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Eine Heimkehr mit tödlichen Folgen
Eve Mallow genießt den ruhigen Rhythmus des Dorfes Saxford St. Peter, bis ein berühmter Besucher alle aufrüttelt. Ashton Foley ist zurück: damals ein jugendlicher Randalierer, heute ein Star-Innenarchitekt. Er ist böse und gefährlich, aber auch charmant - wie Eve selbst bezeugen kann -, und jedes Haus in Saxford öffnet ihm die Türen. Als er wenige Tage nach seiner Ankunft ermordet im Wald in der Nähe des Apple Tree Cottage aufgefunden wird, gibt es daher keinen Mangel an Verdächtigen.Ein eifersüchtiger Ehemann? Eine verschmähte Verehrerin? Oder hatte jemand aus seiner Vergangenheit noch eine Rechnung offen? Eve macht sich erneut auf die Suche nach dem Mörder ...
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Seitenzahl: 424
Veröffentlichungsjahr: 2022
Band 2 der Reihe »Suffolk-Krimi«
Eine Heimkehr mit tödlichen Folgen
Eve Mallow genießt den ruhigen Rhythmus des Dorfes Saxford St. Peter, bis ein berühmter Besucher alle aufrüttelt. Ashton Foley ist zurück: damals ein jugendlicher Randalierer, heute ein Star-Innenarchitekt. Er ist böse und gefährlich, aber auch charmant – wie Eve selbst bezeugen kann –, und jedes Haus in Saxford öffnet ihm die Türen. Als er wenige Tage nach seiner Ankunft ermordet im Wald in der Nähe des Apple Tree Cottage aufgefunden wird, gibt es daher keinen Mangel an Verdächtigen. Ein eifersüchtiger Ehemann? Eine verschmähte Verehrerin? Oder hatte jemand aus seiner Vergangenheit noch eine Rechnung offen? Eve macht sich erneut auf die Suche nach dem Mörder
Clare Chase lebt in Cambridge. Neben dem Schreiben und Lesen liebt sie es, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen, und zu kochen, und sie interessiert sie sich für Kunst und Architektur.
Kriminalroman
Aus dem Englischen vonSabine Schilasky
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © Clare Chase, 2020
First published in Great Britain in 2020 by Storyfire Ltd trading as Bookouture.
Titel der englischen Originalausgabe: »Mystery at Apple Tree Cottage«
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Dorothee Cabras, Grevenbroich
Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau unter Verwendung von Motivenvon shutterstock.com und alamy.com
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-2861-4
luebbe.de
lesejury.de
Für Warty
Jeder Einheimische, der zu dem Wald zwischen dem Dorf Saxford St. Peter und der Heidelandschaft blickte, die zum Fluss hinunterführten, erkannte die Jahreszeit auf Anhieb. Jenseits der immergrünen Kiefern bildeten Glockenblumen einen herrlichen, dunkelblauen Teppich, hier und da gesprenkelt von Anemonen mit weißen Blütenblättern und gelben Staubbeuteln. Bis die Eichen ausschlugen, dauerte es noch rund einen Monat, doch unter ihnen spross Sauerklee aus dem Moos an den herabgefallenen Ästen und Zweigen. Die rot geäderten Blüten baumelten an zartesten Stängeln und markierten das Fortschreiten des Frühlings.
Aus der Ferne wirkte alles beruhigend vertraut.
Im tiefsten Teil des Waldes hockte eine Gestalt neben einer Silberbuche, von deren Zweigen plumpe Kätzchen hingen. Auf dem Waldboden wimmelte es von Leben. Zu Füßen des Mannes jedoch, inmitten der Blumen, die eine Rückkehr von Wärme und Hoffnung versprachen, lag der Tod – brutal und schlicht.
Ashton Foley war in den Kopf geschossen worden.
Auf dem Lande schreckte ein Schuss die Leute nicht unbedingt auf. Vor allem nicht mitten im Wald, und Ashtons Leiche lag ein gutes Stück vom nächsten Haus entfernt. Trotzdem war der Mann neben dem Toten sehr nervös; sein Puls raste, und seine Beinmuskeln zitterten. Es war noch früh, doch es konnten durchaus schon einige Hundehalter unterwegs sein.
