Der Spiegel des Dämons - Matthias Binder - E-Book

Der Spiegel des Dämons E-Book

Matthias Binder

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Beschreibung

Der Michl ist ein leibeigener Holzknecht. Als er vom Mord an seinem Vater erfährt, schwört er, den Täter zu finden. Nur dessen Messer hat er. Dann zerstört ihm auch noch der Ausbruch der Pest seine Heimat in den Bergen. Nichts hält ihn mehr. Der dünnen Spur, die er hat, folgt er bis ins Welschland hinab. Und da ist noch eine Spur, das geheimnisvolle Büchlein eines Mönchs. Wurde es ihm von einem Engel gesandt? Er muss lernen, zwischen den Tricks der Dämonen und echter Wegweisung zu unterscheiden. Dabei helfen ihm Freunde und gutmütige Antonitermönche, und sogar eine Sklavin und die zwielichtigen Ankömmlinge aus Aragón. Bis sich der Michl entscheidet, für seine Suche erneut aufzubrechen - ins Land der Sarazenen. Teil 1 eines historischen Romans, der sich als Reise weit durch die Welt des 14. Jahrhunderts gestaltet. Kultur und Arbeitswelt, Völker und Religionen zwischen Alpenland, Mittelmeer und Orient bilden den reichhaltigen Hintergrund der beiden Bände. Und die Einsicht, dass schon damals nirgendwo die Menschen über einen Kamm geschert werden konnten. Am Ende wird die Suche des Michl zum theologischen Gleichnis.

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Seitenzahl: 612

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ähnliche


Band I

Messermörder

Inhalt Band I

1 Rotgülden

2 Sankt Martin

3 Welschland

4 Pineda

5 Darsena

6 Herbergen

7 Meer

8 Der Sizilianer

9 Abreise

Karte

Inhalt Band II

10 Sarazenen

11 Babylon

12 Balsam

13 Antoniuspilger

14 Auskehr

15 Gärten

16 Alphonso

17 Morea

18 Am Anfang 333

Zeittafel 358

1 Rotgülden

– Bua! Um Gottas Wuin!

Der Bub, dem der Ruf gilt, kann an seiner Lage nichts ändern. Im Schnee gibt es kein vorwärts und kein zurück. Ähnlich die mächtige Fichte, die sich auf ihren Weg gemacht hat. Auch für sie gibt es kein zurück.

Der Bub hat sich ja auf den Weg gemacht, denn bevor der Baum fällt, musst du fort sein. Darfst nicht unter dem mächtigen Stamm sein, der mächtigen Krone. Der Baum wird immer so gefällt, dass sie ihn nachher wegziehen können. Er fällt auf den Schleifweg längs zum Hang, längs zum Graben, er soll nicht am steilen Hang geradewegs in den Graben stürzen. Du als Mensch hast bis dahin den Schleifweg verlassen. Natürlich nicht rechts hinauf, da greift der Schuh nicht im steilen Schnee. Und links, dort zieht es dich ohne Halt hinab in den Graben bis in den eisigen Bach. Wo das Wasser dahinrauscht an der Felswand drüben, über Steinbrocken und unter Eisrändern. Der Bub hat sich daher zeitig auf den Weg gemacht, nämlich geradewegs hinwärts zu dem Baum. Hinter dem Stamm ist ein sicherer Platz, da will er hinkommen.

Nur, dass der Baum jetzt ihm entgegenkommt. Das sieht der Bub. Und er weiß, dass der Baum… vielmehr… warum fällt der Baum schon jetzt?

Als der Leonhard, hinter dem Stamm, seine Axt wieder in die Kerbe geschwungen hat, da hat er geschaut, vor dem nächsten Hieb, ob niemand mehr dort ist, da, wohin der Baum fallen wird. Und hat aber genau in dem Augenblick den Baum gespürt und sein Beben. Leicht, und doch stärker als erwartet, und vor allem ganz und gar unzeitig. Und hat alles auch gesehen, was der Bub gesehen hat, und hat verstanden. Und gerufen. Nein, geschrien hat er.

– Um Gottas Wuin!

Der ganze Bub weiß, nicht der Verstand, sondern der ganze Bub weiß: hier ist der Rand von Zeit und Ordnung. Und hier am Rand weiß er gleichzeitig noch mehr Dinge. Er weiß: der Leonhard ist wohlgesonnen. Denn das hat man vorher nicht wissen können, weil der Leonhard rau ist, und du hast manches Mal gemeint, dass ihm der Bub nur lästig ist hier heroben im Gebirge bei den Holzern. Der lästigste von allen Knechten. Aber jetzt: das stimmt nicht – so wie er geschrien hat um den Buben.

Der ganze Bub weiß: das ist der leichte Augenblick, von dem der Bruder Niklas gesprochen hat. Es kommen die Engel und tragen deine Seele hinauf. Dann schlag ein Kreuz, damit die Dämonen fortmüssen. Denn sie wollen dich halten, sie wollen dich gar hinunterziehen. Nicht zum Herrgott hinauflassen, dort, wohin der Bub jetzt schon fast schauen kann. Die Krone des Lebens, hat der Bruder Niklas gesagt, die ist für dich bestimmt.

Das Kreuz macht sich der Bub nur im Geist, denn es fehlt die Zeit, und außerdem hält seine rechte Hand noch das Beil. Das Beil, womit er den Baum abasten sollte.

Der Bub sieht sein ganzes Leben. Bilder, die er kennt, und die mit dem Schnee nichts zu tun haben. Er sieht auf der Schneckenstiege den Bruder Niklas, und dann die Buben und Madln von Sankt Martin drunten, und im Teich die Karpfen, die sich halb ins Licht hinaus wagen neben den nackerten Kindern. Auch die Mutter sieht er. Sie blickt auf ihn herab, weil er daliegt, in ihrem Schoß liegt er jetzt. Und er sieht auch den Mann, wie er auf ihn herabschaut. Seine ganz dunklen Haare hängen ihm kraus von der Stirn und von seinem Kinn. Der Mann also.

Alles das, während er gleichzeitig sieht, wie die mächtige Krone des Baums auf ihn stürzt.

Dann wurde der Bub hinfortgenommen. Ganz sanft dahingetragen wurde er. Höchstens, dass es im Bauch gekitzelt hat. Abwärts ging es. Der Schnee war es. Ein ganzer Haufen Schnee trug ihn mit sich hinab. Hinunter in den Graben des Bachs, die ganzen fünf Klafter hinunter. Und der Schnee blieb unter ihm, damit er sich nirgends anstieß und auch nicht in den Bach tauchte. Die Krone des Baums streifte ihn noch nicht einmal.

Das verwirrte natürlich den Buben. Eigentlich sollte man endlich sagen, nicht den Buben. Den jungen Mann! Er blieb liegen und vollendete das, was er hatte anfangen wollen. Er gab dem Leonhard innerlich eine Antwort: Nicht Bub. Auch für den Leonhard kein Bub. Sondern Knecht. Sonst würde er nicht bei den Holzern arbeiten. Sonst würden die Burschen nicht sagen, es wird Zeit, dass du einmal dein Kinn rasierst. Doch wenn ein Haufen Schnee in einem Bach zu liegen gekommen ist, eingezwängt zwischen einem Abhang hier und einer Felswand drüben, dann kannst du keine langen Antworten geben. Das Wasser macht sich daran, den Schnee zu umgehen, zu erklimmen, wegzuspülen.

So rappelte er sich auf, weil es ihm schon an den Knöchel kam. Er wich auf einen Steinbrocken aus. Dann wendete er den Kopf hinauf und sah, dass oben, wo er gestanden hatte, ein Stück von dem Hang und ein Stück von dem Schleifweg nicht mehr da waren. Sondern eine Lücke. Die Lücke gab den Blick frei für ein Stück des daliegenden Baumes. Mit dem Haufen Schnee war also auch ein Haufen Geröll herabgekommen. Es hatte oben eine Lücke hinterlassen. Es löste sich noch mehr Geröll und rutschte auf ihn zu, so dass er unwillkürlich einen Schritt zur Seite machte, und dabei fast umfiel, und dann mit dem linken Stiefel im Wasser stand. Er zog das Bein zurück, aber auch hier war inzwischen das Wasser. Es nahm den Schnee weg und erklomm das Geröll. Er schaute sich um. Bachabwärts war alles Schlucht. Bachaufwärts auch alles Schlucht, und dort nun, da waren noch mehr Verstürze, noch mehr nachrutschendes Geröll. Warum hat sich überall am Hang Geröll gelöst? Er entschied sich für bachabwärts. Nach links, am steilen Ufer entlang.

