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Eine Liebe gegen alle Vernunft: Der ergreifende Schicksalsroman »Der Sommer vor dem Sturm« von Alexandra Jones jetzt als eBook bei dotbooks. Wie jedes Jahr verbringt die junge Roslin 1939 den Sommer bei ihren Verwandten auf einer der südenglischen Scilly-Inseln. Doch die idyllische Ruhe wird schon bald gestört, als ihr Cousin dort einer Gruppe Dominikanermönchen Zuflucht gewährt. Vom ersten Augenblick an ist Roslin fasziniert von Pater Luke – und entgegen aller Verbote entsteht ein zartes Band zwischen den beiden. Doch als Ende des Sommers der Krieg England erreicht, ist Roslin gezwungen, Luke und die Insel zu verlassen. Mutig setzt sie sich von nun an bei der Frauenluftwaffe ein und riskiert ihr Leben für die Freiheit ihres Vaterlandes … bis sie einen brisanten Auftrag bekommt: Sie soll als Spionin auf die Insel zurückkehren, um dort verdächtige Machenschaften aufzudecken. Kann sie Luke vertrauen – oder ist er am Ende der wahre Feind? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der ebenso spannende wie berührende England-Roman »Der Sommer vor dem Sturm« von Autor. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 794
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Über dieses Buch:
Wie jedes Jahr verbringt die junge Roslin 1939 den Sommer bei ihren Verwandten auf einer der südenglischen Scilly-Inseln. Doch die idyllische Ruhe wird schon bald gestört, als ihr Cousin dort einer Gruppe Dominikanermönchen Zuflucht gewährt. Vom ersten Augenblick an ist Roslin fasziniert von Pater Luke – und entgegen aller Verbote entsteht ein zartes Band zwischen den beiden. Doch als Ende des Sommers der Krieg England erreicht, ist Roslin gezwungen, Luke und die Insel zu verlassen. Mutig setzt sie sich von nun an bei der Frauenluftwaffe ein und riskiert ihr Leben für die Freiheit ihres Vaterlandes … bis sie einen brisanten Auftrag bekommt: Sie soll als Spionin auf die Insel zurückkehren, um dort verdächtige Machenschaften aufzudecken. Kann sie Luke vertrauen – oder ist er am Ende der wahre Feind?
Über die Autorin:
Die britische Autorin Alexandra Jones wurde in Indien geboren, wo ihre britischen Eltern die letzten Tage der Kolonialherrschaft erlebten und Indien und Pakistan unabhängig wurden. Auf britischer Seite setzte sie setzt sich für Pakistans Übergang zu einem eigenständigen Staat ein. Später kehrte sie mit ihrer Familie nach England zurück und lebt heute mit ihrem Mann und drei Söhnen in Devon. Sie ist Autorin von zahlreichen historischen Romanen, die in verschiedene Sprachen übersetzt wurden.
Ebenfalls bei dotbooks erschienen sind ihre historischen Romane »Das Vermächtnis von Kilmorna House«, »Mandalay – Der Traum von Freiheit«, »Indara – Über den goldenen Dächern von Siam«, »In den Weinbergen von Vinarosa«, »Die englische Ärztin«, »Der Klang der neuen Welt«, »Die englische Goldschmiedin«, »Glengarth – Jahre des Schicksals«, »Glengarth – Zeiten der Hoffnung« und »Glengarth – Tage des Glücks«.
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eBook-Neuausgabe Mai 2022
Die englische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Originaltitel »The Abbot of the Island« über Alexandra Jones. Die deutsche Erstausgabe erschien 2003 unter dem Titel »Der Zauber des Sommers« bei Lübbe.
Copyright © der englischen Originalausgabe 2017 Alexandra B Jones
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2003 by Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach
Published by Arrangement with Alexandra Jones
Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ah)
ISBN 978-3-98690-202-5
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Alexandra Jones
Der Sommer vor dem Sturm
Roman
Aus dem Englischen von Michaela Link
dotbooks.
Ich floh Ihn, nächtehin und tagelang;
Ich floh Ihn, hin den Bogengang von Jahren;
Ich floh Ihn, hin den wirr gewundnen Gang
Des Hirns, und in der Tränennebel Scharen
Barg ich vor Ihm mich und in Sprudellachen!
Auf weitgeworfener Hoffnung stob ich hin
Und schoss kopfüber tiefstem Abgrund zu,
Durch Riesendunkel hin voll Furcht und Krampf
Vor jener starken Füße Nahgestampf,
Das mich verfolgt’, das folgte ohne Ruh,
Nie überstürmend, stets im Jägerschritt ...
Oh, immer hallten jene Füße mit,
Bedachte Eile; schnell und meisterlich
Schlagen sie auf und eine Stimme schlägt
Weiter, als aller Hall der Tritte trägt:
»Jed’ Ding verrät dich. Mensch, verrätst du mich!«
Aus »The Hound of Heaven« von Francis Thompson: Die Autobiografie eines Flüchtlings vor der erlösenden Liebe Gottes. Deutsche Übers. Max Geilinger (»Die Hetzjagd vom Himmel«, Englische Dichtung, Frauenfeld: Huber 1945, S. 113).
Toskana 1956
Der schwarze Wagen schlängelte sich über die Feldwege unserer Insel wie ein Weberschiffchen durch die Kette. Ich sah ihn ganz deutlich, denn ich stand in dem großen Erker, der auf die Terrasse hinausführte. Zu meiner Linken lag der sommerliche Garten, und zu meiner Rechten saß Veronica für mich Modell.
Sie hatte sich auf einem Esszimmerstuhl, über den eine Tischdecke drapiert war, so elegant in Pose gesetzt, dass man glauben konnte, sie säße auf einem Thron. Zwischen ihren langen, roten Fingernägeln hielt sie einen Zigarettenhalter aus Schildpatt und Silber. Hätte ich sie gemalt, hätten diese Details das Bild perfekt abgerundet. Stattdessen knetete ich mit dem Daumen wieder einen Lehmbrocken zurecht und drückte ihn auf die missgestaltete Nase, von der ich hoffte, dass sie am Ende des Sommers Veronicas gleichen würde. Ich hoffte auch, dass Veronica meine vorübergehende Geistesabwesenheit nicht bemerkt hatte.
Wie naiv ich doch war!
»Ich wusste ja immer, dass er ein Narr ist, aber ich hätte ihn niemals für einen Verräter gehalten«, sagte sie und nahm damit das ziemlich einseitige Gespräch wieder auf.
Ich blieb still, denn ich hatte ihrer Bemerkung nichts hinzuzufügen.
»Also, wenn du für heute fertig bist ...« Veronica blies einen letzten Rauchring in die Luft, bevor sie ihre Zigarette in dem Aschenbecher auf dem Fußboden ausdrückte und den Stummel mit einer geschickten kleinen Geste aus dem Halter stippte. Dann erhob sie sich, einer Göttin gleich, von ihrem Stuhl.
Bevor sie den Raum verließ, bedachte Veronica mich mit diesem Blick, den sie ausschließlich für Narren reservierte, eine Gattung Mensch, die sie nur mit Mühe ertrug. Sie schloss die Tür hinter sich, laut und demonstrativ. Es widersprach ihrem Wesen, ohne große Auftritte durchs Leben zu gehen.
Aber ich habe meine Geschichte in der Mitte begonnen und muss daher die Seiten zurückblättern, bis zu dem Punkt, an dem alles angefangen hat. Das ist jetzt so lange her, dass sich durch meine Verbitterung die Farben meiner Erinnerung zu einem schmutzigen Grau verwischt haben. Und doch ist der Geruch von Ramsons Priorei noch nicht ganz verflogen und erreicht mich selbst hier in der Toskana, wo ich in einem einsamen Exil meine Tage friste, aufrecht erhalten einzig von der Erinnerung daran, wie es damals war auf unserer Sommerinsel. Ich habe alle Einzelheiten im Gedächtnis, als sei es erst gestern gewesen.
Scilly-Inseln, Sommer 1939
Sie alle waren in diesem Jahr erfüllt von einer Art magischem Wahnsinn, der nicht das Geringste mit Giles zu tun hatte oder mit der Tatsache, dass nach einem Jahr des monotonen Stadtlebens die Fäden wieder aufgenommen wurden und dass die begonnenen Geschichten aus dem vergangenen Sommer zu Ende erzählt werden wollten. Jedenfalls nicht zu Anfang, denn dieser Wahnsinn machte sich bereits bemerkbar, lange bevor Grayson – Giles Halbbruder und damals Herr und Eigentümer der Insel – die Bombe platzen ließ.
Gleich vom ersten Tag an spürte Roslin, dass diese Sommerferien anders werden würden als frühere. Die Atmosphäre um sie herum wirkte aufgeladen von einer spirituellen Telepathie, die selbst in den grauen Steinen von Ramsons Priorei zu pulsieren schien. Und dann fand Giles bei seinen archäologischen Ausgrabungen die Leiche, und Graysons seltsame Sommergäste trafen ein, um ihr Leben für alle Zeit zu verändern.
Man stelle sich eine vergessene Insel vor, einen Felsbrocken von zwei Meilen Länge und einer Breite von einer Meile. Dazu ein stahlgraues Meer, dessen dunkle Unterströmungen den Riesen des Pleistozäns Einhalt geboten haben, die über den steinernen Wall von Brehar bis nach Buzza kamen. Ein steingraues Meer, dessen Nordwinde den Sand vor sich hertreiben, der eines Tages den Hill of Samson bedecken wird. Und weiter einhundertvierzig winzige Perlen, die sich wie eine Kette durch die Gewässer von Land’s End ziehen und deren fünf größte den Anhänger dieser Kette bilden – St. Mary’s, Trescoe, St. Martin’s, St. Agnes und Bryher, die uralten Scilly-Inseln.
