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Bauernsöhne, denen das Schicksal eines Soldatensöldners, eines Knechtes oder Tagelöhners zu werden, nicht in ihre Lebensvorstellungen passte. Sie suchten den Ausweg, erstens, neues Land zu erwerben und zweitens, den kriegerischen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. Dazu bietet die Mennonitenbewegung und später die Bildung einer Tempelgesellschaft eine klare Alternative.
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Seitenzahl: 625
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Walter Lange
Der steinige Weg
Die Geschichte einer Tempelgemeinde mennonitischer
Herkunft in Russland
© 2013 Lichtzeichen Verlag GmbH, Lage
Satz/Umschlag: Gerhard Friesen
ISBN: 9783869549699
Bestell-Nr.: 548969
E-Book Erstellung: LICHTZEICHEN Medien www.lichtzeichen-medien.com
Liebe Leserinnen und Leser!
Ich habe eine Bitte an Sie: Helfen Sie mir in der Verbreitung dieses Buches. Jeder, besonders die heranwachsenden jungen Menschen, sollte die Geschichte der Russlanddeutschen kennen lernen.
Schon jetzt stellen viele von ihnen die Frage: „Wie war es damals und dort, wo ihr gelebt habt? Warum haben die Eltern und Großeltern, sobald die Grenzen von Russland geöffnet wurden, das Land, wo es so viele Entwicklungsmöglichkeiten gibt, verlassen und sind in das dicht besiedelte Deutschland gekommen?“
Die Verantwortung für eine wahrheitsgerechte Antwort hat die noch lebende Generation, die Zeitzeugen. Doch sie werden nicht mehr lange da sein. Erst jetzt im demokratischen und freien Deutschland gibt es die Möglichkeit die Wahrheit ans Licht zu bringen. Niemand braucht sich mehr vor dem NKWD (KGB) zu fürchten, wenn er oder sie über jene grausame Zeit der kommunistischen Diktatur berichtet. Einen kleinen Beitrag dazu soll das vor Ihnen liegende Buch leisten.
Mit einem herzlichen Gruß und besten Wünschen ihr
Walter Lange
In dankbarer Erinnerung an meine Eltern und Vorfahren
Dank
Vorwort
1. Zeittafel, die Geschichte in Daten und Zahlen
2. Schicksal der Deutschen in der Sowjetunion
3. Geschichtliches, Entstehung des Mennonitentums in Europa
4. Auswanderung der Deutschen nach Russland
5. Die Mennoniten in Russland und in der Sowjetunion
6. Entstehung der Tempelgesellschaft in Deutschland und Palästina
6.1 Gründung einer Tempelgesellschaft mennonitischer Herkunft in Russland
6.2. Gründung einer Tempelgemeinde in Gnadenfeld 1863
7. Abschied von Gnadenfeld, Aufbruch nach Nordkaukasus
7.1. Der Umzug der Templerfamilien an den Kaukasus
7.2. Die Gründung neuer Kolonien Tempelhof und Orbeljanowka
8. Kritische Jahre 1871-1878
8.1. Templerkolonien im Kaukasus im letzten Viertel des 19. Jahrhundert
8.2. Wetterkapriolen und Zerstörung der Existenzgrundlagen der Bauern
8.3. Wechselhafte Erfolge und Mißerfolge im Leben der Kolonien Tempelhof und Orbeljanowka
8.4 Dietrich Dyck und seine Glaubensauffassungen
9. Der neue Umzug weiter in die trockene Steppe
9.1. Abschied von Tempelhof und Orbeljanowka, Olgino
9.2. Romanowka
10. Der Jahresarbeitszyklus der Bauern in den Templerkolonien
10.1. Das Gemeindeleben in Olgino
10.2. Die Fram
10.3. Das geistliche und religiöse Olgino
11. Der Erste Weltkrieg und die Oktoberrevolution in Russland
11.1. Olgino und Romanowka in den Revolutionswirren
11.2. Selbstschutz und Kampf gegen die marodierenden Banden, die Flucht
11.3. Bürgerkrieg, Selbstschutz und Flucht
11.4. Romanowka in den Revolutionswirren
11.5. Die Flucht in die Berge
11.6. Die Geschichte einer Geburt
11.7. Die Flucht nach Deutschland
12. Rückkehr und der neue Aufbau
12.1. Festrede zum 25jährigen Bestehen der Kolonie Olgino
12.2. Blütezeit 1919 bis 1929 in Olgino und Romanowka
12.3. Bildung, Kultur und Sport in der Blütezeit in Olgino
13. Der staatlich-kommunistische Terror und die Zerschlagung der Templergemeinden
14. Das Schicksal der Familie des geistlichen Führers Dietrich Dyck
15. Zwangskollektivierung, Enteignungen, erste Vertreibungen und Verhaftungen. Beginn der Kollektivwirtschaft
15.1. Die schrecklichen Vorkriegsjahre 1930 bis 1941
15.2. Johann Lange 1938 in Krasnodar hingerichtet. Liste der Opfer
15.3 Liste der Opfer des Terrors
15.4 Zusammenfassende Bilanz bis zum Zweiten Weltkrieg
16. Der Zweite Weltkrieg und die Deportation nach Sibirien und Kasachstan
16.1. Günter Lange erzählt über sein Leben in der Kriegszeit
16.2. Frauenschicksale
16.3. Stalins Genozidpolitik
17. Ein ehemaliger Olginoer in sowjetischer Kriegsgefangenschaft
18. Die Familie Dietrich Dyck
18.1. Nachkommen von Dietrich Dyck und Maria Schmidt
19. Die Familie Lange
19.1. Nachkommen von 3.2 Benjamin Lange und Maria Janz
19.2. Nachkommen von Johannes Lange (Bucklige) und Emma Jaus
19.3. Nachkommen von Friedrich Lange und Anna Dyck
19.4. Nachkommen von Elisabeth Lange und Benjamin Lange (Färber)
19.5. Nachkommen von Benjamin Lange und Katharina Dyck
15.6. Nachkommen von Rolf Lange und Isolde Lange
20. Die große Familie Fast
20.1. Nachkommen von Johannes Isak Fast
21. Die Familien David, Johannes und Dietrich Rempel
22. Die Familie Nikolai Schmidt
23. Die Familie Heinrich Sawatzky
24. Die Große Familie Wilhelm Glaum
24.1. Nachkommen von Johannes Glaum und Anna Maria Hartmannsen
25. Das Schlußwort
Quellennachweis
Namensliste, Personenregister mit Erläuterungen
Für die Überlassungen der Zeichnungen für das Titelblatt, so auch zum Thema „Trudarmee“ bin ich Herrn Harry Lange, Müllheim im Schwarzwald, zu großem Dank verpflichtet.
Ein herzliches Dankeschön an Ulf Löchner, Worms, für die Fehlerkorrektur und Mithilfe bei der Gestaltung des Textes.
Allen Zeitzeugen und Helfern danke ich herzlich für ihre Unterstützung bei der Gestaltung des vorliegenden Texts und für die Familienfotos. Dazu zählen Irina Görz, Kreuzau, Alexander Rempel, Dürren, Erna Krämer, Oldenburg, Margot Lange, Butzbach, Beatrice Doktorski, Butzbach, Hulda Glaum, Gladenbach, und viele andere, die ihre persönliche Daten mir zur Verfügung gestellt haben.
Ein herzlicher Dank auch an Bruno Lange für die Herstellung der PDF-Datei.
Besondere Anerkennung und Dank widme ich Herrn Peter Lange, Stuttgart, für die Herstellung der Stammbäume mehreren olginoer Familien.
Dr. Walter Lange
Kelsterbach, den 2 Januar 2009
„Der steinige Weg“ – diese Überschrift wurde von mir für das vorliegende Buch gewählt. Ich glaube, der Weg, den meine Vorfahren in sieben oder sogar acht Generationen in den letzten ca. 250 Jahren gegangen sind, war durchaus nicht „glatt“.
Die Verhältnisse in Europa waren schon immer mit vielen kriegerischen Auseinandersetzungen und menschlichen Leiden gekennzeichnet. Unter solchen oft dramatischen Umständen und immer wieder neu entstehenden Strömungen bezüglich des christlichen Glaubens und der Interpretation der Bibel, verursachten massenhafte Migrationen auch unter der deutschen Bevölkerung. Die Suche nach neuem Land, nach neuen wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten spielte dabei auch eine entscheidende Rolle.
Deutschland war schon immer im Vergleich z.B. mit Frankreich, kein homogener Staat (Land). Früher waren das Fürstentümer jetzt sind das Bundesländer und unabhängige Städte. Ich spiele mit dem Gedanken, dass durch diese Zersplitterung Deutschland sich auch nicht zu einer Kolonialmacht entwickeln konnte. Außerdem ist Deutschland im Zentrum Europa von anderen Staaten und Völkern ‘eingeklemmt‘. Die Menschen suchten, suchen auch heute noch, über die Staatsgrenzen hinaus neue Wohnorte, wo sie ihre religiösen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorstellungen besser entfalten können. Dabei war für die Menschen erster, zweiter, dritter und eventuell auch vierter Generationen in den neuen Wohnorten das Heimatgefühl zu Deutschland als Vaterland noch stark innerlich vorhanden. Bedingung war aber die Möglichkeit zu haben, immer wieder die ehemalige Heimat zu besuchen, eine Ausbildung dort zu erlangen, die deutsche Sprache zu pflegen um die Verwurzelung aufrecht zu erhalten.
So ist es mit meinen Vorfahren passiert. Im mittelalterlichen Deutschland mit ausgeprägten landwirtschaftlichen Strukturen war der Besitz von Land eine unabdingbare Voraussetzung für den Aufbau einer Existenz, Gründung einer Familie und klaren Vorstellungen für die Zukunft.
Aus den kinderreichen Bauernfamilien durch bestimmte Erbgesetze entstanden landlose Bauernsöhne, denen das Schicksal eines Soldatensöldners, eines Knechtes oder Tagelöhners zu werden, nicht in ihre Lebensvorstellungen paßte. Sie suchten den Ausweg, erstens, neues Land zu erwerben und zweitens, den kriegerischen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen.
Dazu bietet die Mennonitenbewegung und später die Bildung einer Tempelgesellschaft eine klare Alternative.
