Das Gespenst der Karibik - Hans W. Schumacher - E-Book

Das Gespenst der Karibik E-Book

Hans W. Schumacher

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Beschreibung

Das Gespenst der Karibik sammelt 14 Kurzgeschichten und Erzählungen des Autors, die zwischen 1954 und 1995 entstanden sind. Die Geschichten zeichnet eine subjektive und illuminative Sichtweise aus, die von den existenziellen Erfahrungen der Protagonisten gefärbt sind.

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Hans W. Schumacher

Das Gespenst der Karibik

und andere Erzählungen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Zeitlupe

Cave cinquantequatre

Eine schöne Geschichte

Das Gespenst der Karibik

M. Cybulka Klavier- und Geigenunterricht

Starnberger Idylle

Der Hochzeitsgast

Jagdfieber

Die Kur

Corrida

In der Fremde (Romanfragment)

Schwerelos

Auf ans Meer

La cigale chante toujours

Bibliographischer Anhang und Erläuterungen

Impressum neobooks

Zeitlupe

In diesem vielleicht etwas willkürlich herausgehobenen Moment steht die Fünf-Zentner-Bombe etwa 40 cm von der Oberkante eines Eßzimmerfensters entfernt im Raum. Sie ist dort nur ein Gegenstand unter vielen anderen. Sieht man davon ab, daß ihre Gegenwart neu ist und einzigartig in diesem Ensemble von Wänden, Dächern, Kaminen und Bäumen, so ist doch hier schon öfters ein fliegendes Objekt gesehen worden, vielleicht eine Schwalbe, ein von bösen Buben geworfener Stein oder ein Stück Papier, das in den Hof hinabsegelte, der heute im schönsten Sonnenschein daliegt. Es ist überhaupt ein wundervoller Tag des Jahres 1944, lauer Sommerwind bewegt duftige Tüllgardinen an Fenstern, die geöffnet scheinen, um Licht und Luft hineinzulassen.

Zwischen dem augenblicklichen Ort der Bombe vor dem Fenster im ersten Stock des typisch deutschen Mietshauses und der Stelle im Keller, wo sie detonieren wird, sind es etwa 30 m Luftlinie. Die Bombe liegt schräg, ist 1,50 m lang und 35 cm breit und hat das charakteristische Aussehen einer Bombe. Man braucht das niemand lang und breit zu erklären. Man sieht es auf den ersten Blick, man hat das sozusagen im Gefühl. Bei ihrem Anblick treten die Augen aus dem Kopf, der Mund wird trocken, das Gehirn beginnt zu brennen, die Glieder erfaßt ein unwiderstehliches Beben, man starrt darauf, möchte wegsehen und kann es doch nicht.

Ihre zylindrische Form mit den bekannten Leitflächen am hinteren Ende, die garantieren sollen, daß sie mit dem Zünder zuerst auftrifft, ist von jener nüchternen Zweckmäßigkeit, die die Objekte des technischen Zeitalters zu prägen pflegt. Einen gewissen Gegensatz dazu bildet die lustige Aufschrift in gelber Farbe Good day and good bye to you Nazibastards, yours sincerely Henry.

Henrys "Vogel", wie er seine Vickers-Wellington nennt, hat sich seit dem Abwurf ungefähr zweihundert Meter weiter bewegt und noch weitere "Eier" fallen lassen, die wie Tropfen an einer unsichtbaren Schnur über der Stadt pendeln, von der auch aus zweitausend Meter Höhe noch erkennbar ist, daß ihre Lage am Strom wonderful ist. Henry denkt, nach dem Krieg werde ich da unten mal eine Dampfertour machen. Tante Evelyn hat mir so viel von den romantischen Städtchen und Burgen vorgeschwärmt. Aber erst einmal muß ich hier heil rauskommen, und er betrachtet mißtrauisch die weißen Schrapnellwölkchen der Luftabwehr, die aber zum Glück die Höhe seines Geschwaders nicht erreichen.

Die Bombe glänzt im Sonnenlicht, ihr Schatten fällt auf die ockergelb verputzte Wand des Hauses. In der Verkürzung sieht ihr Schatten aus wie eine überdimensionale Runkelrübe. Nicht weit darunter, nahe dem Speisezimmerfenster steht ein frischgedeckter Tisch, dessen Mittelpunkt von einer buntbemalten Kaffekanne eingenommen wird. Die Kanne hütet eine Herde wertvollen, alten Geschirrs, das zur Feier des Geburtstags der Tochter des Hauses - sweet seventeen, hübsch und intelligent - aus dem Glasschrank genommen wurde, wo es mit anderen hundertjährigen Sachen in einer Art Dornröschenschlaf dahindämmerte, neben Miniaturen der Großeltern in Silberrähmchen, Korallenketten, Rubingläsern, Elfenbeinschnitzereien, silbernen Zuckerdosen und anderem Zeugs, das sich im Laufe der Familiengeschichte angesammelt hat: einer vergilbten Lutherbibel, einem vergoldeten Opernglas, Urgroßvaters Pfeife mit Troddeln, Großmutter Elisabeths Lorgnon (zusammenlegbar), einer eingelegten Holzschachtel mit den Milchzähnen von Vera, die heute Geburtstag hat und ihres zwei Jahre jüngeren Bruders Rüdiger. Niedliche Sentimentalitäten. Frau Messel hat unter Hinopferung großer Mengen von Lebensmittelmarken sowie der Bestechung des Bäckers mittels einer Flasche Sliwowitz, die ihr Mann aus dem Jugoslawienfeldzug mitgebracht hatte, zwei Torten herstellen lassen, zu deren Verzehr man aber nicht gekommen ist. Sie stehen noch köstlich unberührt mit der Jahreszahl siebzehn in falscher Sahne geschmückt auf dem glänzenden Damasttischtuch, denn die Sirenen haben die Festgäste in den Schutzkeller gescheucht.

Auf das Geburtstagskind wartet der mit Blümchen dekorierte Platz, neben dem als Geschenk Goethes Gedichte liegen, die Vera nicht nur las, weil sie gerade in der Schule dran waren. Kürzlich hatte sie ein Faible für klassische Literatur entdeckt und Goethes "Willkommen und Abschied" ging ihr unter die Haut, hatte sie doch gerade ihr erstes heimliches Rendezvous hinter sich. Von ihrem Platz aus sieht man zu dem weit geöffneten Fenster hinaus, vor dem befremdlich die blaugraue Bombe mit der gelben Schrift steht.

Der Tisch von deutscher Wertarbeit, ist eigentlich viel zu wuchtig für normale Ansprüche, man kann schon sagen, daß er nie richtig auf die Probe gestellt worden ist. Mit seinen krummen Beinen steht er da wie ein lebendiges Wesen, einladend und vertrauenerweckend. Er scheint zu sagen, komme was da wolle, ich nehme es auf mich. Und es drängt sich ja wirklich genügend Schönes und Nahrhaftes auf ihm herum. Solide Vorkriegsware, als das Handwerk noch zu stolz war, Pfusch herzustellen. Überhaupt ist nichts im Zimmer, was der technischen Nüchternheit der Bombe irgendwie gleichkäme. Alles ist irgendwie altmodisch, verschnörkelt, gemütlich, aufgeputzt. So hat es Mutter Sabine gern. Spitzenkanten hier und dort, geblümte Kissenbezüge auf dem Biedermeiersofa, Schondeckchen, wo Fetthaare die Sesselkanten berühren könnten, Perserteppiche, deren intrikates Muster die Augen verwirrt, Brücken, die die spärlichen Parkettlücken überdecken, eine dunkle Anrichte im Jugendstil mit Kristallvasen und -schüsseln bekrönt, darüber ein Ahnenbild: Ururgroßvater Friedrich Wilhelm Messel in der Uniform der Feldjäger, dunkelhaarig und mit freundlich träumerischem Blick in eine imaginäre Ferne schauend. Die gemütvoll langweilige deutsche Mittelgebirgslandschaft hinter ihm liegt im rötlichen Abendlicht. Ein dicker Kachelofen nimmt die Zimmerecke ein. Er wird von der Küche her beheizt. Alles blitzt, obwohl die Kriegsputzmittel so miserabel sind. Alle Dinge in der Wohnung stehen da mit einer friedvollen Beharrlichkeit und Bestimmtheit, als gehörten sie gerade dort und nirgendwo anders hin.

