Der Tod des Phöniziers - Janina Lucien - E-Book

Der Tod des Phöniziers E-Book

Janina Lucien

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Beschreibung

Als im Hafen von Ostia ein wohlhabender phönizischer Kaufmann ermordet wird, wird der Jurist Cassian von einem Ritter im Dienste Kaiser Trajans mit der Aufklärung beauftragt. Rasch merkt er, dass mehr hinter dem Mord steckt als ein blutiger Raubüberfall. Bei seinen Ermittlungen, die ihn bis in die römische Provinz Syrien führen, mangelt es nicht an Gegenspielern und Verdächtigen. Was weiß der Lustknabe Aktaion? Welche Rolle spielt der ebenso geheimnisvolle wie attraktive Rakshan, der immer wieder Cassians Weg kreuzt und ihm den Kopf verdreht? Welches Interesse hat der kaiserliche Gesandte wirklich? Bald scheint Cassian niemandem mehr trauen zu können.

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Seitenzahl: 657

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Janina Lucien

Der Tod des Phöniziers

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1

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Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Apameia am Orontes

612 a.u.c

(142 v. Chr.)

Der Kammerdiener Nuray trieb den sechsjährigen Thronerben zur Eile an, wobei er sich immer wieder furchtsam nach ihren Verfolgern umsah. Der Knabe wurde von seiner Amme Zaynab an der Hand durch das dichte Schilf am Ufer des Orontes mitgezerrt.

Nuray würde ihn nicht retten können. Die Häscher des Diodotos Tryphon waren ihnen zu dicht auf den Fersen. Er hatte sofort geahnt, dass der General nach dem Tod des Vaters seines Schützlings seine eigenen Ziele verfolgt hatte, als er die Regentschaft für den unmündigen Thronerben des Seleukidenreichs Antiochos VI. Dionysos übernommen hatte.

Wohlweislich hatte Nuray schon vor Zeiten eine Reisetruhe gepackt, in der er außer einigen persönlichen Habseligkeiten des jungen Herrschers so viel Gold, Silber und Edelsteine verstaut hatte wie nur möglich. Die Truhe hatte er außerhalb von Apameia jenseits der Palastgärten hinter einem Wäldchen in einer Höhle versteckt, deren Zugang am Fuße einer Felsformation unter Wildwuchs verborgen war. Von weitaus größerem Wert waren die Prachtstücke des Staatsschatzes des Seleukidenreichs, die Nuray zusammen mit Loukanos, dem königstreuen Hauptmann der Palastwache, teils in die Höhle, teils an einen sicheren Ort nach Antiochia hatte bringen lassen. Darunter befanden sich kostbare Dekorationsgegenstände und vergoldete Möbelstücke anderer Völker, um die Antiochos IV., der Großvater seines Schützlings, das Land bereichert hatte. Den Sklaven und den beiden Palastwachen, die ihm bei der nächtlichen Aktion geholfen hatten, hatte Nuray durch Loukanos aus Sicherheitsgründen die Kehle durchschneiden lassen. Für den Fall, dass Nuray vor seinem jungen König den Tod finden sollte, hatte er in akkadischer Keilschrift auf einem Papyrus eine Beschreibung und eine kleine Zeichnung angefertigt, wo der Schatz zu finden war. Dann hatte er den hochwertigen Papyrus klein zusammengerollt und in einem kleinen länglichen Lederetui verstaut, das mit Gold ausgelegt war und das an einem Lederband um den Hals getragen werden konnte.

Nun war also der Tag gekommen, an dem seine schlimmsten Befürchtungen wahr geworden waren. Nuray befühlte abwesend das Lederetui um seinen Hals. Der Usurpator Diodotos Tryphon hatte seine Mörder ausgeschickt. Ein von Loukanos geschickter Getreuer hatte ihnen rechtzeitig eine Warnung zukommen lassen, sodass sie den Palast noch hatten verlassen können. Es war nicht mehr allzu weit bis zum Versteck. Doch ihnen würde die Zeit fehlen, um die Truhe zu bergen und sich weiter bis zum Lattakia-Gebirge durchzuschlagen, wo sie sich verstecken könnten. Der Weg bis zur Küste, wo sie ein Schiff nach Judäa, Ägypten oder in eine der römisch kontrollierten Provinzen nehmen könnten, war nicht näher. Nurays vorläufiges Endziel war das römisch kontrollierte Königreich Pergamon. Dort hätte sein Schützling eine Überlebenschance. Doch Nuray wusste, dass diese Überlegungen sinnlos waren. Er glaubte, unter seinen Füßen die Erschütterung durch das Pferdegetrappel ihrer Verfolger bereits spüren zu können.

»Komm, mein König, schneller! Wir müssen uns sputen. Gleich sind wir bei den Felsen.« Sie hatten das kleine Wäldchen erreicht. Dahinter ragte unvermittelt eine Felsformation in die Landschaft. Plötzlich brach durch das Ufergestrüpp ein Reiter durch, dann ein zweiter und ein dritter.

Sie waren insgesamt zehn. Zaynab hielt starr vor Angst die Luft an, wodurch ihr üppiger Busen fast ihr Kinn berührte. Doch dann baute sich die tapfere Amme mit ausgebreiteten Armen schützend vor dem kleinen Antiochos auf.

»Ihr kriegt ihn nicht, ihr ehrlosen Dämonenanbeter! Ich spucke auf euch, ihr verräterischen Lumpenhunde, ihr Königsmörder.« Zaynab hatte keine Zeit mehr, erneut Luft zu holen, geschweige denn, ihre Ankündigung in die Tat umzusetzen. Ein Pfeil durchbohrte ihren kurzen dicken Hals. Mit einem Röcheln brach sie tot zusammen. Nuray hielt erschrocken den Atem an. Er streckte die Hand nach seinem jungen König aus, der knapp zwanzig Schritte von ihm entfernt neben seiner toten Amme stand und die Mörder mit seinen kindlichen runden Augen todesmutig anstarrte.

»Lauf, Antiochos! Lauf, mein König!«, rief Nuray und folgte sodann seinem eigenen Rat. Im Schutz einer großen Zeder wagte er einen Blick zurück. Der kleine Antiochos hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Einer der Krieger war vom Pferd gestiegen. Mit einem einzigen Schwerthieb durchtrennte er den zarten Hals des Knaben.

Nuray wandte wimmernd den Blick ab, ehe er gehetzt seine Flucht fortsetzte. Endlich hatte er die stufenförmige Felsenschlucht erreicht. Hier würden sie mit den Pferden nicht folgen können. Doch auch zu Fuß waren seine Verfolger ihm dicht auf den Fersen. Immer wieder über sein langes Beinkleid stolpernd, kletterte Nuray hastig die steile Felswand hinauf. Doch schon bald musste er feststellen, dass er sich in eine ausweglose Situation gebracht hatte. Der glattgeschliffene große Fels überragte auf der einen Seite den Fluss, auf der anderen fiel er steil ab. Ein Abstieg war nicht anzuraten und für einen gut genährten, bewegungsscheuen Palastangestellten gar unmöglich. Nuray rannte ans Ende des Felsplateaus. Fast zwei Dutzend Schritte unter ihm war der Fluss. Ein Sprung ins Wasser war für den eher ängstlichen Kammerdiener ähnlich unattraktiv wie ein Pfeil in den Leib. Nuray keuchte. Verzweifelt blickte er sich um.

Cit holte verärgert die Angel ein. Der Fang des heutigen Tages war mehr als dürftig. Und nun verscheuchte auch noch jemand die Fische mit seinem lauten Getrampel. Der Junge verstaute seine Angel und schielte argwöhnisch nach oben, als er auf dem großen Felsen über sich ein Keuchen und Schnaufen hörte. Ein vornehm gekleideter rundlicher Mann blickte heftig atmend zu der tiefergelegenen Felsnase hinab, auf der Cit geangelt hatte. In seinen Augen stand Angst, in Cits Verwunderung.

Der Dicke wandte sich gehetzt um, als hinter ihm die Geräusche eiliger Schritte, von ins Rutschen geratenen Gerölls sowie kurze Befehle zu hören waren. Hastig warf der Mann Cit etwas zu und rief mit gedämpfter Stimme: »Junge, im Namen deines Königs, beschütze dies mit deinem Leben!«, keuchte er. »Bring es zu dem Verwaltungsbeamten Cleophon nach Apameia! Er soll veranlassen… es muss zu Königin Kleopatra Thea nach Ptolemais, des Königs Mutter!«, schnaufte er kraftlos, wobei er sich immer wieder umsah.

Cit fing das Lederetui auf. Er wollte noch Fragen stellen, biss sich jedoch im letzten Moment auf die Lippen. Sein Gesprächspartner hatte sich unvermittelt abgewandt. Ein Zischen und ein rasselndes Keuchen waren zu hören. Dann klatschte etwas hart auf Stein auf, und eine Hand ragte reglos über den Felsrand hinaus. Cit riss erschrocken die Augen auf. Rasch warf er sich das Lederband über den Kopf, verbarg das Etui unter seinem fadenscheinigen Chiton und presste sich mit dem Rücken dicht gegen die Felswand. Schritte, Stimmen und ein schlurfendes Geräusch waren zu vernehmen. Die leblose Hand über Cit verschwand; kurz darauf war ein lautes Platschen zu hören, als ein schwerer Körper auf dem Wasser aufschlug. An dieser Stelle hatte der Orontes nur eine sehr geringe Breite. Die gewaltige Strömung würde den Toten schnell davontragen.

Die Geräusche von sich entfernenden Pferdehufen waren lange verklungen, die Mörder schon seit geraumer Zeit fort, ehe Cit sich aus seinem Versteck wagte.

