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Der letzte Schrei der Radiomoderatorin
Als die Bibliothekarin und angehende Privatdetektivin Kitt Hartley ihre ehemalige Assistentin Grace Edwards in Durham besucht, erfährt sie von einem ungelösten Mordfall. Vor einem Jahr verschwand Jodie Perkins, eine Mechanik-Studentin, nachdem ihre Sendung des Studentenradios durch einen ohrenbetäubenden Schrei unterbrochen worden war. Die Polizei vermutet, dass Jodie ermordet wurde, doch ihre Leiche wurde nie gefunden. Grace, die gern bei einer von Kitts Ermittlungen an vorderster Front mitmischen möchte, überredet Kitt, das theoretische Wissen aus ihrer Ausbildung zur Privatdetektivin in der Praxis zu testen. Kommen Kitt und Grace dem Rätsel um die verschwundene Studentin auf die Spur?
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2024
Als die Bibliothekarin und angehende Privatdetektivin Kitt Hartley ihre ehemalige Assistentin Grace Edwards in Durham besucht, erfährt sie von einem ungelösten Mordfall. Vor einem Jahr verschwand Jodie Perkins, eine Mechanik-Studentin, nachdem ihre Sendung des Studentenradios durch einen ohrenbetäubenden Schrei unterbrochen worden war. Die Polizei vermutet, dass Jodie ermordet wurde, doch ihre Leiche wurde nie gefunden. Grace, die gern bei einer von Kitts Ermittlungen an vorderster Front mitmischen möchte, überredet Kitt, das theoretische Wissen aus ihrer Ausbildung zur Privatdetektivin in der Praxis zu testen. Kommen Kitt und Grace dem Rätsel um die verschwundene Studentin auf die Spur?
Helen Cox wurde in Yorkshire geboren und studierte an der University of York St. John Kreatives Schreiben. Als Journalistin schrieb sie bereits sowohl für zahlreiche Magazine und Websites als auch für TV und Radio. Fünf Jahre lang gab sie ihr eigenes unabhängiges Film-Magazin heraus, und sie hat drei Sachbücher geschrieben. Inzwischen hat sie einen Podcast und arbeitet bei City Lit in London.
Kriminalroman
Übersetzung aus dem Englischen vonBarbara Röhl
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2020 by Helen Cox
Titel der englischen Originalausgabe:
»Death Awaits in Durham«
Originalverlag: Quercus Editions Ltd, an Hachette UK company
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2024 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Textredaktion: Dr. Ulrike Strerath-Bolz, Friedberg
Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de unter Verwendung von Illustrationen von © iStock/Getty Images Plus: phatthanit_r | dugguri | Lagui | ayurara | zizar2002 | Alleksander | GlobalP | tada | Elizaveta Efimova | aklionka
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-5590-0
luebbe.de
lesejury.de
Ein Verzweiflungsschrei drang blechern aus den Lautsprechern des Laptops. Der gellende Aufschrei verstummte abrupt, und dann herrschte Stille.
Langsam sah Grace zu Kitt hinüber. Sie saß am Fußende von Graces Bett in deren Wohnheimzimmer, das ihr die Verwaltung der Venerable Bede’s Berufsakademie zugewiesen hatte. Insgeheim genoss Grace den Gegensatz zwischen der zugeknöpften Kitt und der kitschig-coolen Powerpuff-Girls-Decke, die sie aus Leeds mitgebracht hatte. Wenn sie sich etwas davon anmerken ließ, würde Kitt allerdings den Sitzplatz wechseln. Und dabei war dieser leicht komische Anblick das Einzige, was sie von der morbiden Geschichte um Jodie Perkins und das, was ihr letztes Jahr zugestoßen war, ablenkte. Und das nach gerade einmal vier Wochen an der Akademie.
»Na schön, dieser Schrei reicht, um jedem Albträume zu bereiten. Wie haben Sie davon gehört?«, fragte Kitt stirnrunzelnd.
»Na, ich müsste schon taub und blind sein, um nicht davon zu wissen. Das ganze erste Studienjahr redet von nichts anderem. Die Person, die Jodie überfallen hat, wurde nie gefasst, und deshalb fragen sich alle, wer die Nächste ist. Ob eine von uns entführt werden wird, um nie wieder gesehen zu werden, genau wie sie.«
Einen Moment lang starrte Kitt ihre ehemalige Assistentin an, die an der Vale-of-York-Universität für sie gearbeitet hatte, bevor sie sich hier am Venerable Bede für Bibliothekswissenschaften eingeschrieben hatte. »Und diese Tonaufnahme lag einfach so herum?«
»Nicht wirklich«, sagte Grace und strich sich eine braune Locke hinters Ohr. »Die Akademie hat ein Studentenradio. Sie befand sich im Tonarchiv.«
»Sagen Sie mir, dass Sie sich nicht reingehackt haben«, sagte Kitt und schloss die Augen, als könnte sie das vor der unvermeidlichen Antwort bewahren.
»Das Passwort war VENERABLEBEDE2020. Kommen Sie schon, das kann man wirklich nicht als Hacking bezeichnen. Ich habe WLAN-Passwörter in Pubs gesehen, die schwerer zu erraten waren.«
Kitt schlug die Augen auf und schüttelte matt den Kopf. »Solange Ihnen klar ist, dass ich nicht Ihre Kaution stellen werde, wenn Sie sich erwischen lassen …«
Die Frauen wechselten einen Blick. Sie wussten beide, dass Kitt definitiv die Person wäre, die die Kaution übernahm, sollte Grace durch ihre impulsive Art irgendwann hinter Gittern landen. Schließlich konnte Grace nicht ihre Eltern anrufen, vor allem nicht nach den Ereignissen des Sommers.
»Spielen Sie’s noch mal ab«, sagte Kitt.
Grace holte tief Luft und richtete sich darauf ein, den etwas nervenaufreibenden Audio-Clip noch einmal anzuhören. Nicht gerade das, was man ein leichtes Hörvergnügen am Sonntagabend nennen würde. Da sie annahm, dass Kitt ihre Gründe dafür hatte, um die Zugabe zu bitten, tat Grace ihr den Gefallen und klickte mit der Maus auf den »Play«-Button.
»Ihr hört Castle Rock FM, eine Radiostation von Studenten für Studenten, und ich bin Randy Hobbs.« Die Stimme des Moderators klang zuckersüß und so klebrig, dass Grace beinahe zusammengezuckt wäre. Sie hatte sich den Clip schon fünfmal angehört, aber die Stimme des DJs war davon nicht angenehmer geworden. »Also, alle aus dem ersten Studienjahr kennen wahrscheinlich unsere nächste Anruferin, Jodie Perkins, die Kfz-Mechanik studiert. Sie hat sich bei der Sendung gemeldet, weil sie behauptet, ein Geheimnis aufgedeckt zu haben, das die ganze Community von Venerable Bede erschüttern wird. Eine ziemlich heftige Behauptung, wenn man bedenkt, dass sie erst vier Wochen hier studiert. Wir haben sie jetzt live in der Leitung. Hallo, Jodie?«
»Randy?« Jodie kreischte den Namen des DJs beinahe, und man hörte ein Rascheln, als würde sie rennen und das Handy bewege sich dabei auf und ab.
