Der Sympathisant - Viet Thanh Nguyen - E-Book
Beschreibung

»Meisterhaft. Der Sympathisant ist zum Klassiker bestimmt.« T.C. BoyleIm April 1975 wird eine Gruppe südvietnamesischer Offiziere unter dramatischen Bedingungen aus Saigon in die USA geflogen. Darunter ein als Adjutant getarnter kommunistischer Spion. In Los Angeles soll er weiterhin ein Auge auf die politischen Gegner haben, ringt jedoch immer mehr mit seinem Doppelleben, den Absurditäten des Spionagewesens, der Konsumgesellschaft und seiner eigenen Identität: “Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern. Da ist es vielleicht kein Wunder, dass ich auch ein Mann mit zwei Seelen bin.“Ein literarischer Polit-Thriller über den Vietnamkrieg und seine Folgen, eine meisterhafte Aufarbeitung über die Missverständnisse zwischen Kapitalismus und Kommunismus, ein schillerndes Werk über das Scheitern von Idealen, ein bravouröser Roman über die universelle Erfahrung von Verlust, Flucht und Vertreibung.

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EPUB

Seitenzahl:712


Im April 1975 wird eine Gruppe südvietnamesischer Offiziere unter dramatischen Bedingungen aus Saigon in die USA ausgeflogen. Darunter ein als Adjutant eines Generals getarnter kommunistischer Spion. In Los Angeles soll er weiterhin ein Auge auf die politischen Gegner haben, ringt jedoch immer mehr mit seinem Doppelleben, den Absurditäten des Spionagewesens, der Konsumgesellschaft und seiner eigenen Identität: »Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern«, sagt er von sich selbst, »da ist es kein Wunder, dass ich auch ein Mann mit zwei Seelen bin.«

Ein literarischer Politthriller über den Vietnamkrieg und seine Folgen, eine meisterhafte Aufarbeitung der Missverständnisse zwischen Kapitalismus und Kommunismus, ein schillerndes Werk über das Scheitern von Idealen, ein bravouröser Roman über die universelle Erfahrung von Verlust, Flucht und Vertreibung.

Viet Thanh Nguyen, geboren 1971 in Südvietnam, floh nach dem Fall von Saigon 1975 mit seinen Eltern in die USA. Er studierte Anglistik und Ethnic Studies an der Universität Berkley und arbeitet seit seiner Promotion 1997 als Hochschullehrer an der University of California. Er veröffentlichte 2007 einen Band mit Kurzgeschichten, für Der Sympathisant erhielt er zahlreiche Preise, darunter 2016 den Pulitzer-Preis und den Edgar Award.

VIET THANH NGUYEN

DER SYMPATHISANT

ROMAN

Aus dem Amerikanischen

von Wolfgang Müller

BLESSING

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Copyright © 2015 by Viet Thanh Nguyen

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel The Sympathizer bei Atlantic Monthly Press, an imprint of Grove/Atlantic, Inc., New York

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by Blessing Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Geviert Grafik & Typografie, München, unter Verwendung einer Illustration von © Angelos Ntinas

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-20789-2V003

www.blessing-verlag.de

Für Lan und Ellison

Hüten wir uns, bei dem Wort »Tortur« gleich düstere Gesichter zu machen: es bleibt gerade in diesem Falle genug dagegen zu rechnen, genug abzuziehn – es bleibt selbst etwas zu lachen.

Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral

ERSTES KAPITEL

ERSTES

KAPITEL

Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern. Da ist es vielleicht kein Wunder, dass ich auch ein Mann mit zwei Seelen bin. Ich bin kein missverstandener Mutant aus einem Comicheft oder Horrorfilm, obwohl mancher mich als solchen behandelt hat. Ich besitze einfach die Fähigkeit, alles von zwei Seiten zu betrachten. Manchmal schmeichele ich mir selbst, indem ich mir sage, dies sei ein Talent, auch wenn es zugegebenermaßen nichts Besonderes ist, ist es vielleicht das einzige Talent, das ich habe. Wenn ich allerdings länger darüber nachdenke, warum ich nicht anders kann, als die Welt so zu betrachten, frage ich mich, ob man dabei überhaupt von Talent sprechen kann. Schließlich bezeichnet ein Talent etwas, das man nutzt, und nicht etwas, von dem man benutzt wird. Ein Talent, das man nicht nutzen kann, das einen im Griff hat, ist zugestandenermaßen gefährlich. Aber in dem Monat, mit dem dieses Geständnis beginnt, erschien mir meine Art, die Welt zu betrachten, noch eher ehrenwert als gefährlich, wie das anfangs manchmal so ist mit den Dingen, die gefährlich sind.

Der fragliche Monat war der April, der grausamste Monat. Es war der Monat, in dem ein Krieg, der schon sehr lange gedauert hatte, langsam zu Ende ging. Wie es eben mit Kriegen so ist. Es war ein Monat, in dem sich für jeden Menschen in unserer kleinen Ecke der Welt alles entschied, der den meisten Menschen im Rest der Welt aber nichts bedeutete. Es war ein Monat, der zugleich das Ende eines Krieges und der Anfang des … nun ja, »Frieden« ist nicht das passende Wort, oder, mein lieber Kommandant? Es war ein Monat, als ich hinter den Mauern einer Villa, in der ich seit fünf Jahren gelebt hatte, auf das Ende wartete. Hinter Mauern, in denen braun glitzernde Glasscherben steckten und die eine Krone aus rostigem Stacheldraht trugen. Ich hatte mein eigenes Zimmer in der Villa, so wie ich mein eigenes Zimmer in Ihrem Lager habe, Kommandant. Natürlich lautet die korrekte Bezeichnung für mein Zimmer »Einzelzelle«. Und statt einer Putzfrau, die jeden Tag sauber macht, haben Sie mir einen Wachmann mit Babygesicht zur Verfügung gestellt, der gar nichts sauber macht. Aber ich beklage mich nicht. Damit ich mein Geständnis aufschreiben kann, muss es nicht sauber sein, nur ruhig.

Nachts war es in der Villa des Generals sehr ruhig, tagsüber jedoch nicht. Ich war der einzige von den Offizieren des Generals, der mit ihm unter einem Dach lebte, der einzige Junggeselle in seinem Stab und sein zuverlässigster Berater. Bevor ich ihn morgens den kurzen Weg zu seinem Büro fuhr, frühstückten wir zusammen und analysierten am einen Ende des Esstisches aus Teakholz Kriegsberichte, während seine Frau am anderen Ende eine disziplinierte Gruppe aus vier Kindern beaufsichtigte, die achtzehn, sechzehn, vierzehn und zwölf Jahre alt waren. Ein Stuhl blieb immer frei für die in Amerika studierende Tochter. Nicht jeder mochte sich vor dem Ende gefürchtet haben, der General jedoch tat es klugerweise. Er war ein dünner Mann mit hervorragender Körperhaltung, ein kriegserfahrener Soldat, der sich seine vielen Orden wirklich verdient hatte. Kugeln und Granatsplitter hatten dafür gesorgt, dass er nur noch über neun Finger und acht Zehen verfügte, doch um den Zustand seines linken Fußes wussten nur seine Familie und enge Vertraute. Nichts hatte je seinen Ehrgeiz gebremst, außer sein Verlangen nach einer exzellenten Flasche Burgunder. Er trank sie nur mit Kameraden, die sich davor hüteten, Eiswürfel in ihren Wein zu kippen. Er war Epikureer und Christ, in dieser Reihenfolge, ein Mann des Glaubens, der an die Gastronomie und an Gott, an seine Frau und seine Kinder glaubte, und an die Franzosen und Amerikaner. Seiner Ansicht nach waren sie uns weitaus bessere Vormunde als die anderen ausländischen Svengalis, die unsere Brüder im Norden und auch einige im Süden hypnotisiert hatten: Karl Marx, Wladimir Iljitsch Lenin und der Große Vorsitzende Mao. Nicht, dass er jemals einen dieser Weisen gelesen hatte! Es war meine Aufgabe als sein Adjutant und ihm zuarbeitender Nachrichtenoffizier, ihn mit Zitaten zu versorgen, die etwa aus dem Kommunistischen Manifest oder Maos Kleinem Roten Buch abgekupfert waren. Es lag an ihm, die passende Gelegenheit zu finden, um sein Wissen über die Gedankenwelt des Feindes zu demonstrieren. Die Lieblingsfrage des Generals, die er stellte, wann immer es ihm nötig erschien, war ein Lenin-Plagiat: Meine Herren, sagte er dann und klopfte resolut mit den Fingerknöcheln auf den fraglichen Tisch, »Was tun?« Dem General zu erklären, dass diese Frage eigentlich aus Nikolai Tschernyschewskis gleichnamigen Roman stammt, erschien irrelevant. Wer kennt heute noch Tschernyschewski? Es war Lenin, der zählte, der Mann der Tat, der die Frage aufgegriffen und sich zu eigen gemacht hatte.

