Der Tanz mit der Kobra - Angelika Storm - E-Book

Der Tanz mit der Kobra E-Book

Angelika Storm

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Beschreibung

Bilder steigen in mir auf. Unser erstes gemeinsames Silvester. Wir liegen im Bett und trinken roten Krimsekt. "Ein frohes Neues Jahr 2002," flüstert er dicht an meinen Mund bevor er mich küsst. Als ich zu Atem komme proste ich ihm zu: "Ein glückliches Neues Jahr." Im Radio läuft Stimmungsmusik. Plötzlich springt er auf, dreht das Radio lauter und zieht mich mit. Der Kaiserwalzer! Wir tanzen durch sein großes Schlafzimmer. Schwungvoll dreht er mich im Takt. Im Spiegel sehe ich eine glückliche Frau. Als das Lied verklingt sinken wir aufs Bett und lieben uns. Ja, so war mein Leben mit Jo - mit der Kobra. Seliger Walzer, wir tanzten im Kreis, liebten uns – und immer wieder Ernüchterung. Der Tanz wurde schneller, er wurde hektischer und aus Ernüchterung wurde über tiefste Verletzung ein Erkennen, wie mit mir "getanzt" wurde. Der Kaiserwalzer. Er ist traurig. Ich hasse dieses Lied

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Angelika Storm

Der Tanz mit der Kobra

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Einleitung

2001 Das erste Treffen

Die Welt der Sprache

Überraschungen

Enthüllungen

Hilfe für andere

Erstes Misstrauen

Erinnerungen

Endlich gemeinsam

November 2002

Enthüllungen

Sommer 2002

Messi?

Meine Mission

2003 Das wahre Gesicht?

Engel

Die Firma wächst

Konservendosen

Äquivalenzen

2005 Am Anfang war Erziehung

Kulturelle Scheiße?

Die Firma

Bedeutungsgebungen

Meine Freundin

2005 Versöhnung?

Arbeit

Missverständnisse

Kathrin

Firmenwahnsinn

Die Mutter

Gute Gespräche

2006 Optimierungen

Messe

Veränderungen

2007 Der Tanz mit der Kobra

Misstrauen

Umzug

Rückblick und Erkennen

Ein neues Verstehen

Das Leben wartet auf mich

Die Rache

Der Krieg geht weiter

Und wieder Lügen

Das Ende

Nachlese

Literaturverzeichnis

Impressum neobooks

Vorwort

Vom Bruder

…eine der eindruckvollsten Szenen aus Forrest Gump ist für mich folgende:

„Ich habe das Haus Deines Vaters einreißen lassen… Mama hat immer gesagt, der Tod gehört einfach zum Leben dazu…“

Unser Haus steht auch nicht mehr, aber wir werden es ein Leben lang mit uns herum tragen und nach den Inhalten suchen. Denn es hat uns geprägt, mit allem, was da war, was gefehlt hat und was nicht hätte sein dürfen.

Mit bewundernswerter Stärke beschreibt meine Schwester, dass die Vergangenheit nie endet und sich immer wieder mit der Gegenwart vermengt. So wird dieses Buch zu einer Warnung, die Vergangenheit nicht zu vergessen oder gar zu verleugnen, sondern das Leben irgendwann zu Leben.

Liebe Schwester, ich Danke Dir für das Vertrauen, die Liebe und die Fürsorge, mit der Du mich jahrelang begleitet hast.

Dein „kleiner” Bruder Jens.

***

Von der Tochter

Das Schlimmste ist das Vergessen. Damit meine ich auf keinen Fall, dass man ständig in der Vergangenheit leben sollte, denn genau dieses tut man unfreiwillig, wenn man sich seiner Wurzeln nicht mehr bewusst ist und seine Kindheit versucht, zu verdrängen. Man lebt einen Alltag, der immer und immer wieder die gleichen Tragiken und Krankheiten zu bieten hat, und zwar mindestens so lange, bis wir verstanden haben, dass wir nicht wegschauen dürfen. Und dabei ist die Psyche nicht wählerisch, sie fragt nicht nach Sinnhaftigkeit, sie macht einfach, egal wie brauchbar das Verhalten auch sein mag, was wir an den Tag legen.