»Ja, Jodie, wir können dich hören. Alles in Ordnung bei dir? Es heißt, du hättest uns etwas über eine Person zu erzählen, die hier am Venerable Bede ziemlich bedeutend ist.«
»Yeah«, sagte Jodie. Das Rascheln wurde langsamer und verstummte dann. Danach zu urteilen, wie sie ins Handy atmete, hörte es sich an, als ringe sie nach Luft. »So, wie es am Venerable Bede läuft, wird das wahrscheinlich manche Leute nicht überraschen, aber ich habe nachgeforscht, und jetzt habe ich den Beweis dafür, dass … dass … was? Nein … Was machst du denn hier?«
»Alles in Ordnung, Jodie?«, hakte Randy nach.
»Nein! Es ist … Sssss…«, brachte Jodie nur heraus, dann hörte man so etwas wie ein Handgemenge, und anschließend erscholl der schon allzu vertraute, markerschütternde Schrei.
Kurz herrschte Schweigen, dann ergriff Kitt das Wort.
»Was war das für ein Ton am Ende? Sie schien etwas durch die Zähne zu zischen.«
»Keine Ahnung«, sagte Grace. »Sie schien etwas sagen zu wollen. Einen Namen vielleicht?«
»Und die Polizei hat Jodie nie gefunden, auch keine Leiche?«
»Nichts. Die Polizei war sich nicht mal sicher, ob überhaupt ein Mord passiert ist. Keine Leiche. Keine forensischen Spuren eines Kampfes.«
»Was ist mit Zeugen?«, fragte Kitt.
»Niemand hat sich gemeldet. Randy Hobbs hatte die Nachtschicht. Das alles ist an einem Mittwoch in den frühen Morgenstunden passiert. Um die Zeit sind nicht allzu viele Leute unterwegs.«
»Aber sie hat am Ende des Clips eindeutig mit jemandem geredet, wahrscheinlich mit der Person, die sie überfallen hat. Das ist zumindest ein Hinweis auf einen Kampf.«
»Ich kenne nicht alle Einzelheiten, aber wir hören die Stimme der anderen Person nicht, daher wissen wir nicht, was an ihrem Ende der Leitung vor sich ging. Sie schreit auf, aber das hätte auch gewesen sein können, als sie vor der unbekannten Person weggerannt ist, und vielleicht ist sie entkommen und verschwunden. Wir wissen nicht, ob der oder die Unbekannte sie erwischt hat, wir wissen nicht einmal, ob die Person sie wirklich tätlich angegriffen hat.«
»Wir wissen es nicht, aber ihr Verschwinden könnte darauf hinweisen«, sagte Kitt. »Es ist tragisch, Grace, vor allem, weil das Mädel so jung war, aber ich kann mir nicht gut vorstellen, wie ich bei diesem Stand der Dinge behilflich sein kann.«
Grace starrte Kitt durchdringend an. »Erzählen Sie mir nicht so was. Ich kenne niemanden, der besser qualifiziert wäre, dieses Rätsel zu lösen, als Sie.«
»Das würde ich Mal an Ihrer Stelle aber nicht hören lassen«, sagte Kitt mit einem merkwürdigen leisen Grinsen.
»Inspektor Hallorans Gang hatte schon ihre Chance, die Sache zu klären. Jetzt sind wir dran.«
»Bei Ermittlungen geht es nicht unbedingt darum, sich abzuwechseln. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob es ganz angemessen ist, die Polizei als ›Hallorans Gang‹ zu bezeichnen …«
Grace verschränkte die Arme. »Ich dachte, Sie hätten diesen Privatdetektiv-Kurs gemacht, um Leuten zu helfen?«
»Schon, aber Privatermittler helfen ihren Klienten. Zahlenden Klienten.«
»Ja, und? Heißt das, Sie wollen nicht an diesem Fall arbeiten, weil Sie damit kein Geld scheffeln können?«
Kitt stieß einen Seufzer aus, der fast zu leise war, um hörbar zu sein. Beinahe. »Es geht nicht um Geld. Es geht um Spesen. Verzeihen Sie, dass ich kein Geld in eine von Grace Edwards koordinierte Phantom-Ermittlung stecken will. Jede Art von Operation erfordert einen gewissen Einsatz an finanziellen Mitteln. Ich stehe noch am Anfang und habe nur die grundlegende Ausstattung. Da wir gerade davon reden, haben Sie mich deswegen gebeten, meine Ausrüstung mitzubringen? Ich dachte, Sie wollten bloß damit herumspielen.«
»Na ja, niemand könnte es einem Mädchen verübeln, einen Tassenhalter auszuprobieren, der in Wirklichkeit eine Kamera ist, aber die Gelegenheit, mit Spionageausrüstung zu experimentieren, tritt doch in den Hintergrund, wenn ein junges Mädchen vermisst wird und wahrscheinlich tot ist.«
»Eine schreckliche Sache, einfach furchtbar, aber es würde weit mehr als meine verfügbaren Ressourcen brauchen, um eine Spur aufzunehmen, die seit einem Jahr kalt ist. Und in solchen Fällen, wenn ein so junger Mensch verschwindet, hat man auch eine Verantwortung, sensibel gegenüber den Angehörigen zu sein. Wir können nicht einfach so über sie herfallen und Erinnerungen aufrühren.«
»Das verlange ich ja gar nicht, aber wir müssen doch irgendwo anfangen. Die begrenzten Ressourcen machen diesen Fall doch zu einer noch größeren kreativen Herausforderung, oder? Und außerdem dachte ich, Sie wollten Ihre eigene Agentur aufmachen.«
»Will ich immer noch.«
»Tja, Sie werden niemals in der Lage sein, in der Bibliothek auf Teilzeit zu gehen und Ihre Büchersucht zu finanzieren, solange Sie sich keinen Ruf als hartgesottene Ermittlerin aufbauen, und die Chancen dafür stehen schlecht, wenn sie bloß ein paar untreue Ehepartner im Stadtzentrum von York beschatten.«
»Ach, wirklich«, sagte Kitt mit wissendem Blick. »Und Sie haben einen besseren Plan, nehme ich an?«
»Einen Cold Case wie das Verschwinden von Jodie Perkins aufzuklären, würde Ihren Bekanntheitsgrad bestimmt erhöhen.«
Kitt zog die Nase kraus; ihre Miene wirkte zweifelnd.
»Zwingen Sie mich nicht, Ihnen das YouTube-Video von Jodies Eltern vorzuspielen, in dem sie um Informationen bitten. Es ist herzzerreißend«, legte Grace nach. Sie behielt für sich, dass sie noch gute zehn Minuten geschluchzt hatte, nachdem der Clip zu Ende gewesen war. »Wir wissen, dass du irgendwo da draußen bist, Jodie, Liebes«, hatte Jodies Mutter gesagt. »Wir werden nicht zulassen, dass du zu einem dieser Vermisstenfälle wirst, die niemals aufgeklärt werden. Wir geben nicht auf.«
Eltern, die mit so viel Liebe appellierten, um ihre Tochter nach Hause zu holen, hätten Grace an einem normalen Tag ein oder zwei Tränchen verdrücken lassen; doch momentan hatte die Sache einen besonders empfindsamen Nerv getroffen. Es war sechs Wochen her, seit sie mit ihrer eigenen Mutter telefoniert hatte. Sie hatte sich einzureden versucht, das sei gut. Dass vielleicht eine Zeit der räumlichen Trennung dazu beitragen würde, ihre Mutter daran zu gewöhnen, dass sie ihr nie den Grad an Gehorsam leisten würde, der traditionell von einer jungen Frau indischer Abstammung erwartet wurde. Doch abgesehen davon war sie überzeugt, dass jeder da draußen, der den Fernsehappell der Perkins’ gesehen hatte, sich nach seiner Familie sehnen würde.
