Der Spiegelmann - Lars Kepler - E-Book

Der Spiegelmann E-Book

Lars Kepler

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14,99 €

Beschreibung

Eine Schülerin verschwindet auf dem Heimweg spurlos. Jahre später wird sie auf einem Spielplatz mitten in Stockholm ermordet aufgefunden. Das Mädchen wurde an einem Klettergerüst qualvoll gehängt. Eine Hinrichtung. Eine Machtdemonstration. Kommissar Joona Linna ist von der Kaltblütigkeit des Täters alarmiert und ermittelt unter Hochdruck. Das Mädchen ist wahrscheinlich nicht das einzige Opfer. Als es gelingt, einen Mann aufzuspüren, der den Mord gesehen haben muss, ist der Zeuge nicht in der Lage, darüber zu sprechen. So traumatisch sind offenbar seine Erinnerungen. Jonna Linna bittet Erik Maria Bark, den Hypnotiseur, um Hilfe ... Hohes Tempo und nervenaufreibende Spannung von der ersten bis zur letzten Seite! Der Spiegelmann war DER Jahresbestseller in Schweden 2020!

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MOBI

Seitenzahl: 669




Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressum123456Fünf Jahre später7891011121314151617181920212223242526272829303132333435363738394041424344454647484950515253545556575859606162636465666768697071727374757677787980818283848586878889909192939495969798Epilog

Über das Buch

Eine Schülerin verschwindet auf dem Heimweg spurlos. Jahre später wird sie auf einem Spielplatz mitten in Stockholm ermordet aufgefunden. Das Mädchen hängt an einem Klettergerüst. Wer tut so etwas? Kommissar Joona Linna ist von der Kaltblütigkeit des Täters alarmiert. Ein ungewöhnlicher Mord, eine Hinrichtung. Eine Machtdemonstration.

Das Mädchen ist wahrscheinlich nicht das einzige Opfer. Als es gelingt, einen Mann aufzuspüren, der den Mord gesehen haben muss, ist der Zeuge nicht in der Lage, darüber zu sprechen. So traumatisch sind offenbar seine Erinnerungen. Jonna Linna bittet Erik Maria Bark, den Hypnotiseur, um Hilfe …

Über den Autor

Lars Kepler ist das Pseudonym der Eheleute Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril. Jeder für sich hat bereits erfolgreich eigene Romane veröffentlicht, bis sie sich entschieden haben ihre ganze Energie und Kreativität in ein gemeinsames Schreibprojekt zu stecken. Der Hypnotiseur, ihr Krimidebüt, war sensationell erfolgreich und wurde in über 40 Sprachen übersetzt. Die folgenden Kriminalromane mit dem Ermittler Joona Linna (Paganinis Fluch, Flammenkinder, Der Sandmann und Ich jage Dich) setzten die Erfolgsgeschichte fort und standen allesamt auf Platz 1 der schwedischen Bestsellerliste. Allein in Schweden sind inzwischen über zwei Millionen Bücher des Autorenpaars verkauft. 2012 wurde Der Hypnotiseur von Lasse Hallström für das internationale Kino verfilmt.

Das Pseudonym Lars Kepler ist eine Hommage an zwei bekannte Persönlichkeiten. Der Vorname Lars wurde zu Ehren des Bestseller-Autors Stieg Larsson gewählt, während der Nachname Bezug auf den deutschen Wissenschaftler Johannes Kepler nimmt.

Als ihr erster gemeinsamer Kriminalroman im Jahr 2009 veröffentlicht wurde, war die Identität der beiden Schriftsteller hinter dem Pseudonym unbekannt, was eigentlich auch so bleiben sollte. Damit waren einige hartnäckige Journalisten allerdings nicht einverstanden. Nachdem eine Reihe Autoren jegliche Beteiligung an dem Pseudonym abgestritten hatte, gelang es der schwedischen Zeitung Aftonbladet, ausreichend Beweise in diesem Fall zu recherchieren und das Ehepaar Ahndoril als Lars Kepler zu entlarven.

Alexandra Coelho Ahndoril hat portugiesische Wurzeln und wurde 1966 in Schweden geboren. Sie wuchs in Helsingborg an der Südküste Schwedens auf und zog in den frühen 1990er Jahren nach Stockholm um Schauspielerin zu werden, was sie für das Schreiben aber aufgab. Neben den Lars -Kepler-Kriminalromanen schreibt Alexandra Coelho Ahndoril Bücher über historisch bedeutende Persönlichkeiten und ist Literaturkritikerin für die schwedischen Zeitungen Göteborgs-Posten und Dagens Nyheter.

Alexander Ahndroril wurde 1967 in Upplands Väsby, Stockholm geboren. Dort studierte er auch Philosophie, Religion und Film. Bereits in den 80er Jahren bewies er sein Können als Romanschriftsteller. Neben Romanen schreibt er Drehbücher, Radio-Skripte sowie Theaterstücke und gehört zu Schwedens originellsten Schriftstellern der jüngeren Generation.

Das Ehepaar lebt mit seinen drei Töchtern in Stockholm, nur einen Steinwurf vom schwedischen „Scotland Yard“ entfernt.

LARS KEPLER

DER SPIEGELMANN

THRILLER

Übersetzung aus dem Schwedischen vonThorsten Alms und Susanne Dahmann

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen

Titel der schwedischen Originalausgabe:

»Spegelmannen«

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2020 by Lars Kepler

Originalverlag: Albert Bonniers Förlag, Stockholm

Published in the German language by arrangement

with Salomonsson Agency, Stockholm, Sweden

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Anja Lademacher, Bonn

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau und Guter Punkt, München | www.guterpunkt.de

Einband-/Umschlagmotiv: © molaruso/Shutterstock; © LILAWA.COM/Shutterstock; © Lee Avison/arcangel; ©yotrak / Getty Images; © Maggie McCall/Trevillion Images; © yotrak / Getty Images

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7325-9448-1

www.luebbe.de

www.lesejury.de

1

DURCH DAS SCHMUTZIGE Fenster des Klassenzimmers sieht Eleonor, wie der kräftige Wind den Dreck die Straße entlangtreibt und Büsche und Bäume hinunterdrückt.

Es sieht aus, als würde eine Flutwelle an der Schule vorbeiziehen.

Trübe und lautlos.

Es klingelt, und die Schüler stecken ihre Bücher und Hefte ein. Eleonor steht auf und geht mit den anderen hinaus in den Flur.

Sie betrachtet ihre Klassenkameradin Jenny Lind, die vor ihrem Spind steht und sich die Jacke zuknöpft.

Das Gesicht und das blonde Haar spiegeln sich in der verbeulten Blechtür.

Jenny ist hübsch und außergewöhnlich. Sie hat einen intensiven Blick, der Eleonor nervös macht und ihr das Blut in die Wangen treibt.

Jenny ist künstlerisch interessiert, sie fotografiert und ist die Einzige in der Mittelstufe, die Bücher liest. In der vergangenen Woche ist sie sechzehn geworden, und Eleonor hat ihr gratuliert.

Für Eleonor interessiert sich niemand, sie ist nicht hübsch genug, das weiß sie selbst, obwohl Jenny einmal gesagt hat, dass sie gerne ein paar Porträtfotos von ihr machen würde.

Das war nach dem Sport, als sie unter der Dusche standen.

Eleonor nimmt ihre Sachen und folgt Jenny zum Ausgang.

Der Wind fegt Sand und altes Laub an der weißen Fassade entlang und auf den Schulhof hinaus.

Das Seil peitscht hektisch gegen die Fahnenstange.

Jenny erreicht den Fahrradabstellplatz, bleibt stehen und schreit irgendetwas, gestikuliert aufgeregt und geht dann ohne Fahrrad weiter. Eleonor hat ihr den Reifen zerstochen, hat sich vorgestellt, wie sie Jenny helfen würde, das Fahrrad und die Tasche bis zu ihr nach Hause zu bringen.

Sie könnten dann über die Porträtfotos reden, darüber, dass Schwarz-Weiß-Aufnahmen wie Skulpturen aus Licht sind.

Sie unterbricht den Gedanken, bevor es zum ersten Kuss kommt.

Eleonor folgt ihr an der Sportanlage Backavallen vorbei. Der Biergarten des Restaurants ist leer, die weißen Sonnenschirme zittern im Wind.

Sie denkt, dass sie Jenny einholen könnte, wagt es aber nicht.

Eleonor hält auf dem Fußweg, der parallel zum Eriksbergsvägen verläuft, etwa zweihundert Meter Abstand zu ihr.

Die Wolken jagen über den Fichtenwipfeln vorbei.

Jennys blondes Haar wird vom Wind herumgewirbelt und flattert ihr im Sog eines grünen Linienbusses ins Gesicht.

Der Boden bebt, als er vorüberfährt.

Sie kommen an den letzten Häusern und am Pfadfinderlager vorbei. Jenny überquert die Straße und geht auf der anderen Seite weiter.

Die Sonne bricht durch, und die Wolkenschatten fegen über eine Weide.

Jenny wohnt in einem schönen Haus in Forssjö direkt am Wasser.

Und Eleonor hat schon einmal mehr als eine Stunde vor diesem Haus gestanden. Sie hatte Jennys verschwundenes Buch gefunden, das sie natürlich selbst versteckt hatte. Aber dann hatte sie sich nicht getraut, bei ihr zu klingeln, also steckte sie es einfach nur in den Briefkasten.

Jenny bleibt unter den tiefhängenden Hochspannungsleitungen stehen und zündet sich eine Zigarette an, bevor sie weitergeht. Die glatten Knöpfe ganz unten an ihrem Ärmel glitzern im Licht.

