Der seltsame Glanz der Träume - Kathryna Kaa - E-Book
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Der seltsame Glanz der Träume E-Book

Kathryna Kaa

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Beschreibung

Traum oder Wirklichkeit? Vor dieser Wahl steht die Mittdreißigerin Liane Ginsterbusch, die von einer mysteriösen, unbekannten Schlafkrankheit befallen worden ist. Während der immer länger dauernden Schlafphasen träumt sie sich in die fremde Welt von Ashta-Kah, in der sie all das findet, was sie im echten Leben vermisst: Leidenschaft, Abenteuer, Begehren, Bedeutung. Aus den Träumen behält sie einen seltsamen Glanz auf der Haut zurück, und bald wird klar, dass mehr als reine Fantasie hinter ihrer Traumwelt zu stecken scheint. Doch die Krankheit schreitet voran und Liane bleibt nur wenig Zeit, das Rätsel darum zu lösen und sich für eines der beiden Leben zu entscheiden. High Fantasy trifft Real Life – eine Geschichte für alle mit großen und kleinen Träumen.

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DER SELT­SA­ME GLANZ DER TRÄU­ME

Ka­thry­na Kaa

Im­pres­s­um © 2021 Ka­thry­na Kaa

Ka­thry­na Kaac/o Block ServicesStuttgarter Str. 10670736 Fellbachhttp://www.ka­thry­na­kaa.deAl­le Rech­te vor­be­hal­tenDie in die­sem Buch dar­ge­stell­ten Fi­gu­ren und Er­eig­nis­se sind fik­tiv. Jeg­li­che Ähn­lich­keit mit le­ben­den oder to­ten re­a­len Per­so­nen ist zu­fäl­lig und nicht vom Au­tor beab­sich­tigt.Kein Teil die­ses Bu­ches darf oh­ne aus­drü­ck­li­che schrift­li­che Ge­neh­mi­gung des Her­aus­ge­bers re­pro­du­ziert oder in ei­nem Ab­ruf­sys­tem ge­spei­chert oder in ir­gend­ei­ner Form oder auf ir­gend­ei­ne Wei­se elek­tro­nisch, me­cha­nisch, fo­to­ko­piert, auf­ge­zeich­net oder auf an­de­re Wei­se über­tra­gen wer­den.Lek­to­rat und Kor­rek­to­rat: Wel­ten­lek­to­rat / Aimée Zieg­ler-Kras­ka (htt­ps://www.wel­ten­lek­to­rat.de/)Co­ver­de­sign von: chae­la (http://www.chae­la.de)

Für mei­nen Va­ter.Dan­ke für die Fuß­stap­fen, in die ich tre­ten kann.

IN­HALT

Ti­tel­sei­te

Im­pres­s­um

Wid­mung

Sei­fen­bla­sen

As­h­ta-Kah

Ver­schla­fen und ver­lo­ren

Freun­de und Fein­de

Sor­gen und Sehn­süch­te

Der ro­te Ne­bel

Die schla­fen­den Zwölf

Schreck­li­che Er­eig­nis­se

Zwei aus Zwölf

Der lan­ge Weg

Mög­lich­kei­ten

Ab­grün­de

Neu­es al­tes Le­ben

Epi­log

Über den Au­tor

Bü­cher von die­sem Au­tor

SEI­FEN­BLA­SEN

HIER

 

Schla­fe, schlaf

 

»Li­a­ne! Um Him­mels wil­len!«

Aus wei­ter Ent­fer­nung drang ihr Na­me zu ihr. Nein, nicht.

»Li­a­ne!«

Die Stim­me nahm an Laut­stär­ke zu. Dump­fe Schrit­te nä­her­ten sich. Lass mich schla­fen. Lass mich träu­men.

»Li­a­ne!« Der Ruf dröhn­te ge­ra­de­zu in ihrem Kopf.

Ich will nicht auf­wa­chen.

Sie woll­te in ihrem Traum blei­ben. Dar­in wuss­te sie zwar nicht, wer sie war und wo­her sie kam. Doch das al­les hat­te kei­ne Be­deu­tung, denn die bern­stein­gel­ben Au­gen die­ses fremd­ar­ti­gen Man­nes hiel­ten sie ge­fan­gen. Er schenk­te ihr ein Lä­cheln, ein ver­steck­tes, bei­na­he un­ent­deck­tes Spiel sei­ner Lip­pen, und in die­sem Mo­ment ver­ban­den sich ih­re Her­zen über ih­re Bli­cke. Sein Na­me war Achak, und er nann­te sie La­ni.

»Li­a­ne!« Je­mand schüt­tel­te sie an den Schul­tern, und das Be­wusst­sein zog sie gna­den­los zu­rück ins Hier und Jetzt. Er­schro­cken schlug sie die Au­gen auf. Um sie her­um herrsch­te tiefs­te Nacht. Am Him­mel leuch­te­ten die Ster­ne. Gras­hal­me kit­zel­ten ih­re nack­ten Ar­me.

Vor dem Ster­nen­him­mel tauch­te ein Ge­sicht auf. Tib. Wes­halb keuch­te er? Und war­um rief er so auf­ge­regt im­mer wie­der ihren Na­men?

Li­a­ne blin­zel­te und schob ihren Mann sanft zur Sei­te, um sich auf­zu­set­zen. Wie­so um al­les in der Welt lag sie im Dun­keln im Gar­ten?

»Was ma­che ich hier?«, frag­te sie, nach dem Schlaf noch leicht be­nom­men, und rieb sich mit bei­den Hän­den über das Ge­sicht. Sie hoff­te, das wür­de ihr Klar­heit schen­ken, die sie jetzt drin­gend brauch­te.

»Das«, schnauf­te Tib in un­ge­brems­ter Auf­re­gung, »wür­de ich auch gern wis­sen!« Sein vor­wurfs­vol­ler Un­ter­ton ent­ging Li­a­ne nicht. Er griff nach ihrem Arm und zog sie hoch. »Nach­dem die Kin­der im Bett wa­ren, woll­test du auf der Ter­ras­se et­was le­sen. Und dann warst du plötz­lich nicht mehr zu se­hen.«

Er schüt­tel­te fas­sungs­los den Kopf. »Das war vor zwei Stun­den! Ich ha­be ge­dacht, du bist nach oben ge­gan­gen. Aber als ich vor­hin ins Schlaf­zim­mer ge­kom­men bin, warst du nicht dort. Ich ha­be dich im gan­zen Haus ge­sucht und war schon kurz davor, die Po­li­zei zu ru­fen! Da­bei liegst du hier im Gras und schläfst!«

Tib at­me­te hör­bar sei­ne An­span­nung aus und sei­ne Schul­tern sack­ten leicht nach vorn. »Mei­ne Gü­te«, mur­mel­te er schließ­lich und drück­te sie fest an sich. »Bin ich froh, dass du nur ge­schla­fen hast. Ei­nen Mo­ment lang dach­te ich, du seist tot, so wie du da­ge­le­gen hast.«

»Tot?« Ge­dan­ken­ver­lo­ren und zag­haft er­wi­der­te Li­a­ne sei­ne Um­ar­mung und schmieg­te ihr Ge­sicht in die Mul­de zwi­schen sei­nem Hals und sei­ner Schul­ter. Zu an­ge­strengt war sie da­mit be­schäf­tigt, ih­re Er­in­ne­rung an die letz­ten Stun­den her­auf­zu­be­schwö­ren und das schwar­ze Loch zu fül­len, das in ihrem Ge­dächt­nis klaff­te. »War­um hast du ge­glaubt, ich sei tot?«, frag­te sie, oh­ne den Kopf zu he­ben.

Tib schob sie an den Schul­tern von sich und sah sie ver­ständ­nis­los an. »Hast du denn über­haupt nichts mit­be­kom­men?«

Li­a­ne ant­wor­te­te nur mit ei­nem Kopf­schüt­teln.

»Ich ha­be dei­nen Na­men ge­ru­fen! Im­mer und im­mer wie­der. Laut. Ich ha­be dich fast an­ge­brüllt, nach­dem ich dich ge­fun­den ha­be. Aber du bist nicht wach ge­wor­den. Ein Wun­der, dass die Kin­der davon nicht auf­ge­wacht sind.«

»Ach, komm«, be­schwich­tig­te Li­a­ne und knuff­te ihn lie­be­voll in den mus­ku­lö­sen Ober­arm. »Du hast mich doch jetzt auf­ge­weckt. So schlimm kann es gar nicht ge­we­sen sein.«

In Ge­dan­ken wünsch­te sie sich, sie hät­te ei­ne bes­se­re Er­klä­rung für die­se Si­tu­a­ti­on ge­habt. Ent­schul­di­gend hob sie die Schul­tern. »Ich ha­be kei­ne Ah­nung, was ge­sche­hen ist. Das ha­be ich noch nie er­lebt.« Wie konn­te sie nur mit­ten im Gras ein­ge­schla­fen sein?