Erst wenn wir es schaffen, uns das Geschehene anzuschauen, zu reflektieren, den Ursprung unseres Handelns zu verstehen, sind wir in der Lage, uns grundlegend zu ändern und neue Wege zu bestreiten. Erst dann können wir aktiv aus dem Opfersein ausbrechen und unser Leben anders gestalten als es unsere Eltern oder Großeltern getan haben.

Meine Mutter ist durch die Hölle gegangen – ich noch einmal.  Wir haben jedoch viele Muster erkannt und sie durchbrochen.

Ich bin stolz auf uns.

Deine Tochter Anja

***

Vom Sohn

Als ich dieses Buch las und begriff, wie niederträchtig Menschen – auch mein Opa – sein können, packte mich die Wut.

Meine Mama sagte mal: „Lerne aus meinen Fehlern.“ Jetzt habe ich eine Ahnung, was sie meinte.

Ich habe viel von Dir lernen dürfen.

Dein Sohn Thomas

***

Von der Freundin Mo

Als wir uns 1994 kennen lernten, befand sich jede von uns an einer Wegkreuzung des Lebens und musste sich den zu bearbeitenden Seelenbildern stellen.

Als meist unbequeme Freundin habe ich mal ganz nah und auch fern Deinen Lebensweg begleiten können. Habe Deine Kämpfe, Trauer, Wut und letztlich auch Deine Ohnmacht miterlebt.

Einleitung

Draußen waren Geräusche zu hören. Kam da jemand? Leise setzte ich mich im Bett auf und lauschte. Parallel überlegte ich, wohin ich entwischen könnte. Aber es ging alles so schnell.

Ich fühlte das kalte Eisen des Revolvers an meiner Schläfe und sah Jo´s hasserfülltes Gesicht vor mir. Ich konnte nichts mehr tun. Mein Körper wurde starr und kalt vor Angst. Ich wusste, das Leben war vorbei und ich ergab mich dem unausweichlichen Schicksal. Jo drückte hämisch grinsend ab...

... ich wurde wach, setzte mich im Bett auf und versuchte diesen Traum abzuschütteln.

Wie fing es an?

Bilder steigen in mir auf. Unser erstes gemeinsames Silvester. Wir liegen im Bett und trinken roten Krimsekt. „Ein frohes Neues Jahr 2002“, flüstert er dicht an meinen Mund bevor er mich küsst. Als ich zu Atem komme proste ich ihm zu. „Ein glückliches Neues Jahr.“ Im Radio läuft Stimmungsmusik. Plötzlich springt er auf, dreht das Radio lauter und zieht mich mit. Der Kaiserwalzer! Wir tanzen durch sein großes Schlafzimmer. Er im Unterhemd und ich im Schlüpfer. Schwungvoll dreht er mich im Takt. Im Spiegel sehe ich eine glückliche Frau. Als das Lied verklingt sinken wir aufs Bett und lieben uns.

Später kuschelte ich mich nah an ihn heran. „Ich kann so nicht schlafen“, sagte er. „Ich bin gewohnt viel Platz zu haben.“ Mit diesen Worten schob er mich von sich weg, drehte sich um und schlief ein. Irritiert lag ich alleine seitlich im Bett.

Weihnachten hatte Jo mich zu einem Konzert von André Rieu eingeladen. Als der Kaiserwalzer erklang, zog Jo mich über die vorderen Sitze in den Gang und tanzte mit mir nach den Klängen. Der Kaiserwalzer. Scheinbar war es das einzige Lied, welches Jo mochte. Ich liebte dieses Lied.

Damals dachte ich, dass Jo eben einfach nur das macht, was er möchte und keine Peinlichkeit kennt. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nichts von seinem Spiel. Die Erkenntnis sollte erst Jahre später kommen.

Ja, so war mein Leben mit Jo. Seliger Walzer, wir tanzten im Kreis, liebten uns – und immer wieder Ernüchterung. Der Tanz wurde schneller, er wurde hektischer und aus Ernüchterung wurde über tiefste Verletzung ein Erkennen, wie mit mir „getanzt“ wurde.

2001 Das erste Treffen

Schon beim ersten Treffen hat er mich tief berührt. Ich fühlte mich ausgeliefert und wusste, dass dieser Mann meinen inneren Panzer und alle heimlichen, verschlossenen Räume in meiner Seele erreichen würde. Ich wusste, dass er keine Gnade walten lassen würde, und dass er nicht vorhatte, barmherzig zu sein. Ich wusste, dass er all meine inneren Türen brutal und heftig auftreten wird. Und ich ahnte, dass er meine wohlgeordneten Gefühle neu mischen würde.

