Der Todtentanz - Ludwig Bechstein - E-Book

Der Todtentanz E-Book

Ludwig Bechstein

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Beschreibung

Der erste Gruß, den ich Ihnen von München aus sende, wird Ihnen auf den Schwingen des Zeitspiegels zugebracht, und so wird Sie es kaum wundern, daß ich für dießmal mehr von Ihnen, als zu Ihnen spreche, und vielleicht nicht mit dem Ausdruck jener Herzlichkeit, die Sie dennoch, wie ich hoffe, in dem Sinn meiner Worte nicht vermissen werden, besonders wenn Sie bedenken, daß die Wahrheit vor dem Publikum ein anderes Gewand anziehen muß, als in vertraulichen Mittheilungen, und daß in den Staatsverhandlungen der literarischen Republik ein Redner die ernste Strenge anwenden muß, die er von den alten Römern lernte.

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Der Todtentanz.

Ein Gedicht von LUDWIG BECHSTEIN.

 

1831 © 2021 Librorium Editions ISBN : 9782383830764

Inhaltsverzeichnis

Der Todtentanz.
Über Bechstein’s Todtentanz.
1. DIE SCHOEPFUNG.
2. DIE VERBOTNE FRUCHT.
3. DAS VERLORNE PARADIES.
4. GEBURT UND TOD.
5. TRIUMPF DER TODESENGEL.
6. DER PAPST.
7. DER KAISER.
8. DER KOENIG.
9. DER KARDINAL.
10. DIE KAISERIN.
11. DIE KOENIGIN.
12. DER BISCHOF.
13. DER KURFUERST.
14. DER ABT.
15. DIE PRIORIN.
16. DER GRAF.
17. DER DOMHERR.
18. DER RICHTER.
19. DER ANWALT.
20. DER RATHSHERR.
21. DER PRAEDIKANT.
22. DER WELTGEISTLICHE.
23. DER MOENCH.
24. DIE NONNE.
25. DIE GREISIN.
26. DER ARZT.
27. DER STERNDEUTER.
28. DER WUCHERER.
29. DER KAUFMANN.
30. DER SCHIFFER.
31. DER RITTER.
32. DER EDELMANN.
33. DER GREIS.
34. DIE BRAUT.
35. FUERST UND FUERSTIN.
36. DIE GRAEFIN.
37. DER KRAEMER.
38. DER PFLUEGER.
39. DAS KIND.
40. DER KRIEGER.
41. DIE SPIELER.
42. DIE SCHLEMMER.
43. DER SCHALKSNARR.
44. DER RAEUBER.
45. DER BLINDE.
46. DER FUHRMANN.
47. DER BETTLER.
48. DAS GERICHT.

Über Bechstein’s Todtentanz.

Ein Brief an den Verfasser; von Wilhelm von Chézy.

Werther Freund!

Der erste Gruß, den ich Ihnen von München aus sende, wird Ihnen auf den Schwingen des Zeitspiegels zugebracht, und so wird Sie es kaum wundern, daß ich für dießmal mehr von Ihnen, als zu Ihnen spreche, und vielleicht nicht mit dem Ausdruck jener Herzlichkeit, die Sie dennoch, wie ich hoffe, in dem Sinn meiner Worte nicht vermissen werden, besonders wenn Sie bedenken, daß die Wahrheit vor dem Publikum ein anderes Gewand anziehen muß, als in vertraulichen Mittheilungen, und daß in den Staatsverhandlungen der literarischen Republik ein Redner die ernste Strenge anwenden muß, die er von den alten Römern lernte.

Ihr großes Gedicht, der Todtentanz, erscheint zu einer Zeit, wo die Schrecken — zahlreich wie Heuschrecken — einherziehen, und Ihre reiche Muse verleiht Holbeins ernsten Bildern eine beredte Sprache, die zu den Herzen dringt, wie bereits der Erfolg, dessen sich das Werk im Vaterlande erfreut, zur Genüge beweis’t. Als Sie die Schöpfung begannen, da gedachten Sie sicherlich nicht der Schwierigkeiten, die ihr von außen her entgegentreten würden, denn der schaffende Muth in der Dichterbrust sieht nur das leuchtende Ziel, und regt die kühnen Schwingen; nur so entsteht ein Meisterwerk, und so dichteten Sie Ihren Todtentanz, dessen innern und äußern Werth ich mit der ganzen gebildeten Welt anerkenne, in dessen Lob ich mich aber nicht eher einlassen will, als bis ich von den Schwierigkeiten gesprochen, die Sie zum Theil überwunden, zum Theil aber nur umgangen haben; ich will Ihr Gedicht der Zeit gegenüberstellen, denn nur unter dieser Bedingung kann in diesen Blättern seiner erwähnt werden, und ich hoffe, Sie werden mich hier eben so wenig der Anmaßung beschuldigen, als unser Publikum sich beklagen kann, daß der Zeitspiegel sich herbeiläßt, unter seinen Mitarbeitern eine Lobassekuranz zu stiften.

