Der Schmuggelhund - Carmen Sternetseder-Ghazzali - E-Book

Der Schmuggelhund E-Book

Carmen Sternetseder-Ghazzali

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Beschreibung

Wenn man elf Jahre alt ist und sich schon immer einen Hund gewünscht hat, kann man nicht wissen, dass ein kleiner Hund nichts als Faxen im Kopf hat. Schlimm genug, dass Lilies Familie überhaupt keine Ahnung von Hunden hat und in jedes Fettnäpfchen tritt, von Dreckwälzen bis wilde Schafsjagd. Aber als sie dann auch noch in den Sommerferien mit der kleinen Hündin Killa in den Urlaub nach Marokko fahren, wird es bitterernst. Killa gerät in große Gefahr und Lilie muss sehr, sehr mutig sein, sonst werden sie die kleine Hündin für immer verlieren. Ein überaus amüsant geschriebener Kinderroman, der zu Herzen geht, für alle kleinen und großen Leute von 7-99.

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Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Carmen Sternetseder-Ghazzali

Der Schmuggelhund

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Biss

Des Jägers beste Freundin

Zehenjagd

Müllschlucken und Müllspucken

Rotbart tobt

Das achte Kackwunder

Nur Blödsinn im Kopf

Der Boss

Die Ausreißerin

Vom perfekten Welpen

Ein Löwe fährt U-Bahn

Von Hornissen und Mäusen

No perros!

Vertreiben Hunde Engel?

Wilder Besentanz

Von Unsitten wie Poporiechen

Das ekeligste Wildschwein der Welt

Große Wüstenhunde

Der Rüde mit dem weißen Bruststern

Zack bumm. Tot!

Vom Menschsein und Hundsein

Himmel oder Hölle?

Liebestoll

Jägerhuts Angebot

Impressum neobooks

Der Biss

Gleich würden sie ihren Welpen haben! Glücklich stapfte Lilie durch den hohen Schnee auf das Haus zu. Ob der Welpe schon auf sie wartete? Sie klingelte. Ein Hund fing an, laut zu bellen. Bestimmt die Mutter des Welpen, dachte Lilie. Kurz darauf ging die Tür einen Spalt auf. Ein riesiger Mann schob seinen Kopf heraus. Er trug einen grünen Hut mit einer roten Feder daran. „Grüß euch Gott! Ihr kommt wegen der kleinen Hündin?“, sagte er.

„Ja, genau! Grüß Sie Gott!“, sagte Lilies Mutter, da fegten ein großer Hund und ein kleiner Hund nach draußen. Aber wie! Der große Hund rempelte Lilie so grob an, dass sie vor Schreck ihren Kaugummi verschluckte. Dieser saß nun wie ein Kartoffelkloß in der Kehle fest. Sie hüstelte, während der große Hund laut bellend um die Mutter, Ilias und Lilie herumsprang. Wie um ein Lagerfeuer. Wie bei einem Kriegstanz. So hatte sie sich das Ganze nicht vorgestellt. „Ist der Welpe für dich?“, fragte der Mann Lilie.

Lilie machte bloß ein gurgelndes Geräusch. Alle starrten sie an. Auch der große Hund. Nur der kleine Hund flitzte um sie herum. Sie hustete noch einmal. Da sprang der Kaugummi in hohem Bogen geradewegs vor die Schnauze des Welpen. Der bremste augenblicklich. Fast wären seine Hinterbeine über seine Vorderbeine gestolpert. Lilie kicherte. Dann beschnupperte der Welpe neugierig den Kaugummi. Der war im Grunde ein riesiger pinkfarbener Gummibatzen. „Nein!“, quietschte Lilie. Sie befürchtete, er würde ihn verschlingen.

Der Welpe guckte sie an. Offenbar hatte ihm Lilies Kreischen gefallen, denn er drückte seinen Po jetzt so begeistert und eifrig auf den Boden, dass ihm vorne ein Knurren entwich. Oder war es hinten? Ein Furz?

Lilie lachte. Sie wollte sich bücken, um den Kaugummi aufzuheben, da geschah es: So schnell. So unerwartet. So gemein. Ein spitzer Hieb, ein Hack, sekundenkurz, schmerzhaft, wie der Griff in ein Nadelkissen. Der Welpe hatte nach ihrer Hand geschnappt und sie erwischt. Eiskalt.

