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Zwei Freundinnen auf der Suche nach gestohlenen Erstausgaben
Evie Bowes dachte, dass ihr Leben nach den aufregenden Ereignissen um den Mord am Münster wieder in normalen Bahnen verlaufen würde. Doch dann gibt es unerfreuliche Neuigkeiten: Die sympathische Detective Sergeant Charlotte Banks wurde vom Dienst suspendiert, weil sie einen Einbrecher in einem Buchladen brutal niedergeschlagen haben soll. Evie weiß, dass Charlotte unter keinen Umständen die Angreiferin sein kann. Um ihre Unschuld zu beweisen, stürzt Evie sich gemeinsam mit ihrer Freundin, der Bibliothekarin Kitt Hartley, erneut in die Ermittlungsarbeit und durchstreift die Buchläden und Antiquariate von York. Und bald erkennen die beiden: Es gibt Bücher, für die manche Menschen tatsächlich töten würden ...
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Seitenzahl: 376
Veröffentlichungsjahr: 2022
Band 2 der Reihe »Ein Yorkshire-Krimi«
Übersetzt von Barbara Röhl
Zwei Freundinnen auf der Suche nach gestohlenen Erstausgaben
Evie Bowes dachte, dass ihr Leben nach den aufregenden Ereignissen um den Mord am Münster wieder in normalen Bahnen verlaufen würde. Doch dann gibt es unerfreuliche Neuigkeiten: Die sympathische Detective Sergeant Charlotte Banks wurde vom Dienst suspendiert, weil sie einen Einbrecher in einem Buchladen brutal niedergeschlagen haben soll. Evie weiß, dass Charlotte unter keinen Umständen die Angreiferin sein kann. Um ihre Unschuld zu beweisen, stürzt Evie sich gemeinsam mit ihrer Freundin, der Bibliothekarin Kitt Hartley, erneut in die Ermittlungsarbeit und durchstreift die Buchläden und Antiquariate von York. Und bald erkennen die beiden: Es gibt Bücher, für die manche Menschen tatsächlich töten würden …
Helen Cox wurde in Yorkshire geboren und studierte an der University of York St. John Kreatives Schreiben. Als Journalistin schrieb sie bereits sowohl für zahlreiche Magazine und Websites als auch für TV und Radio. Fünf Jahre lang gab sie ihr eigenes unabhängiges Film-Magazin heraus, und sie hat drei Sachbücher geschrieben. Inzwischen hat sie einen Podcast und arbeitet bei City Lit in London.
Kriminalroman
Aus dem Englischen übersetzt vonBarbara Röhl
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2019 by Helen Cox
Titel der englischen Originalausgabe: »A Body in the Bookshop«
Originalverlag: Quercus Editions Ltd, an Hachette UK company
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Dr. Ulrike Strerath-Bolz, Friedberg
Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau unter Verwendung von Illustrationen von © Shutterstock: Kmannn | VikaSuh | Daria Ustiugova | vipman | Archiwiz | Yulia Gurso | Vectomart | Ira_Graphics | Gordon Bell | Mark Bulmer | MicroOne | Galina Tsyrulnik | gopause | Yinkor | nasidastudio | KyryloKireiev | GoodStudio | donatas1205 | MaskaRad
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-2075-5
luebbe.de
lesejury.de
Für alle, die nie die Verbindungzu dem Kind in ihrem Herzen verloren haben.
Mit kurzen, zaghaften Schritten ging Evie Bowes den vereisten Bürgersteig entlang, den zu streuen die Gemeinde York nicht für nötig befunden hatte. Obwohl es erst halb fünf war, herrschte schon seit über einer Stunde Dunkelheit. Da die Dämmerung Anfang Dezember schon so früh einsetzte und die breite Kapuze des königsblauen Wintermantels, in den sie letzten Monat investiert hatte, ihr Gesicht verdeckte, waren die Narben, die sie bei ihrem schrecklichen Erlebnis im Oktober davongetragen hatte, für andere Passanten nicht zu erkennen. In den Augen von Radfahrern, deren Reifen so schmal waren, dass sie das Eis durchschnitten, und von Menschen, die Hunde ausführten und auf der Stelle hüpften, um sich zu wärmen, wirkte Evie wie jede andere Person, die sich in der kalten Vorweihnachtszeit einmummelt.
Die Narben waren der unwiderlegbare Beweis dafür, dass sie wirklich vor sechs Wochen von einer Mörderin entführt worden war, obwohl es ihr immer noch surreal vorkam. Evies Arzt hatte ihr Narbenpflaster aus Silikon verschrieben, um die Male unauffälliger erscheinen zu lassen, doch bisher sah sie keinen großen Unterschied. Das Spezial-Make-up, das man kaufen konnte, funktionierte meistens einigermaßen, doch trotzdem konnte sie die unansehnlichen Wülste an ihrer Schläfe und ihrem Kiefer erkennen. Wegen alldem, und weil sie an einem durchschnittlichen Tag so häufig Fremde zusammenzucken sah, war die Dunkelheit ihr inzwischen zu einer guten Freundin geworden.
Evie bog nach rechts ab, ließ den Fluss hinter sich und ging die Ouse View Avenue entlang. Sie sah zu, wie ihr Atem lautlos gen Himmel stieg. Trotz allem, was passiert war, und obwohl ihr Gesicht nicht mehr wie ihr eigenes aussah, atmete sie noch, und das war schon etwas wert.
Sie ging den Weg hoch, der zu Nummer dreizehn führte, und lächelte über den üppigen grünen Kranz, der an der Tür hing. Dann klingelte sie bei Kitt. Sie hörte das übliche Schleifen und Schieben, als ihre beste Freundin versuchte, die Tür zu bewegen, die fest in ihrem zu engen Rahmen saß.
»Evie?«, schrie Kitt von der anderen Seite aus.
»Schuldig im Sinne der Anklage«, rief Evie zurück.
»Tritt dagegen, ja?«
»In Ordnung«, sagte Evie. »Eins, zwei, drei.« Sie trat kurz über dem Boden vor die Tür, was dieser den letzten Anstoß gab, sich zu lösen, und dann konnte sie Kitt erkennen. Sie hatte sich das lange rote Haar zu einem Zopf geflochten, der sich um ihre Schultern ringelte. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte Kitt noch ihre Arbeitskleidung getragen, doch seit ungefähr einem Monat fiel es ihr ein wenig leichter, Zeit zum Entspannen zu finden, daher trug sie stattdessen Jeggings und ein riesiges Sweatshirt mit dem Aufdruck Was in der Bibliothek passiert, bleibt in der Bibliothek.
»Wenigstens wissen wir, dass wir sicher vor irgendwelchen Missetätern sind, die hier herumlungern«, sagte Evie. »Sie könnten uns ja nicht einmal kriegen, wenn sie es versuchen würden.«
Kitt stemmte eine Hand in die Hüfte. »Wenn du Witze machen willst, kannst du gleich vor der Tür bleiben.«
Evie hob in gespielter Kapitulation die Hände, trat in Kitts Wohnzimmer und schlug ihre Kapuze zurück. Wie auffällig würden ihre Narben jetzt wirken, nachdem sie nicht mehr durch den Schleier der Dunkelheit verborgen waren? Das Licht im Zimmer war ziemlich trübe; es wurde nur von einer Lichterkette am Kaminsims, dem offenen Feuer und zwei kleinen Lampen erhellt. Evie warf Kitt einen Seitenblick zu und fragte sich, ob ihre Freundin erraten hatte, wie empfindlich sie bezüglich ihres neuen Äußeren war. Jedenfalls knipste Kitt jetzt nie mehr die Deckenlampe an, wenn Evie zu Besuch kam.
