Im Schatten des Antinoos - Janina Lucien - E-Book
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Im Schatten des Antinoos E-Book

Janina Lucien

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Beschreibung

Taher, der parthische Sklave, und Callistus, Sohn eines reichen römischen Patriziers, sind seit frühester Kindheit die besten Freunde und mehr. Doch kann eine Freundschaft zwischen einem Sklaven und seinem Herrn in der römischen Kaiserzeit Bestand haben? Nicht einmal Kaiser Hadrian selbst war langes Glück mit seinem Geliebten Antinoos vergönnt. Der Kampf um Freundschaft und Liebe führt die beiden jungen Männer nach Athen, Ephesos und schließlich gemeinsam mit dem Kaiser und Antinoos nach Alexandria.

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Seitenzahl: 765

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Janina Lucien

Im Schatten des Antinoos

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Impressum neobooks

Kapitel 1

Rom 864 bis 879 a.u.c.

(111 bis 126 n. Chr.)

Der Illyrer Praxis saß mit dem neuen jungen Leibwächter Eolus in einem Trinklokal der Subura ganz in der Nähe zum Palatin vor einem Becher Lora. Sie hatten sich eine Pause verdient, wie der erfahrene Leibwächter des angesehenen Bankiers Lucius Capanius Honorius fand, nachdem sie den ganzen Morgen über Kindermädchen für Callistus, den siebenjährigen Sohn ihres Herrn, gespielt hatten. Zuerst hatten sie den Musikunterricht des kleinen Patriziers abgewartet, wo er das Spielen der Lyra und der Tibia erlernen sollte. Dann hatten sie im Argiletum mehrere Buchläden ablaufen müssen, um sämtliche Papyrusrollen auf der Liste zu erstehen, die der junge griechische Hauslehrer Simonides zusammengestellt hatte. Wie üblich folgte der achtjährige parthische Sklavenjunge Taher, Sohn der hübschen Küchensklavin Darya, dem Patrizierspross überall hin. Die beiden Jungen waren unzertrennlich.

Praxis nahm einen Schluck seines ›Sklaven- und Arbeiterweins‹, wie Simonides das Getränk nannte. Die Lora in der ›Traube der Ceres‹ gleich hinter dem Augustus-Forum war, wie die beiden Leibwächter einstimmig meinten, eine der besten, die man in Rom bekommen konnte. Immerhin schmeckte sie noch nach Wein und nicht nur nach Wasser wie in den Tavernen rund ums Forum Boarium oder nach Pilzen, Kork und Wanze wie in den Bordellen in der nördlichen Subura.

Pflichtbewusst, aber gelangweilt warf Praxis einen Blick zu Callistus und Taher, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite am Brunnen spielten, ehe er den achtzehnjährigen Eolus erneut an seinem großen Wissensschatz als erfahrener Leibwächter teilhaben ließ.

»Mir macht keiner mehr so schnell was vor. Mit den Jahren bekommt man den richtigen Riecher. Irgendwann hast du es auch drauf, Junge. Dann erkennst du die zwielichtigen Typen schon von weitem.«

Eolus nippte an seinem Tresterwein und nickte geduldig, wie er es bereits den ganzen Morgen über getan hatte. Der rund zwanzig Jahre ältere Praxis war kein schlechter Kerl, aber er neigte hin und wieder zu nervtötender Prahlerei. Eolus war zwar noch nicht lange Leibwächter im Hause Capanius, aber auf einen sympathischen kleinen Patrizier-Bengel und einen parthischen Sklavenjungen aufzupassen, war nun nicht gerade die schwierigste Aufgabe. Er lächelte angesichts der ungestümen, aber unschuldigen Kabbeleien der beiden Jungen. Der kleine Parther Taher erinnerte ihn an seinen kleinen Bruder. Vor nicht allzu langer Zeit hatte der kräftig gebaute, leichtlebige Eolus aus Kyrene den gleichen Unsinn mit seinen Brüdern und seinen Freunden getrieben, ehe er durch eine Dummheit in die Sklaverei geraten war. Sein neuer Herr, der ehrenwerte Honorius, war streng, aber gerecht. Sein kleiner Sohn Callistus war ein wahrer Sonnenschein. Eolus hatte den Jungen sofort ins Herz geschlossen, nicht zuletzt, weil er den parthischen Sklavenjungen nicht anders oder gar besser behandelte als seine aristokratischen römischen Freunde. Das fröhliche Lachen der Jungen, die um den Brunnen herumjagten, und der kühle Wein stimmte Eolus milde. Manchmal war die Welt eben doch in Ordnung, auch wenn man ein Sklave war.

»Man muss natürlich immer fit bleiben. Ich trainiere mit Chryses oder sogar manchmal mit Murdus.« Eolus wurde von Praxis aus seinen Gedanken gerissen. »Murdus hast du neulich schon kennengelernt? Er ist Leibwächter bei Fulgentius, dem Schwager des Herrn. Im Kampf hat er kein leichtes Spiel mit mir. Das sag ich dir. Dabei ist er immerhin ehemaliger Gladiator, aber ich bin ihm durchaus gewachsen.« Praxis ließ seine zugegebenermaßen beeindruckenden Muskeln spielen. Eolus nickte ergeben.

Der kleine Callistus schielte zu Eolus und Praxis hinüber. Die beiden schienen ihn und seinen besten Freund Taher kaum zu beachten. Umso besser. Taher beugte sich über den Brunnen, tunkte die Hände in das Becken und spritzte sich Wasser ins Gesicht.

»Ah, das tut gut.«

Callistus grinste. »Mach’s nochmal! Das war nicht gründlich genug.«

»Wieso? Ich wollte mich doch bloß erfrischen. Mir ist heiß.«

»Ich würd’s trotzdem nochmal machen.« Callistus gluckste, bückte sich, ergriff neben dem überbordenden Brunnen eine Handvoll Matsch von der ungepflasterten Straße und klatschte sie Taher vor die Brust. Der Matschklumpen hinterließ nicht nur einen großen nassen Schmutzfleck auf Tahers einfacher, schon viel zu oft gewaschener Tunika, sondern einige Spritzer landeten auch in seinem Gesicht. Taher schnappte entrüstet nach Luft. Callistus lachte laut auf. Kurz darauf stürzte der achtjährige Parther sich auf seinen Freund, der sich inzwischen vor Lachen krümmte.

»Na, warte, du römischer feiner Möchtegern-Pinkel!« Der für sein Alter schon recht athletische Taher packte Callistus um den Hals und hielt ihn unter der Achsel im Würgegriff. Dennoch lachte Callistus noch immer.

»So, und nun werden wir doch mal sehen, wer hier auch noch eine Wäsche braucht.« Taher stukte Callistus kurz mit dem Kopf unter Wasser. Dieser prustete und gluckste, als er mit pitschnassem Kopf wieder auftauchte. Taher ließ seinen Freund frei, um sich, so gut es ging, den eigenen Dreck abzuwaschen.

»Warte, ich helf dir!«, sagte Callistus und versuchte, Taher unterzustuken. Doch dieser war diesmal gewappnet gewesen. Er wirbelte herum und wollte sich Callistus schnappen.

»Okay, ich sehe, du hattest noch nicht genug. Na, warte!«

Callistus lachte auf und rannte los. Taher liebte das offene Lachen seines Freundes. Er folgte ihm dicht auf den Fersen.

In einem wilden Zickzacklauf rannten sie durch die belebten Straßen und winzigen Gassen der Subura, dem Viertel der einfachen Bürger Roms. Plötzlich blieb Callistus abrupt vor einer Hauswand stehen, sodass Taher in ihn rempelte. Der junge Römer hielt sich stumm grinsend die Hand vor den Mund.

»Was ist los?« Erst jetzt sah Taher das Graffiti an der Hauswand. Es zeigte zwei Gladiatoren, die eindeutig nicht am Kämpfen waren. Der eine, in Retiarius-Montur, lag auf dem Rücken und hatte seine Arme neben dem Kopf von sich gestreckt. In der einen Hand hielt er noch den Dreizack und sein Netz. Die Beine des Gladiators waren senkrecht in die Höhe gereckt und lagen auf den Schultern des anderen Gladiators auf, der einen für einen Murmillo typischen Helm mit dem gelöcherten Visier trug. In dieser Position präsentierte der erste Gladiator dem anderen sein entblößtes Hinterteil, in das der andere seinen karikierend überdimensionierten Penis versenkte. Darunter stand ein obszöner Spruch: ›Des Geminax' heiße Körpersäfte im Bogen in die Tribünen spritzen, wo des Oceanus' geschwollenes Schwert des Hünen Eingeweide schlitzen.‹

»Pff!« Taher prustete los. »Das ist Schweinkram. In dem Lupanar, woPraxis und Eolus öfter hingehen, – das ist ein Haus, wo man Frauen kaufen kann«, erklärte Taher nicht ohne Stolz in der Stimme, weil er etwas wusste, das sein Freund seiner Ansicht nach mit Sicherheit nicht wusste. »Da sind auch lauter solche Schmierereien an der Hauswand. Und nicht nur draußen, sondern sogar echte Bilder drinnen. Allerdings mit Mädchen.«

»Du warst da drinnen?«

»Ja, allerdings.« Taher grinste.

Callistus rümpfte angewidert die Nase, musterte seinen Freund jedoch neugierig mit einer Spur von Hochachtung.

»Wieso Mädchen? Gibt’s das nicht für Jungen?«

»Wie?«

»Na, so wie die beiden das machen!« Callistus zeigte auf das pornografische Graffiti und spürte zu seinem Ärger, dass er rot anlief.