„Au!“, kreischte Lilie. Ein Blutstropfen bildete sich auf ihrer Hand. Blitzschnell waren die Bilder in ihrem Kopf. Als sie im vergangenen Herbst mit ihrem Fahrrad durch den Stadtpark gefahren war, war ein Hund schnurstracks auf sie zugelaufen und hatte sie in die Wade gezwickt. Oder ein anderes Mal hatte sich Rotbart, ihr Kater, mit einer blutüberströmten Pfote nach Hause geschleppt. Ein Hund hatte ihn gebissen. Ein Husky, wie eine Nachbarin sagte, die es vom Küchenfenster aus beobachtet hatte. Zornig blickte Lilie auf den Welpen. Der kaute genüsslich auf dem pinkfarbenen Gummibatzen herum.

Die Mutter kramte ein Taschentuch aus ihrer Manteltasche hervor und tupfte den Blutstropfen weg.

„Welpen haben sehr spitze Zähnchen. Ich hole ein Fläschchen Jod“, sagte der Mann und verschwand im Haus.

Währenddessen schob der Welpe den pinkfarbenen Gummibatzen von einem Backenzahn zum anderen.

„Nicht schlucken!“, schrie Ilias nun auch erschrocken. Seine sonst tiefe Trompetenstimme klang sehr, sehr hoch. Wie eine Flöte. Er versuchte, den Welpen am Geschirr zu packen, doch der sprang geschickt beiseite.

Ilias versuchte es noch einmal. Da schnappte der Frechdachs auch nach seiner Hand.

„Au!“, rief Ilias.

„Jetzt ist genug!“, sagte der Mann, der mit einem Fläschchen Jod zurückkam. „Labradormischlinge schnappen nach allem, was ihnen vor die Schnauze kommt. Und wenn etwas einmal in ihrem Maul ist, geben sie es ungern wieder her.“ Er reichte der Mutter das Jodfläschchen, griff dann blitzschnell in die Schnauze des Welpen und zog den Kaugummi heraus.

Ilias klatschte laut in die Hände. In dem Moment knurrte der große Hund. Dabei kräuselte er seine Lefzen so, dass seine weißen, spitzen Zähne hervorblitzten. Erschrocken hob Ilias die Arme, als hätte jemand „Hände hoch!“ gerufen.

„Keine Angst! Babe ist heute etwas durch den Wind. Schließlich wurden heute schon sieben abgeholt. Sieben auf einen Streich. Das haut auch die beste Hündin um“, meinte der Mann. Und zu Babe sagte er: „Tsssst, hierher!“ Jetzt verstummte die Hündin schlagartig. Sie klappte die Schlappohren nach hinten und trottete brav zu dem Mann, um sich neben ihn zu legen und „Platz“ zu machen. Der Welpe tat es seiner Mutter nach.

Lilies Mutter tupfte etwas Jod auf ihre Wunde.

Sieben auf einen Streich. Was meinte er damit? Lilie dachte nach. Logisch, die Welpen! Mitleid durchflutete sie. Die Arme! Sie verlor an einem einzigen grauen Wintertag alle ihre Kinder. Wie grausam! Plötzlich sah sie die Hündin mit ganz anderen Augen.

In Ilias ging derweil etwas ganz Anderes vor. „Sagten Sie vorhin Labradormischling?“, fragte er plötzlich misstrauisch.

„Ja, warum?“, meinte der Mann und hob erstaunt die Augenbrauen.

Ilias blickte zu seiner Mutter.

„Du hast gesagt, wir holen einen Pitbull.“

„O nein“, widersprach die Mutter und schraubte das Jodfläschchen zu. „Du hast immer von einem Pitbull gesprochen. Ich habe gesagt, wir holen einen Bullenbeißer.“

Sie setzte ihr süßestes Lächeln auf, reichte dem Mann das Jodfläschchen und bedankte sich.

„Ja, eben, einen Pitbull“, rief Ilias.

Jetzt lachte der Mann laut. „Weißt du, was ein Bullenbeißer ist?“, fragte er.