Ich möchte über den ‘steinigen Weg‘, den meine Vorfahren und die Vorfahren vieler Auswanderer aus den deutschen Ländern nach Russland über Jahrhunderte gegangen sind, erzählen. Im Mittelpunkt meiner Schilderung stehen die Templer und besonders die Templer mennonitischer Herkunft.
Wer sind die Templer, die ein Gottesreich auf Erde aufbauen im Ziel hatten und noch heute haben?
In der Zeitschrift „Warte des Tempels“, die schon seit 160 Jahren jeden Monat erscheint, stellt sich die Gesellschaft wie folgt vor:
„Die ‘Tempelgesellschaft‘ ist eine selbständige christliche Glaubens – Gemeinschaft. Sie ist keiner anderen Kirche oder Religionsgemeinschaft angegliedert.
‘Tempel‘ bedeutet hier den Geistigen Tempel Gottes, verkörpert sowohl in einzelnen Menschen als auch in einer Gemeinschaft, deren Mitglieder in brüderlicher Gesinnung und tätiger Nächstenliebe gemeinsam als lebendige Bausteine dieses Tempels wirken wollen.
In Anlehnung an diesen Begriff bemüht sich die Tempelgesellschaft – frei von dogmatischer Bindung und offen für geistige Vielfalt – um die Schaffung und Pflege christlicher Gemeinschaft. Sie fühlt sich mit allen denjenigen verbunden, die, geleitet von ihrem Gewissen, für das Wohl der Menschen eintreten. Das Ziel der Tempelgesellschaft, ausgedrückt in ihrem Losungswort „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch zufallen,, wessen ihr bedürft“ (Mt 6,33) kennzeichnet unser Streben nach dem Reich Gottes auf Erden als oberste Aufgabe. Für die Tempelgesellschaft beinhaltet das Doppelgebot der Liebe „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst (Mt 22,37-39)“ den wesentlichen Kern der Botschaft Jesu vom Reich Gottes auf Erden und weist einen praktischen Weg für die tägliche Arbeit ihrem Ziel entgegen“. Ein ideales Ziel, das die Templer versucht haben in zwei separaten Gegenden zu erreichen. Einmal in Palästina und parallel in Russland. Die Idee konnte Wirklichkeit werden, aber die weltpolitischen Veränderungen in beiden Orten verhinderten den Aufbau des „Reiches Gottes auf Erden“. Durch die Oktoberrevolution in Russland folgte die totale Zerschlagung der Tempelgemeinden. In Palästina wurde die Arbeit am Bau des Tempels durch die Gründung des Staates Israel beendet. Eine Fortsetzung folgte im freien Deutschland und in Australien. Um an die Geschichte des Tempels in Russland näher heranzukommen, beginne ich mit dem 16. Jahrhundert, weil sie eng mit dem Mennonitentum verbunden ist. Als Quellen für die Schilderung dienen die Bücher „Deutsche Geschichte“, (Bänder 6, 7, 8, und 9) herausgegeben von Heinrich Pleticha im Bertelsmann Lexikon Verlag, so auch das Buch von Karl Stump „Die Russlanddeutschen“ und andere Literaturquellen.
1. Zeittafel, die Geschichte in Daten und Zahlen
1652Gründung der Siedlung ‚Deutsche Vorstadt‚ (Nemezkaja Sloboda) in Moskau.1703Gründung der Stadt St. Petersburg.1727Erscheint die erste deutsche Zeitung in Russland „St. Petersburger Zeitung“, (1916 verboten. 1991 wiedergegründet).176322. Juli – Manifest der Kaiserin Katharina II. Aufruf an Ausländer zur Einwanderung nach Russland.1764-67Gründung der ersten Deutschen Kolonien an der Wolga.1774-92Russland erobert in zwei Kriegen mit der Türkei das gesamte Küstenland am Schwarzen Meer zwischen Dnjestr und Kuban, einschließlich der Krim (Taurien, Neurussland).1789Gründung der ersten von Mennoniten gegründeten Kolonie Chortiz am Dnjep in Südrussland.1804Manifest des Zazen Alexander I. (1801-1825) Einladung zur Ansiedlung Deutscher im Schwarzmeergebiet1804-24Gründung zahlreicher Kolonien im Schwarzmeergebiet durch Einwanderer aus Süddeutschland und Danzig-Westprußen.1834Gründung der Kolonie Gnadenfeld an der Molotschna.1842Kodifizierung aller Freiheiten, Rechte und Pflichten der Kolonisten und Verleihung der Bürgerrechte an die Kolonisten im ganzen Zarenreich.1863Gründung der Tempelgesellschaft in Gnadenfeld.1864-68Einwanderung der Wolyniendeutschen.1867-68Übersiedlung der Templer an den Kaukasus und Gründung der Kolonien Tempelhof und Orbeljanowka.187118. Januar. Entstehung des Deutschen Reiches. Der erste Kanzler Bismarck.18714-16. Juni – Aufhebung des Kolonialstatus der ‚ausländischen‚ Kolonien, Aufhebung der Selbstverwaltung der Kolonien in Russland.1874Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht für Kolonisten in Russland. Protest der1875Mennoniten. Beginn der Auswanderung der Mennoniten nach Nord-und Südamerika.18797. Oktober. Entstehung des deutsch-österreichischen Bündnisses. Folge: Verschlechterung der Lage der Deutschen in Russland.1887Die deutsche Kontoralschulen in Russland wurde unter Aufsicht des staatlichen Schulinspektors gestellt.1891In deutschen Schulen Russlands wurde der Unterricht der deutschen Sprache eingeschränkt und Russisch als erste Unterrichtssprache eingeführt.1897-98Gründung der Kolonien Olgino und Romanowka in der Gegend ‚Suchaja Padina‚, Nordkaukasus.1908Geschlossenes deutsches Siedlungsgebiet entsteht in der Kulundasteppe (Sibirien).19141. August – Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Ca. 300.000 Russlanddeutsche dienen in der russischen Armee. Auch Mennoniten sind als Sanitäter und Versorger dabei. Trotzdem werden die ‚innere Deutsche‚ zu Feinden des Russischen Reiches erklärt.19152. Februar, der Zar Nikolai II. unterschrieb das Liquidationsgesetz. Der Landbesitz der Deutschen entlang des westlichen Grenzstreifens von 150 km wurde annulliert. Ca 200.000 Kolonisten aus Wolhynien und dem Westen des Schwarzmeergebietes werden enteignet und zwangsmäßig nach Sibirien und Mittelasien übersiedelt.191712 März. Februarrevolution, Abdankung des Zaren Nikolaus II.19177. November – Oktoberrevolution, die Welt verändert hat.19183. März. Frieden von Brest-Litowsk. Repatriierungsklausel zugunsten der Deutschen in Russland.1918-19Bürgerkrieg in Russland, Flucht der Olginoer und Romanower vor den Roten in die Berge.191819. Oktober. Gründung der autonomen Kommune der Deutschen an der Wolga.1921-22Große Hungersnot in Russland, viele tausende Menschen verhungern.1921-27Neue ökonomische Politik (NEP). Vorübergehende Erholung in den deutschen Kolonien.19246. Januar-20. Februar. Gründung der Autonomen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen mit der Hauptstadt Engels (Prokopjewsk).1927Die letzte Gründungen einer deutschen Siedlungen im fernen Osten Russlands am Fluß Amur.1928Beginn der Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft mit begleitender Enteignung und Entkulakisierung, Vertreibung und Schließung der Kirchen.1932Die letzten Templerfamilien waren gezwungen Olgino und Romanowka zu verlassen.1932-33Die zweite große Hungersnot in Russland, verursacht durch die Zerstörung der privaten Bauernwirtschaften.1933Januar, Hitler mit seiner NSDAP kommt an die Macht. Die Kommunisten und Sozialdemokraten werden in Deutschland verfolgt.19345. November. Annahme des geheimes Beschlusses des ZK der WKP(B) „Über die Arbeit mit der deutschen Bevölkerung in der UdSSR“ In diesem Beschluss wurde durch die Partei vorab entschieden über die Deportation der Russlanddeutschen nach Sibirien und Kasachstan, die durch den Beschluss des Obersten Sowjet der UdSSR vom 28. August 1941 vollzogen wurde.1933-38Verstärkte Ausdehnung der Diskriminierungsmaßnahmem gegen die deutsche Bevölkerung in der Sowjetunion. In diesen Jahren wurden nahezu zweihunderttausend Sowjetdeutsche verhaftet, erschossen, in GULAG-Lagern eingesperrt und dort umgebracht.1938Alle deutsche Rayons in der Sowjetunion wurden aufgelöst.193923 August. Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt wurde abgeschlossen. Die baltischen Republiken durch die Sowjetunion okkupiert, Polen aufgeteilt. Die Verfolgung gegen die deutsche Bevölkerung hat auf eine kurze Zeit nachgelassen1939Acht tage später, am 1.September, überfiel Deutschland Polen. Beginn des Zweiten Weltkrieges.194122. Juni. Überfall von Deutschland auf die Sowjetunion, Fortsetzung des totalen Weltkrieges.194128.August. Erlaß des Obersten Sowjet der UdSSR über die Annullierung der Wolgadeutschen Republik und die Deportation aller Deutschen aus dem europäischen Teil der UdSSR nach Sibirien und Kasachstan.1941Dezember, Gründung der sog. Trudarmee (Arbeiterarmee). Zwangsmobilisierung der deutschen Männer im Alter von 15 bis 55 Jahre und Frauen im Alter von 16 bis 45 Jahre in die GULAG-Lager zur Zwangsarbeit.1944Ca. 350.000 Russlanddeutsche fliehen von der Roten Armee in den Wartegau, wo sie die Deutsch Staatsangehörigkeit erhalten, aber dann 1945-46 aus allen Besatzungszonen nach Sibirien deportiert werden.1944Einführung der Sonderbewahrung (Zwangsansiedlung) für die Sowjetdeutschen.194512 Januar. Beginn der sowjetischen Winteroffensive im Krieg auf Deutschem Boden. Viele Deutsche auf der Flucht.19458. Mai. Deutschlands bedingungslose Kapitulation.194626. November. Dekret des Obersten Sowjets der UdSSR: Die Verbannung der Sowjetdeutschen in den neuen Siedlungsgebieten wird gesetzlich auf „ewige Zeiten“ festgelegt. Verlassen der Ansiedlungsorte ohne Sondergenehmigung mit Zwangsarbeit bis zu 20 Jahren bedroht und bestraft.19535. März. Stalins Tod.195522. Februar. Durch Beschluss des Deutschen Bundestages werden die in dem Krieg erfolgten Einbürgerungen von Russlanddeutschen anerkannt.9-13. September – Besuch des Bundeskanzlers Dr. Konrad Adenauer in Moskau. Aufnahme der diplomatischen Beziehungen.13. Dezember – Dekret des Obersten Sowjet der UdSSR ‚Über die Aufhebung der Beschränkungen in der Rechtsstellung der Deutschen, die sich in den Sondersiedlungen befinden. Abschaffung der Kommandantur. Aber die Rückkehr in die ehemalige Heimatorte und die Rückgabe des konfiszierten Vermögens blieb verboten.1957Die Erscheinung der ersten überregionalen Zeitung „Neues Leben“ im Verlag „Prawda“‚ in Moskau.195924 April – deutsch-sowjetisches Abkommen über die Familienzusammenführung. Nur wenige schaffen es die Sowjetunion zu verlassen.196429 August – Erlaß des Obersten Sowjets der UdSSR über die Rehabilitierung der Sowjetdeutschen und Aufhebung des Deportationsdekrets vom 28 August 1941. Wieder keine Entschädigung und keine Wiederherstellung der autonomen Republik an der Wolga.1965Januar. Erste Delegation der Wolgadeutschen nach Moskau wegen Herstellung der Autonomie und Gerechtigkeit. Weitere Delegationen und Petitionen folgten ohne Erfolg.19723. November. Erscheint der Erlaß des Obersten Sowjets der UdSSR mit dem es erlaubt wurde den Russlanddeutschen frei den Wohnort zu wählen. Das Wort „Entschädigung“ wurde auch in dem Erlass nicht erwähnt.1975Internationale Konferenz in Helsinki. Auch in der Sowjetunion spricht man über Menschenrechte, aber Breshnjew - Ära ist noch lange nicht zu ende.1986Michael Gorbatschow bringt die Politik ‚Glasnost und Perestroika‚ (Öffentlichkeit und Umbau) auf den Weg, die zum Zerfall 1992 der Sowjetunion führt.198628. August. Neues Gesetz über die Erleichterung bei der Ein-und Ausreise. Beginn der Massenauswanderung der Russlanddeutschen in die Bundesrepublik. Bis 2006 waren es mehr wie zwei Millionen.199126 April. Verabschiedung des Gesetzes „Über die Rehabilitierung der repressierten Völkern in der Sowjetunion“19928. Januar. Auftritt der russischen Präsidenten Boris Jelzin im Fernsehen in dem verkündet wurde, dass es auf keinem Fall ein deutsches Autonomiegebiet an der Wolga geben werde.2. Schicksal der Deutschen in der Sowjetunion
Ich beginne mit einer kurzen Zusammenfassung des Schicksals der Deutschen in der Sowjetunion, ausführliche Information darüber bietet mein erstes Buch mit derselben Überschrift. (Lichtzeichen Verlag, ISBN 3-936850-31-3)
Nach den ersten 20 Jahren Sowjetunion war die ‘Deutsche Frage‘ immer noch nicht ‘vollständig gelöst‘. Es gab zwar keine Einzelbauern mehr, aber es gab immer noch deutsche Dörfer, in denen in den Kolchosen gewirtschaftet wurde, und es gab immer noch den ‘inneren Feind‘, den man endgültig vernichten mußte. Die Gelegenheit dazu schaffte das faschistische Deutschland mit dem Überfall am 22 Juni 1941 auf die Sowjetunion. Schon zwei Monate später am 28 August 1941 erschien der Erlaß des Präsidium des Obersten Sowjet der Sowjetunion, mit dem das Ministerium für Landeverteidigung den Auftrag bekommen hat alle Deutsche aus dem europäischen Teil der Sowjetunion nach Sibirien und Kasachstan zu deportieren. Der offizielle Grund lautete:
„...Gemäß genauer Angaben, die die Militärbehörden erhalten haben, befinden sich unter den in den Wolgarayons wohnenden Deutschen Tausende und Zehntausende von Divergenten (Saboteure) und Spione, die nach dem aus Deutschland gegebenen Signal Sabotageakte wie Explosionen in den von Wolgadeutschen besiedelten Rayons hervorrufen sollen...“ Und weiter: „ ...Zur Vorbeugung gegen diese unerwünschten Erscheinungen und um kein ernstes Blutvergießen zuzulassen, hat das Präsidium des Obersten Sowjet der UdSSR es für notwendig gefunden, die gesamte deutsche Bevölkerung aus den Wolgarayons und anderen Rayons umzusiedeln. In Übereinstimmung mit diesem Erlaß wurde dem Staatlichen Komitee für Landesverteidigung vorgeschlagen, die Umsiedlung der gesamten deutschen Bevölkerung unverzüglich auszuführen...“
Dieser Erlaß ist eine Lüge, und die nachfolgende Tat ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. So beurteilen das mehrere Autoren. Nur einzelne seien genannt: Gerhard Wolter im Buch „Die Zone der totalen Ruhe“, der Schriftsteller Leo Hermann im Buch „Die Wahrheit über die Große Lüge“, der Schriftsteller Domenik Hollman in seinem Protestschreiben an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und viele andere. Ob die internationalen Menschenrechtsorganisationen so ein Urteil ausgesprochen haben, ist mir nicht bekannt. Hinter dem ‚eisernen Vorhang‘ war alles geheim und im Schatten des Judenschicksals in Deutschland hat man dieses Verbrechen für das kleinere Übel gesehen. Aber Genozid gegen die Deutsche in der Sowjetunion sollte auch nicht vergessen werden, so wie die Ermordung der Armenier durch die Türken, die man bis heute noch nicht vergessen hat, obwohl mittlerweile fast 100 Jahre vergangen sind.
Durch diesen Erlaß wurden die Deutschen in der Sowjetunion tatsächlich zu einem inneren Feind (jetzt ohne Klammern) erklärt, den man mit allen möglichen Mitteln bekämpfen mußte.
Nach internationalem Recht war die Entscheidung zur Deportation der Wolgadeutschen und die darauffolgende Vertreibung der Deutschen aus dem westlichen Teil der Sowjetunion unbegründet, illegal und verbrecherisch. In dem Erlaß angedeuteten Sabotageakte, Explosionen und Spionagetätigkeit gab es nicht. Man hat einen Vorwand gesucht und man hat ihn gefunden, anders gesagt: man hat ihn er-funden. Es gab auch keinen Versuch dies zu beweisen, weil es eben eine brutale Lüge war. Dieser Erlaß war gerichtlich anfechtbar, doch die Sowjetunion konnte nur international verurteilt werden, aber niemand wollte und konnte diese Willkür verhindern und verurteilen. Die Sowjetunion war lange Jahre von der Weltgemeinschaft isolierter Staat mit geschlossenen Grenzen und diktatorischem Regime.
Aber was half dieser Protest von der Seite der hilflosen Menschen? Die Deportation hat begonnen. Sie wurde durch bewaffnete Kräfte der Landesverteidigung, des NKWD (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten, später MWD-Ministerium für Innere Angelegenheiten) durchgeführt.
An dieser Aktion beteiligten sich allein in der Wolgarepublik 3200 Mitarbeiter des NKWD/MWD und 7300 Soldaten der Roten Armee – insgesamt mehr als 10 000 Menschen, so dass auf 40 Deportierte etwa ein bewaffneter Kontrolleur und Konvoir kam. Trotzdem lief alles „Hals über Kopf“ ab.
Die Vertreibung erfolgte im Spätherbst und Winter 1941. In Kasachstan und Sibirien gab es nur Minustemperaturen, oft 40-50 Grad Frost. Die Menschen waren für solche Verhältnisse nicht vorbereitet, es fehlte an warmer Kleidung, an Filzstiefeln, an warmen Dekken. Für die Unterbringung der Familien gab es keine Wohnungen. Viehställe und irgendwelche Lagerräume wurden als Wohnräume genutzt. Leiden mussten auch die ursprünglichen Bewohner der Ortschaften. Sie waren gezwungen worden ihren Wohnraum mit den Neuankömmlingen zu teilen.
Die Deutsche wurden verschickt in Gegenden, in denen nur die geringsten Lebensbedingungen existierten, in denen Avitaminosen, Skorbut, Tuberkulose, Typhus, Podagra und viele ansteckende Krankheiten stark verbreitet waren, aber es gab keine medizinische Hilfe.
Schon während der Deportation starben durch Streß, Aufregung, Kälte und Hunger zirka 150 Tausend Menschen, überwiegend Ältere, chronisch Kranke und Kinder. Zahlreiche Zeugen bestätigen das.
Die Vertreibungen in der Sowjetunion betrafen nicht nur die Deutschen, sonder auch andere kleine Völker waren betroffen. Noch vor dem Krieg in den 30er Jahren wurden gewaltsam enteignete Bauern, politische Gefangene, Deutsche und Finnen aus dem Gebiet um Leningrad (Petersburg), aus Wolhynien und anderen westlichen Grenzregionen nach Sibirien verschickt. Offiziell begründete man das mit dem Ziel, sichere Grenzen zu schaffen. Später wurden außer den Deutschen auch andere Völker vertrieben: Tschetschenen, Inguschen, Karatschaer, Balkaren, Kalmyken, Koreaner, Esten, Litauer, Letten und andere kleine Gruppen wie Krymtataren, Griechen, Türken. Herr Strauß (Dritter Kongreß der Trudarmisten der Republik Kasachstan, 11-12 Oktober 2000) nennt Zahlen, die aus dem Archiv des MWD stammen: in den Jahren 1939-1943 wurden aus ihren Heimatorten insgesamt 697 085 Familien vertrieben, es waren zusammen 3 Millionen 515Tausend 676 Menschen. Alles, was diese Menschen besaßen, eignete sich der Staat an.
