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Wer möchte sich schon mit einem Flüchtlingsjungen anfreunden, der an einem eisigen Wintermorgen barfuß im eigenen Klassenzimmer auftaucht? Und der außerdem rotzfrech ist, Cola aus der Dose trinkt und obendrein behauptet, er käme aus dem Rauchundfeuerland? Mit Arasch möchte keiner so wirklich etwas zu tun haben. Nur Bianca wagt es und verteidigt Arasch immer wieder vor der Klasse. Eine Freundschaft entsteht. Das ist spannend, aber auch schwer. Es gibt Tränen und Intrigen, Streit mit Freundinnen, und immer wieder die Angst, ausgelacht zu werden. Aber als plötzlich im nächtlichen Stadtpark drei seltsame, zottelige Kerle im Gangster-Outfit auftauchen, wird alles anders.
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Carmen Sternetseder-Ghazzali
Rauchundfeuerland
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der verstaubte Globus
Ausgesperrt
Wahre Schätze miefen
Wo liegt Betlehem?
Die Kamikaze-Uhr
Ein stürmischer Ozean
Mücke gegen Elefant oder David gegen Goliath
Ochsenkopf
Galgen-Papperlapapp
Strichmännchen im Sand, verweht
Schwimmen über den Ozean
Wer bezahlt die Uhr?
Geschichte vom treuen Mungo
Brennende Vorhänge
Spreu vom Weizen
Ein Zauberer auf Schlittschuhen
Gontäna
Schwarze Löcher
Tragödie auf dem Teich
Im Himmel
Metall im Körper
Die Sache mit Frau Stahl
Einer unter vielen
Impressum neobooks
Alles fängt so an: An einem eisigen Wintervormittag, mitten im Unterricht, kommt Frau Rötelstein, unsere Direktorin, mit einem fremden Jungen in unser Klassenzimmer. Der Junge sieht wirklich merkwürdig aus. Seine rabenschwarzen Haare stehen büschelweise in alle Richtungen und seine lila Strickjacke ist viel zu groß und voller Löcher. Löcher, groß wie Murmeln. Einige aus der Klasse fangen an, zu lachen. „Schau mal auf seine Füße“, flüstert Nina, meine beste Freundin, in mein Ohr. Ich gucke auf seine Füße und kann nicht glauben, was ich sehe. Er trägt bloß schmutzige Flipflops. Sonst nichts. Im Winter. Seine Zehen sind schon ganz blau vor Kälte. Das kann nicht wahr sein. Welche Mutter schickt ihr Kind an einem eisigen Februarmorgen barfuß in die Schule? „Bestimmt sind die Zehen nur blau angemalt“, sage ich.
„Meinst du? Vielleicht macht Frau Rötelstein mal wieder einen Scherz, so wie letzten Sommer“, sagt Nina grinsend. Ich nicke still und denke, ja, es muss mal wieder einer ihrer Scherze sein. Frau Rötelstein ist nämlich die witzigste Direktorin der Welt. Oder welche Direktorin plumpst sonst noch auf dem Sommerfest in den Schulteich? Ihr ist das passiert. Und als sie wieder herauskrabbelte, saß ein Frosch in ihren Haaren. Saß? Nun ja, er hatte sich eher mit seinen grünen Beinchen darin verfangen und zappelte um sein Leben. Frau Rötelstein kreischte und drehte sich im Kreis wie eine Ballerina. Natürlich lachten alle. Unser Hausmeister fischte ihr den Frosch, ebenfalls laut lachend, aus den Haaren. Bis heute weiß keiner, ob Frau Rötelstein versehentlich in den Teich gefallen ist oder bloß einen Scherz gemacht hat. Die meisten glauben, es war ein Scherz. So gesehen, ist dieser Junge vielleicht jetzt auch ein Scherz. Gleich wird er seine richtigen Klamotten und Winterstiefel auspacken, und ...