Der Weg ist rutschig. Steine, die aus dem Wasser ragen, mit Flecken aus Schnee. Dorthin kann der Fuß. Dann aber muss ein Fuß ganz in die nasse Kälte, die dich mitreißen will. Nur kurz – aber jetzt ist das Wasser endgültig im Stiefel. Dann das vereiste Ufer. Eisplatten wachsen in Kniehöhe über den Bach hin. Wachsen nicht weit, aber so, dass du nicht vorankommst. Ein Blick über den Bach zur anderen Seite. Kein Eis dort. Und die Felswand unterbrochen. Dort hinüber vielleicht? Ein beherzter Schritt auf den Bachgrund und dann hinüber? Ein Schritt würde reichen. Aber das Wasser ist schnell, man bräuchte einen Halt, zwei freie Hände. Das Beil wegwerfen? Das wird man dem Leonhard nicht erklären können. Doch ein junger Mann kann eine Entscheidung selbst treffen. Also wegwerfen? Er bekommt Angst. Hosen, Handschuhe, alles ist nass von eisigem Wasser. Er schlottert. Nein, anders, besser. Das Beil ins Eis schlagen, sich damit halten, so durchs Wasser hinübersteigen. Also. Ein Schlag. Das Eis bricht. Noch einmal, diesmal vorsichtiger. Das Beil gleitet ab. Noch einmal. Es hält. Mit dem linken Bein ins Wasser, das Beil lösen, drüben findet die freie Hand einen Halt und der rechte Fuß den herausschauenden Stein. Zwei weitere Schritte voran, die felsige Wand entlang.

Dann wird das Wasser tief. Ein Blick. Du würdest bis zur Hüfte hinein müssen. Fluchen. In Bewegung bleiben. Die zwei Schritte wieder zurück. Wieder ans alte Ufer zurück. Diesmal muss das Beil auf den ersten Schlag sitzen. Ein Fuß ins Wasser, gleichzeitig den Arm schwingen, ins Eis hinüber. Das Beil trifft, das Eis bricht. Der andere Fuß findet seinen Weg auch ohne den Halt der Hände. Zurück auf einen trockenen Vorsprung. Nicht anhalten. Ein Blick bachaufwärts. Dort kommt wieder ein Sturz von Geröll. Nein, besser wäre bachabwärts. Es fällt ihm ein, dass er das Eis am Ufer kleinschlagen kann. So macht er es. Das Eis muss weichen unter dem Beil. Gangbare Stellen werden frei. Sehr langsam, drei, vier, fünf Hiebe für jeden Schritt, so mürb ist das Eis auch wieder nicht.

Dann fällt er hin. Der ganze Bub rutscht in die Kälte. Er rutscht weiter zusammen mit dem Bach unter ein Stück Eis hinein. Fängt sich mit der freien Hand an einem Eiszacken, spürt ihn, weiß, dass der Handschuh zerschnitten ist. Zieht sich heraus, rappelt sich auf die Knie, wundert sich, dass die Kälte nicht da ist. Spürt sie sofort. Weiß, dass er sich bewegen muss. Steht im Wasser, schlägt Eis weg, findet einen großen Stein, steigt darauf.

– Bua, geht’s da guat?

Oben sieht man den Leonhard. Seinen Kopf. Er ist irgendwie um den liegenden Baum herumgestiegen. Man muss dem Leonhard sagen, ja, alles gut, aber dass es furchtbar kalt ist.

– Geh z’ruck, do is da Wasserfai! Der ziagt de obe!

Dort unten bereits der Wasserfall? Also zurück. Den ganzen Weg? Nein. Dann lieber verzweifeln. Die furchtbare Kälte. Die elende Zeit, die verstrichen ist hier unten, und nichts hat er erreicht. Es gibt in diesem Schlund keinen Ausgang. Andererseits. Das ist die Angst, die spricht. Es ist der Dämon, der dir das sagt. Wer aber gerade beinah ins Jenseits hineingeschaut hat, der weiß es besser. Außerdem, schau: der Rückweg ist ja befreit von Eis, es geht alles einfacher. Schon ist er wieder dort, wo er den gefallenen Baum über sich sieht, dort oben in der Lücke.

Jemand ruft. Wo? Weiter oben am Bach. Dort schaut der Rupert herunter und winkt. Der junge Mann im Bach versteht. Er soll dorthin kommen. Das Geröll liegt steil. Er steigt darauf, es rutscht weg, neues kommt nach. Nicht stehenbleiben. Aber er sieht: die Knechte haben sich etwas ausgedacht. Sie haben einen der gefällten Bäume hergenommen, einen kleineren. Von den Ästen haben sie nur so viele abgeschlagen, dass zwei Reihen stehen geblieben sind, links und rechts. Eine Leiter. Die lassen sie herunter. Senken sie ins Geröll, halten sie oben zu zweit. Einen schräg stehenden Baum hinaufklettern, das lässt sich machen. Auch mit nur einer freien Hand, auch wenn sie am Handschuh aufgeschnitten ist, auch rot mit Blut. Dann ist er oben, steht im Schnee. Dort, wo es den Schleifweg noch gibt.

Niemand dachte noch ans Holzmachen. Der Leonhard zog persönlich seinen trockenen Kittel aus und nahm dafür den nassen in die Hand, und nahm genauso das nasse Hemd. Der Rupert gab seinen Kittel als zweiten dazu. So stiegen sie aus dem hohen Nebental hinab, nahmen den Heimweg zum Knechtshaus. Dann, kurz vor dem Ziel. Da, wo es am Herrenhaus vorbeigeht. Da wich der Leonhard aus mit dem Blick. Oh ja. Er war wieder der alte. So war er dem Buben immer ausgewichen. Aber der Bub ertrug es. Es war jetzt klar, der Leonhard ist wohlgesonnen.

Im Knechtshaus war es warm, und wer in einem trockenen Hemd unter einer Decke liegen kann, findet bald den Schlaf.

Er blinzelte mit einem Auge. Da war das Licht des Kienspans.

– Michl, mei, Michl!

Er schaute sich um, dann sah er sie auch. Die Mutter. Wie sie herabschaute auf ihn. Auch jetzt schaute sie. Ungefähr wie in dem Augenblick, als der Baum kam.

Er musste sich zurechtfinden. Doch, hier war die Schlafstube. Die Knechte schliefen. Aber die Mutter war dennoch hier. Das bedeutet Ungewöhnliches. Sie hat es nicht ausgehalten, zu warten. Sie hat vielleicht schon lange hier gesessen. Hier, wo es ihr gar nicht erlaubt ist.

– Muatta, do im Schnee! I hob di gsehng. Und an Bruader Niklas. Und oan Mann neben dir. Mit schwoarzn Lockhn.

Der Mutter entfuhr ein Seufzer. Dann schwieg sie mit offenem Mund. Der Michl konnte erkennen, dass sie vorgehabt hatte viel zu sagen, aber nun war sie überrascht. Das ist verständlich, denn der Michl war selbst erstaunt über das, was er da sagte. Menschen zu sehen, die gar nicht da sind. Die Mutter, den Bruder Niklas. Und einen Mann mit schwarzen Locken.

Dann wollte sie aber, dass er es genauer sagt. Doch sie konnte aus dem Michl nicht viel herausbringen. Denn außer dem, was er gesehen hatte, war da nichts übrig von diesem Augenblick unter dem Baum. Nur eben, dass gerade da der Baum auf ihn herunterfiel. Dafür erzählte er, leise, was danach geschehen war. Sein Kampf mit Wasser und Eis, und dass er sich das Kreuz vor die Stirn erst nachträglich geschlagen hat. Aber die Mutter wusste im Augenblick nicht, wie wichtig der Kampf war und das Kreuz. Man merkte: für sie war wichtig nur, was er gesehen hatte. Doch dazu konnte er nicht mehr sagen.

– Bua, dass du so staad bist.

Still? Nein, denn das war der Michl zwar manchmal, aber heute Nacht ja gerade nicht.

Der Michl fand, der Mann mit schwarzen Locken, der war ganz ungewöhnlich, denn er kannte ihn nicht. Die Mutter ja auch nicht. Oder doch? Aber das kann ja… Oder … Endlich verstand er. Die Mutter hat ihm etwas zu sagen, aber sie bringt es nicht heraus. Sie würde es gut finden, dass er es sagt. Nur, das war eine Unmöglichkeit. Der Michl erkannte, das ist ein solcher Augenblick, wie es ihn schon gegeben hat. Schon seit er denken kann. Die Mutter hat es sein ganzes Leben lang fertiggebracht, es nicht zu sagen. Oder, sie hat es sein ganzes Leben lang nicht fertiggebracht, es zu sagen. Der Michl konnte diese Aufgabe nicht übernehmen. Aber. Er konnte fragen. Egal ob die Knechte es hören oder nicht.