Unter den genannten Zahlen gab es hunderttausend deutsche Familien, die aus ihren Häusern an der Wolga, in der Ukraine und am Kaukasus vertrieben wurden. Ihnen wurde alles abgenommen: Häuser samt Ausstattung, Nutztiere, Stallungen, Vorräte an Nahrungsmitteln, Bücher, Musikinstrumente und vieles anderes mehr. Konfisziert wurde auch alles, was den landwirtschaftlichen Kollektivwirtschaften (Kolchosen) gehörte. Noch vor 12 bzw.13 Jahren betraf das das gesamte private Eigentum der einzelnen Bauern, das mit harter Arbeit und viel Fleiß erwirtschaftet worden war. Mitnehmen in die Ungewißheit durfte man nur Kleider, Lebensmittel für unterwegs, Bettsachen. Die Kontrolleure überprüften jedes Gepäckstück.
Herr Strauß nennt im oben zitierten Bericht die Gesamtzahl der 1941 deportierten Deutschen mit 1 173 170 Menschen. Ähnliche Zahlen stammen von Viktor Brühl, die er Im Heimatbuch 2000 veröffentlichte und die aus den Unterlagen der Abteilung Sondersiedlungen des MWD der UdSSR stammen. Nach seinen Angaben wurden in den Jahren 1941-1945 insgesamt 1 209 430 Russlanddeutschen ausgesiedelt. Allein aus der Republik der Deutschen an der Wolga wurden 479.841 Männer, Frauen und Kinder deportiert. Etliche tausend, überwiegend Männer, (die genaue Zahl ist nicht bekannt, es könnten auch hunderttausend sein) waren zu Beginn des Krieges schon inhaftiert und befanden sich in Konzentrationslagern des GULAG. Teilweise gehörten junge Männer als Soldaten der Roten Armee an. Laut Statistik lebten in Sibirien und im Altaigebiet bis zum Sommer 1941 106.400 Deutsche. Die deutsche Bevölkerung in der Sowjetunion zählte nach einer Volkszählung im Jahr 1939 um die zwei Millionen. 1959 waren es nur noch 1 619 000. Nach einer neuen Volkszählung zehn Jahre später (1969) erhöhte sich die Zahl auf 1 846 000.
Die Deutschen, die in den westlichen Regionen der Sowjetunion lebten, blieben am Anfang des Krieges erstmal in ihren Dörfer, weil die deutsche Wehrmacht dieses Territorium okkupiert hat. Im Frühjahr 1943, als die Kriegsfront sich näherte, zogen sie nach Deutschland und erst nach der Kapitulation, wurden sie durch die Sowjetmacht in den hohen Norden und nach Sibirien repatriiert. Es waren auch um die 350 tausend. Diese Zahl nennt Frau Däs im Heimatbuch 1995/1996, die selbst dabei war.
Das Schicksal der aus Deutschland repatriierten Menschen war genau so dramatisch, wie denen, die 1941 nach Sibirien und Kasachstan deportiert wurden. Zwar war der Krieg schon vorbei, aber das kommunistisches Regime war immer noch dasselbe. Es war eine Fortsetzung der Rache – und Vernichtungsaktion an den Deutschen, die von keiner Seite einen Schutz erwarten konnten, eine totale Gesetzlosigkeit und Willkür der Herrschenden. Die schutzlosen Menschen wurden mit anderen Mitteln vernichtet: durch Hunger, Kälte, Krankheiten, Parasiten, schwere Sklavenarbeit, fehlende Bekleidung, Antisanitarie und moralische Unterdrückung. In den Augen aller waren das eben Faschisten, die einer anderen Behandlung nicht wert waren.
Die Verantwortlichen für die Deportation bedeckten sich wie mit einem Feigenblatt, in dem sie behaupteten, dass diese geplanten Maßnahmen dienen der „Stärkung des Hinterlandes“. In Wirklichkeit wurde den Deutschen ein Stempel aufgesetzt, sie würden zu den „sozial unzuverlässigen Schichten der Bevölkerung“ gehören. Eine regelrechte Treibjagd begann auf sie in der Sowjetunion während des Krieges und auch viele Jahre danach.
Der nächste Vernichtungsschlag ließ nicht lange auf sich warten. Schon im Dezember 1941 und im Januar 1942 wurden deutschen Männer – später auch Frauen – durch die Militärkommissariate mobilisiert und in die KZ gebracht, wo sie durch Sklavenarbeit für die Verwirklichung der Wahnsinnspläne in Bezug auf die beschleunigte Industrialisierung der Sowjetunion und gezwungen waren für den Sieg unter schwersten Bedingungen umsonst zu arbeiten.
Der erste Beschluss des Staatlichen Komitees für die Verteidigung der Sowjetunion unter Führung des Generalissimus Stalin stammt vom 10 Januar 1942, Nr. 1123. In ihm hieß es: „Alle Männer deutscher Nationalität im Alter von 17 bis 50 Jahren sollen in Arbeitskolonnen des NKWD (später MWD), so lange es Krieg gibt, mobilisiert werden. Die Mobilisierung soll in 20 Tagen abgeschlossen sein“. Tatsächlich begann die Mobilisierung schon im Dezember 1941. In Punkt 6 wurde weiter festgelegt: Die Verpflegung und die Materialversorgung der mobilisierten Deutschen soll nach Normen stattfinden, die für GULAG-Insassen bestimmt sind“. Dann wurden noch die wichtigsten Objekte genannt, wohin die Mobilisierten zum Einsatz kommen sollten.
Am 7. Oktober 1942 erschien der zweite Beschluss desselben Komitees Nr.2383. In ihm wurde das Alter der Männer mit 15 bis 55 festgelegt, also sieben Jahren zusätzlich. Und auch die deutschen Frauen waren jetzt dran. Sie sollten im Alter von 16 bis 45 Jahren mobilisiert werden. Befreit werden sollten schwangere Frauen und Mütter mit Kindern unter drei Jahren. Was die Regeln für die Frauen betraf, so wurden sie nicht eingehalten. Es gab viele Fälle, in denen auch ältere Frauen mobilisiert wurden, oder in denen junge Frauen gezwungen waren, ihre Kinder unter drei Jahren den Großeltern zu überlassen, oder in Kinderheime zu geben. Jeder Rayon (Kreis) bekam von ‘Oben‘ zahlenmäßige Auflagen, die unbedingt erfüllt werden mussten, und da hat man ohne Rücksicht alle arbeitsfähigen Frauen gezwungen in die Trudarmee zu gehen.
In dem Beschluss gab es mehrere Instruktionen, wie man die deutschen Zwangsarbeiter wirksam bewachen sollte, um keine Flucht zu ermöglichen. So hat man, zum Beispiel, auf dem Weg vom Lager zum Arbeitsort und zurück außerhalb des Konvois noch versteckte Posten platziert. Selbst ein Konvoi wurde aus bewaffneten Soldaten mit Schäferhunden zusammengestellt. Das Wachpersonal wurde sorgfältig komplettiert. Laut Vorschrift des Innenministeriums sollten Soldaten als Wächter eingestellt werden, die Mitglieder oder Kandidaten der Kommunistischen Partei waren und denen eine so wichtige Arbeit anvertraut werden konnte. Diese Art von Bewachen der Arbeitskolonnen bei Transport in den Güterzügen, oder bei der Umsetzung vom Lager zum Arbeitsplatz beweisen mehrere ehemalige Trudarmisten. Zum Beispiel es folgt weiter unten ein Bericht von Heinrich Dirks.
Der Begriff „Trudarmija“ hat sich im Zusammenhang mit der Zwangsmobilisierung deutscher Männer und Frauen im allgemeinen Gebrauch durchgesetzt. Aber es ist falsch ihn ins Deutsche als Arbeitsarmee zu übersetzen. Bezeichnungen „Sklaverei in Konzentrationslagern“, oder „Sklavenarmee“, oder „Zwangsarbeiterarmee“ passen inhaltlich besser dazu. Hitler und Stalin, die größten Verbrecher des 20. Jahrhundert, haben voneinander gelernt und versucht, es dem anderen nach - oder sogar ‘besser‘ zu machen.
Weiter werde ich auch die Begriffe „Sklavenarmee“, „Sklavenlager“ benutzen.
Der Kriegszustand im Lande bildete die Grundlage für die totale Mobilisierung aller arbeitsfähigen Männer und Frauen deutscher Nationalität in die Sklavenarmee. Die Mobilisierten wurden in Lagern untergebracht, die identisch waren mit den berüchtigten Lagern des Systems GULAG, die es für politische und kriminelle Häftlinge schon vor dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion gab. Das war ein mit bis zu vier Meter hohen Zäunen und Stacheldraht umzäuntes stark bewachtes, viereckiges Territorium mit Wachtürmen an den Ecken. Die Sklaven übernachteten in Baracken, die mit Pritschen aus ungehobelten Brettern ausgerüstet waren. In jeder Baracke hatten bis zu 100 Männer, bzw. Frauen Platz. Die Lager waren unterschiedlich groß: von hundert bis zu zweitausend Mann/Frau“.
Wie so ein Lager funktionierte und eingerichtet war erzählt ein Mennonit, ein ehemaliger Waldarbeiter Heinrich Dirks, der die Trudarmee überlebt hat und seit 1996 in der Stadt Detmold lebt:
„Aus dem Zug ausgestiegen wurden wir in eine Kolonne gestellt, von bewaffneten Männern mit Hunden umzingelt und weiter in die Ungewißheit konvoiert. Wir waren eine Truppe von ca. zwei tausend Mann. Es wurde uns nur gesagt, dass wir sechs Kilometer weit zu Fuß gehen müssen. Es war ein klarer frostiger Tag und schnell wurden die Nasen und Backen bei einem oder dem anderen weiß. Man begann sie heftig warm zu reiben. Der Weg war viel-viel länger, als uns gesagt wurde. Wir hatten schon zwei Dörfer hinterlassen. Durch Ermüdung zog sich die Kolonne in die Länge. Ausreißen war es unmöglich. Von beiden Seiten unbekannter Urwald mit tiefem, mehr als einem Meter, Schnee. Zudem waren die deutschen Männer zu gehorsam, um überhaupt so einen Schritt zu wagen. Außerdem, den Weg entlang waren Wächter postiert. Das erfuhren wir später.
Erst jetzt wurde es uns klar, dass die so genannte Mobilisierung ein Betrug für uns alle war. Nach Stalins Wille und Berias Plan sollte die Mobilisierung der Deutschen in Arbeitskolonnen für die Bevölkerung der Sowjetunion und für das Ausland ein Zeichen sein, dass der Kampf gegen den deutschen Faschismus auf allen Fronten geführt wurde. Damit versuchte man die Sowjetdeutschen auch als Sympathisanten und Helfer der Faschisten in Deutschland einstufen und als Feinde des Kommunismus zu bezeichnen. Tatsächlich wurden wir für Sklavenarbeit und eine physische Vernichtung verhaftet.
