Cádiz verlassen und waren nach Palos gezogen, wo Rodrigo eine Hafenkneipe führte. Am Anfang hatte Rodrigo ihn wenigstens nur beschimpft. Doch bald schon hatte er immer wieder die Hand gegen Luis erhoben, ihn mit schwerer Arbeit überschüttet und ihm das Leben zur Hölle gemacht. Damit sollte nun für immer Schluss sein.

Luis sog die frische Seeluft tief in seine Lungen. »Nie wieder zurück!«, murmelte er noch einmal. Doch wer würde einen Waisenjungen wie ihn aufnehmen? Er ließ seinen Blick über die Schiffe schweifen, die im Hafenbecken an der Kaimauer lagen. Ihm fiel eine dickbauchige Karacke auf. Etliche Matrosen und Hafenarbeiter beluden das Schiff, genau wie die beiden kleineren Karavellen, die neben ihr lagen. Plötzlich hatte Luis eine Idee. Ja, so müsste es gehen. Er ging die paar Schritte zu der Karacke und sprach einen Arbeiter an, der eben eine Pause machte und sich einen kräftigen Schluck aus einem Lederbeutel gönnte.

»Entschuldige bitte. Weißt du, wohin dieses Schiff fährt?«

Der Mann prustete und lachte laut auf. »Mensch, Bursche!«, rief er. »Du scheinst nicht von hier zu sein, was? Das Schiff hier und die beiden anderen wollen nach Indien. Oder China. Oder nach Zipangu. Auf jeden Fall nach Asien. Hast du etwa noch nichts von dem Unternehmen gehört? Ganz Palos spricht doch seit Monaten davon!«

»Doch, doch. Natürlich!« Luis nickte. Die Gäste in der Kneipe und auch Juana und Rodrigo hatten ja dauernd davon gesprochen. Von diesem wahnsinnigen Plan. Von diesem verrückten Mann aus Genua. Wie hieß er noch?

»Das ist die Santa Maria«, sagte der Arbeiter. »Die beiden kleineren Schiffe heißen Niña und Pinta. Der Grauhaarige da neben dem Großmast, der mit der Hakennase, das ist der Admiral. Der tollkühne Genuese.«

»Christoph Kolumbus?«, fragte Luis. Ihm war der Name wieder eingefallen.

»Ja, so heißt er.«

»Wann laufen die Schiffe aus?«

»Morgen früh, gleich bei Sonnenaufgang.«

»Danke, du hast mir sehr geholfen«, sagte Luis und ließ den Hafenarbeiter stehen.

Juana und Rodrigo würden nicht nach ihm suchen, da war Luis sich sicher. Sie würden denken, dass er schon irgendwann nach Hause käme. Doch da sollten sie sich gewaltig täuschen!

Nach Asien fuhr das Schiff! Und das nicht über Land, wie Marco Polo es einst getan hatte. Oder um Afrika herum, wie die Portugiesen es versuchten. Nein, auf dem Westweg wollte dieser Kolumbus reisen. Über den großen Atlantischen Ozean. Das hatte noch kein Mensch vor ihm gewagt.

Luis trieb sich den ganzen Tag im Hafen herum, ungeduldig und voller Aufregung. Es war der 2.August im Jahre des Herrn 1492.Endlich, am frühen Abend, war es so weit. Die Männer hatten die Schiffe fast vollständig beladen. Die Besatzungen waren zur Kirche aufgebrochen, um dort für eine glückliche Fahrt zu beten.

Jetzt war die Gelegenheit günstig. An der Anlegestelle der Santa Maria war es ruhig geworden. Irgendwie musste es Luis gelingen, auf das Schiff zu kommen. Nur ein Mann war an Bord geblieben: ein finsterer Geselle. Er trug eine rote Wollmütze wie die meisten Matrosen, hatte einen dunklen Vollbart, der nahezu sein ganzes Gesicht bedeckte, und eine schwarze Augenklappe. Er sah aus wie ein Piratenkapitän, der durch die Weltmeere fährt und friedliche Handelsschiffe kapert. Der Mann war damit beschäftigt, die herangebrachten Kisten auf einer Liste abzuhaken. Luis sah, dass es drei Jungen waren, etwas älter als er, die noch einige Kisten an Bord brachten und unter Deck verstauten. Sie holten sie von einem Wagen direkt vor dem Schiff.