Der Schlüssel - Hans W. Schumacher - E-Book

Der Schlüssel E-Book

Hans W. Schumacher

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Beschreibung

In einem vom Staat und der katholischen Kirche gemeinsam geführten Künstlerhaus wird während eines Besuchs der Privatdetektive Henri Dupont und Bernard Grandville der Kunstkritiker und Romancier Hervé Ravy ermordet. Die Stipendiaten - Maler, Bildhauer, Konzeptkünstler, Romanciers, Lyrikerinnen und Teppichweberinnen – hätten alle Grund gehabt, sich an Ravy zu rächen, denn aus seinem zufällig aufgetauchten Tagebuch ergibt sich, daß er ein besonders aktiver homme à femmes war und alle anwesenden Frauen, ob verheiratet oder ledig, verführte. Am nächsten Morgen wird der Konzeptkünstler zerschmettert am Fuß der Felsen gefunden, auf dem die kleine Stadt St.-Sylvain-sur-mer liegt. Mord oder Selbstmord? Der Schlüssel, den der Konzeptkünstler zu seiner Installation Der Weg zur Wahrheit brauchte, war der Kellerschlüssel Ravys. Welche Rolle spielte er in dem Verbrechen und was hat der Tod des Domherrn Lacroze mit dem zweiten Fall zu tun? Aus der Klosterbibliothek sind zwei mittelalterliche Handschriften von hohem Wert verschwunden. Ins Visier der Detektei Dupont und Co., die vom Domkapitel beauftragt wird, den Verbleib der Handschriften aufzuklären, gerät auch der Kunsthändler und Schloßbesitzer Vernet, Mäzen der Stadt, der jedoch kurze Zeit später in seinem eigenen Bett erstochen wird, übrigens mit der gleichen Waffe, die auch Ravy ins Jenseits beförderte. Die Polizei beschuldigt das enfant terrible unter den Künstlern, den Maler Gélin, der noch einen interessanten Nebenjob hat, dieser Mordtaten, aber Bernard, der von den Leitern der Stiftung als Stipendiat in das Künstlerhaus eingeschleust wird, gelingt es zusammen mit seinem Compagnon Dupont den wahren Täter zu entlarven.

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Seitenzahl: 474

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Hans W. Schumacher

Der Schlüssel

Kriminalroman Reihe Dupont 3

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Schlüssel - Teil 1

Der Schlüssel - Teil 2

Der Schlüssel - Teil 3

Der Schlüssel - Teil 4

Impressum neobooks

Der Schlüssel - Teil 1

Von der Promenade tönte gedämpft Kirmeslärm herüber, Karussellmusik und Sirenengeheul, Pfeifen, Klingeln und der freudig ensetzte Aufschrei von Achterbahnfahrern. Der Privatdetektiv Henri Dupont saß mit seinem Freund Bernard Grandville an einem Tischchen des Cafés Voltaire und ließ die Augen über den Platz schweifen. Unter den mit Girlanden bunter elektrischer Birnchen geschmückten Platanen waren Boule-Partien im Gang. Die Spieler versorgten sich an der Bar des gegenüberliegenden Bistros mit Getränken, die sie für geeignet hielten, die Zielsicherheit zu steigern, und gesellten sich den Kameraden zu, die die Eisenkugeln in der Hand wogen, ehe sie sie im großen Bogen durch die Luft warfen. Spaziergänger hielten einen Augenblick inne, um einen Blick auf das Spiel zu werfen, bevor sie sich dem träge dahingleitenden Menschenstrom wieder anschlossen. Im Turm der Kathedrale St. Sylvain schlug eine Glocke an. Bernard sah auf seine Uhr, es war schon halb elf. Er hob den Blick in das Blätterdach über sich, unmerklich war es dunkel geworden und zwischen den Zweigen blinkten Sterne.

„Die Lüge ist nicht schlecht, sie wird nur verleumdet“, sagte eine männliche Stimme hinter ihm. Überrascht wandte sich Bernard um. An zusammengeschobenen Tischchen neben ihnen saß eine Gesellschaft von einem Dutzend Männern und Frauen, die sich munter unterhielten.

„Nun hör mal, Hervé“, entgegnete ein Riese mit italienischem Akzent, „Algarotti sagt ´Die Lügner sind in allen Religionen die größten Sünder´.“

„Aber das ist es ja“, fuhr der Sprecher fort, „die Priester sind daran interessiert, den Menschen in Abhängigkeit zu halten, deswegen müssen sie jeden Befreiungsversuch unter Strafe stellen.“

„Du glaubst also, die Lüge macht frei“, sagte eine zierliche, brünette Frau Mitte dreißig, die heftig an ihrer Zigarette zog. Beim Sprechen entwich der Rauch stoßweise ihrem rotgeschminkten Mund.

„Natürlich. Wie könnten wir ohne sie auskommen? Wenn wir immer nur die Wahrheit sagen würden, lebten wir im Glashaus. Wir könnten uns nicht mehr ungeniert bewegen, da uns jeder kontrollieren und maßregeln kann.“

„Die nackte Wahrheit braucht das Feigenblatt der Lüge. Und die Lüge, das ist die Kunst!“ bekräftigte ein junger Mann mit langen im Nacken verknoteten Haaren. Bernard hielt ihn für einen Kunstmaler. Sein schwarzes T-Shirt hatte Flecken und hinter einem Ohr war ein Streifen roter Ölfarbe.

„Das ließe sich darstellen. Einem nackten Engel wird vom Teufel ein Feigenblatt verpaßt.“ Er zog sein Mädchen an sich: „Der Engel ist Janine, der Teufel wird ein Selbstporträt.“

„Der Gottseibeiuns als Kulturheros, das wäre doch einmal etwas Neues. Die Kultur als Lüge, die guten Sitten, die zehn Gebote nicht von Jehovah, sondern von Satan!“ spottete ein älterer Mann, der im Gegensatz zu den Tischgenossen in Anzug und Krawatte dasaß, trotz der im geschlossenen Rechteck des Platzes noch immer nicht nachlassenden Hitze.

„Louis, du hast die Pointe nicht verstanden“, rief Hervé über den Tisch hinüber, „die Kultur ist nichts weiter als ein Deckmantel, den man braucht, um sich dem Laster unbeobachtet hingeben zu können. Denn die Aufpasser wird man nie los.“

„Paradoxien, Paradoxien!“ schimpfte ein Mann mit grauem Backenbart, der einer Zeichnung Daumiers entstammen konnte, „kann denn hier nicht ein einziges Mal ernst von etwas Ernstem gesprochen werden?“ Bernard sah überrascht zu ihm hin, das war doch der Schriftsteller Murat, den er einmal auf einem Kongreß gesehen hatte. Wie kam der hierher?

Murats Einwurf blieb unbeachtet.

„Gott war nur neidisch auf Adam“, meinte das Mädchen und drückte ihre Zigarette aus, „er hatte keine Frau und kannte kein Vergnügen, deswegen sollten es seine Geschöpfe auch nicht haben.“

„Verleumdung“, protestierte Louis und entledigte sich seiner Jacke, „Gott meinte es gut mit ihnen, schließlich hat er Adam Eva aus der Rippe geschnitten.“

„Um beide aus dem Paradies zu vertreiben, nachdem sie es gerade erst entdeckt hatten“, wandte die junge Frau ein. Hervé sah erfreut, daß seine These Zustimmung erfuhr.

Bernard stieß Henri Dupont an. Der nickte, ihn amüsierte das Wortgefecht gleichfalls.

„Darf man sich an Ihrer Debatte beteiligen“, fragte Bernard, „oder ist sie privat?“

„Jeder Beitrag, der mich unterstützt, ist willkommen“, rief Hervé unter stummem Protest seines Widersachers und schob seinen Stuhl beiseite. Murat sah stirnrunzelnd zu, wie den Neuankömmlingen Platz geschafft wurde.

„Entschuldigen Sie, daß ich systematisiere“, begann Bernard, „wenn die Lüge, wie Sie sagen, nicht immer schlecht ist, dann kann auch die Wahrheit nicht immer gut sein.“

„Richtig“, konzedierte Hervé.

„Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen, die beides bestätigt. Ich hatte einen Bruder, der einige Jahre älter war als ich. Wie alle Kinder vergriffen wir uns an Schätzen anderer, wenn die eigenen Vorräte erschöpft waren. Mein Bruder entdeckte nach Neujahr ein geheimes Pralinendepot, das unser Vater angelegt hatte, und plünderte es. Als ich auch zugreifen wollte, meinte er: ´Laß das, wenn du noch nimmst, fällt es auf.’ Also zügelte ich meinen Appetit.

Papa merkte es trotzdem und zitierte uns vor sich. Mit dem bewährten Verfahren: ´Sieh mir in die Augen!´ unterzog er uns dem Verhör. ´Hast du die Pralinen gestohlen?´ fragte er meinen Bruder. Der sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken, und erklärte kurz und fest: ´Nein´ Unserem Erzeuger genügte das, er wandte sich an mich und befahl: ´Schau mir in die Augen!´ Und obwohl ich unschuldig war, flatterten meine Pupillen hin und her, mir wurde heiß, ich wurde rot bis in den Kragen. Ich sagte: ´Ich war's nicht´ Doch ich hatte den Test nicht bestanden. Mein Bruder lachte sich tot, als ich übers Knie gelegt wurde.“

Louis, der inzwischen auch seinen Schlips gelockert hatte, protestierte: „Das ist doch kein Beweis. Ihre Geschichte zeigt nur den vorübergehenden Nutzen der Lüge. Den leugnet ja auch niemand. Bei einer näheren Untersuchung aber wäre die Wahrheit herausgekommen und Ihrem Bruder wäre das hämische Lachen vergangen.“ Murat nickte ernst und sah Bernard mit einem strafenden Blick an.

