Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam - Yavuz Ekinci - E-Book

Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam E-Book

Yavuz Ekinci

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Beschreibung

Wie ein Märchen beginnt diese poetische Erzählung einer hochbrisanten Geschichte: Wer alles hatte sich nicht schon erträumt, den Berg Amar zu bezwingen und das Walnusstal zu erobern? Feldherren, Propheten, Herrscher, Könige … Sie alle sind gescheitert, nur ein Liebespaar, Amar und Sara, hat das Walnusstal aufgenommen. Das war vor langer Zeit. Ihre Nachfahren leben bis heute in einem Dorf im Walnusstal, und sie wissen, eines Tages kommt ein Mann vom Berg Amar mit der gefürchteten Botschaft: Sie kommen! Und nichts mehr wird so sein wie vorher. Von der Schönheit einer archaischen, unberührten Natur erzählt der kurdische Autor Yavuz Ekinci, und von ihrem Schrecken, von den Menschen in einer Dorfgemeinschaft, von einem Leben, das gewohnten Regeln und Ritualen folgt, in denen die alten Legenden nicht vergessen sind, auch wenn die Moderne durch das Fernsehen längst Einzug gehalten hat, von der unterschwelligen Gegenwart eines immer wieder aufflammenden Krieges. Mit einer betörenden Sprache beschwört er den Reichtum einer alten Kultur, ihren unzerstörbaren Kern, gegen eine Zerstörung, die er kommen sieht, wenn sie kommen.

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Seitenzahl: 182

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Zum Buch

Yavuz Ekinci erzählt vom Leben in einem kurdischen Dorf, von einem seit Jahren immer wieder aufflammenden Konflikt und von der Angst der Menschen, dass auch sie Opfer einer willkürlichen Zerstörung werden – so poetisch wie politisch.

Wie ein Märchen beginnt diese poetische Erzählung einer hochbrisanten Geschichte: Wer alles hatte sich nicht schon erträumt, den Berg Amar zu bezwingen und das Walnusstal zu erobern? Feldherren, Propheten, Herrscher, Könige … Sie alle sind gescheitert, nur ein Liebespaar, Amar und Sara, hat das Walnusstal aufgenommen. Das war vor langer Zeit. Ihre Nachfahren leben bis heute in einem Dorf im Walnusstal, und sie wissen, eines Tages kommt ein Mann vom Berg Amar mit der gefürchteten Botschaft: Sie kommen! Und nichts mehr wird so sein wie vorher.

Von der Schönheit einer archaischen, unberührten Natur erzählt der kurdische Autor Yavuz Ekinci, und von ihrem Schrecken, von den Menschen in einer Dorfgemeinschaft, von einem Leben, das gewohnten Regeln und Ritualen folgt, in denen die alten Legenden nicht vergessen sind, auch wenn die Moderne durch das Fernsehen längst Einzug gehalten hat, von der unterschwelligen Gegenwart eines immer wieder aufflammenden Krieges. Mit einer betörenden Sprache beschwört er den Reichtum einer alten Kultur, ihren unzerstörbaren Kern, gegen eine Zerstörung, die er kommen sieht, wenn sie kommen.

Über den Autor

Yavuz Ekinci, 1979 in Batman/Türkei geboren, beschäftigt sich in seinem literarischen Werk mit dem Leben der Kurden in der Türkei. Nach einem Studium der Erziehungswissenschaft arbeitet er seit 2001 als Lehrer und belegt derzeit einen Masterstudiengang in türkischer Sprache und Literatur. Er ist Herausgeber einer Publikationsreihe mit kurdischer Exilliteratur.

Ekinci erhielt für seine Veröffentlichungen zahlreiche Preise, darunter den Yunus Nadi Story Award, den Human Rights Association Story Award sowie den Yasar Nabi Nayır Noteworthy Story Award.