In diesem düstersten aller Aprilmonate hatte der General, der auf die Frage, was zu tun sei, sonst immer etwas zu tun fand, keine Antwort mehr. Der Mann, der an die mission civilisatrice und den American Way glaubte, wurde schließlich vom Virus des Zweifels erfasst. Von Schlaflosigkeit geplagt, wanderte er in seiner Villa umher wie ein grünlich bleicher Malariapatient. Seit ein paar Wochen zuvor im März unsere Nordfront zusammengebrochen war, tauchte er ständig in meinem Büro oder in meinem Zimmer in der Villa auf, um mir bruchstückhafte, doch immer düstere Neuigkeiten zu übergeben. Ist das zu fassen, rief er dann aus, worauf ich abwechselnd mit: Nein, General! oder Unglaublich! reagierte. Wir konnten nicht glauben, dass Anfang März die freundliche, malerische Kaffeestadt Ban Me Thuot erobert worden war. Wir konnten nicht glauben, dass unser Präsident Thieu, auf dessen Namen man nur noch spucken konnte, unseren das Hochland verteidigenden Truppen unerklärlicherweise den Rückzug befohlen hatte. Wir konnten nicht glauben, dass Da Nang und Nha Trang gefallen waren oder dass unsere Soldaten Tausende Zivilisten hinterrücks erschossen hatten, als diese wie von Sinnen versuchten, auf Lastkähnen und Booten zu fliehen. In der Zurückgezogenheit meines Büros machte ich pflichtgemäß Fotos von diesen Berichten, die Man, meinem Führungsoffizier, gefallen würden. Obwohl sie auch mir gefielen, schließlich waren sie Anzeichen für die unausweichliche Erosion des Regimes, rührte mich unwillkürlich die Not dieser armen Menschen. Mein Mitgefühl war vielleicht nicht korrekt, politisch gesehen, aber wenn sie noch lebte, wäre meine Mutter eine von ihnen gewesen. Sie war eine arme Frau und ich ein armes Kind, und niemand fragt arme Menschen, ob sie Krieg wollen. Genauso wenig hatte irgendwer diese armen Menschen gefragt, ob sie lieber vor der Küste in der Hitze verdursten oder von den eigenen Soldaten ausgeraubt und vergewaltigt werden wollten. Wenn diese Tausenden noch lebten, sie hätten genauso wenig fassen können wie wir, dass die Amerikaner – unsere Freunde, unsere Wohltäter, unsere Beschützer – kein Geld mehr schicken wollten. Und was hätten wir mit dem Geld gemacht? Wir hätten Munition, Benzin und Ersatzteile gekauft für die Waffen, Flugzeuge und Panzer, die uns die gleichen Amerikaner gratis überlassen hatten. Sie hatten uns die Spritzen geschenkt, und jetzt versagten sie uns perverserweise den Stoff. (Für nichts, murmelte der General, musst du so teuer bezahlen wie für das, was man dir gratis anbietet.)

Nach unseren Unterredungen und Mahlzeiten zündete ich dem General seine Zigarette an. Er starrte ins Leere und vergaß, an der Lucky Strike zu ziehen, die langsam zwischen seinen Fingern verglomm. Mitte April, als ihn die glühende Asche aus seinen Tagträumen riss, da stieß er ein Wort aus, das er hätte für sich behalten sollen, und Madame mahnte die kichernden Kinder zur Ruhe und sagte: Wenn du noch länger wartest, dann kommen wir nicht mehr raus. Sag Claude, er soll sofort einen Plan ausarbeiten. Der General tat so, als hörte er Madame nicht. Sie hatte das Gehirn eines Abakus, das Rückgrat eines Kasernenhofschleifers und noch nach fünf Kindern den Körper einer Jungfrau. All das steckte in einer Hülle, die unsere am Beaux-Arts-Stil geschulten Maler dazu inspirierte, mit den pastellfarbensten ihrer Wasserfarben und den verwaschensten ihrer Pinselstriche zu arbeiten. Kurz gesagt, sie war die ideale vietnamesische Frau. Ob dieses Glücks war der General zeitlebens sowohl dankbar als auch verängstigt. Er knetete die Spitze seines verstümmelten Fingers, schaute mich an und sagte: Ich glaube, es ist an der Zeit, Claude um einen Plan zu bitten. Erst als er aufhörte, seinen versehrten Finger zu betrachten, schaute er Madame an, die bloß eine Augenbraue hob. Gute Idee, General, sagte ich.

Claude war unser zuverlässigster amerikanischer Freund. Unser Verhältnis war so intim, dass er mir einmal anvertraut hatte, er sei zu einem Sechzehntel Neger. Aha, hatte ich – so voll mit Bourbon wie er – gesagt, das erklärt, warum Ihre Haare so schwarz sind, Sie so schön braun werden und den Cha-Cha-Cha so tanzen können wie einer von uns. Beethoven, sagte er, sei ebenfalls hexidezimaler Abstammung gewesen. Dann sagte ich, das erklärt, warum Sie »Happy Birthday« singen können wie niemand sonst auf der Welt. Wir kannten uns seit über zwanzig Jahren, seit er mich 1954 auf einem Flüchtlingsschiff entdeckt und meine Talente erkannt hatte. Ich war ein altkluger Neunjähriger gewesen, der schon ziemlich gut Englisch konnte, und zwar wegen eines avantgardistischen amerikanischen Missionars. Claude arbeitete angeblich in der Flüchtlingshilfe. Jetzt stand sein Schreibtisch in der amerikanischen Botschaft. Seine vermeintliche Aufgabe war, die Entwicklung des Tourismus in unserem vom Krieg geschundenen Land zu fördern. Wie Sie sich vielleicht vorstellen können, erforderte dies ein hohes Maß an schweißtreibendem amerikanischem Machergeist. In Wahrheit war Claude ein CIA-Mann, dessen Zeit in diesem Land bis in die Tage zurückreichte, als die Franzosen noch über ein Imperium herrschten. Damals, als die CIA noch das OSS war, bat Ho Chi Minh sie um Hilfe im Kampf gegen die Franzosen. Er zitierte sogar die amerikanischen Gründerväter in der Unabhängigkeitserklärung unseres Landes. Onkel Hos Feinde sagen, er sprach mit gespaltener Zunge, aber Claude glaubte, er hatte beide Seiten im Blick. Ich rief Claude von meinem Büro aus an, das sich im gleichen Flur wie das des Generals befand, und berichtete ihm auf Englisch, dass der General alle Hoffnung verloren habe. Claudes Vietnamesisch war schlecht, sein Französisch noch schlechter, sein Englisch aber hervorragend. Ich erwähne das nur, weil man das nicht von allen seiner Landsleute sagen konnte.

Es ist vorbei, sagte ich zu Claude und merkte, wie endgültig das klang. Ich war auf Widerspruch gefasst, auf Einwände wie die, dass an unserem Himmel immer noch amerikanische Bomber auftauchen könnten oder Kampfhubschrauber der amerikanischen Luftwaffe uns schon bald zu Hilfe eilen würden, aber Claude enttäuschte mich nicht. Ich werde sehen, was ich tun kann, sagte er, wobei ich im Hintergrund Gemurmel hörte. Ich stellte mir die Botschaft in Auflösung begriffen vor, heiß laufende Fernschreiber, dringende Depeschen, die zwischen Saigon und Washington hin- und hergeschickt wurden, pausenlos arbeitendes Personal, die vom beißenden Geruch der Niederlage überforderte Klimaanlage. Umgeben von gereizten Gemütern, blieb Claude gelassen. Er lebte jetzt schon so lange hier, dass er trotz der tropischen Luftfeuchtigkeit kaum noch schwitzte. Er konnte sich im Dunkeln von hinten an jemanden heranschleichen, aber unsichtbar machen konnte er sich nie in unserem Land. Er war ein Intellektueller, aber einer von einer eigentümlich amerikanischen Sorte, der muskulösen, die in der Rudermannschaft gewesen ist und über stramme Bizepse verfügte. Tendierten unsere Gelehrten zu Blässe, Kurzsichtigkeit und Kleinwuchs, maß Claude knapp eins neunzig, hatte Adleraugen und hielt sich in Form, indem er mit seinem Boy Nung auf dem Rücken jeden Morgen zweihundert Liegestütz absolvierte. In seiner Freizeit las er, bei jedem Besuch in der Villa trug er ein Buch unter dem Arm. Auch als er uns ein paar Tage später besuchte, hatte er das Taschenbuch Der Kommunismus in Asien und der orientalische Modus der Zerstörung von Richard Hedd dabei.

Das Buch war für mich, der General erhielt eine Flasche Jack Daniel’s – was ich, vor die Wahl gestellt, vorgezogen hätte. Trotzdem studierte ich eingehend den Einband des Buches voller atemloser Hymnen, die aufgrund ihres hysterischen Tons auch von Teenagern hätten sein können, allerdings von zwei Verteidigungsministern stammten, einem Senator, der unser Land für seine Recherche zwei Wochen lang besucht hatte, und einem bekannten TV-Moderator, der sich in seiner Ausdrucksweise an Moses (dem von Charlton Heston gespielten) orientierte. Der Grund für ihre Erregung fand sich in dem bedeutungsvollen Untertitel, Die marxistische Bedrohung Asiens verstehen und besiegen. Als Claude sagte, im Moment lese jeder diesen Ratgeber, sagte ich, dann würde ich das auch tun. Der General hatte die Flasche schon geöffnet und war nicht in der Stimmung für Gespräche über Bücher oder sonstiges Geschwätz, nicht angesichts achtzehn feindlicher Divisionen, die die Hauptstadt einkesselten. Er wollte über das Flugzeug sprechen. Claude drehte sein Whiskeyglas zwischen den Handflächen und sagte, das Äußerste, was er erreichen könne, sei ein Schwarzflug mit einer C-130. Der General wusste, dass die Maschine Platz für zweiundneunzig Fallschirmjäger samt Ausrüstung bot. Er hatte bei den Luftlandetruppen gedient, bevor der Präsident persönlich ihn an die Spitze der Nationalen Polizei berufen hatte. Das Problem sei, erläuterte er Claude, dass allein seine Großfamilie achtundfünfzig Köpfe zähle. Obwohl er einige davon nicht mochte, ein paar sogar verachtete, würde Madame es ihm nie verzeihen, wenn er nicht alle ihre Verwandten rettete.

