Der Sinn und Wert des Lebens - Rudolf Eucken - E-Book

Der Sinn und Wert des Lebens E-Book

Rudolf Eucken

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Beschreibung

In seinen Büchern "Der Sinn und Wert des Lebens" und "Geistige Strömungen der Gegenwart" setzte Eucken sich kritisch mit dem Monismus seines Jenaer Kollegen Ernst Haeckel auseinander, mit dem er persönlich aber befreundet war. Inhalt: Vorworte Einleitung Die älteren Lebensordnungen Die neueren Lebensordnungen Die Wendung des Menschen zu sich selbst Versuch eines Aufbaus Geistesleben und menschliches Dasein Rückblick und Zusammenfassung Konsequenzen für das Leben des Individuums Die Verschiedenheit der individuellen Geschicke

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Der Sinn und Wert des Lebens

Rudolf Eucken

Inhalt:

Rudolf Eucken – Biografie und Bibliografie

Der Sinn und Wert des Lebens

Vorworte

Einleitung

Die älteren Lebensordnungen

Die neueren Lebensordnungen

Die Wendung des Menschen zu sich selbst

Versuch eines Aufbaus

Geistesleben und menschliches Dasein

Rückblick und Zusammenfassung

Konsequenzen für das Leben des Individuums

Die Verschiedenheit der individuellen Geschicke

Der Sinn und Wert des Lebens, Rudolf Eucken

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849612146

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Vladislav Gansovsky - Fotolia.com

Rudolf Eucken – Biografie und Bibliografie

Deutscher Philosoph und Träger des Literatur-Nobelpreises, geb. am 5. Januar 1846 in Aurich, verstorben am 15. September 1926 in Jena.

E. lehrt, unter dem Einfluss besonders von Plato und Fichte, einen objektiven Idealismus als Weltanschauung, der aber nicht intellektualistisch ist, sondern auf selbständige, aktive Gestaltung des Lebens gerichtet ist (Aktivismus). Es ist ihm überall um eine Erhöhung des Lebens zu tun, um Gewinnung eines festen Standpunktes, von dem aus das Leben Sinn und Wert erhält, indem es als in einem universalen Geistesleben verankert erscheint, zu dein es sich aktiv im Kampfe gegen alles bloß Naturhafte und Hemmende zu erheben hat. E. geht nicht von der Psyche des Einzelnen, nicht psychologisch vor, sondern »noologisch«, vom geistigen Lebensprozess und großen geistigen Zusammenhängen aus. Das »Geistesleben«, umspannt Gott und Welt, Subjekt und Objekt in einer selbständigen, übergeordneten Einheit. – Die einheitlichen Zusammenhänge von Lebensanschauungen und Lebenstendenzen nennt E. »Lebenssysteme« oder »Syntagmen«. Die Einseitigkeiten derselben, des Naturalismus, Intellektualismus, Ästhetizismus, werden von E. scharf beleuchtet. Die wahre geistige Kultur muss dem Menschen eine selbständige Stellung in der Natur geben, eine neue Art des Seins, eine Erhöhung seines Wesens, eine Innerlichkeit und Kraft, die über Natur und Intellekt hinausführt in das Reich des Geistes und seiner Werte. Dass Geistesleben muss in uns immer voller und reiner zum Durchbruch kommen, unser Leben sinnvoll erfüllen, uns erhöhen und vom Drucke des Daseins, des Ichs befreien.

