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Als Ryu mit Naomi nach Edo zurückkehrt, erfährt er, dass der Tokugawa Ieyasu kein Shogun mehr ist. Dieser hatte ihm versprochen, Naomi in den Adelsstand zu erheben, damit er sie heiraten kann. Voller Sorge fragt sich Ryu, ob seine Hochzeit mit Naomi überhaupt noch stattfinden kann. Während einer Audienz bei dem neuen Shogun bemerkt er, dass Tokugawa Ieyasu zu einem Vampir mutiert ist. Noch ahnt Ryu nicht, dass er einer anderen ihn unbekannten Macht gegenübersteht. Mithilfe Genshin Yutos, eines befreundeten Daimyos, erkennt er, dass Japan von einem Schwarzmagier bedroht wird. Gemeinsam mit Genshin Yuto nimmt Ryu den Kampf gegen den bösen Zauberer auf. Mit fünf Samurai-Ninjas und zwei Rekruten aus der neu aufzubauenden Spezialeinheit reisen Ryu und Genshin Yuto nach Osaka. Dort werden sie immer wieder mit schwarzer Magie konfrontiert und mit dem Tode bedroht. Gelingt es ihnen, allen Gefahren zu trotzen und können sie den schwarzen Magier besiegen? In diesem spannenden Roman erzählt Rusch die weitere Geschichte Ryus, die eine gelungene Fortsetzung seines Romans Der Sohn des Abtes darstellt und in der Ryu erneut viele Abenteuer zu bestehen hat.
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Seitenzahl: 594
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Was bisher geschah
Prolog
Teil 1 Der Weg nach Edo
Dem Shogun ausgeliefert
Naturgewalten
Das Dorf
Möwen
Ankunft in Edo
Teil 2 Gute und schlechte Menschen
Der neue Shogun
Sorgen
Hiroshi
Vampiralarm
Akio
Meister Nakamura
Fujiwara Shiro
Ishikawa Akindo
Taro und Raijin
Zurück in Edo
Die Hochzeit
Teil 3 Katastrophen und böse Magie
Der Vampir
Haiku
Naturgewalten
Der böse Zauberer
Informationen und Vorbereitungen
Die Reise nach Osaka
In Osaka
Im Wald nördlich von Osaka
Zurück in Edo
Register
Nachwort
Autor
Im Jahre Kaicho 2 befanden sich einige Bauern aus Hino mit ihrem frisch geernteten Gemüse auf dem Weg nach Koga, um es dort auf dem Marktplatz zu verkaufen. Unter ihnen befand sich das Ehepaar Ayumi und Nasaki. Mühsam zogen sie ihren schweren Karren durch das Land. Als sie sich dem kleinen Dorf Yokoyama näherten, in dem sie beabsichtigten, eine Pause einzulegen, um sich für den weiteren Weg zu stärken, sahen sie schon von Weitem eine Rauchfahne aufsteigen. Sie beeilten sich, das Dorf zu erreichen. Vielleicht konnten sie noch helfen, das Leben und Gut der Dorfbewohner zu retten. Schließlich mussten sie feststellen, dass der kleine Ort zerstört worden war. Überall auf den Straßen lagen Leichen in ihrem Blut. Es bot sich Ayumi und Nasaki ein grausames Bild, welches sie nicht mehr vergessen sollten.
Einige Bauern glaubten, dass für dieses Blutbad Vampire verantwortlich seien, die vor einem Jahr mit einem portugiesischen Schiff nach Japan gekommen waren und im gesamten Land ihr Unwesen trieben. Doch Nasaki und Ayumi zweifelten daran. Viel mehr glaubten sie, dass der alte Daimyo Toyotomi Hideyoshi für diese grausame und unmenschliche Tat die Verantwortung trug. Sie wussten, dass Yokoyama ein geheimes Ninja-Dorf gewesen war und dass Toyotomi Hideyoshi Ninjas hasste. Der Daimyo ließ sie verfolgen und hinrichten. Sicherlich hatte er einige Soldaten damit beauftragt, Yokoyama zu zerstören und seine Bewohner zu ermorden. Denn Vampire ließen keine Blutlachen zurück, in denen die meisten Opfer des Überfalls lagen.
Die Gemüsebauern suchten nach diesem feigen Überfall nach Überlebenden. Unter einem Holzstapel fanden sie einen kleinen verängstigten und traumatisierten Jungen. Es gelang Nasaki und Ayumi, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen, und so erfuhren sie, dass sein Name Ryu und er fünf Jahre alt war. Das Paar beschloss, dem Koganer Daimyo von diesem Blutbad zu berichten und gleichzeitig für Ryu eine neue Bleibe zu suchen. Der Daimyo Genshin Yuto befahl ihnen, Ryu zu seinem Freund Meister Nakamura Sho zu bringen. Dieser war der Abt des buddhistischen Zen-Klosters. Dort fand der kleine Junge ein neues und liebevolles Zuhause. Er freundete sich mit Meister Nakamura und dem jungen Mönch Takeshi an, die für ihn als Vater und Bruder seine Familie wurden.
Als Ryu erst einige Wochen im Kloster lebte, wurde Koga von Vampiren überfallen. Es entbrannte eine mörderische Schlacht, die bis zum Morgengrauen andauerte. Doch Genshin Yuto hatte sich und die Koganer auf dieses Ereignis vorbereitet und eine Palisadenwand um seine Stadt als Schutzwall bauen lassen. Diese Wehranlage gewährte den Koganern während der Schlacht für mehrere Stunden Schutz, bis es den Vampiren gelang, sie zu überwinden und Genshin Yuto zu entführen.
Takeshi gelang es mit seinen Ninjas, den Daimyo aus den Klauen der Vampire zu entreißen. Damit begann für die Koganer die Wende in einem bis dahin aussichtslosen Kampf. Später erfuhr davon Tokugawa Ieyasu, der zu diesem Zeitpunkt noch Daimyo einer Provinz gewesen war und nach dem Tode Toyotomi Hideyoshis Shogun werden sollte. Tokugawa Ieyasu rettete Genshin Yuto das Leben, dem Toyotomi Hideyoshi befohlen hatte, Seppuku zu begehen, weil dieser ihn angeblich verraten habe.
Ryu, der vom Abt des Klosters liebevoll wie ein Sohn aufgezogen wurde, ließ sich von seinem Pflegevater und Takeshi auch zu einem Ninja ausbilden. Mit dieser Ausbildung und mit Meditationen half ihm Meister Nakamura, sein Kindheitstrauma zu überwinden, welches er durch die Vernichtung seines Dorfes und die Ermordung seiner Eltern erlitten hatte.
Nachdem Tokugawa Ieyasu Shogun geworden war, herrschte ein lange anhaltender Frieden, in dem Ryu heranwuchs.
Aber auch die Vampire erholten sich in dieser Zeit von ihrer Niederlage, die sie in der Schlacht von Koga erlitten hatten. Diese ließen sich auf der Insel Shikoku nieder und rotteten dort die Menschen aus, die ebenfalls zu einem Vampir mutierten, bis die Insel ausschließlich nur noch von diesen untoten Wesen bevölkert wurde.
Doch davon erfuhren die Ninjas in ihrem Kloster erst sehr viel später. Ryu lernte als junger Mann Naomi kennen und verliebte sich in sie. Naomi erwiderte seine Liebe und so beschloss das junge Paar, zu heiraten.
Auf einer Expedition wurde Takeshi in einer Höhle von Vampir-Fledermäusen angegriffen und mehrmals von ihnen gebissen. Ryu brachte seinen schwer verletzten Bruder mit einigen Soldaten des Daimyos Genshin Yuto ins Kloster zurück. Er ahnte nicht, dass Takeshis Leben in Gefahr war. Deshalb traf ihn dessen Tod unvorbereitet und besonders hart.
Beinahe zum gleichen Zeitpunkt erfuhr er, dass der Shogun befohlen hatte, die Ninjas nach Edo zu bringen. Sie sollten als Spezialeinheit im Kampf gegen die Vampire eingesetzt werden. Für Ryu brach seine kleine, aber bis dahin heile Welt zusammen, denn auch sein Vater wollte als Abt im Kloster zurückbleiben. Doch Meister Nakamura bemerkte, wie sehr Ryu unter dieser für ihn angespannten Situation litt, die nicht nur wegen des Todes seines Bruders eingetreten war, sondern auch deshalb, weil Ryu sich von seiner geliebten Naomi trennen musste und sie wahrscheinlich nicht wiedersehen würde. Außerdem wusste der Abt, dass Ryu auch ihn schon jetzt vermisste, noch bevor er nach Edo aufgebrochen war. Weil Ryu für Nakamura Sho der wichtigste und liebste Mensch auf der Welt geworden war, beschloss der alte Abt, ihn und die Ninjas nach Edo zu begleiten. Sechs Samurais gaben ihnen auf ihrer Reise nach Edo Schutz, denn sie mussten den weiten Weg in siebzehn Tagen ohne Waffen und zu Fuß zurücklegen. Ihr Anführer war Hauptmann Watanabe Hideaki, mit dem sie später gemeinsam in Osaka gegen die Vampire kämpfen sollten.
In Edo wurden sie dem General und Daimyo Date Masamune unterstellt. Hauptmann Tahashi Masahiro war ein Gehilfe des Generals und half den Ninjas, ihre Aufgaben zu erfüllen. Außerdem sorgte er für ihr persönliches Wohl und ihre Ausrüstung.