Eleonor hört das Brummen eines schweren Fahrzeugs hinter sich.

Der Boden zittert, als ein Lastkraftwagen mit Anhänger und polnischem Kennzeichen sie mit hoher Geschwindigkeit überholt.

Im nächsten Augenblick quietschen die Bremsen, und der Anhänger neigt sich zur Seite, der schwere Lastzug bricht nach rechts aus, rollt quer über den Grünstreifen auf den Fußweg und kommt erst kurz hinter Jenny zum Stehen.

»Scheiße, Mann«, hört sie Jenny rufen.

Wasser rinnt vom Dach der blauen Plane des Anhängers und hinterlässt eine glänzende Spur in der Staubschicht.

Die Tür wird geöffnet, und der Fahrer steigt aus dem Führerhaus. Ein schwarzer Ledermantel mit einem seltsamen grauen Fleck spannt sich über seinen breiten Rücken.

Das krause Haar fällt ihm fast bis auf die Schultern.

Mit großen Schritten geht er auf Jenny zu.

Der Motor läuft immer noch, und der Qualm aus den verchromten Auspuffrohren verzieht sich in dünnen Schwaden.

Eleonor bleibt stehen und sieht, wie der Fahrer Jenny direkt ins Gesicht schlägt.

Ein paar Schlaufen der Plane haben sich von ihren Haken gelöst, sodass sie im Wind flattert und Eleonor Jenny nicht mehr sehen kann.

»Hallo?«, ruft Eleonor und geht näher heran. »Was machen Sie da?«

Als der grobe Stoff wieder herunterfällt, kann sie erkennen, dass Jenny ein paar Meter vor dem Führerhaus auf den Fußweg gefallen ist.

Jenny liegt auf dem Rücken, hebt den Kopf und lächelt verwirrt. Zwischen ihren Zähnen ist Blut.

Der lose Teil der Plane flattert im Wind.

Mit zitternden Beinen steigt Eleonor in den feuchten Straßengraben hinunter. Sie will die Polizei rufen und holt ihr Handy heraus, aber ihre Hände zittern so sehr, dass sie es verliert.

Es fällt durch das Unkraut auf den Boden.

Eleonor bückt sich, findet das Handy, hebt den Blick und sieht unter dem Lastzug hindurch, wie Jenny mit den Beinen strampelt, als der Fahrer sie hochhebt.

Ein Auto hupt, als Eleonor auf die Straße tritt und auf den Lastzug zu läuft.

Die verspiegelte Brille des Fahrers blinkt im Sonnenlicht, als er sich die blutigen Hände an der Jeans abwischt und ins Führerhaus klettert, die Tür hinter sich zuschlägt, den Gang einlegt und losfährt. Der trockene Grasstreifen spritzt auf, als der Lastzug wieder auf die Straße fährt und schneller wird.

Eleonor bleibt keuchend stehen.

Jenny Lind ist verschwunden.

Nur eine zertretene Zigarette und die Tasche mit den Schulbüchern liegen noch auf dem Boden.

Dreck fliegt über die leere Straße. Staubwolken jagen an Äckern und Höfen vorbei. So wird der Wind bis in alle Ewigkeit über die Erde wehen.

2

JENNY LIND LIEGT in einem kleinen, geteerten Holzboot auf einem dunklen See. Der Bootsrumpf knarrt unter ihr in den rollenden Wogen.

Sie wacht von dem Gefühl auf, sich gleich übergeben zu müssen.

Der Boden schwankt.

Die Schultern schmerzen, die Handgelenke brennen.

Dann wird ihr klar, dass sie sich im Anhänger des Lastzugs befindet.

Sie ist irgendwie gefesselt und ihr Mund ist zugeklebt. Sie liegt auf der Seite, und die Hände sind hinter ihrem Kopf festgebunden.

Sie kann kaum etwas sehen, als würden ihre Augen immer noch schlafen.

Zersplittertes Sonnenlicht fällt durch die Plane.

Sie blinzelt, und ihr Gesichtsfeld verschwimmt.

Es geht ihr furchtbar schlecht, und sie hat hämmernde Kopfschmerzen.

Die riesigen Reifen dröhnen unter ihr auf dem Asphalt.

Ihre Hände sind mit Kabelbinder an einer der Stahlstangen befestigt, über die die Plane gespannt ist.

Jenny versucht sich daran zu erinnern, was passiert ist. Sie wurde zu Boden geschlagen, und jemand hat ihr ein kaltes Tuch auf Mund und Nase gedrückt.

Plötzlich wird sie von großer Angst erfasst.

Sie sieht an sich herunter und bemerkt, dass ihr Kleid zu den Hüften hochgerutscht ist, allerdings trägt sie immer noch ihre Strumpfhosen.

Der Lastzug fährt schnell eine gerade Straße entlang, der Motor hält eine gleichbleibende Drehzahl.

Jenny sucht nach einer vernünftigen Erklärung, nach einem Grund für ein Missverständnis. Sie kann überhaupt nicht einordnen, was ihr zugestoßen ist. Sie weiß nur, dass sie sich in einer Situation befindet, vor der sich die Menschen am meisten fürchten, in einer Situation, wie man sie aus Horrorfilmen kennt, die aber im wirklichen Leben nicht eintreten darf.

Sie hatte ihr Fahrrad an der Schule stehen gelassen und war zu Fuß gegangen, tat so, als würde sie nicht bemerken, dass Eleonor ihr folgte, als plötzlich der große Lastzug hinter ihr ausscherte und auf den Fußweg fuhr.

Der Schlag ins Gesicht kam so unerwartet, dass sie keine Möglichkeit hatte, darauf zu reagieren, und bevor sie wieder aufstehen konnte, wurde ihr dieses nasse Tuch ins Gesicht gedrückt.

Sie hat keine Ahnung, wie lange sie bewusstlos war.

Ihre Hände sind nicht durchblutet und eiskalt.

In ihrem Kopf dreht sich alles, und für eine Weile schwindet ihr Augenlicht, bevor es wieder zurückkommt.

Sie lässt die Wange auf dem Boden ruhen.

Sie versucht ruhig zu atmen, darf sich nicht übergeben, solange ihr Mund zugeklebt ist.

Ein getrockneter Fischkopf ist in einer Ritze an der Ladeklappe stecken geblieben. Die Luft im Anhänger ist gesättigt von einem süßlichen Gestank.

Jenny hebt erneut den Kopf, blinzelt und sieht einen Metallschrank mit Vorhängeschloss und zwei große Plastiktröge ganz vorne auf der Ladefläche. Die Gefäße sind mit groben Riemen festgezurrt, und der Boden um sie herum ist feucht.

Sie versucht sich an Berichte von Frauen zu erinnern, die die Gefangenschaft bei einem Serienmörder überlebt haben, indem sie sich wehrten oder eine Verbindung zu ihrem Peiniger herstellten, indem sie beispielsweise über Orchideen sprachen.

Es ist sinnlos, durch das Klebeband hindurchzuschreien, niemand würde sie hören, höchstens der Fahrer.

Sie muss still sein, es ist besser, wenn er nicht weiß, dass sie wach ist.

Sie rutscht nach oben, spannt den Körper und schiebt den Kopf zu den Händen hinauf.

Der Anhänger schwankt, und ihr Magen rebelliert.

Der Mund füllt sich mit Erbrochenem.

Die Muskeln zittern.

Der Kabelbinder schneidet sich in die Haut.

Mit tauben Fingern kann sie eine Ecke des Klebebands greifen und zieht es vom Mund ab. Sie spuckt, sinkt zur Seite und versucht möglichst leise zu husten.

Ihre Sehfähigkeit wird von der Substanz in dem Tuch beeinflusst.

Als sie das Stahlrohr betrachtet, auf dem die Plane ruht, ist es, als starrte sie durch ein grobes Gewebe.

Jede Stange führt senkrecht nach oben, bildet einen Winkel von neunzig Grad, läuft unter dem Dach entlang und führt auf der anderen Seite wieder nach unten.

Eine Art Dachstuhl, der von waagerechten Latten an den Seiten zusammengehalten wird.

Sie blinzelt, versucht ihren Blick zu schärfen und sieht, dass die Latten auf der anderen Seite des Anhängers – wo die Plane selbst mit fünf Reihen eingenähter Bretter versteift ist – fehlen.

Jenny wird klar, dass man dort die Plane hochrollen kann, wenn man den Anhänger belädt.

Wenn sie ihre gefesselten Hände an den Stahlrohren entlangführen kann, unter dem Dach entlang und auf der anderen Seite wieder hinunter, könnte sie dort die Plane öffnen und um Hilfe rufen oder die Aufmerksamkeit eines Autofahrers auf sich ziehen.

Sie versucht, den Kabelbinder die Stange hochzuschieben, bleibt aber sofort hängen.

Das scharfe Plastik schneidet in die Haut.

Der Lastzug wechselt die Spur. Jenny taumelt zur Seite und stößt mit der Schläfe gegen die Stange.

Sie setzt sich wieder, muss ein paarmal schlucken und denkt an den Morgen und an das Frühstück mit Toastbrot und Marmelade zurück. Ihre Mutter hat erzählt, dass ihrer Tante am Tag zuvor vier Stents in die Herzkranzgefäße eingesetzt worden waren.

Jennys Handy lag auf dem Tisch neben ihrer Teetasse. Sie hatte es stumm geschaltet, aber ihr Blick wurde trotzdem von den Nachrichten auf dem Display angezogen.