Der bei sich selbst befindliche Lebensprozess ist Geist. Dieser »erzeugt aus seinem Schaffen eine neue Wirklichkeit und will die vorgefundene Lage damit umwandeln«. Im schaffenden Geistesleben erfolgt ein »Aufsteigen der Wirklichkeit zu einer inneren Einheit und zu voller Selbständigkeit«. Durch Kampf und Selbsttätigkeit muss die geistige Welt immer neu erobert werden; das Geistige ist aktive Selbstentwicklung. In der Geschichte eröffnet sich uns das – an sich selbständige – Geistesleben durch die Arbeit der Gesamtheit. Das Geistesleben ist eine an sich bestehende, selbständige Wirklichkeit, aber für unser Bewusstsein und unsere Tätigkeit ist es erst zu gewinnen und anzueignen, nur damit kann es eine deutliche Gestalt und einen bestimmten Inhalt gewinnen. Die Geschichte der Menschheit ist nur dadurch möglich, dass hier »eine Eröffnung des Geisteslebens als einer neuen Stufe der Wirklichkeit in Fluss kommt und vordringt«. Ein Gesamtgeschehen trägt alles Einzelne, treibt alles einem gemeinsamen Ziele zu. Die Natur ist Vorstufe des Geistes, ein Trieb zum Geistigen wirkt schon in ihr. Die Wirklichkeit ist nichts Abgeschlossenes, daher auch nicht rein begrifflich erschöpfbar. Unser seelisches Leben wird von der (transzendenten und zugleich immanenten) Einheit der göttlichen All-Person getragen und zu einem »personalen Lebenssystem« verknüpft. Von vornherein gehören die Einzelwegen einem universalen Personalleben an. Die Entfaltung eines wahrhaft personalen (einheitlich-aktiven) Geisteslebens ist eine unendliche Aufgabe, die einerseits durch unsere Selbsttätigkeit, anderseits durch das uns tragende, in unser Leben hineinreichende Wirken der geistigen Überwelt ermöglicht wird. Daher ist die (universale) Religion eine wahre Lebensmacht. Es gehört zu ihr, dass sie »der nächsten unmittelbar vorhandenen Welt eine andere Art des Seins, eine neue überlegene Ordnung der Dinge entgegenhält«.

Von E. beeinflusst sind O. Siebert, J. Goldstein, O. Braun, M. Scheler, H. Leser, E. Fuchs, O. Trübe, O. Kästner u. a.

SCHRIFTEN: Geschichte der philos. Terminologie, 1879. – Beiträge zur Geschichte 4. neueren Philosophie, 1886; 2. A. 1906. – Geschichten Kritik der Grundbegriffe der Gegenwart, 1878; 4. A, 1909 (Geistige Strömungen der Gegenwart). – Prolegomena zu Forschungen über d. Einheit d. Geisteslebens, 1885. – Die Einheit des Geisteslebens in Bewußtsein und Tat der Menschheit, 1888. – Die Lebensanschauungen der großen Denker, 1890; 8. A. 1909. – Der Kampf um e. geistigen Lebensinhalt, 1896; 2. A. 1907. – Das Wesen der Religion, 1901. – Der Wahrheitsgehalt der Religion, 1901. 2. A. 1905. – Thomas von Aquino u. Kant, 1901; 2. A. 1910. – Gesammelte Aufsätze, 1903. – Hauptprobl. d. Religionsphilos., 3. A. 1909. – Grundlin. e. neuen Lebensansch., 1907. – Der Sinn u. Wert des Lebens, 1908; 2. A. 1910. – Einfuhr, in eine Philos. des Geisteslebens, 1908, u. a. – Vgl. O. SIEBERT, R. E.s Welt- und Lebensanschauung, 1904.

Der Sinn und Wert des Lebens

Dieser Veröffentlichung ist die 1914 erschienene vierte Auflage des Werkes zugrundegelegt.

Vorworte

Vorwort zur ersten Auflage

Mit einer Behandlung der Frage nach dem Sinn und Wert des Lebens suche ich die inneren Probleme der Gegenwart jedem einzelnen möglichst nahe zu bringen und ihn zur Teilnahme daran zu gewinnen. Solche Fassung der Aufgabe zog der philosophischen Erörterung bestimmte Grenzen: daß es aber innerhalb dieser Grenzen genug zu klären gibt, das hofft die Untersuchung selbst zu zeigen. Dem einen oder anderen Leser wird vielleicht der erste, kritische Teil zu weit ausgesponnen scheinen. Aber es konnte die entscheidende Hauptthese, an der die Möglichkeit einer Wiederbefestigung des Lebens und einer Verjüngung der Kultur hängt, ihre volle Überzeugungskraft nur erlangen, wenn sie als der einzig mögliche Weg zum Ziele erwiesen war; dafür aber war jene Kritik unentbehrlich, sie steht nicht neben, sondern in der Sache.

Jena, Dezember 1907.

Vorwort zur vierten Auflage

Die vierte Auflage bringt nicht nur eine durchgängige stilistische Revision in der Richtung größerer Klarheit und Einfachheit, sie hat verschiedene Abschnitte gründlich umgearbeitet, und sie hat einen neuen Abschnitt "Die Verschiedenheit der individuellen Geschicke" hinzugefügt. So hoffe ich, daß sie ebenso freundlich aufgenommen wird wie die früheren Auflagen, und daß das Buch weiter dazu beiträgt, den inneren Lebensfragen die gebührende Teilnahme zu gewinnen.