Orca entpuppte sich jeden Sommer aufs Neue als ganz besondere Perle am Ende der Kette, winzig, unbekannt und unbewohnt bis auf Grayson, seine Tiere, die Seevögel und die Familie.
Die Insel wurde von einem halb verfallenen Kloster beherrscht, Ramsons Priorei, das auf eine höchst turbulente Geschichte zurückblickte: Hier hatten Männer gelebt, die vom Schicksal immer wieder gebeutelt worden waren, Männer, die in einem letzten Aufbäumen gegen religiöse Verfolgung in die Einsamkeit Orcas geflüchtet waren und dessen Felsenmeer eine Zuflucht abgerungen hatten. Eine Zuflucht, die dann letztendlich von der Familie zerstört worden war.
Bereits im Mittelalter hatten Mönche die Bäume gepflanzt und die Gärten angelegt, aber die Bärlauchwälder waren immer schon da gewesen, und ihnen verdankte Ramsons Priorei ihren Namen: Ramson war die englische Bezeichnung für Allium ursinum, den Bärlauch. Veronica hatte einmal lachend bemerkt, dass »man schon auf paranoide Weise gaga sein musste, um ein Haus Allium ursinum zu nennen, selbst wenn es sich dabei um ein Kloster handelte. So als nenne man eine Familie Porree oder Knoblauch.«
»Oder Verulamium«, hatte Abigail, die Scoots genannt wurde und die sich damals in Cheltenham mit der römischen Periode abquälte, gekichert.
Grayson, der Älteste der Geschwister, hatte daraufhin lediglich etwas Unverständliches vor sich hin gebrummt, da seine Gedanken zweifellos um weit wichtigere Dinge kreisten als Familiennamen.
Doch keiner von ihnen konnte die starken Gerüche vergessen, die Ramsons Priorei im Sommer verströmte. Die Bärlauchwälder waren dann voller süßer, schneeglöckchenähnlicher, weißer Blüten, deren Duft jedoch – ganz anders als der der zarten Schneeglöckchen – eindringlich war und so scharf, dass einem die Augen davon tränten. Giles hatte ihnen allen aus dem Herzen gesprochen, als er diese Eindrücke zusammenfasste: »Der Geruch von Ramsons Priorei hat einen unverwechselbaren Charakter. Es ist, als seien die Mönche niemals fortgegangen, sondern lebten immer noch hier, um nach ihren eigenen Rezepten in der großen Küche Bärlauch und Kräutersud zu kochen.«
Alles, was Giles sagte, war Musik in Roslins Ohren gewesen, denn sie hatte sich bereits im Alter von sechs Jahren bis über beide Ohren in ihn verliebt. Selbst wenn er sie grob behandelte oder mit sarkastischen Bemerkungen bedachte, verzieh sie ihm. »Warum heißt die Insel Orca?«, hatte sie, als sie die Insel als kleines Mädchen zum ersten Mal besuchte, gefragt.
»Weil sie wie ein Wal geformt ist, du Dummerchen!«, hatte Giles, zwar noch ein Junge, jedoch bereits im vollen Bewusstsein seiner männlichen Würde, spöttisch erwidert.
Veronica wusste genau, dass Roslin in ihren hübschen, rothaarigen und grünäugigen Bruder verliebt war, und fühlte sich ihr ebenfalls weit überlegen. Sie bezeichnete die Zuneigung ihrer entfernten Cousine zu Giles als Schulmädchenschwärmerei. Solange Ros errötete, wurde sie damit grausam aufgezogen – von Veronica, Giles und auch von Scoots.
Wenn sie alle zusammen in Ramsons Priorei waren, war ihnen als vollzöge sich in ihrem Blut eine Art Dialyse; es war eine chemische Reaktion zwischen den Verunreinigungen, die sie aus der Stadt mitgebracht hatten – den Kohlenmonoxidgasen –, und allem, was Ramsons Priorei, die die Mönche viele Jahrhunderte vor der Erfindung des Autos angelegt hatten, ausmachte. Natürlich gab es auf Orca auch damals noch keine Autos, es war dort kein Platz für sie. Wäre es anders gewesen, hätte Grayson sie gewiss von der Insel verbannt. Deshalb erschien es Ros auch so merkwürdig, dort einen schwarzen Humber zu sehen, der verstohlen den Schlangenlinien des von windzerzausten Fichten gesäumten Feldweges folgte. Es war an dem Morgen, an dem sie ihre ersten Versuche mit Veronicas missgestalteter Nase unternahm, und sie dachte: Wie war das Auto auf die Insel gekommen? Mit der Fähre? Ros, die im Allgemeinen nichts auf Zeichen und Omen gab, sondern die praktische und vernünftige Lebenseinstellung ihrer temperamentvollen, aus Yorkshire stammenden Mutter geerbt hatte, empfand den Wagen dennoch als ein böses Omen; er erschien ihr wie ein kühler Wind, der eine radikale Veränderung für ihrer aller Leben bringen und damit den Frieden und die Harmonie Orcas zerstören würde.
Das alte Kloster thronte majestätisch auf dem Rücken der Insel wie auf dem Buckel eines steinernen Wals. Für Roslin war Orca wirklich ein prähistorisches Säugetier, das im Laufe der Zeit versteinert war. Wenn sie mit ihrem Malkasten und ihrer Staffelei unterwegs war, blinzelte sie nur kurz zu diesem grauen Monument der Vergangenheit empor, schauderte und malte an seiner Stelle die hohen, grünen, elliptischen Blätter und zarten weißen Glöckchen, die an Schneeglöckchen oder Maiglöckchen erinnerten. Das Kloster aber, das eigentliche Motiv, das sie in Graysons Auftrag auf der Leinwand bannen sollte, ließ sie einfach fort.
Sie hatte mit diesem Projekt im Sommer ihres siebzehnten Geburtstages angefangen, in dem Augenblick, als sie Zugriff auf ihr Treuhandvermögen bekam. Diese Hinterlassenschaft hatte es ihr möglich gemacht, sich an einer Kunstakademie in London einzuschreiben. Trotzdem war Ros im Verlauf zweier Sommer mit dem Gemälde, das Grayson bei ihr in Auftrag gegeben hatte, kaum weitergekommen. Ros wusste, dass Grayson mit einem freundlichen Naturell und einem ungewöhnlichen großen Maß an Toleranz gesegnet war. Grayson fand den Gedanken schrecklich, dass sie in London in einer Mansarde hauste. Und wenn Ros diesen Charakterzug ihres entfernten Verwandten auch nicht gerade ausbeutete, so nutzte sie ihn doch zu ihrem Vorteil.
Aber obwohl sie viel Zeit in das Gemälde investierte, tat Roslin andererseits doch alles in ihrer Kraft Stehende, um den Augenblick hinauszuzögern, da sie Ramsons Priorei in die Welt der Zweidimensionalität bannen musste. Sie hatte Angst, dass ihr Bestes vielleicht nicht gut genug sein würde. Geradeso wie sie es von ihren entfernten Verwandten gewohnt war, die ihr oft das Gefühl gaben, in allem, was sie tat, unzureichend zu sein. Und so malte sie zuerst den Himmel und das Meer und die mit breitblättrigem Bärlauch bestandenen Ufer und ließ mitten auf der Leinwand eine große Fläche frei, bis sie zuletzt das Gefühl hatte, den alten Bau auf die Weise in seiner ganzen Wirklichkeit erfasst zu haben.
Unglücklicherweise reichte ein bloßes Gefühl für die Wiedergabe des Motivs nicht aus, und so fehlte ihrem Bild auch weiterhin in seinem tiefsten Herzen die Objektivität. Unverändert prangte mitten auf der Leinwand eine leere Fläche, und verschiedene Personen nutzten das, um Ros ihre Unzulänglichkeit schonungslos vor Augen zu führen. Veronica zum Beispiel, Grayson, wenn man ihn zu einer Meinungsäußerung zwang, und zu guter Letzt auch ihr geliebter Giles.
In den frühen Tagen war die Familie ihr Ein und Alles gewesen, der Grund, warum sie lebte und atmete.
Ros war mit den Halbgeschwistern der Familie Ramson sehr entfernt verwandt – eine Cousine zweiten oder dritten Grades oder etwas in der Art. Sie wurde nie das Gefühl los, dass die Familie vor allem Mitleid mit ihr hatte. Das wäre schon von Gleichgestellten schwer genug zu ertragen gewesen – und sie, Roslin Taylor Ramson, war den anderen nicht gleichgestellt, sie war die arme Verwandte, die lediglich den gleichen Namen vorzuweisen hatte.
Ihr Vater hatte sich während des Ersten Weltkrieges eine Gasvergiftung zugezogen und war davon auch nach dem Ende des Krieges nicht wieder genesen. Als er 1924 starb, war Roslin drei Jahre alt und ihre gramgebeugte Mutter musste nun versuchen, sie beide allein durchzubringen. Was sonst hätte ihre Mutter tun können, als auf die Barmherzigkeit der entfernten Verwandten ihres verstorbenen Mannes zu bauen? Also bat sie die Familie Ramson in einem Brief um Hilfe: Sie wolle sich ihren Unterhalt selbst verdienen und sei durchaus bereit, in dem »großen Haus auf Orca, Scilly-Inseln«, als Hausangestellte zu arbeiten.