Und mein Stab, Claude? Der General sprach in seinem präzisen, formellen Englisch. Was ist damit? Der General und Claude schauten mich an. Ich versuchte, besonders tapfer auszusehen. Ich war nicht der ranghöchste Offizier im Stab, aber als sein Adjutant und der mit der amerikanischen Kultur am meisten vertraute Offizier nahm ich an allen Treffen des Generals mit Amerikanern teil. Einige meiner Landsleute sprachen Englisch so gut wie ich, allerdings hörte man bei den meisten einen hauchzarten Akzent durch. Außer mir konnte sich jedoch fast niemand über Baseballtabellen, die grässliche Jane Fonda oder die Vorzüge der Rolling Stones gegenüber den Beatles auslassen. Schloss ein Amerikaner die Augen, wenn ich redete, glaubte er, einen seiner Leute vor sich zu haben. Tatsächlich konnte man mich am Telefon leicht für einen Amerikaner halten. Bei persönlichen Treffen staunte mein Gesprächspartner unweigerlich, wenn er mich zu Gesicht bekam, und fragte fast immer, wie ich gelernt hätte, so gut Englisch zu sprechen. In dieser Jackfruchtrepublik, die den Vereinigten Staaten als Franchiseunternehmen diente, erwarteten die Amerikaner, dass ich wie Millionen anderer kein Englisch oder Pidgin-Englisch oder Englisch mit Akzent spräche. Ich nahm ihnen diese Erwartungshaltung übel. Deshalb war ich immer erpicht darauf, ihnen zu demonstrieren, wie gut ich ihre Sprache in Wort und Schrift beherrschte. Mein Wortschatz war breiter und meine Grammatik präziser als die des durchschnittlich gebildeten Amerikaners. Ich traf die hohen Noten genauso gut wie die tiefen, und so hatte ich keine Schwierigkeiten, Claude zu verstehen, als er den Botschafter als »Volltrottel« und »Wichser« charakterisierte, der »mit seinem Brett vor dem Kopf« den unmittelbar bevorstehenden Fall der Stadt nicht wahrhaben wolle. Offiziell gibt es keine Evakuierung, sagte Claude, weil wir in nächster Zeit nicht abziehen werden.

Der General erhob fast nie die Stimme, doch nun tat er es. Inoffiziell lasst ihr uns im Stich, rief er laut. Auf dem Flugplatz starten Tag und Nacht Flugzeuge. Jeder, der mit Amerikanern zusammenarbeitet, will ein Ausreisevisum. Sie fragen in eurer Botschaft nach den Visa. Ihr habt schon eure Frauen evakuiert. Ihr habt Babys und Waisenkinder evakuiert. Wie kommt es, dass die Einzigen, die nichts vom Abzug der Amerikaner wissen, die Amerikaner selbst sind? Claude gab sich wenigstens Mühe, peinlich berührt dreinzuschauen, als er erklärte, dass bei Bekanntgabe von Evakuierungen Unruhen ausbrechen würden, die sich dann möglicherweise gegen die zurückbleibenden Amerikaner richten würden. So war es in Da Nang und Nha Trang gewesen, als die Amerikaner Hals über Kopf geflohen und die Einwohner aufeinander losgegangen waren. Aber trotz dieser Erfahrungen herrschte in Saigon eine merkwürdig ruhige Atmosphäre. Die meisten Saigoner benahmen sich wie Leute, die wissen, dass ihre Ehe nicht mehr zu retten ist – entschlossen, sich tapfer aneinanderzuklammern und gemeinsam unterzugehen, solange niemand der ehebrecherischen Wahrheit ins Auge blickte. Die Wahrheit war in diesem Fall, dass mindestens eine Million Menschen in der einen oder anderen Funktion für die Amerikaner arbeiteten oder gearbeitet hatten – indem sie ihre Schuhe putzten oder die von den Amerikanern nach deren Bild konzipierte Armee führten oder ihnen zum Preis eines Hamburgers in Peoria oder Poughkeepsie bereit waren, einen zu blasen. Ein Gutteil dieser Menschen glaubte, dass sie bei einem Sieg der Kommunisten – woran zu glauben sie sich weigerten – das Gefängnis oder die Garrotte und die Jungfrauen die Zwangsverheiratung mit einem Barbaren erwartete. Wie hätten sie das auch nicht glauben sollen? Das waren die Gerüchte, die die CIA verbreitete.

Also …, begann der General, wurde aber sofort von Claude unterbrochen. Sie haben ein Flugzeug, General, und Sie sollten sich glücklich schätzen.

Der General war nicht der Typ, der bettelte. Er trank seinen Whiskey aus, Claude trank den seinen aus, dann schüttelte er Claudes Hand und verabschiedete sich von ihm, ohne den Blickkontakt mit Claude auch nur einmal abreißen zu lassen. Amerikanern gefiel es, den Menschen in die Augen zu schauen, hatte mir der General einmal erzählt, besonders wenn sie einem von hinten das Messer in den Rücken rammten. Claude sah die Lage jedoch vollkommen anders. Andere Generäle erhielten nur Plätze für ihre engste Familie, sagte er beim Hinausgehen. Auch Gott und Noah waren nicht in der Lage gewesen, jeden zu retten. Hatten sie auch gar nicht gewollt.

Nein? Was hätte mein Vater dazu gesagt? Er war katholischer Priester gewesen, aber ich konnte mich nicht erinnern, dass dieser arme Mann Gottes jemals über Noah gepredigt hätte. Zugegebenermaßen war ich aber auch nur in die Messe gegangen, um mit offenen Augen zu träumen. Ungeachtet dessen, wozu Gott und Noah in der Lage waren, bestanden kaum Zweifel, dass jeder Mann aus dem Stab des Generals, wenn er die Gelegenheit gehabt hätte, hundert Blutsverwandte gerettet hätte und darüber hinaus jeden, der das Schmiergeld aufbringen konnte, auch wenn der nur auf dem Papier existierte. Vietnamesische Familien waren komplizierte, heikle Gebilde. Als einziger Sohn einer verfemten Mutter hatte es Zeiten gegeben, in denen ich mich nach einer sehnte, aber jetzt herrschten andere Zeiten.

Später am Tag trat der Präsident zurück. Ich hatte schon vor Wochen erwartet, dass er das Land auf eine für einen Diktator standesgemäße Art verlassen würde, und verschwendete während meiner Arbeit an der Liste der zu Evakuierenden kaum einen Gedanken an ihn. Der General war akribisch und legte Wert auf Details, er war es gewohnt, schnelle, harte Entscheidungen zu treffen, hatte aber gerade diese Aufgabe nun mir zugeschoben. Er selbst war mit seiner Büroarbeit beschäftigt: Lektüre der morgendlichen Verhörprotokolle, Besprechungen auf dem Gelände des Generalstabs, von wo aus er mit seinen Vertrauten Telefonate darüber führte, wie die Stadt gehalten und gleichzeitig auf ihre Kapitulation vorbereitet werden könne, ein Manöver, so heikel, wie zu seinem Lieblingslied die Reise nach Jerusalem zu spielen. Ich hatte Musik im Ohr, denn in meinem Zimmer in der Villa, in dem ich nachts an der Liste arbeitete, hörte ich auf meinem Sony den American Radio Service. Die Songs der Temptations und die von Janis Joplin und Marvin Gaye machten in der Regel Schlimmes erträglich und Schönes wundervoll, aber nicht in Zeiten wie diesen. Immer wenn mein Kugelschreiber einen Strich durch einen Namen machte, empfand ich das wie ein Todesurteil. Alle unsere Namen, vom untersten Offizier bis zum General, hatten sich auf einer Liste befunden, die sich ihre Besitzerin in den Mund gestopft hatte, als wir vor drei Jahren ihre Tür eingetreten hatten. Die Warnung, die ich Man hatte zukommen lassen, hatte sie nicht mehr rechtzeitig erreicht. Als die Polizisten sie zu Boden warfen, hatte ich keine andere Wahl, als mich zu bücken und der kommunistischen Agentin die speichelnasse Liste aus dem Mund zu ziehen. Ihre zu Pappmaschée reduzierte Existenz bewies, dass wir Mitglieder der Spezialeinheit, die andere zu überwachen pflegten, selbst überwacht wurden. Auch wenn ich einen Augenblick mit ihr allein gewesen wäre, hätte ich meine Tarnung nicht dadurch gefährden dürfen, ihr zu sagen, dass wir auf der gleichen Seite standen. Ich wusste, welches Schicksal sie erwartete. In den Verhörzellen der Spezialeinheit redete jeder, ohne es zu wollen, hätte sie mein Geheimnis verraten. Sie war jünger als ich, aber auch sie war klug genug, um zu wissen, was ihr bevorstand. Einen kurzen Augenblick lang sah ich die Wahrheit in ihren Augen aufblitzen, und die Wahrheit war, dass sie mich hasste für das, was ich ihrer Meinung nach darstellte, den Agenten eines Unterdrückerregimes. Dann erinnerte sie sich, wie ich mich, an die Rolle, die sie zu spielen hatte. Bitte, schrie sie. Ich bin unschuldig! Ich schwöre!