Jena, im März 1914. Rudolf Eucken

Einleitung

Die Frage nach einem Sinn und Wert des menschlichen Lebens macht ruhigen Zeiten wenig Sorge, denn der Stand und das Wirken der Gemeinschaft enthält dann so bestimmte Ziele und zeigt sie so deutlich dem einzelnen, daß es gar nicht zu Zweifeln und Fragen kommt; was hier an Schwankung und Streit entsteht, das betrifft nicht sowohl das Ziel als bloß die Wege zu ihm, das rührt nicht an einen gemeinsamen Grundstock des Lebens. Erst wenn im Lebensbestande selbst Verwicklung und Spaltung erfolgt, wenn das Leben sich bei sich selbst entzweit, gewinnt jene Frage Macht über uns, setzt Denken und Grübeln in starke Bewegung und erzeugt unsäglichen Streit. Wenn es nun heute so steht, wenn so viel Suchen und Streiten um den Sinn des Lebens erscheint und die Gemüter einander entfremdet, so bekundet das augenscheinlich, daß das Leben sich heute nicht in ein Ganzes zusammenfaßt, daß es eines beherrschenden Mittelpunktes, eines gemeinsamen Charakters entbehrt. In Wahrheit brauchen wir den gegenwärtigen Stand nur etwas genauer anzusehen, um zu gewahren, daß grundverschiedene Ströme in ihm wirken und das Streben nach verschiedener, oft entgegengesetzter Richtung treiben. Bald wird eine unsichtbare, bald die sichtbare Welt als Standort des Lebens ergriffen, bald scheint das Verhältnis zur Natur, bald das zur Menschheit zur Herrschaft berufen, bald scheint innerhalb der Menschheit das große Ganze, bald das Individuum voranzustehen. Je nach der Entscheidung darüber gestaltet sich das Leben völlig verschieden, anders erscheint sein Kern, anders erscheinen seine Güter, anderes verlangt es von uns, andere Wege schreibt es uns vor; es gehen also nicht bloß die Bilder, sondern die Wirklichkeiten selbst auseinander, der Kampf betrifft nicht bloß die Deutung, sondern das Leben selbst. Wer dabei als bloßer Parteimann ganz und gar in eine der Strömungen aufgeht, der bleibt frei von innerer Verwicklung, der ist allem Zweifel enthoben. Aber er bezahlt diese vermeintliche Sicherheit allzu teuer mit starrer Enge und geistiger Kurzsichtigkeit. Wer für das Ganze der Zeit ein offenes Auge und eine unbefangene Schätzung hat, wer so das Geschick der Menschheit als eigenes miterlebt, der gerät durch jene Spaltung in eine sehr mißliche Lage, die er unmöglich ruhig hinnehmen kann. Jede der verschiedenen Bewegungen scheint Wahrheiten zu enthalten, auf die sich nicht wohl verzichten läßt, aber diese Wahrheiten widersprechen einander, und wir sehen nicht die Möglichkeit einer friedlichen Verständigung. So werden wir bald hierher, bald dorthin gezogen, uns fehlt ein beherrschendes Gesamtziel, sowie ein normierender Maßstab. Die unbestreitbaren Erfolge im einzelnen verbinden sich nicht zu einem Gesamtergebnis und greifen daher nicht genügend in das Ganze der Seele zurück, sie belassen es in Unsicherheit und in Leere. Ein solcher Stand lähmt nicht nur den Mut und die Freudigkeit des Lebens und zerstört ein sicheres Lebensgefühl, er gefährdet auch ein großes geistiges Schaffen. Denn zu einem solchen bedarf es notwendig eines hohen und erhöhenden Zieles für das Ganze unserer Seele, eines Zieles, in dessen Ergreifung wir uns von aller Unsicherheit befreien und uns über uns selbst hinausheben können. Und heute bedürfen wir ganz besonders eines freudigen Lebensmutes und eines vordringenden Schaffens. Denn Aufgaben über Aufgaben dringen übermächtig auf uns ein, sie fordern viel Arbeit und Opfer, sie vertreiben alle Behaglichkeit der älteren Lebensführung; können wir den Kampf und die Arbeit getrosten Mutes wagen, wenn das Ganze uns keinen Sinn zu erkennen gibt und daher alle Mühe schließlich ins Leere zu verrinnen droht?