– Der Mann. Hat des was mit meim Vatta z’doa?

Der Bub Michl hat sich sein Leben lang von den anderen Buben und Madln in Sankt Martin drunten dadurch unterschieden, dass bei ihm kein Vater da ist. Jetzt, wo er seit neuestem im Plöditsch oben wohnt, im Knechtshaus, spielt das keine Rolle, weil niemand hier einen Vater in der Nähe hat. Dort in Sankt Martin, bei den Bauernkindern, hat es aber eine große Rolle gespielt. Anders als die anderen Kinder hat er, der Michl, im Zechnerhaus gewohnt. Der Zechner ist nicht der Vater, und die Zechnerin nicht die Mutter, auch wenn sie es gerne wäre, weil sie keine eigenen Kinder hat. Die richtige Mutter, die war schon da, aber sie wohnt seit jeher im Plöditsch, und sie hat ihn nur manchmal besucht in Sankt Martin drunten. Nun ist es klar, im allerersten Moment muss dennoch ein Vater dagewesen sein. Ein echter. Ohne Vater kein Michl. Die Kinder haben ihn manchmal gefragt, und dann hat er die Mutter gefragt. Aber, darum geht es, sie hat nichts herausgebracht. Einmal hat er auch gefragt, ob vielleicht der Bruder Niklas sein Vater ist. Er hat ja auch ungefähr das Alter. Aber er war es nicht. Da hatte sie sogar gelacht, als er das gefragt hatte. Jetzt aber weint die Mutter. Der Michl fragt:

– Der Mo. Er hat mit ‘m Vatta z’doa. Richtig?

Würde er sie fragen, warum sie weint, würde sie es seiner Einschätzung nach nicht sagen können. Vor Glück, dass das Kind lebt. Vor Leid, weil kein Vater da ist. Vor Glück, dass das Kind den Mann gesehen hat. Man kann auf jeden Fall sagen, dass das Weinen vergeht, egal warum ein Mensch weint – nach einer Weile jedenfalls. Und vielleicht hat es auch geholfen, dass er sich aufgerichtet und der Mutter den Arm um die Schultern gelegt hat. So stellt es der Michl fest. Dann flüstert die Mutter:

– Es is dei Vatta.

Als sie das sagt, ist es, wie wenn die Sonne aufgeht. Als hättest du vergessen, dass es die Sonne gibt, und dann geht sie auf. Alles ist gut. Sehr, sehr unerwartet. Und sobald sie da ist, sehr, sehr vertraut. Und damit begnügt sich der Michl. Das, worauf es ankommt, das weiß er jetzt.

Jener Tag, anno Domini 1348, im tiefen Winter am Tag der Bekehrung des heiligen Apostels Paulus, ist ein besonderer Tag gewesen. Genauer gesagt jener kurze Moment, nicht lange nach der Jause am Mittag, als alle aufgegessen haben. Darüber ging am nächsten Morgen das Gespräch an der großen Tafel im Knechtshaus. Denn nicht nur hatte der Leonhard gespürt, wie ungewöhnlich stark das Erzittern des Baums war, und wie es sich seiner Meinung nach ganz unzeitig ereignete. Bis dahin, sagte er, bis dahin, dass ein Baum fällt, braucht es noch viele Axthiebe mehr, von dem Hans und von mir, er hat noch gar nicht fallen können. Man wusste nicht, sagt er das nur, damit er nicht die Schuld gehabt hätte an dem Unglück, das fast geschehen ist. Aber richtig. Auch andere hatten Zittern gespürt. An Stellen, wo es nicht hingehört. Zum Beispiel in den Gliedern. Oder in der Erde, auf der man steht. Oder in der Erde sogar. Denn bei den Bergleuten im Stollen droben war es so gewesen, und sie hatten große Angst gehabt bei dem Zittern. Die Mutter, die hatte den schweren Kessel in der Küche klingen hören, als ob ihn jemand aufhebt und wieder hinstellt. Sie hatte sogleich hingesehen, und weil da niemand zu sehen war, hatte sie sich bekreuzigt, denn es musste ein Wintergeist gewesen sein. So sagte sie. Deswegen sagte sie jetzt auch, dass es wohl so ein Geist war, der den Baum umgestoßen hat. Am Ende war es gar derselbe Geist, der den Michl mit Hilfe des Schneerutschs auch wieder gerettet hat. Wintergeister sind widersprüchliche Wesen. Wie kommt sie auf die Geister? Weil es das schon gegeben hat: wenn der Tod nahe ist, dass dann gleichzeitig ein Zeichen weit in der Ferne geschieht. Für die Küchenmagd im Knechtshaus kann zum Beispiel ein klingender Kessel ein Zeichen sein dafür, dass ihr Bub oben im Hochtal dem Tod nahe ist. Und dann können eigentlich nur die schnellen Geister so ein Zeichen übermittelt haben. Alle im Plöditsch hatten am gestrigen Tag ihre Erlebnisse gehabt, nicht lange, nachdem die Jause gegessen war.

Am heutigen Tag musste der Michl wieder mit den anderen ins Holz. Er hatte ja keinen Schaden genommen. Und es hatte noch niemand den Baum abgeastet, damit man ihn zuletzt in den Bach werfen kann und den Wasserfall hinab, bis die Pferdeknechte ihn hinausziehen konnten, aus dem hohen Plöditsch hinaus. So war es der Michl höchstselbst, der dem besagten Baum die Krone und überhaupt alle Äste abgeschlagen hat. Nicht mit Wut. Der Baum war eh schuldlos. Sondern mit Vorsicht. Denn der Baum lag jetzt nur halb auf einem Weg, aber halb auf einer Lücke. Der Michl ging also mit dem Geschick ans Werk, das einer sich angeeignet hat, wenn er bereits drei Monate in dieser neuen Tätigkeit steht.

Aber dann, bei der heutigen Jause zwischen zwei Bissen Brot. Da schaute der Leonhard den Michl an und sagte – das ist das erste Mal in den drei Monaten, dass der Leonhard den Michl zugleich anschaut und ihn beim Namen nennt und etwas zu ihm sagt, nämlich:

– Des woar koa Geist, Michl.

Kein Geist? Aber wie konnte der Leonhard das wissen? Er wusste es vom Res. Er hatte noch am gestrigen Abend mit dem Res gesprochen. Der Res hatte weiter oben in der Seeleiten sein Holz zu machen, die ganzen Tage schon und auch in diesem besonderen Moment. Und genau da, wo das Zittern geschah, hatte sich der Res gerade gemütlich an einen Baum gelehnt und sich die Spitze vom Silbereck angeschaut. Denn, das weiß auch der Michl, dort hat man einen schönen Blick hinauf auf das Silbereck. Jetzt. Mit dem gestrigen Zittern hat der Res dort bei der Spitze eine mächtige Lawine vom Berg abgehen sehen. Schnee, gemischt mit ganzen Stücken von Fels. So, wie es auch beim Schleifweg gewesen ist. Michl, die ganze Erde hat gebebt, sagte der Leonhard. Da brauchst du dich nicht wundern, dass der Kessel in der Küche klingt. Ein Erdbeben. Und es hat dir das Leben gerettet, weil es hat dich unter dem Baum weggetragen. Da kannst du dem Herrgott danken.

Diese Worte beschäftigten den Michl auch noch am Sonntag, wo man wegen des Winters nicht nach Muhr hinabging, in die Kirche. Jedenfalls vom Plöditsch aus nicht. Noch weiter drunten in Sankt Martin dagegen wäre es ganz unmöglich gewesen, die Messe ausfallen zu lassen. Aber nun konnte er bei der Mutter in der Küche sitzen, während sie die Speise für die Knechte vorbereitete. Er dachte also über die Worte vom Leonhard nach und überlegte. Was wohl der Bruder Niklas dazu sagen würde? Der sich mit den Geistern auskennt und mit dem Herrgott in einem? Daraus folgte, der Michl musste im späten Sommer, wenn der Bruder Niklas wieder ins Land kommt, unbedingt zu ihm nach Sankt Martin hinuntergehen. Eh klar, das würde er sowieso tun.

Aber viel mehr beschäftigte ihn die Frage nach dem Mann mit den schwarzen Locken. Nach dem Vater, genau genommen. Den er gesehen hat. Eigentlich reicht es aus, ihn gesehen zu haben, überlegte er sich. Aber dann wiederum. Wenn man ihn noch einmal sehen könnte, vielleicht?

