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Die letzten 50 Jahre haben mit ihrem ungeheuren Tempo reichlich Rasanztraumen und Bremsspuren hinterlassen. Die 43 Kurzgeschichten und 75 Aphorismen dieses Buches sind Zeugen dieser Zeit und so als NOTAUFNAHMEN im übertragenen Sinne zu verstehen. Sie wurden über die Jahre hinweg von mir selbst verfasst und dienten mir häufig als Resümee, Wegzehrung und Hilfe. Meine Bitte ist, das Buch nicht in einem Rutsch zu lesen, sondern sich Zeit zu lassen und jede einzelne Geschichte auf sich einwirken zu lassen. Danke!
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Seitenzahl: 79
Veröffentlichungsjahr: 2014
Auf der Heimfahrt mit seinem Firmenwagen kam bei Stefan Niemitz aus für ihn nicht erklärlicher Ursache nachhaltige Übelkeit auf. Sie steckte auf einmal in ihm und wollte nicht mehr aus ihm heraus. Obwohl die Klimaanlage angestellt war, hatte er das Bedürfnis, das Seitenfenster seines dunkelblauen Passats ein wenig herunterzudrehen. Lärm, der wegen der regennassen Fahrbahn und des auffallend hektischen Straßenverkehrs aufdringlicher als sonst erschien, veranlasste ihn nach einem Moment des Zögerns, die Scheibe wieder hochzufahren. Der Verkehrsfunk meldete sich mit einer kurzen Nachricht zu Wort. Gereizt schaltete Niemitz das Radio aus.
Beim Stopp vor einer belebten Kreuzung realisierte er, dass ihm momentan entfallen war, welches Produkt bzw. welche Dienstleistung seine Firma, in der er seit mehr als einem Jahr arbeitete, auf dem Markt anbot. Dieser Aussetzer seines Gedächtnisses irritierte ihn, obwohl es mehrere Gründe für dieses passagere Versagen gab. Er hatte einen langen Arbeitstag hinter sich und war mehr als sonst erschöpft. Die augenblickliche Verkehrssituation erforderte alle Konzentration. Und nicht zuletzt beeinträchtigte der aufkommende Brechreiz ihn so stark, dass es nicht verwunderlich war, dass Teile seines Großhirns mehr oder weniger außer Funktion gesetzt waren.
Der Regen wurde dichter. Der Scheibenwischer mühte sich ab, die Sicht nach vorn freizuhalten. Niemitz versuchte das Problem indirekt anzugehen, indem er zu rekapitulieren versuchte, wie sein Arbeitsfeld aussah. Maschinen, Werkstücke, irgendwelche Fabrikate konnte er – selbst bei großen Anstrengungen – nicht visualisieren. Produktionsanlagen und Lagerhallen tauchten vor seinem inneren Auge auf. Aber sie blieben merkwürdig fern und irgendwie fremd.
Er meinte, sich erinnern zu können, heute einer PowerPoint-Präsentation beigewohnt zu haben. Er sah die Ziffern 1 Punkt 4 5 7 noch deutlich vor seinen Augen. Aber waren es Tausend oder Millionen, waren es Stückzahlen oder Euros, Output pro Arbeitskraft oder Minuten pro Werkstück – er wusste es nicht.
Er beschleunigte, um besser aufzuschließen. Der Hintermann praktizierte einen nahezu nötigenden Fahrstil. Beim Blick durch die regennasse Seitenscheibe meinte Niemitz, sicherlich war das eine Täuschung, die Silhouetten und Halbprofile seiner Kollegen erkennen zu können, wie sie im Halbdunkel des Beamers zwischen innerer Anspannung und Langeweile hin und her changierten und im vollen Licht die Maske von unterwürfigen, latent bisswütigen Sakkoträgern annahmen.
Der PKW hinter ihm, immer noch derselbe, drängelte und hing ihm beim Stop and Go nahezu auf der Stoßstange. Niemitz machte nicht einmal den Versuch, sich die Autonummer zu merken. Alles Neue war ihm zuwider, das Vergangene entzog sich seinem Zugriff. An das im Vortrag Präsentierte konnte er sich, so sehr er sich auch bemühte, nicht einmal ansatzweise erinnern. Er versuchte, den Tagesablauf zu rekonstruieren. Er war früher als sonst zur Arbeit gefahren, warum – darüber konnte er nur spekulieren. Er sah sich mit leicht verzögerten Schritt und entschlossener Miene die Führungsetage betreten, um den einen persönlich mit Handschlag zu begrüßen, den anderen dort devot durch die Glasscheibe zuzunicken, um sogleich anschließend den kleinen Pulk, der sich zu einem spontanen Tete-a-Tete zusammengefunden hatte, kurz und, fast ohne den Schritt anzuhalten, zu umarmen.