Als der Shogun den zu seiner Spezialeinheit gewordenen Ninjas befahl, seine Samurais in ihrer Kampfkunst auszubilden, leisteten vier Daimyos und ein Samurai dagegen erheblichen Widerstand. Auf Meister Nakamura wurde ein Attentat verübt, das dieser schwer verletzt überlebte. Tokugawa Ieyasu nahm die Söhne der Widerstand leistenden Daimyos als Geisel und hielt sie in seiner Burg fest, um den Widerstand zu brechen. Außerdem ließ er den Attentäter hinrichten. Ryu wurde anstelle seines Vaters zum Anführer der Spezialeinheit bestimmt, außerdem erhob der Shogun die Ninjas in den Stand eines Samurais. Ryu wurde bewusst, dass er als solcher dem Adel angehörte und damit seine Naomi aus gesellschaftlichen Gründen nicht mehr heiraten durfte.
Weil die Vampire die Insel Shikoku verlassen hatten und die Stadt Osaka mit ihrer Burg bedrohten, wurden die Ninjas dorthin befohlen, um den Kampf gegen sie aufzunehmen.
Während Ryu in einem tollkühnen Plan die Absichten der Vampire mit neun freiwilligen Ninjas in einem von den Blutsaugern besetzten Wald ausspionierte und dabei vier seiner Männer den Tod fanden, marschierte General Masamune mit seiner Armee nach Osaka. Dort mussten sich die Truppen des Shoguns den Vampiren in einer Schlacht entgegenstellen, die mehrere Tage andauern sollte.
Genshin Yuto, der zum Berater des Shoguns aufgestiegen war, hatte die Idee, die Burg Osaka den Vampiren zu überlassen und diese an einem sonnigen Morgen von den Ninjas mit einem breit angelegten Brand zu vernichten. Tokugawa Ieyasu stimmte diesem Plan zu und somit wurden die Vampire dem Feuertod überantwortet. Trotzdem gelang es vielen von ihnen, zu fliehen, weil das Wetter plötzlich umschlug und es zu regnen begann. Jedoch wurden sie von den Truppen des Shoguns empfangen und ein regelrechtes Gemetzel entstand, indem die Vampire vernichtet wurden, aber auch viele Samurais und Ninjas den Tod fanden.
Nach der siegreichen Schlacht wurde Ryu in den Stand eines Hatamoto und Daimyos erhoben. Dadurch verlor er den letzten Funken seiner Hoffnung, Naomi jemals heiraten zu können. Eines Tages bemerkte Tokugawa Ieyasu, dass Ryu bedrückt war. Als er den Grund dafür erfuhr, erlaubte er seinem Hauptmann der Spezialeinheit, Naomi nach Edo zu bringen, um sie dort heiraten zu können. Dafür war es erforderlich, dass der Shogun sie in den Stand eines Samurais erhob. Das wollte Tokugawa Ieyasu für Ryu tun, bevor dieser die Spezialeinheit neu aufbauen sollte.
In Osaka herrschte trübes Wetter, welches zur traurigen Stimmung der Menschen passte. Der Himmel war mit dicken grauen Wolken verhangen, die das Licht der Sonne kaum zur Erde herabscheinen ließen. Osaka lag in einem tristen grauen Schleier, die Erde war von den vielen Tränen nass geworden, die der Himmel über das Land ergoss. Die einst stolze Burg des Daimyos Toyotomi Hideyori reckte sich als mahnende Ruine nur noch wenige Meter über den Erdboden empor. Deutlich konnte man die Spuren des brennenden Infernos erkennen, das die Burg dahingerafft hatte. Auch der junge Daimyo und sein General Sanada Yukimura hatten dabei den Tod gefunden. Schwarze verkohlte Balken und ebensolche Bretter zeugten von dieser Katastrophe.
Endlich war es dem Shogun Tokugawa Ieyasu mit seinen Armeen gelungen, in einer brutalen und schrecklichen Schlacht einen ausgesprochen glücklichen, knappen und, auf Grund der erheblichen Verluste, teuer erkauften Sieg gegen die Heere der Vampire zu erringen. Diese Schlacht dauerte mehrere Tage an. Um genau zu sein: Bis auf den letzten Tag wurde nur nachts gekämpft. Jedoch die letzte entscheidende Schlacht, die den Untergang der Vampire besiegelte, fand an einem Vormittag über viele Stunden statt. Danach hatte sich Tokugawa Ieyasu erleichtert gefühlt, weil eine große Gefahr, die die Menschen Japans bedroht hatte, abgewendet werden konnte. Aber er war auch tief betrübt, weil dabei Tausende Menschen ihr Leben verloren hatten.
Zwei Stunden nach dem Ende der Kämpfe hatte sich der Shogun mit seinen Generälen und Hauptleuten in seinem Zelt getroffen, welches ihm vorübergehend als Obdach und Befehlsstand gedient hatte. Auch er persönlich hatte die Blutsauger mit seinen eigenen Waffen bekämpft und dabei erlebt, wie viele seiner Samu rais und Ashigarus in diesem furchtbaren Abschlachten von Menschen und Monstern ihr Leben gelassen hatten. Während des Treffens in seinem Zelt wollte der Shogun erfahren, wer von seinen Offizieren dieses Blutbad überlebt hatte.
Einerseits hatte Tokugawa Ieyasu das Gefühl, weinen zu müssen. Zu viele seiner treuesten und loyalsten Daimyos und Offiziere, aber auch zu viele Ashigarus hatten diesen Krieg nicht überlebt. Beinahe die Hälfte des Offizierskorps war ein Opfer der Blutsauger geworden. Die aufsteigenden Tränen bekämpfte er mit seinem eisernen Willen. In Japan zeigte man keine Emotionen. Erst recht für einen Shogun war es unehrenhaft, so etwas zu tun.
Andererseits fühlte er Genugtuung. Die Ninjas aus Koga nach Edo befohlen und sie als Spezialeinheit im Kampf gegen die Vampire eingesetzt zu haben, war einem Glücksgriff gleichgekommen.
Tokugawa Ieyasu trauerte um mehr als die Hälfte der Ninjas, die ihm in der Spezialeinheit treu gedient hatten, und um unzählige Offiziere, aber auch um einige persönliche Freunde. Und dann dachte er, dass ein Shogun keine Freunde hatte, denn er fühlte sich sehr einsam.
Doch trotz seiner Trauer freute er sich darüber, dass einige Männer, die er sehr schätzte, die verlustreichen Kämpfe überlebt hatten. Unter anderem betraf das seinen Berater Genshin Yuto, der die entscheidende Idee zur Vernichtung der Untoten gehabt hatte, und den Hauptmann der Ninjas, Yokoyama Ryu, sowie die Männer der Spezialeinheit, die der Shogun in den Stand der Samurais erhoben hatte. Ohne den Hauptmann der Spezialeinheit und seinen Ninjas wäre ein Sieg gegen die Vampire undenkbar gewesen. Seine Gedanken verselbstständigten sich für einen Moment. Nein, es war keine Freude, die er fühlte, weil es gute Männer gab, die er schätzte und achtete und die diese schreckliche Schlacht überlebt hatten. Er war froh darüber, dass es diese Überlebenden gab. Aber trotzdem überwog die Trauer um die vielen Toten. Nein, er konnte sich nicht freuen, dieses Gefühl kannte er zwar, aber jetzt, so unmittelbar nach der Schlacht, existierte es in seinem Körper nicht.
Tokugawa Ieyasu musste daran denken, dass dieses brutale Abschlachten erst vor zwei Stunden mit einem glücklichen Sieg für seine Männer geendet hatte, das zu einer der schlimmsten Zeiten seines Lebens gehörte. Auch das war ein Grund dafür, warum sich der hohe Adlige an diesem Tage besonders müde und erschöpft fühlte. Deshalb befahl er seinen persönlichen Leibdiener zu sich, der mit einer Verbeugung erschien.
„Hilf mir, meine Rüstung abzulegen! Ich bin müde und möchte schlafen“, befahl der Shogun dem Mann.
Der Diener befolgte schweigend den Befehl. Danach setzte sich Tokugawa Ieyasu auf seine Tatami. Sein rechter Unterarm begann zu jucken. Er schob den Ärmel seines Hemdes bis über die Ellenbeuge hoch, um zu sehen, was ihn dort plagte.
Als er die Wunde am Unterarm sah, erschrak er. „Verdammt, was ist denn das?“
Auch sein Diener wurde auf die Wunde aufmerksam. „Toku-gawa-sama, darf ich Euch etwas fragen?“
Mürrisch sah der Shogun seinen Diener an. „Sprich!“
„Die Wunde sieht nicht gut aus. Soll ich Euren Leibarzt zu euch schicken?“
„Nein, ich brauche keinen Arzt. Das ist doch nur eine Schramme.“ Nach kurzem Überlegen sagte er dann: „Vielleicht hast du recht und ich sollte wirklich meinen Leibarzt konsultieren. Aber das werde ich nicht mehr heute tun. Du darfst gehen.“
Als ihn der Diener allein gelassen hatte, sah der Shogun ihm einen Moment nach. Dabei fiel ihm ein Befehl ein, den er während der Kämpfe gegen die Vampire an seine Söldner, Ashigarus und Samurais herausgegeben hatte. Demnach sollten alle Kämpfer mit einer Verletzung umgehend einen zentralen Verbandsplatz aufsuchen, um sich von einem erfahrenen Militärfeldscher untersuchen zu lassen. Hätte dieser festgestellt, dass die Wunde dem Betreffenden durch den Biss eines Vampirs zugefügt worden sei, sollte dieser sofort enthauptet werden, weil er zu einem Vampir mutieren würde.