Taher grinste schief. »Keine Ahnung. Doch, ich glaub schon.« Noch immer grinsend musterte Taher seinen Freund von oben bis unten.

Callistus spielte verlegen mit Daumen und Zeigefinger an seiner Unterlippe und wandte den Blick ab.

»So, und nun renn lieber wieder um dein Leben! Ich gebe nicht eher Ruhe, ehe deine piekfeine Tunika noch ekliger aussieht als meine.« Taher gab Callistus, der seine Verlegenheit sofort vergaß, auflachte und losrannte, einen kleinen Vorsprung, ehe er ihm nachjagte.

An einem ungewöhnlichen dreieckigen Platz, in dessen Mitte ein kleiner dem Aesculapius geweihten Tempel mit einem Brunnen stand, stoppte Callistus erneut. Außer Puste beugte er sich vornüber und stützte die Hände auf die Oberschenkel.

»Du bist erledigt.« Taher kam geruhsam die letzten Schritte auf den hübschen Patrizierjungen zu, den alte Damen so gern wegen seines unschuldigen, offenherzigen Aussehens mit ihren feuchten Küssen übersäten.

Callistus machte eine abwehrende Geste mit der einen Hand. »Warte, das zählt nicht! Pause! Ich muss mal pinkeln. Dann geht’s weiter.«

Taher rollte mit den Augen und entfernte sich wieder ein bisschen, während Callistus hinter den Tempel auf die andere Seite des Platzes rannte und sich an einer Mauerecke ein etwas abgelegeneres Plätzchen zum Wasserlassen suchte.

»Calli, hier sind noch mal Schmierereien. Die hast du verpasst. Sind aber mit Mädchen«, rief Taher und verschwand um die nächste Hausecke. Callistus hörte ihn kaum noch und konzentrierte sich auf sein Geschäft. Plötzlich kam eine Gruppe von abgerissen aussehenden älteren Jungs hinter dem Tempel hervor.

»Na, was haben wir denn da?« Ein großgewachsener Junge von vielleicht zwölf oder auch schon vierzehn Jahren in einer schmutzigen, fadenscheinigen Tunika baute sich mit verschränkten Armen vor Callistus auf. »Seht euch den kleinen Pinkel an, Jungs!«, fügte er höhnisch lachend an seine Freunde gewandt hinzu. Die drei anderen Jungen sahen ebenfalls sehr ärmlich und vernachlässigt aus. Ihre Kleidung war zerschlissen und schmutzig. Ein gedrungener, kräftig gebauter Junge mit einem frischen Schnitt am Nasenloch kam näher.

»Hast dich wohl verlaufen, kleiner Hosenscheißer? Findest wohl nicht zurück zu deiner Mama in deine Luxusvilla auf dem Palatin, was?«

Die Bande lachte. Zwei der Jungs, die bisher im Hintergrund geblieben waren und geschwiegen hatten, hoben nun Steinchen vom Boden auf und bewarfen Callistus damit. Callistus wandte sich seitlich ab, damit die Steine ihn nicht frontal trafen. Aber er saß dort, wo er war, in der Falle.

»Ich hab mich nicht verlaufen. Ich muss da lang«, sagte Callistus und deutete auf die Straße, in der Taher zuvor verschwunden war. Er hoffte, dass er sich mutiger anhörte, als er sich fühlte. Dann unternahm er einfach den Versuch, an den vier Jungen vorbeizugehen. Doch er scheiterte. Der erste Junge hielt ihn auf und stieß ihn zurück.

»Du gehst nirgendwohin, du kleiner geleckter Pisser.«

Nun kamen die anderen drei Jungen näher und kesselten Callistus ein. Dieser versuchte, den einen Steineschmeißer, der etwas schmächtiger und jünger war als die anderen, wegzustoßen, aber es gelang ihm nicht.

»Was wollt ihr von mir? Lasst mich in Ruhe!«

Der zweite Steineschmeißer äffte Callistus nach. Die anderen lachten dreckig. Nun begann der Kräftige, Callistus mit der Faust ins Gesicht zu stoßen. Er schlug ihn noch nicht, sondern deutete die Schläge nur an.

»Her mit der Tunika und mit der Kette!«, sagte der Erste, der offenbar der Chef der Bande war.

»Was willst du mit seiner Tunika, Sextus? Die ist uns allen doch viel zu klein.« Während der ältere Steineschmeißer die Frage stellte, entfernte er mit dem Zeigefinger einen Popel aus seiner Nase und besah sich mit Interesse das Nasenextrakt auf der Fingerspitze.

»Die verkaufen wir, du Hornochse. Los runter damit!«

Callistus stieß den mit Sextus angesprochenen Chef, so heftig er konnte, vor die Brust und wollte diesmal mit Gewalt durchbrechen. Doch Sextus riss ihn grob am Arm zurück. Kurz darauf landete diesmal eine Faust hart auf seinem Wangenknochen. Callistus wäre gestürzt, wenn der Kräftige ihn nicht am Arm zurückgerissen hätte, um ihm nun seinerseits einen Faustschlag von unten ans Kinn zu verpassen. Callistus stürzte zu Boden. Als sie anfingen, an seiner Tunika zu reißen, trat er wie wild um sich. Es gelang ihm, sich hochzurappeln.

»Nun haltet das Mamasöhnchen doch fest, Mann, verdammt! Pontus, zeig’s ihm endlich!«

Der mit Pontus Angesprochene packte Callistus am Ausschnitt seiner Tunika und stieß ihn hart gegen den Brunnen. Es schmerzte. Callistus schossen die Tränen in die Augen, doch er gab sich noch nicht geschlagen, obwohl Pontus und einer der Steineschmeißer nun mit den Fäusten wild auf ihn einprügelten. Plötzlich hörte Callistus eine ihm wohlbekannte Stimme.

»Hey, ihr miesen feigen Schweine! Lasst ihn in Ruhe! Weg da!« Taher rannte, ohne zu zögern, auf Sextus zu und prügelte sofort auf ihn ein. Verdutzt ließen Pontus und der andere Junge von Callistus ab und wollten ihrem Bandenboss zu Hilfe eilen. Doch Taher hatte sie im Augenwinkel bemerkt. Er ließ kurz von Sextus ab und landete ein paar Faustschläge in Pontus' verdutztem Gesicht.

»Na, warte, du miese Kellerassel! Das wirst du bereuen.« Der kräftige Pontus setzte sich zur Wehr. Inzwischen hatte sich auch der von Tahers Angriff überrumpelte Sextus wieder aufgerappelt und stürzte sich ebenfalls auf Taher. Dieser setzte sich so gut zur Wehr, wie er konnte. Er trat und prügelte wie wild um sich. Als sich der popelnde Steineschmeißer ebenfalls auf Taher werfen wollte, hielt Callistus ihn zurück. Er hatte zwar kaum noch Kraft, gegen den Älteren anzukommen – seine Rippen und sein Kopf schmerzten –, aber immerhin war es ihm gelungen, einen weiteren Gegner vorerst von Taher abzuhalten, der mit Sextus und Pontus bereits genug zu tun hatte.

Der jüngere Steineschmeißer hatte bis eben nur im Hintergrund gestanden. Doch plötzlich rief er aus: »Achtung, Sextus, Vigiles! Weg hier, schnell!«

Sextus, der breitbeinig auf Tahers Hüfte hockte, hob einen kleinen Stein auf und ließ ihn in einem letzten Faustschlag auf Tahers Augenbrauenknochen niedersausen. Dann blickte er sich um, ehe er hastig aufsprang.

»Los, weg hier!« In Windeseile waren die vier hinter dem Tempel in einer kleinen Gasse verschwunden.

Callistus stürzte zu Taher, der am Boden lag und aus einer Wunde an der Augenbraue sowie aus der Nase blutete. Auf dem Wangenknochen prangte eine Schramme, die zwar nicht blutete, aber mit Sicherheit bald blaulila anlaufen würde.

Callistus beugte sich über ihn. »Taher, Scheiße, Mann! Geht es? Diese Mistkerle!« Ein Schatten legte sich über die beiden am Boden liegenden beziehungsweise hockenden Jungs.

»Was ist hier los, Jungs? Was treibt ihr hier?« Ein Wachmann aus dem Trupp der Vigiles beugte sich über sie.

»Nichts«, sagte Taher und rappelte sich hoch. »Alles in Ordnung.« Dann ergriff er Callistus' Hand und rannte los, ehe der Wachmann noch etwas erwidern konnte.

Die Vigiles behelligten sie nicht weiter. Anscheinend waren sie der Ansicht, dass prügelnde kleine Jungs nicht in ihren Aufgabenbereich fielen. Womöglich hätten sie anders reagiert, wenn sie gewusst hätten, dass der eine Junge der Sohn des angesehenen Bankiers und Senators Lucius Capanius Honorius gewesen war.

Callistus folgte Taher im Zickzacklauf durch die Gassen. Er war beeindruckt, dass Taher den Vorfall anscheinend ziemlich lässig wegsteckte. Außerdem schien Taher zu wissen, wo er hinmusste. Er selbst hätte den Weg zurück zur ›Traube der Ceres‹ nicht gefunden. Seine Rippen und seine Kinnlade schmerzten noch immer, nur dem Kopf ging es etwas besser. Er biss sich auf die Zähne. Viel mehr Sorgen machte er sich um Taher, dessen schönes, geheimnisvolles Gesicht, das Callistus so gern ansah, soeben furchtbar entstellt ausgesehen hatte.

Als sie in die nächste Gasse einbogen und Callistus erleichtert den Brunnen erkannte, stießen sie kurz darauf mit Eolus zusammen.