Ueber Ursprung und Bedeutung der bildlichen Todtentänze sagt Maßmann belehrende und inhaltschwere Worte; er zeigt sie der Zeit ihrer Entstehung gegenüber, zeigt, aus welcher Denkart sie hervorgegangen, und erfüllt so den erhabenen Beruf eines Geschichtforschers in seiner, ihm eigenthümlichen, tüchtigen und gründlichen Weise; Sie aber sind der Sohn der Gegenwart, ein Dichter, und so wirken Sie unmittelbar auf Ihre Zeit. Wenn Sie also den Gedanken faßten, aus den Grüften des Mittelalters einen Kranz hervorzuholen, um ihn mit den frischen, duftigen Blüthen Ihrer jugendlichen Phantasie zu schmücken und neu zu beleben, so wäre es eine Beleidigung Ihres Genius, zu meinen, Sie hätten sich den finstern Bußpredigern eines ascetischen Jahrhunderts anschließen wollen. Wer diese lächerliche und abgeschmackte Meinung von Ihnen fassen wollte, der lese Ihr Gedicht, und er ist widerlegt, wenn ihn nicht sein Vorurtheil ganz blind gemacht hat, wenn er nicht einer von denen ist, deren unmündiger Geist nur im Staube mittelalterlicher Trümmer umherkriecht, und die geblendeten Augen dem Licht verschließt, wähnend, die Welt sehe nichts, weil er selbst im Dunkel tappt.

Eine andere Schwierigkeit, die Ihnen ausstieß, haben Sie umgangen, und der bestochene Leser, dem Zauber Ihres Talentes sich hingebend, gewahrt sie nicht, wenn er nicht, wie ich , den heißen Wunsch hegt, daß ein kräftiger, mit allen Waffen ausgerüsteter Geist sich lieber zu den Vorkämpfern des neuen Lichtes geselle, denen ein reicher Lorbeer die vollen Kränze entgegenstreckt, statt im Nachtrab des Alten ein Reis zu pflücken, das zwar nicht minder schön seine Schläfe schmückt, aber dennoch von dem Ruhme jener Mitlebenden verdunkelt werden könnte, welche das Glück erkannten, den Sonnenaufgang zu beleben. — Es ist sehr schwer, hier für mich, so zu reden, daß ich nicht mißverstanden werde, und ich habe fast keine Wahl, als auf die Gefahr hin, für einen Verächter der Religion zu gelten, mit dürren Worten auszusprechen: im Reich der Kunst ist die Zeit des Kreuzes vorüber, die bessere Einsicht hat aus den Werken des Genius die düstre Lehre von Erbsünde und Erlösung verbannt, um sie dem Katechismus zu überlassen, und wie längst schon die bildende Kunst, darf auch die Poesie nicht mehr christlich seyn, wenn sie mit derselben Kraft austreten will, durch welche die ewig jungen Dichter der früheren christlichen Zeit die Welt entzückten; denn es hilft nicht, die Zeit zurückschrauben zu wollen, — wir müssen mit ihr gehen, und das Jerusalem eines neuen Tasso ist die Stadt der Juliustage.

Wähnen Sie nicht, verehrter Freund, daß ich hiermit sagen will, ich erkennte den Werth Ihrer Dichtung in seinem ganzen Umfange; vergönnen Sie mir im Gegentheil, nachdem ich die schwere Pflicht als Berichterstatter vor dem unbestechlichen Tribunal der Zeit erfüllt habe, Ihnen zu sagen, daß weder Tasso noch mancher andre sich schämen dürfen, ihre Kränze mit Ihnen zu theilen, obschon es Ihnen hier geht, wie den Madonnenmalern, und daß Ihnen Unrecht geschieht, wenn man Sie mit dem in sich selbst zerfallenen, und doch stets nur sich selbst suchenden Byron vergleicht. In schönen, fließenden Versen entfalten Sie einen Reichthum von Phantasie und Gedanken, der den aufmerksamen Leser, am Leitfaden der Holbein’schen Bilder, durch eine große, bewegte Welt führt. Jeder Abschnitt ist ein Fluß, entweder durch ein wildes Thal brausend, oder durch eine reiche Flur wogend, Flößholz in wilder Unordnung, oder beladene Schiffe in geordneter Schnelle zu dem allgemeinen Weltmeer unaufhaltsam hintragend, und es fehlt kein Lebensprinzip, als die (von Holbein selbst oft ausgedrückte, sogar bis zum Hohn gesteigerte) Ironie, die ja schon der Stoff an und für sich mit sich führt, und die Sie sogar hin und wieder gewaltsam zu verdrängen scheinen.