Nachdem er sich kurz über die Schulter umgeschaut hatte, beugte er sich vor und suchte Foleys Taschen eine nach der anderen ab. Die Lederjacke war leicht, aber die Jeans saß eng, und es war eine Herausforderung, das Tascheninnere zu überprüfen. Er rollte den Toten ungeschickt erst auf die eine Seite, dann auf die andere und sah nun in die Gesäßtaschen. Aha. Da war die Brieftasche. Doch sie war leer bis auf einige Karten und Kleingeld.
Er wischte das Leder mit einem sauberen Tuch ab, steckte die Brieftasche zurück und stockte einen Moment. In keiner Tasche war ein Hausschlüssel gewesen. Das war seltsam …
Eve Mallow betrat Monty’s Café mit den Erkerfenstern und den Blumengirlanden und freute sich auf ihre Schicht. Für ihre Freundin Viv zu arbeiten, die Inhaberin, passte perfekt zu ihrem eigentlichen Beruf. Als freie Nachruf-Autorin befragte sie die Lebenden, um die Geheimnisse der Toten zu ergründen, verbrachte indes auch Stunden mit der Recherche zu ihren Aufträgen. Menschen zu verstehen war von jeher ihr Ehrgeiz gewesen. Die regelmäßigen Schichten im Monty’s sorgten für ein verlässliches Grundeinkommen, und darüber hinaus war es eine gesellige Arbeit, die ihr noch dazu die Gelegenheit bot, Leute zu beobachten.
Es erstaunte sie nach wie vor, dass sie in einem Dorf in Suffolk gelandet war. Als Städterin, die in Seattle geboren und aufgewachsen war und dann als Studentin nach London zog, wo sie dreißig Jahre lang gelebt hatte, hätte sie gedacht, das Landleben wäre nichts für sie.
Ein Auftrag hatte sie im vergangenen Sommer nach Saxford St. Peter geführt und eines Besseren belehrt. Das Leben hier hatte eine Menge zu bieten. Man lernte Menschen richtig kennen. Und die Chance, sie wirklich zu verstehen, war reizvoll. Obendrein war Eves geliebter Rauhaardackel von dem Umzug begeistert gewesen. Ohne Leine über den Strand zu flitzen war doch sehr viel verlockender, als Tag für Tag dieselben Laternenpfähle in der Kilburn High Road zu beschnüffeln.
Viv bediente, als Eve ins Café kam. Nachdem sie ihre Jacke im Büro gleich neben der Küche aufgehängt hatte, ging Eve zu ihrer Freundin hinter den Tresen.
»Wie läuft es mit deiner toten Dichterin?«, fragte Viv.
»Faszinierend. Ich bin fast fertig, und es wird mir leidtun, sie hinter mir zu lassen. Anscheinend hat sie jeden Morgen eine Stunde lang nackt bei offenen Fenstern gesessen, um wieder eins mit der Welt zu werden.«
Viv schüttelte sich. »Da verlasse ich mich lieber auf eine Tasse Darjeeling, aber jedem das Seine.«
Eben waren zwei Frauen mittleren Alters gekommen und hatten sich an einen der Fenstertische gesetzt. Die Frühlingssonne fiel herein und brachte das narzissengelbe Tischtuch zum Leuchten, das zu Vivs Haarfarbe in dieser Saison passte. Der Tisch war bereits mit funkelndem Silber sowie einem mit lila Schleifen geschmückten Marmeladenglas gedeckt, in dem ein Strauß Christrosen stand.
Eve erkannte die Neuankömmlinge: eine Frau um die sechzig mit grau meliertem Haar. Sie war schon im Monty’s gewesen, und obwohl sie stets nett und höflich war, wirkte sie gemeinhin recht zugeknöpft, als hätte das Leben einen hohen Preis von ihr gefordert und als versuchte sie, sich mit einem Panzer gegen weiteren Kummer zu schützen.
Heute war es anders. Lächelnd zog sie den Mantel aus, hängte ihn über die Stuhllehne und entspannte sich – die Schultern gesenkt und die Brust vorgestreckt, als holte sie tief Luft. Eve musste an eine Blume denken, die ihre Blüte zur Sonne hin öffnete. Gleich darauf sagte ihre Begleiterin etwas, woraufhin sie sich vorneigte und strahlend und munter antwortete.