Grace fühlte sich in Durham einsamer, als sie erwartet hätte. Sie war von ihren Freunden zu Hause in York und Leeds getrennt, FaceTime war nicht dasselbe, wie sich im Pub zu treffen oder zum Tanzen in ein Lokal zu gehen, und hier hatte sie eigentlich noch keinen Anschluss gefunden. Der Umstand, dass Durham praktisch eine Halbinsel war, die vom Wear-Fluss umschlungen wurde, trug nicht gerade dazu bei, dieses Gefühl von Isolation zu lindern. Der Appell von Jodies Eltern, die über die Fernsehnachrichten versuchten, ihre verschollene Tochter zu finden, hatte Graces Abwehr endgültig den Rest gegeben.
»Nicht nötig«, sagte Kitt und unterbrach Graces Grübelei. »Ich kann mir nur vorstellen, was die Eltern des Mädchens durchgemacht haben, daher zögere ich, alte Wunden aufzureißen. Überhaupt, haben Sie nicht genug zu tun, ohne sich in eine Privatermittlung zu stürzen? Normalerweise wollen Sie doch mitmachen, weil Sie nichts Aufregendes zu tun haben, aber jetzt haben Sie gerade eine neue Ausbildung an einer neuen Institution in einer neuen Stadt angefangen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie nicht genug Beschäftigung haben.«
»Ja, ich habe mit der Akademie genug zu tun, aber als ich gehört habe, was diesem Mädel passiert ist … Na ja, es hat mir keine Ruhe gelassen.«
Kitts Stirnrunzeln vertiefte sich.
»Ich weiß, ich habe einen bösen Witz darüber gerissen, dass jetzt alle denken, sie wären als Nächste an der Reihe; aber die Wahrheit ist, dass ich mir aufrichtig Sorgen mache, jemand könnte dieses Mädchen entführt und ihr etwas angetan haben, und dass das Gleiche jemand anderem passieren könnte. Ich weiß, Sie meinen, wir sollten keine alten Wunden aufreißen, und das verstehe ich. Aber wenn Eltern nicht wissen, was ihrem Kind zugestoßen ist, glauben Sie wirklich, dass solch eine Wunde jemals heilt?«
»Wahrscheinlich nicht«, räumte Kitt ein.
»Wir brauchen Jodies Eltern ja nicht unbedingt einzubeziehen, solange wir nicht sicher sind, reale Ansatzpunkte zu haben. Falls wir etwas entdecken, durch das sie einigermaßen mit der Sache abschließen können, wäre das nicht einen Versuch wert?«
»Ja, Sie haben recht. Und wenn Sie sich deswegen aufrichtig Sorgen machen, wirft das auch noch einmal ein anderes Licht auf die Situation.«
»Wie bitte, haben Sie da gerade gesagt, ich hätte recht? Kann ich das schriftlich haben?«
»Oh, hören Sie schon auf!«, gab Kitt zurück. »Vielleicht will ich Sie ja auch nur beschwichtigen, damit Sie nicht davonlaufen und Ihre eigene Ermittlung starten – die Sie ohne meine Anleitung zweifellos verpfuschen würden. Außerdem ist es wahr, dass ich zwar momentan meine Brötchen mit ehelicher Untreue verdiene, aber das kann man wohl kaum als geistig anregende Arbeit bezeichnen.«
»Dann machen Sie mit?«
»Wenn es Ihrem Seelenfrieden dient, schaue ich mir die Sache an. Aber ich kann nicht versprechen, dass ich den Fall löse. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin gut. Und mein enzyklopädisches Wissen hat mir bei ähnlichen Ermittlungen immer gute Dienste geleistet.«
Grace versuchte, nicht über Kitts Aufschneiderei zu grinsen. Sie kannte die Anzeichen dafür, dass ihre ehemalige Chefin sich für eine Ermittlung erwärmte, und hatte nicht vor, irgendetwas zu tun, um ihre Begeisterung zu dämpfen.
»Ich will aber nicht, dass Sie sich zu große Hoffnungen machen. Ich bin nur bis Mittwoch in der Stadt, das heißt, dass ich in drei kurzen Tagen wieder in der Bibliothek sein muss. Ich kann die Sache in den folgenden Wochen weiter im Auge behalten, aber wahrscheinlich wird danach die Dynamik nachlassen. Dann nimmt meist die Arbeit überhand.«
»Ganz bestimmt sind drei Tage mehr als genug Zeit für Kitt Hartley, die Meisterdetektivin, um eine heiße Spur zu finden!«
»Wenn Sie mich noch mal so nennen, fahre ich sofort nach Hause«, sagte Kitt, obwohl ein leises Lächeln verriet, dass sie sich an den Namen gewöhnen könnte, wenn man ihr den Hauch einer Chance gab. »Ich hatte schon genug Probleme damit, überhaupt herzukommen, Sie müssen es nicht mit idiotischen Spitznamen noch schlimmer machen.«
»Ach ja. Sie sollten ja Ihren Jahresurlaub nicht im Oktober nehmen, weil da so viel zu tun ist. Hat Michelle Krieg mit Ihnen gespielt?«
»Natürlich. Aber ich habe den größten Teil davon ausgeblendet, indem ich die Jane-Eyre-Miniserie aus dem Jahr 2006 vor meinem inneren Auge abgespult habe. Hat das Schlimmste abgehalten. Aber selbst, wenn ich einen Monat Zeit hätte, müssen Sie verstehen, dass die Spur inzwischen kalt ist, und … und … Grace!«
»Was?«, fragte Grace, doch als sie sah, in welche Richtung Kitts Blick ging, musste sie eine Hand vor den Mund halten, um ein Kichern zu unterdrücken.
»Warum haben Sie dieses alberne Bild von mir auf Ihrem Nachttisch?« Kitt wies auf ein Foto, das Grace gerahmt hatte. Sie hatte es vor Ewigkeiten aufgenommen, nicht lange, nachdem sie als Kitts Assistentin angefangen hatte. Auf dem Foto biss Kitt gerade in ein großes Stück ihres selbst gebackenen Ingwerkuchens. Grace hatte den Rahmen vor Kitts Ankunft auf den Nachttisch gestellt, um ihr einen Streich zu spielen, und war – um die Wahrheit zu sagen – ein wenig pikiert gewesen, weil Kitt das Bild nicht eher bemerkt hatte. Sie war seit ungefähr dreißig Minuten hier, und Grace war kein Fan von aufgeschobener Bedürfnisbefriedigung.
»Ich weiß wirklich nicht, warum Sie so beleidigt tun. Ich kriege Sie jetzt nicht mehr jeden Tag zu sehen, und das fehlt mir. Sie sollten sich geschmeichelt fühlen!«
Kitt warf Grace einen scharfen Blick zu. Aber wenn Grace ganz ehrlich zu sich war, war das eigentlich keine Lüge, sondern eine milde Beschönigung. Sie hatte Kitt vermisst, und zwar mehr, als sie sich anmerken ließ. So aufgeregt sie auch über ihren Studienplatz hier am Venerable Bede war – demselben Institut, an dem auch Kitt Bibliothekswissenschaften studiert hatte –, hatte es doch bedeutet, die einzige Familie, die sie hatte, zurückzulassen, nachdem ihre Blutsverwandten deutlich zum Ausdruck gebracht hatten, dass sie nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten.
»Falls Sie gehofft hatten, ich würde mich geschmeichelt fühlen, hätten Sie ein vorteilhafteres Foto aussuchen sollen«, sagte Kitt. »Ich kann Ihnen sagen, ich beginne noch einmal über das Empfehlungsschreiben nachzudenken, das ich Ihnen ausgestellt habe, um Ihnen den Platz hier zu besorgen.«
Grace reagierte mit einem langen, volltönenden Kichern.