»Könntest du nicht Inspector Halloran bitten, sich deine Tür einmal anzusehen?«, fragte Evie. Sie begann, ihren Mantel aufzuknöpfen, sodass der mit einem Blattmuster bedruckte, ausgestellte Rock und die senfgelbe Wolljacke zu sehen waren, die sie nach der Arbeit im Salon angezogen hatte. Beide Teile stammten aus Vintage-Kleiderläden.
»Wir … puh … gehen … alles … langsam an«, sagte Kitt, während sie sich schnaufend und keuchend gegen die Tür stemmte, bis sie schloss.
»Ja, und?«
»Deswegen haben wir noch kein Beziehungsstadium erreicht, in dem ich ihn bitten würde, sich meine klemmende Haustür anzusehen.«
Evie kicherte. »Da habe ich aber etwas anderes gehört.«
»Fang bloß nicht davon an.« Kitt presste die Lippen zusammen. Sie wirkte, als müsse sie ein Lächeln unterdrücken. »Und würdest du bitte aufhören, ihn Inspector Halloran zu nennen? Keine Ahnung, warum du das komisch findest.«
»So heißt er nun einmal …«
»Nicht für seine Freunde.«
»Na, ich kann ja nicht Mal zu ihm sagen.«
»Warum nicht?«
»Weil ich gehört habe, wie du ihn so ansprichst.«
Kitt zog die Nase kraus. »Was soll das heißen?«
Evie verschränkte die Arme und richtete den Blick auf ihre Freundin. »Wenn du seinen Namen aussprichst, klingt das heiser, und du lässt dir irgendwie … jeden Laut auf der Zunge zergehen.« Sie senkte die Stimme, als höre jemand von sensiblem Gemüt zu. »So, wie du es sagst, klingt es wie ein ungezogenes Wort.«
Kitts Wangen liefern rot an, und sie versetzte ihrer Freundin einen spielerischen Klaps auf den Arm. »Ach, jetzt hör aber auf. So einen Unsinn hab ich ja noch nie gehört.«
Evie kicherte immer noch vor sich hin, während sie sich in ihren gewohnten Sessel setzte. Sofort fiel ihr wieder ein, wie schwierig es werden würde, von diesem Platz wieder aufzustehen, sobald sie sich einmal niedergelassen hatte. Sie war sich nie sicher, ob es der Sessel war, seine Nähe zum offenen Feuer oder die Gesellschaft, die ihn so behaglich machten, doch sie vermutete Letzteres. Neben ihr spielte Kitts schwarzer Kater Jago buchstäblich mit dem Feuer und lag so dicht vor dem Kamin, wie es eben möglich war, ohne bei lebendigem Leibe zu verbrennen.
Evie sog den Duft von Käse ein, der im Ofen gratiniert wurde, und meinte, vor Hunger umkommen zu müssen.
»Diese Lasagne riecht großartig«, erklärte sie. »Ich habe das Gefühl, mein Mittagessen ist Ewigkeiten her.«
»Was hast du denn gegessen?«
»Nur einen Fertigsalat aus dem Supermarkt«, erklärte Evie schulterzuckend.
Kitt reagierte gereizt. »Keine Ahnung, wie du das fertigbringst. Vor allem an einem kalten Wintertag. Das ist nun wirklich kein Salatwetter.«
»Du findest nie, dass das Wetter richtig für Salat ist«, zog Evie sie auf.
»Glücklicherweise brauche ich das auch nicht. Ich bin schließlich nicht diejenige, die darauf besteht, sich in eine endlose Abfolge von Vintage-Kleidern zu quetschen, von denen die meisten in einer Zeit genäht worden sind, als man von Zunge und Kutteln und Brot mit Bratfett gelebt hat.«
»Ich weiß, ich weiß, ich hab den Monolog schon gehört«, gab Evie zurück und wünschte sich lautlos, Kohlenhydrate wären in ihrem Leben nicht entschieden ein Luxus.
Leise über Schönheitsstandards und Feminismus vor sich hin schimpfend ging Kitt in die Küche und kehrte kurz darauf mit zwei Tellern zurück, die hoch mit Lasagne und Knoblauchbrot beladen waren. »Auf geht’s.«
»Habe ich dir je gesagt, wie sehr ich dich liebe?«, fragte Evie, der das Wasser im Mund zusammenlief, als sie zusah, wie Dampf von den Tellern aufstieg.
»Zwischen deinen fast unaufhörlichen Frotzeleien ist es, glaube ich, ein- oder zweimal zur Sprache gekommen«, sagte Kitt und stellte einen Teller auf den Klapptisch neben Evies Sessel. »Trinkst du einen Wein mit?«
Evie betrachtete ihre Freundin und legte den Kopf schief. »Wir haben erst Donnerstag. Ist denn schon wieder Wochenende?«
»Nein, aber ich habe heute Nachmittag drei Stunden in einem Budget-Meeting gesessen … mit Michelle«, erklärte Kitt.
»Ich dachte, du hättest beschlossen, dir von ihr nicht mehr zusetzen zu lassen?«
Kitt zog einen Schmollmund. »Drei Stunden. Drei lange Stunden.«
Evie lachte. »Na schön, gieß mir ein Glas ein. Wenn du einen Schwips hast, machst du die unterhaltsamsten Bemerkungen.«
Kitt seufzte. »Ich habe nicht vor, mir einen Schwips anzutrinken; ein Ausdruck, der bestimmt seit der letzten Jahrhundertwende nicht mehr gebraucht worden ist.«
Evie sah lächelnd ins Feuer. Vintage-Wörter und eigentlich alles, was vintage war, bereiteten ihr ein Vergnügen, das sie nie richtig erklären konnte. Vielleicht lag es daran, dass die Vergangenheit immer einfacher erschien als das Leben, das man gerade in der Gegenwart führte.
»Weißt du«, rief sie in Richtung Küche, »vielleicht könntest du Michelle ja für irgendeinen Preis nominieren. Vielleicht die mürrischste Chefin der Welt?«
»Das griesgrämigste Gemüt des Jahrzehnts? Den würde sie mit Abstand gewinnen«, meinte Kitt und kehrte mit zwei Gläsern zurück: vermutlich Pinot Grigio.
»Du hast so ein Glück, eine Chefin wie Diane zu haben«, erklärte Kitt. Sie sprach von der Besitzerin von Daisy Chain Beauty, dem Salon, in dem Evie als Massagetherapeutin arbeitete.
»Ja.« Evie seufzte und trank einen großen Schluck von ihrem Wein. »Sie ist gut zu mir gewesen.«
»Andererseits ist sie nicht gerade zu deiner Verteidigung herbeigeeilt, als du vor sechs Wochen des Mordes beschuldigt wurdest, aber sie hat dich auch nicht beurlaubt oder entlassen. Was sie hätte tun können.«
Evie bemerkte, dass Kitt die Stirn runzelte. »Was ist?«, fragte sie.