König Antiochos!Königin Kleopatra Thea! Verwaltungsbeamter Cleophon! Wo war er da nur hineingeraten? Cit befühlte nachdenklich das Lederband um seinen Hals. Mit vor Aufregung und Ehrfurcht zittrigen Händen, entnahm er dem Etui eine feine, aber robuste Papyrusrolle. Nachdem er sie entrollt hatte, starrte er verwundert auf die seltsamen Zeichen. Ohnehin war er des Lesens nicht mächtig, doch diese Art Schriftzeichen hatte er zuvor noch nie gesehen. Hingegen war ihm sofort klar, was die schlichte Zeichnung darunter darstellte: Sie beschrieb eindeutig den Weg zu seiner Höhle jenseits des hohen Felsens, auf dem der Dicke zu Tode gebracht worden war. Was hatte so ein feiner Mann mit seiner Höhle zu schaffen?

Es dämmerte bereits, als Cit erschöpft die Innenstadt Apameias erreichte. Er war fast die ganze Strecke über gerannt. Seine Sandalen klatschten laut auf den Steinstufen der langen Treppe vor dem Verwaltungsgebäude, als ihn plötzlich jemand am Chiton packte.

»Wohin so eilig, Cit, du kleine stinkende Ratte?« Mit einem übertrieben höhnischen Lachen warf Bakr den Kopf zurück und entblößte dabei eine große Zahnlücke in seinen sonst erstaunlich makellosen Zähnen. Seine Bande von üblen Strolchen stimmte in das Lachen mit ein. »Sag der süßen Shahira, dass sie demnächst etwas freundlicher zu mir sein soll! Sonst wird sie ihren kleinen Bruder nicht nur füttern müssen, wenn ich ihm gleich sämtliche Zähne ausschlage und alle Knochen breche, sondern kann ihm gleich ein Grab schaufeln.«

Bakr und seine Männer lachten erneut. Der Anführer von Apameias gefürchtetster Bande junger Tagediebe und Halsabschneider ließ Cit keine Zeit für eine Entgegnung. Sie wäre ohnehin zwecklos gewesen, wie der Knabe schon mehrfach an eigenem Leibe hatte erfahren müssen. Bakr brauchte keine Begründung, um andere Menschen zu quälen. Cit, dessen große Schwester Bakr mit seinen plumpen Annäherungsversuchen immer wieder eine Abfuhr erteilte, war jedoch sein Lieblingsprügelknabe. Als er und ein paar seiner Spießgesellen endlich aufgehört hatten, auf ihn einzuprügeln, blieb Cit benommen auf den Steinstufen liegen. Erst jetzt tauchten ein paar Menschen aus dem Verwaltungsgebäude auf.

Eine über die Verwahrlosung der Sitten in dieser Zeit vor sich hin schimpfende Frau wischte ihm mit einem Tuch das Blut von der Nase.

»Alles in Ordnung, Kleiner? Wird es gehen?«, fragte ein Mann mit ergrauenden Haaren, der sich über ihn beugte.

Cit tastete nach dem Lederetui, obwohl er wusste, dass es sinnlos war. Es war fort. Er versuchte aufzuspringen, legte jedoch rasch die Hand auf die Rippen und presste vor Schmerz geräuschvoll die Luft durch die zusammengebissenen Zähne. »Cleophon! Ich muss zu Cleophon.«

»Ich bin Cleophon«, sagte der Mann. »Was gibt es denn?«

»Es ist ein Mord geschehen.«

Am nächsten Tag machte Cleophon sich ohne die Schriftrolle auf den Weg nach Ptolemais zu Königin Kleopatra Thea.

In seinem Versteck starrte Bakr fluchend auf den Inhalt des Etuis: bloß eine Schriftrolle in akkadischer Keilschrift. Er konnte weder Griechisch noch Aramäisch und schon gar nicht Akkadisch lesen. Doch das Siegel, der hochwertige Papyrus, die feinen Zeichnungen auf dem Schriftstück und nicht zuletzt das wertvolle Lederetui verrieten dem geübten Straßenräuber, dass er es hier mit einem wertvollen Dokument zu tun hatte.

Zu diesem Schluss kam am darauffolgenden Tag auch Apameias Oberhauptmann Makarios, als er den edlen Papyrus am Schreibtisch seines Hauses untersuchte, bevor er ihn wieder vorsichtig zusammenrollte und zurück in seinem Etui verstaute. Er hatte ihn einem seiner Wachmänner abgenommen, den dieser nach der Festnahme des Anführers der berüchtigten Diebesbande heimlich in seinem Wams verstauen wollte. Bakr und seine Kumpane, die er schon lange im Auge gehabt hatte, waren am Tag nach dem Überfall auf Cit und dem Diebstahl des Etuis von der Stadtwache erwischt worden, als sie gerade den mit Silberwaren, Weihrauch und Purpuramphoren beladenen Wagen eines phönizischen Händlers ausrauben wollten.

Es war Nacht, als die junge armenische Sklavin des Makarios, in das Schreibzimmer ihres verhassten Herrn schlich, mit einer Haarnadel die Schublade öffnete, in dem Makarios, wie sie wusste, Wertsachen verschloss. Sie entnahm der Schublade einen Beutel mit Münzen, einen mit Edelsteinen sowie aus einem Impuls heraus ein ungewöhnliches, kleines Lederetui an einem Lederband, das sie sich hastig um den Hals hängte. Vergangene Nacht hatte sie sich geschworen, dass es das letzte Mal war, dass Makarios ihr Gewalt angetan hatte. Trotz des Angstknotens in ihrem Hals, umspielte ein Lächeln ihre Lippen, als sie sich zur Hintertür aus dem Haus schlich. Mit ruhigen, aber raschen Schritten lief sie in Richtung Stadtgrenze, die Hand unbewusst am glatten Leder des Etuis. Als sie den Eselskarren des Wasserverkäufers sah, der hinter dem Stadttor auf sie wartete, rannte sie los.

Die beiden Flüchtigen waren froh, als sie sich nach drei langen Tagesreisen, in der der Esel mehr als einmal störrisch seine Dienste verweigert hatte, einer Karawane mit Ziel Byblos und Petra anschließen konnten.

Doch der Karawanenführer aus Babylon war Geschäftsmann. Warum ohne Gewinn zwei weitere Mäuler stopfen? Auf dem Sklavenmarkt von Byblos bekam er für die hübsche Armenierin einen hervorragenden und für ihren jungen starken Freund einen ansehnlichen Preis. Ihr weniges Hab und Gut verkaufte er ein paar Tage später mit seinen übrigen Handelswaren auf dem Markt von Petra. Die eigentümliche Karte, die sich in dem wertvollen Lederetui des Mädchens befunden hatte, fand rasch einen Käufer, der dafür, wie der babylonische Geschäftsmann erfreut meinte, einen lächerlich hohen Preis bezahlte.

Der Käufer, ein griechischer Medicus, freute sich über seinen Kauf, als er mit dem Lederetui um den Hals in sein Haus zurückkehrte. Er würde die Schriftrolle studieren, sobald er und sein Gehilfe die Zeit dazu fänden. Vorerst galt es, die Kranken zu pflegen: Eine Karawane war in Petra eingetroffen und hatte eine ansteckende Krankheit mit eingeschleppt. Der betagte Arzt verstaute das Etui in seiner Bibliothek, wo er es vergaß. Sieben Tage später erlag er selbst der Krankheit. Sein römischer Gehilfe, der Petra verlassen und nach Alexandria reisen wollte, fand das Etui beim Packen seiner Sachen und steckte es ein.

In Alexandria angekommen, übergab er die Schriftrolle einem befreundeten Gelehrten, der in Alexandria Lehrer zweier noch unmündiger Söhne reicher Römer war. Der Gelehrte begann mit der Entschlüsselung, doch eines Tages war die Schriftrolle spurlos verschwunden.

Einer seiner Schüler hatte sie entwendet und zusammen mit einer aus Ebenholz geschnitzten Elefantenfigur und seinen bunten Ton- und Glasperlen wie einen Schatz in der Truhe unter seinen persönlichen Habseligkeiten verborgen. Als der Vater des jungen römischen Diebs bei einem Schiffsunglück ums Leben kam, verkaufte die Witwe das Haus und seinen Inhalt, darunter auch das Lederetui, ehe sie mit ihrem Sohn nach Rom aufbrach.

Das Etui geriet zusammen mit anderen alltäglichen Gegenständen in die Hände eines Seemanns, der seinen Wert unterschätzte. Er verkaufte die Lederkette auf der Insel Kos an einen Pflanzenkundigen und Heiler, welcher die Karte zu einem Freund nach Milet schickte, damit dieser sie entschlüsselte. Doch das kleine Handelsschiff, das die Karte transportierte, wurde von Piraten überfallen. Mit ihnen erreichte das Etui Askalon, wo ein judäischer Händler es erwarb und in sein Haus brachte. Zwei Tage darauf wurde Askalon von einem Erdbeben erschüttert und das Haus des Judäers wurde zerstört. Jahre lang blieb die Karte in ihrem Etui unter den Trümmern verborgen, bis ein altersschwacher Habenichts sich dort einnistete und sie fand. In einer Hafentaverne verkaufte er sie für ein Glas Bier und ein warmes Mahl an einen durchreisenden phönizischen Kaufmann.

1

Rom 866 a.u.c.

(113 n. Chr.)

Aktaion und Zaidu saßen vorm Circus Maximus und aßen geröstete Kichererbsen. Sie hatten versucht, ohne Eintrittstäfelchen in die größte Pferderennbahn der Welt hineinzugelangen, doch der Aufseher hatte sie erwischt und unsanft nach draußen befördert. Zaidu, der aus Meroe in Kusch stammende Lustknabe, hatte den Mann mit seinen Reizen bestechen wollen, doch auch das hatte nichts geholfen. Im Gegenteil: Zaidu hatte sich einen saftigen Hieb mit einem Knüppel eingefangen, dessen Spuren langsam sichtbar wurden.