YAVUZ EKINCI

Der Tag,an dem einMann vomBerg Amarkam

Aus dem Türkischenvon Oliver Kontny

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

Für Mirza Ali

 

 

 

Da kam ein Mann vom äußersten Ende der Stadt angelaufen. Er sagte: »O Moses, die Vornehmen beraten sich gegen dich, um dich zu töten. Darum mache dich fort; denn ich rate dir gut.«

(Sure Qasas, Vers 20)

 

 

 

 

 

Vom Berge Amar her kam ein Mann ins Dorf gerannt.

Einer von jenen Tagen

 

Der Schatten eines Adlers mit ausgebreiteten Flügeln und vorgerecktem Haupt glitt vom Berge Amar her über die Felswände, über sonnenerhitzte Steine, über Eichenbäume, verdorrte Gräser, hochgeschossenes Geäst, sattgrünes Blattwerk und fiel auf den Stutenkopffelsen. Sobald sie des Adlerschattens gewahr wurden, hoben Vögel zum Flug an, verkrochen sich Schlangen in Felsritzen, Hasen ins Dickicht, Eichhörnchen in Baumhöhlen, Mäuse in ihre unterirdischen Bauten, Eidechsen unter Steinbrocken. Der Adlerschatten zog seine Kreise über dem Walnusstal, über dem Stutenkopf, über den prächtigen Eichenbäumen an seinem Saum.

In einer der Eichen spielten zwei Eichhörnchen. Das mit dem rötlichen Rücken streckte seinen Schwanz in die Höhe und spähte die Umgebung aus. Als es den über die Äste gleitenden Adlerschatten bemerkte, verfiel es in Panik und rutschte ab. Um nicht zu stürzen, musste es sich an den Baumstamm klammern. Danach sprang es auf einen anderen Eichenstamm und versteckte sich in einer tiefen Höhle.

Das Eichhörnchen mit dem graublau schimmernden Rücken hatte den Adler noch immer nicht bemerkt. Es kletterte in den Wipfel, streckte die Vorderpfoten und hüpfte auf die benachbarte Eiche. Gegen Blätter und Eicheln stoßend, klammerte es sich an einen Ast und kletterte von dort aus flink auf den allerhöchsten Zweig der Baumspitze, zog den Schwanz ein wenig an seinen Rücken heran und schaute über die Baumwipfel. Das Flapp, flapp, flapp schreckte es auf und als der über das Blattwerk gleitende Adlerschatten auf seinen Leib fiel, wünschte es sich ein Loch, um sich darin zu verkriechen, hielt aber erstarrt inne. Die breiten Adlerschwingen schlossen und öffneten sich ein, zwei Mal, bis der Adler mit der Schärfe eines Dolchstoßes herabsank.

Die Gräser bogen sich in alle Richtungen. Jetzt wurden zwei Schildkrötenpanzer zwischen den Gräsern sichtbar. Eine Schildkröte vor der anderen. Eine männliche und eine weibliche. Die riesige mit dem vorgestreckten Kopf lief vorne, die angestrengte und zornige Schildkröte folgte ihr. Die kleine machte immer wieder Sätze nach vorn, schlug hart gegen die vor ihr laufende Schildkröte, die Reißaus nahm, und stieß sie damit fort. Die riesige Schildkröte zerteilte die Gräser bei ihrem Fluchtversuch und drückte sie platt. Die kleine Schildkröte hatte den Hals ausgestreckt, das Maul einen Spaltbreit offen, ihre Äuglein sprühten vor Lust. Sie kroch auf den Rücken der Schildkröte vor ihr und versuchte, sich mit den Vorderbeinen festzukrallen, was ihr aber nicht gelang. Sie glitt vom Panzer der anderen herab und stürzte zwischen die Gräser. Aus der Nase schnaubend, richtete sie sich auf, erreichte die Schildkröte, die atemlos fortrannte, biss ihr ins Bein, machte drei, vier Sätze nach vorn und knallte – tack, tack – gegen sie. Als die riesige Schildkröte von einer abschüssigen Stelle herabrutschte, reckte die angestrengte und zornige ihren Hals, schnaubte, kletterte an ihr hinauf und umschlang mit den Vorderbeinen ihren Panzer. Die riesige Schildkröte versuchte sich zu befreien, indem sie sich aufbäumte. Als sie die vor ihr zischende Schlange wahrnahm, hielt sie inne.