Drei Jahre später saß die kommunistische Agentin immer noch in einer Zelle. Ihre Akte bewahrte ich in meinem Schreibtisch auf, eine Mahnung an mein Versagen, sie zu retten. Es war auch mein Fehler, hatte Man gesagt. Am Tag der Befreiung werde ich es sein, der ihre Zelle aufschließt. Bei ihrer Verhaftung war sie zweiundzwanzig gewesen, und in der Akte waren ein Foto von ihr am Tag der Festnahme und eins, das erst ein paar Monate alt war, auf dem ihr Blick stumpf und ihre Haare schütter waren. Unsere Gefängniszellen waren Zeitmaschinen, die Insassen alterten viel schneller als normal. Wenn ich in ihre Gesichter damals und heute schaute, fiel mir die Aufgabe leichter, einige wenige Männer zur Rettung auszuwählen und viele andere zu verurteilen, darunter auch einige, die ich mochte. Während die Verteidiger von Xuan Loc ausgelöscht wurden und jenseits der Grenze Phnom Penh an die Roten Khmer fiel, überarbeitete ich mehrere Tage lang die Liste. Ein paar Abende später floh unser Expräsident heimlich nach Taiwan. Claude, der ihn zum Flughafen fuhr, fiel auf, dass in den ungewöhnlich schweren Koffern des Präsidenten etwas metallisch schepperte, vermutlich ein kräftiger Anteil vom Staatsgold. Das erzählte er mir am nächsten Morgen, als er anrief, um mir mitzuteilen, dass in zwei Tagen unser Flugzeug starten würde. Am frühen Abend des gleichen Tages vervollständigte ich meine Liste und sagte dem General, dass ich demokratisch und repräsentativ vorgegangen sei, dass ich den hochrangigsten Offizier ausgewählt hätte, den Offizier, den jedermann für den Aufrichtigsten hielt, den, in dessen Gesellschaft ich mich am wohlsten fühlte, und so weiter und so weiter. Er folgte meiner Argumentation und ihrer zwingenden Konsequenz, dass eine große Zahl der hohen Offiziere, die sich bei ihrer Arbeit in der Spezialeinheit das meiste Wissen erworben und die meiste Schuld auf sich geladen hatten, zurückbleiben würden. Ich wählte schließlich einen Oberst, einen Major, noch einen Oberst und zwei Leutnants aus. Was mich anging, so reservierte ich einen Platz für mich sowie drei weitere für Bon, seine Frau und seinen Sohn, mein Patenkind.

Als mich der General in jener Nacht mit der inzwischen halb leeren Whiskeyflasche besuchte, um sich bemitleiden zu lassen, bat ich ihn um den Gefallen, Bon mitnehmen zu dürfen. Er war zwar nicht mein richtiger Bruder, aber seit der Schulzeit einer meiner beiden Blutsbrüder. Der zweite war Man. Wir hatten uns die jugendlichen Handflächen aufgeritzt, mit rituellem Handschlag unser Blut vermischt und uns unverbrüchliche Treue geschworen. In meiner Brieftasche hatte ich ein Schwarz-Weiß-Foto von Bon und seiner Familie. Bon sah aus wie ein attraktiver Mann, den man krankenhausreif geschlagen hatte, nur dass Gott ihn eben so geschaffen hatte. Von seinen Elefantenohren konnten nicht einmal das Fallschirmjägerbarett und der messerscharf gebügelte Tigerstreifenkampfanzug ablenken. Das Kinn verschwand ständig in den Falten seines Halses, und die flache, krumme Nase zeigte so scharf nach rechts wie seine politischen Ansichten. Das Gesicht seiner Frau Linh hätte ein Poet vielleicht mit einem Herbstmond verglichen und damit nicht nur auf seine Fülle und Rundheit angespielt, sondern auch auf die Flecken, Krater und Aknenarben. Wie diese beiden ein so schnuckeliges Kind wie Duc hatten fabrizieren können, war ein Wunder oder folgte vielleicht einfach der Logik von minus mal minus gleich plus. Der General gab mir das Foto zurück und sagte: Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Ein Fallschirmjäger. Wenn unsere Armee nur aus Fallschirmtruppen bestünde, dann hätten wir diesen Krieg gewonnen.

Wenn … aber es gab kein Wenn, sondern nur die unbestreitbare Tatsache, dass der General auf der Kante meines Stuhls saß und ich am Fenster stand und an meinem Whiskey nippte. Im Innenhof warf der Ordonnanzoffizier des Generals stapelweise geheime Papiere in eine Zweihundertlitertonne, in der ein Feuer brannte, das die heiße Nacht noch heißer machte. Der General stand auf und ging mit seinem Glas in der Hand in meiner kleinen Kammer auf und ab. Er trug nur Boxershorts und ein ärmelloses Unterhemd, sein Kinn bedeckte ein mitternächtlicher Schatten aus Bartstoppeln. Außer den Hausangestellten, seiner Familie und mir bekam ihn nie jemand so zu Gesicht. Wenn Besucher in die Villa kamen, erschien er zu jeder Stunde des Tages mit pomadisierten Haaren und gestärkten Kakis, und es prangten mehr Orden auf seiner Brust als Haarnadeln auf dem Kopf einer Schönheitskönigin. An diesem Abend jedoch, als die Stille in der Villa nur von gelegentlichem Gewehrfeuer unterbrochen wurde, ließ er sich zu einigen missmutigen Bemerkungen darüber hinreißen, dass die Amerikaner uns die Erlösung vom Kommunismus versprochen hätten, wenn wir nur das täten, was sie von uns verlangten. Sie haben den Krieg angefangen, und jetzt haben sie die Nase voll und lassen uns im Stich, sagte er und goss mir noch einen Schluck ein. Aber wem soll man dafür die Schuld geben, außer uns selbst? Wir waren dumm genug, an ihr Wort zu glauben. Und jetzt können wir nur noch nach Amerika. Es gibt schlimmere Orte auf der Welt, sagte ich. Vielleicht, sagte er. Wenigstens sind wir am Leben und können den Kampf wieder aufnehmen. Aber vorerst sind wir durch und durch am Arsch. Welcher Trinkspruch passt dazu?

Eine Sekunde später kam ich darauf.

Here’s blood in your eye, sagte ich.

Verdammt wahr.

Ich kann mich nicht erinnern, woher ich diesen Trinkspruch hatte, nicht einmal daran, was er bedeutete, nur dass ich ihn irgendwann während meiner Jahre in Amerika aufgeschnappt hatte. Der General war ebenfalls in Amerika gewesen, wenn auch nur für wenige Monate, 1958, als junger Offizier mit einem Zug seiner Kameraden auf einem Lehrgang in Fort Benning, wo die Green Berets ihn endgültig gegen den Kommunismus impften. In meinem Fall hatte die Impfung nicht gewirkt. Ich war damals schon undercover gewesen, eine Kombination aus Stipendiat und Spion in der Ausbildung, der einzige Repräsentant unseres Volkes in einem kleinen, im Grünen gelegenen College namens Occidental, dessen Motto Occidens Proximus Orienti lautete. Dort, in der verträumten, sonnenbenebelten Welt Südkaliforniens, verbrachte ich in den Sechzigern sechs idyllische Jahre. Mit dem Studium von Verkehrswegen, Abwassersystemen oder anderen ähnlich nützlichen Dingen hatte ich nichts zu tun. Mein Mitverschwörer Man hatte mir die Mission übertragen, das amerikanische Denken zu studieren. Mein Krieg war ein psychologischer. Deshalb las ich amerikanische Geschichte und Literatur und vervollkommnete meine Grammatik, saugte den Slang auf, rauchte Pot und verlor meine Unschuld. Kurz, ich machte nicht nur meinen Bachelor, sondern auch den Master und wurde Experte in allen Arten von Amerikastudien. Sogar heute noch habe ich den Rasen neben einem Wäldchen aus irisierenden Jacarandabäumen ziemlich deutlich vor Augen, wo ich zum ersten Mal die Worte des großen amerikanischen Philosophen Emerson las. Meine Aufmerksamkeit verteilte sich auf die exotischen sonnengebräunten Studentinnen in Shorts und schulterfreien Tops, die sich auf dem Wiesenrispengras sonnten, und die schroffen, schwarzen Worte auf einem nackten weißen Blatt Papier – »Konsequenz ist das Schreckgespenst aller kleinen Geister«. Nichts, was Emerson je geschrieben hat, passte besser auf Amerika, was aber nicht der einzige Grund war, warum ich seine Worte einmal, zweimal, dreimal unterstrichen habe. Was mich damals umgehauen hat und mich noch heute beeindruckt, ist, dass man das Gleiche auch über unser Vaterland sagen kann, wo wir mehr als alles andere inkonsequent sind.