Eine hundertstel Sekunde später hat sich bis auf die Zerstörung von Mutti Messels schöner Kaffeekanne nicht viel geändert. Die stählern blitzende Bombe hat sie leider voll getroffen. Die Scherben des mit einer Rosenknospe gezierten Deckels, der Schnauze, des prächtigen Henkels und des blümchenbemalten Bauches stehen wie ein Schwarm Schmetterlinge über dem Tisch, der Inhalt, guter, schwarzer, echter Bohnenkaffee (den zu organisieren Leutnant Messel fast das Kriegsgericht riskiert hatte) ist dabei, sich über die Tischdecke, ein Aussteuerstück, zu ergießen. Eine fürchterliche Schweinerei, wie soll man das wieder herauskriegen!

Der Eintritt der Bombe in das Zimmer hat sich mit unförmlicher Selbstverständlichkeit vollzogen. Jetzt ist sie nun einmal da und fast nicht mehr wegzudenken. Der kleine Defekt, den sie verursacht hat, hat sie seltsamer Weise beinahe heimisch werden lassen. Mit Fremden geschieht so etwas öfter. Man ist ihnen gegenüber solange frostig reserviert, bis diese vor Verlegenheit irgendetwas Ungeschicktes anrichten. Unter Entschuldigungen und Beteuerungen, daß es nichts ausmache, werden so erste Bande geknüpft, die dann oft bis zum Tode halten. Dieser wird allerdings nicht mehr lange auf sich warten lassen, denn die Berührung des Zünders mit der Rosenknospe auf dem Kaffeekannendeckel hat den empfindlichen Mechanismus ausgelöst, der nach einer kurzen Verzögerung die unter dem Stahlmantel verborgene Sprengmasse zur Explosion bringen wird.

Die Gegenwart der Bombe über dem Frühstückstisch und im Kanneninneren erregt niemand, denn Dinge sind sowohl gefühllos als auch zum Denken unfähig. Frau Messel, die fünfundzwanzig Meter davon entfernt im Keller sitzt, ahnt noch nichts von dem Unglück. Sie wird es bald erfahren, denn die Bombe macht sich selbst auf den Weg, ihr die Nachricht zu überbringen. Ob sie aber die Betrübnis und die Bitterkeit über den Verlust der Kanne, des reichen Geschirrs, des Barocktischs, der Damastdecke, des Glasschranks, des Goethe in Maroquinleder, der Weingläser, Karaffen usw. wird aufbringen können, ist noch die Frage.

In der Tat wagt man für den Tisch, so solide er auch aussieht, nichts mehr zu hoffen. Eine weitere hundertstel Sekunde später ist er zusammengebrochen, zermalmt, zersplittert, mitsamt dem zerfetzten Tischtuch, dem Geschirr, den zerquetschten Torten, herumwirbelnden Sahnekännchen, verbogenen Silberlöffeln, Kuchengabeln und Tortenhebern, die dem Gast durch ein plötzlich in der Decke entstandenes zwei Meter breites Loch in den Herrensalon des Junggesellen und Oberlandesgerichtsrats Dr. Mansfeld folgen.

Der Einbruch der Bombe in die samtene Stille tabakparfümierter Dämmerung wirkt wie der Sturm des Pöbels ins Schloß von Versailles. Der Kometenschweif von Scherben, Tortenresten, Kalkmörtel, zersplitterten Leisten, Parkettholz, Balken, Tischbeinen und Teppichfetzen, den sie hinter sich herzieht, ist indignierend. Würdige Entrüstung zeigt demzufolge auch die Marmorbüste des Hausherrn, dessen adlerhafter Ausdruck die Miene wiederzugeben scheint, die Dr. Mansfeld beim Urteilsspruch aufzusetzen pflegt. Heute früh hatte er dazu mehrfach Gelegenheit gehabt. Ein invalider Hausmeister hatte einen dummen Witz über die Frontbegradigungen in der Ukraine gemacht. Wegen Wehrkraftzersetzung wurde er zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein polnischer Fremdarbeiter kam nicht so gut davon. Er hatte ein Paar kaputte Stiefel von einem Trümmergrundstück genommen. Und auf Plünderung steht die Todestrafe.

Die Bombe zerschmettert unparteiisch Büste, Sockel und Schreibtischplatte, bohrt sich durch Aktenbündel mit wohlbegründeten Urteilen, die sich augenblicklich mit den Tortenresten mischen und nun in dem Loch verschwinden, das die Bombe in die Kellerdecke geschlagen hat. Sie scheint vor der Tür des durch Bohlen und Balken abgestützten Schutzraums auftreffen zu wollen, höchste Zeit, sich den Insassen des Kellers zuzuwenden, ehe es zu spät ist.

Ihre Gestalten verlangen keine besondere Aufmerksamkeit. Sie sind unter der Hülle der Kleider nicht bemerkenswerter als die anderer Menschen auch, selbst kleinere Unterschiede wie Neger (schwarze Haut, Kraushaar) oder Juden (krumme Nase, widerliche, dekadente Intelligenz) sie vielleicht haben mögen, geben zur Unterscheidung nichts Wesentliches her. Frau Messel ist nachweislich Arierin und zum Glück ihre Tochter auch. Der Oberlandesgerichtsrat hat mit Müh und Not eine jüdische Großmutter verheimlichen können, sonst stünde er jetzt an der Ostfront und hätte nicht dies verantwortungsvolle, staaterhaltende Amt, das ihm eigentlich Gerechtigkeit besonders bei der Verteilung von Nahrungsmitteln hätte nahelegen müssen. Trotz der Knappheit hat er einen gesunden Speck bewahrt, der besonders stark von der delikaten Unterernährtheit und blassen Farbe Fräulein Messels absticht.

Vera rezitiert, ohne es zu wollen, automatisch Verse von Goethe, doch etwas hindert sie am Atmen, ihre Hände liegen wie Steine im Schoß, ihr ist, als ginge ein Brand durch die Wirbelsäule. Doch wird sie nie auf den Gedanken kommen, daß an ihrer Fortexistenz berechtigte Zweifel aufkommen könnten. Das Leben ist einfach in ihr, auch wenn die Angst sie fast in die Wand, an die sich preßt, verwandelt, während das Dröhnen von tausend Flugzeugmotoren die Mauern vibrieren läßt und der Boden von den sich nähernden Explosionen bebt und schwankt wie ein Schiff im Sturm.

Ihre Mutter sitzt ihr gegenüber auf einem wackeligen Korbsessel neben dem Stützbalken und ist ihr fern und fremd wie nie im Leben, sie würde gern die drei Schritte zu ihr hinüber machen und sich in ihrem Schoß verbergen, aber es sind Kilometer dahin, sie wagt nicht aufzustehen und ihren sicheren Platz zu verlassen. Aber wieso denn sicher? denkt sie plötzlich alarmiert, aber sie haftet an dem Küchenstuhl wie angenagelt. Nein, es wird nie geschehen! Was denn? Und sie verwechselt ihre Hoffnungen mit ihren Ängsten, und dann will sie sich ganz stark an etwas erinnern, aber sie weiß nicht an was, und etwas fällt ihr dann ein, und sie sagt es ganz langsam, und was sie sagt, trägt sie davon so leicht und frei wie der weiße Blitz, der aus der Kellerwand bricht und ihr den ganzen tiefen Sinn erklärt: Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn....

Der Oberlandesgerichtsrat hat ganz stark das Empfinden, alles sei ein Traum. Er ruft sich das immer wieder zu und schneidet gut dabei ab. Er ist wirklich mit sich selbst zufrieden und findet, daß er an der Somme 1917 weit weniger Haltung bewahrt hat. Da merkt er plötzlich, daß sein Fleisch nicht will. Es ist so etwas wie eine wachsende Auflehnung in ihm, er sieht an sich herunter und fühlt sich ganz nackt. Es ist keineswegs beschämend, denn Frau Messel und ihre halberwachsene Tochter sind für ihn nichts als Besenstiele, und überhaupt scheint alles aus Holz zu sein. Auch das flackernde Licht ist aus Holz und die gekälkte Wand, alles scheint nur eine dünne Baracke zu sein, und er sitzt da ganz allein und schutzlos wie in seiner Hüttensauna im Hunsrück, und er sieht an sich herunter und hat soviel Leib, soviel Fleisch, er sitzt da mit zusammengekniffenen Kinn- und Pobacken und wartet, daß man vergesse, daß er vorhanden ist und dann war ihm, als bräche der Ofen der Sauna auf, rasende Hitze umflammte ihn und er sagte sich: Es ist nur ein Traum.