Die Schlange, die sich in S-Form durch die Gräser schlängelte, glänzte in der Sonne. Auch sie hielt inne. Sie streckte ihre gespaltene Zunge heraus und blickte die wie zwei aufeinandergestapelte Steine ver harrenden Schildkröten zischend an. Die untere, riesige zog blitzschnell ihren Kopf und ihre Beine ein. Die Schlange hob ihren Kopf noch ein wenig und schlängelte dann zischend auf den großen Eichenbaum zu. Sie züngelte in alle Richtungen, horchte aufmerksam und zischte noch einmal. In ihre tiefschwarzen Augen fiel das Blau des Himmels, das Weiß der Wolken, das Grün des Blattwerks. Der Widerhall des schrillen Zirpens einer Grille schien sie zu stören, sie drehte ihr Haupt nach rechts und nach links und zischte ein weiteres Mal. Auch die sich eng an den Baumstamm schmiegende Grille spiegelte sich in den tiefschwarzen Augen der Schlange.

Ein heißer Wind wehte, die Blätter rauschten, die Gräser neigten sich. Auf einen Ast setzte sich ein Spatz. In seinem Schnabel eine grüne Heuschrecke, die gegen das Nichts anstrampelte. Im Spatzennest ging das Geschrei der Jungen los. Die Schlange wandte ihr Haupt und starrte mit ihren tiefschwarzen Augen den Spatz an. Das Blau des Himmels, das Weiß der Wolken, das Grün des Blattwerks wichen dem Spatz und der Heuschrecke im Spatzenschnabel. Die Schlange wand sich um den Baum und erklomm ihn. Ein Wind wehte, die Blätter rauschten, der Spatz flog davon, die Grille zirpte noch lauter, ein Wolkenfetzen schob sich vor die Sonne. Die Schlange hielt inne. Ihr Blick traf sich mit dem der Grille, die drei Handbreit unter dem Nest zirpte. Sie zischte. Sie wand sich ein, zwei Male um den Baumstamm herum und reckte sich, bis sie in das Spatzennest in der Baumhöhle hineinreichte. Ein großer Teil ihres Leibes war noch draußen, ihre pechschwarze Haut strahlte in der Sonne. Die noch ungefiederten Spatzenküken verschlang sie eines nach dem anderen. Sie rutschten durch ihren Leib in den Magen. Hilflos flatterten die Spatzeneltern um den Baum herum. Als die Schlange, noch bevor sie das letzte Küken verschluckt hatte, ihr Haupt aus dem Nest hervorreckte, um die Spatzen anzuzischen, glitt der Adlerschatten über Geäst und Blattwerk, fiel auf den Baumstamm und auf die Schlange. Die Schlange erstarrte. Das in ihrem Maul zuckende Küken fiel heraus. Das Zirpen der Grille riss ab. Der zermalmte Leib der Heuschrecke stürzte zwischen die verdorrten Gräser.