»Verdammt, wenn ich gleich mit einem blauen Auge zurückkomme, bekomme ich riesigen Ärger. Domitilla höchstpersönlich wird mir den Kopf abreißen.«

»Die Mädchen haben sicher irgendeine Paste, mit der du es kaschieren kannst«, sagte Zaidus Freund und Gewerbebruder Aktaion. Der außergewöhnlich attraktive Kilikier aus Tarsus begutachtete kritisch Zaidus Auge, das leicht anschwoll und langsam einen in Lilatönen schillernden Rand aufwies. Er hatte seinen Freund mit der Bemerkung aufmuntern wollen, doch innerlich seufzte er sorgenvoll auf. Der lebensbejahende Zaidu hatte ein loses Mundwerk und ging häufig, wie Aktaion fand, unnötige Risiken ein, die nicht selten Spuren auf seinem Körper hinterließen. Doch ein ramponiert aussehender Lustknabe brachte Fadila Domitilla, der geschäftstüchtigen Besitzerin von ›Ishtars Garten der Lüste‹, weniger Geld ein. Die Bordellmutter, die an guten Tagen durchaus herzlich und freundlich sein konnte, hatte Zaidu gewarnt.

»Lucasta, das Biest, verpfeift mich doch sofort, wenn sie davon Wind bekommt.«

»Dann pass halt auf, dass sie dich nicht sieht!«

»Du hast gut reden! Ich habe dir ja gleich gesagt, nicht ich, sondern du hättest dem Kerl anbieten sollen, ihm den Schwanz zu lutschen. Dich hätte er nicht abgewiesen.«

In dem Moment ging ein gut gekleideter Mann von etwa dreißig Jahren an den beiden jungen Männern vorbei. Anscheinend hatte er Zaidus letzte Worte gehört. Ungeniert starrte er sie an und wandte sich noch nach ihnen um, als er bereits ein paar Schritte weitergegangen war. Zaidu und Aktaion starrten herausfordernd zurück.

»Aktaion, nun los!«, flüsterte Zaidu flehentlich. »Biete dich dem reichen Kerl an! Der sabbert doch schon fast. In diesem Zustand kann ich ja schlecht, das wirst du doch einsehen.« Zaidu deutete dramatisch mit allen zehn Fingern auf sein lädiertes Gesicht.

Aktaion schüttelte den Kopf. »Ich mach’s nicht freiwillig in meiner Freizeit. Das weißt du genau. Noch dazu habe ich gesagt, dass du es auch bleiben lassen sollst. Also gib mir jetzt nicht die Schuld!«

Der kultiviert und aufrecht wirkende Mann war mittelgroß und trug sein gepflegtes dunkelbraunes Haar militärisch kurz. In einem Abstand von etwa zwölf Fuß war er stehengeblieben und musterte die beiden Lustknaben weiterhin von oben bis unten auf weniger kultivierte Weise. Zaidu lächelte den Mann an und zwinkerte ihm zu, während Aktaion dem Römer misstrauisch verstohlene Seitenblicke zuwarf.

»Hör auf, ihn anzumachen!«, flüsterte Aktaion. »Mit dem stimmt irgendetwas nicht.«

In der Tat fand Aktaion, dass der Blick des Mannes nicht wie fleischliches Begehren wirkte, sondern dass etwas Bedrohliches darin lag. Er konnte nicht genau sagen, was es war.

»Ach, Unsinn! Dir fallen auch die albernsten Ausreden ein, nur um es an deinem freien Tag nicht machen zu müssen.«

Plötzlich kehrte der Mann um und kam langsam auf sie zu. Aktaion wich instinktiv einen Schritt zurück, während Zaidu den Mann nun offen angrinste.

»Ich mach’s dir für sechs Sesterzen. Mein Freund kostet zehn. Wenn du uns beide willst, machen wir dir einen Sonderpreis.«

»Sechs und zehn Sesterzen. Mehr ist euch euer Körper nicht wert?«, zischte der Mann, wobei seine Augen zu Schlitzen wurden. Der potenzielle Freier, der soeben noch einen untadeligen und vornehmen Eindruck gemacht hatte, wirkte auf einmal angsteinflößend und bedrohlich. Auch Zaidu war das Grinsen vergangen.

Der Mann fixierte Aktaion mit finsterem Blick.

»Ihr verkauft eure einstmals unschuldigen Körper an jeden, der dafür zu zahlen bereit ist.« Er ergriff Aktaions Kinn mit Daumen und Zeigefinger und zwang ihn, ihm in sein nunmehr wutverzerrtes Gesicht zu blicken. »Glaubst du, du könntest deinen Körper von deinem Geist trennen? Dann irrst du dich. Was du deinem Körper antust, tust du auch deinem Geist an. Dein wunderschöner, junger Körper ist nichts anderes als einer der urinstinkenden Tonkrüge auf Roms Straßen, in denen ein jeder, ob Senator oder Sklave, seine Notdurft verrichtet. Dein Geist wird nichts anderes als eine verunreinigte Latrine sein, wenn du zulässt, dass deinem Körper dies angetan wird.« Er stieß Aktaion von sich. »Abschaum wie ihr, die ihr euch freiwillig jedem andient, sollte vom Erdboden getilgt werden.« Er spuckte aus und funkelte die beiden Jungen voller Abscheu an.

Aktaion, der sich an Zaidu hatte festhalten müssen, um nicht zu stürzen, starrte den Mann entgeistert an. Dessen hasserfüllte Worte hatten ihn zutiefst verletzt; sie hatten den Schutzwall aus Gleichgültigkeit, den er üblicherweise erfolgreich gegen Anfeindungen aller Art aufbaute, durchbrochen. Schmähliche Beschimpfungen waren sie gewohnt, doch selten schlug ihnen solch abgrundtiefe Verachtung und Feindseligkeit entgegen wie von diesem Mann. Verunsicherung und Furcht wichen plötzlich unbändigem Zorn.

»Dir hätte ich es ohnehin nicht gemacht, du menschenverachtendes Scheusal. Was bildest du dir ein, über Menschen zu urteilen, deren Schicksal du nicht kennst? Dir hat deine keusche Mama sicher noch als erwachsener Mann den Hintern mit Seidentüchern abgewischt, während dir dein reicher Papa eine vertrocknete Tochter aus gutem Hause zugeführt hat. Du strengst dich sicher immer vergeblich an, um dein Ding hart zu bekommen. Denn Typen wie du treiben’s am liebsten mit sich selbst.«

Die Worte waren aus Wut und Frustration über sein eigenes Leben aus Aktaion herausgesprudelt, ohne dass er sich rechtzeitig mäßigen konnte. Anstatt Genugtuung empfand er Scham, und sein Zorn klang bereits wieder ab. Zudem spürte er, dass er zu weit gegangen war. Wie zwei sprungbereite Kampfhähne starrten er und der Mann sich an.

Zaidu, der seinen sonst so gemäßigten Freund während dessen Rede die ganze Zeit sprachlos beobachtet hatte, packte Aktaion nun am Arm und zerrte ihn mit sich. Im Laufen drehten sie sich beide nach dem Mann um. Er sah ihnen nach, hatte sich jedoch nicht von der Stelle gerührt. Die beiden jungen Männer blieben stehen.

»Was macht der Kerl?«, fragte Zaidu und streckte dem Mann die Zunge raus.

»Lass den Unsinn!«, mahnte Aktaion. Der Mann flößte ihm Angst ein. Irgendetwas stimmte mit diesem Kerl nicht. Gleichzeitig war Aktaion seltsam berührt. Wie hatte er sich nur so gehen lassen können? Er hatte sich stets viel auf seine gute Menschenkenntnis und seinen richtigen Instinkt eingebildet. Doch dieser Mann gab ihm Rätsel auf. Wie konnte jemand eine so sympathische Ausstrahlung haben, aber gleichzeitig so viel Hass und Verachtung in sich bergen?

In dem Moment wandte sich der Mann abrupt ab und verschwand bald darauf aus ihrem Blickfeld.

Zaidu kickte ein Steinchen von sich. »Na, klasse! Hältst du das, was du da gemacht hast, für ein erfolgreiches Verkaufsgespräch mit einem Freier? Mann, Aktaion!«

»Zaidu, der Typ war nicht ganz in Ordnung. Das hast du doch gemerkt.«

»Ach was, der wollte uns alle beide und hätte vermutlich richtig gut gezahlt. Ich hätte einen höheren Preis nennen sollen.«

Zaidu hockte sich an den Straßenrand und blickte grimmig zu Boden. Hinter ihnen hörte man die begeisterten Rufe und Anfeuerungen aus dem Circus Maximus. Wegen Aktaions kleinlicher Prinzipien hatten sie das Wagenrennen verpasst und hockten in der römischen Mittagshitze auf der Straße. Wenn sein bei den Kunden beliebter Kumpan sich nicht immer so haben würde, hätten sie sich vielleicht sogar die frittierten Gewürzbällchen vom Stand gegenüber leisten können und nicht nur die elendig trockenen und leicht staubig schmeckenden gerösteten Kichererbsen.

Zaidu konnte Aktaion in dem Punkt nicht verstehen. Jede Nacht mussten sie in ›Ishtars Garten der Lüste‹ auch den widerwärtigsten Freiern gefügig zu Diensten sein. Was kümmerte es Aktaion da, es auch einmal zu tun, wenn sie ausnahmsweise frei hatten, was ohnehin so gut wie nie vorkam? Und die Freier konnte man sich nun mal nicht aussuchen.

Zaidu hatte keine Probleme damit, seinen Körper anzubieten, wenn dieses kleine Opfer nötig war, um an ein paar Leckerbissen oder eine Eintrittskarte zu gelangen. Das Problem war, dass sein Kumpel Aktaion so unverschämt gut aussah, dass der großgewachsene, aber sehr hagere Zaidu neben ihm wie der dürrste Ast einer vertrockneten Akazie wirkte. Inzwischen war er dazu übergegangen, Aktaion wegzuschicken, wenn er sich jemandem anbot, damit der Freier ihn nicht ablehnte, weil er den jungenhaften Kilikier mit dem Schlafzimmerblick und dem feingliedrigen, aber wohlproportionierten Körper bevorzugte.