Nein und abermals nein! Wir können uns der Spaltung nicht ergeben, wir müssen alle Kraft an ihre Überwindung setzen. Und wir brauchen auch nach der Lage der Zeit keineswegs mutlos zu sein. Denn diese Lage selbst verrät merklich genug, daß eine Bewegung zu einem neuen und weiteren Leben schon im Gange ist. Wir könnten die Widersprüche nicht mit der Stärke empfinden, wie wir sie empfinden, wenn wir nicht irgendwie ihnen schon überlegen wären, wenn sich nicht in uns schon ein solches Leben regte, das es nur vollauf anzueignen und kräftig herauszubilden gilt. Wenn es sich so nicht um Lebensansichten, sondern um Lebensgestaltungen handelt, so kann nur ein mutiges Vordringen, eine energische Selbstvertiefung weiterführen, unser Blick sei daher vorwärts gerichtet. Aber um sicher zu gehen, müssen wir uns zuvor den gegenwärtigen Stand mit seiner Mannigfaltigkeit und mit seinen Widersprüchen deutlich vor Augen stellen. Die Gestaltungen, welche er enthält, sind ja mehr als bloße Versuche deutender Reflexion, sie sind tatsächliche Leistungen, Lebenskonzentrationen, welche viele Gemüter verbunden und in die Lage der Menschheit tief eingegriffen haben; schwerlich konnten sie das ohne irgendwelche Wirklichkeit zu eröffnen, irgendwelche Wahrheit zu vertreten. Solche Wirklichkeit und solche Wahrheit darf auch uns nicht verloren sein. Wenn wir ferner die verschiedenen Gestaltungen nebeneinanderstellen und in einen Gesamtblick fassen, so mag daraus der gegenwärtige Stand des Problems mit besonderer Klarheit erscheinen, ja, es mag von hier aus die Richtung ersichtlich werden, in der eine Weiterbildung des Lebens, eine neue Konzentration des Ganzen zu suchen ist. Ob ein solches Suchen Aussicht auf Erfolg hat, darüber kann nur die eigene Bewegung und Erfahrung des Lebens entscheiden; jedenfalls können wir da, wo wir heute stehen, nicht ruhig stehen bleiben und warten, was aus uns wird. Denn erfolgt kein Widerstand und kein Weiterstreben, so müssen die Gegensätze, die heute am Werke sind, sich immer weiter vertiefen und den Gehalt des Lebens mehr und mehr zerbröckeln; wollen wir also nicht seelisch weiter und weiter sinken, so müssen wir vorwärts streben, getragen von der Überzeugung, daß hier Notwendigkeiten walten, die allem Wollen und Meinen des einzelnen Menschen nicht nur, sondern der ganzen Menschheit überlegen sind. Im Vertrauen auf solche Notwendigkeiten sei unser Werk begonnen.

Die älteren Lebensordnungen

Die religiöse Lebensordnung

Von den verschiedenen Lebensordnungen, die den Menschen der Gegenwart umwerben, übt den stärksten Einfluß noch immer die auf die Religion gegründete. Sie macht zum Grundverhältnis des Lebens das zu einem weltüberlegenen Geiste, der zugleich die Welt beherrscht und durchwaltet; das Christentum bestimmt diese weltbeherrschende Macht näher als vollkommenes sittliches Wesen, als den Geist der Gerechtigkeit und der Güte. Die religiöse Lebensordnung macht die Religion zum Hauptinhalt des Lebens und zum Quell einer eigentümlichen Gedankenwelt; es entsprang eine solche Wendung aus schweren Erschütterungen des menschlichen Daseins, sie erfolgte in Zeiten, welche den Menschen seine Ohnmacht wie die Nichtigkeit des gewöhnlichen Lebens schmerzlich empfinden ließen und ihn zugleich mit tiefer Sehnsucht nach einem neuen Leben erfüllten. So geschah es in unserem westlichen Kulturkreise während der Jahrhunderte, aus deren stürmischen Bewegungen das Christentum schließlich als Sieger hervorging; die leidenschaftliche Glut des Verlangens nach Religion hat sich später gemildert und geklärt, zugleich ist nach und nach ein religiöses Lebenssystem gebildet, das durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch mächtig bis in die Gegenwart wirkt und seinen Anspruch noch heute festhält.

In diesem religiösen System ist das Leben auf ein einziges Ziel, auf das Verhältnis zum vollkommenen Geist konzentriert, alle übrige Betätigung hat nur durch die Richtung darauf und die Leistung dafür einen Wert. Mit solcher straffen Konzentration verbindet sich eng die Ausbildung einer rein bei sich selbst befindlichen, aller Verwicklung der Welt überlegenen Innerlichkeit; diese Innerlichkeit befreit vom Druck des äußeren Erfolges und findet ihr Hauptwerk in sich selbst, sie schafft ein gegenseitiges Verständnis der Menschen von Seele zu Seele, ein volles Miteinanderfühlen und Miteinanderleben, von dem gemeinsamen Grunde her schließt sie die Menschen enger zusammen, als es irgendwie anders geschieht. Es ruht dies Leben der Religion auf unendlicher göttlicher Liebe, aber zur Liebe gesellt sich die Heiligkeit einer sittlichen Ordnung und gibt dem Leben bei aller Innigkeit einen unermeßlichen Ernst.