Frau Messel erinnerte sich noch rechtzeitig, daß sie die Fenster offengelassen hatte, damit die Scheiben nicht kaputtgehen, wenn die Druckwellen kommen und daß sie das Gas zugedreht hatte. Hoffentlich passiert dem alten Geschirr nichts, erstens wäre es schade, weil es von ihrer Großmutter stammte und zweitens kriegt man jetzt sowieso kein neues Geschirr mehr. Aber daß man auch gar nichts hat auslagern können; die Bonzen haben natürlich das Wertvollste aufs Land schaffen lassen und ihre Familien dazu. Aus Frankreich ließen sie sich Champagner kommen, einmal haben wir ja auch eine Flasche auf Bezugsschein gekriegt, aber was war das schon, wo wir doch den Krieg gegen Frankreich gewonnen haben, könnten sie einem schon mehr zuteilen. Wenn nur das Licht nicht ausgeht, im Dunkeln habe ich Angst. Hofffentlich kriegt der Schmitz, der widerliche Blockwart, nicht raus, wo wir den Kaffee und die Torten für Veras Geburtstag herhaben, sie kann es wirklich vertragen, mal was hinter die Rippen zu bekommen, wie sieht sie so dünn aus und wie fett der Mansfeld....

Als die Feuerwehr sich durch den Schutt gewühlt hat, findet sie unter den Trümmern drei tote und vier überlebende Hausgenossen. Eine der Toten ist eine junge Französin, die das Unglück hatte, sich in einen deutschen Besatzungssoldaten zu verlieben und vor den Morddrohungen ihrer patriotischen Landsleute zu den Eltern ihres Freundes nach Deutschland floh. Tot sind auch Frau Messel und ihre hoffnungsvolle Tochter. Der kleine Rüdiger war also elternlos allein zurückgeblieben, denn sein Vater war, ohne daß die Familie es wußte, schon zwei Tage zuvor im Balkankrieg gefallen. Rüdiger hatte an dem betreffenden Morgen eine seltsame Vorahnung gehabt und war trotz des heftigen Protests seiner Mutter, die ihn beim Geburtstagskaffee dabeihaben wollte, mit der Hitlerjugend aufs Land gefahren. Dr. Mansfeld erlitt schwere Verbrennungen, ein Bein mußte amputiert werden, doch er kam davon, weil er in blendender körperlicher Verfassung war. Die Kürzung seiner Pension nach der Entnazifizierung wird durch eine schöne Kriegsopferrente mehr als wettgemacht.

Cave cinquantequatre

Solange Jim Pearce, der schwarze Trompeter, den Schrei eines gemarterten Volkes wie eine Stichflamme aus dem gewundenen Rohr preßte, seine rotgeränderten Augen aufgerissen gegen die von Tabakqualm geschwärzte Decke des Jazz-Kellers, die breiten Lippen fast weiß vor Anstrengung, hintenübergebeugt, so daß seine Schulterblätter fast die Becken des Schlagzeugs berührten, die noch leise klirrten, vom letzten Wirbel des Drummers erregt, der nervös verbissen seinen neuen Einsatz erwartete, wie eine Maschine, dachte der Bassist über der unförmigen Puppe seines Instruments einen Takt lang innehaltend, deren Zuverlässigkeit man vertraut und deren Versagen man doch immer befürchtet, um nach diesem Strahl hellen, kaum noch erträglichen Kreischens an der überdimensionalen Geige zu zupfen, Töne, die dem Klavierspieler eine Reihe farbiger Bilder vor das innere Auge zauberte: ein Schwarm von Seevögeln warf sich schreiend in einen blutroten Himmel und breitete sich fächerförmig aus, plötzlich in schwarze Splitter einer musikalischen Explosion verwandelt, die er in dem Klavierkasten auslöste - war unterhalb des Podiums folgendes zu beobachten:

Uwe Groß, 23 Jahre alt, von jenem etwas kindlichen Weißblond der Nordseeanrainer, suchte sich unter dem Einfluß einer Flasche eingeschmuggelten Cognacs, die er listig unter seinem Stuhl versteckt hielt, wobei er seiner Umgebung, wildfremden Menschen, von denen er annahm, daß sie seinem Anschlag auf das Schankmonopol des Kellerbesitzers Beifall spendeten, mit einem Verschwörerblick dankte, an der Schulter seines Nachbarn aufzurichten, um von einer Welle des Mitleids mit allen Einsamen überschwemmt, den hier Versammelten die Bruderschaft aller Menschen kundzugeben, etwas glanzvoll Einsichtiges, das ihm eben mit glasklarer Bestimmtheit als Naturgesetz erschienen war, doch der durchdringende, nie verendende, melancholisch immer neu anschwellende Trompetenton ließ ihn plötzlich vergessen, was er tun wollte, Walter Schumann, 35, Kaufmann, unverheiratet, entzog ihm mißmutig die Schulter, worauf Uwe wieder auf seinen Sitz sackte; Walter neigte sich zu seiner ältlichen Freundin Ursel hinüber, die ihn mit dem verwirrten Ausdruck unschuldiger Mädchen anschaute, und flüsterte ihr mit einem trockenen Lachen, das sowohl Vorurteilslosigkeit wie Verachtung ausdrücken sollte "Der ist hinüber!" zu, ein Satz, der im Ohr des ihm gegenübersitzenden Philosophiestudenten Manfred Menke als Charakterisierung der Ekstase des Schwarzen verstanden wurde, der über den Diskanttönen des Blechs aus der verräucherten Höhle hinauszufliegen schien; Manfreds Kopfhaut zog sich krampfhaft zusammen, Schauer rieselten ihm über den Rücken herab, eine Überempfindlichkeit des Nervensystems, das eine drohende Erkältung anzukündigen schien und ihn an die grenzenlose Langeweile erinnerte, die er empfunden hatte, bevor ihm der Ausbruch einer stolzen, geradezu metaphysischen Verzweiflung im Vibrato der Trompete eine bittere Entschlossenheit in die Seele warf, das Leben so wie es war zu ertragen und alle die kausal notwendigen Schritte, zu denen auch gehörte, daß seine Beine ihn hierhergeführt hatten; jedenfalls hockte er auf einem dieser kurzbeinigen, mit Absicht verstümmelten Stühle, die eine Atmosphäre von Zwanglosigkeit verbreiten sollten und jeder Ton von Schlagzeug, Piano, Baß und Trompete berührte sein überreiztes Gemüt mit gesetzmäßiger Strenge, als wäre er selbst das Instrument und zugleich der Spieler davor oder ein Art elektrisches Klavier, das seine Tasten selbsttätig bewegte, eine Idiosynkrasie, die ihn so heftig befiel, daß er den Blick von der Band wenden mußte und dabei in dem Gewühl von im Dunst verschwommenen Leibern, die zuckten wie von einem gemeinschaftlichen System von Federn bewegt, eine Hand wahrnahm, die wie ein Reptil unter die verrutschte Bluse von Klara Baldus, 16 Jahre, glitt, der der Trompetenstoß wie ihr eigener ohne Laut geborener Schrei war, als sie die kreisende Bewegung eines Fingers um ihre linke Brustwarze spürte; eine lähmende Verwirrung war die Folge, die wiederum bewirkte, daß ihr die imponierende Silhouette des Negers vorkam wie der zu Himmel fahrende Christus über dem Altar, wo sie in weißem Kleid die Erstkommunion empfangen hatte, und daß die lustreizenden Gliedmaßen auf irgendeine hintergründige Weise Jim Pearce gehörten, dessen Finger mit atemberaubender Fertigkeit die Ventile der Trompete betätigten, während der neben ihr befindliche Alwin Klein zu einem Schatten ohne Eigenschaften schrumpfte; der Trompetenstoß gellte in das monotone Plätschern des Gesprächs der Studenten Georg Schalk, Ragunath Shabekar und John Berry, das der gleichmäßige Blueston bisher wie eine Flotte von Papierschiffen getragen hatte und nun auseinandergepeitscht in einem Murmeln erstarb, welche sowohl Ärger als Erleichterung darüber ausdrückte, der Anstrengung enthoben zu sein, qualitative Unterschiede in Geschichte, Hautfarbe und Selbsterfahrung zu Übereinstimmung zur bringen, worauf die Blicke unschlüssig umherirrten und sich schließlich als gemeinsamem Fixpunkt auf Beate, dem Groupie des jeweiligen Orchesters, niederließen, die in schwarzem, enganliegendem Pullover und ebenso enger schwarzer Hose in edler Pose an das Klavier Armin Gottwalds gelehnt dastand und deren schöngeformtes Ohr etwas übertrieben Forderndes im grellen Klang der Trompete wahrnahm, wobei sie ihren schmelzend süßen Blick auf dem Pianisten ruhen ließ, dessen verbissen traurige Miene sie davon überzeugte, daß der Dummkopf verliebt in sie war, wobei sie den Spaß überschlug, den es bringen würde, ihn gegen Jimmy auszuspielen, der beabsichtigte, sie mit seinem imperatorischen Solo um alle Sinne zu bringen, der arme Narr, während Armin von dem jäh aufstrebenden, abstrahierenden Klang der Trompete hingerissen, die Gewißheit empfing, daß es ihm gelang, sich allen Abhängigkeiten zu entziehen. Ihm war plötzlich vollkommen klar, daß er dieses hübsche Weib ohne einen Funken Bedauern verlassen könnte, um in der Einsamkeit der Wüste auf einer Säule zu vegetieren, zu deren entrückter Höhe kaum das verzückte Geheul lasterhafter Schakale an das vor Entwöhnung taube Ohr dringen würde.