Pronkino, das Verhaftungslager befand sich im Urwald (Taiga) bei Solikamsk (nordwestlich des Uralgebirges).
Statt uns zuvor gesagten sechs Kilometer war der Weg ca. 45 Kilometer lang. Erschöpft und todmüde kamen wir einer nach dem anderen spät nachts in das Lager Pronkino an. Ein typisches hellerleuchtetes GULAG-Lager für Häftlinge mit hohem Zaun, Wachtürmen und Stacheldraht. Kurz vor unserer Ankunft wurde das Lager von kriminellen und politischen Häftlingen geräumt. Hier fing für uns das an, was Trudarmee genannt wurde.
Wir waren so müde und erschöpft, dass wir kaum noch denken konnten. Trotzdem waren wir schockiert, als wir das Lager sahen. Im Kopf drehten sich nur die Fragen: Wieso? Weshalb?, Wofür?
Erst als der letzte von uns ankam, wurden wir gezählt und durch die Eingangsschleuse in das Lager rein gelassen. Erste 90 Mann in die Barackenhelfte Nr.1, die zweite 90 Mann in die Barackenhelfte Nr.2, die dritte 90 Mann in die Barackenhelfte Nr.3 usw. Ich kam in die Barackenhelfte Nr.2. Das Innere der Baracke war sehr schwach beleuchtet. In der Mitte stand ein Metallofen, der am Tag geheizt wurde, aber jetzt schon abgekühlt war. In der Baracke war es ziemlich kalt. Gleich an der Tür stand ein großer Blechwasserbehälter mit einem Blechbecher an einer Kette. An den Außenwänden perpendikular zum mittleren Gang zweistöckige Schlafblocks für vier Mann aus Bretterpritschen. Der Eingang in so einen Block war so schmal, dass zwei Mann nicht gegenüber sitzen konnten.
Die erste Zeit mussten wir uns auf den kahlen Pritschen ohne Matratzen und Kissen einrichten. Später bekamen wir Säcke mit Hobelspänen.
In der Baracke stand noch der menschliche Geruch, der an die ehemalige Bewohner erinnerte. In den Ritzen der ungehobelten Bretter nisteten Wanzen, die unser Blut die ganzen Lagerjahre saugten.
Jeder von uns suchte sich einen freien Platz, weiter von der Tür, näher zum Ofen, legte seine Sachen ans Kopfende und richtete sich zum Schlafen ein. Die Müdigkeit war so stark, dass sie den Hunger unterdrückte. Wir schliefen sofort ein.
Der erste Lagertag:
Um sechs Uhr morgens öffnete der Dnjewalny (Aufseher) die Tür und schrie laut zwei mal: Podjom! Podjom! (Aufstehen!, Aufstehen!). Eine halbe Stunde Zeit dauerten die Morgenprozeduren und schon stellten wir uns in Kolonnen auf und wurden zur Speisehalle geführt. Nach dem Frühstück kehrten wir wieder in die Baracke zurück. Dann kam vom Dnjewalny, der wieder an der Tür stand, ein neues Kommando: Wychodi stroitsja! (raus und Aufstellen!). In Kolonnen wurden wir zum zentralen Sammelplatz geführt. So wie ich das schätzen konnte, waren wir mehr als 2000 Mann. Vom Alter her waren viele ganz junge, so wie ich, und auch Ältere, über 50. Also eine gemischte Truppe, angefangen mit 15 bis Maximum 60 Jahre.
Vor uns erschien der Lagerkommandant Nikonow, Technoruk (Technischer Leiter) Schewtschenko und der Oberste Wächter Paramonow. Auch etliche bewaffnete Wächter waren dabei und standen in der zweiten Reihe mit dem Ziel sich zu präsentieren und zu zeigen: „Bald übernehmen wir die Macht, dann werdet ihr uns näher kennenlernen“.
Ohne einem Begrüßungswort grob, schimpfend und drohend erklärte der Kommandant uns die Benimmregel im und außerhalb des Lagers:
„Ihr werdet hier gebraucht um mit ehrlicher und fleißiger Arbeit eure antisowjetischen Taten abzubüßen. Unsere Soldaten an der Front werden von den deutschen Faschisten getötet, wir werden euch heimische Faschisten und Verräter erschießen, wenn ihr sabotierend nicht mit voller Kraft und ehrlich arbeiten werdet. Bei einem Schritt aus der Kolonne, bei ein Schritt vom Arbeitsplatz, wird sofort ohne Warnung geschossen. Wer sich weigert die Befehle zu erfüllen, wird hart bestraft.“
Dann erklärte er uns, dass die Sperrzone mit einem vier Meter hohen Zaun aus Baumstämmen gesichert ist. Und weiter: „Versucht ja nicht zu fliehen. Es hat keinen Sinn über den Zaun zu klettern, oder den Zaun zu untergraben. Auf eine Tiefe von 1,5 Meter ist ein Eisengitter eingegraben. Über dem Baumstammzaun gibt es fünf Reihen Stacheldraht, an allen vier Ecken der Zone stehen Wachtürme mit bewaffneten Wachsoldaten. Auf beiden Seiten des Zaunes gibt es vier Meter breite Streifen, die man nicht betreten darf. Jetzt liegt da unberührter Schnee, im Sommer werden diese Streifen ständig gelockert, so dass jede Spur sichtbar wird. In der Mitte dieser Streifen ist ein Draht gezogen, der mit Leuchtraketen verbunden ist. Von der inneren Seite dieses Streifens gibt es noch vier Reihen Stacheldraht. Nachts werden die Streifen mit Scheinwerfern beleuchtet. Keiner von euch darf in der Nähe dieser Streifen erscheinen, es wird geschossen ohne Warnung. Es gelingt euch keine Flucht!
Beschäftigt euch nicht mit solchen unnötigen Gedanken!.“
Solche und ähnliche Reden vom Kommandanten haben wir noch mehrmals zum Hören bekommen. Nikonow war ein Typ von Mensch, der sich für so einen Posten am besten eignet: zornig, brutal, hastig, kompromisslos. Einen besonderen starken Haß trug er in sich gegen die Deutschen. Das unterstrich er bei jedem Kontakt mit uns, für ihn waren wir nur „prokljatye Fritze, oder faschistskie Wyrodki“ (verdammte Frizen oder faschistische Mißgeburten).
Dann ergriff das Wort der Technische Leiter (Technoruk). Es wurde der Tagesablauf verkündet, und wir alle wurden erst mal provisorisch in Brigaden aufgeteilt. Brigadiere hatten sich vorgestellt und wir wurden in die Baracken zurückgeschickt, um mehrere Formalitäten zu erledigen. Wir mussten unsere persönlichen Papiere an die Lagerverwaltung abgeben, Formulare mit vielen sinnlosen Fragen ausfüllen, Daumenabdrücke abliefern. Dann wurden wir alle noch fotografiert von vorne und Profil. Alles wie bei Schwerverbrechern.
Warum und wieso das Alles? Weil wir in der Sowjetunion geboren wurden? Weil es den Hitler gab? Weil es den Stalin mit Beria gab? Wo ist der liebe Gott geblieben, der uns schützen sollte?
Dies alles zu begreifen und zu akzeptieren war für uns das Schwerste. Wir befanden uns in einer lebensbedrohlichen und hoffnungslosen Situation.
An diesem Tag wurde noch gebadet, Haare kurz geschoren und rasiert. Während des Badens haben wir unsere Kleider und Unterwäsche in die Progarka (Hitzekammer) abgegeben. Die hohe Hitze führte oft zu Verbrennung der Wäsche.
Dann gab es noch die formale Gesundheitskommision, die unsere Arbeitsfähigkeit und die entsprechende Arbeitsbrigade bestimmen sollte.
Dann führten die Brigadiere Arbeitsinstruktionen durch.
Zum Mittagessen um 12 Uhr gab es 300 Gramm Brot mit einem halben Liter Suppe, die ihren Namen nicht verdiente: im trüben Wasser schwammen wenige Krautschnitzel und Graupen, die man zählen konnte. Mit einem starken Hungergefühl hat man den Speiseraum verlassen.
Endlich hat man uns die Zeit gegeben sich bei den Angehörigen mit einem Brief zu melden. Davor wurden wir gewarnt, dass unsere Briefe von der Zensur gelesen werden und wir unseren Verwandten „nicht unnötig schlechte Lebensbeschreibungen machen sollten“. In den Briefen, die wir bekamen, waren manche Zeilen von den Zensoren mit schwarzer Farbe unleserlich gemacht. Wir sollten uns nicht beschweren und uns sollte es immer „gut“ gehen, wenigstens in den Briefen, die nur in russischer Sprache geschrieben sollten werden. Briefe in deutscher Sprache kamen bei den Empfängern nicht an. Unsere und an uns adressierte Briefe wurden von der Post zweimal im Monat abgeholt und geliefert. Sonst hatten wir keine Verbindung zur Außenwelt. Wir hatten kein Radio, bekamen auch keine Zeitungen. Die Geschehnisse an der Front wurden uns nicht mitgeteilt. Einer menschlichen Behandlung waren wir nicht wert.
Mit sehr bedrückter Laune ging dieser erste Tag zu Ende. Wir gingen früh schlafen, zwar waren im Februar die Tage hier im Norden noch sehr kurz. Um 10:00 Uhr schrie der Dnjewalnyi an der Tür „Otboi!“ und machte das Licht aus.
Den zweiten Tag wurden wir nach dem Frühstück auf dem zentralen Sammelplatz aufgestellt. Das Wort ergriff der Technoruk: „Sehr geehrte Genossen! (offiziell wurden wir mit „Genossen“ angesprochen). Wir benötigen Baufacharbeiter. Vor allem Zimmerleute, Maurer, Stukkateure, Schlösser und Schmiede. Ich bin mir sicher, dass es unter ihnen auch solche Fachmänner gibt. Es ist ja bekannt, dass Deutsche gute Handwerker sind. Ich bitte sie, die Männer mit solchen Berufen und Fachkenntnissen zwei Schritte nach vorne zu treten“.