Jetzt saß der Shogun in seinem Zelt auf seiner Tatami und schaute sich nochmals die Wunde an seinem Unterarm an. Sie war nur ein aufgebrochener Kratzer, der sich entzündet hatte und nun eiterte. Zugegeben, die Wunde störte ihn nicht, aber sie juckte von Zeit zu Zeit. Das lag bestimmt daran, dass Schmutz in die Wunde gelangt war und sich nun entzündet hatte und eiterte.
Tokugawa Ieyasu glaubte, dass er sich den Kratzer im letzten Gefecht gegen die Vampire zugezogen hatte. Aber wer hatte ihm den beigebracht? Er konnte sich nicht daran erinnern, dass er während der Schlacht von jemandem verletzt worden sei. Der Arm war im Kampf ständig mit dem Ärmel seines Hemdes und dem Handschuh seiner Rüstung bedeckt gewesen. Ihm wurde bewusst, dass er zum Feldscher gehen sollte, um sich gründlich untersuchen zu lassen. Aber er entschied sich dagegen, weil er glaubte, dass ihm diese kleine Wunde von keinem Vampir zugefügt worden sein konnte, weil der Arm eben ständig geschützt gewesen war.
Tokugawa Ieyasu suchte keine Ausflüchte dafür, sein Leben zu erhalten. Er wollte zwar noch nicht sterben, aber für einen Mann in seiner Position, einem Heerführer, der an vielen Schlachten teilgenommen hatte, hatte er schon länger gelebt als viele andere Befehlshaber. Wenn er jetzt hätte sterben müssen, hätte er das akzeptiert, denn er war alles andere als ein Feigling.
Aber jetzt untersuchte er diesen Kratzer noch einmal sehr genau. Die Wunde war etwa ein Sun lang (3,3 Zentimeter) und verschorft, wobei sie nicht ganz durchgängig und nicht einmal zwei Rin (0,6 Millimeter) breit war. Vielleicht hatte er sich selbst diese Stelle an seinem Unterarm aufgekratzt und es nicht bemerkt? Diese kleine Schramme konnte unmöglich eine Verletzung sein, die durch einen Vampir verursacht worden war. Jedenfalls glaubte er das.
Tokugawa Ieyasu beruhigte sich wieder und legte sich auf seine Tatami. Nach wenigen Sekunden schlief er ein. Zunächst konnte er einen traumlosen Schlaf genießen. Aber dann begann er doch noch zu träumen. Er sah sich an einem Fenster in der Burg Osaka stehen und blickte auf sein Heer herab. Danach drehte er sich um und blickte in den Raum hinein, und begann mit jemandem zu reden. Aber was gesprochen wurde, verstand er nicht. Sein Blick wanderte erneut aus dem Fenster heraus. Dann verblasste der Traum und ein anderer entstand. Plötzlich sah er sich über ein Schlachtfeld reiten. In seinem Unterbewusstsein registrierte er, dass er auf den Mann, den er beobachtete, also auf sich selbst, einen unbändigen Hass verspürte.
Schweißgebadet wachte Tokugawa Ieyasu auf. Er brauchte einige Sekunden, um sich in seiner Umgebung zurechtzufinden. Als er endlich begriffen hatte, wo er sich befand, atmete er erleichtert auf und rief seinen persönlichen Diener herbei. Als dieser erschien, befahl er ihm: „Bring mir mehr Kerzen!“
Nachdem der Diener die Kerzen gebracht und angezündet hatte, schaute sich der Shogun die Wunde an seinem Unterarm erneut an. Sie hatte sich dramatisch verändert. Noch ahnte Tokugawa Ieyasu nicht, dass eine fremde Macht seinen Körper begehrte. Diese fremde Macht hatte ihm unbemerkt die Wunde an seinem Unterarm zugefügt, um so in seinen Körper fahren zu können.
Der Weg nach Edo
Im Jahre Kaicho 20, dem dreizehnten Tag des siebenten Monats, befand sich eine kleine Reisegesellschaft auf dem Weg von Koga nach Edo. Nach europäischer Zeitrechnung handelt es sich um den dreizehnten Juli 1615. Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel auf die Erde herab. Die Temperaturen waren an diesem schönen und warmen Sommertag wie zum Reisen geschaffen. Bäume, Büsche und Wiesen säumten den Weg der Menschen, deren Umgebung in eine grüne Landschaft verwandelt und von blühenden Blumen noch zusätzlich geschmückt wurde. Außerdem sahen die Reiter in der Ferne einige Berge, die ihre Augen auf angenehme Weise reizten. Das Gezwitscher der Vögel drang an ihre Ohren und sie konnten den Gesang der gefiederten Freunde genießen. Die Natur bot ihnen ein sehr farbenfrohes und friedfertiges Bild. Besonders schön erschien das Konzert der vielen Vögel den Teilnehmern an der schrecklichen Schlacht in Osaka, die erst vor einem Jahr in dieser Stadt gegen die Vampire ausgetragen worden war. Die Menschen hatten dort die Hölle auf Erden erlebt, von der sie nicht wussten, ob es diese in der Unterwelt jemals gab. Aber die Schlacht gegen die Blutsauger war für sie tausendmal schlimmer gewesen als das schlimmste Ereignis, das einen Menschen dort ereilen könnte. Ein leichter Wind wehte den Reisenden ins Gesicht und erleichterte ihnen das Reiten auf der Tokaido, die Kyoto mit Edo verband. Sie hatten Koga und Kyoto schon seit einigen Tagen hinter sich gelassen und befanden sich nur noch drei Stunden von einer Poststation entfernt, in der sie am heutigen Tag die Nacht verbringen wollten. Noch ahnten die Reisenden nicht, dass sie dort eine schwierige Mission zu erfüllen haben würden.
Der Shogun Tokugawa Ieyasu ließ ab 1601 nach europäischer Zeitrechnung die damaligen fünf Hauptreiserouten, die sogenann ten Gokaido, bauen, die Edo mit den Provinzen Japans verbanden und an denen Poststationen entstanden waren, in denen Reisende eine Unterkunft für die Nacht finden und ihre Post aufgeben konnten. Aber sie hatten auch noch eine andere Bedeutung, denn sie spielten eine wichtige Rolle im Verkehr und Handel des feudalen Japans, und waren Zentren für den Austausch von Informationen. Außerdem waren sie wichtige kulturelle Einrichtungen. Mit den Poststationen des Wilden Westens zweihundert Jahre später in Amerika sind sie jedoch nicht vergleichbar.
Die Reisegesellschaft war zum Shogun unterwegs, zu der auch Yokoyama Ryu und seine Braut Naomi gehörten. Sie wurden von der Mutter der jungen Frau und dem Pflegevater des Bräutigams begleitet, dem ehemaligen Abt des buddhistischen Zen-Klosters aus Koga. Nakamura Sho hatte den damals fünfjährigen verwaisten Ryu als seinen Sohn angenommen und ihn auf seine Bitte zu einem Ninja ausgebildet. Der alte Abt selbst war, bevor er in die Jahre kam, ein erfahrener Ninja gewesen. Noch heute beherrschte er als alter Mann die Kampfkünste so gut, dass er sich, falls es einmal notwendig sein sollte, allein gegen einen jungen Mann verteidigen und ihn außer Gefecht setzen konnte. Weitere ehemalige Mönche, die ebenfalls aus dem Koganer Kloster stammten und Ninjas waren wie Ryu auch, zählten zu den Begleitern des jungen Paares.
Für seine Tapferkeit und Treue zum Shogun hatte Tokugawa Ieyasu den Hauptmann seiner Spezialeinheit mit dem Lehen Choshu belohnt. Außerdem hatte er ihn zum Hatamoto ernannt. Doch das hatte Ryu nicht gewollt. Sein Herz hatte ihn zu seiner geliebten Naomi hingezogen. Aber weil der Shogun ihn in den Stand eines Samurais und Daimyos erhoben hatte, während Naomi eine einfache Bäuerin geblieben war, erlaubten die gesellschaftlichen Verhältnisse dem jungen Paar nicht, zu heiraten. Eines Tages hatte Ryu all seinen Mut zusammengenommen und den Shogun gebeten, seine Naomi heiraten zu dürfen. Er sah sich noch jetzt beim Shogun sitzen und ihm seinen wichtigsten Herzenswunsch vortragen.
Tokugawa Ieyasu hatte Ryu wohlwollend angeschaut und ihm erlaubt, seine Geliebte nach Edo zu holen. Dort wollte er Naomi in den Stand eines Samurais erheben und somit dem jungen Paar die Hochzeit ermöglichen.
Wie es sich für einen Hauptmann gehörte, ritt Ryu auf seinem Pferd seinen Samurais voran. Neben ihm ritten Ren und Yuma, der ihn neckte: „Seht euch doch nur mal unseren Hauptmann an. Sein Grinsen will sein Gesicht gar nicht mehr verlassen.“
„Lass ihn doch, schließlich wird er bald heiraten. Ich kann Ryu gut verstehen. Denn nicht oft ist unser Shogun so großzügig zu einem Samurai wie dieses Mal zu Ryu“, antwortete Ren.
„Ich weiß nicht, ob es Großzügigkeit ist oder ob er will, dass ich ihm gewogen bleibe. Schließlich hat er erkannt, wie wertvoll wir Ninjas für ihn sind. Erst recht, weil wir eigentlich keine Ninjas, sondern eher Kämpfer gegen mysteriöse Kräfte sind wie zum Beispiel Vampire“, sagte Ryu mit ernstem Gesicht und schaute Yuma dabei an.