»Das ist Betty Foley«, flüsterte Viv, die Eves Blick gefolgt war. »Sie wohnt im Apple Tree Cottage, unten im Wald. Wie schön, sie so glücklich zu sehen! Ich frage mich, was los ist.« Einen Moment später wich ihre nachdenkliche Miene blanker Panik. »Oh nein … die Scones!« Sie verschwand in der Küche.
Eve ging, um die Bestellung von Mrs. Foley aufzunehmen. Und die gönnte sich heute richtig etwas, wobei die Auswahl im Monty’s ohnehin schon sehr nach Verwöhnprogramm klang. Wenig später trug Eve eine Sammlung von geschmackvoll gemischtem Geschirr zu ihrem Tisch. Es war das Markenzeichen des Cafés, genau wie die bunten Tischdecken und die je nach Jahreszeit gewählten Wildblumen. Als sie sich den beiden Frauen näherte, konnte Eve einiges von ihrer Unterhaltung aufschnappen.
»Dann bleibt Ashton diesmal länger hier?«, fragte die Freundin Mrs. Foley und lehnte sich zurück, damit Eve das Geschirr abstellen konnte.
Betty Foley nickte. Ihre Augen leuchteten. »Ja, genau. Vier oder fünf Wochen mindestens, hat er gesagt. Die Arbeit ist ziemlich kompliziert – eine Menge Planen und Entwerfen, und dann kommt das eigentliche ›Ansiedeln‹ der Pflanzen. So hat er es genannt.«
»Ich kann kaum glauben, dass er für einen Popstar arbeitet! Andererseits schätze ich mal, dass er dieser Tage selbst eine Berühmtheit ist.«
Betty wurde rot, während Eve die Gedecke hinstellte. »Ja, das stimmt, ist er wirklich. Die Firma ist jetzt enorm erfolgreich, und sie haben für Schauspieler, Models und sogar schon entfernte Mitglieder der königlichen Familie gearbeitet.«
»Wow!«, sagte die Freundin mit einem bewundernden Seufzer.
Eve zog sich zurück, um die Etagere zu holen, die mit winzigen Gurken-Sandwiches, Blondies mit Aprikosen und weißer Schokolade, Schokotrüffel-Cupcakes und Zitronen-Shortbread beladen war. Als sie wieder an den Tisch kam, ging es immer noch um diesen Ashton.
»Die Leute scheinen mehr Pflanzen in ihrem Zuhause sehr wohltuend zu finden«, bemerkte Betty. »Und wir reden hier nicht von den Topfpflanzen, wie wir sie zu Hause haben. Ashtons Firma stellt Bäume auf und arrangiert Rankgewächse.« Sie machte eine kurze Pause, ehe sie rasch ergänzte: »Jeder, der etwas auf sich hält, bucht ihn. Sie haben eine Warteliste von über einem Jahr!«
Ihre Freundin machte große Augen, als sie die Etagere sah. »Du meine Güte, was für ein Schmaus!« Sie lächelte Eve zu und wandte sich wieder an Betty. »Aber ich verstehe, warum du feiern möchtest. Du musst so stolz sein.«
»Bin ich.« Abermals wurde Betty rot. »Und ich kann es noch gar nicht richtig fassen. Mir kommt es wie gestern vor, dass er in der Schule war.« Nur eine Sekunde lang schien ein Schatten über ihre Züge zu huschen, dann strahlte sie wieder.
Ashton musste ihr Sohn sein. Eve erkannte, dass Betty praktisch vor Freude platzte, es ihr allerdings auch widerstrebte zu prahlen. Offensichtlich machte es sie ein wenig verlegen, ihr Glück mit anderen zu teilen. Und für einen Moment war Eve geradezu gerührt von dieser Frau. Sie kannte dieses Gefühl der Freude: Wenn ihre eigenen Zwillinge gute Neuigkeiten hatten, schwebte sie auch über den Dingen und war mächtig stolz.
»Kein Wunder, dass er nicht oft nach Hause kommen kann«, erwiderte die Freundin. »Er muss unglaublich viel zu tun haben.«
Kurz bevor Eve sich wieder umdrehte, um in die Küche zu gehen, bemerkte sie ein winziges Aufflackern von Kummer in Bettys Augen, das aber gleich wieder verschwand. »Ja, stimmt, er hat überhaupt nie Zeit, der Arme. Es wird so schön sein, ihn endlich mal für eine Weile hierzuhaben.«
Eve holte zwei Kannen Assam-Tee. Als sie die, zusammen mit Milch und Zucker, zum Tisch brachte, sprach gerade Bettys Freundin.