Kitt schüttelte den Kopf. »Ich hätte nicht von den Morden anfangen sollen. Tut mir leid.«
Mit einem Mal fühlte sich Evies Gesicht viel zu heiß an, selbst wenn man das offene Feuer berücksichtigte, und Tränen schossen ihr in die grünen Augen. Panik überkam sie, während sie versuchte, sie wegzublinzeln. »Du kannst nicht dein Leben lang in meiner Nähe wie auf Eiern gehen. Es ist nun einmal passiert.«
Kitt legte ihre Gabel weg. »Das heißt aber nicht, dass ich ständig darauf herumreiten sollte. Ich weiß schließlich, dass du es noch nicht verarbeitet hast.«
Evie nickte ihrer Freundin zittrig zu. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie über dieses Thema reden würden. Seit dem Vorfall hatte sie getan, was sie konnte, um nicht einmal daran zu denken. Doch dann und wann kam der Schmerz, den sie zu verdrängen versuchte, wieder hoch.
»Ich bin mir sicher, ich werde damit fertig. Es ist nur … Ich habe einfach das Gefühl …«, begann sie, wurde jedoch unterbrochen, als es an der Haustür klopfte.
Kitt schnalzte missbilligend mit der Zunge und musterte ihren Teller sehnsüchtig. Sie hatten noch keine Gelegenheit gehabt, dieser traumhaften, mit Käse überbackenen Lasagne zuzusprechen, und beim Essen hielt Kitt nicht viel von vornehmer Zurückhaltung.
»Du solltest lieber aufmachen«, meinte Evie. Ihr Tonfall verriet, wie erleichtert sie darüber war, dass jemand den Ausbruch gestoppt hatte, den sie verdrängte, seit die Ärzte ihr erklärt hatten, dass die entstellenden Narben in ihrem Gesicht vielleicht nie ganz verheilen würden.
»Ich gehe nicht hin. Wahrscheinlich die Zeugen Jehovas. Sie kommen immer zur Abendessenszeit.«
»Nein. Die klingeln nicht mehr bei dir, seit du angefangen hast, sie mit Exemplaren von Der Gotteswahn zu beschenken.«
»Das sagst du nur, um mich gemein klingen zu lassen«, gab Kitt zurück. »In Wahrheit war das ein Austausch von Texten im gegenseitigen Einvernehmen. Sie haben mir Lektüre überreicht, um meinen Horizont zu erweitern, und ich habe das Gleiche getan. Ich war aufrichtig an ihren Gedanken über die Stärken und Grenzen von Dawkins’ Argumenten interessiert.«
Evie lächelte. »Also, du meinst eigentlich, du hättest einen unerwünschten Hausbesuch in eine Gelegenheit verwandelt, einen Buchclub zu gründen?«
Der Bibliothekarin öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, doch eine Stimme, die von draußen kam, unterbrach sie.
»Bist du da drin, Kitt?«, rief Inspector Halloran und klingelte gleich darauf.
Kitt zuckte zusammen, und Evie lächelte angesichts der vorhersehbaren Reaktion ihrer Freundin noch breiter. Kitt hasste das Schrillen dieser Türklingel und bat ihre Besucher grundsätzlich, stattdessen anzuklopfen. Anscheinend hatten sie und Halloran diese Diskussion noch nicht geführt; die beiden ließen es offenbar wirklich langsam angehen.
Stirnrunzelnd trat Kitt an die Vorhänge und zog sie zurück, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass ihr neuer Freund vor der Tür stand. Dann öffnete sie das Fenster einen Spalt breit. »Ich kann dich nicht reinlassen. Die Tür klemmt fest.«
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, öffnete sich die Tür quietschend, als sich Halloran dagegenlehnte.
»Du musst hier abschließen«, erklärte er und schloss die Tür hinter sich. »Jeder könnte hier hereinspazieren.«
»Der müsste aber schon so viel trainieren wie du«, meinte Kitt und schloss das Fenster.
Ihr Ton troff vor Sarkasmus, aber ihr Blick, fiel Evie auf, folgte den Linien von Hallorans dunkelgrauem Wintermantel, als wäre ihr mehr als recht, was sich darunter verbarg.
Kitt stellte sich auf die Zehenspitzen, um Halloran zu küssen, und er beugte sich vor, um ihr entgegenzukommen. Evie wandte den Blick ab und schaute lange ins Feuer. »N’Abend, Evie«, hörte sie Halloran dann sagen. Er nickte, und sie erwiderte die Geste und dachte bei sich, dass das eine schrecklich steife Begrüßung für den Freund ihrer besten Freundin und jemanden war, der ihr das Leben gerettet hatte. Aber sie war Halloran erst ein paarmal begegnet, und sie konnten noch nicht so locker und freundlich miteinander umgehen. Vielleicht teilweise, weil Halloran ihr, als ihre Wege sich zum ersten Mal gekreuzt hatten, praktisch vorgeworfen hatte, ihren Ex-Freund ermordet zu haben. Oder es lag daran, dass dann bei beiden unerwünschte Erinnerungen aufkamen; zum Beispiel daran, wie einem beim Eintauchen in das kalte Flusswasser der Schock die Luft aus den Lungen presste.
Kitt räusperte sich und sprach ihren Kater an, der immer noch ausgestreckt vor dem Kamin lag und nur den Kopf drehte, um ihren neuesten Besucher zu mustern. »Schau mal, wer hier ist, Jago.«
Jago starrte die Bibliothekarin kurz aus seinen gelben Augen an, um sich dann völlig unbeeindruckt wieder dem Feuer zuzuwenden.
»Ich würde das nicht persönlich nehmen«, erklärte Kitt dem Inspector. »Die einzige Person, für die dieser Kater schwärmt, ist er selbst.«
Das stimmte. In den acht Jahren, die Evie jetzt schon mit Kitt befreundet war, hatte Jago sich ihr nur bei einer Handvoll Gelegenheiten genähert, und bei jeder einzelnen hatte sie irgendeine Art Fisch auf dem Teller gehabt.
»Egal«, sagte Kitt. »Wir veranstalten hier einen Mädelsabend. Wenn du dir nicht die Fußnägel lackieren willst, machst du dich besser wieder auf den Weg.«
»Ich bin der Idee gegenüber, mir die Fußnägel zu lackieren, nicht vollkommen abgeneigt … käme auf die Farbe an«, sagte Halloran.
»Na schön, wenn das so ist, laufe ich schnell nach oben und hole das Maniküre-Set«, erklärte Kitt lächelnd.
»Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich jetzt auf ein Verwöhnerlebnis einlassen sollte«, sagte Halloran. »Es ist nämlich etwas passiert.«
»Nichts Ernstes, hoffe ich?«, fragte Kitt.
Hallorans Miene verhärtete sich, und die Linien um seine Augen, die sein Alter verrieten, gruben sich tiefer ein.
»Es … es betrifft Banks, und ich weiß nicht, was ich tun soll.«
Evie setzte sich auf ihrem Platz gerader auf. Im Gefolge des Mordfalls war Hallorans Partnerin, Detective Sergeant Charlotte Banks, sehr nett zu ihr gewesen. Nicht zuletzt hatte Charley hartnäckig darauf beharrt, die Narben auf Evies Gesicht seien nicht abstoßend. Aus irgendeinem Grund schien sie der einzige Mensch zu sein, dem Evie in dieser Angelegenheit beinahe Glauben schenken konnte.
»Banks?«, wiederholte Kitt.