Ich schaute in seine blauen Augen und erkannte etwas wieder – einen blanken Ruf aus Schmerz. Nackt, geruch- und farblos. Einen Schmerz, der ebenso unsichtbar sichtbar war, wie meiner. Es war nur ein Moment, den ich fast vergessen hatte.

„Wir kennen uns“, sagte ich. „Ja,“ erwiderte Jo, „aber nicht aus diesem Leben.“ Ein ungewöhnlicher Anfang.

Wir saßen uns im Cafe gegenüber. Ich schaute auf den See hinunter und beobachtete die saftige grüne Trauerweide, deren Blätter schon fast ins Wasser reichten. Aus meinen Gedanken heraus sagte ich: „Alles läuft darauf hinaus, sich selbst in einem anderen Menschen wieder zu erkennen. Das ist eine Form von Nähe, die Wahrheit enthält.“ „Was ist Wahrheit?“ fragte er und strich mir dabei zärtlich über die Hände. Sein Streicheln war zu früh und zu aufdringlich. Und trotzdem wollte etwas in mir, dass er weiter streichelte. „Ist es Wahrheit oder ist es nur deine Meinung?“ fing er wieder an. „Ja, das stimmt, es ist meine Meinung. Und diese ist für mich Wahrheit.“ „Nein“, sagte er, „es gibt kaum Wahrheit, es gibt Übereinstimmungen zwischen den Menschen und dann sagen sie, das wäre Wahrheit.“ Ich gab ihm Recht. „Und was ist für dich Nähe?“ fing er wieder an. Ich wand mich. Auch diese Frage war zu früh. Seine Augen tauchten tief in meine ein. Und dann sagte er: „Du bist gar nicht fähig, Nähe zuzulassen.“ Nun zog ich endlich meine Hand weg, lehnte mich zurück und verschränkte meine Arme über meinen Oberkörper. Wie konnte er es wagen, so etwas zu behaupten! Er kannte mich doch noch gar nicht. Spöttisch lachte er. Meine Körpersprache hatte ihm den Beweis erbracht.

Wieder beugte er sich vor und schaute mich intensiv mit seinen blauen Augen an: „Kannst du dir vorstellen, mit jemanden absolute Nähe zu leben? Kannst du dir vorstellen, dich ganz zu öffnen bis es keine Geheimnisse mehr gibt und zwei Menschen in absoluter Nähe verschmelzen?“ Ich versteckte meine Angst hinter einem nervösen Lachen. Er erwartete keine Antwort.

Jo hatte in der Brusttasche seines Hemdes ein Bündel Geld. Er zahlte und gab großzügig Trinkgeld. Er erzählte mir, dass er selbständig sei und einen Großhandel hat und gut davon leben könnte. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass die vielen Scheine in seiner Brusttasche dazu dienten, sein mageres Selbstbewusstsein zu erhöhen und er in Wirklichkeit am Existenzminimum lebte. Sein Auftreten ließ auf einen Geschäftsmann schließen, der sorglos seinen Reichtum genoss.

Es war mir nicht wichtig, ob er nun reich oder nicht reich war. Für mich zählte nur der Mensch.

Die Welt der Sprache

Wir kannten uns nun schon einige Monate. Jo wollte unbedingt mit mir zusammen leben. Ich zögerte. Viele Dinge waren mir fremd und zogen mich jedoch auch an. Unsere Gespräche waren für mich sehr ungewöhnlich. Jo hatte sich sehr mit NLP (Neurolinguistische Programmierung) befasst und erklärte mir die Struktur der Sprache. Ich fand das Thema äußerst interessant und wollte natürlich mehr wissen.

Somit stieg ich in die Welt der Sprache ein und entdeckte, wie ich mit Hilfe der Worte eine Wirklichkeit und mein Leben verändern konnte. Worte konnten Nähe und Abstand schaffen. Und Jo spielte mit der Sprache und mit der Stimme.

Ich empfand es manchmal als bittere Tatsache, dass für zwei Menschen ein Wort nie dasselbe bedeutet. Dieses Wissen gab mir aber auch mehr Klarheit über mich und andere Menschen. Während ich mit Jo zusammen in die Welt der Sprache eintauchte, entdeckte ich, dass ich immer mehr fähig wurde, authentisch zu sein.