In diesem Zusammenhange durfte der Mensch von sich und seinem Leben aufs höchste denken. Als Ebenbild Gottes stand er im Mittelpunkte der Wirklichkeit, um ihn kreiste das All, sein Tun und Lassen entschied über das Schicksal des Ganzen, entschied darüber für alle Ewigkeit. Der einzelne war ein Glied eines Reiches Gottes auf Erden, und er hatte die Ziele des Ganzen willfährig aufzunehmen, aber zugleich bildete er einen eigenen Kreis und wurde als ein Selbstzweck behandelt; zur Vollendung des Ganzen, dem gar kein Glied fehlen durfte, gehörte auch seine Entscheidung.

Diesem Leben fehlte es nicht an Sorgen, Nöten und Schmerzen, die Höhe der Forderung und die schroffen Konflikte des menschlichen Kreises verhinderten alles Behagen und alles gewöhnliche Glück. Ja, das Gewicht von Leid und Schuld schien hier zunächst eher größer als kleiner zu werden. Aber die Grunderfahrung der Religion, die Befreiung von drückender Schuld und die Schöpfung eines neuen Lebens, hob den Menschen über den ganzen Bereich von Kampf und Elend hinaus; die durch Liebe und Gnade bewirkte Einigung mit Gott gab ihm teil an dessen Vollkommenheit und an überschwänglicher Seligkeit. Mochte der Widerstand einer fremdartigen Welt verbleiben, mochte die Eröffnung des neuen Lebens seine Wucht erst vollauf empfinden lassen, in Zweifel versetzen und das Streben lähmen konnte er nicht. Es war bei der Größe seiner Aufgaben kein leichtes Leben, das hier entstand, aber es war ein Leben voller Bewegung und in sicheren Zusammenhängen, es war kein vergebliches Leben.

So hat die religiöse Lebensordnung weite Kreise der Menschheit lange Jahrhunderte hindurch beherrscht, sie hat Individuen und Völker fest zusammengehalten, sie hat unzähligen Seelen sowohl eine kräftige Aufrüttelung als seligen Frieden gebracht. Indem hier göttliches Leben in den Kreis des Menschen eintritt und eine neue Welt im Bereich der alten schafft, entstehen schroffe Kontraste und wird das zwischen ihnen befindliche Leben des Menschen aus aller Ruhe herausgerissen. Das Göttliche zugleich in weltüberlegener Hoheit und in unmittelbarer seelischer Nähe, der Mensch unsäglich klein und doch zur Wesenseinheit mit Gott berufen, Liebe und Ehrfurcht, Milde und Ernst eng miteinander verbunden, tiefes Dunkel und helles Licht, Elend und Seligkeit einander steigernd, in dem allen eine dramatische Spannung und eine unablässige Bewegung, die allererst der Seele eine wahrhaftige Geschichte verleiht und diese Geschichte zum Mittelpunkt aller Wirklichkeit macht; durch alles hindurch eine überwältigende Sehnsucht nach Liebe und nach Ewigkeit, ein Leben, das in Glauben und Hoffen alle Gegenwart weit überfliegt, das sich aber dem tiefsten Grunde nach in einer Welt göttlicher Wahrheit sicher geborgen weiß. Eine solche Tiefe und Innigkeit hat das Leben an keiner anderen Stelle erreicht.