An unserem letzten Morgen fuhr ich den General zu seinem Büro auf dem Gelände der Nationalen Polizei. Von meinem Büro aus rief ich die fünf von mir ausgesuchten Offiziere an und bestellte sie nacheinander ein. Wir fliegen heute Abend?, fragte der sehr nervöse Oberst mit großen, feuchten Augen. Ja. Meine Eltern? Die Eltern meiner Frau?, fragte der Major, ein maßloser Liebhaber der chinesischen Restaurants von Cholon. Nein. Brüder, Schwestern, Nichten und Neffen? Nein. Hausgestellte und Kindermädchen? Koffer, Garderobe, Porzellansammlung? Nein. Der Kommandant, der wegen einer Geschlechtskrankheit ein wenig humpelte, drohte mit Selbstmord, wenn er nicht mehr Plätze bekäme. Ich bot ihm meinen Revolver an, und er schlich davon. Die jungen Leutnants hingegen waren dankbar. Sie hatten ihre kostbaren Posten familiären Verbindungen zu verdanken und gebärdeten sich mit einer abgehackten Nervosität, die an Marionetten erinnerte.

Ich schloss die Tür hinter dem Letzten. Als Kanonendonner die Fenster erzittern ließ, sah ich im Osten lodernde Flammen und wallenden Rauch. Feindliche Artillerie hatte das Munitionslager in Long Binh in die Luft gejagt. Ich verspürte das Bedürfnis, zu trauern und gleichzeitig zu feiern und drehte mich zur Schublade um, in der ich eine Dreiviertelliterflasche mit einem Rest Jim Beam aufbewahrte. Wenn meine arme Mutter noch lebte, hätte sie gesagt, trink nicht so viel, mein Junge, das kann nicht gut sein. Warum nicht, Mama? Wenn man sich in einer heiklen Lage befindet, wie ich als Maulwurf im Stab des Generals, dann sucht man sich Trost, wo immer man kann. Ich trank die Flasche aus, dann fuhr ich den General durch einen Gewittersturm nach Hause. Der Regen, der sich über die Stadt ergoss, war ein Hinweis auf die bevorstehende Jahreszeit. Manche hofften, der Monsun könne den Vormarsch der Divisionen des Nordens verzögern, ich hielt das für unwahrscheinlich. Ich ließ das Abendessen aus und packte meinen Rucksack: Toilettenartikel, eine Chinohose und ein Madrashemd, die ich bei J. C. Penney in Los Angeles gekauft hatte, ein Paar Slipper, drei Garnituren Unterwäsche, eine elektrische Zahnbürste vom Schwarzmarkt, ein gerahmtes Foto meiner Mutter, Umschläge mit Fotos von hier und Amerika, meine Kodak-Kamera und Der Kommunismus in Asien und der orientalische Modus der Zerstörung.

Den Rucksack hatte mir Claude zum Collegeabschluss geschenkt. Er war das Schönste, was ich besaß. Ich konnte ihn auf dem Rücken tragen oder nach ein paar Zupfern an den Riemen als Reisetasche in der Hand. Er war aus geschmeidigem braunem Leder, stammte von einem renommierten Hersteller aus New England und roch intensiv und geheimnisvoll nach Herbstlaub, gegrilltem Hummer sowie dem Schweiß und Sperma von Jungeninternaten. An der Seite waren meine Initialen eingestanzt, aber das ungewöhnlichste Merkmal war der doppelte Boden. Jeder Mensch sollte ein Gepäckstück mit einem doppelten Boden haben, hatte Claude gesagt. Man weiß nie, wann man ihn einmal gebrauchen kann. Er wusste nicht, dass ich in dem Fach meine Minox-Minikamera versteckte. Die Minox war ein Geschenk von Man, ihr Preis entsprach dem Mehrfachen meines Jahresgehalts. Damit hatte ich bestimmte Geheimdokumente fotografiert, zu denen ich Zugang hatte, und ich glaubte, dass sie mir vielleicht wieder nützlich sein konnte. Zuletzt ging ich meine Bücher und Schallplatten durch, die ich fast alle in den USA gekauft hatte und die alle den Fingerabdruck meiner Erinnerungen trugen. Für Elvis oder Dylan, Faulkner oder Twain hatte ich keinen Platz. Obwohl ich sie leicht ersetzen konnte, war mir das Herz doch noch schwer, als ich auf den Karton mit den Büchern und Schallplatten Mans Namen schrieb. Es waren zu viele, ich konnte sie genauso wenig mitnehmen wie meine Gitarre, die ihre prallen Rundungen vorwurfsvoll auf meinem Bett zur Schau stellte.

Ich packte fertig und lieh mir den Citroën, um Bon abzuholen. Die Militärpolizisten an den Kontrollposten winkten mich durch, als sie die Generalssterne am Wagen sahen. Mein Ziel lag auf der anderen Seite des Flusses, der nur noch eine erbärmliche Wasserstraße war, gesäumt von den Hütten der Landflüchtlinge, deren Häuser und Bauernhöfe von pyromanischen Soldaten und adretten Brandstiftern ausgelöscht worden waren, die als Bomberpiloten ihre wahre Bestimmung gefunden hatten. Ich durchquerte diese planlose Ansammlung aus armseligen Hütten und fuhr tief in den Bezirk 4 hinein bis zu einem Biergarten, wo Bon und Man auf mich warteten und wo wir drei mehr Stunden im Rausch verbracht hatten, als mir in Erinnerung geblieben sind. Armeesoldaten und Marineinfanteristen drängten sich an den Tischen, ihre Gewehre lagen unter den Hockern. Das Haar hatten ihnen zu irgendeinem schändlichen phrenologischen Zweck sadistische Militärfriseure so kurz geschoren, dass die Konturen ihrer Schädel zu sehen waren. Kaum hatte ich mich gesetzt, schenkte Bon mir ein Glas Bier ein, erlaubte mir aber nicht zu trinken, bevor er nicht einen Trinkspruch zum Besten gegeben hätte. Auf unser Wiedersehen, sagte er und hob sein Glas. Wir sehen uns auf den Philippinen. Ich sagte, eigentlich würden wir uns auf Guam wiedersehen, Diktator Marcos habe genug von Flüchtlingen und würde keine mehr ins Land lassen. Stöhnend rieb Bon sich mit dem Glas die Stirn. Dachte nicht, dass es noch schlimmer werden könnte. Schauen jetzt etwa auch schon die Filipinos auf uns runter? Vergiss die Philippinen, sagte Man. Trinken wir eben auf Guam. Es heißt, dass da Amerikas Tag beginnt. Und unserer endet, brummte Bon.

Anders als Man und ich war Bon ein überzeugter Patriot, ein Republikaner, der sich freiwillig zur Armee gemeldet hatte und die Kommunisten hasste, seit der Ortskader seinen Vater, den Dorfältesten, dazu ermuntert hatte, auf dem Dorfplatz niederzuknien und ein Geständnis abzulegen, bevor er ihm hinter dem Ohr eine Kugel in den Kopf jagte. Da Bon, sich selbst überlassen, wie ein Japaner entweder bis zum Ende kämpfen oder sich sogar die Pistole an die Schläfe setzen würde, redeten Man und ich auf ihn ein, dass er an seine Frau und sein Kind denken müsse. Nach Amerika zu gehen sei keine Desertion, behaupteten wir. Das sei ein strategischer Rückzug. Wir hatten Bon erzählt, dass auch Man am nächsten Tag mit seiner Familie fliehen würde, obwohl er in Wahrheit vorhatte zu bleiben, um Zeuge der Befreiung des Südens durch die von Bon so verhassten Kommunisten aus dem Norden zu werden. Jetzt drückte Man ihm mit seinen langen, grazilen Fingern die Schulter und sagte: Wir sind Blutsbrüder, wir drei. Und wir werden auch noch Blutsbrüder sein, wenn wir diesen Krieg verlieren, sogar wenn wir unser Land verlieren. Er schaute mich an, und seine Augen wurden feucht. Für uns gibt es kein Ende.

Du hast recht, sagte Bon und schüttelte heftig den Kopf, damit man die Tränen in seinen Augen nicht sah. Genug jetzt von Trauer und Trübsal. Lasst uns auf die Hoffnung trinken. Wir kommen wieder und holen uns unser Land zurück. Oder nicht? Auch er schaute mich an. Ich schämte mich nicht der Tränen in meinen Augen. Diese Männer waren besser als jeder richtige Bruder, den ich hätte haben können, weil wir uns gegenseitig ausgesucht hatten. Ich hob mein Bierglas. Auf unsere Rückkehr, sagte ich. Und auf eine Brüderschaft, die nie endet. Wir leerten unsere Gläser, bestellten eine neue Runde, schlangen uns die Arme um die Schultern und versanken eine Stunde lang in brüderlicher Liebe, begleitet von Liedern, die vom anderen Ende des Gartens kamen. Der Gitarrist war ein langhaariger Kriegsdienstverweigerer mit kränklich blasser Haut, der seit zehn Jahren im Haus des Barbesitzers lebte und nur nachts herauskam. Seine Gesangspartnerin war eine ebenfalls langhaarige Frau mit einer lieblichen Stimme. Ihre schlanke Figur umhüllte ein seidenes Ao dai, dessen Farbe dem schamroten Gesicht einer Jungfrau glich. Sie sang Lieder von Trinh Cong Son, dem sogar von den Fallschirmjägern verehrten Folksänger. Liebste, morgen muss ich gehen … Ihre Stimme erhob sich über das Geplauder und den Regen. Vergiss nicht, mich heimzurufen … Mein Herz bebte. Wir waren kein Volk, das zu Horn oder Trompete aufs Schlachtfeld stürmte. Nein, wir kämpften zu den Melodien von Liebesliedern, wir waren die Italiener Asiens.