»… sehr teuer, nehme ich an?«
»Oh ja«, antwortete Betty. »Nichts für Leute wie uns!« Sie kicherte kopfschüttelnd.
»Tja, sag mir bitte Bescheid, wenn er da ist. Ich möchte ihn kennenlernen!«, erklärte die Freundin.
Betty nickte und errötete noch mehr, als sie die Hände an ihre Brust hielt. »Das mache ich.«
Wenig später stand Eve mit Viv hinter dem Tresen. »Waren die Scones okay?«
»Perfekt.« Viv hielt nichts von falscher Bescheidenheit, was Eve gefiel. »Und, was hat Betty für Neuigkeiten?«, wollte sie leise wissen.
»Wie es sich anhört, kommt ihr Sohn zurück nach Saxford, weil er einen Auftrag von Billy Tozer hat.« Selbstverständlich gab es nur einen einzigen Popstar im Dorf. Der Rapper war in ein von einem Architekten entworfenes Luxushaus nahe dem Strand gezogen.
»Mrs. Foley kann es nicht erwarten, ihn zu sehen, so viel steht fest. Sie ist nett, nicht wahr?«
Viv nickte und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Miene verfinsterte sich. »Sie ist ein Schatz.«
»Und was soll der grimmige Blick?«
Viv schaute zu Betty Foley und anschließend auf ihre Uhr. »Wie wäre es mit einem Glas Wein, wenn wir fertig sind? Dann kläre ich dich auf.«
Bis Eve und Viv die letzten Kunden im Monty’s verabschiedet hatten, die Tische für den morgigen Tag vorbereitet und die Küche geputzt hatten, war es spät genug für einen Drink vor dem Abendessen.
Die Sonne stand tief am Himmel, und der Wind hatte aufgefrischt. »Was hältst du von einem Glas Roten, um die Kälte zu vertreiben?«, fragte Eve. »Ich habe eine Flasche Cabernet Sauvignon zu Hause in Elizabeths Cottage.«
»Hervorragend«, antwortete Viv.
Sie gingen um den Dorfanger herum zu Eves Straße, der Haunted Lane. Vorn an der Abbiegung stand eine majestätische Eiche, deren Stamm komplett von Efeu berankt war, und auf der anderen Straßenseite wuchs eine dichte Weißdornhecke. Neben Eves Cottage gab es hier nur noch ein anderes. Dahinter ging die winzige Straße in einen Pfad über, der gen Marschland und Flussmündung führte. Über Viv und Eve segelte ein großer weißer Reiher hinweg.
Die üppige Natur um ihr neues Zuhause herum raubte Eve immer noch den Atem, und sich ihr so nahe zu fühlen erdete sie. Dabei hatte die Haunted Lane eine turbulente Geschichte.
Elizabeth, die Heldin des Dorfes, hatte in den 1720er-Jahren in Eves Cottage gelebt. Dort hatte sie einen jungen Diener aus der Gegend versteckt gehalten, um ihn vor dem Galgen zu retten, nachdem er für seine hungernden Geschwister einen Laib Brot gestohlen hatte. Am Ende war er entkommen, doch es war knapp gewesen. Und die Straße hieß so, weil man hier angeblich bisweilen nachts trampelnde Schritte hörte: der Nachhall der Männer, die nach dem Jungen gesucht hatten. Vernahm man die Schritte, war es angeblich ein böses Omen.
Eve dachte oft an die Geschichte, wenn sie nach Hause ging, und jetzt, da der Himmel sich verdunkelte und der Wind zunahm, bewirkte es, dass sie fröstelte.
»Gehen wir rein und zünden im Kamin ein schönes Feuer an«, sagte sie und öffnete die Pforte in ihrer dichten Ligusterhecke. Sie konnte Gus schon hören, der im Cottage von drinnen gegen die Haustür sprang. Ihr Rauhaardackel würde im siebten Himmel sein, wenn er sah, dass Viv sie begleitete.
Sie staksten um den aufgeregten Hund herum, um schnell die Tür zu schließen und die Kälte auszusperren, bevor sie sich bückten und ihm den Bauch kraulten. Er hatte sich wie üblich direkt auf den Rücken geworfen und sah sie wie schwindlig vor Glück an.