Und doch liegt ein Widerspruch gegen dies Leben, namentlich gegen seine Ausschließlichkeit nahe. Das Ganze war in einem Gegensatz und Bruch mit der nächsten Welt entstanden, in einer Zeit, wo die Menschheit durch trübe Erfahrung den Glauben an sich selbst und ihr Vermögen verloren hatte und keine würdigen Ziele im nächsten Dasein fand, wo nur die Wendung zu einer neuen Welt sie vor geistiger Verödung und Vernichtung behüten zu können schien. So wurde jene Welt mit Hingebung der ganzen Seele ergriffen und eine völlige Umkehr des Daseins vollzogen, die Welt des Glaubens ward zur geistigen Heimat, die sichtbare Welt sank zur Fremde herab. Das konnte nur so lange unbestritten bleiben, als jenes Verlangen nach einer neuen Welt eine überwältigende Kraft behielt, es mußte ins Wanken geraten, als mit dem Aufstieg der Neuzeit die Menschheit sich wieder zu freudigem Selbstvertrauen erhob und zugleich ihr die nächste Welt eine frische Anziehungskraft gewann; nun wandte sich Streben und Arbeit wieder mehr der Umgebung zu, nun schien das Leben sein höchstes Ziel in ihrer Unterwerfung und der Steigerung der Kraft dadurch zu finden, nun wurde mehr und mehr diese Welt dem Menschen auch geistig zur Heimat. Indem nunmehr die Aufgaben der Weltarbeit mit ihrer bunten Fülle und ihren berauschenden Erfolgen die Sorge um den Stand der Seele vergessen machen, verschiebt sich ganz und gar die Lage der Religion, aus dem Mittelpunkte des Lebens wird sie mehr und mehr in seinen Umkreis gedrängt und begegnet dabei wachsendem Widerstände, den nur eine kleinliche Denkart vornehmlich dem Eigenwillen und Unglauben bloßer Individuen aufbürden kann. Bedenken gegen den Lehrgehalt der Religion gingen dabei voran, sie beriefen sich namentlich auf die völlige Veränderung des Bildes von der Natur und der Geschichte, welche die Neuzeit vollzogen hat. Aber diese Bedenken hätten sich ertragen oder zurückschieben lassen, wären dem Leben der alte Kern und der alte Glaube unvermindert geblieben; der Widerspruch der Umgebung hätte die trotzige Selbstbewußtheit des Glaubens dann sogar noch steigern können (credo quia absurdum). Gefährlich machte jene Angriffe nur die innere Schwäche der Religion, das Verblassen ihrer Grunderfahrungen, die Wandlung des Lebensgefühles der Menschheit. Bei so veränderter Lage kam voll zur Wirkung sowohl, was von alters her der Religion widersprach, als was die moderne Kultur ihr entgegenhielt; alle Zweifel und alle Bedenken fanden nun ein bereites Gehör. Zunächst geht der Angriff auf einzelne Seiten und einzelne Ansprüche der Religion, bald aber wendet er sich gegen ihr Ganzes und zugleich gegen alle Möglichkeit einer religiösen Lebensordnung. Diese wird als viel zu eng verworfen und ihr eine Ausbildung aller Kräfte, eine Entwicklung universaler Kultur entgegengestellt; sodann erscheint die Spaltung der Wirklichkeit in zwei Reiche als eine schwere Verirrung, und es dünkt eine Verkehrtheit, aus dem Leben eine bloße Vorbereitung eines kommenden Daseins zu machen. Schließlich wird diesem Gedankengange die ganze Religion ein Erzeugnis menschlicher Einbildung, ihr Reich ein Gewebe bloßer Illusionen, ein Reich der Schatten und Träume. Gewiß findet solche Verneinung kräftigen Widerstand, und das Recht, wenn nicht der religiösen Lebensordnung, so doch der Religion, wird von vielen eifrig verfochten. Aber das unaufhörliche Umsichgreifen jener Verneinung zeigt unwidersprechlich, daß weite Kreise der Gegenwart sich in die treibenden Kräfte der Religion nicht mehr zu versetzen vermögen, daß sie und ihre Welt ihnen innerlich fremd, ja unverständlich geworden ist. Auch ist nicht zu verkennen, daß die Verfechtung der Religion sich stark zersplittert und nicht zu vereinter Wirkung gelangt. Was an Verlangen und Sehnen sich regt, das wird nicht körperhaft genug, um den Gegner siegreich zurückzudrängen. So in einen Kampf um ihr eignes Recht verwickelt, kann die Religion dem Menschen nicht mehr einen festen Halt gewähren, nicht mehr seinem Leben beherrschende Ziele stecken. Denn wie kann eine sichere Antwort geben, was selbst zur Frage geworden ist?