»Die Mädchen sind schon längst drinnen und amüsieren sich. Nur wir hocken noch hier, weil du so ein Dickschädel bist.«

Aktaion wurde langsam ärgerlich. »Hör auf, Zaidu! Immer wieder das gleiche Thema! Ich diskutiere nicht mehr mit dir darüber. Mal abgesehen davon, dass dieser geisteskranke Typ uns womöglich hinterher mit einem eiskalten Lächeln die Kehlen durchgeschnitten hätte.«

Es war tatsächlich immer wieder das gleiche Thema! Warum musste er Zaidu ständig von Neuem erklären, dass er nur im äußersten Notfall bereit war, seinen Körper auch in seiner Freizeit zu verkaufen. Schlimm genug, dass sie dies jede Nacht tun mussten! Andererseits verstand er nicht, dass es Zaidu nichts auszumachen schien. Auch er hatte in dem Lupanar in der Subura, in dem sie arbeiteten, nicht selten üble Freier, unter denen er im wahrsten Sinne des Wortes zu leiden hatte. Dabei gehörte ›Ishtars Garten der Lüste‹ nicht zu den schlechtesten Bordellen Roms.

Zugegeben, es war frustrierend, hier hocken zu müssen, während Myrina und Anit schon längst, süße Feigen und Gewürzbällchen naschend, auf den Tribünen des Circus Maximus saßen und die Wagenlenker anfeuerten. Die Mädchen hatten sich dafür nicht einmal anbieten müssen. Sie bekamen ohnehin mehr Taschengeld, weil sie Domitilla in der Regel mehr Geld einbrachten als die männlichen Huren.

Der bei sämtlichen Freiern beliebte Aktaion verdiente als Lustknabe recht gut, doch hatte Domitilla ihm das Taschengeld einer Woche gestrichen, weil er sich gegen einen Freier zur Wehr gesetzt hatte, der ihm Schmerzen zugefügt hatte. Für solche Fälle gab es selbstverständlich die von Domitilla beschäftigten Luden. Doch griffen diese, wie alle weiblichen und männlichen Huren des Lupanars wussten, nur in äußersten Notfällen ein. Aktaions Selbstjustiz hatte nicht nur die Streichung seiner einwöchigen Einnahmen zur Folge gehabt, sondern auch eine körperliche Bestrafung. Creon hatte ihn mehrmals lange mit dem Kopf unter Wasser getaucht. Diese Strafe war bei Domitilla beliebt, da sie keine sichtbaren Schäden hinterließ.

Eine andere häufige Strafe waren – aus dem gleichen Grund – Schläge auf die Fußsohlen. Welcher Kunde besah sich schon genauer die Füße seines Lustobjekts? Die Strafe hatte für Domitilla und die Luden auch den Vorteil, dass die oder der Bestrafte für einige Zeit ans Bett gefesselt war und ihnen damit keine weiteren Scherereien bereiten würde. Genau dies drohte Zaidu, als sie ein paar Stunden später mit Myrina und Anit in ›Ishtars Garten der Lüste‹zurückkehrten.

2

Den Weg vom Circus Maximus zu seiner Unterkunft auf dem Palatin legte er im Eilschritt zurück. Als der Senator Catullus ihn aus einer Sänfte heraus freundlich grüßte, reagierte er erst im letzten Moment und bekam nur ein verkrampftes Lächeln zustande, so erregt war er.

Es war ein wunderschöner milder Herbsttag. Eine leichte Brise trug den üblichen Gestank der Straßen Roms aus der Stadt hinaus. Zwei Rotkehlchen, die auf dem Beckenrand des Brunnens mit den drei wasserschöpfenden Nymphen-Statuen saßen, feierten mit ihrem Gezwitscher das letzte Aufbäumen des Sommers. Doch all das nahm er nicht wahr. Es war lange her, dass er sich in solch einem Zustand befunden hatte.

Im Hof empfing ihn einer der Haussklaven und fragte nach seinem Befinden. Er stieß ihn zur Seite, ebenso wie seinen Leibwächter Rabanus, der ihm besorgt hinterherrief: »Herr, stimmt etwas nicht? Bei Mars, warum soll ich dich nie begleiten?«

Ohne eine Antwort eilte er direkt in seinen privaten Wohnbereich. Wie von Dämonen gehetzt, schlug er die Tür seiner Schlafkammer zu und lehnte sich schweratmend mit dem Rücken dagegen. Dann riss er sich die schwere Toga vom Leib und eilte in sein Bad. Trotz des hohen Standards der Prätorianer- und Beamtenunterkünfte im Wohnkomplex auf dem Palatin waren nicht viele mit einem eigenen Bad ausgestattet. Doch er hatte darauf bestanden. Reinlichkeit war etwas, bei dem er keine Zugeständnisse machte. Die öffentlichen Thermen, die die römischen Bürger aller Schichten sonst so liebten, waren ihm ein Gräuel. Die Zurschaustellung nackten Fleisches in all seinen Formen, ob ansehnlich oder unansehnlich, jung oder alt, widerte ihn an.

Er stieg in das ständig warm gehaltene Wasser des Badebeckens und rieb sich mit starkem Duftöl ab. Als Eliana, seine hübsche Badesklavin, vorsichtig den Kopf zur Tür hereinsteckte und in leisem Tonfall ihre Hilfe anbot, verscheuchte er auch sie mit einer unwirschen Geste.

Warum hatte er bei den beiden Straßenjungen die Beherrschung verloren? Nicht, dass sein Abscheu gespielt gewesen wäre! Ihre Schamlosigkeit war verabscheuungswürdig gewesen. Wie konnten sie sich das nur selbst antun? Wie konnten sie sich freiwillig derart entmenschlichen und aus ihren Körpern einen Gegenstand für die niedrigsten Bedürfnisse machen? Aber das römische Reich war voller Huren und Straßenjungen, die sich anboten. Ein Pfuhl von Verderbtheit, wohin man auch blickte. Deshalb hätte es ihm längst zur Gewohnheit werden müssen. Und es gelang ihm auch meistens, die Augen vor derart abstoßender Unzucht zu verschließen. Doch diesmal hatte er hinschauen müssen. Ja, es war der Anblick des reizenden Lustknaben mit den scheinbar unschuldigen Rehaugen gewesen; der hatte ihn aus der Fassung gebracht. Am liebsten hätte er dem lasterhaften Bengel, dessen Körper eine einzige Einladung zur Unzucht war, seinen prachtvollen hethitischen Dolch in den schönen Leib gerammt.

Beinahe hätte er es tatsächlich getan. Aber gleichzeitig hatte er sich für seine widerstreitenden Gefühle zwischen Abscheu, Hass und Zorn, aber auch einer Mischung aus Begierde und Mitleid geschämt. Der Anblick der offensichtlichen Reize des Jünglings hatte die verhassten Erinnerungen wieder aufleben lassen. Wann würde er all das endlich hinter sich lassen können? Wohl nur, wenn der Schuldige endlich seinen letzten Atemzug getan hatte. Erst dann würde er seinen Frieden finden. Er würde dafür sorgen, dass dies bald der Fall wäre. Er hatte bereits viel zu lange gewartet, denn der kleinste Fehler hätte verheerende Folgen. Doch die Zeit war gekommen. Bald würde der Schaitan den Tod finden.

3

Sie hatten kein Glück. Aktaion, Zaidu und Myrina wollten sich gerade heimlich in Myrinas Kammer schleichen, als der Vorhang der benachbarten Kammer beiseitegeschoben wurde und Lucasta in den Gang trat.

Ihr anfänglich unwirscher Blick beim Anblick der beiden männlichen Huren verwandelte sich in ein gehässiges Lächeln. Unmissverständlich laut rief sie durch den Gang des Bordells: »Bei Minerva, was ist dir denn passiert, Zaidu, mein armer Wildhase? Du bist ja völlig entstellt.«

Zaidu wartete nicht ab, bis Creon und Balius ihn zur Rede stellen konnten. Rasch rannte er zum Hinterausgang. Aktaion und Myrina sahen Zaidu besorgt hinterher, als die beiden grobschlächtigen Luden auch schon schnaufend wie erregte Stiere am anderen Ende des Ganges auftauchten.

Trotz Myrinas Versuch, sie aufzuhalten, beeilte sich Lucasta, die beiden Luden erst recht auf Zaidus Spur zu setzen. »Er ist da lang. Er sieht aus wie ein abgemagerter Zyklop.« Die rotlockige gallische Hure hielt sich mit aufgeblasenen Wangen die zur Kralle geformte Hand vor ihr Auge. »So ein blaues Auge hat er!«

Als die beiden Luden in vollem Tempo den Gang entlanggerannt kamen, nahm Aktaion rasch das Öllämpchen vom Halter neben ihm an der Wand und vergoss den Inhalt auf dem Boden. Sein Plan ging auf. Die beiden Luden gerieten prompt ins Rutschen. Creon konnte sich gerade noch abfangen, doch Balius' großer Körper landete unsanft auf dem glitschigen Boden und versperrte seinem Kollegen unversehens den Weg.

»Na, warte!« Creons Gesicht lief vor Zorn rot an. Er drohte Aktaion mit der Faust. Doch der hatte Creons Reaktion nicht abgewartet und rannte bereits den Gang entlang in die Richtung, aus der die beiden Luden gekommen waren. Domitillas muskelbepackte rechte Hand musste sich entscheiden: Aktaion oder Zaidu.