Ameisen wimmelten um den Baum und zwischen den Gräsern herum und scharten sich um die Heuschrecke. Eine schwarze Ameise mit langem Kopf kam flink vom Baum herunter und umkreiste die tote Heuschrecke, als feiere sie eine Messe. Sie rieb ihre langen Antennen gegeneinander, dann ihre Beine. Die kleineren Ameisen wichen ein paar Schritte zurück. Die schwarze Ameise mit dem langen Kopf begann, den abgerissenen Kopf der Heuschrecke fortzuschleppen. Die anderen zerlegten den Rest der Heuschrecke und folgten. Vorn die schwarze mit dem langen Kopf, hinter ihr Dutzende von kleinen und großen Ameisen. Manche trugen die Flügel der Heuschrecke, andere die Beine und wieder andere den Rumpf. Ein Tack, tack, tack ließ die Ameisen aufschrecken und in die Umgebung horchen. Vor die Ameise mit dem langen Kopf rollte eine große Mandel. Kurz darauf fiel der Schatten des Adlers mit seinen ausgebreiteten Flügeln, dem gefächerten Schweif und dem vorgereckten Haupt darüber. Sobald die Ameise mit dem langen Kopf den Heuschreckenkopf fallen ließ, setzten auch die anderen Ameisen die Flügel und Beine der Heuschrecke ab und verstreuten sich zwischen den Gräsern. Die Ameise mit dem langen Kopf umkreiste die Mandel. Sie trieb ihre Kiefer hinein und versuchte, sie mitzuschleppen, konnte sie aber keinen Deut bewegen. Ein Specht landete auf dem Boden, nahm die Mandel und flog fort.

Der Specht setzte sich auf den Stamm eines morschen Eichenbaums. Die Mandel klemmte er in einen Spalt im Baumstamm. Wie ein Hammer, der auf Nägel schlägt, hob und senkte sich sein Kopf. Tock, tack, tock, tack. Der auf ihn fallende Adlerschatten ließ ihn aufschrecken. Er horchte auf die Geräusche, die von den Feldern heraufdrangen.

Auf dem Hügel, der hinter dem Dorf liegt, mähten drei kräftige Männer mit Sensen das Gras. Nach einem scharfen, die Luft zerschneidenden Ton fiel das Gras zu Boden. Kinder, Frauen und ein alter Mann sammelten das geschnittene Gras auf. Die Männer mit der Sense sangen ein kurdisches Klam, der alte Mann, die Kinder und die Frauen fielen ein, indem sie die Zeilen des Klam wiederholten. Mirza lag mit schmutzigem Gesicht, verschwitzt und müde, auf dem Rücken auf dem eingesammelten Gras. Als die Sonne in sein Gesicht stach, stand er auf, öffnete den Verschluss der blauen Thermoskanne und trank voller Inbrunst. Um von seinen Onkeln und seinem Vater, die das Gras mähten, und seinem Großvater, seiner Großmutter, seiner Schwester und seiner Cousine, die es aufsammelten, nicht bemerkt zu werden, duckte er sich und schlich davon. Sobald er ein wenig von ihnen entfernt war, rannte er los. Seine Schwester schrie: »Opa, Opa, Mirza ist weggelaufen!« Kasım ließ das Gras fallen. »Nicht abhauen! Komm her! Und zwar sofort!«, rief er Mirza zu, während er ihm hinterherjagte. Bis zum unteren Rand des Feldes folgte Kasım ihm, dann gab er auf. Er blieb stehen. Er war außer Atem. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und hielt sich die flache Hand wie einen Schirm vor die Augen, um die Kinder zu beobachten, die auf dem Plateau zwischen den Eichenbäumen Fußball spielten.

Im Tor stand Resul. Ilyas, der ein gelb-rotes Trikot trug, trickste zwei Spieler aus und schoss aufs Tor. Resul jagte dem Ball hinterher, der Ball prallte gegen die Steine, die das Tor markierten, und war draußen. Resul machte sich hinkend auf, den Ball zu holen, der im Gras gelandet war, nahm ihn und warf ihn Azad zu. Als Azad versuchte, an seinem Gegner vorbeizukommen, blieb er mit dem Fuß an einem Stein hängen und stürzte. Ilyas bekam den Ball schnell in seinen Besitz, täuschte alle, die sich ihm entgegenstellten, lief bis vors Tor und schoss. Resul streckte sich, konnte den Ball aber nicht halten. Unter Freudenschreien lief Ilyas auf seine Freunde zu. Die Spieler aus der Mannschaft, die das Tor kassiert hatte, beschuldigten sich gegenseitig. Wütend ging Azad auf den Torwart los. Da auch die anderen Spieler auf den Torwart schimpften, nahm Azad, der sein Haar im Nacken etwas länger wachsen ließ, Resul aus dem Spiel und wechselte für ihn Mirza ein, der gerade rennend das Spielfeld erreichte.