Liebste, morgen muss ich gehen. Die Nächte in der Stadt haben ihre Schönheit verloren … Wenn Bon gewusst hätte, dass er Man für Jahre, vielleicht für immer, zum letzten Mal sah, wäre er nie in das Flugzeug gestiegen. Seit unserer gemeinsamen Zeit am Lycéehatten wir uns gern als die drei Musketiere gesehen, alle für einen, einer für alle. Man hatte uns mit Dumas bekannt gemacht: Erstens, weil er ein großer Romancier, zweitens, weil er ein Mulatte war. Deshalb war er unser Leitbild, von den gleichen Franzosen kolonisiert, die ihn für seine Herkunft verachteten. Man war ein begeisterter Leser und Geschichtenerzähler und wäre in Friedenszeiten wahrscheinlich Lehrer für Literatur an unserem Lycéegeworden. Er hatte drei Perry-Mason-Krimis von Erle Stanley Gardner in unsere Muttersprache übersetzt und außerdem unter Pseudonym einen unbedeutenden zolaesken Roman geschrieben. Er hatte Amerika studiert, war aber nie dort gewesen, genauso wie Bon, der eine neue Runde bestellte und fragte, ob es in Amerika Biergärten gebe. Sie haben Bars und Supermärkte, wo man immer ein Bier kriegen kann, sagte ich. Und haben sie auch schöne Frauen, die Lieder wie die hier singen?, fragte er. Ich schenkte ihm nach und sagte, sie haben schöne Frauen, aber die singen keine Lieder wie die hier.

Dann schlug der Gitarrist die Akkorde eines neuen Liedes an. Sie singen Lieder wie das da, sagte ich. Es war »Yesterday« von den Beatles. Wir sangen alle drei mit, und mir wurden die Augen feucht. Wie mochte es wohl sein, in einer Zeit zu leben, in der einem das Schicksal keinen Krieg bescherte, in der man nicht von den Feigen und Korrupten regiert wurde, in der das eigene Land kein hoffnungsloser Fall war, der am Tropf der Amerikaner hing und nur so am Leben erhalten wurde? Außer meinen Blutsbrüdern kannte ich keinen der jungen Soldaten hier, doch gestehe ich, dass ich mit ihnen allen fühlte, die keine Ahnung hatten, dass sie binnen Tagen tot oder verwundet oder gefangen oder gedemütigt oder im Stich gelassen oder vergessen sein würden. Sie waren meine Feinde, und doch waren sie auch Kriegskameraden. Ihre geliebte Stadt würde bald fallen, meine aber würde bald befreit sein. Und so sangen wir zwei Minuten lang aus vollem Herzen mit, hingen Vergangenem nach, den Blick abgewandt von der Zukunft, Rückenschwimmer, die auf einen Wasserfall zusteuerten.

Als wir gingen, hörte es schließlich auf zu regnen. Am Ausgang des Biergartens, der in eine feuchte, tropfende Gasse mündete, rauchten wir noch eine letzte Zigarette, als drei wasserköpfige Marineinfanteristen aus der vaginalen Dunkelheit stolperten. Wunderschönes Saigon!, sangen sie. Oh, Saigon! Oh, Saigon! Obwohl es erst sechs Uhr war, waren sie schon betrunken und ihre Uniformen voller Bierflecken. Jeder trug ein M16 über der Schulter, und jeder protzte mit zwei Extrahoden, die sich bei genauerer Betrachtung als Handgranaten herausstellten, links und rechts vom Koppelschloss an den Gürtel geklemmt. Obwohl Uniformen, Waffen und Helme wie unsere aus amerikanischer Produktion stammten, konnte man sie unmöglich mit Amerikanern verwechseln. Die verbeulten Helme, für amerikanische Köpfe gemachte Stahltöpfe, die für unsereinen viel zu groß waren, verrieten sie. Der Kopf des ersten Marineinfanteristen kippte hin und her. Als der Mann gegen mich stieß, rutschte ihm der Helm bis auf die Nase. Er fluchte, schob den Helm wieder nach oben, und ich blickte in glasige Augen, die versuchten zu fokussieren. Hallo!, sagte er. Sein Atem stank, und er hatte einen derart ausgeprägten südlichen Akzent, dass ich ihn kaum verstand. Was ist das denn? Ein Polizist? Was hast du bei den echten Soldaten zu suchen?

Man schnippte Asche auf ihn. Der Polizist ist ein Hauptmann. Grüßen Sie Ihren Vorgesetzten, Leutnant.

Der zweite Marineinfanterist, ebenfalls ein Leutnant, sagte: Wenn Sie meinen, Major, worauf der dritte Marineinfanterist, auch ein Leutnant, sagte: Ob Major, Oberst oder General, zur Hölle mit allen. Der Präsident ist abgehauen. Die Generäle … puff! In Luft aufgelöst. Bringen ihre Ärsche in Sicherheit, wie immer. Und jetzt? Ratet mal! Wir dürfen den Rückzug decken. Wie immer. Welchen Rückzug?, fragte der zweite Marineinfanterist. Da ist nix mehr zum Zurückziehen. Der dritte sagte: Wir sind tot. So gut wie tot, sagte der erste. Das ist unser Job, tot sein.

Ich warf meine Zigarette weg. Ihr seid noch nicht tot. Geht zurück auf eure Posten.

Der erste Marineinfanterist fokussierte wieder mein Gesicht und machte einen Schritt nach vorn, bis seine Nase fast die meine berührte. Was bist du?

Sie überschreiten Ihre Kompetenzen, Leutnant!, sagte Bon laut.

Ich sag dir, was du bist. Der Marineinfanterist stieß mir den Zeigefinger gegen die Brust.

Tun Sie es nicht, sagte ich.

Ein Bastard!, kreischte er. Die beiden anderen Marineinfanteristen lachten und riefen ebenfalls: Ein Bastard!

Ich zog meinen Revolver und drückte die Mündung zwischen die Augen des Marineinfanteristen. Hinter ihm fummelten seine Freunde nervös an ihren Gewehren herum, taten aber nichts weiter. Sie waren benebelt, aber noch nicht so sehr, dass sie glaubten, schneller ziehen zu können als meine nicht ganz so benebelten Freunde.

Sie sind betrunken, Leutnant, richtig? Unwillkürlich zitterte meine Stimme.

Ja, sagte der Marineinfanterist. Hauptmann.

Dann werde ich Sie nicht erschießen.

In diesem Augenblick hörten wir zu meiner großen Erleichterung die ersten Bomben. Alle Köpfe fuhren in Richtung der aus Nordwesten kommenden Explosion herum, der noch eine und dann noch eine folgte. Der Flughafen, sagte Bon. Fünfhundertpfundbomben. Später stellte sich heraus, dass er mit beidem recht gehabt hatte. Von unserem Standpunkt aus konnten wir nichts sehen, außer die nach einigen Sekunden aufquellenden schwarzen Rauchwolken. Dann schien vom Zentrum bis zum Flughafen jede Waffe in der Stadt loszugehen. Leichte machten klack-klack-klack, schwere plopp-plopp-plopp. Orangene Leuchtspuren schossen in den Himmel. Der Lärm lockte alle Bewohner der erbärmlichen Straße an die Fenster und in die Eingänge ihrer Häuser. Ich steckte meinen Revolver in das Halfter. Die durch die Anwesenheit von Zeugen ebenfalls ernüchterten Marineinfanteristen stiegen in ihren Jeep, fuhren los und schlängelten sich bis zur nächsten Kreuzung durch eine Handvoll Mopeds. Dann bremste der Jeep und hielt an. Die Marineinfanteristen kletterten schwankend, die M16 in den Händen, aus dem Wagen. Es waren weitere Explosionen zu hören, Zivilisten drängelten sich auf den Gehwegen. Die Marineinfanteristen standen im gelblichen Licht einer Straßenlaterne und schauten in unsere Richtung. Mein Puls beschleunigte sich. Aber sie richteten ihre Gewehre nur in den Himmel und feuerten johlend und kreischend so lange, bis die Magazine leer waren. Mein Herz raste, und der Schweiß lief mir den Rücken hinunter, aber meinen Freunden zuliebe lächelte ich und zündete mir eine neue Zigarette an.

Idioten!, brüllte Bon, während die Zivilisten sich in die Hauseingänge verkrochen. Die Marineinfanteristen riefen uns noch ein paar erlesene Namen zu, dann stiegen sie wieder in den Jeep, bogen um die Ecke und waren verschwunden. Bon und ich verabschiedeten uns von Man. Nachdem er mit seinem Jeep abgefahren war, warf ich Bon die Schlüssel des Citroën zu. Es fielen keine Bomben mehr, es wurde nicht mehr geschossen. Auf dem ganzen Weg zu seiner Wohnung verfluchte er die Marineinfanterie auf übelste Weise. Ich schwieg. Bei Marineinfanteristen vertraute man nicht auf gute Tischmanieren. Man vertraute auf ihre Instinkte, wenn es um Leben und Tod ging. Die Bezeichnung, mit der sie mich bedacht hatten, ärgerte mich weniger als meine Reaktion darauf. Inzwischen hätte ich mich an diese scheußliche Bezeichnung gewöhnt haben müssen, aber irgendwie war es mir nicht gelungen. Meine Mutter war eine Einheimische, mein Vater Ausländer, und Fremde wie Bekannte hatten sich seit meiner Kindheit einen Spaß daraus gemacht, mich daran zu erinnern, mich zu bespucken und einen Bastard zu rufen, obwohl sie mich manchmal, der Abwechslung wegen, erst einen Bastard riefen und dann erst bespuckten.