Bernard wurde rot: „Ich wollte nicht den advocatus diaboli spielen. Meine Absicht war zu demonstrieren: Ein Kind fühlt sich vor den Blicken des Erwachsenen nackt, es kann nichts verbergen, obwohl es stets viel zu verbergen hat. Erst wenn es undurchsichtig wird, den Vorhang der Lüge über sich zieht, wird es innerlich frei und unabhängig, wird ein Individuum.“

„Aber als Sünder!“ meinte Louis vorwurfsvoll, „und irgendwann erhält es dafür die Strafe.“ Murat, der Louis offenbar in allem zustimmte, unterstützte ihn: „In der Tat, denn ohne Strafe gibt es keine Gerechtigkeit.“

„Ja, das ist der Preis, den das Ich zu zahlen hat“, gab Bernard zu, „deswegen fühlt es sich auch immer schuldig.“

Hervé sah nun, was er mit seiner Einladung an Bernard angerichtet hatte, und rief: „Sie sind mir in den Rücken gefallen. Was wird jetzt aus meiner schönen These?“

„Ich habe sie nicht zerstört, ich habe sie nur relativiert“, wandte Bernard ein und sah sich hilfesuchend um. Seinem Freund Henri aber war die ganze Debatte zu abstrakt, deswegen hielt er den Mund und mischte sich nicht ein.

„Wir sollten den Curé um Schlichtung bitten“, sagte Louis, Murat nickte, stand auf und sprach den Pfarrer von St. Sylvain an, der gerade vorüberging: „Hochwürden, haben Sie einen Augenblick Zeit, eine moralische Streitfrage zu klären?“

Der Geistliche nickte ernst, nahm auf dem angebotenen Stuhl Platz und lehnte ein Glas Wein nicht ab, das der Wirt herbeibrachte.

„Worum geht es?“ fragte er nach einem langsam genommenen Schluck. Henri, der ihn beobachtete, hatte das Gefühl, daß er sich auf etwas gefaßt machte.

„Um Wahrheit und Lüge“, antwortete Louis, „die These Herrn Ravys ist: ´Die Wahrheit ist nicht immer gut und die Lüge ist nicht immer schlecht.´“

„Für wen?“ fragte der Geistliche.

„Oh“, sagte Murat, „die Frage haben wir uns nicht gestellt. Ich denke für den, der die Wahrheit sagt oder nicht sagt.“

„Und was ist mit dem, über den etwas gesagt wird? Schadet oder hilft die Aussage ihm? Das achte Gebot lautet: ´Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.´ Ich glaube, das ist der wichtigere Gesichtspunkt, nicht der, ob mir persönlich die Lüge angenehmer ist als die Wahrheit.“

„Aber muß man denn nicht immer die Wahrheit sagen?“ warf Janine ein, die sich inzwischen aus den Armen des Malers befreit hatte.

„Das hängt davon ab, ob die Wahrheit für den, dem sie gesagt wird, gut oder schlecht ist“, meinte der Gottesmann. Janine war erstaunt: „Also darf man doch lügen?“

„Nein, aber man muß nicht unbedingt und immer die Wahrheit sagen oder das, was man dafür hält. Denken Sie an einen Arzt, der eine tödliche Krankheit bei seinem Patienten konstatiert. Soll er ihn damit konfrontieren oder nicht? Wenn er die Wahrheit sagt, treibt er ihn vielleicht in die Hoffnungslosigkeit und zerstört so die Abwehrkräfte, die sein Körper eventuell noch besitzt. Und ist eine Diagnose jemals völlig zweifelsfrei? Kein Mensch hat die Wahrheit gepachtet. Gott allein besitzt die Wahrheit.“

Hervé lachte: „Mein lieber Curé, Sie bewegen sich bereits auf abschüssigem Gelände, wie ich zu meinem Vergnügen feststelle. Am Ende werden Sie noch wie die Jesuiten die fromme Lüge verteidigen.“ Der Pfarrherr von St. Sylvain schüttelte lächelnd den Kopf.

„Darf ich etwas einwerfen?“ fragte Grandville und als man ihn erwartungsvoll ansah, fuhr er fort: „In der Diskussion wurde nur die Alternative Wahrheit-Lüge berührt, aber was ist mit dem Irrtum? Mancher verfehlt die Wahrheit, aber er lügt nicht, sondern er irrt sich nur. Einer, der sich irrt, ist nicht schuldig, schuldig ist nur der, der bewußt die Wahrheit verdreht.“

„Aber manchmal liegen Irrtum und Lüge ziemlich nahe beieinander“, rief Hervé, „die Kirche hat Galilei verurteilt, weil er die Weltsicht des Kopernikus verteidigte. Erst 400 Jahre später hat sich der Heilige Stuhl bereit gefunden, das Urteil aufzuheben. War das Festhalten an der alten Kosmologie nun Irrtum oder log man bewußt, um die Gläubigen bei der Stange zu halten?“

„Ein weites Feld...“, seufzte der Pfarrer, offenbar gefiel ihm die Wendung des Gesprächs nicht, er sah auf die Uhr und zog sein schwarzes Habit hoch, um aufzustehen: „Nur noch eins: Jedem Menschen sagt sein Gewissen, was Wahrheit ist, sonst wäre die Beichte sinnlos. Und jeden treibt es zur Beichte seiner Schuld, weil er mit ihr nicht leben kann.“ Er schob den Stuhl zurück: „Ich muß mich für die Mitternachtsmesse vorbereiten. Kommt jemand mit?“ Die junge Frau neben dem Italiener stand auf.

„Aber du kannst doch in dem Kleid nicht in die Kirche gehen“, mahnte der Hüne, der offenbar das Recht hatte, ihr Vorhaltungen zu machen. Der Geistliche musterte ihr nur aus einem roten Büstenhalter und einem Minirock bestehendes Kostüm und lächelte.

„Ich zieh mich zu Haus um, was denkst denn du?“ protestierte sie und schloß sich dem Pfarrer an, dessen Aufforderung inzwischen auch der Schriftsteller und der Louis genannte gefolgt waren.

„Sie bleiben hier?“ fragte der Pfarrherr von St. Sylvain die übrigen in der Runde mit leisem Vorwurf.

Der Italiener erklärte:„Wir haben andere Pflichten, wir müssen um Mitternacht auf ein Geburtstagskind anstoßen.“ Er zog eine riesige Flasche Champagner, die in einem mit Eissstücken gefüllten Eimer steckte, unter dem Tisch hervor, ein ehrfürchtiges „Ah“ ertönte, und die Flasche wurde wieder unter den Tisch befördert. Der Priester lachte und die Partei der Geistlichkeit schlug mit ihm den Weg zur nahen Kirche ein, während die Glocke von St. Sylvain langsam elf schlug.

„Noch eine Stunde“, stellte der Maler mit dem buntbefleckten Hemd fest und verschwand im Innern des Cafés. Ungesehen folgte ihm Bernard, weil auch er ein dringendes Bedürfnis verspürte, sah ihn eine Treppe hinaufsteigen und die Toilettentür öffnen. Bernard blieb unten stehen und schaute zum Fenster hinaus. Ein unregelmäßig geformter Hof lag im Dunkeln vor ihm. Links erhob sich ein größeres Gebäude, offenbar die Rückseite des Bischofspalais'. Zwei übereinander gelegene Fenster sahen in den Hof hinunter, wahrscheinlich gehörten sie zum Treppenhaus des Palais'. Zwischen ihm und dem Café lag ein eingeschossiges Gebäude. Plötzlich sah Bernard eine dunkle Gestalt über sein flaches Dach huschen, es war der Maler, er war aus dem Toilettenfenster gestiegen. Drüben angekommen, stieß er das Fenster des Treppenhauses auf, sprang hinein und schloß es hinter sich. Bernard stieg hinauf, sah, daß das Schildchen auf „frei“ stand, trat ein, verrichtete sein Geschäft und verließ das Gelaß kopfschüttelnd. An den Tisch zurückgekehrt, teilte er flüsternd Henri seine Beobachtung mit.

„Seltsam“, raunte der zurück, „überhaupt, wer mögen diese Leute sein? Sie scheinen zusammenzugehören.“

Bernard sah eine Möglichkeit, der Beantwortung dieser Frage näherzukommen, denn an einem Ende der Place de la Liberté hatte sich im Musikpavillon eine Band niedergelassen und begann einen Foxtrott zu spielen. Bernard wandte sich an seine Nachbarin Janine und forderte sie zum Tanz auf. Das junge Mädchen willigte ein, sie wanderten zur Tanzfläche hinüber, zwängten sich zwischen die Teilnehmer und wiegten sich im Gedränge hin und her, Gelegenheit für Bernard, sich nach der Festgesellschaft zu erkundigen.

„Das sind die Stipendiaten des Künstlerhauses des Départements“, erklärte sie ihm.