»Verdammt, Jungs! Wo seid ihr gewesen? Scheiße! Wie seht ihr denn aus? Praxis! Sie sind hier.« Er winkte dem älteren Leibwächter, der am anderen Ende der Gasse nach den Jungen Ausschau gehalten hatte und nun sofort auf sie zueilte.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße!« Praxis war kaum zu ihnen herangekommen, da gab er Taher trotz dessen lädierten Zustands auch schon eine Ohrfeige. »Wie könnt ihr es wagen abzuhauen?«

Wutentbrannt schrie Callistus auf und stieß Praxis heftig vor die Brust. »Spinnst du? Fass ihn nicht an, Praxis! Schlag ihn nochmal und ich werde…« Callistus trommelte mit den Fäusten auf die muskulöse Brust des illyrischen Leibwächters ein.

»Hey, ho, ist ja schon gut, kleiner Herr.« Praxis ergriff Callistus' Handgelenke, um ihn zum Einhalten zu bringen. Callistus ließ von Praxis ab und schob Taher vorsichtig zum Brunnen. Dann zog er Taher die Tunika über den Kopf, die nun nicht nur beschmutzt, sondern auch blutig und zerrissen war. Taher ließ es geschehen. Mit einer Ecke des Stoffs reinigte Callistus Tahers Gesicht und tupfte ihm die Wunden ab. Dann zog er seine eigene Tunika aus.

»Zieh die an!«

»Was? Und du?«

Wortlos streifte Callistus Tahers völlig verschmutzte Tunika über.

»Oh, nein!«, stöhnte Praxis. »Das geht nicht, kleiner Herr.«

»Er hat recht, Callistus. Ich kann meine wieder anziehen.«

»Kommt nicht in Frage! Es war meine Schuld.«

Fragend blickte Taher in Praxis' aufgebrachtes und Eolus' zaghaft grinsendes Gesicht. Zögerlich streifte er Callistus' edle und halbwegs saubere Tunika über.

Praxis seufzte. »Jetzt ab nach Hause! Aber schnell! Und auf dem Weg nach Hause sagt ihr fünfzig Mal hintereinander: ›Wir laufen Praxis und Eolus nie mehr weg. Wir laufen Praxis und Eolus nie mehr weg.‹«

»Wie wär’s, wenn ihr uns erst einmal erzählt, was passiert ist«, fragte Eolus auf dem Nachhauseweg.

»Ich bin von einer Bande von widerlichen wilden Strolchen überfallen worden, und Taher hat sich ganz allein auf sie geworfen und sie verprügelt«, erklärte Callistus, wobei er seinem Freund stolz den Arm um die Schulter legte.

Taher lächelte verlegen. »Es waren nur vier. Lumpenpack, wie du sagen würdest, Praxis. Diese elenden Küchenschaben haben auf Callistus eingeprügelt. Wie kann man sich nur an Schwächeren vergreifen? Diese feigen Kerle waren bestimmt doppelt so alt wie wir.«

»Das hätte übel ausgehen können, Taher.« Eolus tippte vorsichtig an die Wunde über Tahers Auge.

»Noch übler, meinst du wohl«, knurrte Praxis grimmig und kickte ein Steinchen aus dem Weg. Er wusste, wer gleich großen Ärger bekommen würde. Der kleine Callistus war es mit Sicherheit nicht.

»Ihr hättet Taher sehen sollen, wie tapfer er sich auf diese Kerle geworfen hat.« Callistus strahlte seinen Freund an. »Zephyrus wird dich verarzten.«

»Unsinn! Wegen der paar Kratzer brauche ich doch nicht euren Hausarzt. Meine Mutter oder Aglaia können das mal ansehen, wenn überhaupt nötig.« Taher sah arg ramponiert aus, aber er lächelte. Es gefiel ihm, dass Callistus so stolz auf ihn war. Für das entwaffnende Strahlen im Gesicht seines besten Freundes kassierte er gern ein paar Schläge.

Kapitel 2

Dank Callistus' bildreicher Berichterstattung wurde Taher als Held des Tages gefeiert. Von der Wunde auf dem Augenbrauenknochen würde eine kleine Narbe zurückbleiben. Er trug sie mit Stolz, denn sie erinnerte ihn daran, wie er mutig seinen Freund verteidigt hatte. Als Callistus die Geschichte erst Tahers Mutter Darya und den anderen Sklaven des Hauses Capanius erzählt hatte und später auch seinen Eltern, hatte er dick aufgetragen. Mit dramatischen Worten hatte er Taher als seinen persönlichen Helden dargestellt: »Stärker und mutiger als Praxis und Eolus zusammen.« Die Reaktion der beiden danebenstehenden Leibwächter konnte nicht unterschiedlicher sein: Eolus grinste gutmütig, Praxis machte ein finsteres Gesicht. Allerdings verging Eolus das Grinsen, als, wie Praxis befürchtet hatte, tatsächlich sie es waren, die der Hausherr Lucius Capanius Honorius für ihre Nachlässigkeit bestrafte.

Der aufregende Tag in der Subura lag nun ein paar Wochen zurück. Es war ein schöner milder Frühlingstag. Callistus war gerade von einem Besuch bei seinem Freund Faustinus zurückgekehrt, dem Sohn des bereits etwas betagten, aber angesehenen Senators Vestorius Falco. Nun hockte Callistus auf allen vieren auf dem Rasenstück des Peristylgartens und beugte den Kopf tief auf den Boden hinunter, sodass sein Hinterteil himmelwärts ragte.

Taher kam gerade den Säulengang entlang und mühte sich mit einer reichlich schweren Amphore Olivenöl ab, die er in den Vorratsraum bringen sollte. Makarios hatte ihm dies aufgetragen und zuvor seine Mutter gescholten, weil sie in einer kurzen Arbeitspause mit ihm wie so oft auf Parthisch von seiner Heimat erzählt hatte. Ausnahmsweise war Taher die rüde Unterbrechung des Hausverwalters nicht unrecht gewesen. Er sprach nicht mehr gern seine Muttersprache. Im Grunde wollte er sie sogar vergessen. Latein war die Sprache, die man sprach, und Griechisch musste er lernen. Aber parthisch? Niemand sprach diese Sprache außer seiner Mutter und Sahand, dem parthischen Sklaven des Töpfers, der ihm immer vom stolzen und mächtigen Partherreich und den dortigen Sitten und Gebräuchen vorschwärmte.

Taher grinste, als er seinen Freund sah: »Pff! Was machst du denn da? Betest du zum Gott der Regenwürmer?«

»Blödmann! Ich will, dass Cluni was isst.«

Jetzt erst sah Taher, dass Callistus sich zur Haus-Schildkröte hinuntergebeugte, die im Garten des Peristyls wohnte, und ihr ein Blatt vor die Nase hielt, welches sie schnöde ignorierte.

Taher stellte die Amphore vorsichtig ab. »Das ist ein Lorbeerblatt, was du da hast. Das mag sie nicht.«

Er pflückte etwas Majoran und kniete sich neben Callistus. Tatsächlich geruhte Cluni nun, den Kopf aus ihrem Panzer zu stecken und die Futtergabe gnädig anzunehmen.

»Das ist ja wieder mal typisch. Sie mag dich lieber als mich.« Callistus verschränkte die Arme vor der Brust. »Wie die prächtige Stute von Chryses' Freund neulich. Von dir hat sie sich streicheln lassen von mir nicht. Wie immer. Mädchen stehen auf dich.«

»Idiot!« Taher knuffte Callistus an. Der knuffte zurück. Kurz darauf rauften sie sich auf dem gut gestutzten kleinen Rasenstück.

Callistus setzte sich rittlings auf Tahers Bauch. »Gibst du auf?«

»Nie im Leben. Ich hab dich absichtlich gewinnen lassen, weil ich die Amphore noch wegbringen muss.«

»Was für 'ne Amphore? Das ist doch eine Ausrede.«

»Ist es nicht. Und, nein, ich gebe nicht auf.« Taher hob ruckartig seine Hüften, sodass Callistus das Gleichgewicht verlor. In wenigen Sekunden war Taher es, der Callistus auf den Rücken gezwungen hatte und nun siegreich auf dessen Hüften saß.

»Wer gibt jetzt auf, hm?«

Callistus lachte, während er sich zwecklos aus Tahers Griff zu befreien versuchte. Als es ihm nicht gelang, rief er plötzlich: »Oh, Taher, guck mal! Das gibt’s doch nicht. Da hat irgendwer hier bei uns ein schweinisches Graffiti an die Wand gemalt!«

»Wo?« Die Finte ahnend, rührte Taher sich nicht vom Fleck, war aber dennoch einen Moment abgelenkt. Diesen nutzte Callistus, um Taher diesmal erfolgreich abzuwerfen.

»Na, warte!«

»Du kriegst mich nicht, du kriegst mich nicht!« Callistus rannte übermütig quer durch den gepflegten Ziergarten. Sein fröhliches Lachen hallte im Säulengang des Peristyls rund um den Garten wider. Er sprang über Beete mit Zystrosen, Veilchen, Polsterthymian und Madonnenlilien, vorbei an prachtvollen Oleander-, Myrte- und Rosensträuchern, über kleine perfekt gestutzte Buchsbaumhecken und wich flink den hellenistischen Statuen aus, die den Garten schmückten.

Als er den alten Thaddaios anrempelte, der wie immer bei seiner Gartenarbeit war, hob der betagte Sklave drohend und vor sich hin wetternd den Arm.

»Holla! Pass doch auf, kleiner Herr!« Er würde sich hüten, den Sohn seines Herrn deutlicher zurechtzuweisen, auch wenn dem Kleinen ein bisschen mehr Zucht durchaus angestanden hätte.