»Geht … es ihr gut?«, fragte Evie, und ihr Herz schlug schneller, als Hallorans Miene noch ernster wurde.
»Das muss jetzt unter uns bleiben. Es ist sehr schwierig für sie, und wenn meine Vorgesetzten herausfinden, dass ich mit jemandem darüber gesprochen habe, bin ich dran.«
»Was ist denn passiert?«, erkundigte sich Evie, dieses Mal nachdrücklicher.
»Banks ist mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert, vorbehaltlich einer Untersuchung des Vorwurfs, einen Verdächtigen angegriffen zu haben. Momentan sieht es so aus, als könnte ihre Polizeikarriere vorüber sein.«
Evie blinzelte heftig und fragte sich, ob sie diese Worte geträumt hatte. »Das kann nicht sein. So etwas würde Charley nie tun.«
Halloran zuckte nicht wirklich zusammen, als Evie Banks’ Vornamen gebrauchte, doch offensichtlich war es merkwürdig für ihn, ihn zu hören. Wahrscheinlich fühlte er sich am wohlsten dabei, die Sergeantin rein in ihrer beruflichen Funktion wahrzunehmen. Evie jedoch hatte im letzten Oktober eine weichere Seite der Beamtin zu sehen bekommen; in einem Moment, in dem Sanftheit das war, was sie am dringendsten gebraucht hatte.
»Suspendiert wegen tätlichen Angriffs …«, sagte Kitt und schüttelte den Kopf. »Schwer zu glauben bei einer Polizistin, die meiner begrenzten Erfahrung nach immer streng nach Vorschrift handelt – vielleicht sogar ein wenig zu sehr.«
»Ich weiß«, sagte Halloran. »Das … Es ist schwierig.«
»Schwierig in welcher Hinsicht?«, fragte Evie und starrte den Inspector noch durchdringender an. »Sie glauben doch nicht, dass sie das wirklich getan hat?«
Halloran biss sichtlich die Zähne zusammen. »Ich möchte nicht glauben, dass sie es getan hat. Sie hat nie ein Anzeichen für so etwas erkennen lassen.«
»Warum zweifeln Sie dann an ihr?«, wollte Evie wissen.
Halloran warf Kitt einen Blick zu und richtete seine Aufmerksamkeit dann wieder auf Evie. »Sagen wir so, ich habe einige … Erfahrung mit Leuten, die nicht zu etwas in der Lage zu sein schienen und mir das Gegenteil bewiesen haben.«
Kitt seufzte tief und mitfühlend und strich dem Inspector über den Arm. Da fiel Evie wieder ein, was Kitt ihr vor ein paar Wochen unter vier Augen verraten hatte: dass einer von Hallorans Kollegen dessen Frau ermordet hatte. Verständlich, dass es ihm seitdem schwerfiel, anderen zu vertrauen.
»Aber Sie werden versuchen, ihr zu helfen, oder?«, fragte Evie angesichts der Miene des Inspectors ein wenig zweifelnd.
»Ich werde tun, was ich kann, um dazu beizutragen, dass diejenigen, die die Sache untersuchen, die Wahrheit herausfinden«, gab Halloran zurück.
Evie spürte, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte. Das klang nicht sonderlich beruhigend. War es Halloran etwa gleichgültig, dass seine Partnerin zu Unrecht beschuldigt wurde? Wollte er denn nicht ihre Unschuld beweisen?
»Es wird ihr nicht helfen«, fuhr er fort, »dass bald eine neue Superintendentin die Stelle von Detective Superintendent Percival übernehmen wird.«
»Ach ja«, sagte Kitt. »Du hast von ihr gesprochen, wie hieß sie noch? Ricci, stimmt’s?«
»Genau. Sie ist erst seit drei Wochen bei uns, aber ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass sie und Banks sich nicht wirklich verstehen; und sie ist nicht gerade zu Banks’ Verteidigung herbeigestürzt. Sie hat sofort bei der Beschwerdestelle angerufen.«
»Ich dachte immer, dass Cops zusammenhalten und nach außen solidarisch auftreten«, sagte Evie.
»Solche Angelegenheiten müssen entweder durch die Beschwerdestelle oder die Innenrevision gründlich untersucht werden«, erklärte Halloran. »Ich dachte, Banks’ makellose Personalakte hätte Ricci ein wenig für sie eingenommen, aber anscheinend ist dem nicht so.«
»Versetz dich aber auch mal in Riccis Lage«, sagte Kitt. »Sie kennt Banks nicht. Sie hat gerade erst auf der Wache angefangen, und als Erstes muss sie sich damit auseinandersetzen, dass einer ihrer Beamtinnen Körperverletzung vorgeworfen wird.«
»Arme Charley«, sagte Evie und schlang die Arme um den Körper. Vielleicht konnte sie ja etwas Mitgefühl für die Polizistin wecken; Halloran überreden, sich auf ihre Seite zu stellen. »Bestimmt wiegt doch ihre Aussage stärker, oder? Das Wort einer Polizeibeamtin gegen das von jemandem, der des Einbruchs verdächtigt wird?«
»Das ist ein Teil des Problems«, sagte Halloran. »Wenn nur das Wort des Verdächtigen gegen das von Banks stehen würde, wäre man der Sache wahrscheinlich schneller auf den Grund gekommen. Aber es gibt harte Indizien dafür, dass Banks schuldig ist.«
»Hart wie in forensisch?«, fragte Kitt.
Halloran nickte kaum wahrnehmbar.
»Was für Indizien?«, wollte Evie wissen und dachte an all die Spuren, die noch vor ein paar Wochen gegen sie gesprochen hatten. Das Erlebnis hatte sie gelehrt, wie sehr Indizien täuschen konnten.
»Ihre Fingerabdrücke wurden auf der Tatwaffe gefunden«, erklärte Halloran.
»Was war die Tatwaffe?« Die zögerlichen Antworten des Inspectors machten Evie klar, dass ihm nicht wohl dabei war, so viele Informationen preiszugeben. Doch sie konnte nur daran denken, wie nett Charley zu ihr gewesen war, als man sie nach dem Vorfall aus dem Fluss gezogen hatte. Seitdem hatte sie ihr sogar ab und zu eine aufmunternde Textnachricht geschickt, ihr gute Genesung gewünscht und sie auf einen Drink eingeladen, sobald sie sich besser fühlte. Diese Art Freundlichkeit ging ja wohl über ihre Pflichten als Polizeibeamtin hinaus.
»Ein Hammer. Banks hat ihn als ihr Eigentum identifiziert. Sagte, sie bewahre ihn in dem Werkzeugkasten in ihrer Garage auf, und als sie nachgesehen habe, sei er verschwunden gewesen. Natürlich waren ihre Fingerabdrücke darauf, aber der Angreifer trug Handschuhe und hat einige davon verwischt, was manche von uns hoffen lässt. Das macht es fraglich, ob Banks die letzte Person war, die ihn berührt hat, aber es ist nicht eindeutig. Die Teilabdrücke stammen von ihr. Die Waffe gehört ihr, und sie ist mit dem Blut des Opfers verschmiert.«
»Was ist mit dem Opfer? Geht es ihm gut?«
»Er liegt im Krankenhaus«, erklärte Halloran. »Sein Gesicht ist ziemlich grün und blau, aber er ist gerade noch bei Bewusstsein.«
»Meine Güte, das ist brutal!«, sagte Evie. »Kann er die Sache denn nicht aufklären? Er muss seinen Angreifer doch gesehen haben.«
Halloran schüttelte den Kopf auf eine Art, die zumindest ein wenig Betretenheit ausdrückte. Vielleicht stand er Banks doch näher, als er erkennen ließ.