Mirza hatte kaum noch Puste. Er schaute sich ein paar Mal um, ob Opa Kasım ihn noch verfolgte. Da er niemanden sah, lief er beruhigt zum Tor. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, vom Gesicht, aus dem Haar, zog sein T-Shirt aus und warf es hinter das Tor. Hüpfend und in die Hände klatschend, machte er ein paar Aufwärmübungen und dehnte seine Beine.

Resul wollte nicht aus dem Spiel fliegen. Als Azad ihn deswegen gereizt anschrie, nahm Resul seinen Ball unter den Arm und verließ hinkend das Spielfeld. Azad versuchte, Resul zu überreden, ihnen den Ball wiederzugeben, doch Resul wehrte sich und presste den Ball an seine Brust. Nun versuchte Ilyas, den Ball mit Gewalt zu holen, und Resul ließ sich auf den Boden fallen und schloss den Ball mit seinem Körper ein. Azad, Ilyas und die anderen Kinder versuchten, Resul an Armen, Beinen und Schultern zu ziehen, damit er den Ball freigab, doch Resul weinte, schrie, fluchte. Ilyas trat auf Resuls Rücken, Nieren, Kopf und Beine ein, da er sich über den Ball gelegt und ihn beschimpft hatte. Mirza ging dazwischen und versuchte, Ilyas zu beruhigen. Ilyas wischte sich den Schweiß von der Stirn und spuckte auf den Boden. Azad hockte sich neben Resul, der immer noch den Ball umfing, und versuchte, den Ball zu nehmen. Als Resul ihn wieder beschimpfte, rief Azad: »Scheiß Hinkefuß!« und trat ihm in den Magen.

Plötzlich rief eine Stimme: »Resul! Resul!« Ilyas hielt inne und schaute auf seine Armbanduhr. »Der Film fängt an! Der Film fängt an!«, rief er und lief in Richtung Dorf. Heulend und verrotzt stand Resul auf. Den Ball an seine Brust pressend, bemühte er sich, den anderen Kindern hinterherzukommen.

Havva hatte ihre Handfläche über ihre Augen gelegt und schaute wieder zu dem Feld hinüber, wo die Kinder Ball spielten. »Resul! Resul! Ilyas! Azad!«, schrie sie jetzt. Erst als die Schreie, das Geheule und Gezänke der Kinder verstummten, hörte sie auf, nach ihnen zu rufen, und setzte sich auf einen Stein. Sie rückte sich ihr transparentes Tuch mit den weißen Quasten auf dem Kopf zurecht, faltete ein nasses Weinblatt auseinander, gab einen Löffel von dem mit Fleisch und Gewürzen vermengten Reis hinein, rollte das Blatt sorgfältig zusammen und legte es in den Topf. Dabei hob sie den Kopf und schaute nach den Kindern, die angerannt kamen. Als ihre Tochter, die mit Erde spielte, zu weinen anfing, legte sie ein frisch gewickeltes Weinblatt in den Topf, nahm sie auf den Arm und stillte sie.

Als sie mit der Arbeit fertig war, nahm sie das Tuch von ihrem Kopf. Ihr volles, langes Haar fiel ihr bis zur Taille. Sie griff mit beiden Handflächen hinein, kämmte es zu einer Seite und band es zusammen. Sie holte einen kleinen Spiegel aus der Tasche und hielt ihn sich vors Gesicht. Sie wanderte mit dem Finger über ihre hauchdünn gezupften Augenbrauen und lächelte. Sie drückte einen kleinen Mitesser auf der Stirn aus. Es tat ihr weh, und sie hörte auf, an ihrer Haut herumzuspielen.