Einige Zeit später erhielt sie tatsächlich eine Antwort von den Ramsons, in der ihr mitgeteilt wurde, dass Ramsons Priorei für den größten Teil des Jahres geschlossen blieb, da die Familie es nur selten benutze. Wenn Mrs Ramson jedoch willens und fähig sei, so könne sie im Bayswater Mansion, dem Londoner Haus von Lord und Lady Ramson, den Posten einer Haushälterin bekleiden, der dort dringend besetzt werden müsse.
Dies war ein Gottesgeschenk für Roslins Mutter!
Zwar war Geld rar und eine Anstellung als Dienstbotin, anders als vor dem Krieg, leicht zu finden: Die meisten Frauen mochten sich nicht mehr als Hausangestellte verdingen, nicht nach ihren Leistungen im Ersten Weltkrieg, nicht, nachdem sie das Land allein über Wasser gehalten hatten, während die Männer in den französischen Schützengräben lagen. Aber Ada Ramson hatte keine solchen Vorbehalte. Sie und ihre dreijährige Tochter fuhren umgehend nach Bayswater Mansion, um sich ihren hochherrschaftlichen, wenn auch angeheirateten Verwandten – Carlisle Lord Ramson und seiner schönen italienischen Ehefrau, Gina Lady Ramson – vorzustellen.
Als Roslins Mutter mit ihrem Hilferuf an sie herantrat, hatten Carlisle und Gina bereits vier Kinder: Grayson, Veronica oder Ronnie, Giles und Abigail, die auf den Spitznamen Scoots hörte. Scoots war ein Jahr jünger als Ros – eine ideale Gefährtin für Roslin, dachte Ada, die ehrgeizige Pläne für ihre eigene kleine Tochter hatte.
Roslins entfernte Vettern, Cousinen, Onkel und Tanten trugen alle einen Titel vor ihrem Namen. Sie hießen Carlisle Lord Ramson, Lady Gina, der Ehrenwerte Grayson, Erbe von Lord Ramson, die Ehrenwerte Veronica, der Ehrenwerte Giles, die Ehrenwerte Abigail – die Reihe ließ sich endlos fortsetzen –, allesamt absolut lächerliche Titel, die der kleinen Ros nicht das Geringste bedeuteten. Damals nicht, obwohl ihr später im Leben mit übergroßer Deutlichkeit bewusst wurde, dass sie ohne ein »ehrenwert« vor dem Namen anders war, doch sie war sehr froh darüber.
Nachdem ihre Mutter pflichtschuldigst ihre Stelle als Haushälterin bei Lord Carlisle und Lady Gina angetreten hatte, musste sich Roslin im Bayswater Mansion in London ein Dachbodenzimmer mit ihrer Mutter teilen. Kurz nach der Ankunft und Unterbringung der armen Verwandten aus Yorkshire nahm die Ehrenwerte Veronica Roslin dann wegen ihres Namens ins Kreuzverhör – woher sie ihn denn habe? Ob sie sich auch ganz sicher sei, dass ihre Mutter die ganze Geschichte mit der Verwandtschaft nicht nur erfunden habe, um sich bei Lord Ramson Mitleid und eine Stellung zu erschleichen? Viele Menschen, zwischen denen nicht die geringste Verwandtschaftsbeziehung bestehe, trügen denselben Namen, nehme man beispielsweise Smith oder Jones oder Brown. Warum Roslin denn kein »ehrenwert« vor ihrem Namen trüge? Eigentlich sähe sie auch gar nicht aus wie eine Ramson. Außerdem müssten sie und ihre Mutter ja schrecklich arm sein, wenn sie auf ein Einkommen aus einer Dienstbotentätigkeit angewiesen seien. Echte, blaublütige Ramsons waren wohlhabende, angesehene, einflussreiche Mitglieder der Aristokratie Großbritanniens und des Empires, die nicht betteln gehen müssten, um eine Stellung in fremder Leute Haushalt zu finden.
Von diesem Augenblick an lebte Roslin in dem Gefühl, von den Almosen und der Herablassung anderer abhängig zu sein.
Ein Gefühl, das nach dem Tod ihrer Mutter umso stärker wurde. Ada Ramson starb nach einer schweren Grippe an einer Lungen- und Brustfellentzündung. Sie hatte sich geweigert, ihre häuslichen Pflichten zu vernachlässigen, und gearbeitet, bis sie auf der Hintertreppe buchstäblich tot umfiel. Damals, im Jahre 1927, erfuhr das Leben der fünfjährigen Roslin eine radikale Veränderung.
Nach der Beerdigung ihrer Mutter stieg Ros innerhalb der Familie auf.
Als Lord Carlisle sie nach Adas Beerdigung auf seinen Schoß nahm, machte er Roslin deutlich, dass sich ihre Position von nun an ändern würde. Er bat sie, ihn Onkel zu nennen statt Mylord Carlisle. Er erklärte ihr, dass sie immerhin ein Teil der Familie sei, wenngleich auch nur recht entfernt mit ihnen verwandt. Dennoch, Blut sei dicker als Wasser, sagte er zu ihr.
Ros bekam ihr eigenes Zimmer im Familienflügel, noch dazu ein sehr hübsches. Sie nahm ihre Mahlzeiten mit den anderen Mitgliedern der Familie Ramson ein, der feinen Seite, wie ihre Mutter sie zu nennen pflegte, statt mit der Köchin, dem Butler und den Hausmädchen in der Dienstbotenhalle zu essen, wie sie es mit ihrer Mutter getan hatte.
Vor allem aber informierte Onkel Carlisle Ros darüber, dass sie zusammen mit Scoots von deren Hauslehrerin im Schulzimmer von Bayswater House unterrichtet werden würde, und wenn sie beide das passende Alter erreichten, würde man sie fortschicken, damit ihre Erziehung in einem eigens ausgewählten Mädcheninternat fortgeführt werden konnte.
Zu den Unterrichtsstunden mit Abigail gehörten Französisch, Deutsch und Griechisch – Italienisch war für Scoots wie eine zweite Muttersprache. Die Beschäftigung mit diesen Fächern lenkten Roslin vom Tod ihrer Mutter ab, von ihrem Status als Waisenkind und der Tatsache, dass sie von der Barmherzigkeit anderer abhängig war. Geschichte gefiel ihr am besten. Sie liebte diese Unterrichtsstunden und übertraf ihre Cousine Scoots in diesem Fach um Längen.
Später fragte sich Roslin oft, ob Lord Carlisle sich nicht wegen des vorzeitigen Todes ihrer Mutter ein klein wenig schuldig gefühlt haben mochte. Immerhin war sie in seinen Diensten gestorben, und vielleicht hatte er Ros nur deshalb als vollwertiges Mitglied in seine Familie aufgenommen, um sein Gewissen zu beschwichtigen. Dann wäre das ganze Gerede von Blut und Wasser nur leere Luft gewesen.
Tragischerweise kamen bereits ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter sowohl Lord Carlisle als auch Lady Gina bei einem Erdbeben in Korinth, wo sie Urlaub machten, selbst ums Leben. Man schrieb das Jahr 1928. Ros war sieben Jahre alt, Abigail erst sechs.
Es schien, als läge tatsächlich ein Fluch über der Familie.
Ros nahm die arme kleine Scoots unter ihre Fittiche. Sie wusste, wie es war, die ganze Nacht in sein Kissen zu weinen, weil man keinen Vater und keine Mutter wie alle anderen mehr hatte. Sie wusste, wie es war, wenn man die ganze Nacht in sein Kissen weinte, weil man diesen kalten, grauen Ort hasste, an den Gott das eigene Herz verbannt hatte. Sie wusste, wie es war, wenn man die ganze Nacht in sein Kissen weinte und keine Menschenseele da war, die einen tröstete – nicht einmal Gott, denn er war ja derjenige, der einen in dieses kalte, dunkle Grab von Einsamkeit, Isolation und Schmerz hineingestoßen hatte.
Grayson, auf den Titel und Besitz seines Vaters übergegangen waren, hatte keine Ahnung, was er mit zwei kleinen verwaisten Mädchen anfangen sollte, die in seinem Haus den lieben langen Tag Trübsal bliesen. Er siedelte daher auf die Scilly-Inseln über, um der Verantwortung eines Ersatzvaters zu entrinnen. Grayson, der nun Lord Ramson IV. war, gab Ros und Scoots in die Obhut einer Abfolge inkompetenter Gouvernanten, bis sie im zarten Alter von acht beziehungsweise sieben Jahren in ein Internat verfrachtet wurden.
In dieser Phase ihrer aus den Fugen geratenen Kindheit erfuhr Ros langsam ein wenig mehr über ihren weit verzweigten Familienstammbaum. Da Grayson nicht mehr in London lebte, konnten sie sich in Bayswater Mansion ungehindert bewegen. Ros machte während ihrer gesamten Jugend in Graysons Londoner Haus reichlich Gebrauch von der gewaltigen Bibliothek, in der sie sich all die Lektüre zu Gemüte führte, die ein Mädchen in ihrem Alter normalerweise nicht lesen sollte.
Auch ihr Onkel Carlisle war ein Bücherwurm gewesen; er hatte viel Zeit in den Bibliotheken von Bayswater Mansion und Ramsons Priorei auf Orca zugebracht. Grayson dagegen hasste Bücher, wie Ros bald in Erfahrung brachte. Grayson war Zoologe und sehr exzentrisch. Ros blieb daher nichts anderes übrig, als sich allein der ziemlich zeitraubenden Aufgabe zu widmen, mit Hilfe der Familienarchive ihren Wurzeln nachzuspüren.