»Die Person trug eine Sturmhaube. Aber sie war weiblich, und ihre Größe, ihr Körperbau und ihr Akzent passten zu Banks. Außerdem sagt er, die Angreiferin hätte ihn wegen des Falls beschimpft. Erklärt, er solle sein Verbrechen besser gestehen, sonst werde sie zurückkommen und ihn erledigen.«
»Was war das für ein Fall?«, fragte Kitt.
»Relativ unspektakulär«, antwortete Halloran. »Bei Bootham Bar Books wurden vor zwei Wochen einige seltene Bücher gestohlen.«
»Ach ja«, sagte Kitt, deren blaue Augen strahlten, wie sie nur aufleuchteten, wenn sie über Bücher redete. »In der Sekunde, in der ich davon gelesen habe, bin ich in den Laden gegangen, um mich nach Donald und Shereen zu erkundigen.«
»Warum erstaunt es mich nicht, dass du Buchladenbesitzer beim Vornamen kennst?«, zog Halloran sie auf. »Und ich bin mir sicher, dass deine Sorge um das Personal der einzige Grund für deinen Besuch im Buchladen war.«
»Vielleicht habe ich ja ein oder zwei Bücher gekauft, da ich ohnehin dort war. Es schien mir nur richtig, ein wenig Geld in die Hand zu nehmen. Die gestohlenen Bücher waren ziemlich wertvoll, weißt du.«
»Wie viel?«, fragte Evie.
»Fünfzigtausend«, gab Halloran zurück.
»Herrje!«
»Und Banks hat an dem Fall gearbeitet?«, wollte Kitt wissen.
Halloran nickte. »Durch die Mittelkürzungen und so untersuchen wir momentan nicht mehr alle Einbrüche. Doch da die Beute so wertvoll war, erschien es denkbar, dass etwas Größeres dahintersteckte.«
»Wusste gar nicht, dass Bücher so viel wert sein können«, sagte Evie.
»Das waren keine gewöhnlichen Bücher«, erklärte Kitt. »Alle waren Erstausgaben. Der tiefe Schlaf, Endymion, Jamaica Inn. Ganz zu schweigen von einer Erstausgabe von Leb wohl, Berlin von Christopher Isherwood. Letztere habe ich oft sehnsüchtig in ihrer Vitrine betrachtet. Sie war wunderschön. Donald hat mir einmal erlaubt, sie anzufassen.«
»Ich hoffe, seine Frau findet das nicht heraus«, sagte Evie, bevor sie sich Einhalt gebieten konnte. Sofort huschte ihr Blick zu dem Inspector. Sie war noch nicht daran gewöhnt, dass Kitt einen Freund hatte. Soweit Evie wusste, war Kitt in den letzten zehn Jahren mit Edward Rochester verheiratet gewesen, dem berühmten Helden aus Jane Eyre. Halloran jedoch stieß nur ein sattes, tiefes Lachen aus, das den ganzen Raum erfüllte und das Evie noch nie bei ihm gehört hatte.
»Kannst du dir denn keine Gelegenheit zu einer anzüglichen Bemerkung entgehen lassen?«, fragte Kitt und seufzte, an ihre Freundin gerichtet.
»Das kommt mir wie solch eine Verschwendung vor«, sagte Evie.
»Eigentlich waren es nicht die einzigen Gegenstände, die aus dem Buchladen gestohlen wurden«, erklärte Halloran. »Doch die anderen hatten keinen großen Wert, daher haben wir sie der Presse gegenüber nicht bekannt gegeben. Der Gedanke war, damit vielleicht beim Verhör den Einbrecher zu überführen.«
»Was wurde denn noch gestohlen?«, fragte Kitt.
»Ein Buch von Enid Blyton und eines der Stofftiere, wie sie an der Kasse verkauft werden.«
»Welches Buch von Enid Blyton?«, hakte Kitt nach – wenn es um Bücher ging, wollte sie jede Einzelheit wissen.
»Ein Geheimnis der Schwarzen Sieben.«
»Noch eine Erstausgabe?«
Halloran schüttelte den Kopf. »Das Buch war gar nichts wert.«
»Für den Dieb offenbar schon«, sagte Kitt.
»Was ist mit dem Stofftier?«, fragte Evie und ignorierte Kitts wissenden Blick. Evie hatte ihr erzählt, wie widerstrebend sie sich von den Stofftieren aus ihrer Kindheit getrennt hatte. Ihr Dad hatte gesagt, Erwachsene hätten keine Teddys, doch insgeheim hatte sie immer den Trost vermisst, den sie ihr schenkten. In der Folge versuchte sie, Kitt ab und zu dazu zu überreden, die Teddybär-Teestube in der Stadt zu besuchen, und gelegentlich tat Kitt ihr den Gefallen, obwohl sie immer deutlich machte, dass sie es nicht angemessen für zwei Frauen von Mitte dreißig fand, dort Tee zu trinken. Doch trotz ihrer Einwände hatten die beiden dort immer viel Spaß.
»Es war eine große Peter-Hase-Figur, die auf einem Aufsteller an der Kasse saß«, erklärte Halloran.
»Ja, die habe ich gesehen. Aber wie eigenartig, dass der Dieb sie gestohlen hat«, sagte Evie, unterbrach sich dann und dachte einen Moment lang nach. »Dieser Angriff. Der Hammer und alles. Hätte Banks nicht gewusst, dass all diese Indizien auf sie weisen würden? So etwas Dummes hätte sie doch nie getan, oder?«
»Oberflächlich gesehen passt es nicht zusammen, nein«, sagte Halloran. »Verstehen Sie mich nicht falsch, sie ist durchtrainiert und körperlich zu so etwas in der Lage – sie kann sich verteidigen. Aber intellektuell und professionell hat Banks sich immer nach dem Gesetz gerichtet. Sie ist ehrgeizig. Ihr Ziel ist es, sich bei der Polizei die Karriereleiter hochzuarbeiten. Es kommt mir unwahrscheinlich vor, dass sie das aufs Spiel setzen würde; und erst recht wegen eines so unbedeutenden Falls.«
»Dann glaubst du, dass jemand Banks den Angriff in die Schuhe schieben will?«, fragte Kitt.
»Davon würde ich gern ausgehen, ja. Schließlich …« Der Inspector verstummte und blickte zwischen Evie und Kitt hin und her. »In letzter Zeit haben gewisse Ereignisse mich gelehrt, gründlich nachzudenken, wenn Indizien in eine gewisse Richtung weisen.«
Evie lächelte dem Inspector widerstrebend zu. Auf seine ganz eigene Art gab er ihnen zu verstehen, dass er sowohl ihr als auch Kitt vertraute oder wenigstens wünschte, er könnte es.
Ihre Gedanken wandten sich wieder Charley zu. Sie wusste, was es bedeutete, einer unverzeihlich brutalen Tat beschuldigt zu werden. Sie wusste, wie einsam man sich dabei fühlen konnte.
»Was wird jetzt aus Charley? Wird sie wirklich ihren Job verlieren?«
»Bedaure, das sagen zu müssen, aber momentan sieht es so aus, als wäre das noch das beste Szenario.«
»Was meinen Sie?«, fragte Evie.