Dieser hielt seinem Blick stand. Dabei wirkte Yuma einerseits überrascht und andererseits besorgt. „Das hört sich aber sehr aufrührerisch an und kann zum Tode führen, Ryu. Mit solchen Reden solltest du sehr vorsichtig sein. Wie meinst du das überhaupt? Der Shogun muss doch dir gewogen sein und nicht du ihm. Schließlich kann er uns befehlen, was er will. Wir haben seinem Willen zu gehorchen.“
„Nein, Yuma, ich will nicht gegen den Shogun aufbegehren. Warum sollte ich das tun. Das wäre dumm. Aber ich weiß, wie sehr er uns braucht. Und deshalb will er jede Unzufriedenheit unsererseits vermeiden und macht uns in einigen Situationen Zugeständnisse, in denen er seine Samurais wegjagen oder sogar bestrafen würde. Er will, dass es uns gut geht. Er hat mich zum Daimyo gemacht, weil er wusste, dass ich mit euch teilen werde. Die Zeit dafür war günstig, weil genug Daimyos gegen die Blutsauger ums Leben gekommen waren und er die Lehen neu vergeben musste. Da fiel es gar nicht auf, einen jungen unbedeutenden Hüpfer wie mir einen richtigen Samurai vorzuziehen. Schließlich hatte er uns schon vorher zu Samurais gemacht. Die Umstände, die dazu geführt hatten, waren nach Osaka natürlich nicht mehr spruchreif. Ihr dürft nie vergessen, dass er uns einerseits in der Hand hat, weil er Kraft seiner Macht mit uns tun kann, was er will. Es ist zwar unsere verdammte Pflicht, jeden Befehl unseres Herrn widerspruchslos zu befolgen, aber andererseits weiß er auch, wenn wir gesund und körperlich fit sind, wird uns ein Auftrag nicht so schnell unser Leben kosten, als wären wir unterernährt und krank. Dann können wir für ihn die gefährlichsten Aufträge übernehmen. Aber ihr dürft auch nicht vergessen, dass wir alle schon mehrmals unser Leben für ihn und unser Land riskiert haben. Denkt doch mal daran, dass von unseren Freunden tatsächlich schon mehr als die Hälfte ihr Leben verloren hat.“
Nun schaute Ren Ryu entsetzt an. „Aber das waren doch die Vampire, die unsere Männer umgebracht haben!“
Ryu stoppte sein Pferd und ritt zu Yuma und Ren. „Und wer hat uns nach Edo befohlen und uns danach nach Osaka geschickt?“
Auch Yuma und Ren stoppten jetzt ihre Pferde. Ihre Gesichter drückten Entsetzen aus. Sie machten sich ehrliche Sorgen um ihren Freund und Hauptmann. Solche Reden konnten ihn ins Gefängnis bringen und ihm sogar den Kopf kosten. Auch die anderen Ninjas, die jetzt auf Befehl des Shoguns zu Ryus Leibgarde gehörten, hielten ihre Pferde an. Sie kannten Ryu, seit er als Kind zu ihnen ins Kloster gebracht worden war und mochten diesen sonst so besonnenen, und selten hitzigen jungen Mann, der Ryu mit seinen dreiundzwanzig Jahren noch war. Meister Nakamura hatte sein Pferd ebenso zu seinem Sohn geführt, weil er dessen Worte vernommen hatte. Wenn es notwendig sein sollte, wollte er einen Streit zwischen Ryu und seinen Kameraden verhindern.
„Hatten wir denn eine Wahl? Nein, die hatten wir nicht“, beantwortete Ryu seine Frage selbst und sprach sofort weiter. „Hätten wir uns geweigert, hätte er uns suchen und töten lassen. Er ist der Shogun und kann über uns verfügen, wie er es will. Wir sind seine Spezialeinheit. Was glaubt ihr? Kämpfen wir besser, wenn wir zufrieden sind?“
Zweifelnd sah Ren Ryu an und meinte: „Du glaubst doch nicht etwa, dass es noch mehr Vampire gibt?“
„Wer weiß das schon so genau? Auf jeden Fall glaube ich, dass uns einige entkommen sein müssen. Bei dem Durcheinander während der Schlacht hat doch niemand genau darauf geachtet, ob es jemandem gelang, zu verschwinden. Wir befanden uns alle irgendwie in einem Blutrausch.“ Ryu atmete einmal tief ein, er brauchte frische Luft.
Diese Pause nutzte Yuma. „Ryu, du hast wahrscheinlich recht. Es waren Tausende von diesen Blutsaugern bei diesem Abschlachten dabei. Auch wenn die Burg Osaka bis auf ihre Grundmauern abgebrannt ist, bin ich davon überzeugt, dass einige von ihnen dort Zuflucht gefunden haben. Vielleicht im Keller, im Verlies oder irgendwo anders unter der Burg. Es gibt dort Ausfalltunnel, die gegraben wurden. Wir selbst, also unsere Leute haben einen solchen Tunnel gegraben, als die Vampire uns jede Nacht auf der Burg angegriffen hatten.“
Ren ergänzte Yumas Worte mit einer Frage: „Also werden die Vampire zurückkommen?“
„Davon gehe ich aus. Und deshalb lässt der Shogun uns eine neue Spezialeinheit aufbauen, deren Hauptmann wieder ich sein soll. Und deshalb sorgt er dafür, dass es uns gut geht, damit wir gegen die Vampire kämpfen können, wann immer es notwendig sein wird oder er es uns befehlen will“, antwortete Ryu mit Überzeugung.
Der alte Meister Nakamura Sho hatte den jungen Leuten zugehört und wollte ihnen in diesem Moment seine Meinung mitteilen. „Ich glaube, Ryu hat recht. Aber ihr solltet vorsichtig sein, wenn ihr solche Gespräche führt. Wenn die falschen Ohren diese Reden hören, kann es schlimme Folgen für euch haben.“ Nakamura Sho machte eine Pause, in der er Yuma, Ren und Ryu nacheinander eindringlich in die Augen schaute. Dann sprach er weiter. „Trotzdem solltet ihr einmal eine Pause machen. Ryu will seine Naomi heiraten. Also seid fröhlich und nicht so ernst. Genießt euer Leben, solange es euch möglich ist. Auch deshalb, weil niemand von uns weiß, wann der Shogun wieder von euch verlangt, nochmals euer Leben gegen die Vampire einzusetzen. Denkt daran, in Koga wurden sie geschlagen und kehrten einige Jahre später mit einer gewaltigen Streitmacht zurück. Das kann diesmal wieder passieren. Also genießt euer Leben, und passt auf, was ihr wem erzählt. Denkt daran, es kann immer jemand dabei sein, der euch einem hohen Adligen ans Messer liefern will. Das muss nicht immer der Shogun sein.“
Yuma sah Ryu mit einem ernsten Gesichtsausdruck von der Seite an. Dieser fragte: „Was ist los, Yuma, du siehst mich an, als wäre ich ein Vampir.“
„Nein Ryu, so nicht. Wenn ich ehrlich sein soll, bewundere ich dich. Was du eben gesagt hast, könnte ich nie so ausdrücken. Du bist ein kluger Mann, Ryu. Und kluge Männer leben gefährlich. Dein Vater hat recht. Andere Menschen sind schon für weniger gestorben als für das, was du uns gesagt hast. Du solltest wirklich vorsichtiger sein.“
Ryu wendete sein Pferd. „Lasst uns weiterreiten. Wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns.“
Niemand von den Freunden konnte ahnen, was in wenigen Tagen auf sie zukommen sollte und dass ihr geliebtes Vaterland und ihr eigenes Leben in großer Gefahr war.
Nachdem die Reisegruppe ihren Weg fortgesetzt hatte, befahl Ryu zwei Stunden später, eine Pause einzulegen. Die Träger der Sänfte, in denen die Frauen getragen wurden, mussten sich ausruhen. Genshin Yuto hatte dem Sohn seines Freundes sowohl die Sänfte als auch ihre Träger ausgeliehen. Weil es für Frauen nicht schicklich war, zu reiten, und Naomi und ihre Mutter es außerdem nicht konnten, mussten sie in solch einer Sänfte den Weg bis nach Edo zurücklegen. Außerdem mussten sich die Frauen die Beine vertreten, denn sehr viel Platz bot die Sänfte in ihrem Inneren den Insassen nicht.
Für seine Dienste als Berater wurde Genshin Yuto vom Shogun reich belohnt, denn er erhielt die Region Musashi als Lehen. Diese grenzte an Edo und entsprechend gut blühte dort der Handel. Das war ein Grund dafür, dass die Region Musashi zu den reichsten und begehrtesten Lehen Japans gehörte. Daimyo dieses Lehens zu sein hatte außerdem den Vorteil, dass man für die damaligen Verhältnisse in einer relativ kurzen Zeit nach Edo reiten konnte. Mit dieser Belohnung stieg der ehemalige Daimyo von Koga zu einem der mächtigsten Fürsten Japans auf. Trotzdem blieben der gute Genshin Yuto und seine Frau Mayu normale einfache Samurais, wie sie es schon in Koga waren. Ob als Vorgesetzte zu untergebenen Bauern oder als Gäste bei den anderen Daimyos und Samurais, auch als Gastgeber behandelten sie die Menschen stets freundlich und respektvoll.