„Quatsch“, zischt Denise, die hinter uns sitzt und unser Gespräch gehört hat. „Der kommt aus dem Container.“ Wir gucken sie an. Sie nickt ernst und fährt sich mit den Fingern durch die Haare. Auf ihren Fingernägeln sind angepappte Totenköpfe zu sehen. Keine Ahnung, wo man so etwas bekommt. Aber als sie „Container“ gesagt hat, habe ich sofort gewusst, was sie meint. Nämlich das riesige knallrote Blechding, das neuerdings bei uns im Park steht. Es sieht aus wie eine Tonne, eine Mülltonne mit Fenster, bloß viel größer und knallig rot. Keiner weiß, wie es hierherkam, aber jeder will, dass es wieder verschwindet. Es steht seit ein paar Tagen mitten bei uns im Park. Aber nicht nur das. Sondern auch mitten auf der Fußballwiese, zwischen den beiden Toren. Klar, dass die Jungs aus meiner Schule da sauer wurden. Jaromir, der große Bruder von Denise, schoss vor Wut gleich eine der Scheiben kaputt. Wo sich vorher das Fensterglas befand, hat jetzt jemand Pappe reingeschoben.
„Das ist Arasch Lahuti“, stellt Frau Rötelstein nun den Jungen vor. „Er musste aus seinem Land fliehen und hat schon einiges hinter sich. Heute ist sein erster Tag in einer deutschen Schule. Davor hat er unterwegs viele Monate in einem Lager gelebt. Dort hat er Deutsch gelernt. Er spricht schon gut deutsch. Er ist fleißig“, sagt sie und lächelt den Jungen an. Er lächelt zurück. Zwei Grübchen bilden sich auf seinen Wangen. Kurz sieht er aus wie ein indischer Schauspieler aus einem Bollywood-Film.
„Aber Frau Rötelstein! Wir sind voll. Er soll doch in die 4c“, sagt Frau Stahl aufgeregt.
„Nee“, meint Frau Rötelstein. „Er soll zu Ihnen in die a!“ Und weil Frau Stahl jetzt wirklich zerknirscht aussieht, sagt sie noch: „Sie kriegen das schon hin!“
„Aber es ist so, dass …“, fängt Frau Stahl an und flüstert Frau Rötelstein etwas zu. Die blickt streng und schüttelt den Kopf.
„Er ist also ein Flüchtling“, flüstert Denise währenddessen hinter vorgehaltener Hand, so als ob es sich um etwas Verbotenes handelt, über das man nur im Flüsterton sprechen darf. Felix, vor mir in der ersten Reihe, zerknüllt ein Papierstück zu einem Kügelchen. Felix ist unser Wunderkind. Streber wäre falsch. Streber lernen ganz viel, damit sie gute Noten bekommen. Felix lernt nie. Das behauptet zumindest seine Mutter. Nun schnippt Felix das Papierkügelchen in die Luft. Es segelt schnurstracks auf Arasch zu. Volltreffer! Mitten auf die Stirn. Kichern, Gelächter.
Arasch zuckt zurück. Frau Stahl und Frau Rötelstein kriegen nichts mit. Ihre Köpfe stecken zusammen. Sie tuscheln noch immer miteinander. Felix schnippt noch einmal eines durch die Luft. Volltreffer! Mitten auf die Lippen. Arasch macht mit den Armen eine abwehrende Bewegung. Gelächter, Brüllen. Ein schweres, gemeines Brüllen. Eines wie im Mannschaftssport, das den Gegnern gilt. Es ist ansteckend. Ich brülle mit, obwohl ich mich nicht wohl dabei fühle. Arasch schiebt mit immer schnelleren Kaubewegungen etwas von einer Backenseite auf die andere. Vielleicht seine Zunge? Oder ein Kaugummi? Seine Finger sind jetzt ganz komisch ineinander verhakt.
„Was ist so lustig?“, fragt Frau Rötelstein erstaunt.
„Denise hat gepupst“, ruft Felix und rümpft seine Nase.
Natürlich glaubt Frau Rötelstein diesen Blödsinn nicht. Trotzdem weiß sie nicht, warum wir alle lachen. „Kümmern Sie sich gut um den Jungen!“, mahnt sie unsere Lehrerin und verlässt das Klassenzimmer.
Frau Stahl beißt ein paar Sekunden mit den Zähnen auf ihrer Unterlippe herum, dann holt sie seufzend den Globus vom Schrank und stellt ihn auf das Pult. „Na, dann machen wir das Beste daraus. Zeig uns erst einmal, wo du herkommst“, sagt sie zu Arasch.