»Ein Polizist hat die Aufgabe, die Öffentlichkeit zu schützen, und jeder Verstoß dagegen wird zu Recht sehr ernst genommen. Wahrscheinlich wird die Disziplinarabteilung eine Anti-Korruptions-Einheit mit der Untersuchung beauftragen, und wenn die feststellt, dass Banks schuldig ist, wird sie für ihre Taten vor Gericht gestellt.«
Evie schluckte heftig. Als man ihr den Mord an ihrem Ex vorgeworfen hatte, da hatte das zu den Dingen gehört, vor denen sie die größte Angst hatte. In einem Gerichtssaal zu stehen, umgeben von Menschen, die sie anstarrten und für etwas verurteilten, was sie nicht getan hatte. Davor, dass jeder sie für eine Verbrecherin hielt.
»Dann könnte Banks deswegen tatsächlich ins Gefängnis kommen?«, fragte Kitt und riss die Augen auf.
»Beinahe mit Sicherheit, wenn genug Indizien zusammenkommen, um die Sache vor Gericht zu bringen«, sagte Halloran.
»Eine Polizistin im Gefängnis …«, sagte Kitt. »Man mag gar nicht daran denken … was man dort mit ihr machen würde.«
»Banks ist eine Überlebenskünstlerin«, sagte Halloran. »Das müsste sie allerdings auch sein, um das zu überstehen.«
»Wo ist sie jetzt?«, fragte Evie und warf einen kurzen Blick auf ihre Uhr.
»Keine Ahnung. Sie wurde heute am frühen Nachmittag aus dem Polizeirevier verwiesen.«
»Also, ich muss zu ihr, sofort«, platzte Evie heraus.
Kitt zog die Augenbrauen hoch, und Evie gestand sich ein, dass sie nicht genau wusste, warum sie den Drang hatte, jemanden zu trösten, den sie nur bei wenigen, wenn auch folgenschweren Gelegenheiten getroffen hatte. Vielleicht weil Charley im Krankenhaus so nett zu ihr gewesen war, nachdem sie fast ertrunken war. Sie spürte den Drang, ihr die Freundlichkeit zu vergelten und für sie da zu sein.
»Sie und Banks haben noch Kontakt?«, erkundigte sich Halloran.
»Ab und zu«, sagte Evie. »Sie war sehr freundlich zu mir, nachdem das, nun ja, passiert ist. Ich mag gar nicht daran denken, dass sie das alles allein durchmacht.«
»Verstehe«, sagte Halloran. »Ich bin bei ihr vorbeigegangen, bevor ich hergekommen bin, um nach ihr zu sehen, aber sie war nicht da.«
»Ich finde sie«, erklärte Evie.
»Wie denn?«, wollte Kitt wissen.
»Keine Ahnung, aber so groß ist York nun auch wieder nicht. Ich schicke ihr eine Textnachricht oder rufe sie an oder so.«
»Als ich es versucht habe, ist sie nicht ans Handy gegangen«, sagte Halloran und dachte einen Moment nach, bevor er weitersprach. »Aber vielleicht reagiert sie ja bei Ihnen … jemandem, der nichts mit ihrem Job zu tun hat, anders. Möglich, dass sie jetzt genau so jemanden braucht.«
Evie stand von ihrem Sessel auf und zog ihren Mantel wieder an.
»Aber was ist mit …«, begann Kitt, unterbrach sich dann und sah Halloran an. Sie hatte nicht vor, direkt auf Evies panischen Moment von eben anzuspielen, doch auf ihrer Stirn standen Sorgenfalten. »Was ist mit deinem Abendessen?«
»Das geht schon«, erklärte Evie mit nur einem leichten Anflug von Bedauern. Die Lasagne sah köstlich aus, aber sie hatte Dringenderes zu tun. Sie sah ihrer Freundin in die blauen Augen und drückte ihren Arm. »Halloran kann meine Portion haben.«
»Dann schreib mir wenigstens eine Nachricht, wenn nötig«, sagte Kitt.
»Mache ich.«
»Und morgen habe ich in der Bibliothek Spätschicht. Versprich mir, dass du vorbeikommst, ja?«
»Versprochen«, sagte Evie. Sie zog an der Tür, die sich zwei, drei Zentimeter weit bewegte, aber auch nicht weiter.
»Gestatten Sie«, sagte Halloran, griff nach der Klinke und öffnete die Tür mit einer einzigen raschen Bewegung.
»Angeber«, sagte Kitt zu ihm. »Pass auf dich auf, Evie«, setzte sie dann schnell hinzu.
»Wird gemacht«, rief Evie zurück. Kitt und sie wussten, dass in den Straßen von York nicht wirklich Gefahr lauerte, vor allem nicht so früh am Abend. Doch nach den Ereignissen von neulich neigten die beiden, vielleicht verständlicherweise, noch stärker dazu, sich Sorgen umeinander zu machen.
Evie huschte den Weg entlang und zog ihre Kapuze hoch. Sie lächelte, als sie erneut das Gefühl überkam, dass die zunehmende Dunkelheit sie schützte.
Weniger als eine Stunde später sah sich Evie unter den kleinen Grüppchen von Freunden um, die sich auf den Holzbänken in der Parliament Street tummelten. Sie waren ein Teil des St.-Nicholas-Markts, dem alljährlichen Weihnachtsmarkt, der während der Wintermonate das Stadtzentrum beherrschte. Um diese Tageszeit spiegelten sich glitzernde rote und grüne Lichterketten im Springbrunnen in der Mitte des Platzes, und der Duft von gerösteten Kastanien lag in der Luft. Die meisten Standbetreiber packten schon geschäftig Kerzen mit Pflaumenduft und sternförmigen Tannenbaumschmuck in golden und silbern angesprühte Weidenkörbe. Doch obwohl der Markt langsam zu Ende ging, waren die Essensstände noch belebt und versorgten Besucher, die ihre Füße ausruhen und die schneidende Kälte abwehren wollten, mit Glühwein und Schlehenlikör. Es dauerte ein wenig, doch dann entdeckte Evie Charley genau dort, wo sie es gesagt hatte: auf einer der Bänke am Rand des Sitzbereichs. Um sie herum funkelten die bunten Weihnachtslichter, und sie beugte sich über einen Styroporbecher.
Evie ging auf sie zu und dachte an ihre erste Begegnung mit der Beamtin. Damals hatte sie gewirkt, als könne sich kein einziges Härchen aus dem fest geschlungenen Knoten auf ihrem Hinterkopf winden. Doch jetzt hatte Evie den Beweis für das Gegenteil vor sich, denn es hing offen und in dunklen Wellen um ihre Schultern. Evie wusste auch noch, wie bei ihrem ersten Zusammentreffen Charleys Uniform irgendwie so gebügelt gewesen war, dass sie scharfe, kantige Linien zu haben schien. Jetzt wirkte zwar auch die schwarze Lederjacke, die sie über einem grauen Hoodie und Jeans trug, alles andere als schlampig, doch in Zivilkleidung wirkte sie verletzlicher.
»Hallo. Lust auf Gesellschaft, junge Dame?«, fragte Evie und bereute es sofort. Woher war diese idiotische Bemerkung gekommen? Nervosität, vermutete sie. Sie hatte noch nie mit jemandem reden müssen, der von seinem Arbeitsplatz suspendiert worden war, und wusste nicht recht, was sie sagen sollte.