Eine schöne Geschichte

"Mann, Gustav" , sagte Erich und lehnte sich kopfschüttelnd in den Sessel zurück, "ich kann's nicht fassen, ein Wiedersehen nach zwanzig Jahren! Ich komme in dieses gottverlassene Nest, da sitzt du am Nebentisch, fett, seriös und offensichtlich im Wohlstand, und einmal haben wir zusammen Fensterscheiben eingeworfen und deiner Mutter Groschen aus dem Sparschwein stibitzt."

Gustav lächelte schwach. Er blickte über den Kopf seines ehemaligen Schulfreundes in einen Spiegel, dessen Rahmen sich üppig zwischen den gußeisernen Säulen des Cafés ausbreitete. Im bläulichen Schimmer des Glases sah er durch die offene Tür und die gardinenverhüllten Fenster auf den Bahnhofsvorplatz. Weiße Dampfwolken zergingen wirbelnd über dem Dach der Station, ehe noch das mühsame Gestöhn abfahrender Züge kaum hörbar zu ihnen drang.

Gustav stützte seinen schweren Schädel in die Hand. Er entsann sich nicht mehr, wie ihn Erich erkannt hatte. Das ärgerte ihn, er wurde alt. Leute wie er mußten jede mögliche Beziehung zur Umwelt vorauszusehen und zu lenken imstande sein. Aber wer kam schon auf so unwahrscheinliche Zufälle? Er sah Erich tiefsinnig mit einem in Tränensäcken versinkenden Blick an und klopfte mit seinem goldenen Siegelring auf die Marmorplatte des Tischchens, einen tristen Rhythmus.

Erich war etwas benommen zumute. Die Körpermasse seines alten Freundes quoll wie die fleischgewordene Melancholie aus dem engen Strohsessel, wirkte wie die Schwerkraft des Mondes auf einen Schlafwandler. Sie saugte seine wiederaufgelebte Pennälerfröhlichkeit in ein Vakuum, in dem merkwürdige Beziehungen wie Spinnfäden webten. Hier kannte er sich nicht aus.

"Du bist nicht glücklich?" fragte er unsicher. Lieber wäre ihm gewesen, dem hochmütigen Gustav gleich von den Erfolgen in seinem Berufsleben erzählen zu können, aber wenn jemand so traurig aus der Wäsche schaute, war er dafür wohl nicht recht empfänglich. Die Zeit dafür würde bestimmt noch kommen. Noch besser wäre, wenn Gustav ihn irgendwie um Rat und Hilfe bitten würde, dann könnte er ihm zeigen, daß er es jedenfalls zu etwas gebracht hatte. Daß Gustav so adrett gekleidet war, erstaunte ihn, er hatte im stillen immer erwartet, daß aus seinem chaotischen Schulfreund nichts werden würde.

In der Retorte des Spiegels erschien eine junge Frau. Sie nahm an einem Fenstertisch Platz und zündete sich eine Zigarette an. Der Schatten der von warmer Zugluft bewegten Gardinen warf ein Filigranmuster über ihre nackten Schultern.

"Sieh dich nicht um," flüsterte Gustav, "da ist sie."

Er senkte die dunkelbraunen Augen in den von einem Blitz des Verstehens durchzuckten Blick seines alten Kumpels.

"Heißt das, du bist verliebt?" fragte dieser vorsichtig. Damit war er einverstanden.

"Nein, nein, nicht in sie!" fiel Gustav ein, "ich bin doch kein Narr. Die Sache ist anders. Komplizierter." Er beugte sich vor und sah Erich mit hypnotischer Intensität an.

"Ich muß es dir von Anfang an erzählen, sonst begreifst du nichts. Nach dem Einjährigen bist du doch weggezogen und hast nicht mitgekriegt, wie mir mein Alter mitgespielt hat. Er ließ mich kein Abitur machen, also aus der Traum vom Philosophiestudium! Nur keinen brotlosen Akademiker durchfüttern. Er steckte mich in eine Bank. Kannst du dir das vorstellen, zwei Jahre Stumpfsinn auf einer Bank, Zahlen, Ziffern, Soll und Haben, Zinsen, Zinseszins, Tageskurse, Aktien, den ganzen Tag und Wochen und Monate nichts als Geld und immer nur Geld?"

"Erlaube mal!" warf Erich empfindlich ein, er meinte, er müsse wie einst einen Staudamm vor den Gefühlsergüssen seines Freundes aufrichten. Er war Geschäftsmann geworden, das Geld hatte ihm nur Gutes getan, er fand fast eine abergläubische Scheu, es nur beim Namen zu nennen. Betroffen, aber voll Genugtuung nahm er das Bild in sich auf: der phantastische Gustav hinter dem Banktresen!

"Du hast doch in der Schule immer gesagt, sich um Geld zu kümmern, sei unnötig, es komme einem zugeflogen, wenn man nur mit dem Finger schnippe. Arbeiten täten nur die Dummen." Erich fühlte wieder die prickelnde Luft ihrer einstigen gereizten Freundschaft um sich. Seine Augen glitzerten kampflustig. "Im übrigen..."

Gustav wehrte mit einer müden Bewegung seiner feingliedrigen Hand ab, die im merkwürdigen Kontrast zu seiner Leibesfülle stand: "Ist schon gut!"

Erich verstummte .

"Siehst du den Mann im grauen Anzug, der eben reingekommen ist, am rechten Fenster?"

Erich sah einen fülligen älteren Mann, der den Arm auf die Blumenetagere an seiner Seite stützte und offensichtlich an seiner Zeitung vorbei auf das schöne Mädchen am letzten Tisch starrte.

"Das ist mein Auftraggeber."

Erich sah ihn fragend an. Gustav erläuterte: "Als ich die Bank satt hatte, machte ich eine Agentur für Zwischenhandel auf. Ich vermittelte zwischen Großhändlern und Wiederverkäufern, meist für ausgefallene Waren, und ging bald pleite. Dann nahm ich meine Kartei unter den Arm und wurde Teilhaber an einer Auskunftei. Schließlich wollte ich mich selbständig machen und eröffnete ein Detektivbüro."

Erich hob den Blick. Aha, das war's! Das hätte er seinem Freund nicht zugetraut. Privatdetektiv, das kannte er aus amerikanischen Fernsehfilmen. Ein Geruch von Freiheit und Gefahr umgab Gustav. Und schließlich gab es auch fette Detektive wie Cannon zum Beispiel. Seine Achtung für ihn stieg wieder. Gustav war doch immer für etwas Unerwartetes gut. Er erinnerte sich gern daran, wie er sie bei ihren Indianerspielen in immer neue Abenteuer gelockt hatte, während ihm nie irgendetwas Aufregendes eingefallen war. Deswegen hatte er ihn auch trotz allen Gegensatzes zwischen sich gemocht, langweilig war es mit ihm nie gewesen.