»Na, Haupt­sa­che, du bist in Ord­nung«, seufz­te Tib, drück­te sie ein wei­te­res Mal und gab ihr ei­nen flüch­ti­gen Kuss. »Komm, lass uns rein­ge­hen. Mei­ne Gü­te, du siehst to­tal blass aus.« Er um­fass­te ih­re Tail­le und di­ri­gier­te sie zur Ter­ras­sen­tür. Wo­mög­lich fürch­te­te er, sie kön­ne un­ter­wegs wie­der ab­han­den­kom­men.

Wi­der­stands­los ließ sich Li­a­ne von Tib zum Haus füh­ren. Sei­ne Wor­te dran­gen durch ei­nen ver­schwom­me­nen Schlei­er zu ihr. Sie war durch­ein­an­der und be­nom­men, wuss­te we­der, wie sie in den Gar­ten ge­kom­men, noch – und das be­un­ru­hig­te sie viel mehr – war­um sie dort ein­ge­schla­fen war. Da war nur die­ser Mann aus ihrem Traum, der ge­mein­sam mit ihr in Ge­stalt von La­ni un­ter ei­nem wei­ßen Son­nen­se­gel in­mit­ten ei­ner ro­ten Step­pen­land­schaft ge­ses­sen hat­te.

Achak. Un­will­kür­lich muss­te sie lä­cheln. Ob­wohl sie sich nicht er­in­ner­te, im Traum mit ihm ge­spro­chen zu ha­ben, mein­te sie zu wis­sen, dass sein Na­me »Geist« be­deu­te­te. Und wie ein Geist spuk­te er ihr seit­dem im Kopf um­her, um sie fort­an nicht mehr los­zu­las­sen. Sie dach­te an sei­ne bern­stein­gel­ben Au­gen, de­ren Pu­pil­len sich in der Son­ne zu schma­len Schlit­zen ver­engt hat­ten. Im Schat­ten da­ge­gen hat­ten sie silb­rig ge­leuch­tet. Wie bei ei­ner Kat­ze.

Es war auf­re­gend ge­we­sen, je­mand an­de­res zu sein. Mit ihrem Traum-Ich hat­te sie das Ge­fühl von gren­zen­lo­ser Wild­heit, Lei­den­schaft und Be­gier­de er­lebt, das sie bis­her nur aus Ki­no­fil­men kann­te. In sol­chen Stim­mun­gen ver­lor sie sich all­zu gern, um dem All­tag zu ent­ge­hen, wenn des­sen Grau­tö­ne sie er­drück­ten. Wenn sie manch­mal ei­nen Tag zu viel Mut­ter und Haus­frau sein oder im Bü­ro end­lo­se Lis­ten durch­ge­hen oder Brie­fe sor­tie­ren muss­te. Wenn un­end­lich lan­ge Stun­den der Fremd­be­stim­mung den letz­ten Rest gu­ter Lau­ne ge­fres­sen hat­ten. Dann flüch­te­te sie in ih­re ei­ge­ne Welt und tauch­te in ein Buch oder ei­nen die­ser Fil­me ab, in de­nen Träu­me wahr wur­den, die der Re­a­li­tät nie­mals stand­hal­ten kön­nten. Die­se Ge­schich­ten brauch­ten kei­nen Tief­gang, son­dern nur das ge­wis­se Et­was, das Li­a­ne gab, wo­nach sie sich sehn­te: das Pri­ckeln des ers­ten Ver­liebt­seins, Aben­teu­er, Lei­den­schaft, Un­nah­bar­keit, Ver­bo­te­nes.

Ge­dan­ken­ver­sun­ken stol­per­te sie über ei­nen klei­nen Erd­hü­gel und ge­ri­et ins Wan­ken.

»Vor­sicht!«, rief Tib und riss sie mit ei­nem kräf­ti­gen Ruck nach oben. »Die­se ver­damm­ten Vie­cher!«, fluch­te er halb­her­zig. Ei­gent­lich moch­te er Maul­wür­fe und brach­te es nicht über das Herz, sie aus dem Gar­ten zu ver­trei­ben.

»Tut mir leid«, hauch­te Li­a­ne. »Ich glau­be, mein Kreis­lauf schwä­chelt noch ein biss­chen.«

»Schon gut«, brumm­te Tib be­schwich­ti­gend. »Ist ja nichts pas­siert. Bes­ser, du legst dich gleich wie­der hin.«

Nichts lie­ber als das, dach­te Li­a­ne.

Nach wie vor um­hüll­te sie an­ge­neh­me Schlaf­trun­ken­heit, und sie hoff­te, in ihrem Bett so­fort an die­sen Traum an­knüp­fen zu kön­nen. War­um sie sich nicht an die Um­stän­de ihres ko­ma­tö­sen Schla­fes er­in­nern konn­te, war ne­ben­säch­lich, so­lan­ge sie das Bild von Achak eben­so fest im Kopf be­hielt wie das auf­re­gen­de Ge­fühl, dass bald et­was Be­deu­ten­des ge­sche­hen wür­de.

Von Tib ge­führt be­trat Li­a­ne die Ter­ras­se ihres Hau­ses, und ih­re ei­ge­nen lau­ten Ge­dan­ken ebb­ten ab. Nach und nach si­cker­ten sei­ne Wor­te zu ihr hin­durch.

»Fin­dest du nicht auch?«

»Hm?« Der Ge­dan­ken­schlei­er zer­riss voll­ends. Fra­gend sah sie Tib an. »Was fin­de ich auch?«

Er lös­te sei­nen Arm von ihr und ließ ent­täuscht die Schul­tern hän­gen. »Du hast über­haupt nicht zu­ge­hört, oder?« Da­mit wand­te er sich ab, um im Wohn­zim­mer fern­zu­se­hen.

»Tib«, flüs­ter­te Li­a­ne und be­rühr­te zag­haft sei­nen Ober­arm. »Tut mir leid, ich war in Ge­dan­ken. Er­zähl es mir noch ein­mal ganz von vorn. Bit­te!«

Sie griff nach sei­ner Hand und folg­te ihm ins Wohn­zim­mer. Ne­ben­ein­an­der setz­ten sie sich auf die Couch, und Tib be­rich­te­te ihr von der Stö­rung im Fern­seh­bild, die auf­ge­tre­ten war, kurz be­vor er Li­a­nes Ver­schwin­den be­merkt hat­te.

»… und dann bin ich auf die Ter­ras­se ge­gan­gen und – das glaubst du nicht – da war ein enor­mer Stern­schnup­pen­ha­gel am Him­mel! Das hät­test du se­hen müs­sen, aber du hast ja auf der Wie­se ge­le­gen und ge­schla­fen.«

Ge­träumt, dach­te Li­a­ne. Ich ha­be ge­träumt. Dies­mal be­merk­te sie ihr Ab­schwei­fen vom The­ma, den Rü­ck­zug ih­rer Auf­merk­sam­keit. Sie rich­te­te sich auf und kon­zen­trier­te sich wie­der auf ihren Mann. Sei­ne Au­gen leuch­te­ten, wäh­rend er den Stern­schnup­pen­ha­gel in sämt­li­chen Ein­zel­hei­ten be­schrieb.

Tib lieb­te al­les, was mit dem Welt­all zu tun hat­te. Ihn fas­zi­nier­te der Ge­dan­ke an au­ßer­ir­di­sche Le­bens­for­men, das SE­TI-Pro­jekt und die Auf­re­gung um das ers­te Fo­to ei­nes schwar­zen Lochs. Er war be­ken­nen­der Star Trek-Fan, mit der En­ter­pri­se groß ge­wor­den und un­glaub­lich stolz dar­auf, dass sei­ne El­tern – Trek­kies der ers­ten Stun­de – ihm Cap­tain Kirks zwei­ten Vor­na­men ge­ge­ben hat­ten: Ti­be­ri­us.

»Li­a­ne, so et­was ha­be ich noch nie ge­se­hen«, schwärm­te er jetzt und sei­ne Stim­me über­schlug sich fast. »Ich weiß gar nicht, ob es das über­haupt schon ein­mal ge­ge­ben hat.«

»Wow.« Li­a­ne un­ter­drück­te ein Gäh­nen. »Das hat si­cher un­glaub­lich be­ein­dru­ckend aus­ge­se­hen.«

»Na ja.« Tibs Blick ver­lor et­was an Be­geis­te­rung, »Ich hät­te eher nach drau­ßen se­hen sol­len. Ha­be nur das En­de mit­be­kom­men. Aber ein paar Bil­der wer­den ver­mut­lich noch mal in den Nach­rich­ten ge­zeigt, meinst du nicht auch?«

Mit ei­nem schwa­chen Lä­cheln strich Li­a­ne ihm über das mar­kan­te Kinn. So mü­de. »Be­stimmt. Und im­mer­hin hast du ein biss­chen davon ge­se­hen«, sag­te sie. »Im Ge­gen­satz zu mir.« Die­se Mü­dig­keit. Es war so schwer, die Au­gen of­fen zu hal­ten.