Als jedoch kurz darauf Taher in rasantem Tempo dicht an Thaddaios vorbeirannte, sodass der Alte allein durch den Zugwind beinahe das Gleichgewicht verloren hätte, holte er zu einem Klaps auf dessen Hinterkopf aus, erwischte Callistus' Verfolger allerdings nur noch leicht. »Nicht so wild, Taher! Das gibt nur Ärger. Elender Lausbub! Geh lieber deiner Mutter in der Küche zur Hand!«

Taher beachtete den alten Sklaven nicht. Mit kindlicher Verbissenheit hatte er nur ein Ziel im Auge, nämlich sich Callistus zu schnappen. Anders als dieser lachte er nicht ausgelassen. Lediglich ein listiges Lächeln umspielte seine Lippen. Er wusste, dass er Callistus einholen würde, und dieser wusste das auch. Bei körperlichen Betätigungen war der athletische Taher Callistus stets überlegen, bei geistigen war es Callistus, der das parthische Sklavenkind in der Regel überflügelte, was weniger eine Frage der Intelligenz als eine der Konzentration war.

Immer wieder drehte Callistus sich nach Taher um, der ihm trotz des kleinen Zwischenfalls mit Thaddaios dicht auf den Fersen war. Taher hatte ihn fast eingeholt, als Callistus den Säulengang entlanglief und ins Haus rannte. Taher fluchte. Typisch, dachte er. Die feige Flucht in das großzügige Haus war die einzige Möglichkeit für Callistus, möglicherweise doch noch den Sieg davonzutragen. Im Haus traute Taher sich nicht, allzu schnell zu laufen oder gar alle Zimmer nach Callistus abzusuchen. Sie waren zwar beste Freunde. Aber während Callistus sich als Sohn des Hauses Capanius selbstverständlich nahezu ungeniert und frei im gesamten luxuriösen Stadthaus bewegen konnte, musste der Sklave Taher vorsichtig sein. Warum ging das nicht in Callistus' Kopf?

Zu Tahers Genugtuung hatte er Callistus im Atrium eingeholt und aufgespürt. Dieser hockte in seinem Versteck hinter der großen griechischen Vase mit Motiven der Mysterien von Eleusis. Taher tat, als hätte er ihn noch nicht entdeckt, und umrundete im menschenleeren Atrium das Becken des Impluviums mit dem hübschen Fischmosaik und dem Brunnen mit den Marmordelfinen, die auf ihren Schnauzen ein Bassin mit einer Nereide darin trugen. Mit einem plötzlichen Satz sprang er auf Callistus zu und warf sich bäuchlings auf ihn. »Hab dich!«

Callistus wich lachend zurück und fiel auf den Hintern. Als Taher sich hastig wieder aufrichtete und sich Callistus erneut schnappen wollte, stieß er aus Versehen gegen die große Vase. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen schlug das wertvolle Teil auf dem Marmorboden auf und zersprang in tausend Stücke. Wie vom Donner gerührt, blieb Taher stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf sein Zerstörungswerk. Callistus eilte zu Taher, ergriff mit der einen Hand dessen Oberarm und blickte ebenfalls auf den großen Scherbenhaufen.

»Oh, oh!« Er hielt sich die andere Hand vor den Mund, musste nach dem ersten Schrecken jedoch schon wieder grinsen.

Taher war so entsetzt, dass er noch immer nicht reagierte. Sein sonst so gesunder olivfarbener Teint hatte einen blässlichen Ton angenommen.

Callistus knuffte den Freund in die Seite. »Wenigstens war es die blöde Eleusis-Vase und nicht die schöne mit den olympischen Spielen.« Callistus deutete mit einem Kopfnicken auf die gegenüberliegende Seite des Atriums zu einer zweiten Vase dieser Art, die mit griechischen Diskus- und Speerwerfern, Ring- und Faustkämpfern dekoriert war.

»Das ist nicht witzig, Callistus. Das gibt riesigen Ärger«, sagte Taher ernst, wobei ein panischer Unterton in seiner Stimme mitschwang. Mit nunmehr völlig überflüssiger Vorsicht fing Taher an, die Scherben einzusammeln. Callistus hockte sich neben seinen Freund, um ihm zu helfen, wobei er ihn sanft mit der Schulter anstieß.

»Ach, ich hab neulich auch einen von Mutters geliebten ägyptischen Parfumflakons kaputtgemacht. Sie hat mir eine kleine Ohrfeige gegeben und etwas geschimpft. Aber das war’s dann auch. Und Faustinus hat neulich eins von den neuen blauen Gläsern zerbrochen. Es war ihm todpeinlich. Da haben sie nicht mal geschimpft, sondern im Gegenteil gesagt, es sei gar nicht schlimm und er solle sich keine Sorgen machen.«

»Du bist ja auch ihr Sohn und Faustinus ist der Sohn eines Senators mit einem Stammbaum, der bis König Tarquinius Superbus, oder was weiß ich, zurückreicht, aber mir werden sie den Kopf abreißen.« Taher sah ernsthaft besorgt aus.

»Ach, Unsinn! Das macht doch kaum einen Unterschied. Kaputt ist kaputt. Du musst immer alles so dramatisieren. Ich würde ja sagen, dass ich es war, aber meine Eltern sagen, ich darf nicht lügen.«

Taher warf seinem Freund einen verärgerten Blick zu und stieß ihn unwirsch ein Stück von sich.

Seit dem Tag, an dem Taher den aufrichtigen und großherzigen Callistus zum ersten Mal erblickt hatte, gab es praktisch keinen wichtigeren Menschen mehr in Tahers Leben. Dennoch! Warum nur war Callistus manchmal so furchtbar naiv? Taher war zum Sterben zumute gewesen, als er vor ein paar Jahren zusammen mit seiner Mutter nackt auf einem Podest auf dem Sklavenmarkt von Rom gestanden hatte und man seine Mutter und ihn noch marktschreierischer angepriesen hatte als sein Vater damals auf dem Markt von Seneh die Orangen und Zitronen aus ihrer Plantage. Dabei fühlte der kleine Taher selbst sich lediglich unwohl: Was ihn jedoch zutiefst ängstigte, war der Zustand seiner Mutter. Sie hatte, seit sein Vater von den Römern ermordet und sie von zuhause verschleppt worden waren, nicht aufgehört zu weinen. Er war noch zu jung, um zu verstehen, was Scham war; dennoch verstand er so viel, dass seine Mutter nicht freiwillig nackt neben ihm auf dem Verkaufsstand stand. Als der reiche Bankier und ehemalige Senator Lucius Capanius Honorius mit seiner Frau, seinem dreijährigen Sohn und drei Sklaven vor dem Verkaufsstand stehenblieb, mit dem schmierigen Sklavenhändler verhandelte und sie schließlich mit sich nahm, verstand er noch nicht, was dies zu bedeuten hatte. Doch er war dem elegant gekleideten Mann und seiner schönen Frau sofort dankbar, weil sie seiner Mutter einen Kittel gaben, den sie sich überziehen konnte. Er selbst blieb nackt. Darya, seine Mutter, hielt seine Hand so fest, dass es schmerzte. Aber sie hatte endlich aufgehört zu weinen. Plötzlich ergriff jemand seine andere Hand. Es war der Sohn des reichen Römers.

»Hallo, ich bin Callistus. Und wie heißt du?«

Taher sprach damals außer den paar Brocken, die seine Mutter und er auf der Reise zwangsläufig hatten lernen müssen, noch kein Latein. Aber er hatte verstanden.

»Taher.«

»Willst du mein Freund sein?«

Diesmal war Taher sich nicht sicher, was der kleine Römer gesagt hatte. Dennoch nickte er, starrte den Jungen aber etwas verdutzt an. Der andere trug eine saubere weiße Tunika und hatte eine Kette um den Hals. Seine sauberen Füße steckten in Sandalen und waren nicht dreckverkrustet wie seine. Plötzlich wurde er sich nicht nur seiner Nacktheit bewusst, sondern auch der Spuren von Dreck und getrockneten Blutes an seinem Körper.

»Gut. Dann sind wir jetzt Freunde für immer. Du musst dich aber schon mal sauber machen. Warte!«

Als ob der kleine Callistus seine Gedanken gelesen hätte, hatte er ihn zum nächsten Brunnen gezogen, eine Serviette ins Wasser getaucht und sie ihm tropfnass gereicht. Taher stand mit der nassen Serviette da und starrte den kleinen Kerl an. Dann klatschte der kleine Callistus Taher die Serviette ins Gesicht. Als Taher sah, dass ein Lächeln über Daryas Gesicht huschte, das erste seit ihrer Verschleppung aus ihrer Heimat, lächelte auch er. Darya nahm dem kleinen Callistus das Tuch ab und reinigte Taher erst sein Gesicht, dann die aufgeschlagenen Knie. Das war vor vier Jahren gewesen.

»Oh, bei Mars! Was habt ihr angestellt, Jungs?« Sie hatten nicht bemerkt, dass Eolus von seinem Posten an der Tür herbeigeeilt war. Auch er sah beklommen auf die Bescherung und hob in einer dramatischen Geste beide Arme in die Höhe. Jeder im Haus wusste, dass die beiden Vasen im Atrium sehr wertvoll waren. Vom Lärm angelockt, kamen auch Thaddaios und seine Frau Aglaia aus dem Garten herein. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Denn kurz darauf betrat der Hausherr Honorius zusammen mit seinem Schwager Fulgentius und einem Klienten das Atrium. Hinter ihnen folgten die Hausherrin Aquilina sowie eine weitere römische Matrone, vermutlich die Frau des Klienten. Das Schlusslicht bildeten der Hausverwalter Makarios und Spiridon, der Sekretär des Hausherrn.