"Mann," seufzte Gustav, er stützte die Hand an seine Wange und blickte Erich, der neugierig und verständnisinnig zu ihm hinschaute, halb von der Seite an, "ich weiß nicht, warum ich mit jedem neuen Beruf ein neues Laster kennenlernen mußte. Erst war es die Geldgier, dann das Mißtrauen und jetzt die Eifersucht. Sieh dir den Alten dahinten an! Diese gierigen kleinen Schweinsaugen, dieser aggressive Zug um's Kinn."

Erich kam der Beleibte an dem Caféhaustischchen ganz normal vor, aber von Physiognomik hatte er zugegebenermaßen keine Ahnung. In Gustavs Metier mußte man Charaktere einschätzen können, sonst konnte man ganz schön auf die Nase fallen.

"Seine Weibergeschichten werden ihn noch in's Grab bringen. Das Mädchen da drüben - sieh dich nicht um! - war seine Sekretärin und wurde natürlich eines Tages seine Mätresse. Da kam seine Frau in mein Büro. Nicht aus Eifersucht, bewahre, sie hatte reichlich Zeit gehabt, sie sich abzugewöhnen. Sie wollte den Wohlstand einer Bankiersgemahlin möglichst bis ans Grab genießen, aber da der Zahn der Zeit an ihr wie an uns allen langsam, aber sicher nagte, fürchtete sie, daß sich ihr Mann frischerem Gemüse zuwenden und von ihr scheiden lassen würde. Kein angenehmer Gedanke für ein Luxusgeschöpf, das täglich sein Bad in Eselsmilch braucht. Ich sollte das Verhältnis zwischen den beiden beobachten und ihr Bericht erstatten, damit sie Material in der Hand hätte, wenn es zum äußersten käme."

Gustav schwieg einen Moment und schien in sich hineinzusehen.

"Du magst mir glauben oder nicht, sie gefiel mir in ihrer Jämmerlichkeit. Wie sie vor meinem Schreibtisch im Empfangsessel hockte, hilflos und doch Dame genug, um darüber wütend zu sein, daß sie sich meiner bedienen mußte, das rührte mich. Ich hatte endlich das Gefühl, einmal etwas Gutes zu tun."

Gustav lag nun fast mit dem ganzen Oberkörper auf dem Tisch. Er schlang seine schönen Hände ineinander und warf von Zeit zu Zeit einen großen, leeren Blick in den Spiegel. Erich hatte das breite Gesicht nahe vor sich, sah die regelmäßigen weißen Zähne (Trägt wohl auch ein Gebiß!), roch den warmen Kaffeeatem mit einer Spur Cognac. Er biß sich in die Lippen. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Sein Leben spielte sich zwischen Kontoren und Lagerhallen ab und hatte mit Gefühlen nichts zu tun.

"Nun, sie ist nicht mehr jung, aber gepflegt und immer noch attraktiv. Schließlich bin ich ja auch kein Jüngling mehr. Wir sahen uns häufiger, als es im Interesse der Affäre lag. Da ist es eben passiert, ich verliebte mich in sie. C'est la vie. Manches kommt eben unverhofft. Ich bin schon zwei Mal geschieden, mit Frauen hatte ich nun mal kein Glück. Und unser Geheimnis band uns gewissermaßen von vornherein aneinander. Um meine Position zu verbessern, erfand ich, muß ich gestehen, ab und zu irgendeine Scheußlichkeit, die ihr Mann wieder angerichtet haben sollte. Und so kamen wir uns immer näher, bis sie mir eines Tages schluchzend in die Arme fiel. Aber scheiden lassen wollte sie sich nicht. Wie sie mir erklärte, würde sie bei einer Trennung schlecht wegkommen, und ohne Villa, ohne Chauffeur, ohne Zweitwohnung in Monaco fand sie das Leben nicht lebenswert. Das konnte ich auch gut verstehen."

Erich nickte neiderfüllt. Manche haben's eben dicke! Zu einem Eigenheim hatte er es zwar gebracht, aber mehr war nicht drin bei den jetzigen wirtschaftlichen Verhältnissen.

Gustav sah zu Erich auf: "Es mußte etwas Entscheidendes geschehen. Wenn Verhältnisse so verfahren sind, muß man einen Stein hinein werfen, damit alles wieder in's Rollen kommt. Ich schrieb ihrem Mann einen anonymen Brief. Mein Herr, schrieb ich, mir ist zu Ohren gekommen, daß Ihre Frau einen Privatdetektiv beschäftigt, um eine kostspielige Scheidung zu erzwingen. Und tatsächlich, ein paar Tage später sitzt er vor mir. Junger Freund, sagt er, - alles was weniger Geld als er hat, ist für ihn ein Crétin - ich könnte Sie mitsamt Ihrer Agentur hochgehen lassen, aber ich tu's nicht. Wenn Sie gescheit sind, können Sie mir nützlich sein, und dabei noch gut verdienen. Und dann schlug er mir vor, seine Geliebte zu beschatten, die in letzter Zeit zu selbständig geworden sei, außerdem sollte ich seiner Frau Beruhigendes über seinen Lebenswandel mitteilen. Mir wurde klar, daß auch für ihn eine Scheidung unangenehm war. Vielleicht stand er finanziell doch nicht so gut da. Auf jeden Fall nahm ich sein Angebot an, steckte seine Bestechungsgelder ein und legte mir ein steuerfreies Konto in der Schweiz an. Und als ich fand, es sei genug, deckte ich seiner Frau den ganzen Schwindel auf. Da packte sie der Ekel vor diesem ganzen Sumpf von Intrigen - man kann ja niemand in dieser Welt trauen! - und als ich sie bat, mit mir zusammen fortzugehen und ein neues Leben zu beginnen, schlug sie ein. Du kannst dir denken, mit welchem Vergnügen ich hier noch den Aufpasser spiele!"

Er nickte mit dem Kopf zu dem schönen Mädchen am Fenster hinüber und Erich verstand. Gustav beschattete die Geliebte des Direktors und der Direktor, hinter der Zeitung verborgen, beschattete ihn, wollte wohl wissen, ob er seinen Aufgaben auch nachkam. Was für eine Welt!

Gustav schwieg. Erich lehnte sich in seinen Sessel zurück und starrte auf den Platz hinaus, über den der Schatten der Bahnhofshalle fiel. Herrgott, das war das Leben! Wüst, aber da geschah doch wenigstens etwas! Hätte er je versucht, seine Maria zu betrügen, das hätte was gegeben! Sie hatte Luchsaugen. Wenn sie ihn zum Beispiel auf Diät setzte und er trotzdem heimlich Schokolade aß, sie kam ihm drauf. Wie sie es machte, wußte er nicht. Aber vielleicht waren ihm seine Schuldgefühle in's Gesicht geschrieben. Gustav jedenfalls war von solchen Skrupeln frei, mußte es auch sein in seinem Metier. Er hatte sich schon, als sie noch Kinder waren, darüber mokiert, wenn Erich den Moralischen bekam.

Gustav richtete sich auf, die Lethargie und Übelkeit, die ihn eben noch beherrscht hatten, waren gewichen.

"Übrigens ist dies ein historischer Augenblick. In zwanzig Minuten werde ich mit Elisabeth nach Paris abreisen. Aber ich müßte von meinem Kunden noch die letzte Rechnung abkassieren. Vielleicht kannst du...?" Gustav zögerte.

Erich hatte alles mit einer Mischung von Abscheu und Lüsternheit angehört. Es drängte ihn, mit im Komplott zu sein.

"Soll ich ihn ansprechen?"

Gustav schüttelte den Kopf. "Wir dürfen in der Öffentlichkeit niemals eine Verbindung zueinander erkennen lassen. Geschäftsprinzip! Aber vielleicht kannst du mir die Summe vorschießen und sie nachher, wenn ich weg bin, von ihm erstatten lassen? Ich schreibe dir einen Brief an ihn."

Erich zog schnell entschlossen seine Brieftasche aus dem Jackett: "Wieviel ist es denn? Dreihundert, vierhundert?"