»Da­bei warst du im Gar­ten und hät­test ei­gent­lich die bes­te Aus­sicht ge­habt.« Tib lach­te.

»Ja.« Li­a­ne woll­te eben­falls la­chen, aber die Mat­tig­keit schrumpf­te ihren Ver­such zu ei­nem mü­den Lä­cheln. Selbst ih­re Ge­sichts­mus­keln wa­ren mitt­ler­wei­le zu schwach. Sie woll­te ein­fach nur schla­fen.

»Ich muss ins Bett, Lieb­ling.« Sie seufz­te und er­hob sich schwer­fäl­lig.

»Okay.« Tib griff nach der Fern­be­die­nung. »Ich kom­me spä­ter nach.«

»Gu­te Nacht.« Sie gab ihm ei­nen sanf­ten Kuss auf die Lip­pen, wäh­rend sein Blick be­reits auf den Bild­schirm ge­rich­tet war. Dann schlepp­te sie sich die Trep­pen hin­auf ins Schlaf­zim­mer und kroch un­ter die Bett­de­cke.

Schla­fen. Ein­fach schla­fen und träu­men. Ihr Herz füll­te sich mit der Hoff­nung, wie­der in die­ses Step­pen­land zu glei­ten. Zu­rück zu dem Ort mit der rie­si­gen, glei­ßen­den Son­ne, un­ter das im Wind flat­tern­de Son­nen­se­gel. Zu­rück zu Achak. Nichts sonst hat­te in die­sem Mo­ment Platz in ihr, nicht Tib, nicht die Kin­der, nicht ihr gu­tes Le­ben. Nur er.

Achak, bit­te, sei da. Und kaum hat­ten ih­re Ge­dan­ken die­sen Wunsch ge­formt, war Li­a­ne ein­ge­schla­fen.

Hal­te fest, hal­te fest den Traum

 

Ein sanf­tes Kit­zeln auf der Haut ihres nack­ten Ober­ar­mes hol­te sie aus den Tie­fen ei­nes traum­lo­sen Schla­fes.

Wach, dach­te Li­a­ne und emp­fand im sel­ben Au­gen­blick ei­nen An­flug küh­ler Er­nüch­te­rung. Kein Traum.

Sie hat­te nicht ge­träumt, zu­min­dest er­in­ner­te sie sich nicht. Kei­ne Er­in­ne­rung be­deu­tet kei­ne Träu­me. Leich­te Ent­täu­schung leg­te sich auf ihre oh­ne­hin schon pel­zi­ge Mor­gen­zun­ge, die nach ei­nem Schluck Was­ser lechz­te.

Achak hat­te sich in ihrem Ge­dächt­nis und ihrem Her­zen fest­ge­setzt. Im­mer wie­der er­schien sein kat­zen­haf­tes, schma­les Ge­sicht mit den ho­hen Wan­gen­kno­chen und den man­del­för­mi­gen Au­gen in ihren Ge­dan­ken. Sie dach­te an sei­nen hoch­ge­wach­se­nen, schlan­ken Kör­per mit dem reiz­vol­len Mus­kel­spiel, das Stär­ke und Aus­dau­er ver­hieß.

Die­ser Schim­mer, fiel es Li­a­ne ein. Ein­zel­ne Son­nen­strah­len hat­ten im gest­ri­gen Traum den Weg am Son­nen­se­gel vor­bei ge­fun­den und sei­ne Haut mit ei­nem atem­be­rau­ben­den, sich in glit­zern­den Wo­gen be­we­gen­den Gold­ton über­zo­gen. Und die­se Haa­re. Sein mit brau­nen Sträh­nen durch­zo­ge­nes, sand­far­be­nes Kopf­haar hat­te von jeg­li­cher Schwer­kraft un­be­rührt in der Luft ge­schwebt.

»Gu­ten Mor­gen, Schatz!« Tib un­ter­brach ih­re Tag­träu­me­rei­en, in­dem er auf­hör­te, ihren Arm zu strei­cheln, son­dern statt­des­sen ih­re ro­ten Lo­cken bei­sei­te­schob und ihren Na­cken küss­te. »Du hast aber tief ge­schla­fen.«

Li­a­ne lä­chel­te bei dem an­ge­nehm kit­zeln­den Ge­fühl auf ih­rer Haut. Ich ha­be doch ei­nen Mann, der mich be­gehrt. Ei­nen ziem­lich gut aus­se­hen­den da­zu. War­um den­ke ich im­mer noch an die­sen – Kat­zen­men­schen? Viel­leicht, weil sie bei den Ge­dan­ken an ihn An­flü­ge von Frei­heit, Wild­heit und Aben­teu­er spür­te, die sie in ihrem All­tag ge­ra­de ver­miss­te?

Wenn Tib von Achak er­füh­re, wenn er wüss­te, dass ei­ne Traum­ge­stalt die­se ge­hei­me Lei­den­schaft, die­ses Pri­ckeln in ihr aus­ge­löst hat­te, wie wür­de er sie dann an­se­hen? Mit wel­chen Au­gen wür­de er sie be­trach­ten? Wür­de er la­chen, sie be­lä­cheln oder ihr das klei­ne Trau­ma­ben­teu­er so­gar gön­nen? Oder wä­re Sor­ge in sei­nem Blick, dass Li­a­ne et­was ver­mis­sen könn­te? Wür­de er viel­leicht ein un­heil­vol­les Vor­zei­chen dar­in se­hen und ihr Ver­hal­ten nun kri­ti­scher be­wer­ten, im­mer dar­auf ge­fasst, ei­ne Schwin­gung oder Re­gung ein­zu­fan­gen, die auf Ge­fahr für ih­re Be­zie­hung hin­wies? Oder wür­de er gar ei­fer­süch­tig re­agie­ren und ihr Un­treue vor­wer­fen, sich ge­kränkt füh­len, weil ihr un­lenk­ba­res Un­ter­be­wusst­sein fremd­ging?

Und, grü­bel­te Li­a­ne wei­ter, was wä­re, wenn er wüss­te, dass sie dem selt­sa­men Mann aus ihrem Traum noch im­mer nach­hing, selbst ei­ne er­in­ne­rungs­lo­se Nacht spä­ter? Hät­te er ihr auf an­de­re Wei­se ei­nen gu­ten Mor­gen ge­wünscht?

Sie wuss­te zwar, dass man Träu­me nicht steu­ern konn­te und ihr je­de Frau­en­zeit­schrift das »Pro­blem« aus­ge­re­det hät­te. Trotz­dem misch­te sich ein scha­ler Bei­ge­schmack von Schuld in ih­re Er­in­ne­run­gen an die­se auf­re­gen­den Träu­me.

Li­a­ne streck­te ih­re Glie­der, at­me­te tief ein und ver­trieb die Zwei­fel. Tib war kein ei­fer­süch­ti­ger Mensch. Ver­mut­lich wür­de er la­chen und sie da­mit auf­zie­hen. Er war wun­der­voll. Sie hat­te wirk­lich Glück ge­habt, ei­nen Mann wie ihn ge­hei­ra­tet zu ha­ben. Sie setz­te sich auf und gab ihm ei­nen lan­gen Kuss.

Oh­ne es zu wol­len, schlich sich Achak in ih­re Ge­dan­ken. Sein Bild schob sich vor Tibs Ge­sicht und sie küss­te nicht ihren Mann, sie küss­te ihn. Er­schro­cken lös­te sie die Lip­pen von den sei­nen und schwang ih­re Bei­ne aus dem Bett.

»Hey!«, pro­tes­tier­te Tib mit Ver­wun­de­rung in der Stim­me.

»Tut mir leid«, ant­wor­te­te Li­a­ne, und das war tat­säch­lich ehr­lich ge­meint, auch wenn sie nicht den un­ter­bro­che­nen Kuss mein­te. Schlech­tes Ge­wis­sen nag­te an ihr. »Ich hat­te bloß ge­ra­de … so ei­ne neue Idee für ein Bild.«

Sie fä­cher­te ihr Haar auf und warf sich den Ba­de­man­tel über. Sie soll­te sich be­ru­hi­gen. Es war doch nur ein Traum, ein al­ber­ner Traum. Und sie wuss­te ja eben­so we­nig, wo­von Tib manch­mal träum­te. »Ich über­le­ge, heu­te Vor­mit­tag im Ate­li­er zu ar­bei­ten«, sag­te sie. »Wä­re das okay?«

Tib schwang sich eben­falls aus dem Bett und pfiff durch die Zäh­ne. »So, so, ei­ne Idee«, ant­wor­te­te er in leicht be­lus­tig­tem Ton­fall, trat von hin­ten an Li­a­ne her­an und schlang sei­ne Ar­me um ih­re Tail­le. »Was denn für ei­ne? Be­stimmt für ein bahn­bre­chen­des Kunst­werk.«

»Sag so was nicht«, knurr­te sie, aber nur halb im Ernst. »Du machst dich lus­tig über mich.« Li­a­ne moch­te es nicht, wenn er es klin­gen ließ, als wä­re sie ei­ne be­gna­de­te Künst­le­rin kurz vor dem Durch­bruch, ob­wohl sie es doch bei­de bes­ser wuss­ten. Trotz der Hoff­nung, die im­mer in ihr keim­te, wür­de sie mit ihren Zeich­nun­gen kaum so er­folg­reich wer­den, um et­was zum Le­bens­un­ter­halt bei­steu­ern zu kön­nen.