Wir schauten uns verwirrt gegenseitig an. Wir hatten auch noch nicht die Zeit gehabt uns gegenseitig kennenzulernen. Eins wußte ich genau, dass ich zu diesen gesuchten Fachkräften nicht gehörte. Doch zunächst meldete sich niemand. Die Männer wußten nicht wie sie sich verhalten sollten, obwohl sicherlich viele Handwerker unter uns waren.
Technoruk wiederholte seine Frage. Wieder ein leises Gemurmel unter den Sklaven-Trudamisten. Der Technoruk weiter: „Wieso, gibt es unter euch keinen Menschen, der schon mal ein Beil oder Kelle in der Hand hatte?“ Erst als der Technoruk seine Frage das dritten Mal wiederholte, meldeten sich die Männer, zuerst vereinzelt, dann mehr. Anwesend waren auch schon die „Käufer“, die die Handwerker entsprechend den Berufen zu sich riefen und einzeln registrierten. Später wurden sie auf andere Baustellen und Lager abtransportiert.
Als man die gewünschte Zahl von Männern dieser Berufe herausgefi scht hatte, war noch eine große Schar übrig geblieben. Man fragte uns welche Berufe unter uns es gibt. Der eine antwortete, dass er Arzt sei, der andere Lehrer, ein dritter Buchhalter, und sogar ein Professor war dabei. ´Choroscho‘, sagte der Technoruk, „Ärzte, Lehrer, Buchhalter werden wir hier nicht gebrauchen können. Was wir brauchen, sind Männer für Arbeiten im Wald, Flöße bilden, im Sägewerk im Steinbruch.“ Den anderen Tag mussten wir im Wald schon Bäume fällen…
Es gab in der Sowjetunion eine Vielzahl von solchen Lagern. Allein im Uralgebiet gab es vier große KZ bis zu 100.000 Insassen: Tscheljabmetallurgiebau, Kombinat für Baumaterialien in Krasnoturinsk, Nishnetagilmetallurgibau, Iwgellag bei Swerdlowsk (jetzt Ekaterinburg). Insgesamt nach den Angaben der Menschenrechtsorganisation in Russland „Memorial“ wird eine Zahl von etwa 800 dieser Lager genannt. Unter dieser Zahl verbergen sich alle GULAGLagern, egal wer dort festgehalten wurde: politische und kriminelle Sträflinge, oder deutsche Sklavenarbeiter.
Die erste Etappe des Völkermordes an den Russlanddeutschen waren die Jahre der Zerstörung der Dörferstruktur, die Enteignung und Vertreibung der Bauern, Zwangskollektivierung, Repressionen in den 30er Jahren mit massenhaften Inhaftierungen und Hinrichtungen.
Die zweite - war die Deportation der deutschen Bevölkerung nach Sibirien und Kasachstan, bei der schon hunderttausende, überwiegend Kinder und ältere Menschen starben.
Die dritte Etappe des Völkermordes begann mit der Bildung der Sklavenarmee im Dezember 1941 und Januar 1942. Rund 800 Tausend Männer und Frauen deutscher Nationalität im Alter von 15 bis 55 Jahren wurden in die Trudarmee mobilisiert. Genaue Zahlen sind unbekannt. (Angaben wie oben von B.K.Streck). Dabei waren die Männer in KZ eingesperrt und von der Außenwelt streng isoliert. In den Lagern waren tödliche Nahrungsnormen eingeführt und es herrschte ein mörderisches Regime. Dazu kam schwere Sklavenarbeit. In den sechs Jahren Trudarmee (1942 bis einschließend 1947) starben bis 35% Trudarmisten männlichen Geschlechts. Auch viele Frauen sind auf dramatische Weise ums Leben gekommen.
Die Einberufung der Frauen in die Trudarmee verfolgte das Ziel die deutschen Familien weiter zu zerstören. Es gab keinen Nachwuchs und die zurückgebliebenen Kinder, so auch ältere Männer und Frauen hatten keine Mittel zum Überleben. Viele mußten sterben.
So geschah die Ausrottung der deutschen Bevölkerung in der Sowjetunion mit Beginn des Krieges zwischen Deutschland und der Sowjetunion.
Die vierte Etappe der gezielten Vernichtung der deutschen Volksgruppe in der Sowjetunion setzte sich bald nach dem Kriegsende fort. Sie beinhaltete eine Reihe von Maßnamen, die ein Ziel hatten – die Deutsche zu isolieren, ihre Sprache und Kultur auszurotten und die Russifizierung zu beschleunigen. Das Programm beinhaltete viele diskriminierende Punkte den Deutschen gegenüber. Zum Beispiel, den deutschen Jugendlichen war das Studium in Hochschulen untersagt. Ausnahmen gab es nur für Hoch – und Fachschulen für Landwirtschaft. Deutsche Männer waren vom Militärdienst befreit, weil man ihnen das Vertrauen entzogen hat. Auch alle Staatlichen Einrichtungen mit Geheimhaltung blieben für deutsche Spezialisten geschlossen. Das wichtigste in diesem umfassenden Programm war die Strafansiedlung der Deutschen in den neuen, weit entfernten, Wohngebieten. Dazu gab es einen speziellen Regierungsbeschluß.
Laut dieses Beschlusses durfte kein Deutscher seinen Wohnort in Sibirien und Kasachstan verlassen. In jedem Ort gab es einen Kommandanten, der die deutsche Bevölkerung überwachte. Jeder Erwachsene (14 Jahre und älter) musste sich einmal im Monat bei dem Kommandanten persönlich melden und eine Unterschrift leisten.
Für das Verlassen des zugewiesenen Wohnortes ohne Genehmigung des Kommandanten oder höheren Instanzen waren sehr hohe Strafen, bis zu 20 Jahren Gefängnis, vorgesehen.
Die Verteilung der deutschen Familien bei der Deportation auf einem riesengroßen Territorium Sibirien und Kasachstan, manchmal nur 3-4 Familien in einem Ort, dazu noch ein starker psychologischer Druck, führten zu einem relativ schnellem Verlust ihrer Sprache, kulturellen Eigenschaften und Traditionen.
Die Strafansiedlung der Deutschen und die Beschränkung der Kommunikation führten auch zum Verschwinden der gesellschaftlichen Tätigkeit: zum Beispiel, gemeinsames feiern von Feiertagen, Hochzeiten, Religiosität und anderem. Die Degradierung des Deutschen Volkes zu einem rückständigen Volk war dadurch gewährleistet. Auch eine Entstehung neuer Intelligenz ist unmöglich geworden, weil der anwachsenden Jugend verboten war in den Hochschulen zu studieren.
Diese diskriminierende Behandlung der Russlanddeutschen wurde formal im Dezember 1955 aufgehoben, aber in der Bevölkerung dauerte es noch lange bis diese Mißachtung und Befremdung abgebaut wurde. Es sollte erst der ‘Kalte Krieg‘ sein Ende finden. Die ganzen Jahre über hat die sowjetische Propaganda in Kinofilmen, in Radiosendungen, in Büchern von Schriftstellern und vieles mehr die Deutschen als Kriegsverbrecher hergestellt und so den alten Haß geschürt. Es musste auch ein Generationswechsel stattfinden.
Im Grunde genommen hat die politische Führung der Sowjetunion mit Stalin an der Spitze den Krieg als Vorwand genutzt, um die Nationalpolitik der Kommunistischen Partei, die noch von Lenin und seinen Mitstreitern vorgegeben war, in die Tat umzusetzen. Diese Politik war vielschichtig und verfolgte das langfristige und ehrgeizige Ziel die Sowjetunion zu einem homogenen Nationalstaat zu machen. Durch ethnische Säuberung sollten am Anfang die kleinen Völker verschwinden, später auch die größeren. Die russische Sprache sollte die einzige im Lande bleiben. Auch die Religionen und der Glaube an Gott sollten verschwinden. Später, nach dem Krieg, in den 50 und 60-er Jahren, versuchte die sowjetische Propaganda Gott durch Lenin als Heiligen zu ersetzen.
Mehr als 850 000 Deutschen sind nach Schätzungen von Demographen in den Jahren 1941-1945 gestorben, umgebracht oder spurlos verschwunden. Wenn man den naturbedingten Zuwachs, der ausgeblieben ist, dazu rechnet, so ist es mehr als eine Million. (Zahlen aus dem Buch von Leo Hermann „Oh, Lieber Gott, verzeih mich“, Berlin, 2003).
Die sowjetischen Politiker haben alle ihre blutigen Taten Hitler und dem Krieg zugeschoben. Das machte die Sache im isolierten von der Außenwelt Land mit geschlossenen Grenzen glaubhaft und vertuschte die wahre verbrecherische Politik. Es krümelt im Bauch, wenn immer wieder wiederholt wird, dass der Krieg so und soviel Millionen Opfer gekostet hat, man möchte sofort fragen, wieviel Millionen davon haben die Kommunisten mit eigenen Händen erwirkt? Nach sehr bescheidenen Rechnungen von Demographen sind es 21 Millionen. Es ist höchste Zeit dieser Lüge ein Ende zu versetzen und sie nicht vom „kranken Kopf auf den gesunden“ zu übertragen. Damit will ich nicht den deutschen Faschismus verteidigen, keines Falls. Er war unmenschlich brutal und verbrecherisch. Aber noch brutaler und verbrecherischer war der kommunistische Faschismus. Das ist keine aus der Luft gegriffene Behauptung, das bezeugen die vergleichbaren Zahlen von unschuldigen Opfern.
In der Sowjetunion wurden jährlich in den Vorkriegsjahren bis zu anderthalb Millionen Gegner des Regimes ermordet, noch dazu wurden Tausende, aber Hunderttausende, durch Hunger, schwere Sklavenarbeit, Skorbut, durch sibirischen Schnee und Kälte also auch durch unmenschliche Lebensverhältnisse zu Tode gequält.