Die Frauen nutzten die Gelegenheit, um sich zu strecken. Danach setzten sie sich am Rande einer Wiese auf eine Decke, die sie über das Gras ausgebreitet hatten, damit ihre Kimonos nicht schmutzig wurden. Der Wind frischte auf und trieb einen Schmetterling mit großen roten Flecken auf seinen braunen Flügeln genau auf Naomis Mutter zu, der Dame Yoshida. Als würde der kleine fliegende Geselle Schutz bei ihr suchen, flog er direkt in ihren Kimono hinein. Die Frauen beobachteten das Tier, das sie sehr erfreute, aber auch erheiterte. Doch nach einigen Sekunden löste sich der kleine Schmetterling von dem Kleidungsstück und flog über die Wiese von den Frauen fort. Naomi und ihre Mutter beeilten sich, auf die Beine zu kommen, und liefen ihm fröhlich lachend hinterher. „Sieh‘ mal Naomi, der Schmetterling sieht aus, als habe er Augen auf seinen Flügeln.“
„Wo will er nur hin, Frau Mutter?“
„Das weiß ich nicht. Aber wir sollten uns nicht zu weit von den Männern entfernen, lass uns lieber wieder zu ihnen zurückgehen.“
Nachdem sich Ryus Reisegruppe erholt hatte, befahl der junge Hauptmann seinen Leuten den Weitermarsch. Seinem alten Pflegevater bot er an, in der Sänfte bei den Frauen Platz zu nehmen. Doch Meister Nakamura lehnte das ab. „Ich reite lieber, Ryu. Mein Pferd ist stark und ich fühle mich im Moment auch noch so. Solange ich reiten kann, sollten wir die Träger der Sänfte nicht zusätzlich mit meinem Gewicht belasten. Sehr weit bis zur Poststation ist es ohnehin nicht mehr. Und dann kann ich mich bis morgen früh ausruhen.“
In etwa einer Stunde sollten Ryu und seine Gefährten die Poststation, von der Meister Nakamura sprach, erreichen. Dort sollten sie nicht nur übernachten, sondern auch ein kräftiges Abendessen und ein ebenso kräftiges Frühstück bekommen. Doch wurde der Weg allmählich beschwerlicher, weil der Wind auffrischte und kräftiger wurde. Als ob die Pferde instinktiv ahnten, dass ein Unwetter auf sie zukam, begannen sie zu scheuen und weigerten sich manchmal, weiterzugehen. Deshalb rief Meister Nakamura Sho seinen Pflegesohn zu sich. Als dieser neben ihm her ritt, sprach er zu ihm: „Die Wolken gefallen mir nicht. Sie türmen sich viel zu schnell wie zu einem Palast auf, der an einem Wegesrand steht. Wir sollten uns möglichst schnell einen geschützten Platz suchen. Ein Unwetter zieht auf. Ein Sturm. Aber wie gefährlich er uns tatsächlich wird, vermag ich nicht zu sagen. Nur so viel, dass er sehr heftig wird.“
„Woher weißt du das, Vater?“, fragte Ryu.
„Sieh dir die Wolken an, mein Junge. Sie sind unregelmäßig geformt, sehr hoch und vor allem sehr dunkel. Du kannst die einzelnen Wolkenschichten genau erkennen. Aber die Vorläufer dieser Unheil verkündenden Wolken zeichnen sich anders vom Himmel ab. Sie sind flach, sehen aus wie dahin gemalt mit einem Muster, das Federn ähnelt. Außerdem ahnen die Pferde etwas. Wir müssen sie immer wieder vorwärtstreiben.“
„Dann sollten wir uns beeilen. Vater, möchtest du nicht lieber in der Sänfte weiterreisen?“, fragte Ryu den ehemaligen Abt des Koganer Zen-Klosters.
Dieser sah ihn mit liebevollen Augen ins Gesicht. „Nein, mein Sohn, ich reite, das kann ich noch. Ich werde uns nicht aufhalten.“
Ryu befahl seinen Leuten, den Weg fortzusetzen. Bis zur Poststation konnte es nicht mehr sehr weit sein. Dort sollten sie Schutz vor dem drohenden Unwetter finden. Kaum hatten die Reisenden die ersten Meter zurückgelegt, als der Wind begann, kräftiger zu wehen. Ryu hatte das Gefühl, als würde der Wind von Sekunde zu Sekunde intensiver. Nach wenigen Minuten befanden sich die Reisenden in einem immer stärker werdenden Sturm. Bis zu ihrer nächsten Unterkunft mussten sie noch etwa eine halbe Stunde reiten. Ryu trieb seine Männer zur Eile an. Je länger sie unterwegs waren, desto kräftiger wurde der Sturm. Die Ninjas hatten Probleme, ihre Pferde unter Kontrolle zu halten. Die Tiere scheuten und wollten für sich einen schützenden Platz suchen. Immer wieder mussten die Gefährten sie beruhigen und sie zwingen, ihren Weg fortzusetzen. Besonders schwer hatte es Meister Nakamura mit seinem Pferd. Normalerweise war es ein sanftes und williges Tier. Doch jetzt hatte es Angst vor dem aufwirbelnden Sand bekommen. Abgebrochene Zweige von Bäumen und Sträuchern und andere Pflanzenteile flogen durch die Luft, von denen die Menschen, aber auch die Pferde getroffen wurden. Das verursachte den Opfern schmerzhafte Wunden.
Ryu befand sich in einem Zwiespalt der Gefühle. Er ahnte, dass sein Pflegevater nicht mehr die Kraft hatte, sein Reittier seinem Willen zu unterwerfen. Die vielen Lebensjahre des alten Mannes forderten ihren Tribut. Wie lange noch konnte er sein Pferd unter Kontrolle halten? Ryu wusste, dass Meister Nakamura bald, sogar wahrscheinlich schon in wenigen Minuten, Hilfe benötigen werde. Immerhin hatte er seinen Vater überredet, ihn auf dieser Reise zu begleiten, also musste er ihm im Notfall auch helfen, ans Ziel zu kommen. Andererseits machte sich der junge Hauptmann der Samurai-Ninjas Sorgen um seine geliebte Naomi und ihre Mutter, die in der Sänfte von mehreren Sklaven Genshin Yutos transportiert wurden und bei diesem Sturm starke Probleme hatten, die Sänfte zu tragen. Die Frauen wurden darin regelrecht durchgeschüttelt, wenn die Sturmböen zu stark wurden, und die Träger sich nicht mehr auf den Beinen und die Sänfte aufrecht halten konnten. Dann mussten die verbleibenden drei Männer ihre Last allein halten und stabilisieren. Doch sprangen die freien Sänftenträger in solchen Situationen hinzu, um ihren Leidensgenossen zu helfen.
Deshalb wollte Ryu zunächst alle Träger an die Holme befehlen, damit sie die Sänfte mit den Frauen sicher zur Poststation bringen konnten. Jedoch überlegte er es sich anders und befahl, dass die Frauen hinter Ren und Yuma auf deren Pferden aufsitzen und mit ihnen weiterreisen sollten. Er selbst wollte seinem Vater zur Hilfe eilen, sollte das erforderlich werden. Trotzdem kamen die Sänftenträger mit ihrer Last nur sehr schwer und Kräfte aufreibend unter diesen Witterungsbedingungen vorwärts. Der Sturm tobte den Männern und Frauen entgegen und drohte, sie von der Straße zu fegen. Nur sehr langsam kamen sie voran. Die Böen wurden von Minute zu Minute kräftiger und wirbelten den Sand vom Erdboden auf. Dabei verschlechterte sich die Sicht der Reisenden immer weiter, sodass sie ihre Umgebung kaum noch wahrnehmen konnten. Ryu hoffte, mit seinen Leuten nicht von der Straße abzukommen. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, dass sie sich bei diesem Wetter verirrten. Er war fest entschlossen, die Poststation zu erreichen.
Und tatsächlich tauchte ihr Tagesziel plötzlich vor ihnen auf. Zwar erreichten sie es später als erwartet, weil der Sturm sie zu sehr behindert hatte, aber sie waren froh, die Poststation zu sehen. Diese bestand aus mehreren Gebäuden. Das Hauptgebäude wurde Honjin oder Honjuku genannt, die Nebengebäude Waki-Honjin. Darin wurden die einfachen Gäste untergebracht, die aus den unterschiedlichsten Gründen reisen mussten. Die Gebäude bestanden aus Holz und hatten die typische japanische Architektur des beginnenden siebzehnten Jahrhunderts, wobei die Dächer mit Stroh gedeckt waren. Die Poststation wurde mit einer Wand aus Holzpalisaden und einem Wachturm geschützt, um sie vor Überfälle zu bewahren. Im von der Palisadenwand geschützten Hof spürten und hörten die Gefährten Ryus den Sturm nicht mehr so sehr wie noch vor wenigen Augenblicken.
Die Männer saßen ab und kümmerten sich zuerst um ihre Pferde. Yuma half Naomi beim Absitzen, Ren kümmerte sich um die Dame Yoshida und Ryu um Meister Nakamura. Danach betraten sie den geräumigen Eingangsbereich des Honjin, in dem Ryu mit seiner Gesellschaft übernachten sollte. Einige Dienerinnen eilten ihnen entgegen und begrüßten den jungen Daimyo, der wie seine Männer eine Rüstung in seinen Farben trug. Die Dienerinnen verneigten sich tief vor ihm, was Ryu peinlich war. Er konnte sich nicht daran gewöhnen, dass sich Menschen vor ihm in Ehrfurcht verbeugten. Schließlich gehörte auch er ihrem Stand bis vor etwas mehr als einem Jahr noch an. Deshalb fühlte er sich eher den einfachen Menschen zugehörig als dem Adel. „Bitte steht auf“, sagte er in seinem freundlichsten Ton, zu dem er fähig war. Während die jungen und hübschen Dienerinnen dem Daimyo und seinem Gefolge die Schuhe auszogen, was Ryu noch peinlicher war als ihre Verbeugungen vorher, lief eine weitere gut aussehende junge Frau zum Betreiber des Honjins und teilte ihm die Ankunft der Gäste mit.