»Mach ich nicht«, ent­geg­ne­te Tib mit fes­ter Stim­me und drück­te sie an sich.

»Es ist bloß ei­ne Idee«, füg­te sie dann hin­zu und ent­zog sich sanft, je­doch be­stimmt sei­ner Um­ar­mung. »Aber sie ist wich­tig. Nur so ein, zwei Stun­den.«

Sie moch­te ihm nicht von dem Traum er­zäh­len. Es war ihr Traum, und sie woll­te nichts davon ver­ges­sen, auch wenn es sich ein klei­nes biss­chen wie Be­trug an­fühl­te.

Sie beab­sich­tig­te, Achak auf der Lein­wand fest­zu­hal­ten: sein eben­mä­ßi­ges Ge­sicht, den gol­de­nen Schim­mer sei­ner Haut, die merk­wür­dig schwe­ben­den Haa­re so­wie die hei­ße, flir­ren­de Luft und das flat­tern­de Son­nen­se­gel über ih­nen.

Tib seufz­te. »Zwei Stun­den? Am Sams­tag? Ich hat­te ge­hofft, wir ma­chen ei­nen Aus­flug.«

»Schwimm­bad, Schwimm­bad!« Die Stim­men der Kin­der dran­gen von drau­ßen ins el­ter­li­che Schlaf­zim­mer.

Li­a­ne stöhn­te in­ner­lich auf und ließ sich rü­ck­lings auf das Bett sin­ken. An­nie und Al­fred hör­ten al­les, was sie hö­ren woll­ten. Nur ei­nen Au­gen­blick spä­ter ka­men sie durch die of­fe­ne Zim­mer­tür ge­rannt und hops­ten auf der Ma­trat­ze, so­dass Li­a­nes Kör­per re­gel­recht durch­ge­schüt­telt wur­de.

Auf Wie­der­se­hen, Ate­li­er! Will­kom­men, Fa­mi­lie!

»Na schön«, sag­te sie mit ei­nem tie­fen Seuf­zer. In die­sem Jahr war es be­reits im frü­hen Som­mer so heiß, dass man es im Was­ser am bes­ten aus­hal­ten konn­te. »Dann eben Schwimm­bad.« Und ins­ge­heim be­schwor sie Achaks Bild her­auf, um es auf kei­nen Fall zu ver­ges­sen.

»Aber zu­erst«, drang Tibs Stim­me ernst und dun­kel aus dem Hin­ter­grund, »zu­erst gibt es Früh­stück! Ich ha­be näm­lich ei­nen Rie­sen­hun­ger, und wenn ihr nicht ganz schnell an­ge­zo­gen seid, dann fress ich euch!«

Li­a­ne hielt sich grin­send die Oh­ren zu, wäh­rend ihr Mann mit the­a­tra­li­schem Ge­schrei die vor Freu­de quiet­schen­den Kin­der die Trep­pe hin­un­ter­jag­te.

Weit, weit weg

 

Klopf, klopf. Li­a­ne folg­te der Be­we­gung ihres Löf­fels, der auf die Ei­er­scha­le schlug. Sie beo­b­ach­te­te die fei­nen Ris­se, die sich nach je­dem neu­en Schlag in der Scha­le bil­de­ten. Das La­chen von An­nie und Al­fred, Tibs Wor­te und das Klap­pern des Ge­schirrs ent­rück­ten zu ei­nem ge­dämpf­ten Rau­schen im Hin­ter­grund.

Er­neut war sie ein­ge­taucht in ih­re klei­ne Sei­fen­bla­se aus bun­ten Ge­dan­ken, hin­ter der die Ge­sich­ter der Fa­mi­lie zu un­kla­ren Sche­men ver­schwam­men und ih­re Ge­sprä­che sie nicht er­reich­ten. Nichts stör­te hier den dump­fen Klang des Löf­fels, der auf die Scha­le traf. Nichts un­ter­brach ih­re Grü­be­lei­en über die­ses selt­sa­me Traum­land, das sie bei­na­he ver­miss­te, ob­wohl sie nur ein­mal dort ge­we­sen war.

Konn­te man Träu­me wie­der­ho­len? Ver­mut­lich nicht. Wie­der in Ge­stalt von La­ni Achak zu be­geg­nen, war ziem­lich aus­sichts­los. Li­a­ne un­ter­drück­te ei­nen Seuf­zer. Sie woll­te kei­ne Auf­merk­sam­keit er­re­gen, die da­für ge­sorgt hät­te, dass die zar­te Bla­se um sie her­um zer­platz­te und sie sich der re­a­len Welt er­neut stel­len muss­te.

Sie wünsch­te sich in den Zu­stand zu­rück, den sie in die­ser Traum­welt bei Achak er­lebt hat­te. Sie sehn­te sich nach dem Krib­beln, mit dem ih­re Bli­cke ein­an­der be­geg­net wa­ren und in de­nen al­les lag, was nicht ge­sagt wer­den brauch­te: Be­geh­ren, Ver­lan­gen, See­len­ver­wandt­schaft. Ich weiß, dass du es weißt. Ich füh­le, dass du es auch fühlst. Sie ver­such­te, die­se Emp­fin­dun­gen noch ein­mal her­auf­zu­be­schwö­ren.

Kin­der­la­chen. Tibs Stim­me. Sie kon­zen­trier­te sich auf die ris­si­ge Eihül­le und für ei­nen kur­z­en Au­gen­blick ge­lang es ihr tat­säch­lich, un­ter dem Son­nen­se­gel zu sit­zen und in Achaks Au­gen zu se­hen. Für ei­nen Mo­ment spür­te sie er­neut das Band, das sich un­sicht­bar um sie bei­de ge­schlun­gen hat­te. Da war es wie­der, die­ses Krib­beln.

Es klirr­te, und Li­a­ne fühl­te die Lee­re zwi­schen ihren Fin­gern, dort wo ge­ra­de noch der Ei­er­löf­fel ge­we­sen war.

»Li­a­ne?« Mit be­sorg­tem Blick beug­te sich Tib von der ge­gen­über­lie­gen­den Tisch­sei­te zu ihr und be­trach­te­te ein­ge­hend ihr Ge­sicht. »Bist du et­wa …« Er schau­te ihr erst prü­fend, dann un­gläu­big in die Au­gen. »Bist du ein­ge­schla­fen?«

Un­an­ge­neh­me Stil­le er­stick­te das fröh­li­che Früh­stücks­ge­plau­der. An­nie und Al­fred sa­hen ver­ständ­nis­los zwi­schen den El­tern hin und her.

»Bit­te, was?« Li­a­ne blin­zel­te, ent­setzt von dem Ge­dan­ken, dass Tibs Ver­mu­tung stim­men könn­te. »Na­tür­lich nicht!«

Das war ihr noch nie pas­siert, und so war es be­stimmt auch nicht ge­we­sen. Mög­li­cher­wei­se hat­te sie sich aber zu stark in ihren Tag­träu­men ver­lo­ren.

»Mir ist nur aus Ver­se­hen der Löf­fel aus der Hand ge­rutscht«, schob sie hin­ter­her. Das war ei­ne lo­gi­sche Er­klä­rung, die selbst sie zu­frie­dens­tell­te.

Mei­ne Gü­te. War es mög­lich, mit of­fe­nen Au­gen zu schla­fen?

Tib run­zel­te die Stirn. »Ist wirk­lich al­les in Ord­nung, Schatz?«

»Ich den­ke schon«, ant­wor­te­te sie mit ei­nem un­si­che­ren Lä­cheln. »Ich fühl mich nur ir­gend­wie … mü­de.«

»Trink noch ei­nen Kaf­fee.« Er nahm die Kan­ne und goss ihr nach. Li­a­nes Lä­cheln ver­brei­ter­te sich zu ei­nem Grin­sen. Sie moch­te sei­ne le­bens­na­he, prag­ma­ti­sche Art, mit der er durchs Le­ben ging und sie wie­der in die Wirk­lich­keit zu­rück­hol­te.