„Ach, jetzt verstehe ich, da war einer mit einem Hemd voll Farbflecken.“

„Das ist der Maler Mario Gélin, ein Früchtchen, sage ich Ihnen“, rief sie hingerissen in die laute Musik hinein, „er steckt voller Einfälle, mit ihm hat man immer was zu lachen.“

Bernard dachte, daß der Gang übers Dach wohl zu Marios Geistesblitzen gehörte, und examinierte weiter:

„Und Sie, Sie malen auch?“

„Gelegentlich“, sie lachte, „Mario versucht es mir beizubringen und manchmal lobt er mich für meine Farben. Aber die Perspektive! Ich krieg's nicht mit der Perspektive hin.“

„Also Sie sind keine Stipendiatin?“

„Aber nein, ich bin Aktmodell.“

Bernard sah in ihren großzügigen Ausschnitt hinunter und nickte anerkennend: „Das würde ich auch malen.“

„Ich sitze Ihnen gern“, erklärte sie ungeniert, „die Stunde 75 Francs. O.K.?“

„Sie haben mich mißverstanden“, erläuterte Bernard, „ich würde Sie gern malen, aber ich kann nicht malen.“

„Ach so“, sie dachte nach und kicherte.

„Den Mann mit dem Backenbart glaube ich zu kennen. Ist das nicht der Schriftsteller Murat? Wohnt der auch in der Stiftung?“

„Ja. Aber ich kenne ihn kaum."

„Und der große blonde Mann neben dem, den sie Hervé nennen?“

„Das ist ein italienischer Bildhauer, Paolo Santoni, und die in dem Strandkostüm ist seine Frau Anna.“

„Ausländer bekommen auch Stipendien?“ fragte Bernard erstaunt.

„Ja, diesmal wurde er sogar vom Erzbischof persönlich ausgewählt. Er hat einen speziellen Auftrag: Er soll für eine Seitenkapelle der Kirche eine neue Madonnenstatue schaffen.“

„Aber ich dachte, Sie hätten gesagt, es handele sich um ein Künstlerhaus des Départements. Das wäre staatlich.“

„Sie haben recht“, gab sie zu, „aber dieses hat eine Besonderheit. Die Diözese hatte kein Geld, den alten Bischofspalast zu restaurieren und schenkte ihn vor ein paar Jahren dem Staat. Der Präfekt ließ ihn wiederherstellen und richtete darin das Künstlerhaus ein. Für die Schenkung behielt sich das Bistum vor, jedes Jahr zwei der Künstler selbst auszuwählen.“

„Und wer ist der andere außer Santoni?“

„Louis Morand, ein Schriftsteller.“

Bernard erinnerte sich dunkel, einmal von ihm gelesen zu haben, wußte aber nicht mehr in welchem Zusammenhang.

„Wohl reichlich katholisch, was?“

„Ja, er ist recht salbungsvoll. Deswegen streitet er sich auch immer mit Hervé, das ist ein ziemlicher Spötter. Hervé verträgt sich aber gut mit Mario.“

„Kann ich mir denken. Und wer ist Hervé?“

„Sein Nachname ist Ravy. Er schreibt Romane, Essays und Kunstkritiken, soviel ich weiß.“

„Ravy? Von dem kenne ich einiges“, sagte Bernard, „er hat auch einen Kriminalroman geschrieben. Er hatte einen merkwürdigen Titel. Wie war er nur?“

„Meinen Sie 'Die gräßliche Bescherung in der Rue Picpus'? Den hat er mir geschenkt. Er liegt auf meinem Nachttisch.“

„Ja, den kenne ich. Haben Sie ihn schon aus?“

„Nein, ich bin mittendrin.“

„Na, dann werde ich Sie erpressen. Wenn Sie nicht mit mir essen gehen, sage ich Ihnen, wer der Mörder ist.“

„Nein, nur das nicht“, schrie sie und krallte sich schmerzhaft in seinen Oberarm, „ich tu ja alles, was Sie wollen.“

Sie hängte sich bei ihm ein, er schob sich mit ihr durch die tanzende Menge und entführte sie zum Bistro Rousseau, das dem Café Voltaire gegenüberlag. Bernard wollte die Unterhaltung ungestört fortsetzen. Die Künstlergesellschaft begann ihn zu interessieren. Während sie aufs Essen warteten, fuhr er fort: „Und wer ist die junge Frau, die soviel raucht?“

„Das ist Simone Poncet, eine bekannte Lyrikerin. Sie kann sich vor Anerkennungen kaum retten. Aber wenn Sie mich fragen, ich verstehe ihre Gedichte nicht. Sie hat mir zwei Bändchen geschenkt, aber wenn ich sie lese, denke ich, ich träume.“

„Vielleicht ist es das, was sie mit ihren Gedichten erreichen will“, schlug er zur Erklärung vor, „manchmal ist uns der Traum mehr vonnöten als die Wirklichkeit.“

„Träume?“ sie überlegte, „schon, aber nicht diese.“

„Wie sind sie denn?“

„Wild, grausam und begehrlich.“

„Sollte man nicht vermuten bei so einer niedlichen Person“, sinnierte Bernard.

„Ihr hübsches Äußeres sagt garnichts“, meinte Janine, die nicht so beschränkt war, wie Bernard zuerst vermutet hatte; heutzutage konnte man Charakter und Bildung eines Menschen nicht mehr an seinem Beruf abschätzen, „haben Sie ihre Augen gesehen? Traurig, bitter und rebellisch.“ Sie schien Vorliebe für Dreierkombinationen von Adjektiven zu haben.

„Was ist das?“, Bernard schreckte auf, „nun scheinen Sie aber Sympathie für Frau Poncet zu entwickeln.“

„Das liegt an Ihnen“, gestand sie, „erst nachdem Sie mich gefragt haben, habe ich sie begriffen.“

Der Geburtshelfer ahnte, wie das zuging, ließ das Thema aber fallen und bohrte weiter: „Und der andere kraushaarige junge Mann am Tischende, der so beharrlich trank und vor sich hinschwieg?“

„Sie meinen Marcel Barthez? Eigentlich ist er Maler, aber heute malt man ja nicht mehr, er macht Collagen, baut aus Abfall Dinge zusammen und erfindet dafür absurde Titel wie 'Surreale Fliegen' oder 'Erotische Pilgerschaft'...“

„So absurd finde ich den letzten nicht“, wandte Bernard ein, der sich fragte, ob man Janine nicht zu einer solchen überreden könnte, aber erst wollte er mit seiner Recherche zuende kommen: „Und da war noch eine junge Frau, braungebrannt, in Ihrem Alter...“

„Das ist Frau Barthez, Michèle. Also genau genommen, weiß ich nicht, ob sie überhaupt verheiratet ist, aber sie läßt sich Barthez nennen, vielleicht halten sie das für seriöser, wenn man in so einer Institution untergebracht ist“, klatschte sie.

„Ist sie auch Künstlerin?“

„Ja, sie webt Wandteppiche.“

„Sind das alle, die im Palais wohnen?“

Sie dachte nach: „Von den Stipendiaten sind das alle. Da ist nur noch der Hausmeister Valentin mit seiner Frau, die passen auf und sorgen für die Reinigung und Instandhaltung.“

„Sie wohnen nicht da?“

„Nein, ich bin aus der Stadt.“

„In St. Sylvain residieren doch seit langem viele Künstler“, meinte Bernard, „soviel ich weiß, wurde die Stadt von den Fauves entdeckt: Dérain, Vlaminck, Matisse...“

„Ja, und van Dongen, Dufy und Marquet“, fiel eine Stimme hinter ihm ein. Bernard drehte sich nach dem Sprecher um und sah einen älteren Mann mit graumeliertem Bart, einem kurzärmeligen grünen Hemd, verschlissenen Jeans und Sandalen an den nackten Füßen.

„Salve, Janine, kleine Venus“, sagte der Kenner der Kunstszene, „wenn hast du da angeschleppt?“

Er küßte ihr galant die Hand und setzte sich ohne weiteres an ihren Tisch: „Mit Ihrer Erlaubnis“, konstatierte er nachträglich, Janines Hand streichelnd, „ein alter Maler hat Privilegien, die junge Leute erst langsam erwerben.“ Janine lachte amüsiert.

„Ich weiß noch nicht einmal, wie er heißt“, bekannte sie.

„Bernard Grandville“, der Angesprochene erhob sich ein wenig vom Sitz, um der Ungezwungenheit des Älteren mit einem gewissen Maß guter Sitten zu begegnen.

„Doch nicht etwa der Bernard Grandville von Antibes,“ fragte der Maler, „der im Winter diese Universitätsaffäre durchzustehen hatte?“1

„Derselbe“, seufzte der Erkannte.

„Hab davon in der Zeitung gelesen“, der Alte musterte den Jüngeren mitleidig und ohne weiteren Kommentar, „Sie fragten, wo die Künstler sind.“ Er machte eine weite Armbewegung über den Platz: „Von hier aus erkenne ich schon ein Dutzend, abgesehen von den Stipendiaten, die immer im Café Voltaire zusammenglucken.“

Bernards Blick, der das Schild „Café Rousseau“ über sich betrachtet hatte, fragte: „Sind die Namen Programm?“

„Nein“, antwortete der Maler, „der Besitzer dieses Etablissements heißt wirklich Rousseau, da wollte der andere die Konkurrenz herausstreichen.“

Der Wirt kam mit zwei Tellern in der Hand heran und setzte sie vorsichtig auf den Tisch.

„Riecht gut“, sagte der Maler schnüffelnd.

„Das ist Lammragout à la Provençale, Michel“, sagte Rousseau, „soll ich dir auch was bringen?“

„Nein, ich habe schon gegessen, bring mir ein Bier vom Faß.“ Der Graubärtige schob seinen Stuhl ein wenig herum, legte das linke Bein über das rechte und lehnte sich in Betrachtung des belebten Platzes zurück.