Ihr Vater war sauer geworden, weil er es als unhöflich betrachtete, dass sie auf ihr Handy schaute, und sie hatte sich über diese Ungerechtigkeit aufgeregt.

»Warum meckerst du ständig an mir rum? Was habe ich denn getan? Du bist einfach nur unzufrieden mit deinem eigenen Leben«, schrie sie und stürmte aus der Küche.

Der Boden neigt sich, und der Lastzug wird langsamer, an der Steigung schaltet der Fahrer herunter.

Sonnenstrahlen fallen stoßweise durch die Plane und bescheinen den schmutzigen Boden.

Ein Vorderzahn liegt zwischen den Klumpen aus trockener Erde und schwarzem Laub.

Jennys Adern füllen sich mit Adrenalin.

Ihr Blick jagt hektisch umher.

Nur einen Meter von ihr entfernt sieht sie zwei abgebrochene Nägel mit rotem Lack. An einer Stange ist Blut heruntergelaufen, abgerissene Haarsträhnen hängen an einem Bolzen in der Ladeklappe.

»Oh mein Gott, mein Gott, mein Gott«, murmelt Jenny und kommt auf die Knie.

Sie sitzt still, entlastet den Kabelbinder an den Händen und spürt das Blut mit Tausenden kleiner Stiche in die Finger zurückströmen.

Ihr ganzer Körper zittert, sie versucht sich nach oben zu ziehen, aber das Plastikband bleibt auch dieses Mal hängen.

»Ich schaffe das«, flüstert sie.

Sie muss ihre Gedanken zusammenhalten, darf nicht in Panik verfallen.

Sie bewegt die Hände ein wenig hin und her, schiebt sie zur Seite und merkt, dass sie sich an der untersten Latte entlang bewegen kann.

Sie atmet viel zu schnell, während sie sich an Unebenheiten vorbeimanövriert und das vordere Ende des Anhängers erreicht. Sie ergreift die Latte mit beiden Händen und zieht, aber sie ist fest mit der letzten Stange verschweißt und lässt sich nicht bewegen.

Sie betrachtet den Metallschrank – das Vorhängeschloss ist offen und schaukelt an seinem Bügel.

Das Unwohlsein meldet sich wieder, aber sie hat keine Zeit zu verlieren. Die Reise kann jeden Augenblick zu Ende sein.

Sie beugt sich so weit wie möglich vor, streckt dabei die Arme, dehnt sie maximal und erreicht das Vorhängeschloss mit dem Mund. Vorsichtig hebt sie es hoch, behält es zwischen den Lippen, sinkt wieder auf die Knie und lässt es auf die Oberschenkel fallen, spreizt vorsichtig die Beine und lässt es lautlos auf den Boden gleiten.

Der schwere Lastzug schlingert, und die Tür öffnet sich.

Die Metallkiste ist gefüllt mit Pinseln, Dosen, Zangen, Feilen, Messern, Scheren, Putzmitteln und Lappen.

Ihr Puls beschleunigt sich, dröhnt in ihrem Kopf.

Der Motor klingt plötzlich anders, und der Lastzug wird langsamer.

Jenny steht wieder auf, streckt sich zur Seite, hält die Tür mit dem Kopf auf und entdeckt ein Messer mit einem schmutzigen Plastikgriff auf einem Regalbrett zwischen zwei Farbtöpfen.

»Lieber Gott, rette mich, lieber Gott«, flüstert sie.

Der Lastzug biegt scharf ab, und die Metalltür schlägt ihr so hart gegen den Kopf, dass sie für ein paar Sekunden das Bewusstsein verliert und auf die Knie fällt.

Sie muss sich übergeben, bevor sie erneut auf die Füße kommt. Sie sieht, dass Blut von ihren Handgelenken auf den schmutzigen Boden tropft.

Sie beugt sich vor, erreicht den Griff des Messers mit dem Mund und beißt hinein, kurz bevor das Fahrzeug mit einem Zischen zum Stehen kommt.

Ein kratzendes Geräusch ist zu hören, als sie das Messer aus dem Regal zieht.

Vorsichtig transportiert sie die rostige Klinge mit dem Mund zu ihren Händen hinunter und beginnt mit so viel Druck, wie es ihr möglich ist, an dem kräftigen Plastikriemen zu sägen.

3

JENNY HÄLT DAS rostige Messer zwischen den Zähnen und versucht den Kabelbinder an ihren Handgelenken zu durchtrennen. Als sie sieht, dass die Schneide bislang nur eine winzige Kerbe im weißen Plastik hinterlassen hat, beißt sie fester zu und erhöht den Druck.

Sie denkt an ihren Vater. An sein trauriges Gesicht, als sie ihn am Morgen angeschrien hat, an das zerschrammte Glas seiner Armbanduhr, an die hilflosen Bewegungen seiner Hand.

Sie sägt weiter, obwohl ihr Mund immer heftiger schmerzt.

Speichel rinnt am Griff des Messers hinunter.

Ihr wird erneut schwindelig, und sie steht kurz vor dem Aufgeben, als es plötzlich knackt. Die Schneide hat das Band durchtrennt.

Zitternd fällt sie auf die Hüfte und hört das Messer über den Boden scheppern. Sie richtet sich wieder auf, hebt das Messer auf, geht zur rechten Seite hinüber und lauscht.

Nichts zu hören.

Sie muss schnell sein, aber ihre Hände zittern so sehr, dass sie zuerst Schwierigkeiten hat, die Klinge durch die Plane zu stoßen.

Für ein paar Sekunden hört man ein surrendes Geräusch.

Jenny ändert ihren Griff und zieht einen senkrechten Schnitt direkt neben der vordersten Stange, öffnet den Spalt ein paar Zentimeter und schaut hinaus.

Sie stehen an einer unbemannten Tankstelle für LKW. Auf dem Boden liegen Pizzakartons, ölige Lappen und Kondome.

Ihr Herz schlägt so heftig, dass sie kaum atmen kann.

Es sind keine Menschen oder andere Autos zu sehen.

Der Wind treibt einen Pappbecher über den Asphalt.

Ihr Magen krampft, aber sie kann den Würgereflex mit einem kräftigen Schlucken unterdrücken.

Schweiß rinnt ihr den Rücken hinunter.

Mit zitternden Händen schneidet sie die Plane waagerecht direkt oberhalb der Latte auf, um hinausklettern und sich im Wald verstecken zu können.

Sie hört schwere Schritte und ein metallisches Scheppern.

Ihr Blick wird wieder unscharf.

Sie klettert nach draußen, steht auf der Kante des Anhängers, spürt den Wind im Gesicht, hält sich an der Plane fest und verliert das Messer. Als sie auf den Boden sieht, wird ihr erneut schwindelig, als würde der ganze Lastzug kippen.

Sie verdreht sich den Knöchel, als sie auf dem Boden landet, macht einen Schritt, ohne direkt das Gleichgewicht zu verlieren.

Ihr ist so schwindelig, dass sie nicht geradeaus gehen kann.

Jede Bewegung, die sie macht, erzeugt größere Gegenbewegungen im Gehirn.

Die Dieselpumpe dröhnt pulsierend.

Jenny blinzelt und geht los, als eine große Gestalt um den Anhänger herumkommt und sie sieht. Sie bleibt stehen, weicht taumelnd zurück und spürt, dass sie sich bald wieder übergeben muss.

Sie kriecht unter der dreckigen Kupplung zwischen LKW und Anhänger hindurch und sieht, dass die Gestalt in die andere Richtung eilt.

Ihre Gedanken rasen – sie muss sich verstecken.

Als sie sich wieder aufrichtet, sind ihre Beine so wackelig, dass sie den Wald niemals vor dem Fahrer wird erreichen können.

Sie weiß nicht mehr, wo sie sich befindet.

Ihr Puls hämmert in den Ohren.

Sie muss zurück zur Straße und ein Auto anhalten.

Der Boden wankt und bietet keinen Halt, die Bäume wischen vorbei, das gelbe Gras am Straßenrand zittert im kräftigen Wind.

Der Fahrer ist nirgendwo zu sehen. Sie überlegt, dass er um den Lastzug herumgegangen sein oder sich hinter den großen Reifen versteckt haben könnte.

Ihr Magen zieht sich kurz zusammen.

Sie sieht sich in alle Richtungen um, hält sich an der geschlossenen Ladeklappe des LKW fest, kneift kurz die Augen zu und versucht herauszufinden, wo sich die Zufahrt zur Autobahn befindet.

Sie hört ein Rascheln.

Sie muss fliehen, muss sich verstecken.

Die Knie geben unter ihr nach, als sie im Schutz des Anhängers nach hinten geht, sie sieht ein paar Mülltonnen, eine Informationstafel und einen Pfad in den Wald.

Ganz in der Nähe brummt ein Motor.

Sie sieht auf den Asphalt, versucht sich zu sammeln, denkt, dass sie um Hilfe rufen sollte, als sie bemerkt, dass sich neben ihrem Bein ein paar Schatten bewegen.

Eine große Hand greift nach ihrem Fußgelenk und reißt sie um. Sie fällt auf die Hüfte, und es knackt in ihrem Nacken, als die Schulter auf den Asphalt knallt. Der Fahrer befindet sich unter dem Anhänger und zieht sie zu sich. Sie versucht sich an einem Reifen festzuhalten, dreht sich auf den Rücken, tritt mit dem freien Bein, trifft die Radaufhängung und die Federung, zerschrammt sich den Knöchel, kann sich losreißen und krabbelt heraus.