Einige Momente später erschien ein Mann im mittleren Alter vor Ryu und seinem Gefolge, der sich in angemessener Haltung vor seinem hohen Gast verbeugte. „Ich begrüße Euch in meinem bescheidenen Honjin, Yokoyama-sama. Ich bin der Betreiber dieses schönen Gasthauses. Mein Name ist Okamura Kaya.“ Bekleidet war er mit einem für die Beine geteilten Hakama und einem einfachen, aber sehr schönem Kimono, der einem Daimyo zur Ehre gereicht hätte.
„Ich danke Euch, Okamura-san“, erwiderte Ryu. Er wusste, dass der Betreiber des Honjins, wie von jedem anderen Daimyo auch, von ihm einen Befehlston erwartete. Deshalb befahl er ihm in einem mürrischen und unwilligen Ton: „Bring mich und meine Männer in unsere Räumlichkeiten.“ Das tat er lauter, als er es beabsichtigt hatte, und erntete dafür von Naomi und der Dame Yoshida einen erstaunten und tadelnden Blick.
Der Mann verneigte sich nochmals und bat den jungen Adligen, ihm zu folgen. Während Ryus Abwesenheit sorgten sich die Dienerinnen um die anderen Mitglieder seiner Reisegesellschaft.
Die Zimmer des Fürsten aus Choshu waren sehr geräumig. Mehrere Tatami-Matten, also traditionelle Schlafmatten aus Reisstroh, bedeckten den Fußboden. In einem der Zimmer befand sich ein Futon, der auf eine Tatami-Matte ausgebreitet wurde. In einem zweiten Zimmer stand ein Chabudai, ein niedriger Tisch, an dem die Gäste des Honjin ihre Mahlzeiten einnehmen oder Tee trinken konnten. Um den Tisch herum lagen mehrere Kissen auf dem Boden verteilt, um sich darauf niederzulassen. Die Wände enthielten kunstvoll gestaltete Holzrahmen, in denen Reispapier befestigt worden war, welches das Tageslicht durchließ. Die Zimmer waren so angeordnet, dass sie flexibel genutzt werden konnten. Ryu konnte die Fusuma, so wurden die Trennwände aus Schiebetüren genannt, öffnen oder schließen, um die Räume nach seinem Gutdünken zu vergrößern oder zu verkleinern.
Bevor Okamura Kaya seinen Gast allein ließ, fragte er: „Yokoyama-sama, wollt Ihr allein in Euren Räumlichkeiten das Abendessen einnehmen oder mit Euren Begleitern im Speisesaal? Oder vielleicht mit einigen Eurer Leute hier in diesen Räumlichkeiten?“
„Ich esse mit allen, die mit mir reisen, gemeinsam zu Abend. Bitte veranlasse dafür das Notwendige. Wenn alles vorbereitet ist, informiere mich und meine Gefährten. Dann sollen sie in den Speiseraum kommen.“
Als der Betreiber der Poststation Ryu allein gelassen hatte, lauschte dieser dem Pfeifen und Donnern des Sturmes. Hätte ihm jemand dabei zugesehen, hätte er Ryus sorgenvolles Gesicht bemerkt. Tatsächlich fragte sich der junge Mann, ob die Palisadenwand und der Honjin der Gewalt der dahinrasenden Luftmassen standhalten würde. Solch einen starken Sturm hatte Ryu in seinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Es grenzte an ein Wunder, dass sie die Poststation überhaupt erreicht hatten.
Doch dann überlegte er sich, trotz seiner Sorgen, ob er ein Bad nehmen sollte. Doch lange brauchte er darüber nicht nachzudenken. Von einer Dienerin ließ er sich ein Bad zubereiten. Nur wenige Minuten später saß er in einer Badewanne und konnte das warme Wasser darin genießen. Aber nachdem er sich gründlich gewaschen hatte, setzten sich die Sorgen um die entfesselten Naturgewalten doch noch durch, sodass er sein Bad abbrach und sich schnell wieder ankleidete. Das tat er keinen Augenblick zu früh. Denn kaum war er damit fertig, wurde ihm von einer hübschen Dienerin mitgeteilt, dass das Abendmahlzeit angerichtet war. Das freute ihn, denn der lange Ritt hatte ihn hungrig gemacht.
Als Ryu den Speisesaal betrat, hatte er nur Augen für seine Naomi, die in einem wunderschönen Kimono gemeinsam mit ihrer Mutter und Meister Nakamura an einem Chabudai, einem kleinen Tischchen, auf einem Sitzkissen auf ihren Fersen hockte. An den anderen Tischchen hockten bereits seine anderen Reisebegleiter. Zielstrebig ging er mit einem Lächeln in seinem Gesicht auf seine Braut zu und setzte sich neben sie. Lächelnd nickte er Naomis Mutter und seinem Vater zu. Dann schaute er Naomi mit einem strahlenden Lächeln an, das schönste, zu dem er in diesem Moment fähig war. „Du bist die schönste Frau, der ich in meinem Leben je begegnet bin, Naomi!“
„Geturtelt wird später, jetzt wollen wir essen!“, ermahnte ihn Naomis Mutter. Tatsächlich blickte die junge Frau beschämt auf die vor ihr stehende leere Schale. Ryu wusste nicht, ob sie das seinetwegen oder wegen ihrer Mutter tat. Doch konnte er darüber nicht lange nachdenken. Die Dienerinnen servierten ihnen das Abendessen, welches aus Reis und gebratenem Hühnerfleisch bestand, das in mundgerechte Stücke zugeschnitten war. Dazu gab es eine schmackhafte Soße und eine Gemüsebeilage aus Bambusund Sojasprossen sowie den Shiitake-, Maitake-, Matsutake- und Enokipilzen.
Die Speisen waren sehr köstlich. Doch plötzlich wurden die zu Abend essenden Gäste der Poststation von einem lauten Donner geängstigt.
Naomi sah Ryu erschrocken an. Der junge Mann versuchte, seine Braut zu beruhigen. „Das war nur das Donnern eines Gewitters. Das glaube ich wenigstens.“
„Aber ich glaube, dass der Sturm stärker geworden ist“, erwiderte Naomi.
Meister Nakamura sagte mit sorgenvollem Gesicht: „Wir können zum Glück sagen, dass wir hier im Trockenen sitzen. Dort draußen muss ein furchtbares Unwetter sein Unwesen treiben. Hoffentlich halten die Gebäude das aus.“
Der Speisesaal wurde von Öllampen beleuchtet, die an den Wänden und Tischen in Haltern verteilt hingen oder standen. Plötzlich wurde der Raum zusätzlich, für einige Augenblicke von mehreren aufeinanderfolgenden Blitzen, mit ihrem flackernden Licht erhellt. Kurz darauf hörten die Gäste der Poststation ein lang gezogenes nicht enden wollendes Donnergrollen. Ryu und seine Begleiter befanden sich im Honjin. Dort waren sie sicher aufgehoben. Das glaubten sie jedenfalls. Auch die vielen einfachen Menschen, die im Waki-Honjin für die Nacht eine Bleibe gesucht hatten, glaubten das. Doch jetzt fürchteten sie, dass der tobende Sturm ihre Unterkunft beschädigen oder gar vernichten könnte.
Ryu stand von seinem Platz auf, ging zum Fenster und schaute hinaus in die Dunkelheit. Wieder erhellten mehrere Blitze den Himmel. Noch während sie die Nacht zum Tag werden ließen, wurden sie von mehreren heftigen Donnerschlägen begleitet. Das Grollen wollte erneut kein Ende nehmen. Ryu musste seine Stimme heben, um den Lärm des Gewitters übertönen zu können, als er zu seinen Mitreisenden sprach. „Die Wolken hängen sehr tief und sind sehr dicht. Es muss fürchterlich geregnet haben. Doch jetzt hat der Regen aufgehört und der Sturm wird alles wieder sehr schnell trocknen. Ich möchte, dass alle erreichbar bleiben. Niemand bleibt allein.“
Die Ninjas hatten Verständnis für Ryus Worte. Als Zeichen dafür nickten einige ihm zu. Niemand aß seine Speisen noch mit Appetit, obwohl sie sehr schmackhaft waren. Die Furcht vor einer Katastrophe, die durch das Unwetter verursacht werden konnte, setzte den Mitgliedern der Reisegesellschaft zu sehr zu. Okamura Kaya bot seinen Gästen, nachdem sie das Essen beendet hatten, Sake an, um die Mahlzeit besser verdauen zu können. Doch das lehnten Ryus Begleiter freundlich, aber bestimmt ab. Im Speisesaal des Honjin herrschte Schweigen, das immer wieder von Donnergrollen und dem Pfeifen und Fauchen des Unwetters unterbrochen wurde. Ryu machte sich Sorgen um die Sicherheit seiner Leute. Was würde der Shogun sagen, wenn er ihm berichten müsste, dass mehrere seiner Ninjas bei einem Unwetter verletzt oder gar getötet worden seien. Daran wollte der junge Hauptmann der Spezialeinheit, die in Osaka in der Schlacht gegen die Vampire stark dezimiert wurde, nicht denken. Er brauchte jeden seiner Männer, wenn er seine Einheit erfolgreich wiederaufbauen wollte. Neue Ninjas mussten ausgebildet werden. Was er in fünfzehn Jahren gelernt hatte, sollten nun andere junge Männer in wenigen Wochen oder Monaten erlernen. Das erschien ihm eine unlösbare Aufgabe zu sein. Ryu wusste, dass er einen Weg finden musste, um die zukünftigen neuen Mitglieder der Spezialeinheit in kürzester Zeit kampffähig zu machen. Aber dann erinnerte er sich daran, dass die Ninjas genau das schon einmal geschafft hatten. Nämlich als der Shogun ihnen befahl, seine Samurais in ihrer Kampfkunst auszubilden.