Tib war ein äu­ßerst at­trak­ti­ver Mann. Dank sei­nes re­gel­mä­ßi­gen Trai­nings hat­te er auch mit 42 Jah­ren noch ei­nen sport­li­chen Kör­per, des­sen Kon­tu­ren sich un­ter sei­nem Shirt ab­zeich­ne­ten. Die we­ni­gen grau­en Här­chen an den Schlä­fen sei­nes an­sons­ten aus­nahms­los dun­kel­brau­nen Haars ver­lie­hen ihm das ge­wis­se Et­was.

Ganz an­ders als Achaks schlan­ke Ge­stalt, kam es Li­a­ne in den Sinn.

Da war wie­der die­ses schlech­te Ge­wis­sen, weil sie seit der letz­ten Nacht stän­dig an die­sen Traum dach­te. Sie trank ei­nen aus­gie­bi­gen Schluck Kaf­fee aus der gro­ßen Tas­se und ver­barg da­durch ge­schickt ih­re nach­denk­li­chen Stirn­fal­ten.

Na­tür­lich, sag­te sie sich, na­tür­lich war es des­halb. Sie soll­te end­lich da­mit auf­hö­ren. Es mach­te sie wahn­sin­nig.

»Wor­über grü­belst du denn so an­ge­strengt nach?«, frag­te Tib, nach­dem er die be­reits fer­ti­gen Kin­der zum Zäh­ne­put­zen ge­schickt hat­te. »Geht es um dein Bild?«

»Wie bit­te?« Li­a­ne war über­rascht von die­sem plötz­li­chen The­men­wech­sel, der ih­re Ge­dan­ken­gän­ge durch­ein­an­der­brach­te.

»Das Bild. Das du im Ate­li­er ma­len woll­test.«

»Ach, das.« Li­a­ne wink­te ab. Sag nichts. »Nein. Ich mei­ne, schon, aber es hat Zeit.«

Es ent­sprang Tibs Zu­nei­gung zu ihr, sich mit ihren Zeich­nun­gen und Ma­le­rei­en aus­ein­an­der­zu­set­zen, ob­wohl das sei­nen In­ter­es­sen über­haupt nicht ent­sprach. Des­halb reich­te ei­ne kur­ze Ant­wort, um sei­ne Neu­gier zu be­frie­di­gen.

Ich wer­de es schon nicht ver­ges­sen, füg­te sie in Ge­dan­ken hin­zu.

»Hm.« Er schob sich den Rest sei­nes Mar­me­la­den­bröt­chens in den Mund. »Machst du es eben mor­gen oder am Mon­tag, wenn du da­heim bist.«

Das stimm­te. Als Lei­ter der Soft­ware­ent­wick­lung ver­dien­te Tib ge­nug, dass es ihr mög­lich war, le­dig­lich an vier Vor­mit­tagen in der Wo­che zu ar­bei­ten. Es war ein lang­wei­li­ger Job in ei­nem lang­wei­li­gen Bü­ro ei­ner lang­wei­li­gen Ver­si­che­rung. Aber er schütz­te sie vor Be­wer­tun­gen ih­rer Um­welt, vor bö­sen Zun­gen und nicht zu­letzt der Ein­tei­lung in die Ka­te­go­rie »Nur-Haus­frau-und-Mut­ter«. Er ver­half ihr zu ei­nem zeit­wei­li­gen Ta­pe­ten­wech­sel, der ihr wahr­schein­lich so­gar gut­tat, auch wenn Li­a­ne selbst das gar nicht so emp­fand.

Um eben so zu tun, als ob, füg­te sie in Ge­dan­ken hin­zu.

Die we­ni­ge nach Ar­beit, Kin­der­be­treu­ung und Haus­halts­füh­rung ver­blei­ben­de Zeit konn­te sie für ih­re Kunst ver­wen­den, die des­halb je­doch im­mer nur ein Hob­by blei­ben wür­de. Zu gern wür­de sie die Ma­le­rei zu ihrem Be­ruf ma­chen, in­ter­es­san­te Auf­trags­ar­bei­ten an­fer­ti­gen, ei­ge­ne Bil­der ver­kau­fen und der Welt end­lich zu­ru­fen: Hey, das ist mein Ding! Das ist mein Job, und ich bin echt gut dar­in! Aber Li­a­ne fühl­te sich Licht­jah­re davon ent­fernt, die­sen Satz aus­spre­chen zu kön­nen.

»Hat sich dein Agent mal ge­mel­det?«, frag­te Tib, als wüss­te er, wor­um sich ih­re Ge­dan­ken ge­ra­de dreh­ten.

Er mein­te Pe­ter. Pe­ter führ­te ei­ne klei­ne Il­lus­tra­ti­ons­agen­tur, in der er al­lein und erst we­ni­ge Jah­re in der Bran­che ar­bei­te­te. Aber sie hat­te ihn so be­ein­druckt, dass er sie un­ter Ver­trag ge­nom­men hat­te. Und das be­deu­te­te zu­min­dest, dass sie so viel Ta­lent mit­brach­te, dass auch an­de­re an ei­nen po­ten­zi­el­len Er­folg ih­rer Wer­ke glaub­ten.

Dra­chen sind an­ge­sagt, das lässt sich ver­kau­fen, hat­te Pe­ter über ih­re fan­ta­sie­vol­len Dra­chen­il­lus­tra­ti­o­nen ge­sagt, mit de­nen sie sich be­wor­ben hat­te. Doch nach wie vor gab es da­für kei­ne An­fra­gen, so­dass sie wei­ter in den Schub­la­den ver­staub­ten.

Lie­fe­re Bil­der von La­mas, die wer­den zur­zeit gern für Ka­len­der und Wer­be­ar­ti­kel an­ge­fragt, hall­te die Stim­me des Agen­ten in ih­rer Er­in­ne­rung. Das war bei­na­he ein Jahr her. Und ob­wohl Li­a­ne die Tie­re nicht son­der­lich moch­te, hat­te sie sie ge­malt: ro­sa­far­be­ne mit Glit­zer, dun­kel­blaue, düs­te­re La­mas und so­gar di­cke mit Glub­schau­gen im Co­mic-Stil. Doch seit­her gab es we­der Rü­ck­mel­dung noch Auf­trag.

Li­a­ne schüt­tel­te den Kopf.

»Du soll­test ihn ab­schie­ßen«, sag­te Tib. »Oh­ne den fin­dest du be­stimmt eher ei­ne Mög­lich­keit.«

Viel­leicht hat­te er recht, doch al­lein die Vor­stel­lung, auf ei­ge­ne Faust Kon­tak­te zu knüp­fen, für ih­re Wer­ke ein­zu­ste­hen und sie an­prei­sen zu müs­sen, er­füll­te sie mit Grau­sen. Sie war da­für über­haupt nicht ge­macht. An­de­rer­seits be­rei­te­te ihr in­zwi­schen schon der blo­ße Ge­dan­ke an Pe­ter schlech­te Lau­ne.

An­nie kam aus dem Ba­de­zim­mer ge­hüpft und ku­schel­te sich auf ihren Schoß. »Wann ge­hen wir ba­den?«, frag­te sie und schau­te Li­a­ne mit gro­ßen blau­en Kul­ler­au­gen an. Ihr Blick er­de­te Li­a­ne, und al­les an­de­re er­schien auf ein­mal so nich­tig und klein, dass ihr Herz wie­der fe­der­leicht den Mo­ment ge­nie­ßen konn­te.

Es war Wo­chen­en­de. Fa­mi­li­en­zeit. Li­a­ne pack­te sämt­li­che Ge­dan­ken, die nur ihr ge­hör­ten, tief zu­rück in ihr In­ners­tes. Dann lä­chel­te sie und küss­te An­nie auf die Na­sen­spit­ze. »Gleich, mein Schatz. Wenn wir uns fer­tig­ge­macht ha­ben. Pack doch schon mal dei­ne Ba­de­sa­chen ein.«

Nichts als die Wirk­lich­keit

 

Er­le­digt hing Li­a­ne in der Hol­ly­wood­schau­kel auf der Ter­ras­se. Die Bei­ne hat­te sie aus­ge­streckt, um der Schau­kel hin und wie­der ei­nen sanf­ten Schubs zu ge­ben. Ihr Kopf lehn­te an den Kis­sen, zu schwer, um ihn selbst zu tra­gen. An­nie und Al­fred wa­ren längst im Bett, er­schöpft vom Schwimm­bad­t­ag, der Son­ne, dem Was­ser, der Auf­re­gung.

Sie moch­te die Däm­me­rungs­zeit im Som­mer, wenn sich Tag und Nacht zu ei­nem mys­ti­schen Licht­spiel ver­misch­ten. Es herrsch­te Stil­le, die Vö­gel schwie­gen, die Bie­nen hat­ten sich ver­kro­chen. Ein­zig die Gril­len in den ho­hen Grä­sern am Gar­ten­zaun zirp­ten noch, be­vor auch sie die Nacht zur Ru­he zwin­gen wür­de.