»Los weiter, Balius! Schnappen wir uns erst Zaidu. Das kilikische Früchtchen knöpfen wir uns später vor.«

Aktaion hatte sich in seinem Geheimversteck verborgen. Eine etwa acht Fuß hohe Mauer trennte den kleinen Garten des Bordells vom Nachbargrundstück. Dahinter war ein überdachter Schuppen, der von ›Ishtars Garten‹ aus nicht einsehbar war, da sein Dach etwas tiefer als die Trennmauer lag. Von der Straße aus konnte man auf die Außenmauer des Nachbargrundstücks und dann auf das Dach gelangen. Hier hatte Aktaion manchmal Stunden verbracht, wenn er einer Strafe entgehen oder einfach allein sein wollte. Sein Versteck hatte zudem den Vorteil, dass er so gut wie alles mitbekam, was im Lupanar geschah, ohne selbst gesehen zu werden. Doch am heutigen Tag bereitete ihm dieser Vorteil quälende Magenkrämpfe. Zaidus Schreie schnürten ihm die Kehle zu. Sie hatten ihn also erwischt.

Als Aktaion es nicht mehr ertragen konnte, verließ er sein Versteck und versuchte sein Glück bei Domitilla. Wenn sie gut gelaunt war, würde es ihm vielleicht gelingen, sie gnädig zu stimmen. Doch Domitilla war alles andere als gut gelaunt. Zaidus blaues Auge war an diesem Tag nur der Tropfen gewesen, der für sie das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Nach dem Ärger mit Lieferanten am Morgen war eines ihrer Mädchen, die Bataverin Grietje, deren größter Reiz ihr wunderschönes langes blondes Haar gewesen war, nach einer feuchtfröhlichen Nacht bei einem Kunden kahlgeschoren zurückgekehrt. Welch hohen Verlust an Einnahmen dies darstellte, wollte Domitilla sich nicht einmal ausmalen. Anstatt eine Milderung von Zaidus Strafe zu erwirken, versetzte sie Aktaion höchstpersönlich ein paar saftige Maulschellen und schickte ihn kurz darauf fluchend und drohend zu seinem ersten Kunden an diesem Abend.

Die Nacht war fast vorüber. Aktaion hatte alle Freier gleichmütig über sich ergehen lassen. Es hatte schon schlimmere Nächte gegeben als diese. Doch dann wurde der Vorhang beiseitegeschoben und der in einen edlen purpurnen Mantel gekleidete Augur Manius Plautius Aspis trat ein. Aktaion verabscheute den scheinheiligen, grausamen Mann. In der Öffentlichkeit galt er als sittenstrenger und tugendhafter römischer Bürger. Dabei bereitete es dem Mann Freude, anderen wehzutun: ganz besonders seinen Sklaven oder Lustknaben wie Aktaion.

4

Aktaion ließ die Beine von der Kaimauer baumeln. Der Platz auf der Mole in der Nähe des kleinen Leuchtturms, der den Eingang zum sechseckigen Hafenbecken von Portus markierte, war sein Lieblingsplatz. Der brandneue Hafen bei Ostia, den Kaiser Traian kürzlich hatte erbauen lassen, war ein architektonisches Meisterwerk. Er war ein würdiger Drehpunkt des römischen Reichs und brauchte sich vor dem berühmtem Hafen Alexandrias und denen von Städten wie Leptis Magna und Caesarea nicht mehr zu verstecken. Von hier aus konnte man die einzelnen Schiffe beobachten, die im neuen Hafen ein- und ausliefen. Gleichzeitig hatte man einen herrlichen Blick über das große Hafenbecken des Claudius und das weite Meer. Aktaion liebte die neue Hafenanlage und ihr geschäftiges Treiben, die dieser ungewöhnliche syrische Architekt, dessen Namen er vergessen hatte, im Auftrag Traians erbaut hatte. Man sagte dem Baumeister aus Damascus unglaubliche Dinge nach. Angeblich nahm er sich gegenüber dem Kaiser Unverschämtheiten heraus, die nicht einmal Plotina, Traians Ehefrau, in ihren Privatgemächern zu äußern wagen würde. Doch der Kaiser, so behauptete das Volk, verzieh dem begnadeten Architekten, welchen er für ein Genie hielt, einfach alles.

Hier am Hafen hatte Aktaion ein Gefühl der Freiheit. Wie um den Gedanken zu bekräftigen, streckte er die Nase gen Himmel und atmete tief die salzige Meeresluft ein.

Endlich hatte er sich etwas beruhigt. Die Hassrede des wohlhabenden Römers, Zaidus Bestrafung und dann die Qualen, die der widerliche Aspis ihm zugemutet hatte, waren zu viel gewesen. Selbstverständlich waren seine Hilferufe nach den Luden ungehört geblieben. Mercia, die alte ehemalige Hure, die in ›Ishtars Garten‹ als Krankenpflegerin diente, hatte die wunden Stellen seines Körpers mit Salbe notdürftig versorgt. Auch Zaidus Fußsohlen hatte sie zuvor, so gut es ging, behandelt. Dennoch waren sie feuerrot, und als Aktaion am Morgen nach seinem Freund sah, stellte er fest, dass sie wie geschunden aussahen.

Anit hatte Zaidu und ihm einmal erzählt, dass sie als Kind in ihrer Heimat in Oberägypten mit ihrer Mutter einer Todesstrafe durch Schinden beigewohnt hatte. Sie schwor, dass es das Schlimmste war, was sie je gesehen hatte. Aufgrund ihrer quälend bildhaften Beschreibung hatte Aktaion keinen Zweifel daran, dass dies stimmte. Als Aktaion besorgt die rohen Fußsohlen seines Freundes betrachtete, versuchte Zaidu, gute Laune zu verbreiten; seine sonst so gesunde dunkle Gesichtsfarbe sah jedoch trotz seines tapferen Lächelns blass aus und seine Augen wirkten fiebrig.

Dafür, dass Aktaion ihnen an diesem Tag erneut entwischt war, würde er von Creon und den anderen Luden großen Ärger bekommen. Doch er brauchte diese Fluchten zum Überleben, auch wenn es ihn eine Tracht Prügel kosten würde.

Langsam begann es zu dämmern. Bald würde er sich um eine Mitfahrgelegenheit zurück in die Stadt bemühen müssen. Wenn er Glück hatte, nahm ihn jemand mit, auch ohne dass er auf die eine oder andere Art dafür zahlen musste.

Zögerlich stand Aktaion auf und schlenderte das sechseckige Hafenbecken entlang, nicht ohne sich links und rechts nach möglichen Kandidaten umzusehen, die gerade ihre Wagen beluden, um auf dem Landweg auf der Via Portuensis nach Rom zu reisen. Wenn er hier niemanden fand, bestand noch die Möglichkeit, es an der Fossa Traiana zu versuchen. Die Binnenschiffe brauchten drei Tage, um den Tiber hoch bis nach Rom getreidelt zu werden. Dies war für Aktaion also keine Option. Doch manchmal warteten dort wohlhabende Händler, bis ihr Schiff abfahrbereit war, und fuhren dann mit ihren Kutschen auf dem Landweg voraus.

Aktaion beobachtete die Seeleute, Hafenarbeiter und Kaufleute mit wachsamem Auge. Der junge Kilikier bildete sich etwas auf seine Menschenkenntnis ein. Er musste an den gestrigen Zwischenfall mit dem unheimlichen Mann am Circus Maximus denken. Ihn hatte er nicht richtig erfassen können: Trotz des angenehmen Äußeren des Mannes hatte er gespürt, dass von diesem etwas Bedrohliches ausging. Doch dann war der Mann einfach gegangen und hatte sie in Ruhe gelassen.

Aktaion wusste, dass es bei vielen der Händler und Kaufleute keinen Sinn haben würde, sie anzusprechen. Ein zotig vorgebrachtes, handgreifliches Angebot von einer Gruppe junger, reicher Trunkenbolde hatte er aus verständlichen Gründen ausgeschlagen. Gegenüber den Speicherhallen setzte er sich auf eine Stufe und beobachtete erneut das Treiben um sich herum, diesmal nicht aus Vergnügen oder Fernweh, sondern zum Auskundschaften einer annehmbaren Mitfahrgelegenheit.

Da erblickte Aktaion in einer Seitengasse einen gut gekleideten Mann mittleren Alters, der zusammen mit zwei Leibwächtern und zwei Sklaven eilig einen geschlossenen Wagen belud. Der Mann trug orientalische Kleidung – vermutlich ein phönizischer Händler – und wirkte nicht unsympathisch. Aktaion wunderte sich ein wenig über die hektische Eile des Mannes. Sie wirkte weniger wie die eines Kaufmanns, der für eine geschäftliche Zusammenkunft spät dran war, sondern furchtsam getrieben. Doch wenn der Händler es eilig hatte, konnte dies Aktaion nur recht sein. Umso schneller wäre er wieder in Rom.

»Salve, werter Herr! Sei gegrüßt!«

Erschrocken blickte der Phönizier auf, beruhigte sich jedoch sofort, als er in Aktaion einen wenig bedrohlich wirkenden Jüngling vor sich sah. Dennoch sah er sich misstrauisch um.

»Ich darf doch annehmen, dass du bald in die Stadt der Städte aufbrichst, nicht wahr?«, sagte Aktaion mit einem zaghaften Lächeln. »Würdest du mich vielleicht mitnehmen? Ich wäre dir sehr dankbar. Ich brauche nicht viel Platz.«

»Nein, nein, nein, Bursche! Zieh deines Weges! Ich nehme keine Passagiere mit.«

»Bitte, Herr, ich zahle auch dafür.« Aktaion kramte im kläglichen Inhalt seines Lederbeutels, den er unter seiner Tunika verborgen trug, und hielt dem Mann einen Sesterz vor die Nase.

»Behalte dein jämmerliches Vermögen, Junge! Ich sagte doch, ich nehme niemanden mit.«

Aktaion überlegte. Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, dass dieser Phönizier die beste und sicherste Mitfahrgelegenheit war, die er an diesem Abend bekommen würde. Schließlich warf er seine Prinzipien über den Haufen.

»Ich könnte dich auch anders bezahlen, wenn du möchtest.« Aktaion legte den Kopf schief und setzte sein professionelles halb aufreizendes, halb schüchternes Lächeln auf.