In der ersten Zeit unserer Gespräche machte es mich verrückt, wenn Jo von Modellen sprach. Ich fragte ihn, ob er nicht mal normal reden könnte. Da fragte er mich prompt: „Was ist normal?“

Jedoch erklärte er mir seinen für mich ungewöhnlichen Sprachgebrauch: „Die Landkarte ist nicht das Gebiet. Damit meine ich, dass jeder Mensch sich Vorstellungen von der Welt oder von anderen Menschen macht und somit ist es, wie eine Landkarte von der Welt oder von einem anderen Menschen. Du hast nur eine Vorstellung von mir, aber das bin nicht ich, das ist deine innere Landkarte oder anders ausgedrückt, das ist das Modell, welches du dir von mir oder der Welt machst.

Wenn du einen Plan von einer Gegend hast, nach dem du dich orientierst um an dein Ziel anzukommen, dann ist dieser Plan zwar ein guter Wegweiser, jedoch ist der Plan nicht das Gebiet. Es ist eine hilfreiche Nachahmung des Gebietes. Und so funktionieren wir auch. Innerhalb unserer Modelle, die wir uns von den Dingen und Menschen machen, verzerren wir unsere Wahrnehmung; wir generalisieren und tilgen. Das heißt, wir nehmen nur Bruchstücke wahr. Und das ist richtig so, denn wenn wir alles auf einmal aufnehmen würden, würden wir verrückt werden. Jeder von uns repräsentiert sich das Leben in seinem Kopf anders, denn jeder von uns hat andere Erfahrungen. Du knüpfst bei jedem, was du erlebst und erfährst deine Erfahrung an. Wenn dein Vater laufend fremdgegangen ist, dann weißt du, dass alle Männer so sind. Daran knüpfst du nun die Erfahrung, die du mit Männern machst.“ „Oh, da liegst du falsch“, antwortete ich. „Ich kann schon unterscheiden, dass Menschen verschieden sind. Bei mir werden nicht alle über einen Kamm geschoren.“ Jo lachte. „Das war doch nur ein Beispiel.“

Für mich war die Welt der Sprache schon immer ein spannendes Thema gewesen. Ich stürzte mich in die Thematik und las viele Bücher. Hier hatten wir eine gemeinsame spannende Welt gefunden. Da wusste ich noch nicht, wie verschieden wir es wahrnahmen.

***

Jo hatte mich eingeladen und für mich gekocht. Er wusste, dass ich Vegetarierin bin. Als ich bei ihm ankam, roch ich schon die Katastrophe.

Er hatte für uns eine Pilzpfanne gemacht. Jo konnte mich auch nicht mit den größten Verführungskünsten dazu überreden, Pilze zu essen. „Es ist schon erstaunlich, dass ein Vegetarier keine Pilze mag.“ Jo schüttelte den Kopf und suchte nun im Kühlschrank nach Ersatz. Unter viel Lachen kochten wir etwas Vegetarisches ohne Pilze.

***

Oft waren wir im Wald Pilze sammeln. Das kleine Mädchen wollte die Pilze nicht essen. Es dachte, es wäre ein Giftpilz dabei. Wie kam es darauf, dass die Mutter es vergiften wollte?

***

Später saßen wir gemeinsam auf dem weißen Sofa. Jo's riesiges Wohnzimmer sah mehr wie ein Büro aus. Ein großer halbrunder Schreibtisch beherrschte den Raum. Darauf stand ein Computer und rings umher lagen Stapel von Unterlagen. Selbst der Kamin wurde als Ablage für seine Papierstapel genutzt. Das Sofa stand scheinbar meist unbenutzt in der Ecke.

Jo fing an zu erzählen. Von seiner vorigen Partnerschaft. Weit holte er aus und erzählte Details, die ich bestimmt nicht wissen wollte. Mir wurde immer ungemütlicher und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte, geschweige denn, wie ich ihn bremsen konnte. Ich hatte so etwas noch nie erlebt, noch nie hatte mir jemand so detailliert von einer meiner Vorgängerinnen erzählt. Das grenzte ja fast schon an Sadismus. Ich hatte keine Ahnung, wie ich aus dieser unguten Situation kommen könnte. Und somit nickte ich freundlich und ließ es fassungslos über mich ergehen.