Li­a­ne gähn­te. Die Son­ne hat­te nicht nur Spu­ren auf ih­rer sonst blas­sen, som­mer­spros­sen­be­spren­kel­ten Haut zu­rück­ge­las­sen, son­dern ihren gan­zen Kör­per er­mü­det. Mehr­fach war ihr auf der Lie­ge im Schwimm­bad der Kopf zur Sei­te ge­rutscht, und sie wä­re bei­na­he ein­ge­schla­fen. Doch je­des Mal hat­te sie et­was zu­rück­ge­holt: Ein Kreis­chen von der Was­ser­rut­sche, ein tropf­nas­ses Kind auf ihrem hei­ßen Bauch, ein Streit um den Was­ser­ball oder Tibs sanf­te Stim­me.

Ob­wohl sie zu gern ge­schla­fen hät­te, war sie den­noch froh, wach ge­blie­ben zu sein, denn sie ver­spür­te ei­ne lei­se, dunk­le Ah­nung. Seit dem merk­wür­di­gen Schlaf im Gar­ten kleb­te ei­ne Mü­dig­keit an ihr, die et­was Selt­sa­mes mit sich ge­bracht hat­te. Et­was, das nicht nor­mal war.

Nicht nor­mal. Li­a­ne ki­cher­te und gab der Schau­kel ei­nen Schubs. So hat­te sie sich in ihrem Le­ben noch nie ge­fühlt.

Blei­er­ne Schwe­re drück­te ihr auf die Li­der. Der Traum von Achak hat­te sie bis­her nicht los­ge­las­sen, im­mer aufs Neue ent­fal­te­te er sei­nen Sog, der sie mit­zu­zie­hen schien …

»Hey.« Tibs Stim­me hol­te sie zu­rück, be­vor sie in die Tie­fen des Schla­fes glei­ten konn­te.

»Hey«, ant­wor­te­te Li­a­ne mit ei­nem mü­den Lä­cheln. Die Wor­te woll­ten nur schwer her­aus, al­les an ihr schien schon zu schla­fen.

Tib setz­te sich zu ihr auf die Schau­kel, leg­te ei­nen Arm um sie und schau­te ver­träumt in den Abend­him­mel. »Stell dir vor, man hat Si­gna­le aus dem Welt­all auf­ge­fan­gen, die künst­li­chen Ur­sprungs sein sol­len.«

»Kam das ge­ra­de in den Spät­nach­rich­ten?«, frag­te Li­a­ne und gähn­te herz­haft.

»Nein. Es ist nicht of­fi­zi­ell und auch noch nicht un­ter­sucht wor­den. Aber im In­ter­net kur­sie­ren Ge­rüch­te. Da wird schon was dran sein. Die Neu­ig­kei­ten sind erst ganz frisch von heu­te Abend.« Tib wipp­te mit den Kni­en. »Ist doch auf­re­gend, fin­dest du nicht?«

»Hm.« Li­a­ne lä­chel­te. Sie moch­te die­se kau­zi­ge Sei­te an ihm.

»Sie sol­len ei­ne Men­ge nie­der­fre­quen­ter Ra­dio­wel­len aus­ge­strahlt ha­ben. Mög­li­cher­wei­se hän­gen die mit dem Stern­schnup­pen­schwarm von letz­ter Nacht zu­sam­men.« Tib sah sie for­schend an. »Und du hast wirk­lich nichts davon mit­be­kom­men, als du ges­tern Abend im Gar­ten ge­schla­fen hast?«

Li­a­ne schüt­tel­te den Kopf und tät­schel­te mit­lei­dig sein Knie. »Tut mir echt leid, Lieb­ling.« Sie be­merk­te sei­nen Un­mut dar­über, dass er die­ses Er­eig­nis größ­ten­teils ver­passt hat­te.

»Was ist los mit dir, Schatz? Du wirkst so ab­we­send.« Tib nahm ih­re Hand von sei­nem Knie, die sie dort lie­gen­ge­las­sen hat­te, weil sie so schwer ge­wor­den war.

Li­a­ne schüt­tel­te schwach den Kopf. »Ich bin ein­fach mü­de. Wahn­sin­nig mü­de.«

Tib bedach­te sie mit ei­nem nach­denk­li­chen Blick. »So spät ist es aber noch gar nicht. Und du hast letz­te Nacht doch gut ge­schla­fen?«

Li­a­ne zuck­te mit den Schul­tern. Die Mü­dig­keit ver­ne­bel­te ihr Ge­müt und er­schwer­te es, ei­nen kla­ren Ge­dan­ken zu fas­sen. »Viel­leicht muss ich ein­fach Schlaf nach­ho­len.« Sie stand eben­so schwer­fäl­lig auf, wie ih­re Ant­wort klang, und gab Tib ei­nen flüch­ti­gen Kuss auf die Lip­pen. »Gu­te Nacht, Lieb­ling.«

Ih­re Kräf­te reich­ten ge­ra­de aus, um sich hin­auf ins Schlaf­zim­mer zu schlep­pen, zu ent­klei­den und in die Kis­sen fal­len zu las­sen. Trotz der Wär­me drau­ßen zog sie die De­cke bis ans Kinn und grü­bel­te, wo­her die­se Schwe­re kam, die sie mit der letz­ten Nacht be­fal­len hat­te. Und wes­halb spuk­te un­ent­wegt die­ser Frem­de in ihrem Geist her­um?

Die­ser Ort, dach­te sie noch und schloss die Au­gen. Die­ser traum­haf­te Ort.

Zwei Näch­te

 

Die auf den Bo­den pras­seln­den Was­ser­trop­fen der Du­sche über­tön­ten Li­a­nes lau­ten Seuf­zer. Es war viel zu früh, um zu Bett zu ge­hen, doch sie fühl­te sich schon wie­der – oder im­mer noch? – mü­de und zer­schla­gen. Ge­ra­de lie­fen die Abend­nach­rich­ten, und es war Zeit, die Kin­der für die Nacht fer­tig­zu­ma­chen.

Zwei Näch­te hat­te sie nicht von die­ser Traum­welt ge­träumt und am Mor­gen das pel­zi­ge Ge­fühl auf ih­rer Zun­ge eben­so in ihrem Her­zen ge­spürt. Ob­wohl sie mit Tibs Lie­be und der ih­rer Kin­der ge­seg­net war, sehn­te sie sich trotz­dem nach der frem­den Welt. Und je mehr Zeit ver­strich, des­to stär­ker wuch­sen ihr Ver­lan­gen und der Wunsch, für ei­ne kur­ze Wei­le ihrem Le­ben zu ent­flie­hen, um La­ni zu sein.

Viel­leicht soll­te sie sich ein­fach da­mit ab­fin­den, dass die­ser Traum nie wie­der­keh­ren wür­de. Er war wun­der­bar ge­we­sen, ein klei­ner Ur­laub von der Wirk­lich­keit, aber eben nur ein Traum. Nicht mehr und nicht we­ni­ger.

Wie zum Pro­test er­schien vor ihrem in­ne­ren Au­ge Achaks schma­les, kat­zen­haf­tes Ge­sicht. Sie schüt­tel­te den Kopf. Reiß dich zu­sam­men, Li­a­ne.

Sie durf­te nicht un­glü­ck­lich sein. Sie hat­te al­les, was sich ei­ne Frau wün­schen konn­te. Wo­her al­so kam die­se Sehn­sucht?, rät­sel­te sie und stieg aus der Dusch­ka­bi­ne. War es das Aben­teu­er, das ihr fehl­te? Lag es am Al­ter?

Aus dem Spie­gel blick­te ihr ei­ne 34-jäh­ri­ge, ge­stan­de­ne Frau mit fast fal­ten­lo­ser Haut ent­ge­gen. Ihr ro­tes Haar säum­te nach wie vor in kräf­ti­gen Lo­cken die schma­len Schul­tern. Noch konn­te sie die ein­zel­nen wei­ßen Här­chen auf­spü­ren und her­aus­zup­fen. Doch die Zeit wür­de kom­men, in der sie die Ober­hand über­neh­men und ih­re Haar­pracht in die­sel­be Farb­lo­sig­keit tau­chen wür­den, die seit Kur­z­em im­mer häu­fi­ger in ihrem In­ne­ren herrsch­te.

Der Traum ist vor­bei, Li­a­ne. Er ist Ge­schich­te.

Aber ihr blieb die Er­in­ne­rung, und die wür­de sie fest­hal­ten. Egal ob sie sich ge­ra­de dem Spiel mit ihren Kin­dern hin­gab, den Küs­sen ihres Man­nes, den zu sor­tie­ren­den Brie­fen im Bü­ro, den Haus­auf­ga­ben und Wä­sche­ber­gen oder dem Kar­tof­fel­schä­len.