Der Phönizier warf dem Lustknaben einen schiefen Blick zu und musterte ihn von oben bis unten. Als ihm plötzlich jemand einen Gruß zurief, zuckte der Mann erneut zusammen. Dieser Phönizier war wirklich ein ängstlicher Kerl. Es war früher Abend und noch nicht ganz dunkel. Er hatte zwei Leibwächter und zwei Sklaven bei sich. Wovor fürchtete er sich?

»Guten Abend, mein lieber Hamsidi. Wie schön, dich mal wieder in Rom zu sehen! Ich wähnte dich in Caesarea.«

»Oh, der ehrenwerte Rakshan Rakimin! Ähm, guten Abend. Welche Überraschung, in der Tat!« Aktaions etwaige Mitfahrgelegenheit schien verlegen.

»Wie ich sehe, hast du es eilig und hast alles, was du brauchst.« Das Lächeln des Mannes namens Rakshan war nicht unfreundlich, aber ein wenig herablassend. »Ansonsten wartet mein Schiff unten an der Fossa. Ich kann gern ein paar Waren für dich mitnehmen, sollte deine kleine Kutsche nicht ausreichend groß sein.«

Aktaion musterte den großgewachsenen, eleganten Mann unauffällig. Er war vermutlich arabischer oder syrischer Herkunft und ungewöhnlich attraktiv: noch einigermaßen jung, vielleicht Ende zwanzig, Anfang dreißig, markante Gesichtszüge, dunkles schulterlanges Haar, das zur Hälfte in einen Knoten hochgebunden war. Aus seinen schwarzen Augen musterte er Hamsidi und Aktaion mit einem eindringlichen und gleichzeitig leicht spöttischen Blick.

»Ja, äh, nein, danke, edler Rakshan. Ich habe alles. Ich wollte gerade aufbrechen.«

»Na, dann! Ich bin sicher, wir sehen uns bald in der Stadt wieder. Komm doch morgen Abend einfach zum Essen in meine Villa! Ich habe einen hervorragenden neuen Koch, der die nabatäische Küche geschickt mit der römischen zu verbinden weiß.«

Mit diesen Worten und einem angedeuteten, überheblichen Nicken verschwand er mit seinen sechs Begleitern aus ihrem Blickfeld. Aktaion war sich nicht sicher, doch er hatte das Gefühl, dass der arrogante Schönling ihm zum Schluss zugezwinkert hatte.

Kurzzeitig war er abgelenkt. Dass ein Mann ihm, wenn auch nur kurz, die Sinne verwirrt hatte, war ihm schon seit Ewigkeiten nicht mehr passiert. Plötzlich merkte er, dass seine Mitfahrgelegenheit sich anschickte, in die Kutsche zu steigen und mit seinen Sklaven das Hafengelände zu verlassen.

»Bitte, Herr! Hamsidi ist dein Name, ja? Ich könnte hinten auf die Gepäckablage, verehrter Hamsidi. So würde ich dich rein gar nicht belästigen.«

Zum ersten Mal zögerte Hamsidi. Plötzlich rief einer der Leibwächter des Phöniziers diesem eine Warnung zu. »Herr, in Deckung!«

Aktaion erstarrte wie ein Tier, das Gefahr witterte. Er hatte sich schon zu oft in seinem Leben in gefährlichen Situationen befunden, um diese nicht sofort zu erkennen. In Windeseile verschwand er im Arkadengang hinter ihm und kauerte sich in einem Lagerhauseingang eng zusammen. Eine Gruppe von acht dunkel gekleideten Männern mit Kapuzenmänteln rannte auf Hamsidis Kutsche zu. Seine beiden Leibwächter stellten sich den bewaffneten Angreifern mutig entgegen. Ein heftiger, jedoch kurzer Kampf entbrannte. Auch die beiden Sklaven versuchten, ihren Herrn zu schützen, wurden jedoch sofort niedergemacht. Sie brachen fast gleichzeitig zusammen. Kurz darauf ging der erste Leibwächter röchelnd zu Boden, nachdem einer der Angreifer ihm einen Dolch in den Hals gerammt hatte. Blut sprudelte aus der Wunde. Schließlich hieb ein weiterer Schwarzgekleideter Hamsidis zweitem Leibwächter dreimal seinen Dolch in den Bauch. Dieser bog sich nach vorn und presste in dem sinnlosen Versuch, die sofortige starke Blutung zu stoppen, die Hand auf die Wunden. Dann brach er mit einem leisen Keuchen zusammen. Sein Körper zuckte noch einen Moment am Boden, ehe er, mit Armen und Beinen von sich gestreckt, wie ein missgebildeter vierarmiger Tintenfisch reglos auf dem Bauch liegen blieb.

Nun rissen die Männer Hamsidi an seinem Mantel aus der Kutsche. In bedrohlichem Tonfall redete einer der Angreifer auf ihn ein, wobei er dem Phönizier einen Dolch an die Kehle hielt. Hamsidi hatte die Augen weit aufgerissen. Aus ihnen sprach die blanke Angst. Als er antwortete, kamen seine Worte wie ein überhastetes Hauchen hervor. Sowohl die Männer als auch Hamsidi sprachen in einer Sprache, die Aktaion zwar bekannt vorkam, er aber nicht verstand. Es handelte sich weder um Latein noch um Griechisch, vermutlich war es Phönizisch.

Der Rädelsführer stieß Hamsidi grob ein Stück von sich, ehe er den Kaufmann von oben bis unten durchsuchte und dabei teilweise dessen Kleider zerriss. Als er offensichtlich nicht fündig wurde, erteilte er seinen Spießgesellen den Befehl, Hamsidis Hab und Gut zu durchsuchen, und versetzte dem Phönizier einen harten Stoß. Dieser stürzte. Als er sich mit Hilfe eines seiner Angreifer wieder aufrichtete, unternahm Hamsidi einen aussichtslosen Fluchtversuch. Einer seiner Peiniger riss ihn an der Schulter zurück und stieß ihm mehrmals seinen Dolch in den Leib. Aktaion presste die Hand vor den Mund, um einen leisen Aufschrei zu unterdrücken. Der Rädelsführer brüllte seinen Mann an und beugte sich über Hamsidi. Fluchend gab er dem leblosen Körper einen Fußtritt. Dann verpasste er seinem Kumpan einen kräftigen Faustschlag ins Gesicht. Nach seinem gezischten Befehl schnappte sich die mörderische Truppe Hamsidis Hab und Gut, das aus mehreren Truhen bestand, und verschwand im Zwielicht des anbrechenden Abends.

5

Erst jetzt fiel Aktaion auf, dass es am Hafen ungewöhnlich still geworden war. Sie befanden sich zwar in einer Seitengasse. Dennoch hätte irgendwer auf die Szene aufmerksam werden müssen. Wo blieben die Vigiles? Wo waren die sonst allgegenwärtigen Abgabeneintreiber?

Sobald die schwarzen Gestalten aus seinem Blickfeld verschwunden waren, kam Aktaion aus seinem Versteck und eilte zum Ort des Verbrechens. Beide Leibwächter waren eindeutig tot. Den Sklaven hatten die Kerle ebenfalls die Kehlen durchgeschnitten. Doch als Aktaion sich über den Kaufmann beugte, stellte er überrascht fest, dass dieser noch am Leben war.

Eilig presste er Hamsidi dessen eigenen Chlamys, den der Kaufmann trug, auf die stark blutenden Wunden.

»Herr, Herr, halt durch! Ich werde Hilfe holen.« Panisch sah Aktaion sich in der leeren Gasse um, während er den Mantel weiter auf die Wunde drückte. Dass sich in dem Moment genau gegenüber seinem verlassenen Versteck eine schemenhafte Gestalt weiter in den Schatten des schmalen Lagerhauseingangs zurückzog, entging Aktaion.

Beklommen und verunsichert kniete er neben dem sterbenden Phönizier. Plötzlich spürte er, wie sich eine schwache, kalte Hand um sein Handgelenk schloss. »Nein, nicht. Zu spät. Nimm die Fibel, Junge!«, hauchte Hamsidi. Die Worte kosteten ihn enorme Anstrengung. Aus seinem Mundwinkel trat plötzlich in einem kleinen Schwall Blut heraus. Dennoch versuchte er, mit der Hand nach der Fibel zu greifen, mit der sein Chlamys an der Schulter fixiert war.

Aktaion wunderte sich, dass der Phönizier es in den letzten Sekunden seines Lebens für das Wichtigste hielt, einem Unbekannten eine vermutlich nicht sehr wertvolle Brosche zu schenken. Es handelte sich um eine runde Metallfibel in Form eines Löwenkopfes. Aktaion war nicht sicher, ob sie aus Silber war. Die Augen des Löwen bestanden aus zwei kleinen gelben Schmucksteinen, was zwar hübsch aussah, aber sie wirkten nicht sehr wertvoll.

»Nimm sie! Sie gehört nun dir. Sie ist sehr wertvoll. Bewahre sie gut!«

Aktaion half dem Sterbenden, die Fibel vom Mantel zu lösen, und hielt sie ihm verwundert vors Gesicht. Hamsidi nickte. »Pass auf sie auf und auf dich! Sie…« Erneut quoll Blut aus seinem Mund.

Plötzlich hörte Aktaion in einiger Entfernung rennende Schritte auf Steinboden. Die Vigiles! Wenn man sie brauchte, waren sie nicht da. Wenn man sie nicht gebrauchen konnte, kamen sie. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er der einzige Überlebende unter vier Toten bei einem reichen sterbenden Kaufmann war. Beunruhigt blickte er sich um. Er fühlte sich beobachtet, konnte jedoch niemanden sehen. Mit klopfendem Herzen wandte er sich rasch noch einmal an Hamsidi.