»Sie können sich rehabilitieren, indem Sie mir erzählen, dass Sie wenigstens einen Ansatzpunkt für diese Ermittlung haben«, lenkte Kitt ein.
Grace, die immer noch lächelte, klickte ein paarmal mit der Maus. »Wo besser anfangen als bei den Menschen, die nie aufgehört haben, nach ihr zu suchen?«
Grace sah zu, wie Kitt die Website überflog, die sie aufgerufen hatte und auf der um Informationen zu Jodies Verschwinden gebeten wurde. Der Kopf der Seite zeigte ein großes Foto von Jodie. In dem Moment, als Grace es gesehen hatte, hatte sie das Gefühl gehabt, sie flehe sie an, nach ihr zu suchen. Und Grace hatte ihr das stille Versprechen gegeben, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sie zu finden. Als junge Frau, die sich plötzlich in einer unvertrauten Umgebung wiederfand und sich allein durchschlagen musste, hatte Grace ein geschärftes Bewusstsein dafür entwickelt, wie viele Mädchen verschwanden und nie wieder auftauchten. Grace hatte keine Hoffnung darauf, bald ihren Weg zu finden, doch sie glaubte fest daran, dass sie mit Kitts Hilfe die Kraft aufbringen würde, Jodie zurückzuholen.
»Wer ist dieser Kerl?«, fragte Kitt. Sie wies auf das Bild eines Mannes, der ungefähr in Graces Alter zu sein schien. Er hatte kurzes schwarzes, zurückgegeltes Haar. Grace hatte die Website vor Kitts Eintreffen ein paarmal angesehen und bei näherer Betrachtung festgestellt, dass seine dunkelbraunen Augen von Natur aus verletzt wirkten.
»Das ist Patrick Howard. Er studiert hier im dritten Jahr Prävention und Resozialisierung. Er wäre wahrscheinlich unser erster Anlaufpunkt, wenn wir noch damit warten wollen, Jodies Eltern zu kontaktieren. Er war mit Jodie zusammen, als sie verschwunden ist.«
»Jugendliche Schwärmerei? Oder etwas Ernsteres?«, fragte Kitt.
»Sie waren verlobt, und den Gerüchten zufolge hat er sich ihr Verschwinden nie verziehen.«
Kitt beugte sich vor, um Patricks Foto genauer in Augenschein zu nehmen. Sie inspizierte sein Gesicht ein paarmal und musterte aufmerksam seine Züge. »Ich frage mich«, sagte sie schließlich, »ob er deshalb nie über Jodies Verschwinden hinweggekommen ist, weil er etwas damit zu tun hatte.«
»Wir kommen noch zu spät, wenn wir uns weiter verzetteln«, sagte Grace und sah auf die Uhr.
»Ich weiß, ich weiß, aber lassen Sie mir noch eine Minute, um sie anzusehen«, sagte Kitt.
Grace unterdrückte ein Aufseufzen. An jedem anderen Tag wäre sie diejenige gewesen, die die überpünktliche Kitt aufhielt – und es schmeckte ihr nicht besonders, ihre eigene Medizin kosten zu müssen.
Gestern Abend, kurz bevor Kitt zu ihrer Pension im Stadtzentrum von Durham aufgebrochen war, hatten sie sich darauf geeinigt, dass Grace ein Treffen mit Patrick Howard vereinbaren würde, um Jodies Verschwinden eingehender zu diskutieren. Patrick hatte sich sofort bei ihr gemeldet, und sie hatte ein Treffen gegen Mittag absprechen können – gleich nach ihren Vorlesungen am Vormittag. Anschließend hatten Kitt und sie sich für Viertel vor zwölf vor der Bibliothek der Venerable Bede’s Akademie verabredet. Es hatte Grace nicht erstaunt, dass Kitt diesen Treffpunkt ausgesucht hatte, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass Kitt in der zunehmend frischen Oktoberluft davorstehen und ganz ähnlich hingerissen zu dem Gebäude aufschauen würde, wie es Grace – gelegentlich – miterlebt hatte, wenn sie zu ihrem Freund aufsah, Detective Inspector Halloran.
Kurz musterte Grace Kitts Profil. Wie immer in den Herbst- und Wintermonaten trug Kitt ihren rotbraunen Filzhut, und ihr rotes Haar bauschte sich in dem scharfen Wind. Grace konzentrierte sich auf den weiten, beinahe suchenden Blick in Kitts eisblauen Augen und fragte sich, wie Kitt wohl entscheiden würde, wenn sie jemals zwischen ihrer Liebe zu Büchern und ihrer Liebe zu Halloran wählen müsste. Zum Glück für Halloran war es unwahrscheinlich, dass sie je in diesen Zwiespalt geraten würde.
Obwohl Grace sie anstupste, fuhr Kitt fort, bewundernd die viktorianische Linienführung an der aus rotem Backstein errichteten alten Bibliothek zu betrachten. Grace fand genau wie Kitt, dass die Bibliothek eine Schönheit war. Die Studenten eilten durch einen prachtvollen Torbogen hinein, der von zwei hohen Säulen gestützt wurde. Wenn man den Blick nach oben wandte, entdeckte man vier große Erkerfenster, eins auf jedem Stockwerk der Bibliothek, die von einer Reihe kunstvoll verzierter Giebel gekrönt wurde. Doch das vielleicht auffälligste Element des Gebäudes war der Turm, der sich dahinter erhob und das Dach stolz überragte.
Die Architekten des Venerable Bede’s hatten offenbar anerkannt, dass die Bibliothek das Kronjuwel der Hochschule war, da sie direkt im Herzen des Campus lag, neben der Studentenvereinigung und einem See: dem größten künstlichen See Europas und mit recyceltem Plastik ausgekleidet, wie die Broschüre der Akademie werbewirksam verkündete. Die Fakultäts- und Vorlesungsgebäude, die ebenfalls aus rotem Backstein errichtet waren, hatte man als großes Quadrat rund um die Bibliothek hochgezogen, und dahinter lagen die Wohnheime und das kleine campuseigene Einkaufszentrum.
»Schwer zu glauben, dass es über zehn Jahre her ist, seit ich hier gesessen und alles studiert habe, was es über die Katalogisierung und Organisation des geschriebenen Worts zu wissen gibt«, sagte Kitt mit verträumter Miene. »Seit ich an der Vale-of-York-Universität angefangen habe, war es meine Mission, dafür zu sorgen, dass mein Teil der Bibliothek es mit der Erhabenheit dieses Hauses aufnehmen kann.«
»Tja, je eher wir hineingehen, desto schneller können Sie feststellen, ob es Ihnen gelungen ist«, sagte Grace. Es war fünf nach zwölf. Inzwischen kamen sie wirklich zu spät zu ihrem Treffen mit Patrick Howard, und sie machte sich Sorgen, er könnte wieder gehen, wenn sie nicht bald auftauchten. Grace hatte lange drauf gewartet, bei einer von Kitts Ermittlungen an vorderster Front mitzuwirken, und hatte nicht vor, sich nur wegen Kitts Besessenheit für alles, was mit Bibliotheken zu tun hatte, die Chance durch die Finger rinnen zu lassen, selbst einen Fall zu lösen. Vor allem angesichts des privaten, stillen Versprechens, das sie dem Opfer gegeben hatte.