"Eigentlich sind es tausend, wenn du so viel dabeihast," sagte Gustav etwas ratlos, "aber ich brauche sie."

Er nahm die Scheine ohne hinzusehen und stopfte sie in die Rocktasche.

Erich wurde unbehaglich zumute, als er sah, wie achtlos Gustav mit Geld umging. Ja, so war er nun mal und würde es bleiben!

Gustav zog ein Notizbuch aus der Innentasche seiner Jacke: "Ich schreibe dir ein paar Zeilen an meinen Auftraggeber." Er ging an die Kasse, ließ sich einen Stift und einen Geschäftsumschlag geben und schrieb, die Schultern über die Theke gebeugt. Er kam zurück, leckte den Falz des Couverts und verschloß den Brief.

"Ich muß jetzt gehen," sagte er, stand auf und sah auf Erich, der einen gefühlvolleren Abschied erwartet hatte, herab, "bleib sitzen! Lebe wohl, du hast mir sehr geholfen. Und laß dir das Leben nicht zu sauer werden."

Er legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte fest zu. Erich sah zu ihm auf und nickte stumm. Gustav nahm seinen Koffer, der unter der Garderobe gestanden hatte, und verließ den Raum, ohne sich umzusehen. Seine imposante Gestalt mischte sich unter die Menge vor der Bahnstation. Da ging er hin, ein Mann, ein Schicksal!

Erich hatte einen Knoten im Hals, schluckte, richtete sich halb auf, um zu beobachten, ob die Femme fatale Gustav vor dem Portal erwartete, sah aber nichts und ließ sich wieder in seinen Sessel fallen.

Die Sonne hatte sich gesenkt und warf violette Schatten über die Decke. Es war still im Café. Außer Erich, der Wirtin, der Bedienung, dem Bankdirektor und seiner schönen Geliebten war niemand mehr anwesend.

Merkwürdig, seit Gustav im Dunkel der Bahnhofshalle verschwunden war, fühlte Erich sich melancholisch, er drehte den Löffel in der leeren Tasse und betrachtete den Brief. Herrn Bankdirektor Markwart stand darauf. Über den Mosaikfußboden kroch ein Schatten an ihn heran.

"Ich hätte die 1000 Zentner Raffinade doch kaufen sollen," dachte er und: "Warum fahre ich nicht auch einmal nach Paris?"

Das schöne Mädchen zahlte und ging. Ihr weißes Kleid leuchtete noch in seinen Augen, als es vom Dunkel unter den Bäumen schon verschluckt worden war. Er erhob sich und ging auf den Mann am Fenster zu, der hinter seiner Zeitung versteckt dasaß, und ihm war, als entstünde um ihn eine Blase, in der er dahinschwebte.

"Verzeihen Sie, Herr Direktor," sagte er, "Herr Mensching gab mir diesen Brief für Sie. Sie haben ja gesehen, wir saßen am gleichen Tisch. Er konnte Sie persönlich nicht ansprechen..."

Der Mann im grauen Anzug hielt die Anschrift vor seine Augen und schüttelte den Kopf.

"Das muß ein Irrtum sein," sagte er, "ich heiße Grienspan und bin Bestattungsunternehmer. Kann ich etwas für Sie tun?"

Erich kam es jetzt vor, als habe er alles schon längst geahnt, wandte sich schweigend um und kehrte an seinen Tisch zurück. Mühselig griff er in die Hosentasche, holte sein Federmesser heraus und schlitzte sorgfältig den Brief auf.

"Erich, du Unglückswurm, du naiver Trottel," entzifferte er das wilde Gekritzel auf zwei kleinen Notizblättern, "warum mußtest du einem Mann in meinem Metier in die Quere kommen, gerade als ich dringend Kohle brauchte? Ich fürchte, die tausend Mark wirst du abschreiben müssen. Aber du mußt zugeben, eine gute Geschichte ist auch ihr Geld wert!! Ciao. Dein G."

Erstaunt dachte Erich: Warum hat er mir das alles nur vorgeschindelt? Ich hätte ihm ohnehin Geld gegeben, wenn er mich darum gebeten hätte.

Doch eine innere Stimme murrte: Aber auf keinen Fall so viel!

Das Gespenst der Karibik

Der General wurde ruck zuck ermordet. Ehe er merkte, was los war, war er schon tot. Dabei hätte es wirklich ein eindrucksvolles Erlebnis für ihn sein können, wäre es ihm bewußt geworden, aber dazu fehlten die Voraussetzungen. Seine Mörder, vom CIA geheuerte Gangster, waren Profis, die tüchtig und risikolos arbeiteten. Geschäft ist Geschäft. Ein Obsthändler kann auf faulenden Birnen sitzen bleiben und ein Killer auf einem Opfer, das sich wehrt.

Aber der General wehrte sich nicht. Ahnungslos und allein saß er am Frühstückstisch und führte gerade einen Löffel Ingwermarmelade zum Munde, als ihn die Schüsse in den Rücken trafen. So nahm er diesen Geschmack hinüber in die Ewigkeit. Dort war es still, alles schmeckte nach Konfitüre und Mystik, das paßte irgendwie nicht zusammen. Dazu kam Irres, schmerzhaft Gewaltsames. " Ich bin doch wirklich der größte....", dachte der General gerade und hatte die Tischdecke mit ihren Stickmustern vor sich, er wunderte sich darüber, wollte sich erheben und den Kriegsgeräuschen nachgehen, aber sein Kopf blieb auf dem Frühstücksteller liegen, und das war's dann.

Die Killer schoben ihre mit Schalldämpfern versehenen Waffen unter die Lederjacken und sahen sich um, aber außer Kommoden mit Silbergefäßen, Porzellanvasen mit Orchideen, Nippesfiguren, außer einer großen Photographie des Generals auf dem Balkon des Regierungspalastes in der Mitte seiner zahlreichen Familie - links von ihm sein Bruder und treuer Weggefährte Leonidas, Innenminister der Junta, rechts sein Sohn Porfirio, Militärattaché in Paris, - und einem überlebensgroßen Prachtgemälde des Diktators in seiner Paradeuniform gab es nichts Bemerkenswertes. Der fanatischste unter den Exekutoren gab noch eine Salve auf das Ölbild ab, dann machten sie sich aus dem Staub, ehe die Leibwache aus den Kellerräumen auftauchte.

Das Ebenbild des Präsidenten hielt es nicht lange an der Wand. Es rutschte aus dem zerschossenen Goldrahmen und faltete sich vor den Pantoffeln der Leiche zusammen. So war das Ensemble für die Ewigkeit aufbewahrt, in der er nun schwebte zwischen Blut und Marmelade, Autorität und Hörnchen, Gewalt und Kaffee. "Ich bin doch wirklich der größte...", das war sein letzter im Vollzug abgeschnittener Gedanke gewesen. Wie sollte es weitergehen: Feldherr, Politiker, Scharlatan, Schuft, Idiot? Jedenfalls war der Gedanke sinnlos, unvollendet breitete er sich im Nirwana aus. Das ganze übrige Seelenleben erstarrte wie ein stehengebliebener Film. Anwandlungen, Assoziationen, Gefühle, Vorstellungen standen stramm und wußten nicht mehr, ob sie weiter machen sollten oder nicht. Verwirrung und Anspannung hielten sich die Waage. Man kann sich das leicht vorstellen, denn etwas, das bei einer zielgerichteten Bewegung auf ein Hindernis stößt, legt seine Energie in eine andere Form von Kraft um, kinetische Energie wird Irradeszenz. Die erloschenen Lebensmomente des Generals glichen einer schlafenden Stadt, deren Lichter gespenstisch in der Nacht phosphoreszieren.

Der General hatte nie im Leben an Gespenster gedacht, sie in Betracht gezogen, ihnen etwas abgewinnen können. Das war ein verzeihlicher Fehler für einen Realpolitiker, aber er kostete ihn sein Leben. Er hätte die plötzliche lautlose Annäherung von Geistern gefürchtet, wenn er an sie geglaubt hätte. Die übliche Vorsicht und eine Leibwache, die im Keller frühstückt, reichen nicht aus. Wie dem auch sei, jetzt lag er da, im blutigen Morgenrock vornüber auf den Teller gebeugt. In seinen glasigen Augen spiegelte sich das Wedgewood-Geschirr, das er sich als Leutnant einmal gekauft und das ihn immer begleitet hatte: auf dem Feldzug gegen die aufständischen Indios, im Exil und im Präsidentenpalast.