„Ein Kampfhund“, erwiderte Ilias.

„Nein. Bullenbeißer nannte man früher die Boxer“, erklärte der Mann.

„Bullenbeißer? Echt?“, sagte Ilias belustigt.

„Was ist dabei so lustig?“, fragte der Mann misstrauisch.

„Bulle ist ein Schimpfwort für Polizisten“, erwidert Ilias.

„Ach so. Mit Bullen sind hier aber Bären gemeint. Boxer waren früher ausgezeichnete Bären- und Wildschweinjäger. Heute sind sie eher Familienhunde, obwohl in ihnen noch dieselbe Kraft steckt. Der Vater eures Welpen ist ein Boxer“, sagte er. „Aber was den Pitbull betrifft – ein toller Hund, treu bis in den Tod, aber den darfst du in Bayern nicht so einfach führen. Ein Pitbull ist ein Listenhund. Und als ersten Hund würde ich niemals einen Listenhund nehmen. Niemals! – Übrigens …“, fügte er hinzu und zeigte auf Babe. „Sieht so ein Pitbull aus?“

Natürlich sah so kein Pitbull aus. Ilias blickte zerknirscht zu der Hündin, die jetzt still neben ihrem Besitzer lag. Lilie guckte ebenfalls zu ihr und dachte, wie hübsch sie doch war. Wie sie die Pfoten jetzt so von sich streckte, das sah richtig elegant aus. Und das Fell erst. Wie in Honig getaucht. Und dazu gelbe Augen. Gelb! Sie leuchteten in ihrem sandfarbenen Gesicht wie kleine Sonnen. Ja, sie war wunderschön. Sie war eben reinrassig.

Ganz anders der Welpe. Lilie war noch immer böse auf ihn. Sie sah zu ihm. Sein sandfarbenes Fell war gesprenkelt mit schwarzen Flecken und um seine Augen verlief ein pechschwarzer Strich. Rundherum. Das gab seinen klaren, bernsteinfarbenen Augen eine Schärfe, einen gefährlichen Glanz. Aber vom Fell her war er eben ein Mix. Eine Mischung aus seiner hellen Labradormutter und seinem schwarzen Boxervater. Und wenn man genau hinsah, sah er am ehesten noch wie diese Tiere aus dem Fernsehen aus. Die, die hinter den Löwen herhinken, um an ihre Fleischreste zu kommen. Wie hießen die noch mal? Ach ja! Hyänen! Genauso! Nur dass er nicht hinkte.

Wenn jemand Lilie in diesem Moment gefragt hätte, ob sie den Welpen wirklich haben wollte, hätte sie Nein gesagt. Wer will schon einen Hund, der wie eine Hyäne aussieht, Augen wie ein Dämon hat und beißt?

Des Jägers beste Freundin

Lilie fand das sooo langweilig, was der Hundebesitzer dann erzählte, als sie im Wohnzimmer vor einem riesigen Aquarium mit kleinen, bunten Fischen standen. Wörter wie Hundepass, Welpenfutter, Kacka-Gewohnheiten und Impfungen rauschten an ihrem Ohr vorbei. Gähn! Sooo langweilig! Lilie guckte lieber den Fischen zu, wie sie hinter dem Glas hintereinander herflitzten.

Danach betrachtete sie die Wände. Da hingen wirklich allerhand interessante Dinge. Hirschgeweihe, daneben ausgestopfte Tiere. Fasane, ein Fuchs und ein Luchs. Warum hing man sich tote Tiere an die Wand?

„Waren das alles mal Ihre Haustiere?“, unterbrach Lilie den Mann.

Der lachte laut auf. „Nein, meine Haustiere waren das nicht. Wer hält sich schon einen Luchs? Das sind meine Jagdtrophäen“, sagte der Mann grinsend. „Ich bin Jäger.“

Lilie hatte im Flur einen Hut mit einer Feder liegen sehen, einen Jägerhut. Von nun an nannte sie den Mann in Gedanken „Jägerhut“.

„Und die“, sagte Jägerhut und zeigte dabei auf Babe, die ihn treuherzig ansah, „ist des Jägers beste Freundin.“ Jetzt lächelte er wie einer, der sich Hals über Kopf verliebt hatte.