»Er ist so viel dankbarer als meine Katzen«, bemerkte Viv. »Von denen bekomme ich nur schnöde Missachtung. Man glaubt fast, sie füttern mich und nicht umgekehrt.«
Eve hatte bereits Scheite und Anmachholz in dem Eckkamin aufgestapelt. Viv hatte ihr beigebracht, wie man es machte, denn sie war in Elizabeths Cottage aufgewachsen; das Häuschen hatte Vivs Eltern gehört, bevor Eve eingezogen war. Sie hielt ein brennendes Streichholz an die Kaminanzünder aus Holzspänen, die sie unter das Anmachholz gelegt hatte.
»Nicht schlecht!«, lobte Viv und trat zum Kamin, um sich zu wärmen.
An einem kühlen Abend ging nichts über ein Zimmer mit dicken Wänden und einer tiefen Balkendecke, in dem es nach Holzrauch roch.
»Ich hole den Wein.«
Gus trottete Eve nach, weil er wusste, dass es für ihn auch Abendessen geben würde.
Nachdem er versorgt war, goss Eve zwei Gläser Rotwein ein und schüttete einige Cashew-Nüsse in eine blau lasierte, handgetöpferte Schale. Dann richtete sie alles auf einem Tablett an und trug es ins Wohnzimmer, wo sie es auf den Couchtisch stellte. Viv und sie setzten sich an dem Tisch auf den beiden identischen Sofas gegenüber, die Eve angeschafft hatte – nahe am warmen Kamin.
»Also«, sagte Eve, »was hat dich vorhin im Café so gestört?«
Viv seufzte. »Anscheinend macht Betty sich große Hoffnungen, was Ashtons Besuch angeht, und ich möchte nicht, dass sie enttäuscht wird.«
Eve nahm sich eine Nuss. »Hältst du es für wahrscheinlich?«
Viv zuckte mit den Schultern. »Er ist jünger als ich, also kannte ich ihn eigentlich nicht, als er noch im Dorf gewohnt hat. Aber seitdem war er kurz mal zurück, und der Klatsch ist recht eindeutig, auch wenn ich ihn nur aus einer Quelle habe …«
»Moira?« Die Besitzerin des Dorfladens war Expertin darin, jedem Informationen zu entlocken, das Gehörte sodann zu dramatisieren und entsprechend ausgemalt weiterzugeben.
Viv nickte und rückte näher ans Feuer. »Natürlich weiß ich, dass sie sich besonders auf die skandalträchtigsten Teile seiner Geschichte fixiert hat. Sie sagt, dass Ashton als Teenager ein richtiger Rabauke war.« Sie winkte ab. »Das heißt natürlich nichts. Meine drei hatten auch ihre Aussetzer.« Ihre Söhne waren inzwischen alle ausgezogen. Ihr Jüngster hatte sich eine Auszeit genommen; er reiste um die Welt, bevor er mit dem Studium anfing. »Aber, so ungewöhnlich es für Moira auch ist, hatte sie tatsächlich einige Fakten zu bieten. Ashton wurde beim Diebstahl erwischt, hatte andere Jugendliche in Schwierigkeiten gebracht und endete schließlich in einer Jugendstrafanstalt, weil er mit Cannabis gedealt hatte.«
Viv schüttelte den Kopf und fuhr fort: »Da steckte eindeutig jemand Älteres dahinter, der ihn benutzt hatte. Aus Ashtons Warte hatte er ja nur ein bisschen Gras gegen Bargeld an seine Freunde verkauft. Ich denke, er hat es gar nicht als Dealen angesehen, doch vermutlich hatte er noch einen Schnitt gemacht, auch wenn er das meiste Geld an seine Lieferanten abgeben musste. Moira jedenfalls war hell entsetzt, versteht sich.« Und diesen Zustand schien die Besitzerin des Dorfladens zu genießen. »Die Strafe fiel damals besonders hart aus, weil Ashton nicht verraten wollte, wer ihn rekrutiert hatte.«
Eve trank einen Schluck von ihrem Wein und beobachtete die Spiegelung der Flammen in ihrem Glas. »Er könnte zu große Angst gehabt haben, ihre Namen preiszugeben.«