Aber damals waren die Samurais kampferprobte Krieger gewesen. Diesmal mussten er und seine Ninjas solche Talente rekrutieren, von denen sie erwarten konnten, ebenso gute Krieger zu werden wie die Samurais Tokugawas vor wenigen Monaten. Aber dafür brauchte er jeden Mann seiner Ninjas. Und wo sollten sie diese Männer suchen? Die Samurais waren ihren Herrn verpflichtet, die würden sie nicht freigeben. Also mussten sie solche Kämpfer auf dem Lande suchen und hoffen, dass sie entweder gute Ronin fanden oder junge Bauernsöhne, die möglicherweise schon eine Kampfsportart beherrschten.
Ryu stand schon seit einigen Minuten am Fenster. Er bemerkte, dass draußen der Boden durch den starken Wind schon wieder vom Regen getrocknet war. Daraus schloss er, dass sich auch die Gebäude im gleichen Zustand befinden mussten. Obwohl es nicht mehr regnete, tobte ein sehr heftiges Gewitter, das Ryu so noch nicht erlebt hatte. Es blitzte und donnerte ohne Unterlass, ohne einen Tropfen Regen, der zur Erde fiel. Und die Sturmböen fegten in Orkanstärke über das Land hinweg. Ryu hoffte, dass die Gebäude diesem Unwetter standhielten.
Mit einem sorgenvollen Gesicht drehte sich Ryu zu seinem Vater, Nakamura Sho, um. „Vater, hast du schon solch ein schlimmes Gewitter erlebt?“
Doch Meister Nakamura wurde von dem Unwetter um seine Antwort gebracht. Plötzlich gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Nicht nur die Frauen erschraken heftig. Auch die Samurai-Ninjas schraken zusammen und sahen sich einander angstvoll an. Ihre Gesichter zeigten deutlich, wie tief auch in ihnen der Schreck gefahren war. Selbst Meister Nakamura, der schon so viel in seinem langen Leben gesehen und erlebt hatte, konnte nicht mehr still auf seinem Sitzkissen ausharren. „Oh je, das hat sich angehört, als hätte der Blitz irgendwo hier in unserer Nähe eingeschlagen“, sagte er mit leiser Stimme. Wenn er geahnt hätte, dass seine Vermutung den Tatsachen entsprach, wäre er sofort aufgesprungen, um den Opfern zu helfen.
Schnell wendete sich sein Pflegesohn wieder zum Fenster hin, um zu sehen, was passiert war. Was Ryu wahrnahm, sträubte sich sein Verstand, zu akzeptieren. Mit ebenso leiser Stimme wie sein Vater vor wenigen Sekunden sprach er: „Der Blitz hat in das Dach vom Waki-Honjin eingeschlagen!“
Da das Dach mit Stroh bedeckt war, züngelten sofort kleine Flammen daraus hervor. Schnell wurden sie größer. Ryu befahl: „Alle außer die Frauen und mein Vater müssen raus und den Menschen dort drüben helfen! Außerdem müssen wir verhindern, dass das Feuer auf dieses Haus übergreift.“
„Aber Ryu, ich kann und will auch helfen“, rief der alte Mann seinem Sohn zu.
Doch dieser meinte: „Nein, Vater, du bist dafür zu alt. Ich will nicht, dass dir etwas passiert.“ Als Ryu sah, dass Meister Nakamura etwas erwidern wollte, schnitt er ihm mit einer Geste entschlossen das Wort ab. „Keine Widerrede, Vater, dafür fehlt uns jetzt die Zeit. Du bleibst bei den Frauen. Sollte das Feuer auf dieses Gebäude übergreifen, bringt euch in Sicherheit. Verzichtet dann auf das Gepäck, das können wir später wieder ersetzen.“ Danach wendete er sich an seine Männer: „Und jetzt alle anderen raus hier!“
Als Ryu das Honjin verließ, hallten ihm schon die aufgeregten Schreie der Reisenden aus dem Waki-Honjin entgegen. Gemeinsam mit dem lauten Knistern der Flammen, die erbarmungslos an dem Dach fraßen und die sogar schon auf die Wände des Nebengebäudes übergriffen, und dem Heulen des Orkans erfüllten sie die vom Brand erhellte Nacht.
Aus dem aufkommenden Wind, den die Ninjas während ihrer letzten Rast wahrgenommen hatten, hatte sich ein regelrechter Taifun entwickelt. Ryu hoffte, dass der starke Wind die Flammen, die am Waki-Honjin ihr Unwesen trieben, ausblasen würde. Aber dann musste er erkennen, dass sich sein Wunsch nicht erfüllte. Im Gegenteil schlugen die Flammen höher und drohten das gesamte Gebäude zu vernichten. Die Menschen, die sich darin befanden, flohen ins Freie. Einige hatten sich ein Bündel unter den Arm geklemmt, sie versuchten, wenigstens einen Teil ihrer Besitztümer zu retten. Frauen zerrten voller Angst an ihren Kindern, um sie hinter sich aus dem brennenden Gebäude zu ziehen. Manchmal fielen die Kinder dabei auf den Boden und schlugen sich die Knie auf. Zwei oder drei Frauen trugen ihre Kleinkinder, die noch nicht laufen konnten, auf den Armen aus dem brennenden Haus heraus. Das Waki-Honjin wie der Rest der Poststation wurde von einem panischen Treiben beherrscht.
Der Brand breitete sich weiter aus. Die Palisadenwand, die die Poststation umgab, wurde nun auch ein Opfer von den um sich greifenden Flammen. Vom Sturm angefacht, geriet sogar der Wachturm in Brand. Vom Dach des Waki-Honjin aus breitete sich das Feuer in der gesamten Poststation aus und bedrohte auch das größere Honjin. Ryu fürchtete um die Sicherheit der beiden Frauen und die seines Vaters.
„Wir brauchen Wasser!“, rief Ryu, so laut er es konnte.
„Rechts neben dem Honjin befindet sich ein Brunnen, Yokoya-ma-sama. Von dort können wir Wasser holen.“ Plötzlich stand neben ihm Okamura Kaya und kämpfte mit seiner Stimme gegen den Lärm der Naturgewalten und den Schreien der aus dem Waki-Honjin geflohenen Menschen an. Und immer noch liefen Reisende aus dem zum Tode verurteilten Haus hinaus.
„Hole so viele Eimer und Behälter, wie du tragen kannst, mit denen wir Wasser transportieren können. Die Dienerinnen sollen eine Kette bilden, umso das Wasser weiterzureichen“, schrie Ryu dem Betreiber der Poststation zu. Der verschwand nickend, um Ryu zu signalisieren, dass er ihn verstanden hatte. Nur eine Minute später bildete sein Personal vom Brunnen aus eine Kette, die von den Ninjas vervollständigt wurde. Und viele andere Reisende, die Zuflucht vor dem Unwetter in der Poststation gefunden hatten und vom Feuer überrascht worden waren, reihten sich in diese Kette ein.
Okamura Kaya begab sich in das brennende Haus, um die wertvollsten Pakete und Briefe zu retten. Dem Mann schlug eine kaum zu ertragende Hitze entgegen. An zwei Wänden und vom Dach züngelten gelbliche Flammen auf ihn zu. Trotzdem war er fest entschlossen, so viele Pakete und Briefe zu retten, wie es ihm möglich war.
Erleichtert stellte er fest, dass der Postraum noch unversehrt zu sein schien. Schnell begab er sich dorthin, um ihn zu öffnen. Im Laufen schrie er den fliehenden Menschen zu: „Liebe Leute, ich bitte euch, rettet die Briefe und Pakete. Jeder nimmt mit, was er tragen kann. Jeder Brief, der gerettet wird, kann wichtige Informationen oder Dokumente für den Empfänger enthalten. Bitte helft mir! Die Post muss gerettet werden!“
Einigen Menschen war es egal, was der Postmeister ihnen zurief. Sie glaubten, dass das Feuer sowieso alles vernichten würde. Außerdem glaubten sie, dass ihr Leben und ihr persönlicher Besitz wichtiger waren als die Briefe und Pakete von Leuten, die sie nicht kannten. Daraus konnte ihnen niemand einen Vorwurf machen, schließlich hatten sie damit sogar recht.
Aber es gab auch mutige Menschen, die Okamura Kaya verstanden und ihm halfen, die Post aus dem brennenden Gebäude herauszuschaffen. Sie bewiesen damit nicht nur ihren Mut, sondern zeigten den anderen Menschen auch, wie sehr sie den Betreiber der Poststation verstanden. Auch sie hatten damit recht, Okamura Kaya zu helfen, die Post vor dem alles vernichtenden Feuer zu bewahren.
Sein eigenes Leben zu retten, ist das persönliche Recht eines jeden Menschen. Aber anderen Menschen in einer Notsituation zu helfen und dabei sein eigenes Leben zu gefährden, ist ebenso das Recht der mutigen Menschen. Aber es ist auch das Recht, dass mehr Beachtung und Anerkennung verdient. Reisende, die sich diese Anerkennung von Okamura Kaya, Ryu und anderen Leuten in der Poststation verdienten, waren unter anderem die Samurai-Ninjas Daisuke und Sasori.
Sasori griff sich gleich mehrere Pakete und lief mit ihnen zu zwei Männern hin, die gerade mit leeren Händen eine Treppe herunterliefen. Obwohl sie bemerkten, dass der Ninja auf sie zugeeilt kam und ihnen die Pakete übergeben wollte, beachteten sie ihn nicht und versuchten, durch den Eingangsbereich ins Freie zu gelangen. Doch Sasori war schneller als sie und drückte ihnen seine geringe Last einfach in ihre Hände. „Hier, nehmt das mit raus!“, verlangte er.