Grayson war Lord Carlisles erstgeborener Sohn und stammte aus dessen Ehe mit Margaret, seiner ersten Frau. Margaret war, wie es hieß, im Kindbett gestorben, und anschließend war Lord Carlisle nicht im Stande gewesen, seinen erstgeborenen Sohn ohne Wut und Kummer anzusehen und ihm ohne kritische Verzweiflung zu begegnen, insbesondere, nachdem der arme kleine Grayson alle Anzeichen dafür hatte erkennen lassen, dass er »nicht alle Tassen im Schrank« hatte. Das erfuhr Ros aus einem von Lord Carlisles Tagebüchern, die sie in der Bibliothek in Bayswater entdeckt hatte.
Da sie nun absoluten und ungehinderten Zugang zu Informationen dieser Art hatte, erfuhr sie, dass Grayson sich zu seinem dritten Geburtstag einen baboon gewünscht hatte, einen Pavian also, und nicht einen Ballon, wie sein Vater irrtümlich angenommen hatte. Grayson hatte das ganze Haus zusammengeschrien, bis der Ballon geplatzt war und er stattdessen den Pavian bekam. Auf welche Weise ein solcher Wunsch erfüllt worden war, erwähnte Lord Carlisle nicht, aber außerstande, allein mit seinem widerspenstigen und launischen Sohn fertig zu werden, der bereits im zarten Alter von drei Jahren einen deutlichen Hang zur Exzentrizität zeigte, heiratete Carlisle sehr bald nach dem Dahinscheiden seiner ersten Frau wieder.
Veronica und Giles entstammten der Verbindung mit Imogen Lady d’Oilier Barra, die einen eigenen Titel führte. Das bedeutete der kleinen Ros recht wenig, bis die besagte Dame sich am Tag nach Graysons Abreise nach Orca auf der Türschwelle von Bayswater Mansion einfand, um das Sorgerecht für ihre beiden Kinder einzufordern. Ros lernte die große Dame nicht persönlich kennen, da sie und Scoots sich zu diesem Zeitpunkt im Schulzimmer befanden und mit einer Mam’zelle Moritius französische Verben konjugierten.
Veronica und Giles, Lady Imogens leibliche Kinder mit Carlisle, Lord Ramson III., waren erheblich älter als Ros und Scoots. Dass Ronnie und Giles überhaupt mit dieser Dame verwandt waren, hörte Ros zum ersten Mal an dem Tag, an dem nach Grayson auch noch sie beide verschwanden – nämlich als die Köchin ihr und Scoots an jenem Abend beim Essen davon erzählte. Während Lord Grayson zu seiner Sommerresidenz auf die Insel Orca gefahren war, kehrten Veronica und Giles nach Südirland zurück, wo ihre Mutter und deren erst kürzlich angetrauter Ehemann lebten.
Die ständigen Veränderungen in der Familie waren doch recht verwirrend für Ros, die von nun an ihre Vettern und ihre ältere Cousine nur noch in den Sommerferien sah, die sie alle zusammen mit Grayson auf Orca verbrachten. Lady d’Oilier Barra dagegen zog es im Sommer nach Südfrankreich. Während der Osterferien lernte Ros dann die italienische Seite der Familie kennen – Gina. Die Weihnachtsfeste wurden natürlich stets mit Grayson im Bayswater Mansion in London verbracht.
Abigail war die Tochter, die Carlisle mit Gina gezeugt hatte, einer schönen, witzigen, lebenslustigen Italienerin, für die es eine Selbstverständlichkeit gewesen war, die arme kleine Ros zusammen mit ihrer eigenen Tochter in ihre Obhut zu nehmen. Gina, eine typische Italienerin, liebte Kinder. Auch Ros hatte sich zu Gina hingezogen gefühlt und sich gern in ihrer Nähe aufgehalten, und der Tod von Abigails Eltern in Griechenland hatte sie fast ebenso getroffen wie die arme Scoots selbst.
Als Ros bewusst wurde, dass Grayson und Abigail nur Halbgeschwister hatten und lediglich Veronica und Giles echte Geschwister waren, verspürte sie ein leises Gefühl von Triumph. So kam sie sich weniger wie eine Außenseiterin vor.
Zu gegebener Zeit setzte der Familienanwalt, der gleichzeitig als Finanzberater fungierte, Abigail und Roslin davon in Kenntnis, dass sie ihre Ausbildung gemeinsam in Cheltenham, Gloucestershire, an einem angesehenen College für junge Damen fortsetzen würden. Mam’zelle Moritius würde in Kürze in den Ruhestand treten und so war es an der Zeit, dass die beiden jungen Damen ihren Platz an einer adäquaten Bildungseinrichtung einnahmen.
Lord Carlisle hatte finanzielle Vorkehrungen getroffen, um ihnen eine solche Erziehung zu ermöglichen, bis sie beide siebzehn waren. Danach würde Abigail auf ein Schweizer Mädchenpensionat gehen, um anschließend auf die geziemende Art und Weise in die Gesellschaft eingeführt zu werden.
Für Miss Roslin Taylor Ramson hatte Lord Ramson III. ein kleines Treuhandvermögen eingerichtet, da er sein Mündel versorgt wissen wollte. Sie sollte über das Geld verfügen können, sobald sie siebzehn wurde. Es war nicht viel, und es würde nicht lange reichen, sofern Miss Roslin nicht eine überaus besonnene junge Dame war und wegen ihres kleinen Erbes nicht den Kopf verlor.
Aber dennoch hatte, wie sich herausstellte, Carlisle damit eine weise Entscheidung gefällt, denn ihr Erbe gab Ros die Möglichkeit, unabhängig zu sein, ohne auf Graysons Gastfreundschaft oder auf die Mildtätigkeit von Veronica, Giles oder deren Mutter bauen zu müssen, die sie nie kennen gelernt hatte, über die sie aber dennoch alles zu wissen glaubte.
Ros beschloss, nicht länger in Cheltenham zu bleiben als unbedingt nötig und stattdessen das Geld, das ihr Carlisle freundlicherweise hinterlassen hatte, dafür zu nutzen, um sich in London für einen Kunsthandwerkskursus einzuschreiben, sobald sie siebzehn war.
Aber wenn man noch ein Kind ist und mit der Verpflichtung aufwächst, aufgrund der familiären Gegebenheiten weltklüger und gewandter werden zu müssen als alle anderen, dann scheinen die Siebzehn noch in sehr weiter Ferne zu liegen.
Als Roslin und Abigail noch kleine Mädchen waren, die die Grundschule der Cheltenham Ladies Academy besuchten, beschloss Grayson, sein Erbe auf der Insel Orca zu öffnen – für Besucher, für angehende Zoologen und Tierärzte und für die Familie, die dort ihre Sommerferien verbringen konnte.
Durch diese glückliche Fügung gehörte Roslin in den Sommerferien bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag zur Familie. Sie verbrachte auf Orca idyllische Sommer mit allerlei künstlerischen Aktivitäten, wobei sie besonders viel Zeit darauf verwandte, die missgestaltete Nase an der Skulptur von Veronicas Kopf in die richtige Form zu bringen, und ihre Bemühungen fortzusetzen, ein halbwegs authentisches Bild von Ramsons Priorei zu malen. Es sollte später in der klösterlich anmutenden Halle aufgehängt werden, um ihren wunderbaren, freundlichen Wohltäter zu beeindrucken, der sich fast noch freundlicher und onkelhafter ihr gegenüber zeigte als Lord Carlisle, nämlich ihren liebenswert exzentrischen Verwandten, Grayson, Lord Ramson IV.
Roslin glaubte nicht an Spukhäuser, Geister, Ghuls oder kopflose Gespenster der Nacht. Sie hatte einen Teil ihres Lebens in Ramsons Priorei verbracht und hatte niemals einen kopflosen Mönch über die steinernen Pfade des alten Klosters wandeln sehen, obwohl man oft genug in der Nacht unheimliche Geräusche hören konnte.
Sie alle wussten jedoch, dass dieser Lärm mit Graysons Menagerie in der Krypta zu tun hatten. Fairerweise musste man sagen, dass er seine Tiere wirklich ernst nahm und sich auf eine liebevolle, freundliche und fast schon väterliche Art und Weise um sie kümmerte.
Ob außer ihm noch irgendjemand die Verhaltensstudien, die er an seinen Zootieren erforschte, für eine Arbeit von wissenschaftlichem Wert hielt, hielt Ros für äußerst fraglich: Wenn diese Forschungen überhaupt zu etwas dienten, dann höchstens dazu, ihm einen Vorwand zu verschaffen, so exzentrisch sein zu können, wie es ihm gefiel.
Der arme alte Grayson interessierte sich hingegen nicht im Mindesten für die menschliche Spezies, und was junge Frauen im heiratsfähigen Alter betraf, so war er Veronicas Meinung nach »eine absolute Lachnummer«. Kein Wunder, dachte Ros, dass Grayson sich dort unten wohler fühlte, in seiner eigenen kleinen Welt der Grunzgeräusche – wo sich unter Androhung eines grauenvollen Todes keiner von ihnen unaufgefordert sehen lassen durfte!
Ros war nur ein einziges Mal »da unten« gewesen – mit zwölf Jahren und auf eine ausdrückliche Einladung Graysons hin. Er hatte sie herumgeführt und voller Stolz mit seiner Sammlung von Zootieren angegeben, weil er fand, Ros sei »eine Spur besser als die anderen«, »ein wirklich liebes, ruhiges, intelligentes Mädel, das ihn besser verstand als Ronnie, seine grässliche, fast schon vampirhafte Stiefschwester«.