Die Überlegung war folgende: Das, was in jenem Augenblick ganz begreiflich erschienen war, nämlich dass er all die Menschen vor sich gesehen hat, das war hinterher gar nicht mehr begreiflich. Denn das bedeutete ja, so sagte er es am Sonntag der Mutter, dass der Vater irgendwo sein musste, sonst hätte er nicht herschauen können. Die Mutter war sich daraufhin aber ganz sicher, dass der Vater aus dem Himmel herabgeschaut hat. Das war es, was du gesehen hast, sagte sie, und sie hätte wieder weinen mögen beim Weiterreden. Wenn der Tod ganz nah ist, sagte sie, kannst du die sehen, die schon bei den Toten sind. Das hat es schon gegeben. Auf diese Weise hat der Michl überraschend erfahren, dass der Vater nicht mehr lebt. Kaum, dass er ihn kennengelernt hat. Eine große Enttäuschung.

Es nicht wahrhaben zu wollen, war allerdings unmöglich: die Mutter hatte es so gesagt, wie sie etwas sagt, das sie genau weiß. Aber weil sie jetzt eh einmal redeten, die zwei, gab er sich diesmal nicht zufrieden. Sondern er erklärte der Mutter, dass er ja auch sie gesehen hatte und auch den Bruder Niklas, zwei Menschen, die jedenfalls nicht tot sind. Genauso lebendig wie der Vater, den er, der Michl, gesehen hat. Das ist wahr, sagte die Mutter. Sie dachte nach. Und sie fand eine neue Lösung: Dann war es deine Erinnerung. Als du klein warst, hat er dich ja oft angeschaut.

Also die Erinnerung. Am Rand des Lebens erinnerst du dich an Sachen, die nicht in deinem Gedächtnis waren. Das könnte allerdings von einem Engel eingefädelt worden sein. Ohne das Erdbeben keine Erinnerung. Und ohne die Erinnerung kein Gespräch. Jetzt, da sie endlich im Gespräch waren, ist es der Mutter möglich gewesen, die ganze Geschichte zu erzählen. Solche Dinge fädeln nur Engel ein. Die Geschichte beginnt mit einem Lächeln auf dem Gesicht der Mutter.

– Fesch woar a, da Jackl.

Als die Mutter den feschen Jackl das erste Mal Jackl genannt hat, ist sie von den anderen Mägden geschimpft worden. So darf man einen Herrn nicht nennen. So hat sie ihn ja auch nicht angeredet, aber die Mägde sagten, es ist nicht anständig, nicht einmal dann, wenn er weit fort ist. Bei allen Leuten hat er Herr Jacobus geheißen. Sich selber hat der Vater noch anders genannt. Jangos nämlich. Manchmal auch Jaume. Solche Namen hat der Michl noch nie gehört. Die Mutter damals auch nicht. Deswegen hat Jackl zu ihm gepasst. Und dem hat das auch gefallen. Später natürlich erst, später, als der Jangos der Vater vom Michl geworden ist, dann erst hat sie Jackl zu ihm gesagt.

– Und was sand des fia Nama, Jangos, und Hao… wia?

Jangos, Jaume? Was das ist, ja, das sind alles Namen für Jacobus. An den Orten, wo er war, bevor er hergekommen ist, bedeuteten sie Jacobus, in anderen Sprachen eben. Und bevor der Michl fragen konnte, wo denn der Vater dann hergekommen ist, kam ihm die Mutter zuvor: Er hat es niemandem verraten. Sowieso hat sie ihn erst sehr spät gefragt. Und dann, Kungund, hat er zur Mutter gesagt, Kungund, hier bei dir, das ist mein neues Leben. Frag nie, wo ich herkomme, es ist gefährlich. Solange die Leute nicht herumreden, wo der Fremde herkommt, dann sucht man ihn vielleicht nicht im Murtal heroben.

Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht der Mutter. Weil es schade war ohne das Lächeln, suchte der Michl nach etwas Schönem, und daher fragte er sie, was das denn heißt, dass er fesch war. So erzählte sie ihm von den dunklen Locken. Gerade so, wie der Michl Locken hat, aber nicht blonde, die hat nur der Michl, sondern eben dunkle. Auch, dass er eine schöne Gestalt hatte, erzählte sie. Dabei schaute sie den Michl an, und zwar schaute sie die Gestalt vom Michl an, und ein wenig entspannte sich ihr ernstes Gesicht. Und fein war er, sagte sie. Und er hat ohne Furcht gesprochen. Und es war manchmal zum Lachen, was aus seinem Mund gekommen ist. Er hat ja die Sprache nicht gut gekannt. Die Mutter hat ihn schon verstanden, aber sie hat oft gelacht. Und er hat mitgelacht. Und ein heißes Blut hat er oft gehabt, sagte sie, und wenn er das gehabt hat, dann war er natürlich wiederum noch schöner anzuschauen. Ihr Lächeln war wieder da. Ein stolzer Mann war er. Der Vater hat dem Buben Lieder gesungen, und der Mutter auch. In einer Sprache zwar, die die Mutter nicht verstanden hat.

– Mia irmana fremosa, treides de grado

a la igreja de Vigo u é o mar levado

e miraremos las ondas.*

Die Mutter versuchte, es dem Michl vorzusingen. Gemerkt hat sie es sich also. Sie hatte den Jackl auch gefragt, was das ist. Und sie konnte es immer noch genauso aufsagen, wie er es ihr erklärt hatte:

– Meine Schwester liab, kimmst du mit Wollen

kimmst du zu Kapelle von Vigo, wo große See ist mit Welle schauen mia Welle.

Die Mutter schaute dabei so fröhlich aus, wie sie der Michl gar nicht kannte. Fast ein bisschen wie die Theres, wenn sie lacht mit dem Rupert zusammen. Dabei ist die Theres viel jünger als die Mutter, ungefähr wie der Rupert, so alt ist die Theres. Und Vigo, wo ist das? Kapelle von Vigo? Nein, nicht Vigo, sagte die Mutter, sondern Vigo heißt Dorf. Die Kapelle vom Dorf. So kam heraus, dass die Mutter schon ein paar Wörter vom Jackl gelernt hatte. Aber wie man das Lied verstehen soll, das wusste sie nicht? Ja, doch, das ist von der Liebe, sagte sie. Und sie wurde rot.

Der Michl fragte sich, ob das so rot aussieht, wenn ein Mensch ein heißes Blut hat. Jedenfalls mochte er die Erinnerung an das Gesicht seines Vaters immer mehr. Dann fragte er etwas, was das Lächeln wieder vertreiben könnte. Warum der Vater das denn gemacht hat, dass er von irgendwoher gekommen ist, ausgerechnet zu uns her? Da musste aber die Mutter lachen. Weil damals, als der Jackl hergekommen ist, ist der Michl ja noch nicht dagewesen, und trotzdem sagt er: zu uns her. Da hat sie auch wieder recht, wenn sie lacht. Jedenfalls, als Antwort auf die Frage vom Michl sagte die Mutter: wegen dem Plöditsch ist der Vater gekommen. Es war so:

Als die Mutter zu alt geworden war, um auf der Alm die Sennerin zu sein, denn das machen ja nur die jungen Madln, da hat sie eine neue Aufgabe gebraucht. Und es war gerade recht gewesen, dass der Leonhard herumkam, um Knechte und Mägde ins Plöditsch zu holen. Um dem Bischof zu helfen, das Silber aus dem Berg zu holen. Für den Michl war es schon immer so, dass man Silber herausholt, aber damals war es eine große Neuigkeit. Bis kurz vor der Geburt vom Michl wussten sie von keinem Silber in den Bergen. Der Bischof muss es gewusst haben, es sind ja seine Berge. Dass sich wiederum allgemein Silber in Bergen befindet, das wussten sie natürlich. In Zeiring weit unten im Murtal ist es schon lange so, dass man Silber herausholt. Auch das wusste der Michl. Von seinen Botengängen, die er noch vor kurzem als Bub nach Zeiring hat machen müssen. Jedenfalls hat der Bischof nicht nur seine Untertanen für diese Arbeit im Berg gebraucht, sondern auch einen Gewerken. Einen, der sich für ihn darum kümmert. Denn weder der Bischof in Salzburg noch sein Dienstmann von Moosham können sich selbst darum kümmern. Und das war es, da kam der Jackl ins Spiel. Der Jackl ist ins Land gekommen, um für den Bischof im Plöditsch der Gewerke zu sein.

Der Vater also? Das war für den Michl eine große Überraschung. Ein Gewerke als Vater passt schlecht zum Knecht Michl. Einem Gewerken hat der Michl zu folgen, genauso wie die Mutter und selbst der Leonhard. Für den Gewerken schlägt der Michl das Holz, von ihm bekommt er sein Brot und seinen Platz im Knechtshaus. Der Bischof hat nämlich den Michl, der ja dem Bischof zu eigen ist, an den Gewerken ausgeliehen. Also so einer wie der Herr Gewerke, der im Herrenhaus wohnt: so einer war, vor einer Zeit, der Vater gewesen! Wie kam er auf so etwas? Der Vater eines Knechts, der den Gewerken macht?