Alle diese unzähligen Verluste an Menschen in den Konzentrationslagern und in den Kellern des KGB wurden von der kommunistischen Propaganda dem Krieg, also der deutschen Wehrmacht, und dem deutschen Faschismus zugeschrieben. Und das schreckliche dabei ist, dass die Masse der Bevölkerung dieser Lüge geglaubt hat. Für die verbrecherischen Taten des Faschismus mußten die Menschen deutscher Nationalität in der Sowjetunion leiden, sie erlebten die grausamste Unterdrückung, die gezielte Vernichtung eines ganzen Volkes. In der Sowjetunion wurde alles verboten und vernichtet was zur deutschen Integrität und Kultur gehörte. In den Kriegs - und Nachkriegsjahren schrumpfte die deutsche Bevölkerung um mehr als 30 % und das waren überwiegend junge Menschen im Reproduktivalter und Kinder. Sie sind nach schweren Krankheiten verstorben, oder viele umgebracht, verhungert, erfroren, durch schwere Arbeit zum Tode gequält. Die Deutschen wurden zerstreut in den Weiten der kasachischen Steppe, in Sibirien, hinter dem Polarkreis, in der nördlichen Tundra. Die Deutschen wurden zu einem ewigen Wandervolk verurteilt, das keine Heimat mehr hatte und nicht mehr zur Ruhe kommen konnte.
In diesen 50 Jahren der Unterdrückung waren den Deutschen alle bürgerliche Rechte entzogen: es gab keine deutschen Schulen mehr, viele Jahre war für die jungen Leute auch der Zugang zu den Hochschulen geschlossen. Die kulturelle Entwicklung der Nation wurde gestoppt. Die kommunistische Führung des Landes verfolgte das Ziel aus dem am leben gebliebenen Rest der deutschen Völkergruppe eine Masse zu bilden, die keine eigene Kultur, keine eigene Intelligenz, keine eigene Heimat mehr besitzt. Die Masse sollte ungebildet, primitiv bleiben und dadurch gehorsam die Interessen des Staates erfüllen. Das war leninsche und stalinsche Nationalpolitik in der praktischen Umsetzung.
Schon lange war der ‘heiße‘ Krieg zu Ende, es begann die Zeit des ‘kalten‘ Krieges. Auf der Landkarte Europas entstand ein neuer Deutscher Staat, der sich Deutsche Demokratische Republik (DDR) nannte. Die DDR gehörte zum Lager der Sowjetunion und zählte zu den treusten Verbündeten. Die Deutschen in der DDR waren die „guten“ Deutsche im Gegensatz zu den Deutschen in der Bundesrepublik Deutschland (BRD). So hat das die offizielle Propaganda der Sowjetunion mit allen möglichem Mitteln in die Köpfe der Menschen im eigenen Land eingeprägt. Hinter dem „eisernen Vorhang“ im Lande war man von einer objektiven Information ausgeschlossen. Die Regierung der DDR hat dafür gesorgt, dass im eigenen Land das Problem der Deutschen in der Sowjetunion nie erwähnt wurde. Tatsächlich, aber auch noch nach vielen Jahren blieben die Deutschen in der UdSSR (Union der Sozialistischen Sowjetischen Republiken) die gehassten „Faschisten“. Die Kommandantur wurde erst im Dezember 1955 aufgehoben. Zu diesem Zeitpunkt hat eine offizielle Rehabilitierung nicht stattgefunden, geschweige denn eine Entschädigung.
Als 1964 eine formale Rehabilitierung der Wolgadeutschen, so auch aus anderen Regionen des Landes deportierten Deutschen, ausgesprochen wurde, gestand man, dass die Vorwürfe der Verbindung mit dem Feind nicht zutreffend gewesen waren, war sie nur deklamatorischer Art. Auch danach erfolgten keine Wiedergutmachung der persönlichen Schäden und auch keine Wiederherstellung der Autonomie, wie sie es bis 1941 existiert hatte. In den folgenden Jahrzehnten blieben die Deutschen an ihren neuen Wohnorten für die Regierenden geschätzte Arbeitskräfte. Zugleich wirkte aber die sowjetische Propaganda noch lange nach dem Krieg in der breiten Öffentlichkeit auf das Verhalten zu den Deutschen negativ ein. Die Gesamtbezeichnung „Faschisten“ war nur einer der Vorwürfe, denen sie ausgesetzt waren.
Die Möglichkeit der Entfaltung deutscher Kultur, der Bildung in deutschsprachigen Schulen blieb für Immer ausgeschlossen.
Viele Jahre dauerte der kalte Krieg, aber auch er hat ein Ende gefunden. Glasnost und Perestroika (Öffentlichkeit und Umbau) als neue Politik, die durch Gorbatschow Mitte der 80-er Jahre auf den Weg gebracht wurden, also 40 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges, haben dazu geführt, dass man sich auch an die deutsche Bevölkerung wieder erinnert hat. Es wurde offiziell das zweite Mal gemeldet, dass das Sowjetdeutsche Volk unschuldig gelitten hat und ist jetzt rehabilitiert. Damit war auch die Selbstverständlichkeit gegeben, dass man die Ausreise der Deutschen in die Bundesrepublik erlauben wird.
Es entstand ein Eindruck, dass die Wahrheit und die Gerechtigkeit gesiegt haben. Tatsächlich war das nur eine Begnadigung, man hat die Schuld zurück genommen und nicht mehr. Die Rehabilitierung hat im Leben der Deutschen nichts geändert, nichts Neues gebracht. Die autonome Republik der Deutschen an der Wolga wurde nicht wieder hergestellt, es gab auch kein Angebot aus den Orten der Verbannung in die ursprünglichen Wohngebiete zurückzukehren. Die Häuser und das konfiszierte Hab und Gut wurde nicht entschädigt. Auch für die unbezahlte Arbeit in der Trudarmee und in den Konzentrationslagern des KGB wurde auch nichts ausgeglichen.
Schon nach dem Tod des Diktators Stalin hat man mit Hoffnung auf eine Verbesserung der Lage und auf Gerechtigkeit gewartet. Aber es ist nichts passiert. Die unschuldigen Menschen waren enttäuscht. Kein Andenken an die ermordeten, verhungerte, umgekommenen in den Sümpfen und Wäldern Sibirien, zum Tode gequellten in den kommunistischen Konzentrationslagern. Es war ein ganz klarer Versuch Zeit zu gewinnen und die verbrecherischen Taten sollten vergessen werden.
Der sowjetische Staat stand in großer Schuld gegenüber der Deutschen Bevölkerung, dass viele Jahre für 600-800 Gramm Brot und einen Schöpflöffel dünner Suppe pro Tag im Wald, in Kohlengruben, im Uran – und Bleibergbau als Sklaven gearbeitet hat, es wurden Eisenbahnen durch die Taiga und Tundra verlegt und vieles mehr. Auf diese Art und Weise hat man Sibirien weiter erschlossen und die Industrialisierung des Landes vorangetrieben. Alles wurde mit Menschenleben ‘finanziert‘.
In der Zeit der Glasnost und Perestroika, .also in den 80er Jahren des 20ten Jahrhunderts, haben die Ökonomen der Sowjetunion ausgerechnet, dass die Enteignung des deutschen Volkes während der Deportation im Herbst 1941 Güter konfisziert wurden im Wert von 5,9 Milliarden Rubel, die unbezahlte Sklavenarbeit hatte einen Wert von 7,6 Milliarden Rubel. Außerdem, durch die Zwangskollektivierung Anfang der 30-er Jahre wurde den Bauern Güter im Wert von 14,8 Milliarden Rubel abgenommen. Ein Rubel hatte schätzungsweise den gleichen Wert wie ein Dollar. Diese Zahlen nennt der Schriftsteller Leo Hermann in seinem Buch „Oh, lieber Gott, verzeih mich“.
Die Deutschen, die sich vor 250 Jahren in Russland und der Ukraine angesiedelt haben und dort willkommen waren, wurden gnadenlos beraubt und belogen. Sie wurden aus ihren eigenen Häusern getrieben, ihr Hab und Gut, das in vielen Jahren durch fleißige und mühevolle Arbeit erwirtschaftet wurde, hat sich der Staat angeeignet. Den Menschen blieb weiter nichts mehr übrig als das Land zu verlassen. Die Zeit der Massenauswanderung nach Deutschland begann in den 80er Jahren des 20ten Jahrhunderts und dauerte mehr als 20 Jahre.
Damit endet die 260-jährige Geschichte der Deutschen in Russland und der ehemaligen Sowjetunion. Seit 1980 bis 2007 sind mehr als zwei Millionen Russlanddeutsche nach Deutschland umgesiedelt. Die Integration in der neuen Heimat verläuft mit großen Problemen. Die meisten Ankömmlinge beherrschen die deutsche Sprache schlecht oder nicht mehr. Ihre kulturellen Eigenschaften identifizieren sich mehr mit den russischen. Das widerspiegelt sich in der Redensart, Kleidung, Ess – und Trinkgewohnheiten, besonders die Zuneigung zu starken Spirituosen. Liebe zur russischen Musik und Literatur, oft sind die nostalgische Gefühle stark ausgeprägt. Nicht umsonst gibt es in Deutschland viele russische Zeitungen und Zeitschriften, Fernsehen, russische Geschäfte und vieles mehr. Die Integration verläuft sehr schwer. Trotzdem, die offenen Grenzen und die Möglichkeiten in die ehemalige Heimat zu reisen erleichtern die Integration.
Zusammenfassend kann das Schicksal der Deutschen in der Sowjetunion in der Zeit 1941-1986 in wenigen Sätzen beschrieben werden. Das Volk wurde von der Kommunistischen Führung so behandelt als ob es nicht aus einzelnen Individuen bestand, sondern eine homogene Masse gewesen wäre, die man willkürlich als Täter behandeln konnte: 1. Mit Beginn des Krieges wurden alle Menschen deutscher Nationalität, Männer, Frauen, Kinder, egal wo sie wohnten, unabhängig zu welcher sozialen Schicht sie gehörten, was für einen Beruf sie ausübten usw., nach Kasachstan und Sibirien auf „ewig“ verbannt. Totale Enteignung von allem, was die Menschen besaßen zu Gunsten des Staates hat stattgefunden.
2. Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter wurden von ihren Familien gerissen und mehrere Jahre zu unbezahlter Sklavenarbeit gezwungen. Tausende aber Hunderttausende starben dabei. Der Tod begleitete auch im Stich gelassene Kinder und hilflose alte Menschen. In kurzer Zeit (sechs bis sieben Jahren) sank die Zahl der deutschen Bevölkerung um mehr als 30 Prozent, was auch statistisch sich nachweisen lässt. Die Reproduktion des Volkes wurde in diesen Jahren gestoppt.