Irgendwann landete er beim Thema Spiritualität. Nilgün, meine Vorgängerin, war sehr spirituell. Somit gingen beide zu einem Guru um seine Satsangs (indische religiöse Philosophie) mit zu erleben. Jo sprang auf und holte ein Foto von dem Guru. „Schau, das ist er. Nilgün war mir aber zu gläubig, ich habe viel mehr hinterfragt.“ Tief holte er Luft, um weiter zu erzählen.

Ich nahm ihm das Foto aus der Hand, legte es zur Seite und unterbrach ihn endlich genervt: „So, nun hast du mir genug Details erzählt. Das hättest du mir auch in ein paar Sätzen sagen können. Nilgün war schlank, gut im Bett, sie war so alt wie deine Tochter, sie hat dich finanziell ausgenutzt und war spirituell. Mehr muss ich nicht wissen.“ Jo sprang auf und ging vor dem Sofa hin und her. Dann beugte er sich zu mir herunter, sah mir in die Augen und sagte fast theatralisch: „Ich möchte mit dir ein neues Leben aufbauen. Deswegen möchte ich absolut ehrlich zu dir sein und dir alles erzählen. Auch wünsche ich mir, dass du mir alles von dir erzählst. Sonst können wir keine gute Beziehung aufbauen.“

Nun stand ich auch auf um mit Jo auf gleicher Augenhöhe zu sein. Trocken sagte ich: „Du kannst dich drauf verlassen, dass ich nicht stundenlang von meinen Verflossenen schwärme. Und ins Detail werde ich auch nicht gehen. Ich stimme mit dir überein, dass Ehrlichkeit wichtig ist, aber Ehrlichkeit kann auch sehr verletzend sein. Ich habe da meine Grenzen.“

Ich konnte in diesem Moment zwischen uns kein Verstehen aufbauen. Die Grenze zwischen Ehrlichkeit und Verletzung konnte er wohl nicht einordnen. Jo war absolut grenzüberschreitend und schien es nicht zu merken. Es war unglaublich.

Mit dem Vorwand, dass der Hund raus müsse, holte ich die Leine. Mein Hund sprang sofort freudig um uns herum. Wir machten einen langen Spaziergang und wechselten endlich das Thema.

Viel später erfasste ich, dass die laufenden Grenzüberschreitungen von Jo in allen Bereichen, auch im Bereich von Nähe und Sexualität, mir sehr geholfen haben, Nähe zuzulassen und mich lehrte, mit vielen Dingen offener umzugehen.

***

Während eines unserer Telefonate, sagte Jo zu mir: „Aha, diese Strategie fährst du also.“ Ich war entsetzt, dass er mir eine Strategie unterstellte und nannte ihn einen Wadenbeißer. Dann beendeten wir verstimmt das Telefonat. Für mich bedeutete Strategie, dass ich einen Schlachtplan entworfen hätte, ihn zu angeln, und das ließ ich mir nicht unterstellen.

Am nächsten Tag fragte ich ihn, was er denn unter Strategie versteht. „Meinst du mit Strategie vielleicht meine alte Rückzugsmasche?“ fragte ich ihn in der Hoffnung, dass ich mich mit meiner Interpretation geirrt hatte. „Eine alte Rückzugsmasche ist keine Strategie. Vielleicht ist sie manchmal ganz nützlich, vor allem, wenn am anderen Ende des Telefons einer um sich beißt – ob du nun Recht hast oder nicht, ist ein anderes Thema.“ Er lachte sein heiseres Lachen und fuhr fort. „Vielleicht ist es egal, ob deine Strategie bewusst ist oder nicht. Es ist die Art, wie du redest und handelst. Aber wenn wir sie anschauen können, wenn wir merken, dass die alte unbewusste Schiene nicht funktioniert, und dann unser bewusstes Gehirn benutzen können, um etwas anderes erfinden zu können...“, ich unterbrach ihn provokativ. „Gefühl ausschalten und Gehirn benutzen, ja?“ Die Antwort auf meine Provokation kam unerwartet. „Nicht schlecht, oder? Zumindest im Vergleich zu „mehr desselben“ alten Verhaltensweisen mit dem ich mich bisher in die Scheiße geritten habe...“ wieder unterbrach ich ihn. „Also nicht zurückziehen, sondern funktionieren, wie Jo möchte? Auf Anhieb umschalten und neuer Mensch werden – sonst kommt der Wadenbeißer?“