Der Grund war, dass der Jackl Geld hatte. Als er ins Land kam, hatte er Geld aus dem Welschland dabei. Das Geld gab er dem Bischof, dafür durfte er der Gewerke sein. Geld ist eh eine Sache, die sich der Michl nicht genau vorstellen kann. Wenn der Leonhard nach Muhr zum Tafernwirt geht, dann hat er einen Heller dabei, den er vom Gewerken bekommen hat. Den gibt er dem Wirt, dafür, dass er eine Speise bekommt und ein Bier. Aber der Michl bekommt von dem Gewerken die Speise auch ohne einen Heller, und das ist einfacher zu handhaben. Dass nun aber der Vater dem Bischof ein welschländisches Geld gegeben hat, damals, nur dafür, dass er dann für ihn das Silber aus dem Berg hat herausholen müssen, das ist eine Geldsache, die verstand er gleich überhaupt nicht. Nein nein, sagte die Mutter, nur einen Teil vom Silber aus dem Berg muss ein Gewerke dem Bischof geben. Mit dem Rest kann er machen, was er will. Das Recht dazu hat er vom Bischof gekauft. Findet er kein Silber, dann geht es ihm schlecht, dann ist das Geld beim Bischof, und der Gewerke hat gar nichts. Hat er Glück, wird er reich an Silber. Dann hat der Gewerke mehr Silber als der Bischof. Aber der Bischof, rief der Michl, kann sich das Silber ja einfach von dem Gewerken wieder nehmen! Er ist der Herr! Nein nein, sagte die Mutter, der Bischof hält sich an die Abmachung, denn er ist gerecht, und er ist zufrieden mit dem Teil Silber, das er jedes Jahr vom Gewerken bekommt.

Heute war ein Tag der Überraschungen für den Michl, denn von so etwas hatte er noch nie gehört. Dass einer sich etwas nehmen kann, das dem Bischof gehört – sogar das bischöfliche Silber im bischöflichen Lungau – und damit machen kann, was er will! Es ist ein Handel zwischen zwei freien Männern, sagte die Mutter. Frei? Ja ist dann ein Gewerke ein Edelmann? Nur der Edle von Weißpriach ist ein freier Mann, das wusste der Michl, ihm kann der Bischof nichts befehlen. Er ist fast der einzige Mensch im ganzen Lungau, dem niemand befehlen kann. Allerdings, weil der Bischof viel mehr Eigen hat als der Edle von Weißpriach, gilt das Wort des Bischofs am Ende doch mehr. Die Mutter sah den Blick vom Michl, und sie wusste, was er denkt: Michl, sagte sie, jeder Mann kann ein freier Mann sein, wenn er Geld hat. Aber wer hat das schon? Du und ich, wir sind die Untertanen wie alle anderen auch. Der Bischof will mich im Plöditsch, so bin ich im Plöditsch. Der Bischof will dich da, so bist du auch da. Es ist ja nicht schlecht, dass der Bischof das wollte. Dadurch sind wir wieder beisammen, sagte die Mutter. Und vorher war es auch nicht schlecht, er hat ja dafür gesorgt, dass du beim Zechner unterkommst in Sankt Martin. Wirklich, das war nicht schlecht gewesen. Und der Michl wusste schon, wie die Mutter es meinte. Gewiss kannte der Bischof den Michl gar nicht. Der Dienstmann von Moosham hatte es angeordnet, dass der Michl jetzt Holzer im Plöditsch war. Aber der Dienstmann darf auch nur den Willen des Bischofs tun. Also war alles der bischöfliche Wille.

Schaust du es ein wenig anders an, dann war es der Bruder Niklas, der den Michl hergebracht hatte ins Plöditsch. Der Bruder Niklas darf dem Dienstmann etwas sagen, weil er freundlich mit ihm redet. Und weil er kein Untertan ist. Ich muss nur dem Herrgott gehorchen, sagt der Bruder Niklas, und außerdem dem Herrn Präzeptor. Aber von den beiden kommt immer nur der Herrgott mit mir ins Murtal, während der Herr Präzeptor immer in Memmingen bleibt. Von Memmingen her brauchst du bald neun Tage, aber der Präzeptor würde sicher drei Wochen brauchen, weil er nur ein gesundes Bein hat. Und das andere…

Der Michl sammelte seine Gedanken wieder ein. Seine neue Frage war eine ganz andere. Seit er erfahren hat, wie jemand ein freier Mann sein kann.

– Und as Göld vom Vatta?

Die Mutter atmet ein und atmet aus. Es ist kein Geld da. Hat der Vater kein Glück gehabt, als er Gewerke war, will der Michl wissen? Doch, er hat viel Glück gehabt. Der Vater war ein reicher Mann. Vielleicht ist der Vater deswegen… Jetzt kann die Mutter nicht weiterreden. Dann muss sie auch noch weinen. Das ist erstaunlich, denn bis jetzt war es kein trauriges Gespräch. Aber die Mutter muss jetzt etwas sagen, was sie noch nie irgendeinem Menschen gesagt hat. Das möge ihr der Michl bitte entschuldigen, dass sie deshalb weinen muss. Dann wählt sie die Worte etwas anders. Sie lässt das gefährliche Wort weg, und sagt: Vielleicht lebt der Vater wegen seinem Silber nicht mehr.

Draußen hören sie Stimmen. Die Knechte sind vor das Haus gekommen. Sie sind von Muhr vom Tafernwirt zurück. Vom Bier sind sie lauter als sonst. Sie werden hereinkommen, und deswegen legt die Mutter dem Michl den Finger auf den Mund, der aufgegangen ist, um noch etwas zu fragen. Die Zeit des Redens ist vorbei.

Nach dem Essen kam der Erste Hauer herein. Der Erste Hauer hat einen aufsehenerregenden Hut. Du kannst sagen, eine Gugelhaube mit dem langen Zipfel und mit dem Schultertuch. Aber er hat die Gugel nicht über den ganzen Kopf gezogen, wie man es eigentlich macht, sondern sie nur oben auf den Kopf gesetzt. Das Schultertuch hängt dann neckisch neben dem Ohr, und der lange Zipfel ist einige Male um seinen Kopf herumgeschlungen. Der Michl, als er den Ersten Hauer das erste Mal gesehen hatte, hätte sich vorstellen können, selbst so einen feschen Hut zu tragen. Und erst recht, als er den Ersten Hauer einmal bei einem eisigen Wind gesehen hat, wo er sich den Zipfel um das ganze Gesicht gewickelt hatte, so dass nur die Augen herausschauten und die Backen warm blieben. Aber solche Hüte gibt es nur beim Kramer aus dem Tal zu haben, und der Kramer will Geld für den Hut. Der Kramer will außerdem nichts davon hören, dass man den Hut einen Hut nennt, sondern es ist ein Chaperon. So trägt also der Michl im Winter weiterhin seine Haube, die ihm die Mutter gemacht hat. Nicht nur wegen dem Hut wusste der Michl, dass der Erste Hauer ein wichtiger Mann ist, und dass es etwas bedeutete, wenn er jetzt hereinkam. Als er Platz genommen hatte, machte der Leonhard eine Ansage. Der Gewerke im Herrenhaus hatte es befohlen.

Der Leonhard berichtete, dass der Res mit dem Girgl am Tag zuvor zum oberen Stollen am Silbereck hatte aufsteigen müssen. Das war zwar für den Michl etwas zum Fürchten, der noch nie weit oben auf einem Berg gewesen war. Geschweige denn im Winter. Aber der Res hatte viel Erfahrung, ihn konnte man hinaufschicken, selbst durch den Schnee hinauf. Der Herr Gewerke hatte auf jeden Fall wissen müssen, was mit den Stollen geschehen war, als die Erde bebte. Der alte, der untere Stollen war fast heil geblieben. Das erklärte der Erste Hauer, aber alle wussten es schon. Die Hauer darin, die Männer und die vielen Buben, hatten große Angst gehabt in ihrem kleinen Loch im Felsen. Aber das Holz, das die Gänge abstützt, war gutes Holz, und nur wenig Gestein war herausgebrochen. Die Holzer schauten einander zufrieden an, denn das war ja ihr Holz gewesen, das den Stollen so gut gehalten hat. Dagegen der neue Stollen weit oben am Silbereck, der erst im Herbst angelegt worden war und der im Frühjahr eröffnet werden sollte, den konnte der Res erst jetzt besichtigen. Ja, und nun. Der Res hatte entdeckt, dass am neuen Stollen alles hin ist. Gott sei Dank, dass niemand drin war. Aber alles ist hin. Aber der Leonhard ließ nicht zu, dass nun alle herumseufzten.