Mit beängstigend unbewegtem Gesichtsausdruck blickte Honorius erst auf den Scherbenhaufen in seinem edlen Atrium, dann auf die beiden Jungs dahinter, die mit schuldbewusstem Blick aufstanden und dicht aneinandergedrängt, als wären sie nur eine Person, auf das große Donnerwetter warteten. Diskret ergriff Callistus Tahers Hand.

Makarios schlängelte sich in der für ihn typischen kriecherischen Art mit mehreren gemurmelten »Verzeihung, Verzeihung!« hinter seiner Herrin und seinem Herrn hervor, ehe er sich vor den Jungen aufbaute und mit scheinbar schwer unterdrückter Wut ausspie: »Wer von euch beiden war das?«

Callistus zögerte. Seine Eltern hatten ihm in der Tat verboten zu lügen. Nur schäbige Menschen hätten es nötig zu lügen, sagten sie. Aber mit Simonides, ihrem jungen griechischen Hauslehrer, hatten sie gerade begonnen, die Theorien der griechischen Philosophen durchzunehmen. Wenn Callistus es richtig verstanden hatte, konnte es Situationen geben, in denen das Lügen gewissermaßen von besonderer Schläue zeugte. Hatte Simonides nicht gerade erst Platon zitiert, der sagte, dass eine Lüge durchaus edel sein könne, wenn durch sie dem anderen, der zur Einsicht noch nicht fähig war, die Wahrheit erspart werde? Callistus kam zu dem Schluss, dass die vorliegende Situation perfekt zu Platons Sichtweise passte, und wollte soeben antworten ›Ich war’s‹, doch Taher kam ihm den Bruchteil einer Sekunde zuvor.

»Ich war es, Herr«, antwortete Taher mit gesenktem Blick, jedoch laut und deutlich. Dabei wandte er sich an Honorius, denn ihm war er Rechenschaft schuldig, nicht dem ihm verhassten Makarios. Auf ein Kopfnicken seines Herrn hin rief Makarios den unglücklich dreinblickenden Eolus zu sich. Der muskulöse junge Leibwächter kam auf Taher zu, ergriff pflichtbewusst dessen Ohr und zerrte ihn mit sich. Taher weinte und schrie nicht, obwohl er wusste, dass er hart bestraft werden würde. Sein Vater hatte auch nicht geweint und geschrien, als man ihm damals direkt vor ihrem Haus ein Schwert erst in den Bauch und dann in den Hals gerammt hatte.

Callistus sah seinem Freund nun doch leicht besorgt hinterher. Er spürte Tahers Anspannung. Dabei war dieser sonst alles andere als ein Feigling. Warum hatte er jetzt Angst vor einer kleinen Standpauke? Er redete auch sonst immer viel von unantastbarer Ehre und ewiger Freiheit des Geistes. Das läge in seinem parthischen Blut: Die Ehre und die Freiheit gingen jedem parthischen Mann über alles, sagte er. Callistus wusste, dass er nur wiederholte, was der parthische Sklave des Töpfers ihm immer erzählte, wenn er seine Mutter bei den Einkäufen begleitete. Was diese Begriffe überhaupt bedeuteten, hatte ihnen Simonides vor kurzem erst erklärt, nachdem ihr Lehrer Taher die Frage nach deren Sinn gestellt hatte. Dennoch. Ob Taher im Alter von vier Jahren bereits viel mit ehrenhaften parthischen Männern zu tun gehabt hatte, wagte Callistus zu bezweifeln. Immer wenn Taher von Parthien zu sprechen anfing, hörte Callistus schweigend zu. Er sah Taher als seinesgleichen an. Dass dieser ursprünglich aus einem anderen, weit entfernten Land kam, war für Callistus völlig unbedeutend. Taher hatte eine etwas dunklere Hautfarbe als er, aber nur ein klein wenig. Wie viele Römer auch hatte er schwarze Haare und schwarze Augen. Trotzdem erkannte man auf den ersten Blick das Fremdländische an ihm. Aber was spielte das für eine Rolle? Rom war ein Schmelztiegel. Gerade in der Hauptstadt wimmelte es nur so von unterschiedlichen Völkern. Taher und seine Mutter waren vor etwa vier Jahren in ihren Haushalt gekommen. Wo Tahers Vater war und ob dieser noch lebte, wusste Callistus nicht. Im Grunde wusste er nicht genau, wo Taher und seine Mutter überhaupt herkamen. Denn bis vor kurzem war Callistus sich nicht sicher, ob Parthien wirklich weiter weg war als der Sklavenmarkt. Parthien. Simonides hatte es ihnen beiden auf einer Landkarte gezeigt: ein riesiges Reich im Osten hinter der zivilisierten Welt des römischen Reichs, das Kaiser Trajan mit militärischer Gewalt dem römischen Reich einzuverleiben versuchte.

Callistus wandte den Blick seinem Vater zu. »Es war ein Unfall, Vater. Wir haben…«

»Auf dein Zimmer, Callistus!« Honorius' Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass eine Widerrede in dieser Situation nicht ratsam war. Callistus warf seiner Mutter einen hilfesuchenden Blick zu, aber als auch diese nur streng mit erhobenem Kinn und zu einem Strich gewordenen Lippen auf ihn hinabblickte, gehorchte er widerstrebend und verließ ohne ein weiteres Wort das Atrium. Hinter sich hörte er, wie ein paar der Haussklaven eiligst die Scherben aufsammelten.

Am Mittag brachte die junge Küchensklavin Maia ihm sein Essen aufs Zimmer.

»Was soll das, Maia? Warum esse ich nicht mit Mutter und Vater?«

Die Sklavin zuckte entschuldigend mit den Schultern und wich mit gesenktem Blick zurück, als seine Mutter sein Zimmer betrat, wobei der edle Stoff ihres Kleids sanft raschelte.

»Mutter…«

Aquilina hob in einer herrischen Geste, die Kleopatra zur Ehre gereicht hätte, drohend den Zeigefinger und brachte ihren Sohn damit umgehend zum Schweigen.

»Callistus, ich will, dass du dich wie ein wohl erzogener Junge eines anständigen und ehrenhaften römischen Patrizierhaushalts verhältst, wie es sich für den Sohn des Honorius geziemt. Der Sohn eines angesehenen Bankiers sollte seinem Vater keine Schande bereiten. Du bist bald kein kleiner Junge mehr. Das wilde und viel zu vertrauliche Herumgetolle mit den Sklaven, insbesondere mit dem kleinen Parther, muss ein Ende haben. Du musst nicht nur wissen, wo die Grenzen sind, sondern du musst sie als Sohn des Lucius Capanius Honorius auch selbst setzen.«

»Es tut mir leid, Mama. Aber Taher ist mein bester Freund. Wir haben nur kurz Fangen gespielt. Wir wollten danach gleich wieder studieren gehen. Bestimmt!«

Erneut ließ ihn der strenge Gesichtsausdruck seiner Mutter innehalten.

»Die Verwendung des Pronomens ›wir‹ ist bereits falsch, Callistus. Taher ist dein Sklave, nicht dein Freund. Zwischen euch gibt es kein ›Wir‹, es wird immer nur ein ›Du und dein Sklave‹ geben. Faustinus ist dein Freund und die anderen Jungen beim Musikunterricht. So, und nun iss dein Essen! Dein Vater möchte, dass du allein noch etwas in dich gehst. Nach dem Essen wirst du dich auf den Unterricht mit Simonides vorbereiten, und am späteren Nachmittag wird Chryses dich zu deiner Sitzung körperlicher Ertüchtigung abholen.«

»Aber, Mutter, ich verstehe das nicht. Wieso darf ich nicht ›wir‹ sagen? Taher und ich sind Freunde. Wir tun alles zusammen.«

»Callistus, Taher ist ein Sklave. Es gibt gewisse standesgemäße Grenzen. Muss ich das wirklich erklären? Dass Taher mit dir zu Simonides und Chryses zum Unterricht darf, ist der Großzügigkeit deines Vaters zu verdanken. Dieses Privileg kann er jederzeit widerrufen, wenn der kleine Parther sich nicht zu benehmen weiß. Iss jetzt! Die Diskussion ist beendet.«

»Wo ist Taher jetzt? Was macht Makarios mit ihm?«

Ohne auf die Frage zu antworten, verließ Aquilina das Zimmer ihres Sohns. Dass sie bei der letzten Frage seinem Blick ausgewichen war, war Callistus entgangen.

Callistus stocherte missmutig in seinem Essen herum: kleine gegrillte Fische, Bohnenbrei, Radieschen und Brötchen. Nur der Nachtisch von in Honig eingelegten Feigen und Nüssen konnte ihm ein wenig Interesse abgewinnen. Wieso erzählte man ihm ständig, dass Taher nicht so sei wie er? Sogar Taher selbst behauptete das. Was meinten sie nur alle damit? Callistus war nicht dumm: Er wusste auch, dass ein Sklave ein Sklave war und der Herr nun einmal der Herr. So war die Welt eben geschaffen. Dennoch. Warum war es nicht selbstverständlich, dass Taher genau wie er Unterricht bekam? Sie waren noch Kinder: Er war sieben, Taher acht. Natürlich mussten Jungs in ihrem Alter in die Schule gehen. Auch am Kampftraining, das sie von dem ehemaligen Zenturio Chryses erhielten, durfte Taher zusammen mit ihm teilnehmen. Callistus hatte dies bisher für normal gehalten.