ZWEITES KAPITEL

ZWEITES

KAPITEL

Der Wachmann mit dem Babygesicht, der jeden Tag nach mir schaut, nennt mich auch jetzt noch einen Bastard, wenn ihm danach ist. Das überrascht mich zwar kaum, allerdings hatte ich von Ihren Leuten Besseres erwartet, mein lieber Kommandant. Ich gestehe, die Bezeichnung verletzt mich immer noch. Könnte er mich zur Abwechslung nicht einmal, wie das in der Vergangenheit schon andere getan haben, Mischling oder Halbblut nennen? Oder métis, wie die Franzosen, wenn sie mich nicht einen Eurasier gerufen haben? Diese Bezeichnung verlieh mir einen romantischen Touch bei den Amerikanern, half mir bei den Franzosen selbst aber nicht weiter. Ich begegnete ihnen immer noch regelmäßig in Saigon, nostalgischen Kolonisten, die, auch nachdem man ihnen ihr Empire aufgekündigt hatte, stur darauf beharrten, im Land zu bleiben. Sie trafen sich im Le Cercle Sportif, wo sie an ihrem Pernod nippten und ihr Tartar der Erinnerungen kauten, die sich auf den Straßen Saigons abgespielt hatten, für die sie immer noch die alten Namen benutzten: Boulevard Norodom, Rue Chasseloup-Laubat, Quai de l’Argonne. Mit der Arroganz der nouveaux riches kommandierten sie das einheimische Personal herum und betrachteten mich, wenn ich vorbeischaute, mit den misstrauischen Blicken von Grenzposten bei der Passkontrolle.

Allerdings hatten nicht sie den Eurasier erfunden. Das können die Engländer in Indien für sich beanspruchen, die es ebenfalls nicht lassen konnten, an dunkler Schokolade zu knabbern. Wie die tropenhelmbewehrten Anglos konnte auch das Amerikanische Expeditionskorps im Pazifik den Versuchungen der Einheimischen nicht widerstehen. Auch sie erfanden ein Kofferwort, um meinesgleichen zu beschreiben, das des Amerasiers. Obwohl in meinem Fall unzutreffend, konnte ich den Amerikanern kaum vorwerfen, dass sie mich fälschlicherweise für einen der Ihren hielten. Schließlich konnte man aus den tropischen Nachkommen der amerikanischen GIs eine kleine Nation gründen. GI stand für Government Issue, also »von der Regierung ausgegeben«, und das sind die Amerasier ja schließlich auch. Meine Landsleute zogen Euphemismen Akronymen vor und nannten Menschen wie mich den Staub des Lebens. Prosaischer ausgedrückt, konnte man mich, wie mir das Oxford English Dictionary enthüllte, das ich an der Occidental konsultierte, als ein »leibliches Kind« bezeichnen. Das Gesetz in allen Ländern, die ich kenne, begrüßt mich jedoch als ihren illegitimen Sohn. Meine Mutter nannte mich ihr Kind der Liebe, aber darauf möchte ich nicht näher eingehen. Am Ende war es mein Vater, der es richtig machte. Er nannte mich nämlich gar nichts.

Kein Wunder also, dass ich mich zu dem General hingezogen fühlte, der sich wie meine Freunde Man und Bon nie über meine verworrene Herkunft mokierte. Als er mich für seinen Stab auswählte, hatte der General gesagt: Mich interessiert nur, wie gut Sie erledigen, was ich Ihnen auftrage, auch wenn die Aufträge vielleicht nicht so interessant sind. Ich bewies ihm meine Fähigkeiten mehr als einmal. Die Evakuierung war nur die letzte Demonstration meiner Fähigkeit, den schmalen Grat zwischen legal und illegal zu überwinden. Die Männer waren ausgewählt, die Busse bestellt und – das Wichtigste – die Schmiergelder für eine sichere Reise bezahlt. Ich hatte sie aus einer Umhängetasche mit zehntausend Dollar verteilt, die ich vom General verlangt hatte, der wiederum die Forderung an Madame weitergegeben hatte. Das ist eine außerordentliche Summe, sagte sie zu mir bei einer Tasse Oolongtee in ihrem Salon. Es sind außerordentliche Zeiten, sagte ich. Für zweiundneunzig Evakuierte ein Schnäppchen. Sie konnte nicht widersprechen, keiner, dessen Ohr auf den Gerüchtegleisen der Stadt lag, hätte das gekonnt. Es rumorte, dass der Preis für Visa, Pässe und Plätze auf Evakuierungsflügen viele Tausend Dollar betragen konnte, je nach dem Paket, das man wählte, oder dem Grad der eigenen Hysterie. Aber bevor man überhaupt Gelegenheit hatte, Schmiergeld zu zahlen, benötigte man Zugang zu willigen Mitverschwörern. In unserem Fall war dies ein halbseidener Major, mit dem ich mich im Pink Nightclub in der Nguyen-Hue-Straße angefreundet hatte. Wir mussten brüllen, damit wir uns im psychedelischen Klanggewitter von CBC oder den Popbeats von Uptight verständlich machen konnten, und so erfuhr ich, dass er der Offizier vom Dienst am Flughafen war. Für eine vergleichsweise bescheidene Gebühr von tausend Dollar informierte er mich darüber, wer die Wachmänner am Tag unseres Fluges waren und wo ich deren vorgesetzte Leutnants finden konnte.

Nachdem alles arrangiert war und Bon und ich dessen Frau und Sohn abgeholt hatten, versammelten wir uns um sieben Uhr für die Abreise. Vor den Toren der Villa warteten zwei blaue Busse, an deren vergitterten Fenstern die üblichen Granaten, die Terroristen benutzten, abprallen würden. Bei Panzerfäusten würde man sich allerdings auf den Schutz durch Gebete verlassen müssen. Die nervösen Familien warteten im Innenhof der Villa, Madame stand mit den Hausangestellten auf den Treppenstufen davor. Ihre bedrückten Kinder saßen mit leerem, taktvollem Gesichtsausausdruck auf dem Rücksitz des Citroën und beobachteten Claude und den General, die im Licht der Frontscheinwerfer rauchten. Mit der Passagierliste in der Hand rief ich die Männer und ihre Familien auf, hakte die Namen ab und führte sie zu ihrem Bus. Wie von mir angewiesen, trug jeder Erwachsener und jeder Teenager nur jeweils einen kleinen Koffer oder eine Reisetasche. Einige der Kinder umklammerten dünne Decken oder alabasterfarbene Puppen mit westlichen, fanatisch grinsenden Gesichtern. Bon war der Letzte. Er führte Linh am Ellbogen, sie wiederum hielt Ducs Hand. Er war gerade alt genug, um sicher gehen zu können. Seine andere Hand ballte sich um ein gelbes Jo-Jo, ein Andenken, das ich ihm aus Amerika mitgebracht hatte. Ich salutierte vor ihm. Der Junge runzelte konzentriert die Stirn, zog seine Hand aus der seiner Mutter und erwiderte den Gruß. Alle sind da, sagte ich zum General. Dann los, sagte er und trat mit der Hacke seine Zigarette aus.

Des Generals letzte Pflicht bestand darin, sich von dem Butler, dem Koch, der Haushälterin und den drei pubertierenden Kindermädchen zu verabschieden. Einige von ihnen hatten Madame angefleht, mitkommen zu dürfen, aber sie hatte standhaft abgelehnt, da sie der Überzeugung war, mit der Bezahlung für die Offiziere des Generals schon übermäßig generös gewesen zu sein. Sie hatte natürlich recht. Ich wusste von mindestens einem General, der die Plätze, die man ihm für seinen Stab angeboten hatte, höchstbietend weiterverkauft hatte. Madame und alle Angestellten weinten jetzt. Nur der greise Butler mit der violetten Ascotkrawatte über dem Kropf weinte nicht. Er hatte seinen Dienst als Ordonnanz für den General begonnen, als dieser noch Leutnant gewesen war und sie beide unter den Franzosen in der Hölle von Dien Bien Phu gedient hatten. Der General, der am Fuß der Treppe stand, konnte dem alten Mann nicht in die Augen schauen. Es tut mir leid, sagte er mit gesenktem Kopf und der Mütze in der Hand. Das war das erste Mal, dass ich hörte, wie er sich bei jemandem entschuldigte – abgesehen von Madame. Sie haben uns gute Dienste geleistet, aber wir Ihnen nicht. Trotzdem, keinem von Ihnen wird etwas zustoßen. Nehmen Sie sich aus der Villa, was Sie wollen. Wenn jemand fragt, streiten Sie ab, dass Sie mich kennen oder jemals für mich gearbeitet haben. Was mich angeht, ich schwöre Ihnen, dass ich nie aufhören werde, für unser Land zu kämpfen. Als der General anfing zu weinen, reichte ich ihm mein Taschentuch. Um eine einzige Sache möchte ich Sie bitten, General, sagte der Butler in die nun eintretende Stille. Und was, mein Freund? Ihre Pistole, damit ich mich erschießen kann. Der General schüttelte den Kopf und wischte sich mit meinem Taschentuch die Augen ab. Das werden Sie nicht tun. Gehen Sie nach Hause und warten Sie dort auf meine Rückkehr. Dann werde ich Ihnen eine Pistole geben. Als der Butler salutieren wollte, reichte ihm der General stattdessen die Hand.