»Herr, die Brosche, äh, ich meine die Fibel, sie ist sehr hübsch, aber warum ist sie dir so wichtig?«

Hamsidi öffnete ein letztes Mal den Mund, verstärkte für ein paar Sekunden den Griff um Aktaions Handgelenk, ehe er die Augen schloss und sein Kopf zur Seite fiel. Seine Hand rutschte schlaff von Aktaions Arm. Der junge Kilikier sprang in dem Moment auf, als die Vigiles und eine Gruppe von Hafenarbeitern laut rufend in die Gasse einbogen.

Lauf um dein Leben, Aktaion! Die Fibel fest umklammert, rannte er, so schnell er konnte, die Gasse hinauf. Wenn er Glück hatte, hatten sie ihn nicht bemerkt und würden ihn nicht verfolgen. Es war jedoch Aktaion selbst, der nicht bemerkte, dass er beobachtet wurde, als er die Gasse hinauf an den Speicherhallen vorbeirannte.

Die schattenhafte Gestalt trat einen winzigen Schritt aus ihrem Versteck hervor und blickte dem Jüngling hinterher. Als sich die Vigiles um die Leichen scharten, zog sie sich lautlos in das Lagerhaus zurück.

Über einen Umweg lief Aktaion zur Fossa Traiana, dem neu angelegten Kanal, der zum Tiber führte. Direkt vor ihm lag ein Schiff, das gerade ablegte bzw. dessen Zugtiere sich gerade in Bewegung setzten. Wie er gehofft hatte, beobachtete der Besitzer die Abfahrt seines vollbeladenen Schiffs. Er stand breitbeinig mit in die Hüften gestemmten Armen daneben. Neben ihm wartete allerdings keine Kutsche, sondern lediglich ein ungewöhnlich großes Pferd sowie seine ebenfalls berittenen Begleiter.

Aktaion befestigte die Fibel an seinem Lederbeutel und verbarg ihn unter seiner Tunika, dann ging er beherzt auf den Mann zu. Als der sich umdrehte, stockte Aktaion. Es war Rakshan, der nabatäische Bekannte Hamsidis, mit dem dieser zuvor gesprochen hatte.

»Na, wen haben wir denn da? Wenn das mal nicht der kleine Leckerbissen ist, der Hamsidi beglücken wollte!« Wieder erhellte dieses spöttische Lächeln die ebenmäßigen Gesichtszüge des Mannes.

»Äh, ja, ich bräuchte eine Mitfahrgelegenheit nach Rom. So schnell wie möglich. Kannst du mir da vielleicht helfen?«

»Sicher kann ich.« Mit einem frechen Augenzwinkern deutete der Schöne auf sein Pferd, ehe er selbst aufstieg. Dann streckte er auffordernd seinen Arm nach Aktaion aus. Aktaion blieb keine Wahl. Er ergriff die Hand, die ihm gereicht wurde, und schwang sich hinter dem Nabatäer auf das Pferd.

»Ich hätte dir gleich sagen können, dass du bei Hamsidi kein Glück haben würdest, mein Hübscher. Dieser liebenswürdige, aber biedere Phönizier steht nur auf Frauen. Ich bin Rakshan. Und wie heißt du, mein Seesternchen?« Rakshan lachte und trieb, ohne eine Antwort abzuwarten, sein Pferd zum Galopp an.

6

Quintus Gennadius Cassian saß im Schatten eines stattlichen Feigenbaums im Peristylgarten seines römischen Stadthauses und genoss ein verspätetes Frühstück aus Ziegenmilch, frisch gebackenen Brötchen, Honigmelone und mit Honig gesüßtem Getreidebrei. Der Brunnen mit der Dionysos-Statue in der Mitte des beschaulichen Gartens plätscherte sanft vor sich hin. Im hinteren Bereich beim Kräutergarten und den Weinstöcken jätete der alte Eustakhius Unkraut.

Cassian räkelte sich. Bei der Essenseinladung beim Prätor am Vorabend, zu der sein Ziehvater, der angesehene Senator Leonidius, ihn mitgenommen hatte, war es spät und am Ende feuchtfröhlich geworden. Nicht nur zahlreiche wohlhabende Geschäftsleute, einflussreiche Senatoren, Magistrate und höhere Beamte waren anwesend gewesen, sondern auch einer der Konsuln. Derartige Abendgesellschaften waren für die inoffizielle Ermittlertätigkeit des Juristen ein Füllhorn an Informationen.

Doch nun hinderte ihn sein Klient Fulvius Semper daran, sein wohlverdientes Katerfrühstück in Ruhe zu genießen.

»Ich bin dir unendlich dankbar, teurer Cassian, dass es dir gelungen ist, mein respektloses Eheweib in die Schranken zu weisen. Diese schamlose Hündin wird mir nie wieder Schande bereiten. Sie ist ruiniert, und dabei kann sie noch froh sein, dass ich die Ehebrecherin und ihren freigelassenen Beischläfer für ihr Fehlverhalten nicht in den Tod schicke.«

»Na, na, na! Die Lex Iulia sieht in solchen Fällen schon seit Jahren kein Todesurteil mehr vor, und von Selbstjustiz will ich nichts wissen, Fulvius. Aber deine Dankbarkeit nehme ich gern an.« Cassian deutete auf die wertvolle, mit Münzen gefüllte Truhe, eine marmorne Venus-Statue sowie ein Silberservice, die der frisch geschiedene Besitzer eines Steinbruchs ihm zum Dank für ihren gemeinsamen Sieg vor Gericht im Scheidungsstreit gegen seine Frau zum Geschenk gemacht hatte.

»Allerdings wissen wir beide, dass deine ehemalige Gemahlin sich erst einen Liebhaber genommen hat, nachdem sie deine eigenen, derweilen äußerst skandalträchtigen Seitensprünge jahrelang ertragen hat.«

»Aber, mein lieber Cassian, das ist doch etwas ganz Anderes. Sie ist oder war mein Eheweib. Als anständige Gemahlin eines geachteten römischen Bürgers, der ich bin, muss sie wissen, wo ihr Platz ist. Wie kann sie mich da nur vor meinen Geschäftspartnern und den angesehenen Mitgliedern der römischen Oberschicht so beschämen? Nein, nein, nein, diese Megäre hat nie die nötige Demut an den Tag gelegt, die eine züchtige römische Matrone auszeichnen sollte. Nun haust sie in einer schmutzigen Kammer über einem Lupanar auf dem Quirinal. Bald wird sie sich selbst dort verkaufen müssen, wenn sie mein Geld nicht mehr verprassen kann. Dank dir muss ich ihr nicht einmal ihre Mitgift zurückzahlen.« Fulvius Semper lachte auf und rieb sich schadenfroh die Hände.

Cassian verzog leicht die Lippen. Sein dröhnender Kopf bereitete ihm bereits genug Verdruss. Nun sorgte sein äußerst unsympathischer Klient noch zusätzlich für einen Anflug von Übelkeit.

»Hast du schon gefrühstückt? Wie wäre es mit einem köstlichen Rosinenbrötchen?«

Der Anklang von Arglist in Cassians Lächeln entging seinem ungebetenen Gast, als der verkaterte Jurist den Korb mit frischen Brötchen in dessen Richtung schob. Dieser bediente sich mit einem breiten Lächeln.

»Zu liebenswürdig von dir. Sie sehen in der Tat köstlich aus. Hat die etwa deine reizende ägyptische Küchensklavin gebacken?« Mit vollen Backen zwinkerte Fulvius Semper ihm vertraulich zu.

Cassian musste sich zusammenreißen, nicht angewidert die Nase zu rümpfen. Er beobachtete den großspurigen Mann, wie dieser es sich sichtlich schmecken ließ. Dabei lächelte er Cassian komplizenhaft an. Ein paar Krümel blieben in seinen Mundwinkeln kleben. Cassians empfindlicher Magen rebellierte erneut bei dem Anblick.

Plötzlich verschwand das Lächeln im Gesicht seines Klienten. Er schnappte nach Luft, begann, sichtlich zu schwitzen, und hielt sich den Bauch. Dann erschienen auch schon die ersten roten Pusteln im feisten Gesicht des Steinbruchbesitzers.

»Werter Cassian, die Brötchen enthielten doch wohl keine Walnüsse, oder?«, schnaufte Fulvius Semper atemlos. »Du weißt doch von unserem gemeinsamen Essen beim Quästor neulich, dass ich diese nicht vertrage. Ich bekomme rote Flecken und Atemnot davon.«

»Oh, nein, mein lieber Fulvius! Wie konnte ich das nur vergessen, ich Tor? Das tut mir aber leid!« Cassians selbstzufriedene Miene passte nicht zu seinen Worten.

In dem nutzlosen Versuch, sich mehr Atemluft zu verschaffen, riss Fulvius Semper am Ausschnitt der Tunika unter seiner Toga. Die unschönen roten Flecken hatten sich inzwischen auf Hals und Arme ausgebreitet.

»Bei Minerva, Fulvius! Das sieht aber wirklich gar nicht gut aus. Du solltest ganz schnell deinen Medicus aufsuchen. Sophronius, Sophronius!« Cassians Sekretär kam sofort herbeigeeilt.

»Ja, Herr?« Erst jetzt blickte der nicht mehr ganz junge, hagere Grieche verwundert auf den Gast, der sich mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen auf dem Stuhl wie ein Fisch auf dem Trockenen wand.

»Dem werten Fulvius Semper ist nicht wohl, wie du siehst. Sag seinen Sklaven Bescheid, dass sie ihren Herrn so rasch wie möglich zu einem Medicus bringen müssen!«

Für einen kurzen Moment starrte Sophronius seinen Herrn wegen dessen Seelenruhe, die so gar nicht zu der Situation passen wollte, verwundert an, half dem Leidenden dann jedoch eilig hoch. Gleichzeitig rief er Urbanus um Hilfe.

»Meine Sklaven, meine Sänfte!«, hauchte Fulvius Semper kraftlos.