Ein kleines Kind mit kahl rasiertem Kopf kam angerannt. Es schaute sich um. Es zog ein paar Mal die Nase hoch, nahm ein Weinblatt vom Tablett und schob es in den Mund. Havva schrie es an, und es hörte auf, von den Weinblättern zu essen. Stattdessen holte es eine Streichholzschachtel aus der Tasche. Es öffnete sie und holte einen grünen Käfer mit schimmerndem Rücken heraus, dem es ein Stück weißen Bindfaden an die Beine gebunden hatte. Der Käfer krabbelte auf den Mittelfinger zu, dann öffnete er seine Flügel und hob ab. Das Kind hielt das andere Ende des Bindfadens so fest es konnte und lauschte kichernd dem Surren der Käferflügel. Havva riss dem Kind die Schnur mit dem Käfer aus der Hand und warf sie in die Luft. Der Käfer flog mitsamt dem Bind faden an seinen Beinen fort. Das Kind heulte voller Wut, warf das Tablett um, auf dem die Weinblätter gestapelt lagen, und rannte fort. Havva wollte gerade aufspringen, um dem Kind hinterherzulaufen, da öffnete sich das Fenster des Nebenhauses.

Sakines Gesicht war trocken wie eine Walnuss und voller Furchen. Sie schüttelte ein braunes Tuch aus, von dem man am Boden gegessen hatte. Die Brotkrumen fielen auf die Erde. Hühner, Hähne und Küken, die im Schatten der Häuserwände Zuflucht gefunden hatten, rannten zu den Brotkrumen am Boden. Sakine drehte ihren Kopf, schaute auf den Berg Amar, sagte: »Abend wird es noch lange nicht« und schloss das Fenster. Cemşid hatte ein wettergegerbtes Gesicht und gerötete Augen. Er aß sein Brot auf, holte sein Miswak aus der Tasche und reinigte sich damit die Zähne, strich sich über den Bauch und murmelte vor sich hin: »Ob du arm bist oder reich, nach dem Essen rauche gleich.« Er zog seine Tabaksdose aus der Gesäßtasche und drehte sich eine dicke Zigarette. Er zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. Er hustete. Der Rauch aus Mund und Nase wurde in der Luft verweht. Er pfiff ein Klam von Şivan Perwer, Xanıma min, meine Frau, und ging zum Fenster. Er pflückte die vergilbten Blätter von der Teepflanze, die in einem Blechkanister wuchs, und goss die Pflanze. Er schnitt zwei dunkellilafarbene Blätter ab, roch an ihnen und legte sie in seine Tabaksdose. Er wollte seine Zigarettenkippe aus dem Fenster werfen, da blieb sein Blick an den Kindern hängen, die im Haus gegenüber einen Film schauten, und am Fernseher. Die Kinder saßen auf Kissen und schauten einen Cowboyfilm.

Die Cowboys ritten ihre Pferde fast zugrunde, als sie das Dorf unten im Tal überfielen und die Zelte in Brand setzten. Die Indianer schreckten aus dem Schlaf auf. Wer aus den Zelten kam, um zu fliehen, wurde von den Cowboys einer nach dem anderen erschossen. Eine Frau fiel mit dem Kind in ihrem Arm zu Boden. Ein junger Indianer kam aus einem brennenden Zelt und warf einen Speer auf den Cowboy, der auf ihn zukam. Der Cowboy stürzte und wurde eine Weile von seinem Pferd über den Boden geschleift. Der hässliche Cowboy, der seine Hutkrempe weit ins Gesicht gezogen hatte, schoss auf den Indianer. Der Kerl fiel hin. Die Kinder schauten mit angehaltenem Atem zu, und über jeden getöteten Indianer freuten sie sich, um jeden toten Cowboy tat es ihnen leid.