Ros fühlte sich äußerst geschmeichelt, weil Grayson sie auf eine solche Weise mit seinem Vertrauen ausgezeichnet hatte, und hatte danach das Gefühl, dass er im Grunde ein ganz lieber Kerl sei, wenn er sich einmal gerade nicht selbstherrlich und tyrannisch aufführte.
Roslin war darüber hinaus schrecklich enttäuscht gewesen von Graysons Zoo. Damals bestand er hauptsächlich aus ein paar jungen Schimpansen, einigen Ziegen, ein paar Füchsen, haufenweise Kaninchen, Meerschweinchen, Hamstern, Rennmäusen und Ratten in Käfigen, sowie Seehunden, Möwen, Schlangen und tropischen Fischen. Der größte Teil seiner Sammlung war außerdem entweder krank, vernachlässigt, verletzt, halb ertrunken oder dem Tode nahe.
Ob Ziegen und Füchse zu den ursprünglichen Bewohnern Orcas zählten, wagte Ros zu bezweifeln. Sie hatte weder das eine noch das andere in freier Wildbahn gesehen. Ratten, ja, bei diesem Gedanken schauderte sie noch immer. Man wusste, dass Ratten auf der nahen Insel Samson schon Pferde und andere lebende Geschöpfe gefressen hatten. Früher einmal war Samson als Ratteninsel bekannt gewesen. Wenn Ratten schwimmen könnten, hätten sie es gewiss von Samson nach Orca geschafft – auf jeden Fall hatten sie es in alten Schiffwracks geschafft, dafür hatte Grayson die Beweise in seinen Käfigen.
»Was ist mit Katzen?«, hatte sie ihn gefragt.
»Das sind Haustiere, keine Zootiere, Ros. Ich kann Katzen nicht in Käfigen halten.«
»Nein, das meinte ich nicht. Katzen töten Ratten.«
Hätte Grayson nicht irgendwoher eine Katze bekommen können, um die Ratten auf Orca zu töten?
Ros erinnerte sich sehr deutlich an ihr Gespräch mit Grayson über dieses Thema, denn sie hatte sich damals sehr aufgeregt!
»Aber nein! Genau aus diesem Grund sind Katzen auf der Insel verboten«, erklärte Grayson.
»Aus welchem Grund?«
»Ich lasse nicht zu, dass meine Tiere einander töten. Katzen töten Ratten und Vögel. Ich brauche die Ratten für einen bestimmten wissenschaftlichen Zweck. Und damit wäre es vorbei, wenn wir Katzen auf der Insel hätten. Deshalb sind sie hier verboten, genau wie Autos.«
Roslin verstand durchaus, warum Autos auf der Insel unerwünscht waren, denn sie hätten nirgendwohin fahren können, ohne die Inselbewohner zu stören. Dafür war die Insel viel zu klein und zu zerklüftet. Aber Katzen?
Als sie nun darüber nachdachte, wurde Ros klar, dass sie tatsächlich noch keine Katze auf Orca gesehen hatte. Hunde, ja, Grayson brachte seine Hunde von Bayswater Mansion mit auf die Insel – reinrassige Tiere und auch Mischlinge jeder Größe und Gestalt; und auch Veronica hatte ihr eigenes kleines Schoßtier, einen Dachshund namens Darby, den sie einmal über die Ferien mitgebracht hatte.
Aber keine Katzen. Die Katzen in Bayswater Mansion waren Stadtkatzen, die von der Köchin und der Haushälterin versorgt wurden. Gewohnheitstiere, die jede einzelne nach Fisch stinkende Mülltonne von der Bayswater Road bis nach Notting Hill Gate absuchten. Grayson wagte nicht, sie in Hundekörben auf Orca zu bringen, und er erklärte ihr auch, warum: Auf Orca fraßen die Ratten Katzen, nicht umgekehrt.
Roslin wusste natürlich, dass Grayson ihr damals nur hatte Angst machen wollen. Sie verzieh ihm, aber in ihren Gedanken lauerte stets das Bild einer Ratte von solcher Größe, dass sie sogar eine Katze verschlingen konnte.
Als sie nach Beendigung ihrer zoologischen Führung durch den Küchengarten gestreift war, hatte sie eine Ratte von der Größe einer Katze gesehen, die zwischen den Mülltonnen auf dem Hof herumlungerte und ihrer Meinung nach nur darauf wartete, in Ermangelung irgendwelcher Katzen ein Pferd bis auf die Knochen abzunagen. Sie war eine ganze Meile weit gerannt und hatte nach dem Rattentöter geschrien, nach dem tumben Toby, dem Sohn von Bob Hargreaves, Orcas Gärtner und Faktotum, und Mrs Hargreaves, die alle auf den Inseln geboren und aufgewachsen waren.
»Okay, Missus«, sagte Toby belustigt, »aber deswegen muss man sich doch nicht fürchten, die tun doch nichts.« Woraufhin er die Ratte mit Erdklümpchen bewarf und diese ein Abflussrohr empor flüchtete.
Ros vertraute Scoots später an, dass Graysons Zoo ausgesprochen unheimlich sei.
Für seinen engagierten und sozialen Tierrettungsdienst konnte man den armen Grayson kaum kritisieren. Vor allem, wenn man bedachte, dass die Kosten für den Transport der Tiere nach Orca die finanziellen Mittel ihres Gastgebers dauerhaft wohl aufs Äußerste strapazieren mussten.
Als Roslin an diesem Abend im Sommer 1939 die schweren Damastvorhänge vor den Sprossenfenstern zuzog, hielt sie plötzlich inne. Der Lichtstrahl einer Taschenlampe durchbrach die Dunkelheit am Strand, als stiege dort jemand aus einem Boot und versuche, festen Grund unter die Füße zu bekommen.
Ob es wohl Grayson war mit seiner Ausbeute von gejagten halbverhungerten oder kranken Tieren? Aber Graysons Boot war groß und besaß eine spezielle Ausstattung – Käfige und Luken – für den sicheren und humanen Transport von Tieren. Er pflegte am Kai festzumachen, und ganz gewiss brachte er seine Tiere nicht in einem Ruderboot an den Strand.
Die Nacht war ruhig; helle Sterne sprenkelten den samtblauen Himmel, während der Mond das stahlgraue Meer mit silbernem Schein überflutete. Die Sommernächte auf Orca waren nicht immer so schön. Meistens war das Meer wild, weiß und aufgewühlt, und die Wellen waren drei, sechs oder sogar neun Meter hoch und rammten mit aller Kraft und Wut die felsigen Ufer der Insel.
Es war eine herrliche Nacht, und dann sah sie es ... ihn!
Es war definitiv nicht Grayson, denn die Silhouette, die sie sah, war nicht gedrungen und wohlbeleibt, sondern hochgewachsen und anmutig:
Ein Mönch!
Er kam vom Meer zur Priorei hinauf. Den Kopf gesenkt und gesichtslos in der schwarzen Kapuze seines Gewands, die Arme in den weiten Ärmeln verborgen, kam er aus dem Nichts und ging ins Nichts, ein Geist, eine Erscheinung, ein Spuk, eine Vision – eine Vorahnung dessen, was da kommen sollte.
»Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan«, sagte Veronica nach ausgiebigen Gähnen am Frühstückstisch. Da der Butler gerade nicht zugegen war, schenkte sie sich selbst eine Tasse Kaffee ein. »Gott allein weiß, was für Kreaturen Grayson neuerdings in der Krypta da unten hält. Mich haben sie letzte Nacht jedenfalls die Wände hochgetrieben – bum, bum, bum und yuk, yuk, yuk, die ganze Nacht lang!«
»Eine vortreffliche Imitation eines Affenweibchens, Ronnie«, bemerkte Giles matt.
Veronica runzelte die Stirn, und ihre Miene verfinsterte sich derart, dass selbst Giles eingeschüchtert schien.
»Es klang, als ströme das Meer unter uns hindurch«, sagte Abigail.
Paul Powers, der Butler, früher Lord Carlisles persönlicher Kammerdiener und nun auch der seines Sohnes, brachte auf einem silbernen Tablett die Post herein: »Rechnungen, Rundschreiben, Bettelbriefe, so gut wie keine wirkliche Korrespondenz dabei«, sagte er und blätterte die Kuverts mit der präzisen Betriebsamkeit des Übereifrigen durch. »Das lohnt kaum das Benzin für das Postboot, Mylord, meine Ladies, Damen und Herren.«
»Warum kümmern Sie sich nicht um Ihre eigenen Angelegenheiten, Mr Powers?«, sagte Veronica spitz.
Er bedachte sie mit einem matten Lächeln. »Das täte ich nur allzu gern, meine Liebe, dann hätte ich mehr Zeit für mich.«
»Sie sind ein frecher Kerl, Powers!«
Mit einem blasierten Lächeln stolzierte er aus dem Raum.
Giles flüsterte indessen mit Grabesstimme, um Abigail einen Schrecken einzujagen: »Erinnert ihr euch an den Butler in diesem Horrorfilm, wie hieß er noch gleich? The Moving Tomb?«
»... Errr! Aahhh! Du! ...«, schrie Abigail übertrieben theatralisch, als er ihr mit einem stinkenden Bückling auf den Hals rückte.