Jetzt ist es so, sagte der Leonhard, dass wir, sobald es geht, neues Holz machen für die Reparatur. Der Erste Hauer nickte dazu. Das Sägholz dafür nehmen wir aus dem Tal, aber was möglich ist, nehmen wir vom Berg. Im Tal herunten geht also das Holzen weiter wie vorher, für Bauholz und Feuerholz. Dafür brauchen wir die Kräftigsten. Das heißt, Rupert und Michl, euch zwei schicken wir auf den Berg, sobald es möglich ist. Der Michl erschrak.

Dann sagte der Erste Hauer noch etwas, er verschaffte sich noch einmal Aufmerksamkeit. Der Herr Gewerke wünscht, sagte er, dass das Plöditsch einen neuen Namen bekommt, der seiner Bedeutung angemessen ist. So ein schlichter Name wie Plöditsch, der sagt ja nicht, wie wertvoll der Berg ist. Das ist kein Name, auf den die Welt hört. Und wie soll der Name dann sein, fragte der Leonhard nach einer Pause? Man sah, er war überrascht. Der Herr Gewerke liebt es, wie die Sonne am Abend die Berge in ihr Rot hüllt, sagte der Erste Hauer. Wie warm sie dann glänzen. Rotgülden So werden wir alle unser Tal von nun an nennen. Rotgülden. Es entstand eine kurze Pause. Dann holte der Hans Luft, um etwas zu sagen. Der Leonhard fasste ihn am Arm, und der Hans sagte nichts.

Als die Ansage zu Ende war, und die Knechte viel zu reden hatten, kam der Rupert herüber und stupste den Michl an. So schlimm, wie dein Gesicht aussieht, so schlimm ist es nicht droben am Berg, sagte er dem Michl. Die Hauer sind nicht schnell, jeden Tag kommen sie nur ein paar Handbreit tiefer in den Berg hinein. Wir kommen leicht hinterher im Holz. Beim Herumtragen und Hinauftragen helfen sie uns. Vor allem, wenn wir uns Zeit lassen, sieht es niemand. Der Michl war froh, dass der Rupert dabei war. Und, so dachte er sich, die Bäume sind auch nicht ganz so riesig oben auf dem Berg.

Sie wurden fröhlich im Knechtshaus. Während die Älteren sangen, holte der Rupert sein Messer heraus und schnitzte weiter an seinem Wurzelgeist. Der Michl hatte kein Messer und schaute nur zu. Es wurde ein grimmiger Geist aus der Wurzel, vielleicht ein Dämon des Unheils. Dann drehte er sich zur Mutter hinüber und sah, dass sie auch dem Rupert zuschaute. Und noch etwas. Sie war bleich im Gesicht. Als sie den Michl bemerkte, zuckte sie und drehte sich weg. Ihm fiel ein, dass er noch nicht die ganze Geschichte kannte, vom Vormittag. Den schlimmeren Teil kannte er noch nicht. Jetzt musste er bis zum nächsten Sonntag warten.

In derselben Nacht schlief der Michl nicht, obwohl er nach dem Paternoster der Knechte noch ein stilles Avemaria gebetet hatte. Er stellte fest, dass es aufregend ist, so viel auf einmal vom eigenen Vater zu erfahren. Warum hatte im Plöditsch nie jemand etwas vom Vater gesagt? Der Michl hatte in den drei Monaten nie vom Jackl reden hören. Was war mit ihm gewesen? Endlich stand er auf, und er schlich in die dunkle Küche hinaus. Trotz der Dunkelheit erkannte er, dass gegenüber die Tür zur Magdkammer offenstand, was ihn verwunderte. Er schaute hinein, obwohl das verboten ist, selbst wenn es die eigene Mutter ist, die dort innen haust. Die Kammer war leer. Ein Klappern hinter seinem Rücken erschreckte ihn. Es war das Geräusch von etwas Hartem, das auf Holz fällt. Er drehte sich um. Er sah nun hinter der langen Tafel, am dunkelsten Ort, jemanden sitzen. Die Mutter. Er drückte sich zu ihr auf die Bank. Sie schniefte. Sie hatte wieder geweint. So sagte er nichts. Und als er da saß und sie spürte, fing er selbst, leise, zu weinen an. Dann wiegte sie ihn ein bisschen. So saßen sie da. Und wenn ein Mensch weint, das merkte er, vergeht es auch wieder. So saßen sie eine Weile.

Dann hob sie das Ding auf, das auf die Tafel gefallen war. Sie drückte es vorsichtig in seine Hand. Er tastete es im Dunkeln ab. Es war ein Messer. Die Klinge so lang wie eine Spanne, mit einem hölzernen Griff, nicht ganz so lang wie eine Spanne. Dann fing sie an zu erzählen.

Es war, als der Michl klein war, und als er am Mittag ein wenig schlief. Nicht lange nach dem Michaelistag. Das bedeutete, dass der Michl gerade ein Jahr älter geworden war. Drei Jahre alt. Die Mutter hatte an dem Tag auch hier an der langen Tafel gesessen. Als plötzlich wie aus dem Nichts der Bruder Niklas hereingestürmt kam. Das war doppelt ungewöhnlich. Denn wenn der Bruder Niklas im Land ist, kommt er dennoch nie bis ins Plöditsch herauf, sondern nur einmal bis Muhr zu der kleinen Kapelle vom heiligen Rupert der Bergleute. So sagte es die Mutter, und so wusste es der Michl. Vor allem aber stürmt der Bruder Niklas nie irgendwohin, denn er ist gemütlich, und er ist dick. Auch das hätte die Mutter nicht erklären müssen. Aber jetzt, an jenem Tag. Da war er sehr aufgeregt, er sagte nichts zur Begrüßung, er hielt den Finger an die Lippen, er zog die Mutter hinter sich her, hinaus, und zum Herrenhaus hinüber. Das war der Mutter nicht recht, weil die Küchenmagd vom Knechtshaus nichts zu suchen hat beim Herrenhaus. Die Leute wussten schon, sie war die Mutter vom Kind des Herrn Gewerken. Aber sie ging nur zu bestimmten Zeiten hinüber. Wenn alle aus dem Haus waren. Oder in der Nacht manchmal. Mittags nicht. Nur damit du siehst, sagte die Mutter, was für unwichtige Gedanken sie da hatte. Aber in ihrem Herzen, weil der Bruder Niklas sehr unruhig war, da war sie es auch.

Der Michl hörte zu, dachte an den Vater, und fühlte das Messer in seiner Hand. Er gab es der Mutter zurück. Sie legte es auf die Tafel.

Der Bruder Niklas also, mit seinem Stock, der ein bisschen wie eine Krücke aussieht, die man sich unter die Achsel klemmen kann, das kennt der Michl ja. Wie ein T sieht sie aus, würde er sagen, aber die Mutter kennt kein T. Diesmal, sagt die Mutter, hielt der Bruder den Stock vor sich her, als würde er gleich jemanden schlagen wollen. Das hast du bei ihm noch nie gesehen. Der Michl stimmt ihr zu. Das T ist bei den Antonitern ein Zeichen für eine Krücke, weil sie für die Gelähmten sorgen. Nicht aber schlagen sie damit andere. Aber jetzt muss sich der Michl auf die Mutter konzentrieren.

Aus dem Herrenhaus heraus, sagt die Mutter, hörten sie lautes Streiten. Einmal die Stimme vom Jackl. Dann die von einem Fremden. Es war in einer fremden Sprache. Leise traten die beiden ins Haus, ins vordere Zimmer. Die Tür zum rechten hinteren Zimmer, zur Schreibstube, stand offen. Der Streit beruhigte sich. Sie hörten den Vater etwas Fremdländisches sagen. Es klang so, als sei er mit etwas einverstanden. Und er schob die Lade über den Tisch – dass es die Lade war, wussten sie da ja noch nicht, aber sie hörten das Geräusch vom Schieben. Dann rief mit einem Mal der Fremde etwas Lautes, und dann schrie der Vater laut auf. Noch einmal rief der andere, und es schrie der Vater. Und noch ein drittes Mal. Die Mutter klingt sehr unruhig beim Erzählen.

Der Michl nimmt das Messer wieder in seine Hand.

Der Bruder Niklas war dann in das Zimmer gestürmt, seinen Stock voraus, und er schrie auch etwas. Die Mutter verstand es wieder nicht. Sie hörte nur immer wieder Rumpeln und Rufen. Der Michl merkt, die Mutter nimmt es ganz genau, sie will keine Kleinigkeit vergessen. Als es wieder still war, schaute auch sie in die Schreibstube hinein. Sie sah nur den Mönch. Er versuchte durchs Fenster hinaus zu gelangen, aber er war zu dick dafür. Er kehrte um, schob die Mutter zur Seite, rannte aus dem Haus. Die Mutter dachte erst, das Zimmer sei jetzt leer. Dann sah sie den Vater hinter dem Tisch liegen. Halb auf der Bank, halb auf dem Boden.