Ein stämmiger, aber flinker junger Indianer warf sich auf einen Cowboy, der an ihm vorbeiritt. Der Cowboy stürzte mitsamt seinem Pferd. Der Indianer drückte ihn nieder und stach mit seinem Dolch mehrere Male in seine Brust. Resul sprang von seinem Kissen auf und fluchte. Mirza stand auf und trat gegen sein Sitzkissen. Der hässliche Cowboy bemerkte den tödlichen Kampf und jagte mit seinem Pferd im Galopp heran. Er zog eine kleine Pistole, die er in seinem Stiefel versteckt hatte, und zielte auf den Indianer. »Schieß, schieß!«, schrie Azad. Mit einem einzigen Schuss traf der hässliche Cowboy den Indianer in die Stirn. Zuerst fiel der Dolch aus der Hand des Indianers, dann ging er in die Knie und stürzte zu Boden. Eine Indianerfrau richtete sich in ihrem Versteck auf, wog den Speer in ihrer Hand und warf ihn auf den hässlichen Cowboy. Der Speer durchbohrte die Schreie der Sterbenden, die aus den Flammen stiebenden Funken und die Rauchschwaden und flog auf den hässlichen Cowboy zu. In dem Moment, wo sich der Speer in den Rücken des hässlichen Cowboys hätte bohren sollen, wurde der Bildschirm schwarz.

Azad sprang auf und fluchte. Ilyas drückte mehrmals auf den Ausschaltknopf und rief: »Stromausfall!« Resul trat wütend auf sein Kissen ein, dann trommelte er mit den Fäusten auf den Fernseher. Ilyas fuhr verzweifelt mit seinen Händen durch die Haare und lief zum Fenster. Er fing eine Fliege, die am Fenster summte, riss ihr einen Flügel aus und ließ sie wieder frei. Die Fliege versuchte zu fliegen, doch es gelang ihr nicht, sie stürzte ab. Ilyas riss ihr auch noch den anderen Flügel aus. Die Fliege versuchte wie verrückt auf ihren Beinen zu entkommen. Ilyas presste seinen Finger auf sie und zerdrückte sie am Boden. Das Fenster des gegenüberliegenden Hauses öffnete sich. Peyruze streckte ihren Kopf heraus und schüttete das restliche Wasser aus einem Glas. Ilyas rief: »Oma, habt ihr Strom?«

Peyruze schloss das Fenster. Sie berührte den Basilikum und atmete den Duft ein. Sie schnitt vier Zweige ab und legte sie ans Kopfende der Wollmatratze am Boden, auf der Eyüp lag. Eyüp war bis auf Haut und Knochen abgemagert. Seine Augen lagen in dunklen Kuhlen. Seine Ohren waren borstig, seine Lippen aufgesprungen, seine Zähne tiefgelb. Auf seiner Stirn hatte er einen riesigen Leberfleck. Auf einem Hocker standen eine Tüte voller Medikamente, eine Plastikkaraffe und zwei Gläser. An der Wand hing ein gigantischer Teppich, in dessen Mitte ein galoppierender Rappe zu sehen war. Sein langer Schopf, seine dichte Mähne und sein Schweif wehten im Wind. Auf dem Pferderücken eine Frau und ein Mann. Die Frau hielt die Hüften des Mannes eng umschlungen. Ihr langes, volles Haar flog durch die Luft. Der Rappe galoppierte in die Wolken, in den Wind, in die Ewigkeit. Die sattgrünen Berge hinter dem Pferd hatten schneebedeckte, umnebelte Gipfel. Eyüps Auge war auf den galoppierenden Rappen auf dem Wandteppich, auf den Mann und die ihn umschlingende Frau fixiert. Er kniff die Augen zusammen. Sein Gesicht wurde von einem warmen Lächeln überzogen.

Neben seiner Matratze spielten drei Kinder; vor ihnen lagen ein zerbrochenes Auto, eine kleine Puppe und ein Lastwagen ohne Räder. Eyüp schaute die Kinder an und hieß sie mit einer Handbewegung zu sich kommen. Er rief sich das Märchen vom Walnusstal in Erinnerung, das er von seinem Vater und von seinem Großvater Mal um