Was immer die Menschen heute über den General sagen, ich kann nur bezeugen, dass er ein aufrichtiger Mann war, der an alles glaubte, was er sagte, selbst wenn es eine Lüge war, worin er sich kaum von den meisten Menschen unterschied.

Madame gab jedem Angestellten einen Umschlag mit Dollars, dessen Umfang dem Rang des Empfängers entsprach. Der General gab mir das Taschentuch zurück und geleitete Madame zum Citroën. Für diese letzte Fahrt setzte sich der General selbst hinter das lederummantelte Lenkrad und wies den beiden Bussen den Weg zum Flughafen. Ich nehme den zweiten Bus, sagte Claude. Steigen Sie in den ersten und achten Sie darauf, dass der Fahrer sich nicht verfährt. Bevor ich einstieg, blieb ich am Tor noch einmal kurz stehen und warf einen letzten Blick auf die Villa, deren Existenz den korsischen Besitzern einer Gummiplantage zu verdanken war. Ein monumentaler Tamarindenbaum ragte bis über die Traufe hinaus. Die langen knubbeligen Hülsen seiner sauren Früchte baumelten herab wie die Finger eines toten Mannes. Das loyale Personal stand immer noch auf der kleinen Vorbühne oberhalb der Treppe. Als ich ihnen zum Abschied winkte, winkten sie artig zurück, während sie in der anderen Hand jene weißen Umschläge hielten, die sich im Licht des Mondes zu Fahrkarten ins Nirgendwo verwandelt hatten.

Der Weg von der Villa zum Flughafen war so einfach wie alles in Saigon, also alles andere als einfach. Durch die Tore der Villa nach rechts auf die Thi Xuan, nach links auf die Le Van Quyet, nach rechts auf die Hong Thap Tu in Richtung der Botschaften, nach links auf die Pasteur, noch einmal nach links auf die Nguyen Dinh Chieu, nach rechts auf die Cong Ly und dann immer geradeaus bis zum Flughafen. Doch anstatt links auf die Le Van Quyet einzubiegen, fuhr der General nach rechts. Er fährt in die falsche Richtung, sagte mein Fahrer. Er hatte nikotingelbe Finger und gefährlich spitze Fußnägel. Folgen Sie ihm, sagte ich. Ich stand im Eingangsbereich des Busses, die Tür war offen, um die kühle Nachtluft hereinzulassen. Auf der ersten Bank hinter mir saßen Bon und Linh und auf deren Schoß Duc, der sich vorbeugte und mir über die Schulter schaute. Die Straßen waren leer. Laut Radio war wegen des Streiks am Flughafen über die Stadt eine vierundzwanzigstündige Ausgangssperre verhängt worden. Fast leer waren auch die Gehwege, nur da und dort lagen geisterhafte Uniformen auf dem Boden, derer sich Deserteure entledigt hatten. Manche waren zu ordentlichen kleinen Haufen zurechtgelegt, mit dem Helm über dem Uniformhemd und den Stiefeln unter der Hose, als hätte eine Strahlenkanone ihre Besitzer pulverisiert. In einer Stadt, wo sonst nichts auf dem Müll landete, rührte niemand die Uniformen an.

In meinem Bus saßen zumindest einige wenige in Zivil verkleidete Soldaten, aber der Rest der angeheirateten Verwandten und der Cousinen und Cousins des Generals waren fast alle Frauen und Kinder. Diese Passagiere unterhielten sich flüsternd und beklagten sich über dies und das, was ich aber ignorierte. Selbst wenn sie im Himmel landen würden, fänden meine Landsleute sicher einen Grund zu der Bemerkung, dass es nicht so warm sei wie in der Hölle. Warum nimmt er diesen Weg?, fragte der Fahrer. Die Ausgangssperre! Wir werden alle erschossen oder zumindest verhaftet. Bon seufzte und schüttelte den Kopf. Er ist der General, sagte er, als ob das alles erklärte, was es tatsächlich auch tat. Trotzdem jammerte der Fahrer weiter, während wir den Hauptmarkt passierten und auf die Le Loi einbogen, und hörte erst auf, als der General schließlich am Lam-Son-Platz anhielt. Vor uns erhob sich die griechische Fassade der Nationalversammlung, früher das Opernhaus der Stadt. Von hier aus inszenierten unsere Politiker die schäbige komische Oper unseres Landes, eine misstönende Travestie, in der fette Diven in weißen Anzügen und schnauzbärtige Primadonnen in maßgeschneiderten Militäruniformen die Hauptrollen spielten. Ich lehnte mich aus der Türöffnung, schaute nach oben und sah die leuchtenden Fenster der Bar auf dem Dach des Caravelle Hotels, wohin ich den General oft zu Aperitifs und Interviews mit Journalisten begleitet hatte. Von den Balkonen aus hatte man einen unvergleichlichen Blick über Saigon und seine Umgebung. Es wehte leises Gelächter herunter. Sicher die ausländischen Presseleute, die sich bereithielten, der Stadt in ihrem röchelnden Todeskampf die Temperatur zu nehmen. Und sicher die Attachés blockfreier Staaten, die sich das Glühen des Long-Binh-Munitionslagers über dem Horizont und die in die Nacht spritzenden Leuchtspuren anschauten.

Ich verspürte den starken Drang, einfach um ihren Abend zu beleben, eine Salve in Richtung des Gelächters zu feuern. Als der General aus dem Wagen stieg, glaubte ich, er folge dem gleichen Impuls, aber er wandte sich in die andere Richtung, weg von der Nationalversammlung und hin zu dem scheußlichen Denkmal auf dem Grasmittelstreifen der Le Loi. Ich bereute, meine Kodak in den Rucksack gepackt zu haben, anstatt sie in die Jackentasche zu stecken, denn ich hätte gern ein Foto vom General gemacht, wie er den zwei kräftigen, vorwärtsstürmenden Marineinfanteristen salutierte, von denen der hintere ein ziemlich reges Interesse am Gesäß seines Kameraden zeigte. Während Bon und alle anderen Männer im Bus dem Denkmal salutierten, konnte ich nur darüber nachgrübeln, ob diese Marineinfanteristen die Menschen beschützten, die an einem sonnigen Tag unter ihren Augen vorbeispazierten, oder, was genauso wahrscheinlich war, die Nationalversammlung angriffen, auf die sie ihre Maschinengewehre gerichtet hatten. Aber als einer der Männer im Bus zu schluchzen anfing und ich ebenfalls salutierte, wurde mir klar, dass die Bedeutung des Denkmals gar nicht so zweideutig war. Unsere Luftwaffe hatte den Präsidentenpalast bombardiert, unsere Armee hatte unseren ersten Präsidenten und seinen Bruder erschossen beziehungsweise erstochen, und unsere zänkischen Generäle hatten mehr Staatsstreiche angezettelt, als ich zählen konnte. Nach dem zehnten Putsch nahm ich den absurden Zustand unseres Staats mit einer Mischung aus Verzweiflung, Zorn und einem Schuss Humor hin, ein Cocktail, unter dessen Einfluss ich meine revolutionären Schwüre erneuerte.

Zufrieden stieg der General in den Citroën, der Konvoi setzte sich wieder in Bewegung und überquerte die Kreuzung der Einbahnstraße Tu Do, als er auf dem Platz wendete. Ich warf einen letzten Blick auf das Givral Café, wo ich bei meinen Rendezvous mit anständigen Saigoner Mädchen und ihren mumifizierten Anstandsdamen französisches Vanilleeis genossen hatte. Nach dem Givral kam das Brodard Café, wo ich meine Vorliebe für pikante Crêpes pflegte und mir alle Mühe gab, die Parade der hüpfenden und humpelnden Armen zu ignorieren: die mit hohlen, nach Almosen ausgestreckten Händen; die ohne Hände mit dem Schild ihrer Baseballkappe zwischen den Zähnen; die amputierten Soldaten, an deren Körper leere Ärmel baumelten wie flugunfähige Vögel; die stummen alten Bettler, die einen mit Kobraaugen anstarrten; die Straßenkinder, die über ihre erbarmungswürdige Lage Geschichten erzählten, die größer waren als sie selbst; die jungen Witwen, die vielleicht nur ausgeliehene, an Koliken erkrankte Babys wiegten; und allerlei Krüppel, die jede nur denkbare, der Menschheit bekannte unappetitliche Krankheit zur Schau stellten. Weiter nördlich auf der Tu Do lag der Nachtklub, wo ich viele Abende mit jungen Ladys in Miniröcken und den neuesten halsbrecherischen Absätzen an den Füßen Cha-Cha-Cha getanzt hatte. Das war die Straße, wo einst die Herrenfranzosen ihre vergoldeten Mätressen einquartierten. Ihnen folgten die Amerikaner, die es etwas déclassé