Nun wurde seine Stimme belehrend. „Unterscheide ich und meine alte Masche oder unterscheiden ich und meine Handlungen? Die Frage ist, ist ein Mensch seine Handlung? Wenn du sagst, du magst es nicht, wenn ich zum Beispiel X sage oder tue, greifst du mich damit als Mensch an, oder teilst du mir mit, dass X sagen oder tun bestimmte Resultate nach sich zieht?“ Irritiert warf ich ein: „könnte es vielleicht darauf ankommen wie man etwas sagt?“ Nun wurde seine Stimme eindringlich. „Wenn ich sage "Ich liebe dich!", dann meine ich dich als Mensch, mit deinem gesamten Potential, deinen Möglichkeiten, deinem Lachen, deinen Stärken und Schwächen, soweit sie meiner Wahrnehmung zugänglich sind. Und wenn da jetzt einige Muster dabei sind, mit denen du dir permanent Leid und Mangel zuführst, das sind deine wirklichen Feinde, denn diese Muster entspringen einem gut trainierten Selbsthass-Mechanismus. So kann ich selbst durchaus damit sein, denn es tut in erster Linie dir weh, nicht mir.“ Ich fragte ihn: „Könntest du dir vorstellen, dass deine Art, wie du gestern warst vielleicht auch weh tut? Und das soll dann helfen?“ Mit lehrerhafter Stimme fuhr er fort. „Da ich eine ganz bestimmte Haltung für dich bewusst eingenommen habe, nehme ich mir die Freiheit, diese deine Feinde anzugreifen; indem ich sie offen lege.“

Ich unterbrach. „Wie eine Dampfwalze...“ Er fiel mir ins Wort: „Es wäre katastrophal, wenn du gerade diese Muster mit dir verwechseln würdest! Ich liebe dich so, wie du bist! Ist es schlimm, wenn ich dich auf eine Handhabung aufmerksam mache, mit der du dir laufend mit dem Hammer auf den Daumen haust? Auch wenn du sagst: "Ja ich weiß, aber das ist einfach mein Muster, das mache ich immer!" Soll ich dann sagen: "Ich verstehe dich!" Ist das Liebe? Wenn ich trotzdem versuche, dich dafür zu gewinnen, dich deinem Selbsthass-Mechanismen zu widersetzen, ist es Beleidigung? Sind es wirklich Vorwürfe? Ist es vielleicht sogar ein Geschenk? Angenommen, du kannst dir absolut sicher sein, dass du einen Partner hast, der an deiner Seite steht, der dir klare Rückmeldung gibt, wenn du Dinge tust, mit denen du dir selbst schadest? Und angenommen, du benutzt diese Unterhaltung, um dein Modell von einem geilen Leben zu erweitern und probierst es einfach aus, so wie bei Carnegie: Du bist zuerst träge, dann der Satz: Handle begeistert, und du wirst begeistert. Tun wir doch einfach mal so, als ob... Mal sehen, wie sich die Tatsachen verändern.“

Obwohl mir der Kopf bei den langen Ausführungen von Jo schwirrte, fühlte ich, dass er eine Haltung für mich hatte und mich unterstützen wollte. Auch wenn es manchmal schmerzhaft für mich war. „Das ist alles einfacher gesagt als getan“, erwiderte ich. „Nein“, widersprach er. „Du kannst jedes Gefühl erzeugen.“ „Jedes?“ dehnte ich. „Ja, jedes. Du begibst dich bewusst in eine Stimmung und dann kommt das Gefühl. Wir erzeugen immer in uns die Gefühle.“ Jetzt wurde ich ein bisschen provokativ: „Habe ich meine Liebe für dich nur erzeugt? Das wäre mager! Nein, sie ist da und darum behaupte ich, dass du in diesem Bereich Unrecht hast und mir meine Illusionen rauben willst“ Tief holte ich Luft. „Nein, die lasse ich mir nicht rauben. Ich lasse mir meine Liebe nicht reduzieren auf: ich kann sie erzeugen. Sie ist da – fertig!“ Wieder lachte Jo sein heiseres Lachen. „Natürlich hast du auch deine Liebe erzeugt. du hast eine Vorstellung von mir und hast daraus deine Liebe erzeugt.“

Diese Sätze fühlten sich nicht gut an und kurz streifte mich die Ahnung, dass Jo aus bestimmten Gründen seine Liebe für mich „erzeugt“ hatte. Wir beendeten dieses Telefonat noch mit einigen Floskeln und ich blieb nachdenklich zurück.