„Sie interessieren sich für Kunst?“ fragte er halb zu Bernards Seite hinüber gewendet.

„Natürlich“, entgegnete Bernard, dem die Frage überflüssig vorkam.

„Oh“, der Maler wandte ihm das Gesicht zu, „so natürlich ist das nicht. Natürlich muß man sich für Matisse und Dérain begeistern und vielleicht noch für Rouault, aber für die Kunst von heute kann selbst ich mich nicht erwärmen und ich bin Künstler.“

„Aber Mario“, warf Janine ein, „den magst du doch.“

„Ja, Gélin ist eine Ausnahme, der malt noch, ohne sich um das neumodische Kunstgeschwätz und die Diktatur der Galerien zu kümmern, aber deswegen nagt er auch meist am Hungertuch.“

„Ja, Mario lebt nur, um zu malen, und nichts sonst“, schwärmte Janine. Bernard war nun klar, daß sie in den Mann verliebt war, der wie ein Kater über Dächer streunte.

„Na, er hat ja auch Glück, daß er das Stipendium bekommen hat. Aber sehen Sie da drüben die Galerie Vernet“, sagte Michel und wies mit der Hand auf ein Gebäude mit großen Glasfenstern links neben dem Café Voltaire. Bernard hatte sich die Ausstellung schon am Morgen angesehen und nickte.

„Vernet handelt mit allem, was sich verkaufen läßt, nicht nur mit Kunst, auch mit Schmuck, alten Büchern und Antiquitäten. Praktisch diktiert er die Preise für die armen Teufel unter den Künstlern der Stadt. Wer hier existieren will, ohne eigene Geldquellen zu haben, ist sein Sklave. Vernet scheffelt Geld auf ihre Kosten. Und dann geriert er sich auch noch als Mäzen, als Wohltäter, als das soziale Gewissen einer kunstliebenden Stadt.“

„Na ja“, wehrte Bernard ab, „es ist nicht ohne Risiko, Werke von Leuten aufzukaufen, die noch keinen Marktwert haben.“

„Jetzt reden Sie schon wie diese modernen Ökonomen“, giftete der Maler, „Kunst und Geld sind wie Feuer und Wasser. Wer auf den Mammon schielt, hat die Kunst schon verraten. Mir kommt es immer schwer an, ein Bild zu verkaufen, es ist so, als würde ich mich prostituieren.“

„Aber Michel“, wandte Janine ein, „auch ein Künstler lebt doch nicht allein von Luft und Liebe. Er muß etwas zum Beißen haben.“

„Leider!“ gab der Alte zu, „übrigens, ißt du nicht auf? Das sieht so gut aus, ich würde gern mal probieren.“

„Ich dachte, du hast keinen Hunger“, sagte Janine und schob ihm den Teller hinüber. Der Maler machte sich mit gutem Appetit darüber her, langte ein Baguette aus dem Brotkorb, brach es entzwei, stopfte dicke Brocken zwischen die bartumwallten Zähne und spülte Bier hinterher.

Janine bemerkte, wie sich die Gläubigen durch das mit Kirchenfahnen und Blumen geschmückte Portal von St. Sylvain zur Messe begaben, und schreckte auf: „Du, Michel, ich muß rüber, auf Herrn Ravy anstoßen. Der hat gleich Geburtstag.“ Die Turmuhr unterstrich ihre Worte. Bernard rief die Bedienung herbei, um für alle zu zahlen.

„Na, dann komme ich mit“, sagte der alte Maler, wischte mit einem Brotstück die Sauce auf und trank sein Glas leer, aber Janine protestierte: „Hör mal, Michel, das ist eine geschlossene Gesellschaft. Du kannst dich doch nicht selbst einladen.“

„Na, gut“, antwortete er resigniert, „ich sehe, ich bin unerwünscht bei den besseren Leuten. Dann gehe ich halt woanders schnorren.“

„Eine Rede, eine Rede!“ forderte Michèle Barthez den Geehrten auf, nachdem alle Anwesenden, zu denen, wie Bernard bemerkte, nun auch wieder Murat, Mario Gélin, Anna Santoni in hochgeschlossenem dunkelblauem Kleid und Louis Morand gehörten, zum wiederholten Mal auf Hervés Gesundheit angestoßen hatten. Der Eimer mit der Champagnerflache stand auf dem mittleren Tischchen, aber Henri hatte den Eindruck, daß sie trotz ihres Umfangs für ein zweites Glas nicht ausreichen würde.

Der Dichter stand auf, sah einen Augenblick in den Nachthimmel, als müsse er seinen Einsatz noch überlegen, gab sich einen Ruck und begann:

„Liebe Freunde! Der Mann von fünfzig ist das bedauernswerteste Geschöpf auf dieser Erde, denn er ist der teuflischen Magie der Zahl ausgesetzt. Fünfzig, die Zahl erschlägt dich, ein halbes Jahrhundert! Ich habe alles erlebt, was mir zu erleben möglich war und gerade festgestellt, alles wiederholt sich, es ereignet sich nichts Neues. Du siehst dir bei jedem Lebensakt selbst zu und sagst dir: ´Dabei hast du früher das und das empfunden´ und die Erinnerung an dieses Gefühl muß dir das wirkliche ersetzen. Das ist natürlich eine der besten Bedingungen für einen Schriftsteller: Emotionslos schreiben, das geht auf jeden Fall leichter, als wenn man der Leidenschaft verfallen ist. Aber man füllt nur die Zeilen, es ist allein Mühsal, kein Vergnügen mehr. Ein dünner Aufguß auf ausgelaugte Teeblätter. Also fünfzig ist das non plus ultra. Hier geht´s nicht weiter, der Rest ist Schweigen.“ Er schüttetete den Rest seines Getränks auf die Erde: „Diese Libation spende ich Pluto und seinen Schatten.“

„Aber Hervé, sag nicht sowas! Du bringst mich ja zum Weinen!“, rief Simone mitleidig. Sie drängte die anderen beiseite, umarmte ihn und küßte ihn auf die Wange. Die übrigen schwiegen und starrten betreten vor sich hin. Bernard glaubte in Michèles Blick auf Simone ein rachsüchtiges Blitzen zu erkennen, aber vielleicht irrte er sich. Marcel, ihr Mann, wiederum sah sie finster von der Seite an und langte nach der Flasche, um sich ein zweites Glas einzuschenken.

Henri war beklommen zumute, er hatte das Gefühl, er müsse sein leeres Glas auf dem Boden zerschmettern. Mein Gott, ging es ihm durch den Kopf, Ravy hat recht, die Zeit ist nichts, wenn man ihr Ende vorwegnimmt. Wenn man glaubt, alles erschöpft zu haben, lohnt dann das Leben noch? Ohne Hoffnung auf das Unerwartete lebt man als sein eigenes Gespenst weiter. Würde ihm das auch passieren? Eine unbestimmte Furcht kroch in seine Glieder und auf einmal erschien ihm die bunte Szene grau und alle Gesichter waren Larven.

Da ertönte vom Tischende her die Stimme des Pfarrers von St. Sylvain: „Mein Sohn, ich gratuliere. Schöner hätte auch ich das memento mori nicht ausdrücken können.“

Man starrte erstaunt zu dem Sprecher hinüber, aber es war nicht der Geistliche, sondern Marcel Barthez, der seine Stimme imitiert hatte. Alles lachte befreit auf und auch Hervé gewann seine gute Laune wieder: „Marcel, du hast mich ertappt, eigentlich bin ich ein verkappter Prediger, nicht viel besser als unser Kirchgänger.“

Er sah zu Louis Morand hinüber, der eine strenge Miene aufsetzte, als könnte er diesen Angriff nicht als Scherz hinnehmen.

„Bring mich nur nicht noch mal zum Weinen“, sagte Marcel larmoyant mit der Stimme Simones, „sonst kitzele ich dich tot.“

Simone fand, das sei eine gute Idee und krabbelte mit den Fingern an den Rippen des Dichters entlang, der verzog indessen keine Miene und meinte:

„Du kannst lange suchen, bis du die Stelle findest, wo ich kitzlig bin.“ Das Mädchen bemühte sich anderswo, bis man Anna hörte:

„Mais pas devant les enfants!“

Frau Santoni, die sich erkannte, lachte lauthals auf und verschluckte sich am Champagner. Ihr Mann klopfte ihr mit seiner schwieligen Hand auf den Rücken, bis ihr Husten sich legte.

Murat drehte am Stiel seines Weinglases, sah geistesabwesend vor sich hin und schien an den Kindereien keinen Anteil zu nehmen.

Nachdem der Rest der Flasche verteilt worden war, verkündete das Geburtstagskind, es sei Zeit, nach Hause zu gehen, er müsse noch eine Geschichte durchlesen, die er am nächsten Morgen bei einer Lesung im Lyzeum von St. Sylvain vortragen wollte. Morand hatte noch einen Korrekturbogen zu kontrollieren, der dringend an den Verlag zurückgeschickt werden mußte, und Murat erklärte, er sei müde und müsse sich sofort hinlegen, sonst sei er morgen nicht zu gebrauchen.