Lange sagen nun weder die Mutter noch der Michl etwas.

Dann greift die Mutter nach dem Messer, ohne es dem Michl aus der Hand zu nehmen. Sie halten es beide. Von dem Messer ist der Jackl gestorben, sagt die Mutter.

Eine Weile nachdem es heraus ist, sagt der Michl, das hat also der Fremde getan, und er ist also durchs Fenster geflohen. Die Mutter braucht darauf nichts zu antworten. Dann fragt er sie, ob der Bruder Niklas den anderen eingeholt hat. Nein, er ist davongekommen, antwortet die Mutter. Er hatte ein Pferd, das er unten beim Weg festgebunden hatte. Und dann? Dann haben sie nachgesehen, ob jemand Zeuge geworden ist. Und als da keine waren, weil sich alle im Holz und im Berg und auf den Wiesen aufhielten, da haben die beiden den Vater in den Wagen gelegt, mit dem der Mönch von Sankt Martin gekommen war. Und haben ihn bis in die Nähe von Muhr hinabgeschafft, und haben ihn hinter einem Stadel versteckt. Und in der Nacht haben sie sich wieder dort getroffen und haben ihn in den Friedhof geschafft und in ein Grab gelegt, denn da gab es ein offenes Grab, für ein Begräbnis am nächsten Tag. Das haben sie ein wenig tiefer gemacht und den Vater darin vergraben, in der Nacht. Der Bruder Niklas hat einen Segen gesprochen, und ein Paternoster und ein Avemaria. Er hat versprochen, dass er seine nächste Messe insgeheim für den Vater lesen wird.

Und was haben die Leute dazu gesagt? Warum reden die Leute überhaupt nicht davon, im Plöditsch? Aber es weiß ja bis heute niemand, sagt die Mutter, außer ihr und dem Mönch. Aber warum haben sie es niemandem gesagt? Weil du nicht weißt, was das für Leute sind. Weil der Jackl selbst gesagt hatte, dass Reden gefährlich ist. Und weil er recht hatte. Es war tödlich. Weil es sein kann, du sagst etwas, und sie machen mit dir dasselbe wie mit dem Jackl. Oder vor allem, sie machen mit dem Buben etwas, weil er der Sohn vom Jackl ist. Deswegen haben die beiden nichts gesagt. Und weil der Fremde eh über alle Berge war. Es soll niemand wissen.

Das macht den Michl unglaublich zornig. Er schwankt fast. Er glaubt, es gibt noch andere Gründe, dass die Mutter nie ein Wort herausgebracht hat. Er reißt seine Hand aus der Hand der Mutter, um das Messer allein zu halten. Die Mutter lässt ihn, aber sie sagt:

– Gib acht, des is a schlimm’s Messer.

Das Messer hatte in der Schreibstube am Boden gelegen. Sie hatte es niemals anrühren mögen damals, aber hatte es sofort anrühren müssen. Sie musste es ja wegtun. Sie hat es saubergemacht. Sie hat ja den Jackl nicht für sein Begräbnis waschen können, dann wenigstens das Messer. Sie hat es oft in der Hand gehalten. Je öfter, desto kleiner ist ihre Angst vor diesem Messer geworden, und ihr Ekel. Sie hat lange darüber nachgedacht, ob sie es dem Michl geben will. Jetzt hat sie es getan. Weil sie denkt, vielleicht hilft es ihm genauso wie ihr. Der Michl hält es sehr fest. Er ist sehr, sehr wütend geworden. Er lässt es nicht mehr los. Der Vater, den er erst kürzlich kennengelernt hat. Der. Der könnte noch leben, wenn. Wenn nicht dieser Fremde mit diesem Messer gekommen wäre. Der Mörder. Der Mörder.

Die Mutter, als ob sie die Wut nicht merken will, erzählt, wie sie auch den Boden in der Schreibstube saubergemacht hat. Noch in derselben Nacht, bevor eine andere Magd etwas sehen konnte. Und wie sie einige Sachen von ihm fortgenommen hat, damit es so aussieht, als sei er auf die Reise gegangen. Dann am Tag hat sie die Leute gefragt, ob sie wissen, wo der Jackl ist. So, als ob sie ihn sucht. Den Leonhard zum Beispiel hat sie gefragt. Und er hat es ihr geglaubt. Später ist der Dienstmann von Moosham gekommen und hat gefragt, wo der Herr Gewerke ist. Weil es niemand wusste, hat er dem Ersten Hauer gesagt, dass er einstweilen nach dem Rechten sehen muss und dass alle ihm gehorchen müssen. Nach drei Monaten ist der Dienstmann wiedergekommen und hat alle Bergleute und Holzer, alle Knechte und Mägde zu sich gerufen und ihnen gesagt, dass der Herr Gewerke verschollen ist, und dass man nicht wissen kann, ob er etwas Unrechtes getan habe, und dass der Herr Fürsterzbischof von Salzburg das Bergwerk im Plöditsch wieder einzieht, und dass er es dem neuen Herrn Gewerken aus Zeiring vergeben wird. Die Mutter erzählt es wie etwas Gewöhnliches.

– Und da Möada?

Der Michl schreit es fast, und die Mutter hält ihm gleich die Mund zu und zeigt zur Tür, hinter der die Knechte schlafen. Sie sieht schon ein, dass es den Michl aufregt, sagt sie, aber es hat sie selbst auch aufgeregt, und sie hat gemerkt, das einzige, was ihr Ruhe gegeben hat, war, dass sie den Jackl und den Mörder losgelassen hat. Der Michl findet, das hilft ihm jetzt nichts. Beide sind in Gottes Hand, sagt die Mutter. Der eine tot, der andere vielleicht lebend, aber die Strafe erwartet ihn. Aber hat denn niemand den Mörder gesucht, will er wissen! Das, sagt die Mutter, soll er den Bruder Niklas fragen. Sie glaubt, der habe es schon versucht. Diese Antwort ist nicht befriedigend. Denn jetzt ist es Winter, und der Bruder Niklas kommt erst zum Sankt Gilgentag wieder zur Quest ins Land.

– Wann i den Möada dawisch, dann stichi’n o!

Dass sich der Michl beruhigt, ist unmöglich. Er wirft das Messer laut auf die Tafel. Du bist wie der Vater, sagt die Mutter. Du hast ein heißes Blut. Das überrascht wieder den Michl, aber es befriedigt ihn ein wenig. Sein Vater würde einem Mörder keine Ruhe lassen. Ob sich denn der Michl gar nicht an die schlimme Zeit erinnert, fragt die Mutter? Er war damals gerade drei Jahre alt, sagt sie. Er hat anfänglich oft nach dem Jackl gefragt, sagt sie. Der Michl sagt, er weiß es nicht mehr. Der Jackl und der Michl haben sich gerne gemocht, sagt sie. Aber dann hat man zuschauen können, wie der Bub den Vater vergessen hat. Als ob er ihn vergessen wollte. Es hat der Mutter so leidgetan. Aber sie hat gemeint, es ist besser so. Das erscheint dem Michl verständlich. Durchaus nicht, weil er es gutheißt. Sondern verständlich, weil er weiß, dass die Mutter so denkt. Sie ist immer so… so… er weiß gar nicht, wie er das sagen soll. Der Michl ist im letzten Jahr kurz vor Michaelis dreizehn Jahre alt geworden. Man hat zehn Jahre vergehen lassen, anstatt etwas zu unternehmen! Aber weil die Mutter das nicht verstehen würde, schweigt er. Er ist jetzt ein junger Mann, und kann Sachen selbst in die Hand nehmen. Doch, ruft dann der Michl, der, wenn ich…

Da geht die Tür auf, und ein gähnender Knecht kommt herein mit dem glimmenden Kienspan. Es ist der Girgl. Er ist aufgewacht, der Michl war zu laut. Als der Girgl die beiden sitzen sieht, im Licht seines Kienspans, grinst er. Schön ist es bei der Mutter, sagt er. Der Michl will nach dem Messer greifen, aber es ist weg. Die Mutter hat es genommen. Ein Glück für den Girgl, sagt sich der Michl. Der Leonhard kommt als zweiter herein. Er packt sich den Knecht, nimmt ihm den Kienspan ab und schaut ihm ins Gesicht. Der Girgl geht mit einem Brummen zurück in die Schlafstube. Der Leonhard gibt der Mutter einen Wink. Er dreht sich um, damit sie, die nur im Nachthemd ist, in ihre Kammer gehen kann. Sie drückt ihrem Sohn unter der Tafel das Messer endgültig in die Hand. Und geht in die Kammer.