Es war be­stimmt gut so.

Li­a­ne warf sich den Ba­de­man­tel über und fiel er­leich­tert aufs Bett. Mit der Ge­wiss­heit, wie­der der Mensch zu sein, den sie kann­te, sank sie in die Kis­sen, noch be­vor An­nie und Al­fred ih­re Schlaf­an­zü­ge an­ge­zo­gen hat­ten.

ASH­TA-KAH

DORT

 

 

Wei­tes Land

 

La­ni, flüs­ter­te ei­ne Stim­me in ihrem Kopf.

La­ni, das war sie. Sie hob die Li­der und sah in Achaks Ge­sicht. Es war so dicht über ihrem ei­ge­nen, dass der Ge­ruch sei­ner gol­den schim­mern­den Haut in ih­re Na­se drang. Sie duf­te­te nach Son­ne, hei­ßem Sand und ei­ner Pri­se Zimt. Die zu Schlit­zen ver­eng­ten Pu­pil­len sei­ner bern­stein­gel­ben Au­gen fi­xier­ten ihren Blick, so­dass sie sich nicht davon lö­sen konn­te. Die Er­in­ne­rung an ihr Bei­sam­men­sein un­ter dem Son­nen­se­gel hol­te sie ein.

Sie spür­te die sta­che­li­gen Pflan­zen­res­te auf dem har­ten Un­ter­grund un­ter ihren Fin­ger­spit­zen. Achak knie­te über sie ge­beugt und stütz­te da­bei die Ar­me dicht ne­ben ihren Schul­tern auf die son­nen­ver­brann­te Er­de. Ge­fan­gen.

»Du bist wie­der da.« Die­se Wor­te hat­te er laut aus­ge­spro­chen, und sie klan­gen au­ße­r­halb ihres Kop­fes dun­kel und sam­tig. »Mein Herz wuss­te, du wür­dest zu­rück­keh­ren.«

La­ni run­zel­te die Stirn.»Wo­her bin ich zu­rück­ge­kehrt?« So tief sie auch in ihrem Ge­dächt­nis grub, sie fand kei­ne Hin­wei­se auf ih­re Her­kunft, El­tern oder Hei­mat.

Achak schüt­tel­te den Kopf. »Nur die Göt­ter wis­sen, wo­her die Flü­gel­lo­sen stam­men.«

»Ich bin ei­ne – Flü­gel­lo­se? Was be­deu­tet das?«

Achak setz­te sich und gab da­mit La­nis Ober­kör­per frei, so­dass sie sich auf­rich­ten konn­te. »Du ge­hörst zu je­nen, die an­ders sind.«

Das stimm­te. Sie be­saß nicht im Ge­rings­ten sein kat­zen­haf­tes Aus­se­hen. Ihr Haar schweb­te nicht, statt­des­sen fiel es ihr in schwe­ren Lo­cken über die Schul­tern. An ih­rer Rück­sei­te peitsch­te kein raub­tier­haf­ter Schwanz den stau­bi­gen Bo­den auf und auch ih­re mit klei­nen, brau­nen Fle­cken be­spren­kel­te Haut schim­mer­te nicht gol­den, son­dern leuch­te­te weiß in der Son­ne.

»In­ner­halb ei­nes Lid­schla­ges seid ihr in un­se­rer Welt er­schie­nen. Des­halb glaubt mein Volk, dass dei­nes­glei­chen vom Him­mel ge­fal­len sein muss, weil es die Flü­gel ver­lo­ren hat.« Achaks Au­gen mus­ter­ten ihren Kör­per, und in ih­nen spie­gel­ten sich Be­wun­de­rung, Ver­eh­rung und Be­geh­ren. »Und du trägst Feu­er im Haar, wie dein Na­me sagt.«

»Mein Na­me.« La­ni nahm ei­ne ih­rer Haar­sträh­nen zwi­schen die Fin­ger und be­gut­ach­te­te sie. Tat­säch­lich glänz­te ihr Haar in ei­ner Mi­schung aus Oran­ge- und Rot­tö­nen, dass man mei­nen könn­te, es wä­ren klei­ne Flam­men, die um ih­re Schul­tern tanz­ten.

Achak lä­chel­te breit. »La­ni be­deu­tet ›Feu­er­blu­me‹. Ein Na­me, der passt.«

Ein ver­le­ge­nes Lä­cheln stahl sich auf ihr Ge­sicht und sie spür­te, wie hei­ße Rö­te ih­re Wan­gen färb­te. Mit leicht ge­senk­tem Kopf er­hasch­te sie ei­nen Blick auf Achaks Ant­litz.

Er senk­te die Li­der, wäh­rend sei­ne Ge­dan­ken ihr In­ners­tes be­rühr­ten: Ich spre­che mit dem Her­zen, dem Geist und mei­nem Leib. Mei­ne Wor­te sind echt.

Al­les an ihm fühl­te sich für La­ni nach vol­ler Hin­ga­be an. Sie er­ahn­te die Wild­heit, die be­herrscht un­ter ei­ner De­cke aus An­mut und Stolz in ihm schlum­mer­te. Er strahl­te aus, was ihr fehl­te und schien da­mit das per­fek­te Ge­gen­stück, das zu ihr ge­hör­te und nir­gend­wo an­ders hin. Aus ih­rer Bauch­ge­gend ström­te ein Krib­beln durch ihren ge­sam­ten Kör­per und er­weich­te ih­re Knie.

»Es gibt noch Wei­te­re wie mich?«, lenk­te sie mit leicht zitt­ri­ger Stim­me das The­ma zu­rück zur Fra­ge ih­rer Her­kunft.

Achak nick­te. »Zwölf We­sen wie du sind vom Him­mel in die Welt von As­h­ta-Kah ge­stürzt. Aber nur zwei von ih­nen sind in der Sied­lung ge­stran­det, die mein Zu­hau­se ist.«

»Es gibt hier noch an­de­re Flü­gel­lo­se?«

»Ei­nen, Ha­ran. Er ist wie du zum Fest der Göt­ter­wen­de vom Him­mel ge­fal­len. Doch er ist au­ße­r­halb des Dor­fes ge­stran­det. Er muss­te ein Stück der Step­pe As­h­ta-Rhe durch­que­ren, und als er un­se­re Häu­ser er­reich­te, warst du be­reits in dei­ne Welt zu­rück­ge­kehrt. Du wirst ihn ken­nen­ler­nen, zu ge­ge­be­ner Zeit. Zu­erst kommst du mit mir.«

Er er­hob sich und reich­te ihr sei­ne Hand. Sie griff da­nach, und mit ei­nem Ruck stand sie dicht ne­ben ihm und spür­te die Hit­ze sei­ner Haut an ih­rer Schu­ler. Mit Stau­nen be­trach­te­te sie das glit­zern­de Spiel auf der Ober­flä­che sei­nes nack­ten Ar­mes und strich sanft dar­über. Dort, wo sie mit dem Fin­ger ent­lang­fuhr, ver­stärk­te sich der gol­de­ne Schim­mer.

Achak lach­te lei­se, und La­ni sah die Rei­he spit­zer, klei­ner Zäh­ne hin­ter sei­nen Lip­pen her­vor­blit­zen. »Al­le mei­nes Vol­kes sind Kin­der As­h­ta-Tets. Ih­re hei­ße Glut zeigt sich auf un­se­rer Haut.«

»As­h­ta-Tet?«

Achak nick­te und deu­te­te auf die glei­ßen­de, rie­si­ge Son­ne, die über ih­nen am zart­ro­sa Him­mel stand. »Die gro­ße Göt­tin. Sie spen­det Licht und Wär­me für ih­re Kin­der in As­h­ta-Kah, ihrem Reich.«

Doch die Son­ne schien zu grell und zu heiß, um auch nur zu ver­su­chen, in ih­re Rich­tung zu schau­en. Statt­des­sen ver­barg La­ni ihr Ge­sicht im Schat­ten von Achaks nack­ter Schul­ter, spür­te dem Spiel sei­ner Mus­keln nach und sog den zim­ti­gen Ge­ruch ein, den sei­ne Haut ver­ström­te.

Die an­de­re Schul­ter­sei­te be­deck­te der grau­silb­ri­ge Stoff sei­nes Klei­dungs­stü­ckes, das quer über den Ober­kör­per ver­lief und ober­halb der Knie en­de­te. Ein ge­floch­te­ner Gür­tel um­schlang sei­ne Tail­le. Dar­an hing ei­ne aus Pflan­zen­fa­sern ge­web­te Schei­de, in der ein Mes­ser steck­te. Er trug San­da­len, die mit Schnü­ren bis hoch zu den Wa­den ge­bun­den wa­ren.