Henri und Bernard wollten die Gelegenheit wahrnehmen, sich von den Künstlern zu verabschieden, aber Simone Poncet, Mario, Janine und die Santonis drangen in sie, sich mit ihnen noch ein Glas am Swimming Pool zu gönnen. Sie könnten, wenn sie wollten, auch ins Wasser hüpfen. Henri, der verschwitzt und leicht angesäuselt war, gefiel die Aussicht auf eine Erfrischung und überredete seinen Freund mitzukommen. Also wanderte man gemeinsam in der lauwarmen Nacht zwischen den dünner werdenden Strom der Kirmesbesucher zu einer schmalen, dunklen Gasse hinüber, die sich rechts hinter der Galerie Vernet öffnete und nach fünfzig Metern an einer schweren eisenbeschlagenen Flügeltür in einem schön skulptierten Rundbogen endete, über dem das Wappen des Bistums unter einer Heiligenstatue zu sehen war. Links davon war die Tür der Conciergerie und rechts der Eingang zur Wohnung Ravys. Dieser kam aber mit den anderen in den Hof, nachdem Paolo die Pforte aufgeschlossen hatte.

Henri und Bernard konnten sich eines bewundernden Aufschreis nicht enthalten. Im Licht von einem Dutzend Laternen und Wandleuchten sahen sie einen weiten Hof zwischen zwei Renaissancegebäuden mit je drei übereinanderliegenden Galerien, die durch zierliche Säulchen und Karyatiden im Wechsel gegliedert waren. Im Hintergrund schimmerte das Wasser des kleinen Schwimmbads unter vier Leuchten vor einer niedrigen Mauer, hinter der man die von fahlem Mondlicht beleuchtete Küstenlandschaft erblickte. Palmen, Oleander- und Lorbeerbäumchen umgaben das Becken. Weiter im Süden war ein unbestimmter Glanz zu erkennen, das mußte das Meer sein, in dem sich das Licht des Halbmonds brach.

An den rechten Flügel des Palais' schloß sich eine Kapelle an, deren Dach mit einem Glockentürmchen das des Flügels etwas überragte. Das Mondlicht glitzerte in den hohen Fenstern.

Vom Tor aus schlenderte die Gesellschaft nach rechts zum mittleren Teil des hufeisenförmigen Rechtecks, den das Gebäude bildete.

Ravys Wohnung war im Erdgeschoß des Mittelteils und durch eine kleine Treppe in der Mitte der Galerie zu erreichen. Man hielt an ihrem Fuß an und setzte die angefangene Plauderei fort. Ein Wort gab das andere, man fand kein Ende. Louis Morand riß sich als erster los, Murat schloß sich ihm an. Sie traten ins Treppenhaus des rechten Flügels. Henri sah ihnen nach, wie sie zum ersten Stock hinaufstiegen. Das Licht in Morands Wohnung ging an, man sah ihn an den Fenstern hin und hergehen. Dann leuchtete schwach eine Lampe im Zimmer ganz links auf, sie warf seinen verformten Schatten an die Decke. Der Dichter saß wohl hinter dem Schreibtisch. Auch in der darüberliegenden Wohnung des Mannes mit dem Backenbart ging das Licht an, aber nach ein paar Minuten verlosch es schon.

Ravy deutete zum ersten Stock hinauf und sagte: „Wer weiß, was unser geistlicher Bruder jetzt wieder verbricht.“

„Sicher etwas Erbauliches, was sonst?“ spottete Simone. Henri hatte den Eindruck, daß es keine so gute Idee gewesen war, die Stipendiaten der Kirche und die des Staates zusammenzuwerfen, denn Santoni und Anna lächelten säuerlich bei den Scherzen der Freigeister. Henri erkannte auf der untersten Galerie des linken Flügels einige Mamorskulpturen, das war wohl das Freiluftatelier des Bildhauers. Ein größeres eirundes Gebilde schien die angefangene Marienstatue zu sein.

Ravy räusperte sich: „Kinder, meines Bleibens ist hier nicht länger mehr, ich muß es meinem verehrten Kollegen nachtun.“

„Schade“, rief Simone, „bleib doch noch auf einen Schluck, die Nacht ist so schön und noch so lang.“ Wie um das zu bestätigen, ertönte vom Turm links über ihnen der Glockenschlag eins. Der Kirmeslärm hatte abgenommen. Anna hatte inzwischen die kleine Treppe zur Galerie ihrer Wohnung erklommen und die Tür aufgeschlossen, sie trat ein und kam nach kurzer Zeit mit einem Tablett voll von Flaschen und Gläsern zurück.

„Kommt rüber zum Pool“, rief sie, aber Hervé schüttelte den Kopf: „Ohne mich, ciao, Anna!“ und er erstieg die Stufen zur Galerie, nachdem er sich winkend von allen verabschiedet hatte. Marcel begleitete ihn in die Wohnung. Einige Minuten später kehrte der Maler zurück, wandte sich, bevor er die Tür erreichte, noch einmal um und rief: „Gute Nacht, Hervé“, aus dem Innern tönte der Ruf Ravys: „Also gute Nacht, amüsiert euch noch gut!“

Marcel, in der Tür stehend, fragte: „Soll ich die Tür zumachen?“ und man hörte von drinnen: „Ja, schließ sie bitte, sonst kommen die Mücken rein.“

Man ging plaudernd zum Becken hinüber, wo Anna zwei Tische zusammengerückt und Gartenstühle herbeigetragen hatte. Henri bekam einen Sitz mit Blick auf den prächtigen Hof mit den drei Säulenfassaden, an denen geheimnisvoll wechselnd in Licht und Schatten getauchte Flachreliefs mit allegorischen Figuren zu erkennen waren. In der Wohnung Gélins, der Santonis und Morands brannte Licht, die übrigen waren dunkel. Das Ganze kam Henri wie eine Theaterkulisse vor und überdies lagen auf dem kleinen Platz zwischen den Gebäuden die runden Lichtkreise der Laternen wie von Bühnenscheinwerfern. Es fehlte nur noch der Auftritt der Darsteller.

„Na, wie ist es mit einem Bad?“ fragte Mario, der inzwischen in sein Appartment, das unter dem von Morand lag, gegangen und nach etlicher Zeit nur mit der Schwimmhose bekleidet wieder aufgetaucht war. Er warf sich ins Wasser und die Frauen schrien auf, als sie von den Spritzern getroffen wurden.

„Aber wir haben kein Badezeug mit“, wandte Bernard ein.

Simone sagte: „Baden Sie doch ohne! Wir gucken auch nicht hin.“

Henri genierte sich, auch Bernard fand, man müsse in einem Bischofssitz - „Aber nur ein ehemaliger!“ warf Simone ein - ein bißchen Anstand wahren. Der Bildhauer, der längere Zeit verschwunden war, um sich im Haus umzuziehen, brachte eine Hose für Bernard mit, die zu groß war, und Simone erbot sich, Hervé zu bitten, Henri seine zu leihen. Sie hätten die gleiche Figur.

Sie eilte leichtfüßig hinüber, erstieg die Stufen zur Galerie, öffnete die Wohnungstür und verschwand im Innern. Einige Sekunden vergingen, dann ertönte ein durchdringender Schrei. Marcel sprang auf und rannte hinüber. Ehe Henri und Bernard mit den anderen ihm folgten, erschien die junge Frau an der Wohnungstür, hielt sich am Pfosten fest und schrie:

„Er ist tot, Hervé ist tot, er hat sich erstochen.“

Marcel drängte sich an ihr vorbei und stürzte hinein, die anderen versammelten sich um Simone. Paolo nahm sie in seine starken Arme, brachte sie zur Treppe und ließ sie auf die oberste Stufe gleiten, sie verbarg schluchzend den Kopf in den Händen. Michèle war aschgrau geworden, sie schien der Ohnmacht nahe. Mario legte ihr den nassen Arm um die Schulter, um sie zu stützen. Vom Seitenflügel tönte Morands Stimme herab: „Was ist los?“

Santoni rief hinauf: „Simone sagt, Hervé ist tot.“

„Um Gottes Willen“, schrie der Mann auf der Galerie, „ich komme sofort hinunter.“

Murat erschien im Pyjama über ihm und rief ungehalten: „Was ist das für ein Krach, wie soll man dabei schlafen!“

Morand lehnte sich mit dem Rücken auf die Balustrade so daß er nach oben schauen konnte, und schrie: „Ravy ist tot, können Sie sich das vorstellen?“

„Vorstellen schon, aber ich kann es nicht glauben.“

„Kommen Sie runter, dann werden Sie es wohl glauben müssen!“

Die beiden Schriftsteller verschwanden in ihrer Wohnung und kurz danach gesellten sie sich zu den übrigen Stipendiaten, die vor der Galerie standen und auf das Appartement Ravys starrten. Murat hatte einen Mantel übergeworfen, unter dem sein Pyjama heraussah, Morand war noch angezogen. Niemand schien darauf erpicht zu sein, als erster den Tatort zu betreten. Schließlich faßte sich Henri ein Herz, er ging zögernd in den Salon, da kam ihm wachsbleich Marcel Barthez entgegen: „Es ist so, er hat ein Messer in der Brust.“

„Wo ist er?“ fragte Henri.