„Wie meinen Sie das?“, fragte Ilias und sah den Mann aufmerksam an.

„Na, sie stöbert alle erschossenen Fasane auf“, schwärmte der Mann.

„Und was macht sie damit?“ Ilias Augen glitzerten jetzt. Er hatte verstanden, was Babe für ein Hund war, und es schien ihm zu gefallen. Sehr zu gefallen, denn er tätschelte ihren Kopf. Babe ließ ihre Rute kräftig hin und her schwingen.

„Na, ist doch logisch, sie bringt die Beute zu mir. Das nennt man Apportieren. Dafür hat man den Labrador ja ursprünglich gezüchtet. Das ist sein Job“, erklärte er. „Das Schlimmste sind Labradore, die sich langweilen. Solche, die man in einer Stadtwohnung hält und mit denen man zwei- oder dreimal täglich kurz im Stadtpark Gassi geht. An der Leine, versteht sich! Grässlich! Ein Labrador muss laufen, schnüffeln, stöbern, jagen, apportieren.“

Lilie warf Ilias einen betroffenen Blick zu. Sie sah, wie seine Lippen zitterten, denn sie lebten in einer Wohnung am Stadtrand. Zwar befand sich hinter ihrem Wohnblock ein mit Dornengestrüpp und Kiefern bewachsener Hügel und dahinter lag eine verwilderte Heidelandschaft. Aber die durfte man bis vor Kurzen nicht betreten. Wegen der Schießereien. Also Übungsschießerereien. Hier wurden Soldaten ausgebildet. Nun war die Kaserne aufgelöst, die Soldaten fort und zurück blieb diese verwilderte Heidelandschaft mit lauter Tümpeln und Wäldchen. Aber Lilie war noch nie dort gewesen und sie hatte nicht vor, mit dem Welpen dort hinzugehen.

„Hinter unserem Haus gibt es eine Heide voller Kaninchen“, sagte Ilias.

„Wow! Das ist ja wunderbar“, meinte Jägerhut. „So, das wäre es“, sagte er dann und drückte der Mutter den Hundepass und einen Beutel mit Welpenfutter in die Hand. „Nun nehmen Sie Ihren Welpen mit. Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit ihm. – Halt! Noch etwas: Lassen Sie ab und zu von sich hören. Mich interessiert, wie sich der Kleine entwickelt. Ein kurzer Anruf, das genügt.“ Sie gingen zur Haustür. „Und sollten Sie die nächsten Monate mit dem Gedanken spielen, den Kleinen in ein Tierheim zu geben, rufen Sie bitte zuerst bei mir an. Ich weiß um die Qualität des Hundes. Ich kann ihn womöglich woanders unterbringen.“

„Aber nein“, rief die Mutter entsetzt. „Wir würden doch niemals …“

„Niemals?“ Jägerhut sah sie streng an. „Sagen Sie das nicht! Dreiunddreißig Prozent aller Hundehalter geben ihren Hund noch im ersten Lebensjahr wieder ab. Entweder weil der Hund zu anstrengend ist oder weil er Macken entwickelt hat, mit denen sie nicht zurechtkommen. Weitere dreiunddreißig Prozent trennen sich im Laufe der ersten fünf Jahre von ihrem Hund. So, und jetzt dürfen die Kinder ausrechnen, wieviel Prozent den Hund für immer behalten.“

„Vierunddreißig“, sagte Lilie.

„Exakt! Vierunddreißig Prozent behalten ihren Hund lebenslänglich. Ein Labrador-Boxer lebt im Durchschnitt zwölf Jahre. Das ist eine lange Zeit. – Und nun viel Spaß mit dem Welpen und auf Wiedersehen.“

„Na, lieber nicht“, witzelte Ilias.

Jägerhut grinste vielsagend, hob den Welpen hoch und drückte Ilias das Fellbündel in die Arme.

Babe wedelte kurz mit den Schlappohren. Das rührte Lilie. Es sah aus wie winke, winke. Doch ihre Augen sahen traurig aus.