»Ach, schon gut, dann kommen Sie«, sagte Kitt. Doch es stellte sich heraus, dass es ebenso schwierig war, Kitt in die oberste Etage der Bibliothek zu bugsieren, wo sie sich mit Patrick treffen sollten, wie es gewesen war, sie über die Schwelle zu bekommen. Kitt, die offensichtlich high vom Geruch alter Bücher war, begann die Stapel zu durchwühlen, schoss mit ihrem Handy Fotos von besonderen Bänden und überflog fast jede Fachzeitschrift, auf die ihr Blick fiel.
Erst nachdem Grace ihr versichert hatte, dass sie nach dem Treffen mit Patrick reichlich Zeit für all das haben würden, gab Kitt nach und folgte Grace die Treppe ins oberste Stockwerk hinauf.
»Ich glaube, das ist er«, erklärte Grace. Sie winkte dem Mann zu, der vor einer Reihe von Lesepulten am Fenster saß, durch das man in der Ferne die Kirchtürme und Festungsmauern der mittelalterlichen Stadt erkennen konnte.
Patrick winkte zurück und stand auf, während Grace und Kitt sich zwischen niedrigen Bücherregalen und einer weiteren Reihe von Lesetischen den Weg zu ihm suchten.
Graces erster Gedanke war, dass Patrick größer wirkte, als sie erwartet hatte. Ziemlicher Unsinn, da es fast unmöglich war, die Größe eines Menschen anhand eines Selfies zu beurteilen. Sein Haar war länger als auf dem Foto und wellte sich an den Ohren. Er trug eine Brille, die auf dem Bild auch nicht zu erkennen gewesen war; sie saß auf einer Nase, von der manch einer behauptet hätte, sie sei ein wenig zu groß und zu spitz für sein Gesicht.
»Patrick?«
»Grace?«
»Ja, und das ist die Freundin, die ich erwähnt habe, Kitt Hartley.«
Patrick schüttelte den beiden die Hand. Seine Geste hatte etwas Sanftes, das Graces Lächeln breiter werden ließ.
»Ich habe Ihnen drei Plätze freigehalten«, erklärte Patrick und zeigte auf ein paar Stühle. Grace und Kitt setzten sich. »Ich freue mich so, dass Sie gekommen sind. Ich … ich dachte schon, Sie hätten es sich anders überlegt.«
»Ja, entschuldigen Sie die kleine Verspätung«, sagte Grace und versuchte, es nicht allzu betont klingen zu lassen, während sie gleichzeitig wünschte, sie hätte eine Möglichkeit, Patrick mitzuteilen, dass ihr unpünktliches Erscheinen nicht ihre Schuld war. Der Mann war schon gebeutelt genug, ohne warten zu müssen und sich zu fragen, ob ein paar Unbekannte, die versprochen hatten, ihm zu helfen, überhaupt auftauchen würden. »Aber wir haben einiges an Erfahrung auf diesem Gebiet und würden gern helfen, wenn wir können.«
Patrick lächelte. »Es hat mich … gefreut, Ihre Nachricht zu erhalten. Die meisten Leute, die wir engagiert hatten, um die Sache zu untersuchen, und die meisten der Menschen, die aus reiner Herzensgüte freiwillig dabei waren, haben inzwischen aufgegeben und Jodie als hoffnungslosen Fall abgeschrieben.« Sein Lächeln verflog, und ein gequälter Ausdruck huschte über sein Gesicht. Bei dem Anblick spürte Grace ein heftiges Ziehen irgendwo in ihrem Inneren. Sie hatte selbst noch nie eine Langzeitbeziehung gehabt – ihr Argument war, dass sie noch nicht lange genug auf der Welt war, um sich so ernsthaft auf einen anderen Menschen einzulassen –, doch in diesem Moment stellte sie sich unwillkürlich vor, wie grauenhaft es wäre, wenn ihre erste Liebe verschwinden würde wie Jodie. Wie lebte man mit dem Gedanken, dass das Letzte, was man je wieder von dieser Person hören würde, ein verzweifelter Schrei war, der live über das Studentenradio gesendet worden war? Aus irgendeinem Grund konnte sie ihr Hirn nicht ganz dazu bringen, sich darauf einzulassen. Aber der Blick auf Patricks Miene verschaffte ihr einen kleinen Eindruck davon, wie viel Kummer damit verbunden war.
»Ist von den freiwilligen Helfern noch jemand übrig, der bereit wäre, mit uns zusammenzuarbeiten?«, fragte Kitt und kam, Patricks Beispiel folgend, gleich zum Wesentlichen. »Je mehr Menschen bei solchen Unternehmungen mit im Boot sind, desto besser.«
»Meine Mutter ist die Einzige, die noch so engagiert ist wie ich. Sie können wir also immer um einen Gefallen bitten, wenn wir ihn brauchen. Ich glaube, sie hat Mitleid mit mir. Weil ich nicht aufgeben kann. Mich nicht neu orientieren, verstehen Sie?«
»Ja«, sagte Kitt. »Ich weiß, wie es ist, an jemandem festzuhalten, weil man das Gefühl hat, ihn nicht loslassen zu können. Ich würde das niemandem wünschen, und es tut mir leid, dass Sie das durchmachen müssen.«
Patrick nickte langsam und bedrückt, schien sich aber dann bewusst darum zu bemühen, ihnen zuzulächeln. »Das Gute ist allerdings, dass Mum finanziell ziemlich gut gestellt ist. Dank einer Abfindung nach ihrer Scheidung vor ein paar Jahren konnte sie vorzeitig in den Ruhestand gehen und ist in der Lage, für Ihre Zeit und Ihre Kosten aufzukommen – Grace hat erwähnt, dass Sie ausgebildete Privatermittlerin sind. Ich habe schon mit Mum gesprochen, und sie ist sehr gern bereit, für Ihre professionellen Dienste zu zahlen.«
Daraufhin hellte sich Kitts Miene sichtlich auf. »Ich habe meine Ausbildung vor ein paar Monaten abgeschlossen und seitdem einige kleinere Fälle übernommen.«
Grace kniff die Augen zusammen. Kleinere Fälle? Das kam ihr etwas untertrieben vor, wenn man bedachte, dass sie einmal einen Serienkiller seiner gerechten Strafe zugeführt hatten. Es sah Kitt gar nicht ähnlich, ihre Rolle bei der Aufklärung der Verbrechen, an denen sie mit Halloran und Banks gearbeitet hatte, herunterzuspielen. Doch dann fiel Grace ein, dass die Zurückhaltung ihrer Freundin wahrscheinlich darauf beruhte, dass sie eigentlich keine Details über ihre Mitwirkung preisgeben durfte. Falls Hallorans Vorgesetzte je herausfanden, wie viel Informationen über die Fälle er an Kitt weitergegeben hatte, würde ihn das wahrscheinlich seinen Dienstausweis kosten.
»Ich habe kein Interesse daran, Profit aus dieser Angelegenheit zu schlagen«, fuhr Kitt fort, »aber wenn ich ein Budget hätte, könnte ich eine richtige Ermittlung für Sie durchführen. Vor allem anderen müsste ich allerdings ein paar erste Recherchen anstellen. Ich will Sie nicht hinhalten, aber da die Spur kalt ist, kann ich Ihnen keine verbindlichen Zusagen machen.«
»Das verstehe ich, aber werden Sie noch einen Versuch starten? Ich meine, nachforschen? Sehen, ob Sie sie finden können oder wenigstens erfahren, was ihr passiert ist?«
Kitt nickte. »Wenn es noch etwas über die Ereignisse dieser Nacht herauszufinden gibt, dann werde ich mein Bestes tun, um es aufzudecken.«
»Das weiß ich wirklich zu schätzen. Momentan ist mir jede Hoffnung willkommen. Der Jahrestag von Jodies Verschwinden war … hart.« Kurz sah Patrick auf den Tisch hinunter. Irgendein Student, den das Buch, das er ansah, gelangweilt hatte, hatte den Namen »Gemma« in das Holz gekratzt und ein Herz rundherum eingeschnitzt. Grace betete, dass dieses Detail Patrick nicht auffallen würde. So, wie dieser Kerl drauf war, konnte er weitere Erinnerungen an das, was er verloren hatte, wirklich nicht gebrauchen.