Niemitz war verärgert, nicht so sehr über das Parken in der zweiten Reihe, das ihn zu einer recht abrupten Bremsung zwang, sondern dass ihm bei all diesen Zahlenkolonnen und Diagrammen nicht in den Sinn kam, worauf sie sich bezogen. Die durchschnittliche Kalorienzahl pro Burger-Menu in England, Deutschland und in den Vereinigten Staaten konnte es nicht sein. Er war in dieser Firma die Karriereleiter hinauf gefallen und hatte sie, kaum dass er Boden unter den Füßen gefasst hatte und ihn die Realität einzuholen drohte, wieder in Richtung ‚weiterer Aufstieg’ verlassen. Auch um effektive Kostengewichte, Basis- und Sonderentgelte bzw. Verweildauern konnte es sich bei den Werten auch nicht handeln. Seine Arbeit für ein aufstrebendes Krankenhausunternehmen war im Rahmen eines Restrukturierungsprojekts erfolgt und lag schon längere Zeit zurück.
Niemitz wurde es leicht schwindelig. Die in ihm schwelende Übelkeit zeigte offenbar keine Anzeichen einer spontanen Besserung, ganz im Gegenteil. Ob sie mit seinem Unvermögen, den Ziffern und Zahlen einen Namen zu geben und sich dessen, was seine jetzige Firma eigentlich auf dem Markt substantiell anbot, bewusst zu werden, zu tun hatte, konnte er nicht genau sagen. Übel wurde ihm nämlich auch schon bei dem Gedanken, dass die Scores, Benchmarks und Leitziffern, die man ihm zu generieren abverlangte und die er in all den Jahren seines bisherigen Berufslebens wohlfeil angeboten hatte, auf ein und demselben Betrug beruhten: pseudogenaue Datenerhebungen zu generieren, um dann mal hier 10, mal dort 15 Prozent mehr Leistung zu verlangen und zum Ersticken jedes aufkommenden Protests mal hier 20, mal dort 25 Prozent der Arbeitskräfte zu streichen.
Widerlich saurer Geschmack stieg aus seinem Magen auf und zwang ihn zu würgen. Eindrücke beruflicher Einsätze, bei denen er sich nicht sicher war, ob er sie er erlebt hatte oder ob sie bloße Fiktion waren, tauchten in ihm auf. Zwischen Warenpaletten, die bis zum Himmel und endlos bis zum Horizont reichten, wähnte er sich, glaubte in einer menschenleeren Fabrikhalle zu sein, hörte ohrenbetäubenden Produktionslärm, meinte den Geruch brandneuer Ware zu riechen und musste sich endgültig verloren geben in dem Labyrinth von Stellwänden, Monitoren und Kunststoffpalmen eines aus den Fugen geratenen Großbüros. Die Ziffern 1 Punkt 4 5 7 entzogen sich trotz aller Bilder jeder Deutung. Es fehlte nach wie vor die benennende Einheit.
Von plötzlich aufkommendem Ekel ergriffen musste Niemitz anhalten und, um den Verkehr nicht zu stören, seitlich nach vorn einparken. Durch den herunter prasselnden Regen blinkte ihm aufdringlich ein grelles Diagramm mit jäh aufsteigender Kurve entgegen. Geblendet schloss er die Augen. Ängstlich in sich hineinhorchend spürte er den Wellen der inneren Abwehr nach und wusste nicht zu entscheiden, ob es besser sei, die Phase der körperlichen Revolte im Auto sitzend oder außerhalb von diesem zu überstehen. Die Klimaanlage lief auf vollen Touren.
Mehrere Minuten verbrachte er in diesem kritischen Zustand, als das Handy überraschend, aber letztendlich wie gerufen klingelte. Niemitz musste das Headset, das er vorher in seiner Not vom Kopf gerissen hatte, erst umständlich aufsetzen. Er atmete tief ein, bevor er das Gespräch annahm. Es meldete sich die Personalberaterin eines Headhunters, mit der er schon längere Zeit in Kontakt stand und die nun recht unumwunden erklärte, warum die IT-Branche keine Herausforderung mehr für ihn sei, und ihm ein neues Aufgabenfeld in der Logistik verhieß. Niemitz bat darum, weitere Einzelheiten unter seiner privaten E-mail-Adresse zugeleitet zu bekommen. Ein persönliches Gespräch stellte er nach Einsicht der Unterlagen in Aussicht.