Die Lebensordnung des immanenten Idealismus

Den Verwicklungen der Religion entrinnen zu können, ohne die Tiefe des Lebens zu mindern, glaubt ein der Welt zugewandter Idealismus, ein immanenter Idealismus, der mit seiner Entfaltung einer Geisteskultur seit Jahrtausenden die Religion begleitet, meist zu freundlicher Ergänzung, bisweilen in harter Bekämpfung. Auch er stellt das Leben vornehmlich in eine unsichtbare Welt, aber er versteht diese nicht als ein neben dem sinnlichen Dasein befindliches und von ihm abgelöstes Reich, sondern als seinen tragenden Grund, seine Tiefe und Seele; daß das All eine solche, dem äußeren Auge verborgene Tiefe besitze, daß es in ihr ein Ganzes bilde und ein inneres Leben führe, das ist eine Überzeugung, mit der diese Lebensordnung steht und fällt. Den Menschen verbindet die Idealkultur eng mit dem All, aber zugleich gewährt sie ihm ein eigentümliches Werk und eine ausgezeichnete Stellung. Denn die Welt unter ihm scheint ihr Leben bewußtlos und gebunden zu führen, und die das Ganze tragende Kraft wird hier nicht zum Erlebnis der einzelnen Stelle; dies aber geschieht beim Menschen, der den Gedanken des Ganzen denkt und dieses damit zu eigenem Besitze macht, so erhebt sich bei ihm zuerst die Welt zur Klarheit und Freiheit. Das geschieht aber nicht ohne sein eigenes Entscheiden und Ergreifen, sein eigenes Wirken und Schaffen; an dieser besonderen Stelle liegt der Fortschritt der Welt bei ihm, und darf sein Tun den Stand des Ganzen zu fördern hoffen.

Diese Lebensordnung bewegt sich vornehmlich um den Gegensatz von Innerem und Äußerem, von unsichtbarer und sichtbarer Welt. Das Innere, der eigentliche Träger des Lebens, hat das Äußere zu ergreifen und zu beseelen, zugleich aber selbst von mattem Umriß zu voller Durchbildung vorzudringen. So entsteht ein geistiges Schaffen, das, getragen von einer Weltvernunft, gegenüber der bewußtlosen Natur und dem sinnlosen Alltagsleben ein wesentlich neues Leben weckt, ein Reich des Geistes, das mit seinem Wahren, Guten und Schönen den Menschen eine innere Gemeinschaft mit der großen Welt gewinnen und ihre ganze Fülle und Herrlichkeit mitleben läßt. Ein solches Leben bedarf keines außer ihm liegenden Lohnes, es dient nicht anderen Zwecken, sondern es findet seinen Sinn in der eigenen Entfaltung und seine Freude in dem Anschauen seiner selbst, sein Wirken kehrt zu sich selbst zurück und gewinnt zugleich freudige Ruhe.

Die Hauptträger dieses Lebens werden Kunst und Wissenschaft, beide in dem hohen Sinne verstanden, daß sie uns in das Reich der schaffenden Gründe versetzen und uns die Tiefe der Welt eröffnen. Überall sind sie beflissen, das Dunkle zu klären, das Starre zu mildern, das Zerstreute zu verbinden, die Gegensätze auszugleichen, das Ganze zu seelenvoller Harmonie zu bilden und ein Schönes, das durch sich selbst gefällt, aller bloßen Nützlichkeit entgegenzuhalten. Das ergibt eine Lebensgestaltung, die von der religiösen merklich abweicht. Die Religion ist mehr auf die Schärfung, die Idealkultur auf die Aussöhnung der Gegensätze bedacht; jene konzentriert das Leben möglichst auf einen einzigen Punkt, diese gibt ihm möglichste Weite und Breite; jene stellt die Gesinnung voran, diese fordert ein kräftiges Schaffen; jene sieht mehr Schwäche und Nichtigkeit, diese mehr Kraft und Größe am Menschen, freilich am Menschen, der sich dem Weltall verbindet und aus ihm sein Leben schöpft; jene findet den Weg zur Lebensbejahung erst: durch schwere Erschütterung und harte Verneinung hindurch, diese glaubt in kühnem Aufschwung sie sofort vollziehen zu können. Vielleicht enthält dieser Gegensatz nur verschiedene Seiten oder Stufen eines weiteren Lebens, die einander ergänzen müssen, zunächst aber sehen wir nicht den Punkt der Vereinigung.

Der immanente Idealismus kam zu besonders glänzender Entfaltung auf der Höhe des griechischen Lebens, er hat sich seitdem als ein selbständiger Strom erhalten und immer von neuem verstärkt, er spricht zu uns in nächster Nähe aus dem Lebenswerk Goethes, er ist ein wesentliches Stück des geistigen Besitztums der Menschheit.