3. Zwangsansiedlung in neuen Wohngebieten auf ewig. Kommandantur. Die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die ehemaligen Wohnorte wurde den deutschen Menschen geraubt, für sie gab es keine Heimat mehr. Das Verbot auch nach einer Amnestie im Jahre 1964 wurde nicht aufgehoben. Die Kommunistische Führung des Landes war überzeugt, daß das strategische Ziel nach 23 Jahren durch Vertreibung, Diskriminierung und andere repressiven Maßnahmen erreicht ist – das deutsche Volk mit eigener Sprache, Kultur, Intelligenz und anderen nationalen Eigenschaften existiert in der Sowjetunion nicht mehr. Der Zugang der Jugend zu den Hochschulen wurde verweigert.
4. Nach formaler Aufhebung der Zwangsansiedlung im Dezember 1955 und Liquidierung der Kommandantur entwickelte sich unter den Deutschen eine starke Fluktuation: die Verwandte suchten sich gegenseitig und ihre vermissten Angehörigen. Sie zogen von einem Ort zum anderen. Die Suche nach einer neuen Heimat hörte nicht auf. Die Situation könnte man vergleichen mit einem aufgewühlten Ameisenhaufen. Der Kampf um die Wiederherstellung der deutschen Autonomie dauerte mehrere Jahre, blieb aber ohne Erfolg.
5. Durch Michael Gorbatschow eingeleitete Glasnost und Perestroika und, als Folge dessen Öffnung der Staatsgrenzen, war auch eine Wende für die deutsche Bevölkerung in der Sowjetunion. Es begann die massenhafte Ausreise nach Deutschland. Bis zum Jahr 2007 haben mehr als zwei Millionen Menschen das Land verlassen. Das Ergebnis – In Russland und in den Republiken der ehemaligen Sowjetunion sind nur wenige Deutsche geblieben.
Aber eine Darstellung des Schicksals der Deutschen in der Sowjetunion in Form von fünf Sätzen wäre zu einfach. Es betraf ja Millionen von Menschen, also waren das auch Millionen von Schicksalen. Jeder hat das auf eigene Art erlebt allein oder zusammen mit seiner Familie. Meine Absicht ist es anhand von einzelnen Schicksalen die Geschichte aufzuarbeiten und sie der neuen Generation sie bewusst zu machen. Es soll auch eine Mahnung sein: nie wieder Krieg, nie wieder Vertreibung.
3. Geschichtliches, Entstehung des Mennonitentums in Europa
Die Geschichte und Entstehung des Tempels in Russland ist eng verbunden mit den Mennoniten, die sich in Taurien (Ukraine) am Dnjepr und am Nebenfluß Molotschnaja Anfang des 19. Jahrhunderts angesiedelt haben. Hier die kurze Geschichte ihrer Entstehung.
Luther in 1529 by Lucas Cranach
Im Mittelalter war der christliche Glaube in der Bevölkerung Europas sehr tief verwurzelt. Er bestimmte auch die Lebensführung einzelner Individuen und der ganzen Gesellschaft. Die staatliche Gewalt und die Kirche waren untrennbar. Dabei kannte die katholische Kirche nur die eine ‘rechte‘ Lehre. Jede Abweichung davon war Ketzerei und wurde mit dem Tode auf dem Scheiterhaufen bestraft. So geschah es mit dem tschechischen Reformator Johannes Hus, dem Florentiner Bußprediger Girolamo Savonariola und vielen anderen reformwilligen Theologen, die versuchten der ‘rechten‘ Lehre der katholischen Kirche zu widersprechen und die Heilige Schrift neu zu interpretieren. So ein dramatisches Schicksal hätte auch den großen Reformator Martin Luther (1483-1546) treffen können, wenn nicht sein Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen ihn in der Wartburg bei Eisenach von der Requisition „versteckt“ und die Bedingungen für das produktive Schaffen nicht gewährleistet hätte.
Luther hatte unter Berufung auf die Heilige Schrift und insbesondere auf das Evangelium diese Lehrautorität der Kirche und des Papstes bestritten und eine Reihe ihrer Dogmen als unbiblisch abgelehnt. Seine Lehre vom allgemeinen Priestertum und die Betonung der Freiheit eines Christenmenschen fand unter den Gläubigen breite Zustimmung und ermutigte zugleich andere ihre eigene religiöse Überzeugung öffentlich zu vertreten. Zum Beispiel, die Bewegung in der Schweiz, wo Reformator Ulrich Zwingli (1484-1531) wirkte. Seine Anhänger lehnten, wie auch Luther, die Lehre der alten Kirche ab, waren aber mit dem Verlauf der reformatorischen Erneuerung von Luther unzufrieden. Sie forderten eine Reformation nach dem Vorbild der urchristlichen Gemeinde. Ihre Kirche sollte eine Gemeinschaft der Heiligen, und die Erwachsenentaufe das äußerste Zeichen der Zugehörigkeit und Treue sein. Auch die prunkvolle innere Ausstattung der Kirche erregte das Mißfallen Zwinglis und seiner Anhänger. Es kam zu einem Aufstand, sie drangen in die Kirchen ein und zerstörten Altäre, Heiligenstatuen, Monstranzen und Marienbilder.
Luther nannte diese Bewegung, die nicht mit seinem Verständnis der Bibel und seiner Lehre übereinstimmte, „Schwärmer“ oder „Schwarmgeister“. Es sah in ihnen solche Kräfte, die das reine Evangelium verfälschten und lehnte ihre Lehre leidenschaftlich ab. Aber auch die staatlichen Obrigkeiten verfolgten sie, weil sie in dieser Bewegung eine Gefahr für ihre herrschende Macht und ihre Kirche sahen. So ist der Weg der Schwärmer und Täufer durch Vertreibung, Folter, Kerker, und Scheiterhaufen gekennzeichnet. Trotzdem wollten die Mitglieder dieser neuen Kirche mit der staatlichen Obrigkeit und ihrer Kirche auf keine Kompromisse in Fragen des Glaubens und der Lebensführung eingehen.
Im Mittelpunkt meiner weiteren Zeitanalyse widme ich mich der Täuferbewegung in der Schweiz und Deutschland, weil aus dieser Bewegung in späteren Jahren das Mennonitentum entstanden ist und meine Vorfahren dazu gehörten.
Zentrum der Täuferbewegung in der Schweiz war Zürich. Dort hatte der Rat dieser Bewegung im Jahre 1523 die Reformation nach Vorstellungen Zwinglis durchgeführt. Einige Freunde der Reformation, besonders der Patrizier Konrad Grebel und der Gelehrte Felix Manz wandten sich gegen die Mitbestimmung des Papstes als Vertreter der weltlichen Obrigkeit in Glaubensfragen. Ihrer Auffassung nach sollte die Kirche eine freiwillige Gemeinschaft der Gläubigen sein. Daher erschien es ihnen auch sinnvoll nur Erwachsene, die sich zu Jesus Christus bekannten, zu taufen. Ihre Ideale waren die urchristlichen Gemeinden, die Nachfolge Christi, praktische Nächstenliebe und Ablehnung jeglicher Waffengewalt.
Der Rat der Stadt Zürich wies daraufhin die Befürworter der „Glaubenstäufer“ außer Landes. Dieser Beschluß bewirkte, dass die Täufer umherzogen und eine rege Missionstätigkeit mit Erfolg entwickelten. Sie waren aktiv nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Süd - und Norddeutschland. Am Rhein, in Tirol und Österreich gründeten sie an zahlreichen Orten Brüdergemeinden. Fast überall aber wurden sie auch als Ketzer und Umstürzler von der katholischen Kirche und den Obrigkeiten verfolgt. Schon am Anfang des Jahres 1527 wurde Felix Manz als Märtyrer der Täuferbewegung von der kirchlichen Requisition zu Tode verurteilt und im Fluß Limmat ertränkt. Dieses Urteil erlebten auch seine Mitstreiter Konrad Grebel und in der Reichsstadt Nürnberg, schon auf dem deutschen Gebiet, der Elterstdorfer Pfarrer Michael Sattler. Letzte wurde auf dem Scheiterhafen verbrannt. In dem Prozeß, der dieser Exekution vorausging, lastete man ihm neben Irrlehren über Taufe und Abendmal auch an, dass er jeden Kriegsdienst – selbst gegen die Türkei – ablehnte und dass er sagte: „In der Bibel steht geschrieben, Du sollst nicht töten. Wir sollten uns des Türken und anderer Verfolger nicht erwehren, sondern in strengen Gebet zu Gott anhalten, daß er Wehre und Widerstand für uns leiste“.
Hier wird deutlich, dass auch die zivile Ungehorsamkeit gegenüber der weltlichen Obrigkeit ein Grund für die grausame Behandlung der Täufer war. Man sah in ihnen nicht nur Ketzer und Verbreiter von Irrlehren, sondern Aufrührer gegen die Staatsgewalt. Daher wurde auch auf mehreren Reichstagen die Todesstrafe für Wiedertäufer festgesetzt und auch vollzogen.
Meno Simons
Besonders dramatisch endete die Geschichte der Täuferbewegung im Norden Deutschlands, die dann unter Wirkung des Prediger Menno Simons (1496-1561) zum Mennonitentum führte.
Der Schwäbische Kürschnergeselle Melchior Hoffman, der in Straßburg Anhänger der Täufer geworden war, verbreitete diese Lehre als Wanderprediger in den Niederlanden mit großem Erfolg. Er verkündigte die baldige Wiederkunft Christi, den Triumph der 144.000 Gläubigen (nach der Offenbarung des Johannes) und den Untergang aller Ungläubigen.
Sein Nachfolger war Jan Matthys. Er riß seine Anhänger zu einem schwärmerischen Aktivismus hin. Nicht Leiden und Gewaltlosigkeit war sein Prinzip, sondern Kampf gegen die „Gottlosen“ und die Vorbereitung des Reiches Christi.
Die Stadt Münster wurde als „Neues Jerusalem“ ausersehen. Dort gab es soziale Spannungen zwischen den Bürgern und der katholischen Kirche, dort hatten gerade auch die Bürger gegen den Widerstand des Bischofs die lutherische Reformation durchgeführt.
Der Münsteraner Prediger Bernd Rothmann unterstützte die täuferischen Ideen. Unter solchen Umständen wanderten immer mehr niederländische Täufer in die Stadt Münster ein. Schließlich übernahmen die Täufer das Stadtregiment und stellten mit dem Tuchhändler Bernd Knipperdolling den Bürgermeister.