Diese verfluchte Vase! Es war eine hässliche Vase mit albernen mystischen rituellen Motiven über die Wiederauferstehung darauf, die Callistus an diesem Tag lehren sollte, dass offenbar wirklich nicht alle Menschen gleich waren.

Als Chryses ihn später zum Kampftraining abholte, war Taher nicht da. Lustlos und äußerst ineffizient parierte Callistus mit seinem Holzschwert Chryses' Attacken.

»Callistus, ein bisschen mehr Konzentration bitte!«, mahnte Chryses.

»Weißt du wirklich nicht, warum Taher nicht da ist?«, wiederholte Callistus die Frage, die er Chryses als Erstes gestellt hatte, als sein Freund nicht wie üblich auf dem Hinterhof, wo sie ihr Training abhielten, auf sie gewartet hatte.

Chryses hielt seufzend inne und ließ sein eigenes Holzschwert sinken. »Callistus, du weißt besser als ich, was heute Vormittag passiert ist. Taher wird momentan nicht in der Lage sein, am Training teilzunehmen. In ein paar Tagen ist er sicher wiederhergestellt.«

»In ein paar Tagen? Wiederhergestellt?« Callistus sah den durchtrainierten ehemaligen Zenturio verstört an.

»Nun Schluss mit dem Palaver! Konzentrier dich! Greif mich an, kleiner Herr!«

Als Taher am nächsten Morgen auch zum Unterricht bei Simonides nicht erschien, begann Callistus, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Simonides bemühte sich, Callistus zu beruhigen, doch dieser ließ seinen griechischen Lehrer einfach stehen und eilte zu den Sklavenunterkünften. Er klopfte an die Kammer, die Taher sich mit den meisten der geringer gestellten männlichen Haussklaven teilte, aber niemand antwortete. Er öffnete die Tür, die niemals abgeschlossen war oder sein durfte, und blickte in die völlig finstere, kärglich eingerichtete Kammer. Sie war leer. Er machte auf dem Absatz kehrt. Sein Verstand weigerte sich in diesem Moment, sich weitere Gedanken über den enormen Unterschied zwischen seinem eigenen Zimmer und dem seines besten Freundes zu machen, das dieser zu sechst bewohnte und in dem die vorhandenen primitiven Pritschen bereits ein Luxus für Sklaven waren. Seine Sandalen machten ein klatschendes Geräusch auf dem Steinboden, als er in die Küche eilte und dort Tahers Mutter Darya antraf.

»Darya, wo ist Taher? Er ist nicht zum Unterricht gekommen.«

»Er ist nicht abkömmlich, kleiner Herr«, sagte Darya abweisend. Callistus war verdutzt über die unterkühlte Reaktion der sonst so herzlichen Darya. Bildete er es sich ein oder sah sie ihn wirklich aus geröteten Augen vorwurfsvoll an?

»Callistus Capanius Honorius, ich denke, um diese Zeit solltest du im Unterricht sein.« Callistus hatte Makarios nicht kommen hören und wandte sich erschrocken um, fing sich jedoch rasch.

»Wo ist Taher? Was habt ihr mit ihm gemacht?« Wütend stieß Callistus den nicht sehr großen, jedoch drahtigen Hausverwalter vor die Brust.

Makarios ergriff Callistus' Handgelenke, um ihn an weiteren Übergriffen zu hindern. »Zwing mich nicht, deinen Vater zu informieren, kleiner Herr! Simonides wartet auf dich! Los jetzt!«

Innerlich fluchend gehorchte Callistus. Wenn er doch nur endlich größer wäre! Dann würde er sich nicht mehr von Makarios so behandeln lassen und auch nicht zulassen, dass dieser Taher schlecht behandelte. Erzählten sie ihm nicht gerade alle, dass es einen großen Unterschied zwischen Herrn und Sklaven gab? Schließlich war er der Herr.

Simonides stand vor der Tür der kleinen, aber gut bestückten Bibliothek, in der der Unterricht stattfand, und hielt sorgenvoll nach seinen Schülern Ausschau.

Makarios schob Callistus in Simonides' Richtung, wobei er dem jungen Lehrer einen vernichtenden Blick zuwarf, ehe er auf dem Absatz kehrtmachte.

»Da bist du ja, Callistus. Tu das nicht wieder! Wir hätten alle beide großen Ärger bekommen können«, sagte Simonides leise, damit Makarios ihn nicht hörte.

Callistus setzte sich missmutig auf seinen üblichen Platz. Der Platz neben ihm blieb leer. Sorgenvoll sah Simonides seinen kleinen Schüler an.

»Lass uns über Sokrates und Platon reden, Callistus!«

»Diese alten Schwafler sind mir ganz egal. Ich will Taher.«

»Callistus, jetzt sei nicht kindisch! Lass dich nie von deinen Gefühlen überwältigen! Ich wollte mit dir über Sokrates' Konzept des eindeutig Guten reden oder Platons Theorien zur allgemeingültigen Gerechtigkeit und seiner diskussionswürdigen Auffassung zum Streben nach Freiheit. Wir können aber auch über Zenon und die Stoiker sprechen, nach denen jeder seinen Platz im Gefüge der Welt akzeptieren muss.«

Callistus sah seinen Lehrer skeptisch an. Missmutig gab er seinen Widerstand auf und versuchte, Simonides zuzuhören. Wie so häufig hatte der junge Grieche es am Ende des Unterrichts geschafft, Callistus wieder etwas aufzubauen. Er sammelte seine Wachstafeln und Griffel ein und schickte sich an, die Bibliothek zu verlassen. In der Tür drehte er sich noch einmal um.

»Simonides?«

»Ja?«

»Meine Mutter sagt, dass mein Vater Taher ein ungewöhnliches Privileg zukommen lässt, indem er ihn zu dir zum Unterricht und zu Chryses zum Kampftraining gehen lässt. Wo er doch nur ein Sklavenkind ist, sagt sie.«

Simonides zögerte kurz mit seiner Antwort. »Es ist richtig, dass dein Vater Taher in der Zeit auch arbeiten lassen könnte. Taher ist Sklave und so wie ich auch Eigentum des Honorius, und er entscheidet, was wir zu tun und nicht zu tun haben. Insofern bin auch ich froh, dass dein Vater Taher jetzt in jungen Jahren erlaubt, in die Schule zu gehen.«

Damals war Callistus die vorsichtige Formulierung seines Lehrers nicht aufgefallen. Ein paar Jahre lang war er stolz auf seinen Vater gewesen, dass dieser Taher in die Schule gehen ließ. Erst als heranwachsender junger Mann wurde Callistus klar, dass sein Vater, erfolgreicher Geschäftsmann, der er war, dies weniger aus Großherzigkeit tat als vielmehr aufgrund einer Kosten-Nutzen-Rechnung: Ein dummer, schwächlicher Sklave nützte Honorius nichts, ein kluger Sklave, der notfalls seinen Herrn und dessen Hab und Gut verteidigen konnte, schon. Mit der gleichen logischen Überlegung erklärte Honorius Tahers Unterricht vier Jahre später für beendet. Denn ein zu kluger und zu kräftiger Sklave konnte eine Bedrohung für das Haus Capanius darstellen.

Taher tauchte erst am darauffolgenden Tag wieder auf. Er versäumte erneut den Unterricht bei Simonides am Morgen, erschien jedoch zu Callistus' großer Freude zum Kampftraining mit Chryses.

»Taher, wo bist du gewesen? Niemand wollte mir sagen, wo du steckst und wie es dir geht.« Callistus rannte auf seinen Freund zu, kaum dass er ihn erkannt hatte. Kurz vor ihm bremste er abrupt ab. Tahers ernster, schwermütiger Gesichtsausdruck ließ Callistus' Lächeln einfrieren.

»Mir geht es gut, danke.«

»Hey, was ist denn mit dir los?« Callistus sah erst Taher, dann Chryses fragend an.

»Können wir anfangen, Chryses? Ich muss danach Eolus und den neuen Koch in die Stadt begleiten.« Taher wich so eindeutig Callistus' Blicken aus, dass dieser langsam ärgerlich wurde. Aber er sagte nichts mehr. Er beobachtete, wie Taher ziemlich erfolgreich Chryses' Attacken parierte und von diesem dafür ordentlich Lob erntete.

»Sehr gut, Taher. Perfekt pariert. Gute Abwehr. Wenn du so weitermachst, wird aus dir mal ein hervorragender Kämpfer. Du bist an der Reihe, Callistus.«

Callistus hatte seinen kurzen Anflug von Ärger gegenüber Taher bereits wieder vergessen. Er lächelte, als er an seinem Freund vorbei zu Chryses auf den Kampfplatz ging. »Gut gemacht. Du wirst bestimmt mal Gladiator.« Callistus grinste. »Aber jetzt bin ich dran. Pass auf!« Er klopfte Taher in einer kameradschaftlichen Geste, jedoch ziemlich kräftig auf den Rücken.

Callistus hatte seinen Satz kaum beendet, als Taher ein schmerzerfülltes Wimmern ausstieß. Völlig verwundert starrte Callistus seinen Freund an. Chryses ließ sein Trainingsschwert fallen und eilte zu Taher, der in die Knie gegangen war und dessen Körper bei jedem stoßartigen Atemzug ein leichtes Zucken durchfuhr.

»Taher, wird es gehen? Ich habe dir doch gesagt, es ist zu früh.«

Callistus stand hilflos daneben. »Kann mir gefälligst jemand mal sagen, was los ist?« Dann sah er das Blut, das den Stoff der Tunika auf Tahers Rücken an einer Stelle langsam rot färbte. Callistus ließ sein Schwert fallen und starrte entsetzt auf die blutroten Flecken, die sich langsam immer mehr auf dem hellen Stoff ausbreiteten.