„Ich lebe jetzt hier im Park“, sagt er und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Ja, ich weiß, aber aus welchem Land kommst du?“ Frau Stahl wischt mit dem Zeigefinger über den Globus. Dann guckt sie auf ihren Finger, verzieht das Gesicht und wischt den Finger mit einem Taschentuch ab. Staub. „Also, wie heißt dein Land?“
„Rauchundfeuerland“, sagt Arasch.
„Zeige uns, wo das ist!“, sagt Frau Stahl ein bisschen barsch und tippt energisch auf den Globus.
Arasch zuckt mit den Achseln. „Nirgends“, meint er.
„Nirgends?“ Frau Stahl pustet nun richtig zornig über den Globus. Staub fegt durch die Luft. Komisch, denke ich, dass der Globus so verstaubt ist. Vielleicht, weil wir ihn noch nie benutzt haben. Dann stupst Frau Stahl den Globus an. Quietschend wirbelt er um seine Achse. „Ich will doch nur wissen, woher du kommst. Zeig es uns doch einfach“, sagt sie und hält den Globus an.
Arasch tippt auf einen Punkt, ohne genau hinzusehen. „Aber das ist doch Deutschland“, sagt Frau Stahl empört. Da gongt es. Pause.
Als wir nach der Pause wieder ins Klassenzimmer gehen, steht Arasch noch immer vor dem Globus. Ob er dort die ganze Zeit gestanden hat? Ich finde ihn jetzt viel weniger komisch. Irgendwie habe ich mich schon an sein merkwürdiges Aussehen gewöhnt.
Während Frau Stahl wieder anfängt, ihn zu fragen, woher er kommt, gucke ich aus dem Fenster. Kann sie nicht endlich mit dieser Fragerei aufhören? Hat sie noch nicht kapiert, dass dieser Junge so etwas wie einen Knall hat?„Setz dich da hinten hin!“, höre ich Frau Stahl nach einer Weile sagen. Sie meint den leeren Platz neben Denise.
„Nein!“, kreischt Denise.
„Dann dorthin“, sagt Frau Stahl und zeigt auf den leeren Platz neben Felix. Der zieht sein Kaninchengesicht und lässt sein Federmäppchen auf die freie Tischfläche wandern.
„Nein, so geht das nicht“, murmelt Frau Stahl. „Setz dich für heute da hinten hin! Die Bücher räumen wir gleich weg.“ Sie zeigt auf den Tisch an der Wand, auf dem ein Stapel Bücher liegt. Der Tisch ist kaputt. Ein Bein wackelt. Arasch setzt sich dorthin.
Sekunden später geht erst ein lautes Ploppen, dann ein Zischen durchs Klassenzimmer. Alle gucken zum Bücherstapel. Frau Stahl geht mit schnellen Schritten darauf zu und schiebt den Stapel beiseite. Mir fallen fast die Augen raus. Da sitzt Arasch und trinkt genüsslich aus einer roten Dose Cola! Bestimmt wird er bald der neue Klassenclown. Bisher war das Denise.
Nach der Schule wartet Papa schon in der Eingangshalle auf mich. Er mampft eine Butterbreze und gibt mir auch eine. Aber draußen pikst die Kälte, da schmeckt die Breze nicht. Ich stecke sie wieder zurück in die Tüte. „Papa“, sage ich, als wir an dem Container im Park vorbeigehen, „heute ist ein Neuer in unsere Klasse gekommen. Der wohnt da.“ Ich zeige auf das knallrote Blechding. „Und er war barfuß in Sandalen. Seine Zehen waren ganz blau.“
„JJJJkkkxxxx!“, krächzt Papa. Er hat sich wohl vor Schreck an einem Brösel verschluckt, weil er das mit dem Barfußlaufen unglaublich findet oder so. Er hustet, dann sagt er: „Eure Schlamperkiste in der Schule ist doch voll. Kann er sich da nicht Sachen rausnehmen? Zeige ihm die doch morgen.“
„Tolle Idee, aber … Ich mag nicht mit ihm reden“, murmele ich.
„Wie bitte?“ Papa guckt mich erstaunt an. „Wieso denn nicht?“
„Er sieht so komisch aus. Und ist so anders.“
„Komisch? Anders? Er muss ja nicht dein Freund werden.“
„Aber die Sachen aus der Kiste stinken. Außerdem gehören sie jemandem“, sage ich.