Aber mit dem Anspruch, das Leben zu führen und ihm seinen Sinn zu geben, ist es dem immanenten Idealismus nicht anders ergangen als der Religion: die Grundlage wurde erschüttert, das Grunderlebnis verdunkelt und abgeschwächt; so erhielten feindliche Mächte die Oberhand und vertrieben diese Lebensgestaltung aus dem Mittelpunkte des Daseins. Daß die Wirklichkeit eine Tiefe habe, und daß der Mensch bei voller Aufbietung seiner Kraft zu dieser Tiefe durchdringen könne, das ist dem Durchschnitt der Zeit nicht minder zweifelhaft geworden als die Grundwahrheiten der Religion. Der immanente Idealismus war stets in Gefahr und Mühe, seine eigene Behauptung zu wahren. Zu lebenserfüllendem Schaffen kam er nur in besonderen Zeiten, nur an festlichen Tagen der Menschheit, wo eine Gunst des Geschickes mit großen Aufgaben des weltgeschichtlichen Lebens große Persönlichkeiten zusammenführte; einem Hochflug des Schaffens wurde hier die unsichtbare Welt zu allergewissester Nähe und zum sicheren Standort des Lebens, hier konnte sie alle Kraft des Menschen gewinnen und ihm zu eigenem Wesen werden. Aber jene heroischen Zeiten verstreichen, und der Alltag übt sein Recht, die Spannung des Lebens sinkt und zugleich die Widerstandskraft gegen alles Dunkle und Fremde; die Starrheit der Außenwelt, der niedrige Stand des menschlichen Durchschnitts, die Selbstsucht und Scheinhaftigkeit des gesellschaftlichen Treibens gewinnen die Oberhand und lassen jene Idealkultur mit ihrer Beseelung und Veredlung des Daseins als ein bloßes Nebending, als eine Begleitung und Umsäumung eines andersartigen Lebens erscheinen.

Wenn mit solcher Wendung die Idealkultur aus eigener Betätigung und Erfahrung ein bloßes Aneignen, Fortführen, Genießen überkommener Schätze wird, so verflacht das geistige Schaffen unvermeidlich zu bloßer Bildung; auch eine solche hat einen Wert, aber sie regt nicht die Tiefen des Lebens auf, sie wird leicht eine Sache bequemen Genusses, ein gefälliger Aufputz, der die großen Probleme des menschlichen Daseins verbirgt. Auch pflegt zu ihr weniger ein eigenes Verlangen als der Gedanke an die Umgebung, das Geltenwollen im gesellschaftlichen Zusammensein zu treiben, der Schein überwiegt hier leicht das Sein, eine Unwahrhaftigkeit ist nicht zu verkennen. Alles in allem erscheint die Bildung als ein Leben aus zweiter Hand, ein solches aber kann nicht unserem Dasein einen Sinn und Wert verleihen.

Was immer in solcher Wendung an Verwicklungen angelegt ist, das wird weiter verstärkt durch die eigentümliche Lage der Gegenwart. Zunächst wirkt die Erschütterung der Religion auch zu einer Schwächung des immanenten Idealismus. Denn seine Überzeugung von einer Tiefe des Alls und dem Wirken einer unsichtbaren Welt hat in der Menschheit Boden gewonnen nur im Anschluß an die Religion und ihren Bruch mit dem sichtbaren Dasein; fällt dies weg oder wird es geschwächt, so verliert auch die Idealkultur ihre sichere Stellung im Leben, so wird sie aus seiner Tiefe mehr und mehr zur Oberfläche gedrängt. An einer Schwächung der Religion läßt sich aber heute nicht wohl zweifeln. Sodann aber hat in der Neuzeit die Außenwelt eine Selbständigkeit gewonnen wie nie zuvor, und es hat ihr die Arbeit der Wissenschaft immer mehr alles Seelenleben ausgetrieben, zugleich eröffnet sie uns eine überströmende Fülle von Aufgaben, welche die Kraft des Menschen anziehen und fesseln; diese Welt mit ihrer Unermeßlichkeit von innen her zu bezwingen und einem unsichtbaren Leben zu unterwerfen, das wird uns immer mehr unmöglich. Auch das wirkt nach dieser Richtung, daß die moderne Forschung die Besonderheit und die Gebundenheit des menschlichen Lebens und Strebens stark hervorkehrt; es scheint ihr in enge Schranken gebannt und dadurch von einem Teilhaben am Leben des Alls unbedingt ausgeschlossen. Endlich zerstört die Entwicklung des modernen Subjekts die überkommenen Zusammenhänge und stellt den Menschen der Welt wie fremd gegenüber; wie soll eine solche Lage zu geistigem Schaffen führen, das uns die Welt unterwirft und uns aus ihrer Tiefe unser Leben führen läßt?