Veronica sagte tadelnd: »Gebt Ruhe, ihr beide, ich habe Kopfschmerzen. Grayson, reich mir mal meine Briefe, und wenn du so freundlich sein wolltest, versuche doch bitte, sie nicht mit deinen klebrigen Marmeladenfingern zu beschmieren.«
Es war eines der albernen kleinen Rituale der Familie Ramson, dass der elfenbeinerne Brieföffner am Morgen bei Tisch von einem zum anderen gereicht wurde; man hörte dann zuerst nur noch das Rascheln des Papiers, das aus den Umschlägen gezogen wurde, und dann wurde die Stille von verschiedenen Bemerkungen unterbrochen, lustigen, verärgerten, verzweifelten, freudigen oder verschnupften, ganz nach Inhalt des jeweiligen Briefes. Es war ein Ritual, das Ros unweigerlich ein Lächeln entlockte.
»Was lächelst du so süß, obwohl du heute Morgen die Einzige bist, die keinen Brief bekommen hat?«, fragte Giles sie.
»Wie an jedem Morgen, wenn man es recht bedenkt«, setzte Veronica boshaft hinzu.
»Verbiestert wie immer, Schwesterchen«, erwiderte Giles kopfschüttelnd, der Ros am Frühstückstisch direkt gegenüber saß. »Kümmer dich nicht um Ronnie, Ros. Sie ist eifersüchtig, weil ihr ganzes künstlerisches Talent nicht zu mehr reicht, als sich die Nägel zu lackieren. Ich finde, du siehst heute ganz besonders umwerfend aus ... findet ihr anderen das nicht auch? Dein Outfit ist große Klasse, Ros.«
Eine jähe Scheu befiel Ros, als sie an ihre Ferienshorts dachte, die die Länge ihrer Beine zur Geltung brachte, und an das ärmellose, tief ausgeschnittene Top, das sie trug, um so braun zu werden wie nur möglich, wenn sie draußen saß und malte oder zeichnete. Giles war so attraktiv und gut aussehend, dass ihr Herz in ihrer Brust die merkwürdigsten Hüpfer machte, sie närrisches, armes Geschöpf, das sie damals war.
Glücklicherweise achtete niemand auf Giles und seine Schmeicheleien. Die anderen waren viel zu sehr damit beschäftigt, ihre Liebesbriefe zu lesen. Während er mit der weichen Sohle seines Schuhs über Ros’ Schienbein strich und versuchte, sie in Verlegenheit zu bringen, blickten seine grünen Augen unverwandt in ihre, um sie dazu zu bringen, dunkelrot im Gesicht zu werden – was unausweichlich geschah, ganz gleich, wie lange sie sich auch bemühte, seinem Flirten standzuhalten.
Um ihr eine noch heißere Röte auf die Wangen zu treiben, flüsterte er ihr über den Tisch hinweg zu: »Du wirst ja rot ...!«
»Verflixt und zugenäht!«, schimpfte Veronica, als sie von dem Brief in ihrer Hand aufsah und bedachte Giles von der anderen Seite des Tisches aus mit einem verärgerten Stirnrunzeln. »Wann hört ihr beiden, du und Ros, endlich auf, unter dem Tisch Spielchen zu spielen, Giles! Mutter hat aus heiterem Himmel beschlossen, uns zu besuchen. Sie ist uns während der ganzen letzten zehn Jahre im Sommer kein einziges Mal auf den Leib gerückt! Weshalb also jetzt? Sie hat uns noch nicht einmal vorgewarnt ... sie kommt schon heute. Verflixt und zugenäht! Ich habe Michael eingeladen, bin mir aber nicht sicher, ob er die Einladung annehmen wird. Er hat im Augenblick so viel um die Ohren. Aber du weißt ja, wie sehr Mutter ihn verabscheut.«
Jetzt war es an Abigail, zu stöhnen: »Willst du ihn etwa heiraten?«
»Das geht dich nichts an, Scoots!«
Giles warf gelangweilt ein: »Na ja, wir können der alten Dame schlecht absagen. Wenigstens wird Gina diesmal nicht da sein, sodass uns die endlosen Streitereien der beiden erspart bleiben ... T’schuldige, Scoots ...« Er tätschelte ihre Hand. »Ich wollte nicht respektlos von deiner Mutter sprechen.«
Sie zuckte zaghaft mit den Achseln und sagte leise: »Das macht mir nichts mehr aus. Aber ich wünschte, ihr zwei würdet mich nicht wie ein Kind behandeln. Ich bin nämlich schon siebzehn.«
»Ooooh!«, riefen Giles und Veronica im Chor. Wie alt Abigail auch sein mochte, sie würde immer das Nesthäkchen bleiben.
Grayson, der seine Umgebung grundsätzlich nur dann wahrnahm, wenn es ihm in den Kram passte, insbesondere wenn es sich dabei um Auseinandersetzungen innerhalb der Familie handelte, unterbrach das Gespräch über die unmittelbar bevorstehende Ankunft der zweiten Frau seines Vaters in Ramsons Priorei. Ziemlich geistesabwesend bemerkte er: »Ich würde euch jungem Volk gern etwas sagen ...«
»Schieß los, alter Knabe, wir sind ganz Ohr ...« Giles zwinkerte Ros zu.
»Ich, ähm ... habe noch mehr Besuch für den Sommer eingeladen.«
»Oh, schön«, rief Abigail entzückt, »je mehr, umso besser. Ich hoffe, es sind auch ein paar gut aussehende junge Männer mit von der Partie, Grayson.« Mit ihren siebzehn Jahren würde Abigail in Kürze ihre Schule in der Schweiz beenden, und sie brannte schon darauf, das Leben, das sich ihr nun bot, bis zur Neige auszukosten.
Veronica sagte: »Mein liebes Kind, lass stille schweigen dein schlagendes Herz! Als deine Anstandsdame werde ich diejenige sein, die dich auf die geziemende und korrekte Art und Weise in die Gesellschaft einführt, und zwar, sobald wir nach London zurückkommen.« Da das Frühstück inzwischen vorüber war, schob Veronica eine Kensitas-Zigarette in ihren Zigarettenhalter aus Silber und Schildpatt und widmete sich anschließend – unbeirrt von dem Familientratsch – ganz und gar diesem morgendlichen Ritual.
»Vorausgesetzt, dass wir dann nicht Krieg haben«, bemerkte Giles.
»Sie werden noch ein Weilchen hierbleiben, wenn ich abgereist bin«, fuhr Grayson unvermittelt fort.
Nachdem sie in der gesamten Runde auf verständnislose Blicke gestoßen war, stellte Veronica die entscheidende Frage: »Wohin abgereist?«
»Oh, ich denke, nach Südamerika.«
»Auf der Suche nach ein paar Lamas, die du mit nach Hause bringen kannst, was, alter Knabe?«, frotzelte Giles.
»Kommt drauf an.«
»Worauf?«, wollte Veronica wissen.
»Auf das Timing, altes Haus.«
»Wessen Timing?«
»Adolf Hitlers.«
»Was hat denn der damit zu tun?«
»Oh, Ronnie!«, unterbrach Giles sie ungeduldig, »so ziemlich alles, würde ich sagen!«
»Was wird denn aus deinen Tieren?«, fragte Abigail.
»Oh, meine zoologische Sammlung werde ich den Mönchen zu Studienzwecken überlassen. Es ist nämlich so, meine Lieben, ich habe beschlossen, sowohl die Insel als auch das Haus an einige Bettelmönche zu verpachten. Der Abt wird heute herkommen, um das Gelände und die Räumlichkeiten in Augenschein zu nehmen.«
»Ich glaube, Grayson, er ist bereits heute Nacht angekommen«, murmelte Ros.
In der Zwischenzeit starrten Veronica und Giles Lord Ramson vollkommen perplex an, zutiefst entsetzt über ihren exzentrischen – und jetzt eindeutig wahnsinnig gewordenen – Halbbruder. »An wen?«, fragte Giles fassungslos nach, »wenn ich so kühn sein darf, mich danach zu erkundigen, Grayson – du verpachtest schließlich einen Teil unseres Erbes ... ich meine, wem ... und warum?« Giles war so verwirrt, dass er seine Frage kaum noch zusammenhängend hervorbringen konnte.
Ros fand diese unwillkommene Neuigkeit nicht weniger erschütternd. Fremde auf der Insel, selbst wenn es sich dabei um Bettelmönche handelte, mussten das Gleichgewicht auf Orca einfach aus den Fugen bringen.
»An die Mönche«, sagte Grayson in gleichmütigem Tonfall als Antwort auf Giles’ Frage.
»An die Mönche?«, wiederholte Veronica. »Was für Mönche? Bist du dir ganz sicher, dass du nicht Mönchsaffen, Mönchsgeier oder Mönchsgrasmücken meinst, Grayson? Deine Neigung, alle möglichen seltsamen Kreaturen in diesem Haus zu beherbergen, ist doch hinlänglich bekannt!«
»Dis«, bemerkte Grayson mit einem breiten, selbstgefälligen Lächeln.
»Was?«
»Dis. Das ist der römische Name für die Unterwelt, für Orkus und Pluto.«
»Deine Unterwelt kümmert mich einen Dreck, Grayson. Die einzige Welt, die mich in diesem Zusammenhang interessiert, ist folgende: Unsere! Wie kannst du es wagen, auch nur daran zu denken, Ramsons Priorei zu verpachten, ohne das mit uns zu besprechen?«, sagte Veronica mit einem eisigen Unterton in der Stimme. Ihre smaragdgrünen Augen bohrten sich ebenso wie die ihres Bruders in Graysons Gesicht, wie um dessen Daseinsberechtigung in Frage zu stellen.