Während Cassians kräftiger Türsklave und Leibwächter Urbanus den rotgescheckten Klienten seines Herrn wegschleppte, rief Sophronius nach den Sklaven des Steinbruchbesitzers. Gemeinsam wuchteten sie den übergewichtigen Mann in seine Sänfte.

Als der stolze und gutgebaute Athanas, Cassians erster Leibwächter, wie üblich mit energischen Schritten ins Peristyl heraustrat, um seinen Herrn aufzusuchen, sah er der seltsamen Gruppe verwundert hinterher.

»Was hatte das denn zu bedeuten?«

»Was? Ach, das! Nichts weiter. Verflixte Walnussbrötchen aber auch!« Cassian grinste und biss genüsslich in eines hinein. Der kyrenische Leibwächter stutzte, kam dann jedoch zur Sache.

»Herr, was sollen wir nun wegen des Nabatäers unternehmen? Diesmal haben wir ihn wirklich bei krummen Geschäften erwischt. Lass mich wenigstens seinem sogenannten Sekretär, diesem Serakh, einen Denkzettel verpassen! Diese Natter hat mich ganz offen angelogen. Er hat einen Teil der fragwürdigen Waren seines sauberen Herrn, für die er eindeutig keine Abgaben gezahlt hat, in einem Verschlag hinter dem Parfümladen des fetten Ägypters beiseitegeschafft.«

»Ja, Athanas. Ich weiß ja. Wir haben darüber doch schon häufig genug gesprochen. Reg dich nicht so auf! Und lass seinen Handlanger in Ruhe!« Cassian gähnte, während er seine Augen gegen einen stechenden Sonnenstrahl zu schützen suchte, der den Weg durch die großen, dichten Blätter des Feigenbaums geschafft hatte.

»Warum sollte ich sie denn überhaupt beobachten, wenn wir nicht gegen diesen ausgefuchsten Nabatäer und seine Männer vorgehen, Herr?« Athanas ballte die Fäuste, die Muskeln an seinem Hals spannten sich. Der Leibwächter hatte sichtlich Mühe, seinen Unmut zu unterdrücken.

»Weil wir jetzt nicht nur vermuten, sondern wissen, dass und wo unser feiner Geschäftsmann Ware beiseiteschafft.«

»Das Erste wussten wir bereits. Dieser Kerl ist ein ausgemachtes Schlitzohr. Ich sage dir, Herr, hinter seiner noblen Fassade versteckt sich ein äußerst hinterlistiger Verbrecher. Wer weiß, was er sich noch so alles hat zuschulden kommen lassen! Dieser Lump will uns glauben machen, er wäre der untadelige Spross eines arabischen Edelmanns, dabei klebt ihm in Wirklichkeit sicher Kamelmist zwischen den Zehen, und er ist nicht der Sohn eines nabatäischen Kleinkönigs, sondern eines stinkenden Ziegenhirten. König der Schwindler ist er. Wer weiß, was er als Nächstes im Schilde führt! Diesmal haben wir ihn erwischt, aber du willst wieder einmal nichts gegen ihn unternehmen. Wozu haben meine Leute und ich uns dann gestern bei der Beschattung seiner Männer die Beine in den Bauch gestanden?«

»Athanas, du verstehst nicht. Wir haben nun etwas gegen ihn in der Hand. Bisher ist uns der Nabatäer jedoch nützlicher, wenn er nicht weiß, dass wir wissen, dass er unrechtmäßige Geschäfte treibt. Nun lass dir wegen der Machenschaften dieses Schurken nicht die Laune verderben, aber vor allem stör mich nicht weiter beim Genuss meines Frühstücks und bei der Pflege meines ausgemachten Katers!«

Wie um Cassians Worte zu bekräftigen, kam die hübsche Küchensklavin Tanis mit schwingenden Hüften und einem aufreizenden Lächeln auf sie zu. Sie stellte einen Becher mit einer Mixtur aus Eiern, Pfeffer, Honig, Essig und Johanniskraut vor ihrem Herrn ab. Augenklimpernd lächelte sie ihren Herrn an, warf dann Athanas einen kessen Blick zu, ehe sie wortlos wieder verschwand.

Der temperamentvolle Leibwächter knurrte unwillig, schüttelte den Kopf und verließ seinen Herrn mit ausgreifenden Schritten. Im hinteren Bereich des Säulengangs stieß er mit Sophronius zusammen, der gerade wieder aus dem Atrium trat. Athanas schob den schmächtigen Sekretär unwirsch beiseite. Dieser hätte beinahe das Gleichgewicht verloren, murmelte aber dennoch Entschuldigungen vor sich hin, ehe er auf Cassian zukam.

»Du musst dich nicht bei ihm entschuldigen, wenn er dich anrempelt, Sophronius.«

»Oh, es war meine Schuld. Ich hätte besser aufpassen sollen, Herr.«

»Unsinn! Er ist einfach ein Rüpel.« Cassian wischte sich den Mund mit einer Leinenserviette ab, während er seinen schüchternen Sekretär mit den Augen fixierte. Cassian hatte den langsam in die Jahre kommenden, dürren Griechen einem wohlhabenden Landwirt abgekauft, den er einmal vor Gericht vertreten hatte. Der Mann hatte seine Sklaven mehr als schlecht behandelt. Sophronius war damals in einem katastrophalen körperlichen Zustand gewesen. Sein Körper bestand nur noch aus Haut und Knochen und wies diverse Spuren von Schlägen älteren und jüngeren Datums auf. Am Tag, an dem Cassian ihn seinem damaligen Herrn abkaufte, hatte dieser ihn zur Bestrafung wegen angeblicher Faulheit stundenlang in der prallen Sonne an einen Pfahl festgebunden. Obwohl Cassians Beweggründe nicht ganz so ehrbar waren, wie Sophronius glaubte, war dieser seinem neuen Herrn ewig dankbar. Er wusste: Hätte Cassian ihn nicht freigekauft, hätte er wohl nur noch wenige Tage zu leben gehabt. Für Cassian hingegen war der Kauf weniger ein menschenfreundlicher Akt als vielmehr ein gutes Geschäft gewesen: Jeder vernünftige Mann hätte sofort sehen müssen, dass der schwächliche Grieche für harte körperliche Arbeit nicht geschaffen war. Stattdessen war er klug, gebildet, aufrichtig und konnte selbstverständlich sowohl lateinisch als auch griechisch lesen und schreiben. Seine Fähigkeiten waren auf einem Rübenfeld völlig vergeudet.

»Nun? Ist unser reizender Fulvius Semper auf dem Weg zu seinem Hausarzt?«

»Ja, Herr, er hat seine Sänftenträger zur Eile angetrieben.«

Cassian brummte verächtlich. Dann fiel sein Blick auf die Geschenke, die sein Klient ihm überbracht hatte. »Zähl den Inhalt der Truhe, Sophronius, und lass etwa die Hälfte der geschiedenen Frau von Fulvius Semper zukommen! Leg eine Nachricht bei: ›Mit den besten Wünschen von einem Walnussliebhaber‹«.

»Ja, Herr. Ich kümmere mich darum, Herr.«

»Aber deswegen bist du nicht gekommen. Was gibt es, Sophronius?«

»Richtig, der Herr Vater hat einen Boten geschickt. Er bittet dich, ihn umgehend aufzusuchen.«

Jeder im Haus der altehrwürdigen römischen Familie Gennadius wusste, dass der Senator Aulus Domitius Leonidius nicht Cassians leiblicher Vater war. Dieser war durch einen bedauernswerten Unfall ums Leben gekommen, als Cassian gerade sechs Jahre alt war. Cassians Mutter war bereits im Kindbett gestorben. Leonidius hatte den Sohn seines besten Freundes nach dessen plötzlichem Tod wie sein leibliches Kind angenommen und aufgezogen. Der kinderlose wohlhabende Leonidius hatte für Cassians umfassende schulische und rhetorische Ausbildung in Latein und Griechisch gesorgt und ihn in die gute römische Gesellschaft eingeführt. Leonidius war der fürsorgliche und liebende Vater geworden, den Cassian zu Lebzeiten seines leiblichen Vaters niemals gehabt hatte. Denn, wenn Manius Gennadius Cassianus nicht gerade betrunken gewesen war, hatte er seinen Sohn stets mit Missachtung oder übermäßiger Strenge gestraft. Seit einigen Jahren arbeitete Cassian wie Leonidius als Jurist, erledigte jedoch noch häufiger Ermittlungen und sonstige Hilfsdienste für seinen Ziehvater.

»Gut. Danke, Sophronius. Sag Athanas und Drakon, sie sollen sich fertigmachen!«

Der Grieche entfernte sich mit einem Nicken, das auch als leichte Verbeugung hätte gedeutet werden können. Cassian mochte den feinfühligen, zurückhaltenden Sophronius, doch war ihm seine andauernde tiefe Dankbarkeit zuweilen unangenehm.

Mit einem kleinen Seufzer ließ er sein Frühstück stehen und schickte sich an, das Haus zu verlassen. Seine Leibwächter Athanas und Drakon warteten bereits im Atrium auf ihn, waren jedoch in ein angeregtes Gespräch vertieft.

»Ich weiß wirklich nicht, warum wir noch weiter über die Sache diskutieren. Du kannst nicht jedes Vögelchen retten, das aus dem Nest gefallen ist, Drakon. Du bist ein Sklave und sie ist eine Hure. Also vergiss es!«

»Wer ist eine Hure?«

Der gutmütige, muskelbepackte Drakon aus Epirus sah sich ertappt nach seinem Herrn um, der von hinten an ihn herangetreten war. »Äh, niemand. Ich meine, äh, doch. Das Mädchen, bei dem ich gestern Abend gelegen habe, ist eine, äh…«

»Du treibst dich zu häufig in den Bordellen der Subura herum, Drakon. Ich hoffe, du gehst nicht in die billigsten. Sonst schleppst du uns irgendwann noch Ungeziefer oder Schlimmeres ins Haus. Los jetzt! Lassen wir Leonidius nicht warten!«

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