Sie kommt auf die Beine, die ganze Landschaft kippt zur Seite, sie schluckt den aufsteigenden Mageninhalt hinunter, hört schnelle Tritte, schätzt, dass der Fahrer um den Anhänger herumläuft.

Sie taumelt nach vorn, bückt sich unter dem Schlauch des Tankautomaten hindurch, geht so schnell sie kann zum Waldrand, sieht sich um und stößt mit einem Menschen zusammen.

»Hallo, was ist denn hier los?«

Es ist ein Polizist, der in das hohe Gras uriniert. Sie greift nach seiner Jacke, droht umzukippen und zieht ihn mit sich.

»Helfen Sie mir …«

Sie muss seine Jacke loslassen und taumelt zur Seite.

»Treten Sie einen Schritt zurück«, sagt er.

Sie schluckt und greift erneut nach seiner Jacke. Er stößt sie weg, und sie stolpert ins Gras, sinkt auf die Knie und stützt sich mit beiden Händen ab.

»Bitte!«, keucht sie, bevor sie sich ins Gras übergibt.

Der Boden schaukelt, und sie fällt auf die Seite, sieht das Polizeimotorrad durch die Halme und bemerkt eine Bewegung in dem glänzenden Auspuffrohr.

Es ist der Lastwagenfahrer, der sich mit großen Schritten nähert. Sie dreht den Kopf und sieht die fleckige Jeans und den Ledermantel wie durch zerschrammtes Glas.

»Helfen Sie mir«, sagt sie ein weiteres Mal und kämpft darum, die Magenkrämpfe zu unterdrücken.

Sie versucht aufzustehen, muss sich aber erneut übergeben, hört wie sie miteinander sprechen, während sie sich ins Gras erbricht. Die eine Stimme sagt etwas wie »sie ist meine Tochter« und erklärt, dass es nicht das erste Mal sei, dass sie von zu Hause ausgerissen sei und sich betrunken habe.

Der Magen zuckt und ihr steigt Galle in den Mund, sie hustet und versucht etwas zu sagen, muss aber erneut spucken.

»Was kann man da schon machen? Soll man ihr damit drohen, ihr das Handy wegzunehmen?«

»Das kenne ich«, erwidert der Polizist mit einem Lachen.

»Na komm, Kleine«, sagt der Fahrer und klopft ihr auf den Rücken. »Alles muss raus, dann geht es dir bald besser.«

»Wie alt ist sie?«, fragt der Polizist.

»Siebzehn – in einem Jahr darf sie selbst bestimmen … aber wenn es nach mir ginge, dann sollte sie sich besser in der Schule anstrengen, damit sie später nicht auch Lastwagen fahren muss.«

»Bitte«, flüstert Jenny und wischt sich das schleimige Erbrochene vom Mund.

»Kann sie vielleicht in einer Ausnüchterungszelle übernachten?«, fragt der Fahrer.

»Nicht, wenn sie erst siebzehn ist«, antwortet der Polizist und beantwortet einen Funkruf.

»Fahren Sie nicht«, hustet Jenny.

Der Polizist geht ohne Eile zum Motorrad, während er die Kommunikation mit der Einsatzzentrale beendet.

Ganz in der Nähe schreit eine Krähe.

Das hohe Gras neigt sich zitternd im Wind, und Jenny sieht, dass der Polizist den Helm aufsetzt und die Handschuhe anzieht. Sie weiß, dass sie aufstehen muss, und drückt die Hände gegen den Boden. Der Schwindel droht sie auf die Seite zu werfen, aber sie kämpft dagegen an und kommt auf die Knie.

Der Polizist setzt sich auf das Motorrad und lässt es an. Sie versucht ihn zu rufen, aber er hört sie nicht.

Die große Krähe flattert auf, als er den Gang einlegt.

Jenny sinkt wieder ins Gras und hört den Splitt auf dem Asphalt unter den schweren Rädern knirschen, als der Polizist davonfährt.

4

PAMELA MAG DIE losen Eiskristalle, wenn der Schnee auf der Piste zu schmelzen beginnt. Die Skier greifen mit einer beinahe beängstigenden Schärfe.

Sie und ihre Tochter Alice benutzen Sonnencreme, haben aber trotzdem etwas Farbe bekommen. Martin hat einen Sonnenbrand auf der Nase und unter den Augen.

Mittags haben sie auf der Terrasse des Gipfelrestaurants gegessen, und in der Sonne war es so warm, dass sich Pamela und Alice die Jacken auszogen und in ihren Funktionspullis am Tisch saßen.

Sie haben alle drei einen ordentlichen Muskelkater in den Oberschenkeln, sodass sie am nächsten Tag eine Ski-Pause einlegen wollen.

Stattdessen möchten Alice und Martin Seesaibling angeln und Pamela den Wellnessbereich des Hotels besuchen.

Als Pamela neunzehn war, ist sie mit ihrem Kumpel Dennis durch Australien gereist, lernte dort in einer Bar einen jungen Mann namens Greg kennen und schlief mit ihm in einem Bungalow. Sie war schon wieder zurück in Schweden, als sie feststellte, dass sie schwanger war.

Pamela schickte einen Brief an die Bar in Port Douglas, adressiert an Greg mit den meeresblauen Augen. Er antwortete ihr einen Monat später, erklärte, dass er in einer Beziehung lebe und dass er bereit sei, für die Abtreibung zu bezahlen.

Die Geburt war schwer und endete in einem Notkaiserschnitt. Das Mädchen und sie überlebten, aber weil die Ärzte Pamela davon abrieten, weitere Kinder zu bekommen, ließ sie sich eine Spirale einsetzen, um nicht ein weiteres Mal schwanger zu werden. Dennis stand ihr die ganze Zeit bei und half ihr, ihren Traum zu erfüllen und an der Hochschule für Architektur zu studieren.

Nach der fünfjährigen Ausbildung bekam Pamela beinahe sofort einen Job bei einer kleinen Firma in Stockholm und lernte Martin kennen, als sie ein Einfamilienhaus auf Lidingö entwarf.

Martin hatte die Bauleitung für den Bauherren übernommen, er reiste durch das Land und sah mit seinem intensiven Blick und dem langen Haar aus wie ein lässiger Rockstar.

Sie küssten sich zum ersten Mal auf einem Fest bei Dennis zu Hause, zogen zusammen, als Alice sechs war, und heirateten zwei Jahre später. Jetzt ist Alice sechzehn und geht in die zehnte Klasse des Gymnasiums.

Mittlerweile ist es schon acht Uhr, und vor den Fenstern ihrer Hotelsuite herrscht Dunkelheit. Sie haben den Zimmerservice gerufen, und Pamela beeilt sich, die herumliegenden Pullis und Strümpfe aufzuräumen, bevor das Essen kommt.

Martin singt Riders on the Storm unter der Dusche.

Sie haben darüber gesprochen, vor dem Fernseher zu essen, eine Flasche Champagner zu öffnen und, wenn Alice eingeschlafen ist, die Tür abzuschließen und miteinander zu schlafen.

Pamela legt die Kleidung ihrer Tochter über den Arm und geht in ihr Schlafzimmer.

Alice sitzt in Unterwäsche und mit dem Handy in der Hand auf ihrem Bett. Sie sieht aus wie Pamela, als sie jung war, hat dieselben Augen, dasselbe kastanienrote Haar und dichte Locken.

»Die Kennzeichen des Lastzugs waren gestohlen«, sagt sie und sieht vom Handy auf.

Vor zwei Wochen haben die Medien begonnen, von einem verschwundenen Mädchen in Katrineholm zu berichten. Sie ist in Alice’ Alter und wurde misshandelt und entführt.

Sie heißt Jenny Lind, genau wie die legendäre Opernsängerin.

Man hat das Gefühl, dass ganz Schweden sich an der Suche nach ihr und dem polnischen Lastzug beteiligt.

Die Polizei hatte um Hilfe gebeten, es waren jede Menge Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen, aber bis jetzt gibt es keine einzige Spur, die zu dem Mädchen führen könnte.

Pamela kehrt in den Gemeinschaftsraum zurück, legt die Kissen auf dem Sofa zurecht und hebt die Fernbedienung vom Fußboden auf.

Die Dunkelheit drückt sich gegen die Fenster.

Sie zuckt zusammen, als es an der Tür klopft.

Als sie gerade öffnen möchte, kommt Martin lächelnd und singend aus dem Badezimmer. Er ist vollkommen nackt und hat sich ein Handtuch um das feuchte Haar gewickelt.

Sie schiebt ihn zurück ins Badezimmer und hört ihn weiter singen, als sie die Frau mit dem Servierwagen hereinlässt.

Pamela sieht auf ihr Handy, um irgendetwas zu tun, solange die Frau den Tisch im Gemeinschaftsraum deckt und sich bestimmt über den Gesang aus dem Badezimmer wundert.

»Es geht ihm gut, machen Sie sich keine Sorgen«, scherzt sie.

Die Frau erwidert ihr Lächeln nicht, reicht ihr nur die Rechnung auf dem Silbertablett und bittet Pamela, sie zu unterzeichnen, bevor sie geht.

Pamela ruft Martin und holt Alice. Dann machen sie es sich mit Tellern und Gläsern auf dem Riesenbett bequem.

Sie sehen sich einen gerade herausgekommenen Horrorfilm an, während sie essen.

Eine Stunde später sind Pamela und Martin eingeschlafen.

Als der Film zu Ende ist, schaltet Alice den Fernseher aus, räumt die Teller und Gläser auf, schaltet das Licht aus und putzt sich die Zähne, bevor sie in ihr Zimmer geht.