Da lag er nun, der Stolz seiner Familie, der Diktator zum Wohl des Landes, das gefeierte Oberhaupt der Armee, der strenge Erzieher seines Volkes, dessen Porträt in allen Amts- und Schulstuben hing, und es war aus. Es war so gründlich zuende, als sei ein ganzes Erdzeitalter vorübergegangen. Denn wenn man einmal tot ist, spielt es keine Rolle mehr, ob man vor zwei oder vor fünf Millionen Jahren lebte. Aus der Zeit war er gefallen, er, der so schnell auf die Zeit reagieren konnte, der Mann der raschen Entschlüsse und der unerwarteten Wendungen, den nichts überraschen konnte, weil er alles schon vorher bedacht hatte.

Ein Dutzend Komplotte gegen ihn waren geplant, aber beizeiten aufgedeckt worden. Seine Geheimpolizei gehörte nun mal zu den besten, seit er unter seinem von ihm gestürzten Vorgänger das Ministerium des Inneren geleitet hatte. Nun aber war er doch überrascht worden, aber es ging ihn nichts mehr an. Inzwischen nahm ein neuer Generalissimus auf dem frei gewordenen Präsidentensessel Platz und schwor mal wieder die "neue Ordnung" zu verwirklichen, indem er zunächst alle lukrativen Staatsämter an seine Verwandten und Gefolgsleute verteilte.

Der tote Diktator hatte nun schon mehr in sich als den Geschmack von Ingwermarmelade und Gewalttat. Wie eine große Blase wuchs Erstaunen in ihm. Erstaunen darüber, daß er nichts mehr konnte. Da er nichts mehr tun konnte, konnte er auch nichts mehr wollen. Er, der alles dirigiert und manipuliert hatte, mußte nun alles mit sich geschehen lassen. Es war wie eine Geburt nach innen, eine irre Sanftmut überkam ihn. Die hatte er auch nötig, um ertragen zu können, was seine Nachfolger alles anrichteten, daß seine Republik sich veränderte, wie sie sogar einmal von der Landkarte verschwand, um dann doch wieder aufzutauchen, bis sich dort, wo sie war, im folgenden Erdzeitalter ein Meerbusen breit machte, der wiederum von Gebirgsbildungen verdrängt wurde und so fort, bis endlich die Sonne verlosch und alles Leben endete.

Über diesen Betrachtungen wäre die nächste Zukunft fast vergessen worden. Beinahe wäre unbemerkt geblieben, daß der General sich erhob und gleich wieder streckte, er lag auf einem reich geschmückten Katafalk, von vielen flackernden Kerzen umgeben, die die Hitze in der stickigen Atmosphäre der Barockkathedrale noch verstärkten.

Düsteren Blicks standen einige Anhänger mit gefalteten Händen vor diesem ehrwürdigen Beispiel von Größe, Pflichtbewußtsein und Tragik. Aber das Publikum für diese Demonstration von Vaterlandsliebe fehlte. Außer ein paar unwichtigen Personen, die hier Trauer vorführten, waren die Mitglieder der alten Junta heimlich verhaftet worden und warteten auf die Ausweisung durch eine milde gestimmte neue Regierung. Mit umflorten Augen sahen die Trauergäste durch die Domportale über den staubigen in der Sonne gleißenden Platz auf den Präsidentenpalast gegenüber, wo die schwankende Menge des Volkes den neuen Machthabern huldigte.

In den Zeitungen las man, der Verblichene sei einem Herzanfall zum Opfer gefallen. Dem General war die Lüge egal, als man ihn in seiner papageienbunten Paradeuniform in einen seidengefütterten Sarg von den Ausmaßen eines größeren Kahns legte, ihm war es egal, als man den Deckel über ihm schloß, ihm war es gleich, als der innere Kreis der übriggebliebenen Günstlinge der Rede eines dürren, in seiner Uniform schlotternden Zeremoniemeisters lauschten, der der Überzeugung war, der Verstorbene werde sich einst aus seinem Grab erheben, wie Kaiser Barbarossa in der bekannten deutschen Sage.

Ein Geheimagent der neuen Regierung, der hinter einer Säule verborgen diese Szene beobachtete, lächelte verächtlich in seinen Spitzbart hinein, der auf und abwippte, als er dem neuen Staatsoberhaupt berichtete, daß die Familie des Generals beschlossen habe, den Leichnam im Ausland zu beerdigen. Dem neuen Regierungschef war es recht, nur weit weg damit. Er ahnte nicht, daß Leonidas, der Bruder des Dahingegangenen, mit dem Leichnam im Gepäck noch einiges vorhatte.

Die Reliquie sollte dem Sohn des Generals als Ausweis dienen, wenn er in das Land zurückkehrte, um die Staatsgewalt wieder in die Hände ihrer rechtmäßigen Besitzer zu legen. Porfirio, der sich sein Leben lang nicht um Politik gekümmert hatte, war etwas flau zumute, wenn er daran dachte, wie er den Ambitionen von Leo und seinen Anhängern genügen sollte. Aber wie konnte er sich ihren Forderungen entziehen, wenn Papas Nummernkonto in der Schweiz von einem Onkel verwaltet wurde, der sich unbeugsam der Reaktion verpflichtet fühlte?

Der General war vor seiner Einsargung einbalsamiert worden. Er sollte auch nach Jahren noch passabel aussehen. Aber er war nur eine Hohlform, die man ausgoß, wie man es wollte. Für ihn, wenn man in seinem Zustand noch irgendeine Selbstbezogenheit besitzen kann, gab es wirklich nur noch Leere, in seinen Augen war alles unterschiedslos geworden. Er war haltlos wie die gräßlichen Hippies, denen er vor Jahren auf öffentlichen Plätzen von Militärfriseuren die Haare auf Stiftlänge hatte kürzen lassen. Er war schrankenlos, wie er es nie vorher gewesen war.

Gewiß, als er noch lebte, war er frei gewesen, aber nie ungebunden. So wie der Kopf auf dem Körper sitzt, so war er als Führer an den Staat gefesselt, dem er vorstand. Und wie der Körper nicht immer tut, was sein Gehirn ihm vorschreibt, so begehrte auch das dumme, gierige Volk immer wieder gegen die Herrschaft der Vernunft auf und mußte durch einen unbeugsamen Willen botmäßig gemacht werden. Wie der Mönch seinen Leib kasteit, so wollte der General sein Volk zu Gehorsam und Verzicht erziehen.

Nun da er tot war, geriet alles in ihm durcheinander, er verwechselte Geist und Materie, Vorsatz und Begierde, in ihm herrschte schlicht das Chaos. Jedem anderen hätte das gefallen können, nur ihm nicht. Aber da er willenlos und demütig geworden war, mußte er sich mit diesem Zustand abfinden. Was blieb ihm auch anderes übrig? Wenn man tot ist, ist man reine Verfügungsmasse. Das galt auch für die Einschätzungen, denen er jetzt seitens der politischen Öffentlichkeit ausgesetzt war: einige nannten ihn einen Volksfreund, für seine Gegner war er ein Unterdrücker, andere sagten, er sei eine Marionette der Amerikaner gewesen, obwohl er Unabhängigkeit geheuchelt habe, manche sahen in ihm den geopferten Messias spanischer Tradition usw.