Auf der Heimfahrt schlief der Welpe, wie zu einer Kugel gerollt, in Ilias' Schoß. Ilias kraulte seinen Kopf. Das war ein Zeichen, dass Ilias glücklich war, fand Lilie. Er hatte sich schon immer einen Hund gewünscht. Seit seinem sechsten Lebensjahr. Lilie erinnerte sich, dass er damals für Zwergpudel und Chihuahua schwärmte. Für Rassen, die man wie eine Kasperpuppe mit sich herumtragen konnte. Später hießen seine Favoriten Pitbull, Amstaff und Dobermann. In seinem Zimmer hatten schon einmal eine zeitlang eine Metallleine und ein Zackenhalsband an der Wand gehangen. Das sah furchterregend aus. Später hatte er die Leine und das Halsband einem Freund geschenkt, der sich für eine Faschingsfeier als Punk verkleidete. Das, so erklärte Ilias Lilie, sind Leute mit bunten Haaren, die manchmal so Zackenhalsbänder um den Hals tragen, um die Leute zu erschrecken. Lilie würde einem Hund niemals so ein Zackenband um den Hals hängen.

Als sie auf die Autobahn fuhren, hob der Welpe den Kopf, blickte aus dem Fenster und jaulte kurz auf. Mit einem Seufzer rollte er sich dann wieder zu einer Kugel zusammen. Da nahm Lilie zärtlich seine Pfoten in die Hand. Die Ballen waren schwarz und fühlten sich wie die Haut eines Pfirsichs an. Weich und warm. Lilie schnupperte daran. Himmlisch! Wie Joghurt.

Sie drückte fest auf eine Pfote. Schwarze Krallen traten hervor, spitz wie Nägel. Und kleine Schwimmhäutchen taten sich zwischen den Ballen auf. Wie bei einem Frosch. Jetzt das Gebiss! Sie schob ihren Zeigefinger zwischen die Lefzen. Sie fühlten sich warm und feucht an. Vorsichtig hob sie die obere Lefze an. Spitze, weiße Zähnchen kamen zum Vorschein. Lilie fuhr sie mit der Kuppe ihres Zeigefingers ab. Sie fühlten sich wie das Sägeblatt einer Säge an. Fest drückte sie dagegen. Das waren Zähne eines Raubtieres. Ein kleiner Schmerz fuhr ihr durch die Kuppe.

Da öffnete der Welpe sein Auge. Die rot umrandete Iris leuchtete matt. Das sah gefährlich aus. Rasch zog sie den Finger heraus. Müde schloss der Welpe wieder seine Lider. Aber Lilie konnte es nicht lassen. Nun zog sie die untere Lefze ein wenig herunter. Sabber tropfte heraus. Und, huch! Auf der Lefze befanden sich kleine Zapfen. Sie waren glitschig weich und knickten beim Entlangstreifen unter ihrer Fingerkuppe um. Das war ein komisches Gefühl.

Zuletzt steckte Lilie ihre Nase ganz tief in den Pelz des kleinen Hundes und sog seinen Duft ein. Er roch so gut. Nach Pfannkuchen und Waldboden.

Der kleine Hund ließ sich alles gefallen. Er vertraute der Welt. Sie war für ihn bisher ein guter Ort gewesen. Und bei ihnen würde er es auch gut haben.

Lilie hatte ihm nun längst wieder verziehen. Sie spürte das Glück wie Blubberbrause durch ihre Adern sprudeln. Juhuuu! Sie hatten einen Welpen. Jetzt mussten sie nur noch ihren Vater von ihm überzeugen.

Zehenjagd

Der Vater war zu Hause geblieben. Er mochte Hunde nicht sonderlich und hatte es für einen Scherz gehalten, als sie sagten, heute würden sie den Welpen holen. Als sie Stunden später nach Hause kamen, glaubte er es noch immer nicht. Das Fellknäuel, das Ilias stolz ins Wohnzimmer trug, hielt er zunächst für ein Stofftier. Und als das Fellknäuel seinen Kopf hob, die Ohren spitzte und sich neugierig im Wohnzimmer umschaute, redete er sich ein, dass er schon einmal ähnliche batteriebetriebene Stofftiere gesehen habe, die sich exakt so bewegten. „Was hat der Quatsch gekostet?“, fragte er deshalb mit der Lässigkeit eines Familienvaters, der alles im Griff zu haben glaubte.