»Tut mir schrecklich leid, was Sie alles durchgemacht haben«, sagte Grace.
Kitt schien das Gefühl zu haben, Patrick schon zu viele Hoffnungen gemacht zu haben. »Diese Jahreszeit muss sehr schwierig für Sie sein«, setzte sie daher hinzu, »aber ich muss betonen, dass es zu früh sein könnte, Hoffnung zu schöpfen.«
»Machen Sie sich keine Gedanken«, sagte Patrick. »Ich bete zwar für das Beste, aber mir ist nur allzu bewusst, was Sie möglicherweise herausfinden werden. Jetzt will ich nur die Wahrheit, ganz gleich, was Sie finden.« Obwohl der Verlust seiner Verlobten immer noch frisch war, bemerkte Grace, dass Patrick sich bei diesen Worten aufrichtete, und das flößte ihr ein wenig Vertrauen ein, dass er mit dem, was sie entdecken würden, umgehen konnte – was natürlich fast alles sein könnte.
Kitt zog Notizbuch und Stift aus ihrer Manteltasche. »Ich fürchte, ich kann kein Licht in die Sache bringen, ohne Sie zu bitten, mir noch einmal einiges zu erzählen, worüber Sie wahrscheinlich lieber nicht sprechen würden.«
»Verstehe«, sagte Patrick liebenswürdig. »Wie schon gesagt, ich bin zu allem bereit, um für Jodie zu tun, was ich kann.«
»Das ist die richtige Einstellung«, sagte Kitt mit einem leisen, aufmunternden Lächeln. »Zuerst muss ich mit Jodies Verschwinden beginnen. Ich habe den Radio-Clip gehört und gesehen, dass die Aufnahme auf drei Uhr dreiundzwanzig morgens am Mittwoch, dem neunten Oktober des letzten Jahres, datiert ist. Können Sie mir noch etwas dazu sagen? Irgendetwas, was die Polizei über die Art ihres Verschwindens herausgefunden hat und was hilfreich sein könnte? Und gehen Sie ruhig in die Einzelheiten.«
»Nach dem, was die Polizei nicht lange nach Jodies Verschwinden verlautbart hat und was auch in der Lokalpresse stand, haben sie den Standort ihres Handys geortet, kurz vor dem Anruf beim Radio. Sie ist die Moatside Lane entlanggekommen und dann in Richtung Campus zu dem Pfad am Fluss hinuntergegangen, auf der Seite des Flusses, auf der auch die Kathedrale liegt.«
»Nach dem Audio-Clip, den ich gehört habe«, sagte Kitt, »bin ich nicht sicher, ob sie wirklich gegangen ist. Sie war außer Atem. Es klang für mich, als wäre sie gerannt.«
»Ja … Sie haben recht. Ich habe mir den Clip schon lange nicht mehr angehört. Zu schmerzhaft, verstehen Sie? Aber ich erinnere mich, dass sie schwer geatmet hat. Ich hatte angenommen, das wären die Nerven oder so gewesen, wegen dem, was sie in der Radiosendung sagen wollte. Aber Sie glauben, sie wusste vielleicht, dass ihr jemand folgte? Und dass sie vor jemandem davongelaufen ist?«, fragte Patrick.
»Ich finde, das ist ziemlich wahrscheinlich angesichts … na ja, angesichts dessen, was am Ende der Aufnahme passiert«, sagte Kitt. »Aber lassen Sie sich von mir nicht unterbrechen. Erzählen Sie uns, was Sie über die Ermittlungsergebnisse der Polizei wissen.«
»Viel mehr gibt es da nicht zu berichten. Zehn Minuten nach der Aufnahme ist das Signal ihres Handys nicht mehr zu orten. Ein paar Stunden später hat die Polizei es ein Stück flussabwärts am Stauwehr gefunden, wo es angespült worden war, und zur Untersuchung mitgenommen. Eine ihrer Theorien war, dass Jodies Angreifer es in den Fluss geworfen hat, damit man sie – wohin er sie auch immer danach bringen wollte – nicht anpeilen konnte.«
»Scheint eine vernünftige Vermutung zu sein und verrät uns etwas über den Angreifer«, sagte Kitt und machte sich ein paar Notizen, während Grace versuchte, sich nicht vorzustellen, was Jodie unmittelbar danach zugestoßen sein mochte. »Die Person war clever genug, das Handy loszuwerden, was auf Berechnung schließen lässt. Jemand, der spontan angreift, würde vielleicht nicht daran denken, also kann man von Vorsatz ausgehen. Entweder das, oder es war nicht das erste Vergehen des Angreifers. Er oder sie hatte einen Plan. Ich nehme an, auf dem Handy waren keine Fingerabdrücke?«
»Wenn das Handy im Fluss gelegen hat, könnten überhaupt noch Fingerabdrücke daran sein?«, fragte Grace.
»Das macht es weniger wahrscheinlich«, räumte Kitt ein. »Aber es besteht immer die Möglichkeit, dass einige verborgene Abdrücke zurückbleiben. Mit bloßem Auge sind sie nicht zu erkennen, doch gewisse Chemikalien können sie im Labor sichtbar machen.«
»Bei Jodie hatten wir dieses Glück nicht«, erklärte Patrick. »Wenn, dann wären die Abdrücke in der Datenbank der Polizei gewesen, und sie hätten vielleicht bei den Ermittlungen zu einem anderen Verbrechen eine Übereinstimmung gefunden. Aber die einzigen Fingerabdrücke auf dem Gerät waren Teilabdrücke von Jodie. Was eine der anderen Theorien unterstützt – dass Jodie gar nicht entführt wurde. Dass sie in dieser Nacht am Fluss irgendeine Auseinandersetzung hatte und ihr Handy selbst ins Wasser geworfen hat, weil sie aus eigenem Antrieb verschwinden wollte.«
»Glauben Sie daran?«, fragte Grace.
»Keine Sekunde«, erklärte Patrick. »Selbst wenn Jodie mit irgendetwas nicht fertigwurde, wäre sie nicht einfach untergetaucht und hätte ihre Eltern und mich im Ungewissen darüber gelassen, was passiert war oder ob sie überhaupt noch lebt. Es war einfach nicht ihre Art, uns so wehzutun.«
Kitt zog die Augenbrauen hoch und machte sich noch ein paar Notizen – auf eine Art, die Grace vermuten ließ, dass sie die Möglichkeit, dass Jodie freiwillig untergetaucht war, noch nicht ausschloss. Das wäre zwar eine bittere Pille, wenn jemand, den man liebte, einem all das zumutete, aber wenigstens wäre Jodie dann noch am Leben. Was doch sicherlich das beste denkbare Ergebnis wäre.