„Ach was! Wer was vermisst, der hätte da schon längst nachgesehen“, meint Papa.
Dann gehen wir schweigend durch die Kornblumensiedlung in Richtung U-Bahn. Die Kornblumensiedlung besteht aus sieben riesigen Hochhäusern, die bis zu den Wolken reichen. Na ja, manchmal, wenn die Regenwolken tief hängen. Und nachts, wenn die Lichter in den Wohnungen leuchten, sehen die Häuser aus wie Ozeandampfer. Glitzernde Dampfer auf dem nächtlichen Meer. Manchmal wünsche ich mir hier zu wohnen. Ganz oben. Wo ich immer runter auf die vielen Lichter blicken kann. Da, wo ich wohne, blicke ich nur in einen dunklen Garten mit einem Teich. Ich wohne in der Glasharfenstraße. Die ist auf der anderen Seite des Parks, dort, wo die Stadt zu Ende ist. Papa ist vor ein paar Wochen von zu Hause ausgezogen. Er wohnt jetzt woanders. Am anderen Ende der Stadt im sechzehnten Stock. Zwischen uns liegen fünfzehn U-Bahnstationen. Deshalb gehen wir durch die Kornblumensiedlung zur U-Bahn, dann fahren wir durch die ganze Stadt, von Endstation zu Endstation.
Papa hat seine neue Wohnung gerade frisch gestrichen. Sogar draußen auf dem Balkon. Da steht ein mit weißer Farbe vollgekleckerter Tisch. Er sagt, ich darf heute auf die Küchenwand malen, was mir einfällt, und zeigt auf die bunten Eimer auf dem Balkonboden. „Da sind die Farben!“, sagt er. „Komm! Wir tragen sie rein!“
Fünf Eimer. Die Grundfarben rot, gelb, blau und weiß und schwarz. Damit lassen sich alle anderen Farben mischen. Ich male einen Teich mit vielen Kindern, die darauf Schlittschuh fahren. Hunde und Katzen spazieren zwischen den Schlittschuhfahrern. Vögel fliegen über den Teich. Ich male und male, und vergesse darüber die Zeit. Irgendwann knipst Papa die Lichter an, klatscht in die Hände und ruft ganz laut: „Abendessen!“
Es gibt Nudeln mit Tomatensoße. Früher, als Papa noch bei uns gelebt hat, hat Mama immer das Abendessen gekocht, während Papa im Keller, in seinem Labor, noch Zähne und Gebisse gegipst hat. Er hat für Mamas Patienten die Gebisse gemacht. Aber jetzt, wo er nicht mehr bei uns lebt, sucht er ein neues Labor, wo er als Zahntechniker arbeiten kann, und Mama sucht einen neuen Zahntechniker, der bei ihr arbeitet. Ganz schön unlogisch. Wieso haben die sich eigentlich getrennt? Ich habe keine Ahnung.
„Dein Bild ist echt wunderschön. Ich glaube, wenn du groß bist, wirst du mal Malerin werden“, sagt Papa und streut Kresse über die Nudeln. Ich sage nichts dazu. Ich mag es nicht, wenn jemand davon spricht, was man mal machen wird, wenn man groß wird. Woher soll ich denn das jetzt schon wissen? Ich weiß doch noch nicht einmal, was ich morgen alles machen werde. Oder heute Abend. Vielleicht, weil ich schweige und grimmig gucke, vielleicht, weil er gerne spricht und möchte, dass ich bei ihm immer lache, sagt er: „Nach dem Essen kannst du dir zum Nachtisch Blaubeereis aus der Truhe holen und dann Simpsons gucken. Ich muss noch geschäftlich telefonieren.“
„Simpsons? Echt? Klasse!“, rufe ich. Das darf ich bei Mama nicht gucken. Aber was will Papa machen? Geschäftlich telefonieren? Papa ist einfach bei uns ausgezogen und ich sehe ihn jetzt so selten. Da kann er doch ein anderes Mal geschäftlich telefonieren, nicht genau dann, wenn ich mal bei ihm bin. "Guck doch bitte, bitte auch mit mir die Simpson, so oft bin ich doch nicht bei dir. Bitte!", bettle ich.
„Na gut“, sagt er und grinst.