„350 Euro“, antwortete die Mutter.

„So. Und wie lange hält die Batterie, bis das Ding im Eck landet?“

„Zwölf Jahre“, antwortete die Mutter und verschwand in der Küche.

In dem Moment machte der kleine Hund „Wuff!“. Er zappelte und versuchte, von Ilias Arm zu springen.

Da wusste der Vater, was er natürlich schon längst gewusst hatte, aber nicht wahrhaben wollte. Nämlich, dass der Hund echt war. Eine Art Schockstarre überkam ihn.

Ilias hielt den Hund fest im Arm.

Der Vater sah, wie die Kulleraugen des kleinen Hundes abenteuerlustig im Wohnzimmer umstreifte. Alles guckte sich der Welpe an: Die Bücher in den Regalen. Die wuchtigen Kerzenständer auf dem weißen Klavier. Das Klavier selber. Rotbarts Sofa. Die bunte Decke darauf. Die Stoffmaus, die seitlich herunterhing. Zuletzt den Vater, der auf der Couch lag und sich langsam die Decke über die Ohren zog.

Der kleine Hund wedelte mit dem Schwanz.

Lilie wunderte sich. Die ganze Zeit über hatte er nicht mit dem Schwanz gewedelt. Erst als er den Vater ansah. Er unterschied also bereits mit acht Wochen zwischen Menschen und Dingen, zwischen Lebendigem und Leblosem. Das war doch einmalig. So etwas war in keinem Schulbuch zu lesen. Eine Pflanze, eine Ameise und ein Käfer waren dazu nicht fähig. Ameisen und Käfer krabbelten einem einfach über die Finger und hatten keine Ahnung, dass der Finger zu einem Wesen gehörte, das sie zerquetschen konnte. Selbst Menschen täuschten sich manchmal. Lilie hatte schon von Schiffbrüchigen gelesen, die den Rücken eines Buckelwals mit einer Insel verwechselt hatten.

Ob dem Vater das auch aufgefallen war? Der sah den Welpen mit finsterem Blick an.

„Was ist das für eine Rasse? Wie groß wird der?“, fragte er.

„Ein Labrador-Boxer“, sagte Ilias und grinste breit, denn er wusste ganz genau, dass sein Vater keine Ahnung von Hunderassen hatte. In dem Land, in dem der Vater aufgewachsen war, gab es in den Bergen Windhunde. Die hießen Sloughi. Dürre Gesellen, die wie Stürme durch die Täler fegten. Und in den Städten gab es massenhaft Straßenhunde. Bei denen fragte keiner nach der Rasse. Wurden sie lästig, bewarf man sie mit Steinen. Auch der Vater hatte sich jetzt bewaffnet. Mit einem Teelöffel, der auf dem Wohnzimmertisch gelegen hatte.

Der Welpe purzelte von Ilias Arm. Kaum berührten seine Pfotenballen den Boden, ging er ab wie ein Tornado. Zuerst fegte er zu Rotbarts Sofa. Er beschnupperte es geräuschvoll. Es klang wie ein Igel. Dann schnappte er nach der Maus, riss sie ab, kaute auf ihr und verschluckte sie. Weiter ging es schnurstracks – hopp! – auf die Couch.

„Hey!“, rief der Vater erschrocken und zog sich die Decke ganz über den Kopf. Der kleine Hund trappelte beherzt auf der Brust des Vaters herum, bis dieser wütend die Decke von sich schleuderte. Beinahe wäre der kleine Hund zusammen mit der Decke auf den Boden geflogen. Aber ein kühner Sprung auf die innere Couchseite rettete ihn. Jetzt, ohne Decke, lag das Gesicht des Vaters blank.

Und der Welpe tat, was Welpen so tun, wenn sie auf höherrangige Hunde treffen. Er sprang über das Gesicht des Vaters und begrüßte ihn, indem er mit seiner Zunge über dessen Mundwinkel wischte.

„Pfui!“, rief der Vater und rammte dem kleinen Hund die Löffelspitze in die Seite. Der Welpe quiekte schrill und sprang von der Couch.

Auch der Vater sprang auf.