Erstaunt griffen die Männer zu, um schnell ihre Flucht aus dem zur Vernichtung preisgegebenen Haus fortzusetzen. Damit waren die Pakete, die Sasori ihnen mitgegeben hatte, gerettet. Auch Daisuke lief mit mehreren Briefen und Paketen zu Reisenden, die das brennende Gebäude verlassen wollten. So eilten beide Ninjas mehrmals hin und her und sorgten mit ihrem Einsatz dafür, dass viele Pakete und Briefe aus dem vom Feuer zunichtegemachten Haus herausgebracht wurden. Drei Pakete standen noch im Postraum auf dem Fußboden. „Die müssen noch gerettet werden“, dachte Daisuke, als Sasori mit Rauch in den Lungen und drei großen Paketen in den Händen das Waki-Honjin verließ. Der Rauch wurde dem tapferen Samurai-Ninja darin zu dicht. Hustend und schwer atmend gelangte er ins Freie.
Sasori glaubte Daisuke hinter sich. Der glühende Balken über der Tür des Eingangsbereiches bog sich ihm gefährlich entgegen. Feuerzungen leckten an ihm, als wollten sie ihn liebkosen. Sasori merkte, wie seine Haut an den Schultern versengt wurde. Helfende Hände reckten sich ihm entgegen, erfassten ihn und zogen ihn vom herabstürzenden Türbalken weg. Dankbar blickte er in die Gesichter von ihm fremden Menschen. Aber die Pakete, die er in seinen Händen und Armen hielt, hatte er nicht losgelassen. Sasori freute sich, dass es ihm gelungen war, neben den vielen anderen Paketen und Briefen auch noch diese zu retten. Doch seine Freude darüber währte nicht lange. Sie machte der Sorge um Daisuke Platz, der nicht hinter ihm das verwüstete Gebäude verlassen hatte.
Als Daisuke die letzten drei Pakete vom Boden in die Höhe hob und sich umdrehte, sah er Sasori das Haus verlassen. Auch der Postmeister war nicht mehr vor Ort, obwohl der eben noch nach einigen Briefen gegriffen hatte. Daisuke sah, dass der Türbalken herabzustürzen drohte und Sasori Gefahr lief, von ihm verletzt zu werden. Die Funken stoben zu allen Seiten hin. Das Feuer entfachte sich in diesem Moment im Eingangsbereich und breitete sich schnell aus. Weitere Balken fielen vom Dach herunter und in das Haus hinein. Daisuke unterdrückte seine Angst, aber er fürchtete trotzdem um sein Leben. Aber er wusste auch, wie er damit umzugehen hatte. Oft genug war er in anderen Situationen mit dieser Furcht konfrontiert worden. Instinktiv wich er einem herabfallenden Dachbalken aus. Rings um ihn herum brannte es lichterloh. Die Flammen leckten nach ihm. Seine Hose qualmte schon und wollte zu brennen beginnen. Außerdem konnte der mutige Mann die Hitze nicht mehr länger ertragen. Er wusste, dass er aus dem brennenden Haus herausmusste. Jetzt sofort. Sonst war er verloren. Schnell ließ er die Pakete fallen und schlug mit den Händen nach den Flammen, die begonnen hatten, seine Hose zu befallen und ihm damit seine Beine verbrannten. Brandblasen bildeten sich auf der Haut seiner Unterschenkel. Tatsächlich gelang es ihm, die Hose zu löschen. Rauch stieg von ihr empor. Erleichtert nahm er die Pakete schnell wieder auf. Er wollte sie und sich selbst retten. Er stand mitten im Postraum und beobachtete die verheerenden Flammen.
Verkohlte Bretter aus einer Außenwand brachen auf. Daisuke wusste, dass sich in diesem Augenblick für ihn die letzte Chance ergab, sein Leben zu retten, bevor das gesamte Gebäude einstürzte und ihn unter sich begrub. Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, die ihm für seine Rettung verblieben. Er begann zu laufen. Seine Warajis, die er an den Füßen trug, begannen zu brennen, aber er beachtete es nicht und ignorierte den Schmerz auf beiden Fußrücken. Er musste laufen oder sterben. Aber sterben wollte er noch nicht. Noch war er zu jung dafür. Außerdem wollte er die Hochzeit seines jungen Hauptmanns und Freundes miterleben. Die Hitze in diesem Inferno war unerträglich geworden.
Daisukes Gesicht, seine Hände, seine Beine, seine gesamte sichtbare Haut war rußverschmiert. Endlich erreichte er die Wand, die vom Feuer beinahe geöffnet worden war, weil ihre Bretter brannten und dadurch ihre Stabilität verloren hatten. Er hob die Pakete bis zu seiner Brust an. Damit wollte er sich vor den brennenden Brettern schützen, durch die er laufen musste. Er drückte die Pakete gegen die aus Feuer bestehende Wand. Die Bretter gaben nach und fielen in sich zusammen und zum Erdboden herab. Der tapfere Daisuke lief schnell durch dieses Inferno hindurch. Kaum befand er sich im Freien, stürzte auch schon das Gebäude hinter ihm ein. Buchstäblich in der letzten Sekunde hatte er das zusammenstürzende Waki-Honjin verlassen. Er machte noch zwei Schritte, dann versagten ihm die Füße ihren Dienst. Von seinen Warajis waren wie durch ein Wunder nur noch die Sohlen vorhanden. Auf seinen Fußrücken hatten sich viele Brandblasen gebildet. Es war erstaunlich, dass Daisuke überhaupt noch laufen konnte. Taumelnd blieb er vor den vielen ihn bestaunenden Menschen stehen. Zwei Männer kamen ihm entgegen, stützten ihn und löschten seine brennenden Sandalen. Danach führten sie den verletzten Ninja vorsichtig von dem vom Brand zerstörten Haus weg. Eine Frau nahm ihm die Pakete ab, die er immer noch in seinen Armen hielt. Die Männer ließen Daisuke langsam zur Erde herab. Endlich saß er auf dem Boden im Sand. Seine Hose qualmte noch. Eine Windbö erreichte den mutigen Mann. Sie sorgte dafür, dass seine Hose erneut Feuer fing. Die Menschen begannen zu schreien. Frauen hoben ihre Hände erschrocken zum Mund hoch, Männer liefen los, um dem armen Daisuke zu helfen. Doch eine Dienerin der Poststation war schneller als alle anderen zu Hilfe eilenden Personen und leerte einen mit Wasser gefüllten Eimer über Daisukes aufflammende Hose aus. Das Wasser traf ihn. Er spürte das kühlende Nass. Erleichtert bemerkte er, dass seine Hose gelöscht war. Das kalte Wasser linderte die Schmerzen in seinen Beinen. Aber nur für wenige Augenblicke, dann begannen sie erneut wie Feuer zu brennen.
Mit vereinten Kräften und viel Mut schafften es die Reisenden gemeinsam, mit Okamura Kaya und den Ninjas den größten Teil der Post zu retten. Doch das Gebäude war verloren.
Als das Waki-Honjin in sich zusammenfiel, hoffte Ryu inständig, dass sich niemand mehr in dem Gebäude befand. Doch dann sah er plötzlich Daisuke mit Paketen in der Hand auf der anderen Seite stehen, wo das Feuer wild um sich griff und wie ein wildes Tier alles auffraß, was es an Futter bekommen konnte. Leute führten ihn von dort weg. Ryu machte sich umgehend zu Daisuke auf den Weg. Da er auf die anderen Menschen Obacht geben musste und darauf, wohin der ging, sah er nicht, was Daisuke widerfahren war, er nahm nur die plötzlichen Schreie der Menschen in sich auf. Als er Sasori und Daisuke erreichte, stellte er zu seiner Erleichterung fest, dass Sasori kaum verletzt und Daisuke mit einigen Verbrennungen davongekommen war, die ihm zwar unangenehme Schmerzen bereiteten, ihn aber nicht töten würden. Seine Verletzungen würden wieder verheilen. Vielleicht konnte er sogar am nächsten Tag die Weiterreise fortsetzen.
Am frühen Morgen standen sie vor der Ruine des Waki-Honjin. Es war für Okamura Kaya eine Katastrophe, die ihn und seine Dienerinnen schwer erschütterte, doch trotzdem hatten sie im Unglück das Glück gehabt, dass niemand getötet und die Post gerettet worden war. Das zerstörte Gebäude konnte wieder aufgebaut werden. Das sollte nur einige Tage in Anspruch nehmen.
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Tokugawa Ieyasu hatte einen langen Tag hinter sich, der nicht enden wollte. Beratungen mit seinen militärischen Befehlshabern und seinen Daimyos hatten den Tag gefüllt. Doch alles das war nun vollbracht und müde streckte er sich auf seine Tatami aus. Nach nur wenigen Augenblicken träumte er von fremdartigen Gebäuden, die sich in einer Wüste befanden. Diese Gebäude sahen von allen Seiten gleich aus. Der Shogun sah in seinem Traum ein Haus, das vier gleichlange Seiten hatte und von unten nach oben spitz zulief. Solch ein Haus hatte Tokugawa Ieyasu in seinem gesamten Leben noch nicht gesehen. Dann erkannte er in seinem Traum, dass dieses Gebäude noch nicht fertiggestellt war. Er sah große weiße Steinquader, die überall auf dem Boden verteilt herumlagen und ein Gerüst an allen vier Wänden des Hauses, das ihm sehr groß erschien. Auf dem Gerüst befanden sich viele Menschen.