»Aglaia!«, rief Chryses. »Aglaia!«

Die alte Sklavin kam in einem Tempo herbeigeeilt, das Callistus ihr nicht zugetraut hätte. Sie beachtete den jungen Herrn nicht, sondern beugte sich sofort zu Taher hinunter. Leise und liebevoll redete sie auf ihn ein, während sie die Kordel seiner Tunika öffnete und diese hochschob. Als Callistus die, wie es ihm schien, unzähligen roten Striemen quer über Tahers Rücken sah, stieß er einen winselnden Laut aus und rannte davon.

Kapitel 3

Tahers Wunden heilten schnell, die von Callistus nicht. In den nächsten Tagen war es Taher, der vergeblich nach seinem Freund Ausschau hielt. Callistus ließ sich vier Tage lang nicht blicken. Wenn Taher Simonides, Chryses oder die anderen Sklaven nach ihm fragte, bekam er ausweichende und widersprüchliche Antworten.

Taher ärgerte sich ein wenig über seinen Freund. Wieso mied er ihn auf einmal? Was hatte Callistus geglaubt? Taher hatte es ihm doch gesagt, dass er als Sklave bei einem solchen Vergehen härter bestraft werden würde als der Sohn des Hauses. Die Spuren, die Eolus auf Makarios' Geheiß mit dem Lederriemen hinterlassen hatte, hatten schlimmer ausgesehen, als sie waren. Nur an einer Stelle hatten sie wirklich ins Fleisch geschnitten, und ausgerechnet auf diese hatte Callistus ihn geschlagen. Aber was geschehen war, war geschehen. Er hegte auch keinerlei Groll gegen Eolus, der unter den Schlägen, die er dem parthischen Jungen zufügte, fast mehr gelitten hatte als Taher selbst. Warum Callistus ihm auf einmal aus dem Weg ging, konnte Taher nicht verstehen. Hatten ihm seine Eltern etwa endgültig den Umgang mit einem Sklavenkind verboten? Taher hatte schon immer Angst vor dem Tag gehabt, an dem das der Fall sein würde. Aus irgendeinem Grunde wusste er, dass dieser Tag irgendwann kommen würde: wo sich eine Kluft zwischen Callistus und ihm auftun würde.

Callistus war verstört und beschämt, er brauchte etwas Zeit für sich. Er hatte das Gefühl, dass die Blutflecke auf dem Rücken seines besten Freundes sich in seine Netzhaut gebrannt hatten. Immer wenn er die Augen schloss, sah er sie vor sich und hörte Tahers unterdrückten Schmerzenslaut von Neuem.

Als Erstes war er direkt vom Trainingsplatz zu seinem Vater gerannt und hatte sich, ohne nachzudenken, heulend vor ihm auf die Knie geworfen. Honorius hatte seinen Sohn ermahnt, sich mannhafter zu benehmen. Aber Callistus' Tränen der Wut und des Unverständnisses liefen ungehindert weiter. Die ewig wiederkehrende Rede seines Vaters, dass er endlich lernen müsse, die Grenzen zwischen Sklave und Herr zu akzeptieren und sich dementsprechend zu benehmen, prallte an ihm ab wie Regentropfen auf einem gewachsten Mantel. Doch schließlich ging Honorius auf die Bitte seines Sohnes ein und schickte Zephyrus, den Hausarzt der Familie Capanius, zu Taher, damit dieser sich der Wunden annahm, die die Hiebe mit der Geißel verursacht hatten.

Als Callistus das Arbeitszimmer seines Vaters wieder verlassen hatte, sah Aquilina ihren Mann kritisch an. Sie war ebenfalls im Tablinum des Honorius anwesend, um mit diesem über die Gästeliste für die nächste Abendessenseinladung zu diskutieren. »Wolltest du, dass Makarios den kleinen Parther so hart bestraft?«

»Nein, aber es ist nun einmal geschehen. Nun fang du nicht auch noch an, meine Liebe! Es ist völlig unnötig, diese Belanglosigkeit dermaßen zu dramatisieren, wie unser Sohn es tut. Sein unkonventioneller Gerechtigkeitssinn den Sklaven und besonders Taher gegenüber ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich begreife nicht, dass ihn diese Geschichte so aufwühlt.«

»Unser Sohn ist eben sehr empathisch. Er leidet, wenn sein Freund leidet.«

»Ach, eine kleine Züchtigung hat noch keinem kleinen Jungen geschadet. Als Sklave sollten sich sowohl der kleine Parther als auch Callistus als künftiger Herr dieses Hauses besser an derlei Vorfälle gewöhnen. Zudem scheinst du deine geliebte Eleusis-Vase, dieses hässliche Monstrum, angesichts der Tränen deines Sohnes schnell vergessen zu haben, meine Liebste.«

»Mein Sohn? Wenn unser Sohn Gefühle zeigt und weint, ist er also nur noch mein Sohn! Wenn er sich in der Schule oder beim Kämpfen positiv hervortut, ist er wieder dein Sohn, nicht wahr, mein Liebster?«

Honorius konnte sich ein mildes Lächeln nicht verkneifen. Als Aquilina mit der befriedigenden Gewissheit, einen kleinen ehelichen Sieg davongetragen zu haben, den Raum verließ, hing für einen Moment der Duft ihres exquisiten ägyptischen Parfums in der Luft, den Honorius genüsslich einsaugte.

In den nächsten Tagen täuschte Callistus Unwohlsein vor und versäumte sowohl den Unterricht bei Simonides als auch das Training bei Chryses. Erst am Morgen des fünften Tages erschien er in der Bibliothek und fand Simonides allein über ein Buch gebeugt vor. Der junge Lehrer drehte sich um und stand eilig auf, als er Callistus bemerkte.

»Callistus, da bist du ja wieder. Geht es dir besser?«

Callistus nickte. »Wo ist Taher?«

»Ich nehme an, er hilft in der Küche aus. Oder er ist bei Eolus und Praxis.«

»Wieso? Wir haben doch Unterricht.«

Als Simonides ihm erklärte, dass sowohl der Unterricht als auch das Kampftraining in Callistus' Abwesenheit ausgefallen waren, konnte Callistus ein Stöhnen nicht unterdrücken. Nach dem, was geschehen war, fühlte er sich vor Scham kaum stark genug, Taher gegenüberzutreten, und nun musste er bereits die nächste Lektion lernen: Ohne ihn bekam ein Sklavenkind selbstverständlich keinen Unterricht. Warum hatte er geglaubt, dass es anders war? Simonides hatte es ihm doch erklärt.

»Ich werde ihn holen lassen«, sagte Simonides mit einem aufmunternden Lächeln.

Taher musste gerannt sein, als er brüsk die Tür zur Bibliothek aufriss und außer Atem ins Zimmer stürzte.

»Callistus, da bist du ja endlich wieder!«, Taher strahlte ihn an. Von dem schwermütigen Jungen, dem er vor vier Tagen gegenübergestanden hatte, war nichts mehr zu sehen. »Warst du krank? Ich wollte dich besuchen, aber sie haben mich nicht zu dir gelassen. Was hattest du denn, du zartes edles Pflänzchen?«, frotzelte Taher und knuffte ihn lachend an die Schulter.

»Geht schon wieder.« Diesmal war es Callistus, der verhalten reagierte. Er lächelte Taher schüchtern an. Aber innerlich freute er sich riesig, dass es seinem Freund wieder gut zu gehen schien.

Langsam, aber sicher fanden sie in den nächsten Tagen und Wochen zu ihrer kindlichen Unbeschwertheit zurück. Trotzdem saß Callistus der Schock noch eine Zeit lang in den Knochen. So lehnte er immer wieder ab, wenn Taher ihn zum Ballspielen, Huckepack oder anderen Bewegungsspielen animieren wollte.

»Elender Langweiler! Du hockst nur noch über deinen Büchern.«

Dennoch waren sie wie zuvor die dicksten Freunde. Callistus hatte lange über Simonides' Worte und die seiner Mutter nachgedacht. Egal, was die beiden sagten, Taher war ihm völlig ebenbürtig, und er war sein bester Freund. Daran konnte niemand etwas ändern. Niemals.

Im Laufe der Jahre geriet der traumatische Zwischenfall mit der Vase in Vergessenheit. Zu Callistus' großer Erleichterung hatte es, soweit er wusste, nie mehr eine weitere Geschichte dieser Art gegeben.

Ein paar Monate nach dem Vorfall hatten sie im Schulunterricht bei Simonides Zuwachs bekommen: Sein drei Jahre älterer Vetter Brictius und dessen Schwester Ofelia nahmen nun ebenfalls am Unterricht teil.

Callistus hatte nicht viel für Brictius übrig. Er fand ihn großspurig und ungehobelt. Auch Taher mochte ihn nicht sonderlich. Dennoch hatte es Callistus und Taher erst nicht gestört, dass die Geschwister am Unterricht teilnahmen.

Doch mit der Zeit wurde Brictius' Verhalten vor allem Taher gegenüber immer unerträglicher. Er beschwerte sich immer öfter und deutlicher darüber, dass es eine Schande sei, dass ein Sklave mit ihm auf derselben Schulbank sitzen dürfe. Und dann auch noch einer von diesen parthischen Wilden, wie er sagte. Er behandelte Taher mit größter Herablassung, aber die seltsamen Blicke, die Brictius diesem zuwarf, sprachen eine ganz andere Sprache und gefielen Callistus überhaupt nicht. Denn der fasts vierzehnjährige Brictius sah Taher an wie sämtliche Sklavenmädchen der Nachbarschaft und, wie er sich eingestehen musste, wie er selbst. Taher war inzwischen zwölf. Er wurde mit den Jahren immer attraktiver: seine dunklen faszinierenden Augen mit den geschwungenen Wimpern, in denen man zu versinken drohte, seine leicht gebräunte, matt glänzende Haut, die sich über den wachsenden Muskeln an Oberarmen und Brust spannte, das wellige dichte schwarze Haar, sein stolzer Gang, als wäre er kein Sklave, sondern Alexander der Große höchstpersönlich. Callistus war alles andere als hässlich, doch neben seinem Freund fühlte er sich wie der alberne Schoßhund ihrer Nachbarin Pomponia Medesta neben einem eleganten, energiegeladenen Leoparden.