Der klare südliche Himmel schien an dem Sommerabend, als der Sarg zum Flugplatz gefahren wurde, alles mit seiner wohltuenden dunkelblauen Substanz zu durchtränken. Der Äther versuchte auch den General zu erweichen, stieg aber auf etwas Undurchdringliches. Ganz tief in ihm lag der Mord, den konnte er nicht verwinden. Es grollte in ihm, Demut hin, Demut her. Dieser Mord, von dem er selbst eigentlich gar nichts wußte, so heimlich war er geschehen. Es war ein so geschwinder Mord gewesen, daß es eigentlich gar keiner war, daß er aus jeder Zurechnung hätte ausscheiden können. Denn wovon man nichts merkt, das existiert auch nicht oder wie man so sagt, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Den General hatten nur seine Geschicklichkeit und nicht die Panzergläser und kugelsicheren Westen vor einem früheren Dahinscheiden bewahrt. Über der Sicherheit, die ihn bei seinem Jonglierspiel mit Staaten, Weltanschauungen, Parteien, Organisationen, Anhängern und Gegnern, Speichelleckern und Trotzköpfen überkommen hatte, hatte sich ihm die uneingestandene Gewißheit eingeflößt, daß er einst wie Jeremias lebend zum Himmel fahren würde, sozusagen. Nie dachte er ans Sterben als nackte Scheußlichkeit. Er würde in den Himmel der Unantastbaren eingehen. Aber nun war es unbewußt, unvorbereitet über ihn gekommen bei Hörnchen, Kaffee, Ingwermarmelade. Man hatte ihn in einem Augenblick der Schwäche erwischt, beim Frühstück, in der Zeit der Unschuld, der kindlichen Arglosigkeit. Perfide war das gewesen, aber wirksam. Er lag da und wartete darauf, daß er sich in eine Bombe verwandelte, zumindest aber in ein Gespenst.

Die Chartermaschine stand bereit, ihre Silhouette zeichnete sich scharf gegen einen orangeroten Streifen am westlichen Horizont ab. Von einem Seitenportal aus näherte sich ihr langsam eine kleine Eskorte mit dem schwarzlackierten Leichenwagen an der Spitze, dahinter leise murmelnde Mercedes. Ein Trupp Soldaten stand unauffällig im Schatten eines Hangars bereit, um eventuelle Zwischenfälle zu verhindern. Doch es geschah nichts, was sollte auch passieren? Die ganze Angelegenheit war von der neuen Regierung sorgfältig abgeschirmt worden, nichts war an die Öffentlichkeit gedrungen, kein Propagandaeffekt zu erwarten.

Die Anhänger des Generals erfaßte das schmerzliche Gefühl düpiert worden zu sein. Die Reibungslosigkeit der Abfertigung hatte etwas Maskiertes an sich. Sie standen schwarzbefrackt und unbequem an der Luke des Flugzeugs und in ihrer Verlegenheit halfen sie den Trägern den Sarg in die Türöffnung zu schieben. Dabei entfalteten sie eine unfeierliche Geschäftigkeit, die ihre nagenden Gedanken verdrängen sollte.

Im Osten war unterdes der Mond, ein zitronengelber Ball, aufgegangen, er sah riesig und unwahrscheinlich aus, ein echter Theatermond. Sein Erscheinen galt nicht den korrupten Beteiligten des politischen Spektakels, er war nur da für den General. Es war sein Mond und alles Ästhetische um ihn herum ein Mißverständnis. Der Mond, der dottergelb über die Palmen wuchs, sprach mit dem verblichenen Diktator in einer nur ihnen beiden verständlichen Sprache, deren Kernsatz lautete: Es ist alles sinnlos! So spricht der Mond auch manchmal zu Lebenden, wenn sie sich seinem Sog ausgesetzt sehen.

In einer Vollmondnacht war einst der General über den weißen Kies des hauptstädtischen Gefängnishofes auf den Trakt der Todeszellen zugeschritten. Über seinem Kopf stand scharf ausgeschnitten, kreisrund die blendende Scheibe und erhellte einen gläsernen, schwarzblauen Abgrund rings um sich. Er schien wie ein Trichter, in den alle Erinnerungen, die Freuden und Leiden der Vergangenheit und die Hoffnungen der Zukunft hineingezogen wurden. Als der General schließlich vor seinem wegen Hochverrats verurteilten Freund stand, um ihm ein Abschiedswort zu sagen, war sein Gehirn völlig leer. Er erinnerte sich an nichts, wußte kaum noch, wer vor ihm saß, konnte nichts Bedeutendes formulieren, während er mit seinen glänzenden Schaftstiefeln vor dem auf der Pritsche sitzenden Todeskandidaten auf und ab schritt. Der Gefangene wartete auf etwas, vielleicht einen Gnadenspruch, vielleicht hoffte er, den Donner des Zorns zu vernehmen, der die dürren Worte des Todesurteils vermenschlicht hätte. Aber sein ehemaliger Freund und Kampfgenosse schritt weiter gedankenleer auf und ab. Das Licht der Scheinwerfer löste seinen Schatten in kristallene Überschneidungen auf, die kreuz und quer über das offene Hemd des Verurteilten glitten. Schließlich rang sich in dem General etwas hoch, er beugte sich zu dem Zusammengesunkenen hinunter, packte seine Schultern und flüsterte mit einer Stimme wie zerbrechendes Glas die Worte: "Du bist mir doch nicht böse, Carlos...?" Da gurgelte es im Hals des Delinquenten, etwas, das vielleicht "nein" hieß, das aber anhielt wie ein Schrei, dabei klammerte er sich an den General, wie um ihn zu umarmen oder zu erwürgen, doch dauerte es kaum zwei Sekunden, da hatten die Wärter die Tür aufgerissen und seine Hände vom Hals des Präsidenten gerissen. Brüllend warf er sich zwischen den Soldaten, die ihn hinausschleiften, hin und her. Eine Minute später prasselten Schüsse auf dem Hof, und der Schrei starb mit ihnen.

Das geheime Einverständnis mit dem Mond setzte sich fort. Die Totenlade bekam Flügel und schoß in den Nachthimmel hinauf. Durch die Luken des Frachtraumes fiel Silberlicht und umglänzte den Sarg. Schwerelos schwebte der General zwischen Himmel und Erde. Manchmal schien die schwachleuchtende Fläche des Meeres umzukippen, während der Mond herabsackte, dann wieder entschwand er in unerreichbare Höhen, nur seine Spiegelung in gerippten Wellen begleitete das Flugzeug ständig. Wo der Himmel schwarz war, wimmelten Sterne.

Gläserne Schlaflosigkeit dehnte sich im Passagierraum. Die verbannte alte Junta lag, erschöpft von den Anstrengungen und Schrecken der letzten Tage, kreuz und quer in den Sitzen. Mit rotgeränderten Augen sah man in die Nacht hinaus und kam sich vor wie in einem sich endlos fortträumenden Traum. Dem künftigen Präsidenten war, als würde die Reise zum Grabe des Vaters eine Weltraumfahrt, in der sich Sterne wie Inseln zur Ruhe anböten. Doch wie weit war es dahin und ehe man dort war, war man vielleicht selbst schon tot. Der Gedanke überfiel ihn mit erschreckender Wucht: Tote, die einen Toten begleiten! So sah er endlose Prozessionen wie schwarze Würmer durch das Universum kriechen.

Das monotone Brummen der Motoren schläferte ihn ein, doch hielt er die brennenden Augen auf die Tür zum Frachtraum geheftet, als könnte er, wenn er nur wach und aufmerksam bliebe, den Toten dahinter festbannen und alle schlimmen Gedanken, die er einflößte.

Doch es war vergeblich. Es war, als bräche er mit seiner verzweifelten Anstrengung, ihn draußen zu halten, die Klinke ab. Beharrlich und langsam öffnete sich die Tür und aus dem spukhaften Dämmer, den die Mondstrahlen um den Sarg webten, schwebte der General in seiner kostbaren, grünlich aufglühenden Uniform durch den Raum. Blut tropfte aus Löchern in der ordenbesetzten Jacke. Seine Augen waren geschlossen. Mit der preziösen Fingerhaltung gotischer Statuen wies er auf seine Wunden.

"Ecce homo", seufzte sein Sohn und fuhr auf. Die Tür zum Frachtraum stand dunkel und geschlossen am Ende des Ganges. Das Mondlicht glitzerte auf dem Meer und blendete ihn. Er zog die Vorhänge vor das Fenster und dämmerte vor sich hin.

Später träumte er, daß er in hellstem Licht Arm in Arm mit seinem Vater auf ein pompöses Grabmal zuschritt. Der General schleifte die Füße nach, schließlich mußte ihn Porfirio unter die Achseln packen, am Ende schleppte er ihn auf dem Rücken dem gähnenden Loch der Gruft entgegen, über dem sich barocke Skulpturen aufreckten. Allmählich nahm das Gewicht zu, er ging in die Knie, versuchte sich noch einmal hochzustemmen und brach zusammen. Sein Vater war Marmor geworden.