Dann schaut der Großknecht den Michl an und sagt ihm, dass jeder Mensch schließlich einmal erfahren muss, wer er ist. Und wenn es auch mitten in der Nacht ist. Er nickt dem Michl zu, auch er soll in die Schlafstube zurückgehen. Der Leonhard steht jetzt in großem Ansehen beim Michl, denn der Leonhard versteht etwas vom Leben. Vom Hören kann er nicht gewusst haben, was der Sohn und die Mutter bereden. Er muss es einfach so verstanden haben. Zum Glück hat der Michl, als er wieder daliegt, den Leonhard im Sinn. Das gibt ihm die Möglichkeit einzuschlafen. Sonst würde ihn das Messer unter dem Stroh davon abhalten.

Die ganze Woche war es sonnig, und am nächsten Sonntag war es immer noch so. Der Rupert und der Michl hatten sich vorgenommen, den Berg ein wenig auszuprobieren. Sie waren bis zum unteren Stollen hinaufgegangen und dann weiter hinauf, der Spur folgend, die der Res mit dem Girgl in den Schnee getreten hatten. Aber nur bis zur Baumgrenze. Höher hinauf hatten sie der Spur nicht folgen wollen. Und dann wollte der Rupert dem Michl den Plöditschsee zeigen. Der Michl sagte, dass der Rupert wohl den Rotgüldensee meint, und er bekam dafür eine Faust in den Bauch. Der Michl war jedenfalls noch nie bei einem See gewesen. Also machten sie durch den reinen Schnee eine neue Spur, und liefen schräg den Hang entlang ins Tal hinten hinein. Pass auf, sagte der Rupert, das kannst du nur machen, wenn du den Berg kennst. Schnell bist du in einem Graben, dann kommst du nicht mehr vorwärts und nicht mehr zurück. Das verstand der Michl sofort. So aber, immer hinter dem Rupert her, wurde es ein Vergnügen. Halb stapfen, halb hinabgleiten zusammen mit dem leichten Schnee, das ist etwas anderes als in einer eisigen Schlucht herumzurutschen.

Und nun hockten sie außer Atem und wohlig im Schnee neben dem fast verschneiten See, da, wo der Bach sanft herausfließt und dafür sorgt, dass nicht alles zufriert. Sie schauten ins Wasser. Und sahen darin die Berge hinten im Tal. Kopfüber, mit den schneeweißen Spitzen nach unten. Wenn sie den Blick dann nach oben nahmen, sahen sie die Berge richtig herum. Dann zeigte der Rupert dem Michl, wie man Steinchen über das Wasser springen lässt. Das ist nicht einfach, wenn die eisfreie Fläche nicht groß ist. Und der Michl zeigte dem Rupert, dass die Berge, die im See kopfüber stehen, in kleine Stücke zerspringen, wenn ein Stein über das Wasser springt. Das Bild zerspringt in den Wellen.

Kimmst du zu Kapelle von Vigo, wo große See ist mit Welle.

Welchen See hatte der Vater gemeint mit seinem Lied? Die beiden jungen Männer mussten nicht lange warten, dann war das Wasser wieder so glatt, dass man es nicht einmal mehr sah. Wieder nur noch Berge und Himmel kopfüber. Und dann sagte der Michl zum Rupert: du kannst in einem See alles gespiegelt sehen, aber nicht dich selbst. Aber so etwas konnte der Rupert nicht glauben, denn wenn du darin alles siehst, dann natürlich auch dich selbst. Wie will der Michl das wissen, der ja gar keinen See kennt! Aber der Michl hatte das im Fischteich von Sankt Martin untersucht. Schau schräg hinein, und du siehst darin den Himmel. Schau gerade unter dich ins Wasser, und du siehst nur den Grund und die Fische. Die Form deines Kopfes vielleicht, nicht aber dein Gesicht. Spöttisch probierte der Rupert es aus. Er beugte sich weit vor und gab acht, dass seine Stiefel nicht nass wurden. Nach einer Weile war der Rupert nicht mehr spöttisch. Dann sagte der Michl noch, dass der Bruder Niklas dasselbe von der Seele sagt. Schau in deine Seele, wenn sie ruhig ist, dann siehst du darin allerhand gespiegelt. Versuch aber dich selbst in deiner Seele zu sehen, dann siehst du stattdessen den Seelengrund. Dann sagte der Rupert, jetzt reicht es schon wieder. Und die beiden gingen zum Knechtshaus zurück. Vom Plöditschsee aus am Plöditschbach entlang, an der Stelle vorbei, wo es für den Michl fast ein Unglück gegeben hatte. Die beiden bekreuzigten sich, und der Michl dachte an den Vater. Ihm war klar, dass er heute, am Sonntag, der Mutter weitere Fragen hätte stellen können. Aber der Tag mit dem Rupert war eigentlich besser gewesen. Es würde noch die Zeit für Fragen kommen.

Als das Frühjahr den Schnee so weit vertrieben hatte, dass ein geübter Mensch schon über die Pässe gehen kann, kam eine Nachricht ins Tal. Es war die Nachricht vom Dobratsch, und zwar kam sie aus dem Liesertal herüber, mit dem ersten Samer, der in diesem Jahr über die Laußnitzhöhe aus dem Süden heraufgestiegen kam und sich dann drunten in Sankt Margareten ein Bier gönnte, beim Wirt. Von dort aus war es der Kramer, der die Nachricht weiterbrachte, nach Muhr. Und dort hörte es der Leonhard persönlich, der sich auch gerade ein Bier gönnte beim Muhrer Tafernwirt. Niemand hatte je etwas vom Dobratsch im Gailtal gehört, aber jetzt taten alle, als würden sie ihn längst kennen. Nämlich. Mit dem Erdbeben am Tag der Bekehrung des heiligen Apostels Paulus hatte der Dobratsch so mächtig gezittert, dass er halb und halb auseinandergesprungen ist. Seiner ganzen Länge nach. Und der Dobratsch ist ein sehr langer Berg, man braucht gewiss zwei Stunden zu Fuß für seine ganze Länge. Eher mehr. Die Hälfte, die er verloren hatte, war ins Tal abgegangen, und das klingt jetzt gewöhnlich, wohin sollte sie denn sonst abgehen. Aber weil der Dobratsch auch ein sehr mächtiger Berg ist, hatte seine Hälfte das ganze Gailtal verschüttet, abgesperrt, und die Gail aufgestaut zu einem See, und das ist überhaupt nichts Gewöhnliches. Die Gail ist ein Fluss mit sehr viel Wasser.

Der Leonhard sagte zum Michl: das Erdbeben, das dich gerettet hat, hat anderen das Leben genommen. Du kannst dem Herrgott dankbar sein. Und viele bekreuzigten sich. Der Michl verstand, dass sie nicht nur um den Michl dankbar waren, sondern auch um sich selbst. Denn in Wahrheit hatten alle Grund, sich zu fürchten. Wenn im Gailtal ein halber Berg herunterkommen kann, dann kann das auch im Murtal geschehen. Der Leonhard sagte, es mögen nur keine schlechten Zeiten anbrechen. Es soll nur kein Zeichen sein. Der Michl überlegte sich außerdem, aber im Stillen, dass ihn das Erdbeben, oder der Herrgott, erst in große Gefahr gebracht hatte, und dann erst gerettet. So wollte er ihm – dem Herrgott – nicht so sehr wegen des Erdbebens dankbar sein, sondern vor allem für seinen schnellen Sinneswandel. Oder dass das Beben dann vielleicht doch von einem Geist war? Denn eher sind die Geister für einen Sinneswandel bekannt als der Herrgott. Da müsste man eben den Bruder Niklas fragen.

Die andere Nachricht kam die Mur herauf. Sie war etwas älter, aber sie hatte einen großen Umweg durch die Täler nehmen müssen, einen viel längeren Weg als den Weg des Samers. Sie war von Herrschaftshaus zu Herrschaftshaus gelaufen, hatte den Samer fast eingeholt und kam nur einen Tag später ins Plöditsch herauf. Das war die Nachricht von der Seuche. Die Seuche war zwar viel weiter weg als der Dobratsch. Wenn du im Gailtal wärst, müsstest du noch über ein weiteres Gebirge gehen, und dann hinunter zu der Stadt Venedig, wo das Meer beginnt. Alles in allem musst du vom Plöditsch aus sieben Tage gehen, bis du dort bist, sagte der Leonhard. Aber weil so eine Seuche das Herrschen und den Handel betreffen kann, wollen das die hohen Herrschaften wissen, und deshalb verbreitet sich so eine Nachricht weit.