»Es ist aber ... ähm, meins ... mein Erbe ... Ronnie«, sagte dieser unbehaglich, »und ich kann damit machen, was ich will ...«
»Warum?«
»Hm, ähm ... ich bin ziemlich knapp bei Kasse, ohne das nötige Kleingeld kann ich weder mein Tierasyl finanzieren noch die baufälligen Teile dieses altertümlichen Mausoleums restaurieren, das wir unser Feriendomizil nennen.«
»Was-für-Mönche?« Veronica zog die Frage künstlich in die Länge und betonte dabei jeden einzelnen Buchstaben.
»Er hat doch schon gesagt, an wen er das Haus vermietet hat, Ronnie, zweimal«, mischte Abigail sich nun in das Gespräch ein. Dann fügte sie hinzu: »Von welchem Orden sind die Bettelmönche?«
»Es sind Dominikaner«, erklärte Grayson.
»Und ich dachte immer, das seien die Einwohner der Dominikanischen Republick, die man aus dem Atlas kennt«, sagte Abigail gespielt naiv, als sei sie tatsächlich so dumm, wie ihre Verwandten es ihr unterstellten.
»Und sie betteln nicht nur, sie predigen auch«, fügte Grayson hinzu.
»Sie tragen schwarze Roben«, sagte Ros, da aber niemand auf sie Acht gab, behielt sie die Beobachtungen des vergangenen Abends für sich.
»Was ist mit meiner Ausgrabung?«, wollte Giles wissen.
»Nun, mein Junge, ich bin davon überzeugt, sie werden dir nur allzu gern dabei helfen, die Knochen der Toten auszugraben«, antwortete Grayson. »Und jetzt, wenn ihr junge Leute mich freundlicherweise entschuldigen wollt, muss ich gehen und Caroline füttern.«
»Caroline?«, fragten sie alle im Chor.
»Sie ist meine jüngste Neuerwerbung, zusammen mit ihrem Männchen. Caroline ist ein Pygmäenelefant mit abgebrochenen Stoßzähnen und Mundgeruch und braucht daher eine vernünftige Diät«, sagte Grayson, während er seine Serviette beiseite legte. »Sie und das Männchen sollten erschossen werden, aber mir ist es in letzter Minute noch gelungen, sie zu retten. Der Lärm, den ihr alle gestern Nacht gehört habt, hatte mit der Ankunft von Caroline und ihrem Männchen auf der Insel zu tun. Sie waren nicht übermäßig begeistert davon, als wir sie in ihr neues Heim in der Krypta bringen wollten. Es hängt mit dem Grund zusammen, aus dem Caroline Mundgeruch hat und ihre Stoßzähne abgebrochen und blutverschmiert sind – durch ein paar elende Wilderer, die wegen ihres Elfenbeins auf sie losgegangen sind.«
»Hast du uns nicht gerade erzählt, dass sie erschossen werden sollte?«
»Ja, Ronnie, wegen ihres Elfenbeins.«
»Elefantenweibchen haben keine Stoßzähne«, bemerkte Veronica. Dann drückte sie mit einer abschätzigen Geste ihre Zigarette in dem Aschenbecher aus, den der Butler, der zum Abräumen des Frühstücksgeschirrs in den Speiseraum gekommen war, hastig auf den Tisch stellte, damit sie ihre Zigarette nicht in der Butterschale ausdrückte.
Grayson schlug sich theatralisch mit der Hand auf seine verschwitzte, rosige Stirn. »Oh, dann bin ich betrogen worden, nein, wie schlecht die Welt doch ist! Und ich habe sie doch nur wegen ihres verdammten Elfenbeins gekauft!« Nachdem er sich vom Frühstückstisch erhoben hatte, machte er eine winzige, behäbige Verbeugung vor Veronica, Roslin und Scoots und sagte dann mit einem süßen Lächeln: »Ronnie, Schätzchen, das indische Elefantenweibchen hat zwar keine großen Stoßzähne, sondern nur kleine Stummel, aber sie sind trotzdem vorhanden.«
»Und ich dachte, Pygmäen kämen aus Afrika, nicht aus Indien«, gab sie schnippisch zurück.
»Der Ausdruck ›Pygmäen‹ bezieht sich in diesem Falle auf die Größe, nicht auf die Herkunft, mein liebes Mädchen.«
»Ich denke, er wird immer konfuser«, sagte Giles kopfschüttelnd, während Grayson entschwand.
»Senil«, schnaubte Veronica angewidert. »Wer hat jemals von einem Pygmäenelefanten gehört? Und da er letzte Woche weder in Indien noch in Afrika war, wo um alles in der Welt hat er zwei Elefanten gefunden, die wegen ihres Elfenbeins getötet werden sollten? In Bayswater?«
Ros sagte nervös: »Entschuldigt mich, ich glaube, ich gehe jetzt und arbeite an meiner Skulptur weiter.«
»Ich komme mit.« Veronica folgte Ros ins Wohnzimmer der Familie, wo sie alle so viel Unordnung verbreiten durften, wie sie mochten.
»Mönche und Elefanten in Ramsons Priorei. Als nächstes werden wir Besuch von Hannibal kriegen!« Veronica warf sich auf den improvisierten Thron des Raumes, einen mit einem Tischtuch bedeckten Esszimmerstuhl. Dann schob sie eine neue Zigarette in ihren silbernen Zigarettenhalter und zündete sie mit einem Art-déco-Feuerzeug an. »Ich wusste ja immer, dass er ein Narr ist, aber ich hätte ihn nie für einen Verräter gehalten!«
Roslin, die als Einzige die Ironie der Situation erkannte, drückte weiterhin Tonklumpen für Tonklumpen auf Veronicas Gesicht, noch lange nachdem das Modell aus Fleisch und Blut den Raum türenschlagend wieder verlassen hatte.
Veronicas Gesicht war einzigartig – nicht wirklich schön, wenn man jede Eigenart für sich nahm, aber alles zusammen war wunderschön wie bei einem Werk, auf das man endlose Stunden verwandt hatte, an dem man so lange gefeilt und geformt hatte, bis alles vollkommen war: Hohe Wangenknochen und eine breite, weiße Stirn, ein vorgerecktes Kinn und, ja, eine Adlernase, die sie von Lord Carlisle geerbt hatte, ihrem aristokratischen Vater. All diese Dinge fügten sich perfekt zusammen, zu einem Bild präraphaelitischer Einzigartigkeit.
Giles ähnelte eher seiner Mutter, davon war Ros überzeugt, obwohl sie die schillernde Lady Ramson II. niemals kennen gelernt hatte. In den fünfzehn Jahren ihrer Verbindung mit der nobleren Linie der Ramsons, hatte sich ein persönliches Zusammentreffen mit Lady d’Oilier Barra, Lord Carlisles zweite Frau, nie ergeben. Natürlich hatte Ros Porträts von ihr gesehen, Gemälde und Fotografien an den Wänden von Bayswater Mansion, auf denen sie huldvoll lächelte. All diese Bilder hatten eine atemberaubende Wirkung, denn Imogen d’Oilier Barra war offensichtlich eine Dame von großer Schönheit. Lord Carlisles Augen waren haselnussbraun gewesen, soweit Ros sich erinnern konnte – sie hatte den Mann das letzte Mal vor elf Jahren gesehen. Giles und Veronica mussten ihre smaragdgrünen Augen also von ihrer Mutter geerbt haben.
Während sie hie und da Tonbröckchen auf dem halb fertigen Kopf von Veronica festdrückte, überlegte sie, dass diese durchaus einem Holman-Hunt-Gemälde der präraphaelitischen Schule hätte entstiegen sein können – bevor sie sich ihr wundervolles rotes Haar von einem Londoner Schickeriafrisör hatte glätten und zu einem Bob schneiden lassen. Diese Überlegung beschäftigte Ros jedoch nur am Rande; in Wirklichkeit war sie mit ihren Gedanken bei Giles.
Veronica mochte die auffällige Debütantinnenschönheit ihrer Mutter geerbt haben, aber Ros fragte sich, ob Giles nicht vielleicht sein träumerisches, romantisches Wesen von der keltischen Seite der Familie hatte, von der Seite Lady d’Oilier Barras, die in Kürze über sie hereinbrechen würde ...
Die Tür des Gemeinschaftszimmers wurde jäh aufgerissen, und Giles stürmte in den Raum, der ihr über den Sommer als Atelier diente. »Hör mal, altes Mädchen ... ich brauche unbedingt deine Hilfe.«
»Warum?«
»Ich habe eine Leiche gefunden.«
»Hau ab, Giles, ich habe zu tun.«
»Ich meine es ernst, Ros.«
»Ich auch.«
»Ich habe sie gestern bei der Ausgrabung entdeckt, aber ich wollte nicht, dass ihr euch alle falsche Hoffnungen macht. Deshalb habe ich gestern Nacht im Licht einer Sturmlampe weiter gemacht, weil ich hoffte, es würde sich vielleicht um die Reliquien von Pater Simon de Costard handeln, dem Abt von ...«
»Ich weiß, wer das ist oder war, Giles!«, sagte Ros und musste über seinen Eifer und die Besessenheit, mit der Giles sich seiner Beschäftigung widmete, lächeln. »Meine Güte, du hast uns lange genug mit deinen Geschichten über ihn in den Ohren gelegen. Und, waren sie es?«
»Waren sie was?«
»Die Überreste des Abts, der vor einer Ewigkeit hier auf der Insel gelebt hat?«
»Nein, natürlich nicht, altes Haus. So viel Glück kann man wohl nicht erwarten, oder?«
»Aber was war es dann? Oder sollte ich besser fragen, wer war es?«
»Ich weiß es nicht ... nicht genau. Aber es handelt sich eindeutig um eine Sie, und sie ist noch nicht allzu lange tot.«
Ros fragte sich langsam, ob dies nicht nur wieder einer von Giles’ dummen Scherzen war. »Du redest wirres Zeug, Giles«, sagte sie daher etwas ungehalten.