Ich finde hier nicht den Raum, weiter von dem Werth der Dichtung zu reden, und indem ich sie allen zarten Seelen zur Erbauung, allen ernsten Geistern zu erholender Betrachtung anempfehle, bitte ich Sie, in diesem Brief nicht die Gesinnung zu verkennen, die ich für Sie und Ihren Genius hege; mich nicht der Anmaßung zu beschuldigen, weil ich meine Meinung sage; und endlich den Ausdruck meiner fortwährenden Freundschaft, und der Hochachtung, die ich Ihnen durch meine Freimüthigkeit am thätigsten zu bewähren hoffe, zu genehmigen.

 

 

 

 

rnst ist mein Lied; kein heitres Mährlein tönt Zu sanften Lautenklängen, süss und weich; Ernst ist mein Lied; der Scherze ganz entwöhnt Ist meine Muse, und die Nacht ihr Reich.

 

Die Harfe rauscht, von dunklem Flor verhängt, Gedämpften Tones nur im dumpfen Moll, Und der Gestalten Wunderfülle drängt Um mich, wie sie dem Meister einst entquoll.

 

Das heitre Leben, seine Lenzespracht, Wird oft gefeiert, ich besang es auch; Jetzt aber sing' ich einer andern Macht, Starr ist ihr Blick und eiseskalt ihr Hauch.

 

»Und wirst Du Hörer finden solchem Sang? Die Menschen lieben jenen Mahner nicht! Sie wenden sich von Deinen Bildern bang Und grausend weg, verwerfen Dein Gedicht!«

 

Ich werde Hörer finden meinem Sang, Dess tröst' ich mich mit froher Zuversicht, Und folge ruhig meinem innern Drang; Und mit den Bildern lebt auch mein Gedicht.

1. DIE SCHOEPFUNG.

 

er Weltenkönig rief aus Nacht das Licht, Gehorsam trat es vor sein Angesicht. Er rief die Sonnen fern und nah, Und Sonnen standen strahlend da. Er rief den Cherubim und Seraphim, Die schwebten her, und sanken hin vor ihm, Anbetend demuthvoll und tief Ihn, den Allmächtigen, der sie berief. Gott aber war im ew'gen Lichtes Schein, War bei den Cherubim und Seraphim allein; Er sah die Sonnen tönend Kreise drehn, Doch das war schon Jahrtausende geschehn, Und einsam war der Herr. Vor ihren goldnen Stühlen Lag knieend noch der Engel Schaar, Und ihre Harfen rauschten wunderbar, Gott aber wollte neue Vaterfreuden fühlen. Und durch die Himmel donnerte sein Werde! Das jubelten die Sphären alle nach, Das jauchzte durch der Engel Harfenschlag, Und unter'm Aether wölbte sich die Erde. Das jüngste Kind der ew'gen Schöpfermacht Lag schlummernd noch im stillen Schoos der Nacht, Wie Rosen ruhn in grüner Knospen Hülle; Da weckte sie des Lichtes Fülle. Von Gottes Vaterkuss war eine Welt erwacht.—

Der Weltenkönig flog von seinem Wolkensitze Herab auf einem siebenfarbnen Blitze; Der Allerbarmer stand in Edens Wonnethal, Und — wurde Mensch zum erstenmal.

Der ganze Himmel mit der Engelschaar Zur Erde sanft herabgesunken war, Und grüsste sie, und hielt, gleich einem lieben Gast, Die blühende Gestalt umfasst.

Und Leben, Leben quoll aus allen Räumen, Es jubelte von Edens grünen Bäumen, Belebte Lüfte rauschten durch die Wipfel, Lebend'ges Grün umarmte starre Gipfel,

Lebendig sprang aus hartem Fels die Quelle, Es kos‘t und murmelte der Bäche Silberwelle; Und Leben scherzte fröhlich in der Fluth, Und Leben wiegte sich in Sounenstrahlengluth.