Seit Brictius am Unterricht teilnahm, verpasste Taher immer häufiger den Unterricht, weil er zu irgendwelchen Besorgungen geschickt wurde. Als Callistus seinen Vater daraufhin ansprach, wiegelte dieser ab, dass er sich nicht mit solchen Nebensächlichkeiten befassen könne. Es dauerte nicht lange, da hatte Callistus herausgefunden, dass hinter den Aufträgen, die Taher auf einmal zu erfüllen hatte, Brictius und dessen Vater Fulgentius steckten. Warum, war ihm schleierhaft.

Eines Morgens kurz vor dem Unterricht erfuhr Callistus, dass sein Freund erneut nicht am Unterricht teilnehmen würde, um mit Eolus etwas in der Stadt zu erledigen. Diesmal wollte er Taher abpassen, bevor dieser das Haus verließ. Er machte sich auf die Suche nach ihm.

Dass er immer öfter zu Botendiensten herangezogen wurde, störte Taher nicht. Wenn er Eolus, Praxis oder Chryses begleiten durfte, war er sogar ein wenig stolz darauf. Mit Chryses und Ambaris, dem Leibwächter des Fulgentius, war er sogar einmal zum Marstall der Prätorianer geschickt worden. Solch stattliche Pferde wie dort hatte er noch nie gesehen. Sie waren viel größer als Maultiere oder Esel. Ihr Fell glänzte und sie schienen vor Kraft und Gesundheit nur so zu strotzen. Der Stallmeister war sehr freundlich zu dem jungen parthischen Sklaven gewesen, als er dessen vor Bewunderung leuchtenden Augen bemerkte. Er hatte erzählt, dass gerade die Pferde parthischer Herkunft besonders edel waren und die Parther exzellente Reiter waren.

Der einzige Nachteil von Tahers Unternehmungen war, dass er Callistus seltener sah. Außerdem war ihm klar, dass hinter den vielen Aufträgen Brictius oder dessen Vater Fulgentius steckte.

Taher wollte gerade das Peristyl überqueren, um Eolus im Atrium zu treffen, als Brictius plötzlich vor ihm stand. Er sah sich um und zog Taher hinter eine Säule. Wütend funkelte Taher Brictius an. Er hatte die ewigen Nachstellungen von Callistus' Vetter langsam satt. Ursprünglich hatte Taher wie ein römischer Junge bis vierzehn am Unterricht teilnehmen wollen, jedenfalls solange der Herr ihn ließ. Aber langsam wurde es mit Brictius unerträglich. Callistus schien wie immer naiv die Augen davor zu verschließen, dass dessen Vetter Taher behandelte, als sei er der Sklave des Hauses des Gnaeus Fulgentius Leberis, und ihn seit einer Weile noch dazu ständig bedrängte.

»Lass mich in Ruhe, Brictius! Was willst du eigentlich? Du hast doch gewonnen, ich werde mal wieder nicht am Unterricht teilnehmen.«

»Na, was, dreckiger Parther? Willst du mich schlagen? Na los, schlag mich doch! Danach wirst du nie wieder irgendwo hingehen, Sklave.«

Taher stand mit dem Rücken an die Säule gepresst, Brictius war dicht vor ihm und stützte sich mit beiden Händen neben Tahers Kopf an der Säule ab. Taher sah Brictius mit größter Verachtung an, entgegnete jedoch nichts. Dann bückte er sich und versuchte, unter Brictius' Armen hindurch zu entwischen, aber Brictius hielt ihn fest.

»Ich habe dich noch nicht entlassen.«

»Was soll das, Brictius? Eolus wird schon auf mich warten.«

Plötzlich beugte Brictius sich noch näher an Tahers Gesicht. Taher wandte sich instinktiv ab. Plötzlich fühlte er Brictius' Hand an seinem Schritt. Taher stieß ihn grob von sich. »Lass deine widerlichen Griffel von mir!«

»Halt still, Sklave! Ich kann mit dir alles machen, was ich will. Mein Vater macht mit den Sklaven auch immer, was er will. Soll ich dir erzählen, was? Ich bin bald vierzehn, damit erwachsen und ein vollwertiger römischer Bürger. Du dagegen bist nur ein jämmerliches Sklavenkind.«

Brictius' Hand rieb Tahers Weichteile. Taher biss sich verzweifelt auf die Lippen und wusste sichtlich nicht, was er tun sollte. Er scheute sich nicht vor einem Kampf mit dem zwar bulligen, aber wenig durchtrainierten Brictius. Aber was wären die Folgen, wenn er als Sklave dem Neffen des Hausherrn eine blutige Nase verpasste?

Plötzlich waren sich nähernde Schritte auf dem Steinboden des Säulengangs zu hören. Taher atmete auf. Brictius wich sofort von dem Parther zurück, der viel zu anziehend für sein Alter war, hob seine Wachstafel vom Boden auf und ging Callistus entgegen.

»Brictius? Was machst du denn hier? Simonides wartet sicher schon auf uns.« Callistus sah seinen Vetter misstrauisch an.

»Ich bin ja schon auf dem Weg. Und was machst du hier?«

Callistus sah zu Taher, der leicht verstört aussah. »Ist es mal wieder dir zu verdanken, dass Taher heute wieder nicht am Unterricht teilnimmt?«, fragte er an Brictius gewandt.

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Ich befasse mich nicht mit Sklaven.«

»Was hast du dann hier gemacht?«

»Ich gehe jetzt jedenfalls zu diesem eingebildeten Griechen und werde ihm mitteilen, dass du dich verspätest, weil du noch mit deinem Sklaven Händchen hältst.« Damit entfernte Brictius sich, drehte sich im Gehen jedoch immer wieder nach Callistus und Taher um.

Als er außer Hörweite war, fragte Callistus: »Was wollte er von dir?«

»Ist doch egal.« Taher stieß sich von der Säule ab, an der er immer noch gelehnt hatte und ließ Callistus stehen.

»Hey, nun lauf doch nicht weg!« Callistus folgte seinem Freund ins Atrium, wo sich Eolus und zwei weitere Sklaven zum Gehen anschickten. Der Türwächter nickte Callistus und Taher zu.

»Ich muss gehen, wie du siehst, Callistus. Viel Spaß beim Unterricht!«

Callistus zog eine Grimasse. Gedankenverloren starrte er noch einen Moment auf die geschlossene Eingangstür durch die Taher gerade verschwunden war. Warum war ihr Verhältnis seit einiger Zeit so angespannt? Etwas in Tahers tiefgründigen schwarzen Augen hatte ihm vorhin nicht gefallen. Was hatte Brictius von Taher gewollt?

Ein paar Tage später feierte Brictius seinen vierzehnten Geburtstag und damit auch das Ende seiner Schulzeit. Brictius' Vater Fulgentius erklärte, dass sie für die Fortsetzung des Unterrichts in Literatur und Rhetorik einen anderen Lehrer in Anspruch nehmen würden. Doch Callistus vermutete, dass die Studien für den wenig begabten Brictius bereits beendet waren. Die schüchterne Ofelia, die Taher permanent verstohlene Blicke zugeworfen hatte, hatte bereits ein Jahr zuvor mit dem Unterricht aufgehört.

Als Callistus seinem Freund die freudige Nachricht überbringen wollte, dass sie im Unterricht beide wieder mit Simonides allein wären, begegnete Taher ihm erneut mit ziemlicher Kälte. Er traf ihn beim Ausfegen an. Zuvor hatte er die diversen Öllämpchen des Hauses neu befüllt.

»Taher, das ist doch gut, dass Brictius weg ist. Jetzt wird es wieder wie früher. Komm!«

»Nein, wird es nicht, Callistus. Du nervst echt manchmal mit deiner ewigen Naivität.«

»Was soll das denn jetzt? Was hast du?«

»Ich darf nicht mehr am Unterricht teilnehmen, das hab ich.«

»Was? Wieso nicht?«

»Frag deinen Vater! Und im Übrigen bin ich beschäftigt, wie du siehst.«

»Ich werde mit ihm reden. Auch darüber!« Callistus deutete auf den Besen, auf den Taher sich stützte. »Und jetzt lass den stehen.« Er nahm Taher den Besen aus der Hand und lehnte ihn an die Wand. Dann ergriff er Taher am Arm und zog ihn mit sich.

»Nicht, Callistus! Das gibt doch nur Ärger.«

»Es ist Zeit für den Unterricht. Simonides wartet. Komm jetzt!«

Verunsichert ließ Taher sich von Callistus mitziehen.

Simonides sah überrascht von der Papyrusrolle auf, die er gerade gelesen hatte. »Oh, Taher! Wie schön, dich auch hier zu sehen! Der Herr hat mir zu verstehen gegeben, dass er deinen Unterricht für beendet erklärt hat. Schön, dass er seine Meinung geändert hat.« Simonides sah Callistus fragend an.

»Er wird seine Meinung ändern«, sagte Callistus und warf sich auf seinen Platz. Als Taher stehen blieb, zog er ihn auf den Platz neben sich.