„Kommen Sie!“ Marcel ging schwankend voran, sie durchquerten den Salon und traten in einen breiten, getäfelten Flur, der zwei vergitterte Fenster aufwies. Sie gingen auf eine Gasse hinaus, die matt vom Licht aus einem Fenster der Kunstgalerie erhellt war. Am rechten Ende des Korridors sah Henri die Eingangstür mit vorgelegter Kette. Barthez wandte sich nach links und betrat eine kleine Küche. Der Schriftsteller lag mit dem Rücken auf dem Steinboden. Henri kniete sich nieder, um das Mordinstrument in Augenschein zu nehmen. Die halbgeöffnete Rechte des Toten hielt ein Stilett, dessen Klinge in der Brust steckte. Der Griff war aus Messing, er hatte die Gestalt eines halbnackten, langhaarigen Mannes, der einen Dolch in der Hand hielt, ein seltsamer Kopfschmuck hing von beiden Schläfen bis zu den Beinen hinab. Seine Füße standen auf zwei Schlangen mit nach beiden Seiten aufgesperrten Mäulern. Ihre miteinander verschlungenen Körper bildeten das Heft der Waffe. Das weiße Hemd des Toten war naß vom Blut, eine rote Pfütze stand neben der Brust.

Ravys graue Augen starrten glasig gegen die Decke. Henri legte die Hand an den Hals des Toten, aber selbstverständlich war kein Puls zu fühlen.

„Wir dürfen nichts anfassen“, sagte er zu Marcel, der hinter ihm in der Türöffnung stehen geblieben war, und sah sich um. Die Küche war nur ein Zimmerchen, das man beim Umbau offenbar zusammen mit dem danebenliegenden Bad aus dem linken Teil des Korridors herausgetrennt hatte, um die alten Repräsentationsräume zu einem Appartment umzugestalten. Auch ihr Fenster war mit einem Eisengitter versehen. Auf dem Küchentisch stand eine halbgeleerte Tasse Kaffee, Henri steckte den kleinen Finger in die Flüssigkeit. Sie war kalt.

Im Flur tönten Stimmen, Marcel trat zur Seite, um Mario, Murat, Bernard, Anna, Janine, Michèle, Paolo und Louis entsetzte Blicke auf den Hingestreckten werfen zu lassen. Da zu wenig Platz war, defilierte man an der offenen Tür vorbei und blieb einen Augenblick in schweigender Betrachtung stehen, bis der nächste nachdrängte.

„Er hat Selbstmord begangen“, seufzte Mario, der in nasser Badehose dastand, „wie konnte er nur?“

„Eine Todsünde“, murmelte Louis Morand, „er war verzweifelt. Seine Rede...!“

„Aber...aber...“, keuchte Marcel plötzlich, sah erstaunt auf, rang nach Luft, es gelang ihm nicht, den angefangenen Satz zu vollenden.

„Man muß die Polizei benachrichtigen“, unterbrach ihn Henri und richtete sich auf, „wo ist das Telefon?“

„Nur der Hausmeister hat eins. Es geht schneller, wenn ich rüberlaufe“, schlug Mario vor, „die Wache ist in der Mairie auf der anderen Seite des Platzes.“ Er schob sich zwischen den anderen durch, lief den Flur zur Eingangstür hinüber, nahm die Kette ab, aber die Tür ging nicht auf. „Sie ist abgeschlossen“, rief er, „und kein Schlüssel im Schloß.“

„Dann geh doch hinten raus“, schrie Marcel wie vom Fieber gepackt. Bernard, der ihn beobachtete, schien er gepenstisch verwandelt, seine Augen waren rot, er starrte nacheinander wütend alle Anwesenden an, als wollte er sie etwas fragen oder ihnen etwas Wichtiges mitteilen. Dann ging er schweigend ins Wohnzimmer, ließ sich in einen Sessel fallen und nagte am Knöchel der geballten Faust. Die Künstlergemeinde sammelte sich allmählich um ihn, Murat setzte sich auf die Schreibtischkante neben ihm und schaute mitleidig auf ihn herab.

„Sie dürfen sich keine Vorwürfe machen“, sagte er leise, „Herr Ravy hatte sich zum Freitod entschlossen. Sie hätten das nicht verhindern können, auch wenn Sie länger bei ihm geblieben wären.“

Marcel antwortete nicht, sondern blickte verwirrt zu ihm hinauf. Sein Kopf fiel wieder auf die Brust. Plötzlich hielt er die Hand vor den Mund, würgte, sprang auf und lief in den Korridor zurück, die Badezimmertür fiel zu, und man hörte, wie er sich erbrach. Niemand rührte sich, alle waren selbst zu erschüttert, als daß sie die Kraft gehabt hätten, Barthez' Seelenzustand zu registrieren. Dann hörte man Wasser rauschen, die Tür öffnete sich und Marcel kam heraus. Er kehrte aber nicht in das Zimmer zurück, sondern wanderte im Flur auf und ab, bis man Geräusche vom Hof her vernahm. Dann trat er grünbleich zu den übrigen. Alle wandten sich Mario in der Badehose und zwei Gendarmen zu, die zur Galerie hinaufstiegen. Ein Graukopf im Pyjama hielt vor dem Treppchen an und schaute fragend hinauf, es war wohl Valentin, der Hausmeister.

Der ältere der beiden Beamten legte die Hand an den Mützenrand: „Guten Abend, meine Damen und Herren, wo ist der Tote?“

Henri übernahm ungefragt die Leitung. Ihm schien, daß Paolo und Mario wegen ihrer legeren Bekleidung, Bernard, Murat und Morand aber wegen ihrer mangelnden Erfahrung im Umgang mit der Polizei nicht dafür infrage kämen, außerden hatte er das Gefühl, daß man ihm die Rolle gern überließ.

„Bitte, folgen Sie mir!“ Er ging voraus, hielt vor der Küchentür an, wies auf den Toten und ließ die Polizisten passieren.

„Ist auch nichts angerührt worden? Ist alles so, wie Sie es vorgefunden haben?“ fragte der Ältere, der sich als Brigadier Chef Fabre vorgestellt hatte, nach einem langen Blick auf den Leichnam und die Küche, und kniete nieder.

„Ja“, sagte Henri, „aber ich kam erst als dritter. Sie müssen Frau Poncet fragen, die die Leiche entdeckt hat und Herrn Barthez, der danach hineinkam.“

„Hat inzwischen jemand das Haus verlassen?“

„Nein, ich denke, alle Hausbewohner und sonstigen Zeugen sind drüben im Zimmer.“

„Brigadier“, wies der Polizist den Begleiter an, „sorgen Sie dafür, daß keiner das Anwesen verläßt. Alle sollen sich zur Befragung bereithalten. Und wer sind Sie?“ fragte er Henri. „Sind Sie ein neuer Stipendiat? Ich erinnere mich nicht, Sie schon einmal gesehen zu haben.“

Während er auf die Antwort wartete, betrachtete er den Dolch von der Seite - „Seltsamer Griff,“ murmelte er - und Henri überlegte, ob er seinen neuen Beruf erwähnen sollte oder nur seinen alten.

„Ich heiße Henri Dupont“, sagte er, „ich bin heute abend einer Einladung der Künstler gefolgt, zusammen mit meinem Freund Grandville. Wir haben sie zufällig im Café Voltaire kennengelernt. Wir sind nur wegen der Kirchweih hier, wir sind aus Cannes.“

„Soso“, erwiderte Fabre zerstreut, griff in eine große schwarze Tasche, die er mitgebracht hatte, und zog ein Blitzlichtgerät heraus.

„Treten Sie beiseite“, befahl er, nahm Henris Stelle ein und photographierte Ravys sterbliche Hülle von der Tür aus und aus anderen Richtungen. Dann schraubte er eine große Vorsatzlinse auf den Apparat und nahm die rechte Hand mit dem Dolchgriff aus der Nähe auf.

Er zog einen durchsichtigen Plastikbeutel und ein Papiertuch aus der Tragetasche, legte den Beutel neben sich, löste die Finger des Toten vom Dolch, packte ihn vorsichtig mit dem Taschentuch und zog ihn heraus.

„Parbleu“, rief er mit erstaunten Blick auf die leicht gekrümmte Klinge, „das sieht ja ziemlich exotisch aus.“

Er schob den Dolch in die Plastikhülle und legte sie auf den Küchentisch. Dann erhob er sich ächzend und sagte zu dem wieder herbeigetretenen Kollegen:

„Lemaître, Sie müssen sofort die Mordkommission in Nizza benachrichtigen, aber vor morgen früh wird die Spurensicherung nicht hiersein. Bei der Hitze können wir aber die Leiche nicht liegenlassen. Rufen Sie im Krankenhaus an, man soll einen Wagen herschicken und sie zuerst einmal in ihrer Kühlkammer unterbringen.“

Er nahm ein Stück Kreide aus der Tasche, zeichnete den Umriß des Toten nach, griff danach in die Hosentaschen Ravys und leerte sie. Aus der rechten zog er ein Portemonnaie, aus der linken ein Taschentuch und ein Schlüsselbund, packte die Sachen in eine weitere Tüte und steckte sie zusammen mit dem Dolch in die Tragetasche.

„So und jetzt entfernen Sie alle Leute, tragen den Computer, der auf dem kleinen Tisch auf der Galerie steht, rein und versiegeln Sie die Tür und die Fenster zur Galerie. Ich setze mich in den Hof und beginne schon einmal mit der Befragung.“

Kommissar Lanfranc von der Mordkommission Nizza nickte anerkennend, nachdem er die auf dem Tisch des Wohnzimmers vor ihm angeordneten Gegenstände, Photographien und Vernehmungsprotokolle betrachtet und Fabres Kommentar dazu vernommen hatte.

„Da bleibt für uns nicht mehr viel zu tun,“ stellte er fest und der Brigadier Chef nickte ernst und erfreut zur Bestätigung.