Bald wird es ruhig in der kleinen Stadt unten im Tal. Irgendwann nach drei Uhr morgens steigen Nordlichter im Himmel auf wie silberblaue Baumstämme in einer verbrannten Landschaft.

Pamela wird aus dem Schlaf gerissen, weil ein Junge in der Dunkelheit schluchzt. Das helle Weinen verstummt, bevor ihr bewusst wird, wo sie sich gerade befindet.

Sie liegt vollkommen still und muss an Martins Alpträume denken.

Das Weinen kommt vom Boden neben dem Bett.

Zu Beginn ihrer Beziehung hatte er oft Alpträume von toten Jungen.

Pamela fand es rührend, dass ein erwachsener Mann zugab, vor Gespenstern Angst zu haben.

Sie erinnert sich an eine Nacht, in der er schreiend aufgewacht war.

Sie setzten sich in die Küche und tranken Kamillentee. Ihre Nackenhaare sträubten sich, als er dieses Gespenst im Detail beschrieb.

Der Junge war ganz grau im Gesicht und hatte sein Haar mit verwestem Blut nach hinten gekämmt, die Nase war gebrochen, und ein Auge hing heraus.

Sie hört ein weiteres Schluchzen.

Pamela ist hellwach und dreht vorsichtig den Kopf.

Die Heizung unter dem Fenster rauscht, und die aufsteigende warme Luft lässt den Nachtvorhang wogen, als würde ein Junge dahinterstehen und das Gesicht in den Stoff drücken.

Sie würde Martin gerne wecken, traut sich aber nicht zu sprechen.

Das helle Weinen erklingt erneut, direkt neben dem Bett, unten auf dem Boden.

Ihr Herz beginnt noch heftiger zu schlagen, und sie tastet mit der Hand in der Dunkelheit nach Martin, aber dort ist niemand, das Laken ist kalt.

Sie zieht die Füße hoch und krümmt sich zusammen, hat plötzlich das Gefühl, dass das Weinen um das Bett herum auf ihre Seite wandert, bevor es ganz plötzlich wieder verstummt.

Vorsichtig streckt sie den Arm nach der Lampe auf dem Nachttisch aus. Sie kann ihre eigene Hand in der Dunkelheit nicht sehen.

Es kommt ihr vor, als wäre die Lampe weiter weg als noch am Abend.

Sie lauscht gespannt nach der kleinsten Bewegung, tastet herum, findet den Lampenfuß und folgt dem Kabel nach unten.

Das Weinen ist wieder zu hören, ganz hinten am Fenster, als sie den Schalter findet und das Licht einschaltet.

Pamela muss blinzeln in der plötzlichen Helligkeit, sie setzt die Brille auf, verlässt das Bett und sieht, dass Martin in der Pyjamahose auf dem Fußboden liegt.

Er träumt etwas Angsterfülltes, und seine Wangen sind feucht von Tränen. Sie sinkt neben ihm auf die Knie und legt eine Hand auf seine Schulter.

»Liebling«, sagt sie leise. »Liebling, du hast …«

Martin schreit auf und sieht sie aus aufgerissenen Augen an.

Er blinzelt verwirrt, sieht sich im Hotelzimmer um und richtet seine Augen wieder auf sie. Der Mund bewegt sich, aber es kommt kein Laut heraus.

»Du bist aus dem Bett gefallen«, sagt sie.

Er setzt sich hin und lehnt sich gegen die Wand, wischt sich den Mund ab und starrt ins Leere.

»Was hast du eigentlich geträumt?«, fragt sie.

»Ich weiß nicht«, flüstert er.

»Ein Alptraum?«

»Ich weiß es nicht, mein Herz schlägt wie verrückt«, sagt er und klettert wieder ins Bett.

Sie legt sich neben ihn auf ihre Seite und nimmt seine Hand.

»Es tut dir nicht gut, Horrorfilme zu sehen«, sagt sie.

»Nein«, antwortet er und lächelt sie an.

»Aber du weißt, dass alles nur gespielt ist«, sagt sie.

»Sicher?«

»Es ist kein echtes Blut, es ist Ketchup«, scherzt sie und kneift ihn in die Wange.

Sie schaltet das Licht aus und zieht ihn an sich heran. Sie schlafen miteinander, so leise sie können, und sinken mit verschlungenen Gliedern in den Schlaf.

5

NACH DEM FRÜHSTÜCK liegt Pamela im Bett und liest die Zeitungen auf ihrem iPad, während Martin und Alice sich anziehen.

Die Sonne ist aufgegangen, und die Eiszapfen vor den Fenstern schimmern im Licht und beginnen schon zu tropfen.

Martin liebt das Eisfischen, er hat schon so oft beschrieben, wie es ist, auf dem Bauch zu liegen, das Licht abzuschirmen und durch das Loch ins Wasser zu sehen, wo sich die großen Seesaiblinge nähern.

Die Empfangsdame des Hotels hat den Kallsjön empfohlen, der zum Einzugsgebiet des Indalsälven gehört. Dort gebe es sehr viel Fisch, und er sei leicht mit dem Auto zu erreichen, man habe aber trotzdem seine Ruhe dort.

Alice stellt den schweren Rucksack an die Tür, hängt sich die Eisdorne um den Hals und schnürt die Stiefel.

»Langsam bereue ich es«, sagt sie, als sie sich wiederaufgerichtet hat. »Massage und Gesichtsbehandlung klingt eigentlich ganz gut.«

»Ich werde jede Sekunde genießen«, antwortet Pamela vom Bett aus und lächelt. »Ich werde …«

»Hör auf«, fällt ihr Alice ins Wort.

»Schwimmen, in die Sauna gehen, zur Maniküre …«

»Bitte, ich will es nicht hören.«

Pamela hüllt sich fester in den Morgenrock, geht zu ihr und umarmt sie fest, küsst Martin und wünscht ihnen Petri Heil, da man das wohl so sagt.

»Bleibt nicht zu lange, und seid vorsichtig«, sagt sie.

»Genieß das Alleinsein«, erwidert er mit einem Lächeln.

Alice’ Haut scheint zu fluoreszieren, Locken ihres roten Haars schauen unter der Mütze hervor.

»Du musst die Jacke bis zum Hals zuknöpfen«, sagt Pamela.

Sie tätschelt der Tochter die Wange, lässt die Hand eine Weile liegen, obwohl sie ihre Ungeduld spürt.

Die kleinen Leberflecke direkt unter Alice linkem Auge haben sie immer an Tränen erinnert.

»Was ist?«, fragt Alice mit einem Lächeln.

»Ich wünsche dir viel Spaß.«

Sie brechen auf, und Pamela bleibt in der Tür stehen und sieht ihnen nach, bis sie hinter der ersten Ecke des Flurs verschwunden sind.

Sie schließt die Tür, kehrt ins Schlafzimmer zurück und bleibt stehen, als sie ein scharrendes Geräusch hört.

Nasser Schnee rutscht vom Dach hinunter, blinkt am Fenster auf und schlägt dumpf auf den Boden.

Pamela zieht sich einen Bikini, einen Frotteebademantel und Pantoffeln an, steckt die Schlüsselkarte, das Handy und ein Buch in den Stoffbeutel und verlässt die Suite.

Der Wellness-Bereich ist vollkommen leer, weil alle draußen auf den Hängen sind. Das Wasser im großen Schwimmbecken ist spiegelglatt und reflektiert den Schnee und den Wald draußen vor den Fenstern.

Pamela legt die Stofftasche auf einen Tisch zwischen zwei Liegestühlen, zieht den Bademantel aus und geht zu einer Bank, auf der aufgerollte, saubere Handtücher liegen.

Das Schwimmbecken ist an einer Seite von einer Säulenreihe begrenzt.

Sie sinkt in das lauwarme Wasser und beginnt langsam zu schwimmen. Nach zehn Bahnen legt sie am hinteren Ende des Beckens vor den großen Panoramafenstern eine Pause ein.

Jetzt wünscht sie sich, dass Martin und Alice auch hier wären. Es ist magisch, denkt sie und blickt auf die Berge und den Nadelwald im Sonnenschein.

Sie schwimmt weitere zehn Bahnen, geht wieder nach oben, setzt sich in einen Liegestuhl und liest.

Ein junger Mann kommt vorbei und fragt sie, ob sie noch etwas wünsche, und sie bestellt einen Champagner, obwohl es noch Morgen ist.

Schwerer Schnee rutscht von einer großen Fichte auf den Boden. Die Äste wippen, und kleine Flocken wirbeln durch das Sonnenlicht.

Sie liest noch drei Kapitel, trinkt den Champagner aus, setzt die Brille ab und begibt sich in die Dampfsauna, wo sie beginnt, über Martins immer wiederkehrende Alpträume nachzudenken.

Seine Eltern und zwei Brüder sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, als er noch klein war. Martin wurde aus dem Fenster geschleudert, schrammte sich den gesamten Rücken am Asphalt auf, aber er überlebte.

Als sie und Martin sich kennenlernten, arbeitete ihr bester Freund Dennis als Psychologe in einer Jugendklinik und spezialisierte sich gleichzeitig auf Trauerbegleitung. Er brachte Martin dazu, sich zu öffnen und über seinen Verlust und seine Schuldgefühle zu sprechen, die er wie einen Treib-Anker hinter sich herschleppte.

Pamela bleibt in der Sauna, bis sie vollkommen nass ist von Schweiß und Dampf, dann duscht sie, zieht sich einen trockenen Bikini an und geht in den Massageraum. Eine Frau mit vernarbten Wangen und einem traurigen Blick heißt sie willkommen.