Charley zog die Mundwinkel nur einen Hauch hoch; vielleicht, um ihr zu bedeuten, dass sie den Versuch, sie aufzuheitern, würdigte. Entweder das, oder es war ein mitfühlendes Lächeln, gerade breit genug, um zu signalisieren, dass sie begriff, wie heikel das alles war, und bereit war, etwaiges idiotisches Verhalten zu übersehen.
Evie setzte sich auf die Bank gegenüber Charley und strich sich das Haar ins Gesicht, sodass es hoffentlich ihre Narben verdeckte.
»Ich wusste nicht, ob du auf eine Textnachricht antworten würdest«, erklärte sie und rutschte unbehaglich auf der Bank herum, um eine bequemere Haltung zu finden. Das Möbel schien nicht dazu gebaut zu sein, sich der menschlichen Gestalt anzupassen. »Halloran sagte, er hätte dich seit heute Nachmittag nicht erreichen können.«
»Ich weiß, dass er es nur gut meint, wenn er sich nach mir erkundigt«, sagte Charley in ihrem schottischen Glasgow-Akzent mit den gerollten Rs. »Aber momentan kann ich mich einfach nicht überwinden, mit ihm zu reden. Nicht einmal am Telefon. Es ist einfach zu peinlich.«
»Das verstehe ich. Aber ich bin dankbar dafür, dass du meine Nachrichten nicht auch ignoriert hast.«
Aus ihren tiefschwarzen Augen sah Charley Evie an. »Du bist ein Mensch, den man nur schwer ignorieren kann.«
Evie gestattete sich ein kurzes, nervöses Auflachen. »Bei dir klingt das viel mehr wie ein Kompliment als bei Kitt, wenn sie das sagt.«
»Dann ist es ja gut. Weil es als Kompliment gemeint war.« Ein sanftes Lächeln trat auf Charleys Lippen, verschwand aber sofort wieder, als sie einen Schluck von ihrem Getränk nahm.
Evie nestelte an einer der Locken, die ihrem Gesicht am nächsten waren, und fragte sich, ob es möglich war, körperlich zu spüren, dass einem leichter um ein schweres Herz wurde. »Was passiert ist, tut mir leid«, erklärte sie, als ihr wieder einfiel, warum sie gekommen war.
Charley seufzte und schlug eine Hand vors Gesicht. »Ich habe keine Ahnung, was zum Teufel ich tun soll.«
»Wir lassen uns etwas einfallen.«
»Ich rede nicht über eine langfristige Strategie. Darüber kann ich nicht einmal richtig nachdenken«, sagte Charley und schlug mit der Hand auf den hölzernen Picknicktisch, der sich zwischen ihr und Evie befand. »Ich meine, ich weiß buchstäblich nicht, was ich von einem Moment zum anderen tun soll. Heute Nachmittag bin ich ins Kino gegangen und habe mir den neuesten Transformers-Film angeschaut. Allein. Weil ich nicht wusste, was ich sonst mit mir anfangen sollte. Hast du eine Ahnung, wie deprimierend das ist?«
»Das klingt ziemlich übel. Im Moment laufen bessere Filme.«
»Wahrscheinlich eine unbewusste Art masochistischer Selbstverletzung«, sagte Charley.
»Du solltest dich nicht bestrafen, nicht einmal unbewusst. Du hast nichts Verkehrtes getan.«
»Ich weiß.«
»Aber es ist natürlich, sich desorientiert zu fühlen. Du hast einen schrecklichen Schock hinter dir. Glaub mir, ich weiß, wie sich das anfühlt.«
Charley sah sie an. »Ja, nicht wahr? Du hast das Gleiche durchgemacht, als wir dich des Mordes an Owen beschuldigt haben.«
»Na ja, seitdem ist viel Wasser die Ouse hinuntergeflossen«, sagte Evie. »Buchstäblich.«
Charley biss sich auf die Unterlippe, und Evie sagte sich, dass sie wahrscheinlich ein Lächeln unterdrückte. Dass Charley sich durch ihren kleinen Scherz besser fühlte, genau wie Kitts Witzchen auf sie selbst wirkten, wenn sie in der Klemme saß oder niedergeschlagen war.
»Ich kann das alles nicht glauben«, sagte Charley. »Ständig denke ich, dass ich vielleicht gleich aufwache. Bloß, dass das nicht passiert. Ich fühle mich einfach … hilflos.«
Evie stützte die verschränkten Arme auf den Tisch. »Wir müssen doch etwas tun können! Gibt es denn keinen Beweis dafür, dass die Waffe aus deinem Haus gestohlen wurde?«
Charley trank einen großen Schluck von dem Inhalt ihres Styroporbechers. »Am Schloss der Garage ist keine Spur von Manipulation zu erkennen, aber es gibt ein Fenster, das sich leicht aufhebeln lässt, wenn man weiß, wie. Und wenn die Unbekannten auf diesem Weg eingedrungen sind, haben sie möglicherweise forensische Spuren hinterlassen. Aber bis die Polizei das untersucht, dauert es.«
»Dann kann man also nur abwarten«, meinte Evie, legte eine Hand auf Charleys Arm und drückte ihn. Die Geste war vielleicht ein wenig zu vertraulich, aber sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, Charley zu bedeuten, dass sie für sie da war, wenn sie sie brauchte.
Die Beamtin sah auf Evies Hand hinunter, dann in ihr Gesicht und lächelte. Es wirkte gezwungen; ein Versuch, Dankbarkeit zu zeigen. Evie erwiderte das Lächeln, fragte sich jedoch, ob sie mehr tun konnte, als sie nur zu beruhigen. Genauso hilflos hatte sie sich gefühlt, als Owens Mörderin noch frei herumlief. So sehr, dass sie einen Weg hatte finden müssen, etwas zu unternehmen; und Kitt hatte ihr geholfen, indem sie ihre eigene kleine Ermittlung gestartet hatte. Vielleicht konnte sie das Gleiche für Charley tun? Eigentlich war Kitt nur in der Stadt herumgelaufen und hatte ein paar Fragen gestellt. Wie schwer konnte das schon sein?