Ein Experte der Spurensicherung, der inzwischen die Mordwaffe untersucht hatte, richtete sich auf: „Soweit man bei der unregelmäßigen Oberfläche des Griffs erkennen kann, sind nur die Fingerabdrücke des Opfers darauf.“

„Das deutet auf Selbstmord, wie die Zeugen schon vermutet haben“, meinte der Kommissar, „der Leichenbeschauer hat als einzige Todesursache den Stich ins Herz festgestellt. Er wurde senkrecht von vorn geführt. Es gibt keine anderen Verletzungen am Körper.“

„Entschuldigung“, meinte Fabre, „war der Stich tatsächlich absolut senkrecht, nicht ein wenig nach rechts geneigt?“

Lanfranc konsultierte das Schreiben des Gerichtsarztes: „Nein, hier steht senkrecht von vorn und geradeaus, fast in einem Neunzig-Grad-Winkel zur Wirbelsäule.“

„Ungewöhnlich“, murmelte Fabre, nahm sein Képi ab und wischte sich mit einem Taschentuch die Stirn. Die Tür nach außen war geöffnet, aber es war wieder sehr warm geworden, obwohl der Innenhof noch im Schatten des linken Gebäudeflügels lag. Das Himmelsblau lag wie Tinte über den Palmen, ihre Blätter schimmerten im Sonnenlicht.

„Ich merke, worauf Sie hinauswollen“, entgegnete Lanfranc, nahm das Stilett im Schutz der Plastiktüte in die Hand und führte es mit der Rechten gegen sein Herz, „man muß die Hand wirklich etwas verdrehen, um einen ganz geraden Stich hinzukriegen. Wozu sollte das ein Selbstmörder tun? Aus ästhetischen Rücksichten, wegen der Symmetrie?“

Der Kollege Fabres, ein junger Mann mit aufgeweckter Miene, räusperte sich: „Ich habe vorhin etwas aufgeschnappt, als die Zeugen untereinander sprachen. Da sagte eine der jungen Frauen, daß Herr Ravy Linkshänder gewesen sei. Aber es war seine Rechte, die den Dolch hielt...“

„Können Sie diese Zeugin hereinbitten?“ fragte der Kommissar. Der Gendarm nickte und kam nach kurzer Zeit mit Frau Poncet wieder.

„Bitte, nehmen Sie doch Platz!“ forderte er die Dichterin auf. Er musterte die zierliche Person mit den traurig verschatteten Augen vor sich: „Sie sollen gesagt haben, der Verstorbene sei Linkshänder gewesen.“ Sie nickte.

„Sind Sie sicher?“

„Sie können die anderen fragen. Vielleicht ist es auch jemand außer mir aufgefallen, obwohl Herr Ravy immer nur am Computer schrieb.“

„Gut, daß Sie das erwähnen“, erwiderte Lanfranc und deutete auf das Gerät, das Fabre angestellt hatte, „wo pflegte das Opfer eigentlich zu arbeiten. Auf der Galerie?“

„Ja, so schön diese Räume sind“, sie ließ den Blick über die braune Täfelung und die bemalte Decke schweifen, „es ist doch in diesen Tagen zu warm, um drinnen zu arbeiten. Er saß wie wir alle fast ständig an der frischen Luft.“

„Er hat also auf diesem Computer geschrieben?“ mischte sich Fabre ein, „auch gestern?“

„Ich denke ja, bis zum Abend, danach trafen wir uns alle im Café Voltaire.“

„Aber er hat ihn auf der Galerie stehen gelassen. Machte er das immer? Ist das nicht leichtsinnig? Es könnte doch jemand kommen und ihn mitgehen heißen?“

„Hier nicht“, sagte sie überzeugt, „niemand außer den Hausbewohnern besitzt einen Schlüssel, und die einzige Eingangstür am Tor fällt wieder ins Schloß, wenn man sie geöffnet hat. Besucher müssen sich beim Hausmeister anmelden und offenbar glaubte Herr Ravy nicht, daß einer der Stipendiaten diebische Neigungen hätte.“

„Verstehen Sie etwas von Computern?“ fragte Fabre, der nach langem Herumfahren mit der Maus etwas verloren auf die Mattscheibe starrte.

„Nicht viel, gerade soviel, daß ich damit Texte schreiben kann“, antwortete Simone.

„Könnten Sie einmal herkommen?“ bat sie der Gendarm. Die junge Frau stellte sich neben seinen Stuhl und sah auf den Bildschirm hinunter.

„Sehen Sie oben das Symbol ´Macintosh HD´?“ Sie nickte, er steuerte mit der Maus den Pfeil auf das kleine Rechteck: „Jetzt müssen Sie zweimal klicken,“ sagte sie.

„Ich weiß“, er tat es. Aus dem Rechteck schoß ein größeres, von einem Rahmen umgebenes Rechteck, auf dem wiederum drei kofferartige Symbole zu sehen waren: unter dem einen stand ´Systemordner´, unter dem zweiten ´Hilfsprogramme´ unter dem dritten ´Programme´. Er öffnete den Systemordner; eine Liste erschien, auf der ´Albumdatei, Apple Menü, Clipboard´ und ähnliche mehr oder weniger verständliche Wörter standen. „Ich habe das alles schon einmal durchgesehen“, seufzte er.

„Was suchen Sie eigentlich?“

„Irgendetwas, was er geschrieben hat.“

„Haben Sie denn alle Symbole angeklickt, und nachgesehen, was sie wirklich enthalten? Man kann seine Texte auch unter anderem Namen verstecken.“

„Ja, ja“, sagte er resigniert, „aber hier ist nichts.“

„Dann gehen Sie einmal auf ´Programme´!“ schlug sie vor.

Er öffnete ´Programme´. Man las: ´Benutzer 1, Konvertierer Information, Microsoft Word´ und anderes. Und unter all diesen Namen verbarg sich kein Text. Auch das Symbol ´Hilfsprogramme´ gab nichts her.

„Da ist nichts zu machen“, sagte sie, „offenbar hat er das, was er geschrieben hat, auf Disketten aufgenommen und es auf der Festplatte gelöscht.“

„Wir haben hier alles auf den Kopf gestellt“, sagte der Spurensucher resigniert, „wir haben keine Disketten gefunden. Auch sonst ist nichts Schriftliches von ihm zu entdecken, außer vier Büchern von ihm selbst.“

„Wo könnte er etwas versteckt haben?“ fragte nun Lanfranc, die Dichterin anblickend, als müßte sie es wissen.

„Dann sollten Sie erst ´The purloined letter´ lesen“, sagte sie spöttisch.

„Purloined?“ fragte Lanfranc mit hochgezogenen Augenbrauen, „was heißt das?“

„Entwendet, also ´Der entwendete Brief´, eine berühmte Kriminalgeschichte von Edgar Allan Poe. Darin wird gezeigt, daß man Dinge am besten da versteckt, wo sie niemand sucht, nämlich da, wo alles scheinbar offen daliegt.“

„Das hat also Poe erfunden? Aber gerade dort zu suchen, gehört doch zur Grundausbildung aller Kriminalisten.“

„Oh, das ahnte ich nicht“, sagte sie erstaunt und hielt sich die Hand vor den hübschen Mund, „aber vielleicht kennen Sie das andere Axiom nicht, das meine Schwester aufgestellt hat?“

„Und wie lautet das?“

„Wenn man etwas verzweifelt sucht und nicht findet, dann liegt es bestimmt unter etwas anderem drunter.“

„Eine Variante von Poes Lehrsatz, was?“ meinte der junge Beamte mit den wachen Augen, „aber wir haben bereits alles aufgehoben, auch den Teppich, auf dem Sie stehen.“

„Was fragen Sie mich? Sie sind die Kriminalisten!“ Die fünf Männer stimmten in ihr Lachen ein.

„Ja, dann danken wir Ihnen, daß Sie uns geholfen haben“, verabschiedete Lanfranc Simone Poncet, die auf der Galerie befreit seufzend in eine Tasche ihres Rocks griff und ihr Zigarettenetui und ein silbernes Feuerzeug herausholte.

„Merkwürdig, diese Computergeschichte“, murrte der Kommissar.

„Er hatte wohl keine Lust, ihn dauernd raus- und reinzutragen, er ist ja auch ziemlich schwer, aber er wollte andererseits nicht riskieren, daß ein Fremder in seiner Abwesenheit liest, was er geschrieben hat. Kann ich gut verstehen“, sagte der Mann, der die Fingerabdrücke registriert hatte.

Lanfranc ließ sich auf einen Sessel sinken und überlegte: „Lassen Sie uns einmal die Gedanken sortieren und Revue passieren, was wir alles wissen und welche Alternativen sich bieten.“

„Ich sehe eigentlich nur drei Möglichkeiten, wie Ravy zu Tode gekommen sein könnte“, sagte ein Mann um die dreißig, in heller Sommerkleidung.

„Und das wären?“ fragte Lanfranc, dem wohl aus pädagogischen Gründen daran lag, daß sich sein Inspektor den Kopf zerbrach. Sowas übt ungemein.

„Also erstens: Ravy beging tatsächlich Selbstmord. Das mit der geradeaus geführten Klinge und mit seiner Linkshändigkeit braucht keine Rolle zu spielen, obwohl es natürlich verdächtig ist. Ich persönlich benutze bei manchen Gelegenheiten die Linke genau so gut wie die Rechte. Und wenn er sich zum Beispiel die Spitze auf die Brust setzte und, sagen wir, gegen den Türpfosten warf, dann könnte die Spitze auch genau senkrecht eingedrungen sein.“

„Übrigens, was ist mit dem Stilett? Hat jemand bestätigen können, daß es Ravy gehörte?“ fragte der Spurenspezialist.