Sie nimmt das Bikinioberteil ab, legt sich bäuchlings auf den Tisch und bekommt ein Handtuch über die Hüften gelegt.

Pamela schließt die Augen und spürt, wie sich die Gedanken verflüchtigen.

Das Bild von Martin und Alice, die in dem stillen Flur verschwanden, ohne sich noch einmal umzudrehen, fliegt durch ihren Kopf.

Die Fingerspitzen der Frau folgen dem Rückgrat bis hinunter zum Rand des Handtuchs. Sie massiert den oberen Teil der Gesäßmuskulatur, sodass die Oberschenkel auseinandergedrückt werden.

Nach der Massage und der Gesichtsbehandlung will Pamela noch einmal zum Schwimmbecken und ein Glas Wein und ein Krabbensandwich bestellen.

Die Frau nimmt noch mehr von dem warmen Öl, die Hände gleiten von der Taille die Rippen entlang bis zu den Achseln.

Ein kalter Schauer läuft Pamelas Rücken entlang, trotz der Hitze im Massageraum.

Vielleicht sind es nur die Muskeln, die sich entspannen.

Sie denkt wieder an Martin und Alice und sieht sie in der Fantasie aus irgendeinem Grund aus großer Höhe.

Der Kallsjön liegt mandelförmig zwischen den Bergen, das Eis ist stahlgrau, und die beiden sind nur als kleine schwarze Punkte zu erkennen.

Die Massage endet damit, dass die Frau sie mit warmen Handtüchern bedeckt und den Raum verlässt.

Pamela bleibt noch eine Weile liegen, steht dann vorsichtig auf und zieht sich das Bikinioberteil an.

Ihre Pantoffeln sind nass und kalt, als sie ihre Füße hineinsteckt.

Aus der Entfernung hört sie das Rattern eines Hubschraubers.

Sie geht in einen anderen Raum und wird von der Hauttherapeutin begrüßt, einer blonden Frau, die nicht älter als zwanzig zu sein scheint.

Pamela schläft während der Tiefenreinigung und dem Peeling ein. Die Frau bereitet eine Gesichtsmaske aus Lehm vor, als es an der Tür klopft.

Sie entschuldigt sich und verlässt den Behandlungsraum.

Pamela hört einen Mann schnell reden, kann die Worte aber nicht verstehen. Nach einer Weile kommt die junge Frau zurück, auf ihrem Gesicht spiegelt sich ein seltsamer Ausdruck.

»Entschuldigen Sie, aber es scheint einen Unfall gegeben zu haben«, sagt sie.

»Was denn für einen Unfall?«, fragt Pamela ein bisschen zu laut.

»Sie sagen, dass es nichts Gefährliches ist, aber Sie sollten vielleicht ins Krankenhaus fahren.«

»In welches Krankenhaus?«, fragt sie und holt das Handy aus der Stofftasche.

»In Östersund.«

6

PAMELA BEMERKT NICHT, dass ihr Bademantel offen steht, als sie durch das Hotel eilt. Sie ruft Martin an und hört mit steigender Panik die Klingeltöne.

Als sich niemand meldet, beginnt sie zu rennen, verliert einen Pantoffel, lässt sich davon aber nicht aufhalten.

Der weiche Teppichboden dämpft ihre Tritte, bringt sie zum Verstummen, wie unter Wasser.

Pamela ruft Alice an, wird aber sofort zur Mailbox umgeleitet.

Sie bleibt vor den Fahrstühlen stehen und drückt auf den Knopf, schüttelt den anderen Pantoffel ab und bemerkt, dass ihre Hände zittern, als sie erneut Martin anruft.

»Geh schon ran«, flüstert sie.

Sie wartet kurz, bevor sie sich entscheidet, die Treppe zu nehmen. Sie nimmt zwei Stufen auf einmal, hält sich dabei am Geländer fest.

Auf dem Absatz im zweiten Stock stolpert sie fast über einen Plastikkanister mit Bohnerwachs, den dort jemand vergessen hat.

Sie stürmt weiter nach oben, während sie zu deuten versucht, was die blonde Frau zu ihr gesagt hat.

Sie meinte, dass es nichts Gefährliches sei.

Aber warum gehen sie nicht ans Telefon?

Pamela stolpert in den Flur des dritten Stocks, taumelt nach vorn, stützt sich an der Wand ab und beginnt zu laufen.

Keuchend bleibt sie vor der Tür zur Suite stehen, holt die Schlüsselkarte heraus und geht hinein und direkt weiter zum Schreibtisch, nimmt das Festnetztelefon und stößt dabei das Gestell mit den Broschüren herunter, ruft den Empfang an und bittet darum, ihr ein Taxi zu holen.

Sie zieht sich die Kleidung über den Bikini, nimmt die Tasche und das Telefon und verlässt den Raum.

Während der ganzen Taxifahrt versucht sie weiter anzurufen und schickt SMS an Alice und Martin.

Endlich erreicht sie das Krankenhaus und spricht mit einer Frau, die behauptet, dass sie keine Informationen herausgeben dürfe.

Pamelas Herz zerspringt fast, und sie muss sich zusammenreißen, um die Frau nicht anzuschreien.

Baumstämme und zusammengesunkene Schneehaufen flimmern am Autofenster vorbei. Dunkle Fichten stehen dicht im Sonnenlicht. Hasenspuren verschwinden in den kahlgeschlagenen Flächen. Die Fahrbahn ist feucht vom Schneematsch.

Sie faltet die Hände und betet, dass mit Martin und Alice alles in Ordnung ist.

Alle möglichen Gedanken galoppieren ihr mit unerträglicher Intensität durch den Kopf, sie sieht vor sich, wie ihr Mietwagen ins Schleudern gerät und einen Hang hinunterstürzt, sie sieht eine Bärenmutter durch das Fichtengeäst heranrasen, einen Angelhaken in einem Auge landen oder ein Bein, das oberhalb des Stiefelschafts bricht.

Sie hat mittlerweile über dreißig Mal bei Martin und Alice angerufen, hat SMS und Mails geschickt, aber immer noch keine Antwort bekommen, als das Taxi Östersund erreicht.

Das Krankenhaus ist ein großer Komplex mit brauner Fassade und verglasten Fußgängerbrücken, die in der Sonne glänzen.

Schmelzwasser rinnt über die Straße.

Der Taxifahrer biegt ab und bleibt neben der Krankenwageneinfahrt stehen, sie bezahlt und verlässt das Taxi mit einer dröhnenden Angst.

Sie eilt an einer braunen Mauer entlang, die mit seltsamen blutroten Holzbalken verziert ist, wird in die Notaufnahme gelockt wie in eine Falle, taumelt zum Aufnahmeschalter und hört ihre eigene Stimme wie aus großer Entfernung, als sie sich anmeldet.

Ihre Hände zittern, als sie ihren Ausweis herausholt.

Der bärtige Mann hinter dem Schalter bittet sie, im Wartezimmer Platz zu nehmen, aber sie bleibt stehen, starrt auf ihre Schuhe und die schwarze Fußmatte.

Sie überlegt, das Handy herauszuholen und nach Meldungen über Verkehrsunfälle zu suchen, kann sich aber nicht dazu durchringen.

Sie hat in ihrem ganzen Leben noch nie eine solche Angst gehabt.

Sie geht ein paar Schritte, dreht sich um und sieht den bärtigen Mann an.

Sie spürt, dass sie nicht noch länger warten kann, will durch die Behandlungsräume der Notaufnahme gehen und nach ihrer Familie suchen.

»Pamela Nordström?«, sagt eine Krankenschwester und kommt auf sie zu.

»Was ist denn passiert? Niemand hat mir etwas gesagt«, antwortet Pamela und muss heftig schlucken, während sie ihr folgt.

»Ich weiß es nicht. Sie müssen mit der Ärztin sprechen.«

Sie gehen durch Korridore voller Fahrtragen. Türen mit fleckigen Fensterscheiben öffnen sich automatisch vor ihnen.

Sie erreichen die Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin. Pflegekräfte bewegen sich rasch durch die Korridore.

Der Kunststoffboden ist cremeweiß, und es riecht intensiv nach Desinfektionsmittel.

Eine sommersprossige Krankenschwester kommt aus einem Zimmer und begrüßt sie mit einem beruhigenden Lächeln.

»Ich kann verstehen, dass Sie sich Sorgen machen«, sagt sie und gibt Pamela die Hand. »Aber es besteht keine Gefahr, das kann ich Ihnen versichern, alles wird gut, und sie können auch gleich mit der Ärztin sprechen.«

Pamela folgt der Krankenschwester in ein Intensivzimmer. Sie hört das rhythmische Zischen eines Beatmungsgeräts.

»Was ist denn passiert?«, fragt sie beinahe lautlos.

»Wir haben ihn sediert, aber er ist außer Gefahr.«

Martin liegt auf einem Bett und hat einen Plastikschlauch im Mund. Seine Augen sind geschlossen, und er ist an verschiedene Messgeräte angeschlossen, die die Aktivität des Herzens, den Puls, den Sauerstoff- und den Kohlendioxidgehalt des Bluts überwachen.

»Aber …«

Pamelas Stimme versagt, und sie versucht sich an der Wand abzustützen.

»Er ist durch das Eis gebrochen und war stark unterkühlt, als er gefunden wurde.«

»Aber Alice«, murmelt sie.

»Was meinen Sie?«, fragt die Krankenschwester mit einem Lächeln.