Später, wir haben gemeinsam den Esstisch abgeräumt und das Geschirr in die Spülmaschine eingeräumt, da öffnet er eine Büchse Erdnüsse und setzt sich damit auf die Couch. Ich habe gerade mein Nachthemd angezogen und mich in eine warme Decke gekuschelt. Er schaltet den Fernseher an. Es ist wunderschön, gemeinsam Simpsons zu gucken und Erdnüsse zu knabbern. Aber irgendwann sind die lustigen Simpsons zu Ende, die Erdnussbüchse war schon vorher leer, und Papa schaltet den Fernseher wieder aus. „Ab ins Bett, Schatz! Jetzt muss ich wirklich telefonieren“, sagt er.
„Nein!“, sage ich trotzig und greife nach der Fernbedienung. Mal sehen, wie er reagiert.
„Doch!“, erwidert Papa streng, nimmt mir die Fernbedienung aus der Hand und schlurft damit über den Flur. An der Küchenschwelle dreht er sich noch einmal um. „Ab ins Bad und dann ins Bett!“
Das werden wir ja sehen! Ich nickte artig und tue so, als würde ich ins Bad marschieren. Aber als Papa in der Küche verschwindet, husche ich zurück ins Wohnzimmer. So genau weiß ich auch nicht, was ich jetzt hier soll. Es ist dunkel. Eigentlich bin ich müde. Ich könnte ja genauso gut ins Bad und danach ins Bett gehen. Aber ich bleibe mitten im dunklen Wohnzimmer stehen und lausche. Aus der Küche höre ich Papa telefonieren. Das kann jetzt stundenlang so gehen. Wenn er telefoniert, vergisst er alles um sich herum. Mich auch. Ich will noch nicht alleine ins Bett und beschließe, mich zu verstecken. Mal sehen, wie lange es dauert, bis er mich findet. Es muss das perfekte Versteck sein. Etwa in der Waschmaschine im Bad. Aber dazu bin ich schon zu groß. Mir fällt der vollgekleckerte Tisch draußen auf dem Balkon ein. Ganz leise öffne ich die Balkontür und schleiche hinaus. Wie schön es hier ist. Um mich herum blinken Millionen Lichter und ein eiskalter Wind bläst mir ins Gesicht. Ich japse nach Luft und krabble rasch unter den Tisch. Da ist eine Plastikplane. Sie riecht nach der Farbe. Ich decke mich damit zu und gucke zum Sternenhimmel. Ein runder, fetter Mond leuchtet da oben. Ein komischer Gedanke kommt mir da. Ich frage mich plötzlich, ob alle Menschen auf der Welt, also überall, wo es jetzt auch Nacht ist, denselben runden, fetten Mond sehen. Aber wie ich das Ganze im Kopf drehe und wende, mir kommt keine gescheite Antwort. Außerdem bibbere ich immer mehr vor Kälte. Und von Papa sieht und hört man nichts. Ich bin ja barfuß und im Nachthemd. Jedes Härchen an meinem Körper zittert. Meine Zehen fangen an zu schmerzen. Papa, komm schon! Bitte, suche mich! Nein! Finde mich!
Irgendwann krieche ich unter der Plane hervor und haste zur Tür. Doch die lässt sich nicht öffnen. Wer hat die zugemacht? Ich nicht! Ich habe sie bloß angelehnt. Außerdem ist das Licht in der Küche aus. Papa telefoniert also nicht mehr. Aber wieso ist die Balkontür jetzt zu? Ein furchtbarer Gedanke fährt mir durch den Kopf. Während ich mich unter dem Tisch verkrochen und den Mond angeglotzt habe, ist Papa ins Wohnzimmer gekommen und hat die Balkontür geschlossen. Oh Gott! Dann bin ich ja ausgesperrt. Papa denkt, dass ich schon im Bett liege und ist bestimmt selbst schon ins Bett gegangen. Woher soll er auch wissen, dass ich auf dem Balkon bin? Ganz fest trommele ich mit den Fäusten gegen die Scheibe. Das Glas vibriert, Eis knackst, aber drinnen rührt sich nichts. Kein Licht flammt auf. Keiner kommt. Wie auch? Das Schlafzimmer ist auf der anderen Seite. Von dort hört man nicht, was auf dem Balkon geschieht. Was soll ich bloß machen? Meine Finger sind schon blaugefroren. Ich kann sie kaum noch bewegen.