(2006)
Man reist, so heißt es, um neue Eindrücke zu gewinnen. Zum Beispiel den von einer Touristin, die mit ihrer kreischenden Stimme fast einen schlafenden Hund weckt, so sehr ist sie von Mitleid gerührt mit diesem am Hafen von Rhodos unter Gottes freiem Himmel ein Hundeleben führenden Wesen. Im Vorbeigehen konstatiere ich dagegen eine artgerechte Tierhaltung. Wie ich mich vom Ort der Rührung langsamen Schrittes entferne und zunehmend Abstand gewinne, verfliegt der anfängliche Trotz in mir. Er gibt einer Stimmung Raum, die zwischen diffuser Wehmut und gelassener Heiterkeit darüber schwankt, dass mir, der ich hartnäckig das Passwort verweigere, Welten verschlossen bleiben.
(2000)
Dank des amerikanischen Überfalls auf den Irak bin ich einiger Illusionen beraubt, aber um einen Begriff reicher, und zwar um den der asymmetrischen Kriegsführung. Nicht dass mich die neue Strategie verwundert, wo doch die Verrohung der kriegerischen Mittel wahrlich nichts Überraschendes ist, aber es reizt mich, den Begriff der Asymmetrie, der bis zu diesem Krieg bei mir gedanklich eine unbedeutende Rolle spielte, mehr Gewicht einzuräumen, und zwar indem ich ihn auf Assoziationsfelder übertrage, die bislang von ihm unberührt sind. Wie wäre es, wenn man von der doppelten Buchführung zu einer asymmetrischen übergehen würde? Verdient eine asymmetrische Aufführung eines Theaterstücks besonders viel Applaus oder eher Buhrufe? Ist eine asymmetrische Ehe die Regel oder der Anfang vom Ende? Die Vorstellung einer Asymmetrie erweist sich als recht ausbaufähig. Sie lässt sich mit einer Reihe von Begriffen wie Kommunikation, Basis, Lebensführung, Operation etc. mühelos verbinden und damit mal mehr, mal weniger bizarre Gedankenwelten entstehen. Fraglich ist bei all diesen Kombinationen, ob die Idee die Wirklichkeit abbildet oder sie sogar gebiert. Rumsfelds Taktik mag Erfolg haben oder durch gegnerische Reaktionen bereits überholt sein. Die Idee einer asymmetrischen Welt bleibt, mag diese so interpretiert oder so geschaffen werden.
(2003)
Die Wände meines Zimmers verraten mich. Sie sagen: „Da ist er!“
Sie zeigen auf mich, meinen mich.
Sie sehen mich an.
Sie sehen, dass ich nackt bin, erschreckend blass, innerlich leer.
Meine Scham schützend biete ich den Mauern meine Stirn. Mein Mienenspiel verrät keine Bewegung.
Sie blicken unbarmherzig zurück.
Ich versuche, mich mit vorsichtigen Schritten zur Türe zu bewegen. Mein Tritt knarrt, dass es in den Ohren schmerzt. Der Rückzug ist versperrt.
Ich bleibe stehen.
Ich leugne nicht.
Aber gestehen will ich auch nicht, will mir noch alle Optionen offen halten. Hoffe, mich noch einmal aus der verfahrenen Lage herauswinden zu können, gehen doch meine inneren Kämpfe, die mühsam unterdrückten, niemanden was an.
Ich habe nichts gemacht, gebe ich zu verstehen. Wenigstens nichts, was aus der Norm fällt. War stets vorsichtig, immer angepasst.
Die Wände deuten auf meine Hände.
Die seien nicht schmutzig, behaupte ich unverfroren. Und wirklich, wenn ich sie mir so geradewegs anschaue, scheint kein Fehl an ihnen zu sein.
Ich hebe meinen Kopf, um Widerstand zu signalisieren.
Die Wände verharren stur im begonnenen Verhör.
Sie hören nicht auf, genauer nachzufragen.
Sie setzen mir zu.
Sie bedrängen mich.
Mein Problem, ich sehe es, ist die Feigheit – die Feigheit zu leben.
Nur rundum versichert, mit Splitterschutzweste und Knieschonern, mit Helm und Unterarmprotektoren ausgerüstet, traue ich mich auf den Weg.
Sie werfen mir vor, mehr Deckung zu suchen als präsent zu sein.
Was daran schlimm sei, frage ich trotzig.
Die Tapeten ziehen fast unmerklich ihre Augenbrauen hoch.