La­ni selbst war mit ei­nem ähn­li­chen, knie­lan­gen Ge­wand be­klei­det. Zwei dün­ne Trä­ger hiel­ten den Stoff an ihren Schul­tern, ein Gür­tel raff­te ihn in der Tail­le zu­sam­men. Sie trug die­sel­be Art San­da­len, durch de­ren Soh­len sie die Hit­ze des Bo­dens spür­te.

Mit ei­nem ver­hei­ßungs­vol­len Lä­cheln griff Achak nach ih­rer Hand. »Fol­ge mir ins Dorf. Wir wer­den er­war­tet.«

Oh­ne wei­te­re Wor­te ließ sie sich von ihm durch die Land­schaft füh­ren. Hei­ßer Wind weh­te ihr das Haar ins Ge­sicht. Um sie her­um er­streck­te sich ei­ne kar­ge, stei­ni­ge Ebe­ne, vol­ler Schön­heit in ih­rer end­los schei­nen­den Wei­te. Der san­di­ge Bo­den leuch­te­te in ver­schie­de­nen Schat­tie­run­gen von braun bis rot und schien den Him­mel ge­färbt zu ha­ben. Hier und da wuch­sen ver­ein­zel­te Sträu­cher, bläu­lich glän­zen­de Bü­sche und klei­ne Bäu­me mit di­cken Stäm­men und fet­ten, led­ri­gen Blät­tern. An man­chen Stel­len be­deck­ten grün schim­mern­de Flech­ten und sta­che­li­ge, gel­be Moo­se die Er­de.

Über ih­nen kreis­ten schwar­ze Vö­gel mit rie­si­gen Schwin­gen und grell­gel­ben Vo­gel­schwän­zen und stie­ßen hin und wie­der gel­len­de, oh­ren­be­täu­ben­de Schreie aus.

Achak wies auf die Tie­re. »Pfeil­schwän­zer. Sie tö­ten ih­re Beu­te mit klei­nen Gift­pfei­len, die un­ter den Schwanz­fe­dern ver­bor­gen lie­gen.«

In Achaks Ge­gen­wart emp­fand La­ni kei­ne Furcht. Sie fühl­te sich auf ei­gen­ar­ti­ge Wei­se mit ihm ver­bun­den und glaub­te, trotz ih­rer An­ders­ar­tig­keit hier­her zu ge­hö­ren. Den­noch zog sie in­stink­tiv den Kopf tie­fer zwi­schen die Schul­tern.

Über Achaks Ge­sicht husch­te ein flüch­ti­ges Lä­cheln.»Kei­ne Sor­ge. Du zählst nicht zu ih­rer Beu­te.«

Kri­tisch be­äug­te sie die Raub­vö­gel am Him­mel und stol­per­te da­bei über ei­nen Stein. Bei­na­he wä­re sie ge­fal­len, aber Achak fing sie mit ei­nem schnel­len Griff um ih­re Tail­le auf, und für ei­nen Mo­ment tra­fen sich ih­re Bli­cke er­neut.

Die­se bern­stein­gel­ben Au­gen, so vol­ler Wild­heit und doch be­herrscht von ei­nem Kö­nig, dach­te sie, und ihr Herz be­kräf­tig­te die­sen Ge­dan­ken mit lau­ten Schlä­gen.

Die Step­pe streck­te sich end­los. Es dau­er­te ei­ne ge­rau­me Wei­le, bis die ers­ten Hüt­ten des Dor­fes am Ho­ri­zont er­schie­nen. Je nä­her sie her­an­ka­men, des­to auf­ge­reg­ter rausch­te La­nis Blut durch ihren Kör­per. Zwar kam sie als Frem­de, aber sie spür­te, dass ihr die­ser Ort be­stimmt war.

Vor den Häu­sern er­streck­ten sich weit­läu­fi­ge Kop­peln mit selt­sa­men Tie­ren, und La­ni ver­lang­sam­te ih­re Schrit­te. Sie lös­te ih­re Hand aus Achaks Griff und trat auf den ers­ten Zaun zu, um die Kre­a­tu­ren zu be­trach­ten, die da­hin­ter fried­lich gras­ten.

»Das Fell.« La­ni deu­te­te auf die di­cken, silb­ri­gen Zot­teln. »Ist es nicht viel zu warm?«

Achak lach­te ver­hal­ten und schüt­tel­te den Kopf, so­dass sei­ne Haa­re sanft hin- und her­schweb­ten. »Nein. Es kühlt sie. Sieh, wie der Sil­ber­glanz die Son­nen­strah­len zu­rück­wirft.«

Tat­säch­lich re­flek­tier­te das Tier­haar das Son­nen­licht und er­zeug­te stel­len­wei­se grel­les Glit­zern, das La­ni zum Blin­zeln zwang.

Ei­nes der rie­si­gen, zot­te­li­gen Un­ge­tü­me nä­her­te sich der Ab­gren­zung, so­dass sie ihm di­rekt in die klei­nen, schwar­zen Au­gen se­hen konn­te. Mit ge­senk­tem Kopf blies es ihr sei­nen hei­ßen, leicht fau­lig rie­chen­den Atem ins Ge­sicht. La­ni streck­te die Hand nach dem gro­ßen, mit wei­ßen Hör­nern ver­se­he­nen Schä­del aus, doch Achak er­griff blitz­schnell ihr Hand­ge­lenk und drück­te es nach un­ten.

»Moruks schen­ken uns ihr Haar und tra­gen Las­ten«, sag­te er mit erns­tem Blick. »Aber sie sind nicht so freund­lich, wie sie zu­nächst aus­se­hen. Pass auf.«

Er ließ sie los, trat dicht an die Ein­zäu­nung und voll­führ­te ei­ne schnel­le Hand­be­we­gung. In Se­kun­den­schnel­le sprang er zu­rück, denn schon schoss der Moruk mit sei­nen wei­chen, fla­chen Fü­ßen blitz­ar­tig auf ihn zu und knurr­te ihn mit ge­bleck­ten Zäh­nen an.

Das war nicht das Ge­biss ei­nes ge­müt­li­chen Wie­der­käu­ers. Das wa­ren gro­ße, schar­fe Schnei­de­zäh­ne, um­rahmt von zwei Rei­hen spit­zer Eck­zäh­ne, die aus­reich­ten, um La­nis In­ners­tes nach au­ßen zu rei­ßen.

La­ni trat ei­ni­ge Schrit­te zu­rück und be­trach­te­te aus si­che­rer Ent­fer­nung das auf­ge­ris­se­ne, sab­bern­de Maul. Hät­te Achak sie nicht mit ei­ner lei­sen Auf­for­de­rung wei­ter­ge­zo­gen, hät­te sie wohl noch ei­ne gan­ze Wei­le fas­zi­niert auf die­se Moruks ge­starrt, die sie nie zu­vor ge­se­hen hat­te.

Das Dorf

 

Sie er­reich­ten die ers­ten Hüt­ten und Achak führ­te La­ni ziel­stre­big zwi­schen ih­nen hin­durch.

Ein selt­sa­mes Schwei­gen lag über dem Dorf und ließ den Ein­druck ent­ste­hen, es wä­re un­be­wohnt. Al­lein die neu­gie­ri­gen Au­gen­paa­re, die hin­ter Mau­ern und Fens­tern auf­tauch­ten und wie­der ver­schwan­den, so­bald La­ni hin­sah, ver­ri­e­ten das Le­ben dar­in.

Mit ei­ner plötz­li­chen Be­we­gung hielt Achak in­ne und lausch­te. Was hör­te er? Sie ver­nahm nur das Ra­scheln ge­trock­ne­ter Kräu­ter­bü­schel, die an ei­ni­gen Hüt­ten hin­gen, ihren ei­ge­nen Atem und das Rau­schen ihres Blu­tes, das ihr auf­ge­reg­tes Herz durch die Adern trieb. Kom­mu­ni­zier­te er et­wa still mit an­de­ren?

Achak wand­te sich zu ihr und sah ihr fest in die Au­gen. Dies­mal lag nichts Wei­ches, Freund­li­ches oder gar Lie­be­vol­les dar­in, son­dern Schär­fe, Not­wen­dig­keit und … war das Furcht? »Tra­ge kei­ne Sor­ge, falls ei­ni­ge Be­woh­ner dir mit Arg­wohn be­geg­nen.«

»War­um soll­ten sie das tun?« La­ni zog die Stirn in Fal­ten und schüt­tel­te den Kopf. Was be­deu­te­te das? Sie be­saß we­der au­ßer­ge­wöhn­li­che Kräf­te noch spe­zi­el­les Wis­sen, das auf an­de­re be­un­ru­hi­gend wir­ken könn­te. »Ich bin kei­ne Ge­fahr«, stell­te sie klar. »An mir ist nichts Be­son­de­res.«

»Doch«, er­wi­der­te Achak mit be­deu­tungs­vol­lem Blick.

---ENDE DER LESEPROBE---