„Nein, niemand“, antwortete Fabre, „ich habe jeden danach gefragt. Frau Poncet, die eben hier war, schien ihn etwas besser zu kennen, sie aber konnte auch keine Auskunft darüber geben.“

Inspektor Roussel räusperte sich: „Weiter im Text: Die Möglichkeit des großen Unbekannten, der sich irgendwie in die Wohnung geschlichen haben könnte, müssen wir ausschließen. Es gibt nur zwei Zugänge: die Tür zur Galerie und die Eingangstür zum Appartement Ravys, die zur Gasse vor dem Hoftor hinausgeht, diese war aber zugeschlossen und zudem mit der Kette versperrt, und der Schlüssel befand sich in der Hosentasche des Toten. Die Fenster zur Rückseite sind alle mit einem Eisengitter gesichert. Ich habe sie geprüft, sie sitzen bombenfest, da konnte niemand einsteigen. Bleibt nur der Zugang über die Galerie, aber der stand ständig unter Aufsicht von mindestens einem halben Dutzend Personen, und alle erklärten übereinstimmend, daß, nachdem Herr Barthez aus der Wohnung gekommen war, niemand hinein- oder herausging, ehe Frau Poncet die Leiche fand.“

„Und was ist mit dem Keller?“ fragte der Spurensucher.

„Ich und Kollege Fabre waren gemeinsam unten. Übrigens war die Kellertür nicht abgeschlossen. Der Keller ist langer Raum in L-Form, denn er geht unter dem rechten Flügel des Palais weiter. Er hat ein Tonnengewölbe im romanischen Stil, gehörte zu der Abtei, die vor dem Renaissancebau hier stand. Bis vor hundert Jahren war er noch ein Weinkeller, sagte mir der Hausmeister, am Ende Lager für einen Holz- und Kohlenhändler. Man hat ihm aber gekündigt und die Zufahrt zugemauert. Die Belüftungsschlitze sind so schmal, daß kaum eine Katze durchschlüpfen kann. Die Wendeltreppe, die von Ravys Flur ausgeht, ist der einzige Zugang zum Keller.“

„Und wie war die Tür gesichert?“

„Komischerweise fehlt der Schlüssel. Der Hausmeister sagt, als er vorgestern mit seiner Frau saubermachte, habe er noch gesteckt.“

„Aber nehmen wir an, Ravy wurde vom großen Unbekannten ermordet, dann könnte der sich doch im Keller versteckt haben und nach der Tat wieder dahin geschlichen sein?“

„Dann müßte er jetzt noch dort sein“, meinte Fabre belustigt, „wie mir die Zeugen sagten und darunter ist ein Herr Dupont, seines Zeichens Privatdetektiv...“

„Hört, hört, was sucht der denn hier?“

„Er ist nur zufällig in die Affäre verwickelt worden und möchte nicht, daß wir den Stipendiaten seinen Beruf verraten, nur so könnte er uns auch nützlich sein. Dupont ist sich sicher, daß niemand vor und während des Trubels nach der Entdeckung der Leiche durch Frau Poncet aus dem Haus geschlichen sein kann. Danach kamen wir beide hinzu, ich und Lemaître. Er hat alle Fenster und die Tür versiegelt, und Sie haben selbst gesehen, daß die Siegel unversehrt waren, als wir zur Wohnung zurückkamen.“

„Zum ersten Stock existiert keine Treppe?“ fragte der Mann von der Spurensicherung.

„Nein, das erste und zweite Stock beherbergen die Klosterbibliothek.“

„Demzufolge ist der große Unbekannte noch im Keller oder sonstwo in der Wohnung versteckt“, rief Lanfranc, „auf geht´s, Leute! Durchsucht alles und Vorsicht, unser Mann könnte dem cornered-rat-Reflex gehorchen.“

„Was heißt das?“ fragte Lemaitre.

„Wenn er ertappt wird, springt er dir ins Gesicht und beißt dir in die Nase“, erläuterte Fabre feixend, während sie ihre Pistolen ziehend und entsichernd auf die Kellertreppe zusteuerten und die anderen Beamten noch einmal alle Räume, Schränke und Wandschränke unter die Lupe nahmen und unter das Bett im Schlafgemach guckten. Sie waren bald fertig und wendeten sich der Kellertür zu, um den Gendarmen von St. Sylvain zu folgen, da hallte unten ein Schuß.

Lanfranc zog seine Waffe und lief die Wendeltreppe hinunter: „Was ist los?“ rief er in die Tiefe.

„Wir haben ihn“, kam das Echo, dann prallte der Kommissar fast auf Lemaître, der ihm entgegenkam.

„Pfui Teufel, was ist das?“ rief der Kommissar indigniert, als ihm der Brigadier eine tote Ratte am Schwanz entgegenhielt.

„Der große Unbekannte“, Lemaître grinste.

„Igitt“, Lanfranc verdrehte den Kopf, um dem Anblick des von der Kugel halb zerfetzten Nagers auszuweichen, stieg eilig hinauf und wies dem Meisterschützen den Weg zum Mülleimer. Die anderen gratulierten ihm.

„Sie wär mir doch tatsächlich fast ins Gesicht gesprungen“, rühmte er sich, den Eimerdeckel zuwerfend, „aber ich war schneller.“

Fabre, der es besser wußte, lachte: „Hör mal, Jean, das waren mindestens fünf Meter Distanz.“ Dann gab er zu: „Das war ein guter Schuß!“

Der Jüngere machte einen großen Schritt über die Kreidezeichnung am Küchenboden und wusch sich die Hände am Ausguß.

Der Kommissar riß wieder die Initiative an sich, beorderte alle ins Wohnzimmer und forderte seinen Inspektor auf, den Gedankengang fortzusetzen.

Roussel schritt mit gesenktem Kopf im Zimmer auf und ab und begann: „Also im Keller ist nichts.“

Fabre verbesserte: „In einem der leeren Weinfässer ist ein Rattennest. Der Hausmeister müßte mal Gift legen.“

„Ja, o.k.“, knurrte der Inspektor ungeduldig, „aber überlegen wir, was es bedeutet, daß kein Fremder in der Wohnung war. Wenn Ravy wirklich nicht Selbstmord begangen hat, dann kommt nur Simone Poncet als Täter infrage.“

„Die Poncet?“ fragte der Chef skeptisch, „ist sie nicht etwas zu klein und zu schwach für eine solche Attacke?“

„Und dazu noch von vorn“, ergänzte Lemaître, „stellen Sie sich das einmal plastisch vor, Inspektor! Ravy ist 1,82 m groß, Frau Poncet schätze ich auf 1,60 m, sie ist also einen Kopf kleiner. Wenn sie den Dolch von unten geführt hätte, dann müßte sie den Bauch getroffen haben, wenn sie ihn geschwungen hätte, den Hals, aber Ravy hätte sich das gewiß nicht gefallen lassen und den Stoß abgefangen.“

„Und wenn sie nun von hinten gekommen wäre, ihn überraschend mit dem linken Arm umschlungen und mit der Rechten um den Brustkorb herumgelangt und zugestoßen hätte?“ meinte Roussel irritiert.

Lanfranc wehrte energisch ab: „Lassen wir doch diese Spekulationen! Der Zeitfaktor spricht dagegen: Alle Zeugen sagen übereinstimmend aus, daß zwischen ihrem Eintritt ins Haus und dem Herauskommen kaum zwanzig Sekunden vergingen. Wie hätte sie in der Zeit das alles schaffen sollen? Den Mann erst suchen, an ihn heranschleichen, erdolchen, ihn richtig hinlegen, ihm die Hand um den Griff legen, loskreischen, zur Tür rennen. Und zum Motiv: Ich habe den Eindruck, daß diese Frau eine affektive Bindung an den Mann hatte. Bringt man seinen Geliebten um?“

„Eifersucht!“ trompetete Roussel, entledigte sich seines leichten Jacketts und warf es über eine der alten Kommoden. „Haben Sie bemerkt, wie Frau Barthez die Poncet ansieht? Ich habe das Gefühl, sie würde ihr am liebsten den Hals umdrehen. Ravy hatte auch was mit Frau Barthez. Die Poncet hat es rausgekriegt, und sie bestrafte den untreuen Liebhaber.“

„Wie melodramatisch“, spottete der Chef, „Ihre Phantasie in allen Ehren, aber da steht noch was dagegen: Wo hatte sie die Waffe her? Die Zeugen sagen, sie war leicht bekleidet. Wo hätte sie so einen sperrigen Dolch verbergen sollen?“

„Aber Chef, den hat sie bestimmt aus der Schreibtischschublade Ravys genommen. So ein Ding benutzt man hierzulande normalerweise als Brieföffner.“

Lanfranc, der seine Argumente aufgebraucht hatte und seinen widerspenstigen Assistenten nicht von seiner Meinung abbringen konnte, sah die übrigen Kriminalisten ratlos an und sagte: „Was halten Sie von der Theorie? Reicht das aus, Frau Poncet festzunehmen?“

Fabre wiegte bedenklich den Kopf, räusperte sich und sagte schüchtern: „Also ich weiß nicht. Bisher hat noch keiner Herrn Barthez erwähnt.“

„Wieso Barthez?“ protestierte Roussel, „der kommt nicht infrage. Als er die Wohnung verließ, war Ravy noch am Leben.“

„Sind Sie sicher?“

„Alle Zeugen haben seine Stimme gehört, als er Barthez gute Nacht sagte.“