»Meine Tochter, wo ist meine Tochter, Alice?«

Sie hört die eigene Panik, ihre unkontrollierte Stimme, während das Gesicht der Krankenschwester aschfahl wird.

»Wir wissen nichts von einer …«

»Sie waren zusammen auf dem Eis«, schreit Pamela. »Sie war dort mit ihm zusammen, Sie können sie doch nicht einfach vergessen haben, sie ist doch noch ein Kind, Sie können doch nicht … können doch nicht einfach …!«

Fünf Jahre später

7

MAN SAGT, WENN irgendwo eine Tür geschlossen wird, dann öffnet Gott eine andere – oder zumindest ein Fenster. Aber wenn manche Türen geschlossen werden, klingt dieser Spruch eher zynisch als tröstlich.

Pamela steckt ein Pfefferminzbonbon in den Mund und zerbeißt es.

Der Fahrstuhl zischt nach oben in die Langzeitpflegeabteilung für psychisch kranke Patienten im Sankt-Göran-Krankenhaus.

Die Spiegel vor und hinter ihr vervielfältigen ihr Gesicht in einem unendlichen Bogen.

Vor der Beerdigung hatte sie sich das gesamte Haar abrasiert, aber jetzt fallen die kastanienroten Locken wieder auf ihre Schultern.

An Alice’ erstem Geburtstag nach ihrem Tod ließ sich Pamela zwei Punkte unter das linke Auge tätowieren, genau dort, wo die Tochter ihre Muttermale hatte.

Dennis überzeugte sie davon, zum Krisen- und Traumazentrum zu gehen, und sie lernte Schritt für Schritt, mit dem Verlust zu leben.

Sie hat sogar aufgehört, Antidepressiva zu nehmen.

Der Fahrstuhl bleibt stehen, und die Türen gleiten auseinander. Pamela geht durch die leere Eingangshalle, meldet sich beim Empfang an und gibt ihr Handy ab.

»Jetzt werden also die Koffer gepackt«, sagt die Frau und lächelt.

»Ja, endlich«, antwortet Pamela.

Die Frau legt das Handy in ein Fach, gibt ihr einen Besucherausweis, steht auf, schiebt ihre Karte durch das Lesegerät und öffnet die Tür.

Pamela bedankt sich und betritt den langen Korridor.

Ein blutiger Latexhandschuh liegt neben einem Putzwagen auf dem Boden.

Sie geht in den Tagesraum, begrüßt den Pfleger und setzt sich wie gewohnt auf das Sofa, um zu warten. Manchmal braucht Martin ziemlich lange, um sich zurechtzumachen.

Ein junger Mann sitzt vor einem Schachbrett. Er spricht angsterfüllt mit sich selbst und korrigiert die Position einer der Figuren minimal.

Eine alte Frau schaut mit offenem Mund fern, während jemand, der ihre Tochter sein könnte, mit ihr zu reden versucht.

Das Vormittagslicht spiegelt sich auf dem Kunststoffboden.

Der Pfleger geht ans Telefon, meldet sich mit leiser Stimme und verlässt den Tagesraum.

Zornige Schreie dringen durch die Wände herein.

Ein älterer Herr mit gebleichten Jeans und einem schwarzen T-Shirt kommt in das Zimmer, sieht sich um und setzt sich dann genau gegenüber von Pamela in einen Sessel.

Er ist vielleicht sechzig Jahre alt. Die Falten in seinem mageren Gesicht sind tief, die Augen leuchtend grün, und sein graues Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden.

»Hübsche Bluse«, sagt er und beugt sich zu ihr vor.

»Danke«, antwortet sie knapp und zieht ihre Jacke zusammen.

»Ich konnte deine Brustwarzen durch den Stoff sehen«, erklärt er mit gedämpfter Stimme. »Sie werden gerade hart, weil ich darüber spreche, ich weiß … Mein Gehirn ist voller toxischer Sexualität …«

Pamelas Herz pocht heftiger vor Unbehagen, und sie fragt sich, ob sie nicht in ein paar Sekunden aufstehen und zurück zum Empfang gehen sollte, ohne dabei Angst zu zeigen.

Die alte Frau vor dem Fernseher lacht auf, und der junge Mann stößt den schwarzen König auf dem Schachbrett mit dem Finger um.

Durch die Wände hört man das Klappern aus der Aufwärmküche.

An der Decke schwirren Staubfäden vor dem Lüftungsgitter aus vergilbtem Kunststoff.

Der Mann, der Pamela gegenüber sitzt, zupft sich die Jeans in seinem Schritt zurecht und streckt dann die Hände in einer einladenden Geste nach ihr aus. Tiefe Narben laufen von seiner Armbeuge über die Innenseiten der Unterarme bis in die Handflächen hinein.

»Ich kann dich von hinten nehmen«, sagt er sanft. »Ich habe zwei Schwänze … Ehrlich, ich bin eine Sexmaschine, du wirst schreien und weinen …«

Er hält inne und zeigt auf die Tür zum Korridor.

»Auf die Knie«, sagt er mit einem breiten Lächeln. »Jetzt kommt der Übermensch, der Patriarch …«

Der alte Mann klatscht in die Hände und lacht erregt, als ein kräftiger Mann im Rollstuhl von einem Pfleger in den Tagesraum gefahren wird.

»Der Prophet, der Verkünder, der Meister …«

Der Mann im Rollstuhl scheint sich nicht von dem Gegeifer irritieren zu lassen, er bedankt sich nur leise, als er auf der anderen Seite des Schachbretts abgestellt wird. Er dreht das Silberkreuz, das er an einer Kette um den Hals trägt, auf die richtige Seite.

Der Pfleger geht mit einem angestrengten Lächeln auf den knienden Mann zu.

»Primus, was machst du hier?«, fragt der Pfleger.

»Ich habe Besuch bekommen«, antwortet er und nickt zu Pamela hinüber.

»Du weißt, dass du Restriktionen hast.«

»Ich habe mich nur verlaufen.«

»Steh auf, ohne sie anzusehen«, sagt der Pfleger.

Pamela hebt nicht den Blick, spürt aber, dass er sie weiterhin anstarrt, als er sich vom Fußboden erhebt.

»Führ den Sklaven hinaus«, sagt der Mann im Rollstuhl ruhig.

Primus dreht sich um und folgt dem Pfleger. Das Zahlenschloss summt. Die Tür, die in die Abteilung der Patienten führt, schließt sich hinter ihnen, und das Geräusch ihrer Schritte auf dem Kunststoffboden verstummt.

8

DIE TÜR ZUM Patientenflur öffnet sich erneut, und Pamela hebt den Kopf. Ein Pflegehelfer trägt Martins Rucksack und begleitet ihn in den Tagesraum.

Früher hing Martins blondes Haar bis auf den Rücken, er bewegte sich lässig und trug Lederhosen, schwarze Hemden und Sonnenbrillen mit rosa verspiegelten Gläsern.

Inzwischen erhält er starke Medikamente und hat zugenommen, das kurzgeschnittene Haar ist strähnig und das Gesicht blass und ängstlich. Er trägt ein blaues T-Shirt, Adidas-Hosen und weiße Turnschuhe ohne Schnürsenkel.

»Liebling«, sagt sie mit einem Lächeln und steht auf.

Martin schüttelt den Kopf und betrachtet erschrocken den Mann im Rollstuhl. Sie geht zum Pfleger und nimmt ihm den Rucksack ab.

»Alle hier sind stolz auf dich«, sagt der Pfleger.

Martin lächelt nervös und zeigt Pamela, dass er sich eine Blume in die Handfläche gemalt hat.

»Ist die für mich?«, fragt sie.

Er nickt hastig und schließt die Hand wieder.

»Danke«, sagt sie.

»Ich kann keine echten kaufen«, sagt er, ohne sie anzusehen.

»Ich weiß.«

Martin zupft am Ärmel des Pflegers und bewegt lautlos den Mund.

»Du hast schon in die Tasche gesehen«, sagt der Pfleger und wendet sich an Pamela. »Er möchte in den Rucksack sehen und kontrollieren, ob er alles dabeihat.«

»Okay«, antwortet sie und gibt Martin die Tasche.

Er setzt sich auf den Boden, holt seine Sachen heraus und legt sie in eine ordentliche Reihe.

Mit Martins Gehirn ist alles in Ordnung, es hat unter dem Eis keinen Schaden genommen.

Nach dem Unfall hat er allerdings fast aufgehört zu sprechen. Jedem Wort, das er sagt, folgt eine Welle der Angst.

Alle scheinen sich sicher zu sein, dass es sich um eine Posttraumatisches Belastungsstörung handelt, die von paranoiden Wahnvorstellungen begleitet wird.

Pamela weiß, dass er nicht heftiger über den Verlust von Alice trauert als sie selbst, denn das ist unmöglich. Auch wenn sie eigentlich eine starke Person ist und gelernt hat, dass Menschen unterschiedlich reagieren, weil sie unterschiedliche Voraussetzungen haben. Martins gesamte Familie ist bei einem Autounfall gestorben, als er noch ein Kind war, und als Alice ertrank, wurde sein Trauma komplex.

Durch das Fenster sieht Pamela, dass ein Krankenwagen vor der psychiatrischen Notaufnahme hält, aber ihre Gedanken wandern fünf Jahre zurück in die Intensivabteilung des Krankenhauses in Östersund.

»Sie waren zusammen auf dem Eis«, schrie sie. »Sie war dort mit ihm zusammen, Sie können sie nicht einfach vergessen haben, sie ist doch noch ein Kind, Sie können doch nicht … können doch nicht einfach …!«

Die sommersprossige Krankenschwester starrte sie an und öffnete den Mund, ohne ein Wort hervorzubringen.