Der Herr war Mensch geworden, königlich Stand er, ein Bild, das keinem Bilde glich. Zum Himmel schlug er auf den Vaterblick; sein Strahlenantlitz lächelt Engeln Glück. Es spiegelt zauberhaft, wie im Krystall In Gottes Vaterauge sich das All.

Da schuf der Herr, der ewig Gnadenreiche, Ein Wesen, dass es seinem Bilde gleiche, Sein Hauch belebte weichen Thon. So ward der Mensch, und athmete das Leben; Zur Wohnung ward der Erdball ihm gegeben, Des Gottesgeistes und des Staubes erstem Sohn. —

Der erste Mensch, zum heitern Sein erwacht, Sah um und neben sich der jungen Schöpfung Pracht; Den Schattenhain, die bunte Blumenflur, Das Leben rings der frohen Kreatur, Und hob die Arme hoch mit kindischem Verlangen, Die Sonne, wie die Wolken zu umfangen.

Der Vater sprach: »Du sollst der Erde Herrscher sein, Doch einsam nicht, gleich mir, und nicht allein; Ich will Dir die Gefährtin bringen! — Wie Schlummerbanden nun den ersten Mann umfingen, Erweckte Gott das Weib, der Schöpfung Meisterstück, Und segnend trat der Herr von seinem Werk zurück.

Das Weib erwachte unbewusst, Und wollte sinken an des Schöpfers Brust, Zum Unnabbaren kindlich hingezogen; Doch wie die Blicke himmelaufwärts flogen, Da schien, sein Bild in lichten — Aetherhöh'n, — Es war die Sonne — strahlenhell zu stehn.

Und wie geblendet sie die Blicke senkt, Und ahnungsvoll des Daseins Wonnen denkt, Sieht sie den Mann, der schlummereingewiegt So hehr und schön an ihrer Seite liegt, Auf grünen Kräutern an des Waldes Saum, Und träumt des jungen Lebens ersten Traum; Da weilt auf ihm ein sehnsuchtvoller Blick; Ihn liebte Gott, und gab im Schlummer ihm das Glück.

2. DIE VERBOTNE FRUCHT.

 

er Lebensbaum des Paradieses blühte In wunderreicher Pracht; des Weltenschöpfers Güte Streut' allen Schmuck auf seine junge Welt. Die Thiere waren traulich schon gesellt, Und lagerten im kühlen Waldesschatten, Und streiften über die smaragdnen Matten, Und sangen froh im grünen Blätterzelt. — Wie nun die Neugeschaffne sinnend stand, Und ansah den Verwandten unverwandt, Da regte sich in ihr ein süsser Trieb, Sie fühlte schon: der Schläfer war ihr lieb. Sie tritt ihm zögernd näher, leis und sacht, Und kniet dann neben ihm, erfreut und lächelnd, Ihr Odem weht an seine Wangen fächelnd, Ihr Busen hebt sich höher — er erwacht.

O Himmelsanblick, wie nun Aug' in Auge strahlt, Entzücken höher Beider Wangen malt, Wie sie sich selig ansehn, sich umfassen, Und nicht mehr von einander lassen, Und Engeln gleich, so schuldlos und so schön, Umschlungen durch den Garten Gottes gehn!

Die Schöpfung jauchzt, wie sich der Mensch, ihr König, zeigt; Der Löwe kommt, und blickt ihn an — und schweigt; Verwundert steht der Elephant von fern, Und abnt in jenen Beiden seine Herr'n; Und friedlich kommt die Kreatur herbei, Die Taube gurrt, es kreischt der bunte Papagei, Mit Affen spielt der Hund, und die Gazelle lauscht Aus dem Gebüsch hervor, das schlankes Wild durchrauscht. Und Edens Blumen hauchen Balsamduft, Und Schmetterlinge gaukeln in der Luft, Lebend'ge Blüthen, reich an Farbenglanz, Herabgefallen aus der Engel Kranz. Und süss und labend bietet ungesucht Den jugendlichen Wandrern sich die Frucht, Und weich und schwellend ladet grünes Moos, Am Rand der Quellen in der Ruhe Schoos. Da neigt die Sonne sich dem Westen zu, Und die Geschöpfe suchen schon die Ruh. Zur stillen Meerbucht schwimmt der weisse Schwan, Und purpurflammend glüht der Ozean.