»Dann hat man am Schauplatz von Jodies Verschwinden keine weiteren Hinweise gefunden?«, fragte Kitt. »Ich gehe mal davon aus, dass die Polizei den Abschnitt des Flusses durchsucht hat, zu dem sie Jodie während ihres Telefonats mit dem Radiosender verfolgen konnte.«
»Ja, die Studenten im Sender haben die Polizei gerufen, sobald es passiert war. Sie haben das Handy unten am Fluss lokalisiert und waren, wie sie sagten, nach etwas über einer Stunde vor Ort.« Kurz traten Patrick Tränen in die Augen, doch er blinzelte sie weg. »Ganz gleich, was die Polizei oder sonst jemand sagt, ich weiß, dass sie sich nicht einfach verdrückt hat. Sie wollte sogar in dieser Nacht, bevor sie verschwunden ist, bei mir vorbeikommen.«
»Sie war bei Ihnen zu Hause?«, fragte Kitt, während Grace sich dachte, dass der Umstand, dass Jodie in dieser Nacht bei Patrick gewesen war, noch nicht dagegensprach, dass sie aus eigenem Antrieb untergetaucht war. Möglich, dass sie zu ihm gegangen war, um sich für immer von ihm zu verabschieden.
»Laut den Handy-Daten der Polizei war sie kurz vor Viertel vor drei mehrere Minuten vor meinem Haus – was an und für sich eigenartig ist. Wir waren viel früher verabredet – der Plan war, dass sie gegen neun Uhr abends vorbeikommen sollte. Aber ich bin eine ganze Zeit vor neun eingeschlafen und habe ihr Klopfen nicht gehört. Wir hatten so viel Spaß bei den Erstsemester-Orientierungswochen, dass wir nicht wollten, dass es zu Ende geht. Deswegen waren wir in der Woche davor jeden Abend unterwegs gewesen, und in dieser Woche auch ein paarmal. Ich war vollkommen erledigt.«
»Ich hatte ja keine Ahnung, dass Studenten aus dem zweiten Studienjahr sich für Aktivitäten in den Einführungswochen interessieren«, sagte Kitt.
»Man ermuntert uns, auszugehen und uns mit den Neuankömmlingen zu treffen. Und natürlich sind in diesen Wochen auch viele aus dem zweiten Jahr unterwegs, weil sie hoffen, jemand von den Neuen abzuschleppen. Aber ich wäre sowieso dabei gewesen, weil es Jodies erstes Jahr war und ich mit ihr ihre ersten paar Wochen hier feiern wollte. In den ersten drei Wochen des Studienjahrs bin ich nie vor vier Uhr morgens nach Hause gekommen, und das muss mich an diesem Abend eingeholt haben.« Patrick unterbrach sich, und seine Züge verkrampften sich. »Als früh am nächsten Morgen die Polizei vor meiner Tür stand, hatte ich beim Aufwachen unwahrscheinlich viele verpasste Anrufe und mehrere kryptische Voicemails von ihr, in denen sie sagte, sie wolle mich treffen, aber nicht gesagt hat, wo oder wann. Als ich keinen ihrer Anrufe angenommen habe, muss sie vorbeigekommen sein, um direkt mit mir zu reden. Ich versuche, nicht daran zu denken, verstehen Sie. Da stand sie vor meinem Haus und hat wahrscheinlich an die Tür gehämmert und versucht, mich zu erreichen. Wäre ich bloß wach geblieben, dann hätte ich schon um neun, als sie nicht aufgetaucht ist, gewusst, dass etwas nicht stimmte. Oder ich hätte einen ihrer Anrufe angenommen. Ich hätte ihr helfen können!«
»Falls Jodie etwas zugestoßen ist, dann ist nur die Person dafür verantwortlich, die ihr das angetan hat«, erklärte Kitt.
»Ich weiß. Es ist bloß die Vorstellung, dass ich friedlich geschlafen habe und keine Ahnung hatte, während sie …« Patrick schüttelte den Kopf. »Aber wer weiß, was passiert ist. Am Fluss wurden keine Blutspuren gefunden. Die Polizei hat abgesehen von Jodies Handy überhaupt keine Spuren entdeckt.«
»Nicht einmal einen Fußabdruck, der zu ihrem passte?«, fragte Kitt.
»Nichts«, erklärte Patrick. »In der Nacht, als Jodie verschwunden ist, hat es stark geregnet, und unten am Fluss wird es dann schlammig.«
»Also wären klare Fußabdrücke, oder sogar nur Teilabdrücke, unwahrscheinlich, und alle anderen Spuren könnten weggespült worden sein, vielleicht schon innerhalb einer Stunde – vor allem, wenn es zu keinem heftigen Kampf gekommen ist«, sagte Kitt leise seufzend.
»Die Polizei hatte eine Chance, als Jodie beim Sender angerufen hat. Sie wussten sofort, dass etwas passiert war, aber durch das Wetter sind sie ins Hintertreffen geraten, bevor sie überhaupt angefangen hatten. Ich bin allerdings auch nicht überzeugt davon, dass sie wirklich alles versucht haben.«
»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Grace. »Glauben Sie aus irgendeinem Grund, dass die Polizeiermittlung nicht umfassend war?«
»Ich will kein schlechtes Licht auf die Polizei werfen«, erklärte Patrick. »Jodie war achtzehn, als sie verschwunden ist. Alt genug, um ihr eigenes Ding zu machen. Außerdem gab es bei Jodies Verschwinden gewisse Begleitumstände. Es war nicht nur der Mangel an forensischen Beweisen, der die Polizei auf die Idee gebracht hat, Jodie könnte durchgebrannt sein, statt der Möglichkeit, dass sie entführt wurde, richtig auf den Grund zu gehen.«
»Und was waren das für Umstände?«, fragte Kitt. Sie hörte auf, sich Notizen zu machen, und starrte Patrick durchdringend an.
»An dem Tag, als sie verschwunden ist, stand Jodie komplett neben sich.«
»Wie kam’s?«, fragte Grace.
»Sie hatte den Studienplatz an der Akademie über ein Stipendienprogramm bekommen. Am Morgen des Tages, an dem sie verschwunden ist, hatte sie einen Brief von unserer Dekanin, Regina Berkeley, bekommen. Darin stand, ihr Stipendium sei gestrichen, und sie werde von der Akademie verwiesen.«
»Warum?«, wollte Kitt wissen.
»Die Geschichte war die: Bei einer stichprobenartigen Durchsuchung der Schließfächer wurde in Jodies Fach eine ziemlich große Tüte Marihuana gefunden.«
»Wer hat diese Suche durchgeführt?«, fragte Kitt mit gezücktem Stift.
»Es ist die Politik der Akademie, so etwas sporadisch durchzuführen. Es wird jemand gewesen sein, der hier arbeitet, höchstwahrscheinlich jemand von der Hausverwaltung, aber wir haben nie einen Namen erfahren. Das Ganze war eine Nacht-und-Nebel-Aktion. Berkeley hat uns bezüglich der Drogen zum Schweigen verpflichtet. Sie hatte panische Angst, die Presse könnte das herausfinden. Hat behauptet, sie versuche nur, Jodies Andenken zu schützen, aber es war offensichtlich, dass sie sich mehr Sorgen machte, es könnte ein negatives Licht auf die Akademie werfen. Ich will ihren Namen aber nicht in den Schmutz ziehen – die Medien werden jeden Vorwand nutzen, um durchblicken zu lassen, das Opfer sei selbst schuld, und die Vorstellung, dass Jodie nach nur ein paar Wochen hier in Drogengeschäfte verwickelt war, hat ihre Eltern, vorsichtig gesagt, verstört.«
»Sie liegen nicht verkehrt, was die Medien angeht«, sagte Kitt. »Aber waren die Drogen, die in Jodies Schließfach gefunden wurden, der alleinige Grund für den Rauswurf?«
»Ich vermute mal, Grace hat Sie darüber informiert, wie die Finanzierung hier läuft?«
»Ich habe selbst hier studiert«, erklärte Kitt. »Daher bin ich ohnehin vertraut damit. Studenten mit staatlichen Krediten werden nicht akzeptiert, also muss man entweder gut betucht sein oder, ein wenig à la Charles Dickens, einen reichen Gönner haben.«
»Wie ich schon sagte, Jodie hatte ihren Studienplatz über ein Stipendium bekommen. Und was den Fund in ihrem Schließfach angeht, so wäre jemand mit reichen Eltern, also kein Stipendiat, für so etwas vielleicht verwarnt worden, und dann wäre alles unter den Teppich gekehrt worden, um den tadellosen Ruf der Akademie zu wahren.«
»Aber jemand wie Jodie, die sich durch ein Stipendium finanzierte, wurde nicht so nachsichtig behandelt?«, fragte Kitt gereizt.