Die Polizei und der Rettungsdienst wurden sofort alarmiert, sie flogen zurück zum Kallsjön und setzten Taucher ein.

Pamela konnte ihre Gedanken nicht zusammenhalten, sie ging rastlos im Raum hin und her, versicherte sich selbst, dass das alles nur ein Missverständnis war, dass es Alice gut ging. Sie sagte sich selbst, dass sie alle drei bald zusammen am Esstisch in Stockholm sitzen und über diesen Tag sprechen würden. Sie malte sich all das aus, obwohl sie wusste, dass es nicht passieren würde, obwohl ihr im Grunde schon klar war, was geschehen war.

Sie stand neben Martins Bett, als er aus der Narkose erwachte. Er öffnete für ein paar Sekunden die Augen, schloss sie wieder für eine lange Zeit, bevor er schließlich mit einem schweren Blick zu ihr aufsah und versuchte, die Wirklichkeit zusammenzusetzen.

»Was ist passiert?«, flüsterte er und befeuchtete sich die Lippen. »Pamela? Was ist los?«

»Du bist durch das Eis gebrochen«, sagte sie und musste schlucken.

»Nein, das war doch dick genug«, sagte er und versuchte den Kopf vom Kissen zu heben. »Ich habe gebohrt, es waren zehn Zentimeter … man hätte mit dem Motorrad darauf fahren können, das sagte ich auch zu …«

Er verstummte und betrachtete sie mit einer plötzlichen Intensität.

»Wo ist Alice?«, fragte er mit zitternder Stimme. »Pamela, was ist da passiert?«

Er versuchte, aus dem Bett zu kommen, fiel heraus und landete mit dem Gesicht auf dem Kunststoffboden, sodass eine Augenbraue zu bluten begann.

»Alice!«, rief er.

»Seid ihr beide eingebrochen?«, fragte Pamela mit schriller Stimme. »Ich muss es wissen. Sie suchen mit Tauchern nach ihr.«

»Ich begreife es nicht, sie … sie …«

Schweiß rann die blassen Wangen hinunter.

»Was ist passiert? Sprich mit mir, Martin!«, sagte sie hart und packte sein Kinn. »Ich muss wissen, was passiert ist.«

»Bitte, ich versuche mich zu erinnern … Wir haben geangelt, so war es … es war perfekt, alles war perfekt …«

Er rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. Seine Augenbraue begann wieder zu bluten.

»Sag mir einfach, was passiert ist.«

»Warte …«

Er griff mit der Hand nach dem Bettgestell, seine Fingerknöchel wurden weiß.

»Wir sprachen darüber, quer über den See zu einer anderen Bucht zu gehen, packten unsere Sachen und …«

Seine Pupillen weiteten sich, und er begann schneller zu atmen. Sein Gesicht war so angespannt, dass sie ihn beinahe nicht wiedererkannte.

»Martin?«

»Ich bin eingebrochen«, sagte er und sah ihr in die Augen. »Es gab keine Anzeichen dafür, dass das Eis dünner war, ich verstehe es einfach nicht …«

»Und was war mit Alice?«

»Ich versuche mich zu erinnern«, sagte er mit seltsam gebrochener Stimme. »Ich ging vor ihr, als das Eis nachgab … es ging verdammt schnell, plötzlich war ich unter Wasser. Da waren jede Menge Eisschollen und Luftblasen und … ich schwamm nach oben, als ich das Krachen hörte … Alice stürzte ins Wasser, schräg unter das Eis … Ich kam nach oben und atmete, tauchte wieder und sah, dass sie die Orientierung verloren hatte, sich von der Öffnung entfernte … ich glaube, dass sie sich den Kopf angeschlagen hatte, denn sie war von einer roten Wolke umgeben.«

»Großer Gott«, flüsterte Pamela.

»Ich tauchte und dachte, dass ich sie noch erreichen könnte, als sie plötzlich aufhörte zu kämpfen und sank.«

»Was soll das heißen? Sie sank?«, schluchzte Pamela. »Wie konnte sie denn sinken?«

»Ich schwamm ihr nach, streckte die Hand aus und versuchte sie am Haar zu packen, aber ich erreichte sie nicht … und dann verschwand sie in der Dunkelheit, ich konnte nichts mehr sehen, es war zu tief, alles schwarz …«

Martin starrte sie an, als würde er sie das erste Mal sehen, und das Blut rann von der Augenbraue durch sein Gesicht.

»Aber du bist doch getaucht … du bist ihr doch hinterhergetaucht?«

»Ich weiß nicht mehr, was dann passierte«, flüsterte er. »Ich verstehe es nicht … Ich wollte nicht gerettet werden.«

Später erfuhr Pamela, dass eine Gruppe Schlittschuhläufer den gelben Eisbohrer und den Rucksack neben dem offenen Eis entdeckt hatten. Fünfzehn Meter entfernt davon fanden sie einen Mann unter dem Eis und schlugen ihn frei.

Ein Hubschrauber brachte Martin nach Östersund ins Krankenhaus. Er hatte eine Körpertemperatur von siebenundzwanzig Grad, war bewusstlos und wurde sofort an ein Beatmungsgerät angeschlossen.

Sie mussten ihm drei Zehen am rechten Fuß amputieren, aber er überlebte.

Das Eis hätte nicht brechen dürfen, aber die Strömung hatte dafür gesorgt, dass es genau an dieser Stelle dünner geblieben war.

Das war das einzige Mal, dass er ausführlich von dem Unfall erzählte, direkt nachdem er aus der Narkose aufgewacht war.

Danach stellte er das Sprechen beinahe vollständig ein und wurde immer paranoider.

Am Jahrestag des Unfalls wurde Martin barfuß mitten auf der verschneiten Autobahn in Höhe des Hagapark aufgegriffen.

Die Polizei brachte ihn zur psychiatrischen Notaufnahme des Sankt-Göran-Krankenhauses.

Seitdem war er fast ununterbrochen in psychiatrischer Langzeitpflege.

Mittlerweile sind fünf Jahre vergangen, und Martin hat immer noch keinen Weg gefunden, das zu akzeptieren, was passiert ist.

Sein individueller Behandlungsplan ist in den vergangenen Jahren darauf ausgerichtet gewesen, ihn in die ambulante Betreuung zu überführen. Er hat gelernt, mit seiner Angst umzugehen, und es gelingt ihm wochenweise zu Hause leben, ohne dass er darum bittet, in die Abteilung zurückkehren zu dürfen.

Und jetzt haben Pamela und Martin zusammen mit dem Chefarzt beschlossen, dass er ganz nach Hause ziehen soll.

Sie finden alle drei, dass der richtige Zeitpunkt für diesen Schritt gekommen ist.

Es ist auch aus einem anderen Grund sehr wichtig.

Seit mehr als zwei Jahren arbeitet Pamela als ehrenamtliche Telefonberaterin für das Kinderhilfswerk BRIS und nimmt Anrufe von Kindern und Jugendlichen entgegen, die in Schwierigkeiten sind. So kam sie in Kontakt mit dem Jugendamt in Gävle und hörte von einem siebzehnjährigen Mädchen, das niemand haben wollte, Mia Andersson.

Pamela ist inzwischen mit ihnen in Kontakt, um darüber zu sprechen, ob sie Mia als Pflegemutter in ihre Wohnung holen könnte, aber Dennis hat sie gewarnt, dass sie eine Absage bekommen würde, solange sich Martin in stationärer Pflege befindet.

Als Pamela Martin von Mia erzählte, war er so froh, dass ihm die Tränen in die Augen stiegen. Daraufhin versprach er, dass er alles versuchen würde, um dauerhaft nach Hause ziehen zu können.

Mia Anderssons Eltern waren beide schwer drogenabhängig und starben, als sie acht Jahre alt war. Sie selbst war während ihrer ganzen Kindheit mit Kriminalität und Drogenmissbrauch konfrontiert. Sie kam in keiner der Pflegefamilien zurecht, und jetzt ist sie so alt, dass sich niemand mehr für sie interessiert.

Manche Familien haben große Verlusten erlitten, und Pamela denkt seit einiger Zeit, dass sie sich mit Menschen zusammentun müssen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Sie alle drei haben ihre Nächsten verloren, sie verstehen einander und können einen gemeinsamen Heilungsprozess beginnen.

»Schließ jetzt bitte den Rucksack«, sagt der Pfleger.

Martin schließt den Reißverschluss, klappt den Deckel darüber und steht mit der Tasche in der Hand auf.

»Bist du bereit, nach Hause zu ziehen?«, fragt Pamela.

9

DAS GEMACH IST dunkel, aber das Guckloch in dem schlingernden Tapetenmuster leuchtet wie eine graue Perle.

Vor ungefähr einer Stunde war das Loch eine ganze Weile dunkel.

Jenny liegt vollkommen still in ihrem Bett und lauscht Fridas Atem. Man hört, dass auch sie wach ist.

Der Hund auf dem Hof bellt ein paarmal.

Jenny hofft, dass Frida sich nicht einbildet, schon gefahrlos sprechen zu können.

Die Treppe zum Obergeschoss hat gerade noch geknarzt. Vielleicht lag es nur am Holz, das sich bei Anbruch der Nacht zusammengezogen hat, aber sie dürfen kein Risiko eingehen.

Jenny starrt auf die leuchtende Perle, versucht zu erkennen, ob sich das Licht in dem Raum dahinter verändert.