***

Überraschungen

Mein Hund und ich kamen zum Frühstück bei Jo an. Er sagte er hätte eine tolle Überraschung für mich. Nach dem Frühstück gingen wir eine Runde mit dem Hund spazieren. Lachend sagte Jo: „Meine Nachbarin war ganz erstaunt, dass ich mit dir zusammen bin.“ Fragend schaute ich ihn an. „Ja, sie ist gewohnt, dass ich immer kleine zierliche Frauen hatte und nicht so eine grobe mit so wilden Haaren.“ Sprachlos überging ich diese Gehässigkeit. Jo machte manchmal Bemerkungen, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. Sprach ich es dann an, schaute er mich mit großen Unschuldsaugen an und meinte ganz entsetzt, dass ich ihn falsch verstehe und er nur ehrlich wäre.

Ich holte tief Luft und beschäftigte mich mit meinem Hund. Ja das liebte ich, mit dem Hund durch die Landschaft streifen. Während mein Hund dem Stock hinterher rannte, drehte ich mich zu Jo um und fragte: „Welche Überraschung hast du denn für mich?“ Geheimnisvoll lächelte er und sagte nur: „Du wirst es bald sehen.“

Nach unserem Spaziergang stiegen wir ins Auto und Jo fuhr mit mir durch die grünen Weiten des Stader Umlandes. Irgendwo in der Walachei stand einsam ein sehr schönes Haus. Auf dem Grundstück wuchsen Obstbäume und es zeigten sich schon die ersten Früchte. Als Begrenzung des Grundstückes gab es die verschiedensten blühenden Büsche. Kleine Beete zeigten, dass hier wohl ein Hobbygärtner so einiges angepflanzt hatte. Es war ein wunderschönes verträumtes Fleckchen Erde inmitten von weiten grünen Flächen. In der Ferne grasten Kühe und es war grün, wohin das Auge schaute. Jo schloss mit dem Ausdruck eines kleinen Jungen in den Augen die Tür auf. Wir gingen in ein wunderschönes Wohnzimmer mit großem weißem Kamin, Holzfußboden und riesengroßen Fenstern, durch die man in den Garten schauen konnte. Er umarmte mich: „Hier ist unser neues Zuhause.“

Ich sagte nichts. Die Überraschung war gelungen. Wir gingen In die oberen Räume. Ein helles geräumiges Schlafzimmer sowie ein ehemaliges Kinderzimmer. Eifrig sagte Jo: „Hier können wir ein Büro einrichten. Und schau mal, es gibt ein Gäste WC und eine extra Badewanne. Als wir in den geräumigen Keller stiegen, strahlte Jo mich an und sagte mit weit ausholender Geste: „Und hier kommt die Firma hinein.“ Beifall heischend schaute er mich an. Inzwischen war ich mit meiner Geduld am Ende. Doch ich sagte gezwungen locker: „Na, das ist ja schön für dich.“ „Nein!“ rief er enthusiastisch, „es ist für uns beide. Und...“ nach einer kunstvollen Pause sagte er: „ich habe den Vertrag schon unterschrieben.“ Mit bettelnden und strahlenden Augen versuchter er mich zu überreden. Obwohl ich mich überrumpelt und auch in der Klemme fühlte, sorgte wohl meine innere Weisheit für mich. Fast überrascht hörte ich mich sagen: „Wenn du hier einziehen möchtest, dann wünsche ich dir viel Spaß – aber ohne mich.“

Jo redete mit Engelszungen auf mich ein. Es wäre hier draußen doch viel günstiger als in Stadtnähe. Und wir beide hätten doch uns.

Vielleicht ahnte mein Unbewusstes, dass ich hier in der Abgelegenheit noch viel mehr von Jo abhängig werden würde, als wenn ich näher an meinem Heimatort und bei meinem Freundeskreis blieb. Ich blieb hart und sagte ihm, dass ich niemals hier her ziehen würde. „Ja, aber ich habe doch schon unterschrieben und es ist so günstig“, sagte er weinerlich.

Er hatte diesmal keine Chance und jammerte noch Wochen danach, wie schwierig es war und wie viele Tricks er brauchte um den Vertrag rückgängig zu machen.

***