Patrick schüttelte den Kopf.
»In der Tonaufnahme erwähnt Jodie, sie wolle darüber sprechen, ›wie es am Venerable Bede’s läuft‹«, sagte Grace. »Hat sie das gemeint? Diese Doppelmoral?«
»Das, und die Atmosphäre hier war … erdrückend ist ein starkes Wort; sagen wir nur, dass Berkeley die Akademie mit eiserner Hand regiert und sich von niemandem reinreden lässt«, erklärte Patrick.
»Klingt zunehmend, als wäre Regina Berkeley die erste Person, mit der ich reden muss«, sagte Kitt.
»Einen Versuch ist es wert, obwohl ich nicht weiß, ob sie Ihnen etwas erzählen wird. Jodie war außer sich über Berkeleys Anschuldigungen.«
»Kann ich mir vorstellen«, sagte Kitt. »Sie waren verlobt, stimmt das?«
»Ja. Lassen Sie mich raten: Sie finden, dass wir zu jung zum Heiraten waren«, sagte Patrik und lächelte wissend.
»Heutzutage ist es ungewöhnlich, so früh zu heiraten«, räumte Kitt ein.
»Ich weiß. Das haben wir oft gehört«, sagte Patrick. »Aber wir waren schon etliche Jahre zusammen, bis ich ihr dann den Antrag gemacht habe.«
»Wie lange?«, sagte Grace und fragte sich, ob er angesichts des Alters der beiden gleich eine Geschichte erzählen würde, nach der er und Jodie mit sieben auf dem Spielplatz Mann und Frau gespielt und beschlossen hatten, es offiziell zu machen, wenn sie älter waren.
»Ich bin in der Mittelstufe mit Jodie zusammengekommen. Wir sind beide in Chester-le-Street aufgewachsen und in dieselbe Schule gegangen. Ihre Familie hatte ein Haus in der Gegend geerbt, war aber nicht so wohlhabend wie die Eltern der anderen Schüler. Eines Tages habe ich sie gegen ein paar Idioten in Schutz genommen, die sie gemobbt haben, weil sie arm war, und innerhalb einer Woche waren wir zusammen.«
»Sehr galant«, sagte Grace lächelnd.
Patrick zuckte mit den Schultern. »Ich habe bloß versucht, das Richtige zu tun, aber es ist ganz gut gelaufen. Ich war im Jahrgang über ihr. Wir sind auch in der Oberstufe zusammengeblieben, und als ich einen Studienplatz in Prävention und Resozialisierung gesucht habe, habe ich beschlossen, nach Durham zu gehen, um in ihrer Nähe zu bleiben. Wir haben die Beziehung während meines ersten Studienjahrs hier zusammengehalten, bis sie das Stipendium bekam. Und in der ganzen Zeit, seit ich sie kenne, habe ich nie erlebt, dass sie Drogen genommen hätte. Sie konnte genauso viel Alkohol vertragen wie wir alle – manchmal sogar mehr als ich –, aber sie pflegte zu witzeln, sie sei zu knapp bei Kasse, um sich eine Drogensucht leisten zu können.«
»Wo kamen dann die Drogen her, wenn sie nicht Jodie gehört haben?«, fragte Grace.
»Keine Ahnung. An dem Tag ihres Verschwindens hatten wir uns am Vormittag getroffen. Sie hat mir von dem Brief erzählt und erklärt, die Drogen gehörten nicht ihr, sie seien ihr untergeschoben worden. Sie sagte, sie hätte eine Ahnung, was passiert sei, und würde dem nachgehen. Ich habe angeboten, ihr zu helfen, aber aus irgendeinem Grund wollte sie nichts davon wissen. Wir … haben uns gestritten …« Wieder traten Patrick Tränen in die Augen. Erneut blinzelte er sie weg. »Wir sind an diesem Tag nicht gerade im Guten auseinandergegangen. Ich war wütend, weil sie sich von mir nicht helfen ließ. Ich habe nicht eingesehen, warum ich nicht tun durfte, was ich konnte, um das in Ordnung zu bringen. Aber sie hat darauf bestanden. Sie konnte sehr eigensinnig sein«, erklärte er. »Ironischerweise war das eine der Eigenschaften, die ich an ihr besonders geliebt habe.«
Grace und Kitt lächelten Patrick beide verhalten zu.
»Schließlich haben wir uns darauf geeinigt, dass sie am selben Abend bei mir vorbeikommen und mir erzählen würde, was sie herausgefunden hatte. Als Nächstes werde ich dann um fünf Uhr morgens von der Polizei geweckt, die mein Haus stürmt. Mir wird klar, dass Jodie nicht da ist, und dann hat mir die Polizei erzählt, was passiert war. Erst da habe ich herausgefunden, dass sie, als sie mich nicht wecken konnte, mit dem, was sie herausgefunden haben mag, zum Radiosender gegangen ist.«
»Und was glauben Sie, warum sie sich an den Radiosender gewandt hat?«, fragte Grace.
»Ich wünschte, das wüsste ich. Direkt nach Jodies Verschwinden hat die Polizei nicht viel preisgegeben, daher musste ich mich für Informationen auf Bertrand verlassen – und mit dem war auch nicht viel anzufangen.«
»Ber… Oh, Randy? Randy Hobbs?«, sagte Grace.
»Ja, so nennt er sich, wenn er auf Sendung ist. Und besteht darauf, dass man ihn so anredet, wenn man per Telefon an seinem Programm teilnimmt. Aber niemand, der ihn kennt, kann sich dazu durchringen, ihn so anzusprechen, wenn er nicht vor dem Mikrofon sitzt.«
»Wenig erstaunlich«, sagte Kitt. »Was hat er denn erzählt, als Sie auf ihn zugegangen sind? Über Jodies Anruf bei ihm?«
»Er hatte auch keine Erklärung«, sagte Patrick und fuhr sich durchs Haar. »Er konnte mir nur sagen, dass Jodie ein Geheimnis über jemand Hochrangigen an der Akademie entdeckt hatte und dass sie ihn kurz nach drei angerufen und angefleht hat, sie so schnell wie möglich auf Sendung gehen zu lassen. Es klang nach einem großen Knüller, deswegen hat er sich nicht lange bitten lassen. Sobald er die Musik gespielt hatte, die er für die nächsten zwanzig Minuten in der Warteschleife hatte, hat er sie zurückgerufen, damit sie die Enthüllung live machen konnte, und, na ja, den Rest kennen Sie.«
»Warum hat sie sich ausgerechnet Randys Programm ausgesucht?«, fragte Kitt. »Hätte es nicht größere Wirkung gehabt, ein so großes Geheimnis zur Hauptsendezeit zu enthüllen?«