„Wuff!“, meldete sich der Welpe und zwickte den Vater mit seinen spitzen Zähnen kräftig in die Zehen.

„Aua!“, rief der Vater und hüpfte kreuz und quer durch die Wohnung.

Der Welpe, der offenbar eine Vorliebe für haarige Männerzehen hatte, lief hinterher und kläffte vor Freude. Das war ein Spiel ganz nach seinem Geschmack!

Lilie und Ilias bogen sich vor Lachen.

„Ich weiß jetzt, wie der Welpe heißt“, rief Ilias vergnügt. „Killa! Killa mit a hinten dran!“

Lilie fand den Namen prima. Nur der Vater brüllte wie ein Ochs am Spieß.

„Nimm den Köter weg!“, schrie er.

„Köter? Das ist kein Köter“, sagte Lilie böse.

Ilias schnappte sich Killa und ging mit ihr in sein Kinderzimmer.

Der Vater rang nach Luft.

„Wie kannst du nur einen Hund anschleppen?“, fragte er nach einer Weile die Mutter, als die zurück ins Wohnzimmer kam.

„Das fragst ausgerechnet du?“, erwiderte sie streng. „Du hast vor zwei Jahren einfach eine Katze nach Hause gebracht. Jetzt sind wir quitt!“

„Wie bitte? Willst du damit sagen, eine Katze ist wie ein Hund?“

„Klar. Beide brauchen ihr Fressen und man muss mit ihnen zum Tierarzt, wenn was ist.“

„Aber hör mal, eine Katze ist selbstständig. Die geht von alleine raus, wenn sie muss.“

„Aha, und zum Tierarzt geht sie auch alleine? Und erinnerst du dich an das widerliche Katzenklo? Und wie lange es gedauert hat, bis der Kater gelernt hat, draußen sein Geschäft zu verrichten? Bis dahin habe ich meistens das Katzenklo gesäubert“, sagte die Mutter. Aus Spaß meinte sie dann: „Das können wir dem Hund ja auch beibringen, dass er alleine rausgeht, wenn er muss.“

„Wie bitte? Willst du den Hund etwa wie eine Katze halten? Mit einem Hund muss man Gassi gehen“, sagte der Vater.

„Was du nicht sagst! Du hast ja doch Ahnung von Hunden“, sagte die Mutter. „Ach, da fällt mir ein: Du wolltest doch schon seit Jahren anfangen, zu joggen, oder?“

Der Vater murmelte etwas Unverständliches.

„Der Hund ist deine Chance“, sagte die Mutter schmunzelnd.

„Nein, der Hund muss wieder weg.“

„Warum muss der Hund wieder weg?“, meldete sich jetzt Lilie zu Wort und machte ihr Schlafpuppengesicht.

„Hunde vertreiben die Engel. Deshalb muss der Hund wieder weg. Und zwar so schnell wie möglich. Morgen kümmere ich mich darum. Ich bringe ihn ins Tierheim.“

„Hunde vertreiben die Engel? Wo hast du so einen Quatsch her?“, fragte die Mutter.

„Quatsch? Das haben die Alten bei uns immer gesagt.“ „Das ist Aberglaube. Das ist so wie mit den schwarzen Katzen, die Pech bringen sollen“, sagte die Mutter energisch.

„Deswegen haben wir ja auch eine rote Katze“, erwiderte der Vater und grinste ein bisschen.

Die Mutter sah das Grinsen nicht. Sie war jetzt richtig in Fahrt.

„Außerdem gehört der Hund nicht dir“, sagte sie streng. „Er gehört Ilias. Er ist sein Geburtstagsgeschenk. Seit seinem sechsten Lebensjahr wünscht er sich einen Hund. Jetzt hat er ihn zum sechzehnten Geburtstag bekommen.“

„Aha! Aha! Aha! Und wer zahlt das Futter? Die Tierarztkosten? Die Steuern? Wer zahlt mit seiner Zeit und geht täglich mit dem Hund raus?“

„Wir!“, erwiderte die Mutter.

„Wir? Du meinst du und ich? Aber weshalb sollte ich für einen Hund zahlen, den ich nicht will?“

Lilie sah, dass das Gesicht des Vaters jetzt zornesrot war.