Er schloss die Tür, warf sich in Pose und sagte mit Verschwörermiene: »Ros, ich brauche ganz dringend deine Hilfe! Gestern Nacht habe ich etwas anderes als einen uralten Mönch ausgegraben. Auf dem Gelände, auf dem ich gerade arbeite, lag mit dem Gesicht nach unten in einem flachen Grab, die Leiche einer jungen Frau, die vor nicht allzu langer Zeit auf mysteriöse Weise ums Leben kam.«
»Wie kannst du dir so sicher sein, dass es sich um eine Frau handelt?«
»Kann ich nicht, ich habe lediglich ihre Kleider als Hinweis. Natürlich habe ich sie mir auch ganz vorsichtig angesehen, aber ihr Gesicht ist zertrümmert und vollkommen unkenntlich ...«
»Könnte das daran gelegen haben, dass du sie dir im Dunkeln angesehen hast?«
»Oh, nun mach mal halblang, Ros! Die meisten ihrer Kleider – um genau zu sein sogar alle – waren noch unversehrt und entsprechen durchaus der gängigen Mode, deshalb weiß ich, dass es sich um eine Frau handelt und dass sie noch nicht allzu lange tot ist. Dieser Fund war ganz schön gruselig und ziemlich erschreckend. Gestern Nacht habe ich schon eine ganze Menge Erde weggeschaufelt, aber in Anbetracht der Tatsache, dass es hier jetzt bald nur so wimmeln wird von fremden Leuten, brauche ich deine Hilfe, Ros, und zwar sofort. Bitte!«
»Sollten wir nicht besser die Polizei informieren?« Roslin fand, das sei in Anbetracht dessen, was er ihr gerade erzählt hatte, eigentlich das Naheliegenste. »Es könnte sich um einen Mord handeln, Giles. Sehr wahrscheinlich ist es tatsächlich einer.«
»Ganz genau! Deshalb können wir ja auch die Polizei nicht hinzuziehen – noch nicht. Nicht bevor ich herausgefunden habe, wer sie ist – vielmehr war! Außerdem würden mir die Polizisten mit ihren großen Füßen nur meine ganze Ausgrabungsstelle niedertrampeln, und ...«
»Du meinst, du willst sie beiseite schaffen?«
»Ich denke, genau das müssen wir tun.«
»Wo willst du sie hinbringen?«
»Ähm ... na ja, ich hatte eigentlich an die Krypta gedacht. Abgesehen von Grayson geht da nie jemand hinunter.«
»Mach dich nicht lächerlich, Giles!« Aber als Roslin sah, wie sehr diese Sache Giles aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, nahm sie die Zügel in die Hand. »Grayson würde einen toten Menschen unter seinen lebendigen Tieren ziemlich schnell riechen.«
»Nicht wenn wir sie in eines der alten Mönchsgräber legen.«
»Was meinst du, wie lange wir wohl brauchen werden, um eine versiegelte Steingruft aufzustemmen, hm? Leichen verwesen sehr schnell, wenn sie mit Luft in Berührung kommen. Das weiß ich deshalb so genau, weil ich bei einem meiner Zeichenkurse einen Toten malen musste. Ich helfe dir lieber, das Grab wieder zuzuschaufeln. Und dann halten wir uns an das schöne Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.«
Er lächelte kläglich. »Du hast wahrscheinlich Recht. Ich wusste doch, dass ich mich auf dich immer verlassen kann – auf meine gute alte liebe Ros.«
Roslin war so sehr in Giles vernarrt, dass sie alles für ihn getan hätte.
Während Veronica an der gewaltigen, eisenbeschlagenen Eichentür zu Graysons klösterlicher Residenz ihre Mutter, die zweite Lady Ramson, begrüßte, hatten Giles und Ros bereits wieder Erde über die unbekannte Leiche geschaufelt und saßen jetzt zusammen im Nordwesten der Insel auf der höchsten Spitze von Orca. Hier stand Ramsons Folly, das einer von Graysons Vorfahren – der nicht weniger exzentrisch gewesen zu sein schien als dieser – gebaut hatte, lange bevor das Leuchtfeuer an Land’s End in Betrieb genommen wurde.
Dieser besonders verschrobene Urahn der Ramsons hatte keinerlei Skrupel gehabt, denn Ramsons Folly, wie man es später nannte, diente nur dem einen Zweck, Schiffe bei rauer See auf die Felsen rund um Orca zu locken und auflaufen zu lassen. Dieses Werk der Zerstörung machte den Urahnen immer wilder und reicher, bis er eines Tages vor lauter Aufregung über einen neuerlichen Schiffbruch an seinen Gestaden von den Klippen stürzte und auf den Felsen darunter zerschmetterte. Sein Tod war eine Art Gerechtigkeit, fand Ros.
Von diesem Zeitpunkt an schien sich der Fluch, der auf den Ramsons lastete, auf die gesamte Familie ausgedehnt zu haben. Natürlich war auf Legenden kein Verlass. Eine Legende mochte mit einem winzigen Körnchen Wahrheit ihren Ursprung genommen haben, aber wenn sie dann immer wieder und wieder erzählt wurde – von Barden und Poeten, von Historikern und Musikern, von Verwandten und Freunden und fantasievollen Romanschriftstellern –, dann wurde sie verfälscht und ihre Glaubwürdigkeit oft durch einen Mangel an Plausibilität zugrunde gerichtet. Ros, die nicht abergläubisch war, hatte dennoch das Gefühl, dass es mit der Insel und der Priorei etwas Besonderes auf sich hatte. Es widerstrebte ihr keineswegs, mit der Vergangenheit zu leben. Dieser Umstand machte sie lediglich neugierig und weckte ihre Fantasie. Welche heimtückischen Taten auch immer in einer ihr unbekannten Zeit oder Dimension hier vollbracht worden waren, es hatte nicht wirklich etwas mit ihr zu tun. Die Vergangenheit, nun ja, das alles war ... vorbei und vergessen. Jede neue Generation musste dem Leben ihren eigenen Stempel aufdrücken und ihr eigenes Schicksal gestalten, denn nach Ros’ Ansicht gab es durchaus so etwas wie einen freien Willen.
Giles drückte Roslins blasenüberzogene Hand. »Das werde ich dir nie vergessen, Kumpel, vielen Dank, tausend Dank!« Er beugte sich zur Seite, um einen schnellen Kuss auf ihre erhitzte, rosige Wange zu drücken. »Ich mache mich dann jetzt wohl besser ein wenig frisch, bevor ich Mutter unter die Augen trete ... warum um alles in der Welt sie ihren Wagen auf die Insel mitbringen wollte, übersteigt meinen Horizont. Und wenn ich so darüber nachdenke, übersteigt es erst recht meinen Horizont, warum um alles in der Welt sie jetzt hierher kommen will, nachdem sie all die Jahre lieber nach Südfrankreich gefahren ist. Aber Mutter war schon immer ein Plagegeist, deshalb hat Vater sich ja auch von dem alten Mädchen scheiden lassen, was ich ihm wahrhaftig nicht zum Vorwurf machen kann. Also dann, bis später, Ros.«
Er rappelte sich hoch, schulterte die beiden Schaufeln, die sie für die Operation Vergrab-die-Leiche benutzt hatten, und eilte über den Felsvorsprung, um den pflichtschuldigen Sohn zu spielen, der seine lang entbehrte Mutter begrüßen wollte. Sie hatte ein Haus in London, ein Haus in Cork, eine Villa in Südfrankreich und eine dauerhaft angemietete Hotelsuite in New York, und Giles und Veronica besuchten sie nur selten.
Von ihrem Ausguck beobachtete Ros, wie Giles zur Priorei zurücklief. Sie konnte sie alle dort unten sehen, als kleine, schwarze Pünktchen auf dem kümmerlichen Rasen im Innenhof des grauen Klosters. Sie sah den eckigen, schwarzen Humber, auf den Lady Ramson II. bestanden hatte, um den weiten Weg von einer halben Meile – von dem baufälligen Kai bis zu den Klosterruinen – zurückzulegen. Daneben konnte sie den Chauffeur erkennen, die Mutter, die Tochter, den Sohn und Grayson, dem sein ungeladener Gast offensichtlich gerade noch rechtzeitig wieder eingefallen war.
Ros ließ den Kopf auf die Knie sinken und fragte sich, ob Giles sie wohl jemals wie eine Frau behandeln würde und nicht wie eine Schwester? Er behandelte sie nicht einmal wie eine Schwester, eher wie eine alte Freundin, denn die da unten waren alle eine Familie, eine Familie, zu der sie nicht gehörte, und das tat weh. Es tat furchtbar weh, zu wissen, dass sie immer noch nicht dazugehörte.
Über ihr schrien heiser die Möwen, der Himmel war von einem dunklen Preußischblau, die Sonne schien heiß und golden herab, das Gras war hoch und voller wilder Blumen; sie erlebten dieses Jahr auf Orca den heißesten Sommer seit Menschengedenken. Der Geruch von Ramsons Priorei erfüllte die Luft um sie herum mit seinem süßen, stechenden, zu Tränen reizenden Duft.