»Ich weiß nicht, ob du es erträgst, überhaupt darüber nachzudenken«, begann sie langsam, »aber hast du irgendeine Vorstellung, wer dir vielleicht etwas in die Schuhe schieben will?«
»Ich habe so viele Menschen hinter Gitter gebracht, dass die Liste lang ist«, sagte Charley stirnrunzelnd. »Aber … möglicherweise ist es jemand, der in Verbindung zu diesem Einbruch steht. Ich meine, so jemand würde alle Details kennen.«
Am liebsten hätte Evie gelächelt, sie hielt sich aber zurück. Es war offensichtlich, dass Charley nachdachte, und das war bestimmt besser, als Trübsal zu blasen. Ihr Plan funktionierte schon …
»Was ist mit dem Verdächtigen selbst?«, fragte Evie. »Vielleicht hat er das Ganze inszeniert, damit es so aussieht, als werde er in diesem Fall von der Polizei unfair behandelt.«
»Ja, das ist eine Möglichkeit«, sagte Charley. »Dem Kerl würde ich alles zutrauen. Nur vielleicht nicht genug Verstand, um zu erkennen, dass sein Diebesgut wertvoll war.«
»Wie meinst du das?«
»Na ja, ich nehme an, Halloran hat euch erzählt, wo eingebrochen wurde?«
Evie nickte. »Bei Bootham Bar Books, obwohl ich ohnehin Bescheid wusste. Kitt entgeht nichts, was mit Büchern zu tun hat.«
»Das glaube ich gern. Dann wisst ihr, dass die teuersten Bücher in dem Laden gestohlen wurden?«
»Ich bin mir nicht sicher, ob er das so ausgedrückt hat, als wir vorhin darüber geredet haben«, sagte Evie. »Aber was hat das zu bedeuten?«
»Dass der Einbruch nicht beliebig oder Zufall war. Die Leute, die dahinterstecken, kannten sich genau mit den Beständen dieses Ladens aus und wussten exakt, wo die wertvollsten Exemplare zu finden waren.«
»Und du glaubst nicht, dass der Verdächtige, der dich des Angriffs auf ihn beschuldigt, diese Art Wissen besitzt?«
»Im Leben nicht.«
»Warum ist er dann verdächtig?«
Charley sah in ihr Getränk hinunter. »Die Gerichtsmedizin hat den Laden durchkämmt. Da es sich um ein Geschäft handelt, haben sie offensichtlich eine Million verschiedener Fingerabdrücke und DNA-Spuren gefunden. Aber nur eine passte zu jemandem, der vorbestraft ist – von Strafzetteln wegen Falschparkens abgesehen. Also haben wir ihn zum Verhör bestellt. Er war genauso einsilbig wie immer – das war nicht sein erster Besuch auf der Wache.«
»Hat er ein Alibi?«, erkundigte sich Evie.
Charley lächelte ironisch. »Erkenne ich da eine Frau, die schon im Verhörraum gesessen hat?«
»Auf der falschen Seite des Tisches«, sagte Evie.
»Hoffentlich hattest du das Gefühl, fair behandelt zu werden.«
»In Anbetracht des Umstands, dass ihr geglaubt habt, ich hätte jemanden getötet, wart ihr ganz freundlich.«
»Den Eindruck hatte ich eigentlich nicht«, sagte Charley. Sie klang gehetzt. »Ich wollte nur die Wahrheit herausfinden, genau wie jetzt.«
»Ich weiß.«
»Schwieriger, wenn man vom Dienst suspendiert ist. Das ist so frustrierend, weil es vorher nach einer unkomplizierten Verurteilung aussah.«
»Hast du ihn dazu gebracht, seine Liebe zu Peter Hase und der Schwarzen Sieben zu gestehen?« Evie kicherte.
»Dann hat Halloran wirklich geplaudert?«, fragte Charley. »Du weißt schon, dass er dafür richtig in Schwierigkeiten kommen kann?«
Evie lächelte. »So, wie er und Kitt einander ansehen, würde ich behaupten, dass beide schon jetzt in Schwierigkeiten stecken.«
»Wohl wahr«, gab Charley lächelnd zurück. »Er muss sich aber zusammennehmen – wenn Percival oder Ricci herausfinden, dass er Informationen an Privatpersonen weitergegeben hat, drücken sie ihm bis ans Ende aller Zeiten die Samstags-Nachtschicht am Bahnhof von York aufs Auge. Nicht schön, kann ich dir sagen.«
»Ich habe ein- oder zweimal selbst mitbekommen, was dort samstagabends los ist«, sagte Evie und warf Charley ein verschmitztes Grinsen zu. »Aber jetzt weiß ich schon das meiste; kann es wirklich schaden, wenn du mir noch ein wenig mehr erzählst?«
»Was mich angeht, habe ich schon so viele Probleme, dass es wahrscheinlich nicht viel ausmacht. Vorausgesetzt, du erzählst es nicht in der ganzen Stadt herum.«
»Ich neige nicht dazu, öffentliche Reden zu schwingen«, erklärte Evie. »Also, hatte dein Verdächtiger ein Alibi?«
»Oh, aye, seine Mutter, um Himmels willen.«
»Und er kam dir nicht vor wie ein Mensch, der abends mit seiner lieben alten Ma zusammensitzt und strickt?«
»Nicht bei seinem Vorstrafenregister. Und wenn du je seiner Mutter begegnet wärest, würdest du auch nicht den Wunsch hegen, viel Zeit in ihrer Gesellschaft zu verbringen. Aber letzten Endes ist er wohl bloß ein Strohmann.«
»Wie kommst du darauf?«
»Abgesehen von dem Enid-Blyton-Band waren, wie schon gesagt, die gestohlenen Bücher ganz spezielle Exemplare. Jemand muss ihn darauf angesetzt haben. Eine Person, die sich mit seltenen Büchern auskennt.«
»Und … du hattest gehofft, wenn du ihm mit Gefängnis drohst, würde er vielleicht verraten, wer wirklich dahintersteckt?«
Charley nickte. »Ich habe ihn ein wenig unter Druck gesetzt – im Rahmen des Gesetzes – und dachte, vielleicht knacke ich ihn, und er erzählt mir, wer sein Auftraggeber war. Stattdessen höre ich als Nächstes, dass er zusammengeschlagen worden ist, und werde zu einem Termin zitiert, bei dem auch meine Vertreterin bei der Polizeigewerkschaft anwesend ist. Superintendent Ricci hat nichts zu meiner Verteidigung vorgebracht, und ich wurde sofort vom Dienst suspendiert.«
Der traurige Ausdruck, der kurz aus Charleys Blick gewichen war, kehrte zurück.
»Wenn dieser Verdächtige von jemandem, der sich auskannte, auf den Job angesetzt wurde, dann kann er ihn wahrscheinlich momentan nicht besonders gut leiden, nachdem er halb tot geschlagen wurde und im Krankenhaus liegt.«
»Wahrscheinlich nicht. Und?«
»Vielleicht steht er ja kurz vor der Erkenntnis, dass er sich auf etwas eingelassen hat, das ein paar Nummern zu groß für ihn ist. Möglich, dass man vernünftig mit ihm reden kann und er dann einen Namen nennt.«
»Kann schon sein, aber ich kann deswegen nichts unternehmen. Ich darf mich nichts und niemandem nähern, was mit dem Fall zu tun hat. Nicht, wenn ich noch eine Chance haben will, jemals meinen Job zurückzubekommen.«
»Du nicht, nein«, sagte Evie. »Aber ich kenne einen gewissen Detective, der dir vielleicht helfen kann. Besonders wenn seine Freundin ihn nett darum bittet.«
Banks schüttelte den Kopf. »Ich kann von Halloran nicht verlangen, sich in diese Sache einzumischen. Wenn er nicht aufpasst, könnte ihn das ebenfalls die Karriere kosten. Ich bin seine Partnerin. Wenn sie mich verdächtigen, korrupt zu sein, dann haben sie ihn vielleicht auch im Verdacht.«
»Tja, dann vielleicht …«
»Evie … ich weiß zu schätzen, dass du helfen willst. Aber im Moment kann man nichts tun. Ich bin kaltgestellt. Mit ein wenig Glück findet die Gerichtsmedizin in der Garage eine Spur. Vielleicht sogar Alims DNA.«
»Alim?«
Charley legte einen Finger an die Lippen und sprach leiser. »Alim Buruk, der Verdächtige.«
»Etwas an dem Namen kommt mir bekannt vor.«