Viv nickte. »Sollte man meinen. Aber Moira sagt, dass er eher frech aufgetreten sei, und das muss den Amtsrichter auf die Palme gebracht haben. Angeblich hat Ashton gesagt, er wisse, dass er benutzt wurde, doch Moira meint, er mochte die Polizei so wenig wie seinen Lieferanten und hat deshalb nichts verraten. Er hatte einfach behauptet, dass er keine Ahnung hätte, woher das Gras kam, dass ihn ein Fremder in einer Bar angesprochen hätte, und danach hätte es nur noch anonyme Lieferungen und Übergaben gegeben. Die Person aus der Bar wurde nie gefunden, und jeder hat geglaubt, dass er lügt.«
Vieles von dem Tratsch, den Moira weitergab, musste inzwischen allgemein bekannt sein, nahm Eve an. Sie beschloss jedoch, zu warten und sich eine eigene Meinung zu bilden, so sie denn eine Chance bekäme, Ashton kennenzulernen. Das alles war lange her, und er war damals sehr jung gewesen. Menschen veränderten sich. »Was hat er gemacht, nachdem er aus der Jugendhaft entlassen wurde?«
»Soweit ich mich erinnere, dauerte es nicht lange, bis er nach London gezogen ist. Da hat er angeblich bei einem älteren Freund auf dem Fußboden geschlafen. Er muss ungefähr achtzehn gewesen sein.«
Eve war auch mit achtzehn nach London gezogen – nach ihrer nun sehr waghalsig anmutenden Entscheidung, im Ausland zu studieren. Ihre Mutter war Amerikanerin, ihr Vater Brite. Er hatte sie ermutigt, ihre Flügel auszubreiten. Sie liebte Englands Hauptstadt, auch wenn nichts ihr Zuhause ersetzen konnte. Ihre Eltern an der Pazifikküste zu besuchen fühlte sich immer heilsam an.
»Moira sagt, dass Ashton einen Job als Roadie für ein paar Bands kriegen konnte, und eine von denen hatte es nach ganz oben in den Charts geschafft. Und danach hatte er den richtig großen Durchbruch.«
»Und jetzt macht er was? Mrs. Foley und ihre Freundin haben heute über Pflanzen geredet.«
Viv nickte und nahm sich eine Handvoll Cashew-Nüsse. »Er hat eine Firma, die ›Outside In‹ heißt. Noch nie davon gehört? In den großen Zeitschriften ist sie derzeit überall in Hochglanz zu sehen.«
»Der Name kommt mir bekannt vor.« Eve las stets als Erstes die Nachrufe, hielt sich bei den Nachrichten und Rezensionen auch auf dem Laufenden, aber es blieb nicht immer Zeit für den Teil über Immobilien und Wohnen.
»Sein Team und er bringen die Natur in die Häuser, um das Wohlbefinden und die Lebensqualität zu verbessern.« Viv schnaubte. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand Tausende von Pfund verplempern kann, um sich das Haus mit launischen Pflanzen vollzustellen, wenn man auch für wenige Pfund im Monty’s super Kuchen essen und mit Freunden plaudern kann. Das ist doch sehr viel lohnender und wohltuender.« Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Dorf mit Trostessen zu versorgen – an einem Ort, an dem alle innehalten, sich entspannen und Bilanz ziehen konnten.
Eve hatte das Gefühl, dass sich Viv mehr an Ashtons Pflanzenobsession störte als an seiner verkorksten Jugend. Und wieder einmal beschloss sie, sich nicht gleich eine Meinung zu bilden. Sie mochte Pflanzen, doch die Idee, jemand anders entscheiden zu lassen, wo sie welche Topfpflanze hinstellte, jagte ihr Schauer über den Rücken. Nach Jahren, in denen sie mit ihrem despotischen, allwissenden Ex-Mann Ian darüber hatte verhandeln müssen, wie sie ihren Wohnraum gestaltete, schätzte sie ihre Autonomie über alles. Ruhe war ausschlaggebend, was ihre Umgebung betraf, und die Kontrolle zu verlieren war alles andere als beruhigend.
»Die Firma wird sich über den Auftrag von Billy Tozer freuen.« Er hatte eine Menge Geld, und es wäre auch eine gute Werbung. »Ich frage mich, ob Ashton ihn über die Band kennt, für die er damals gearbeitet hat.«
Viv trank von ihrem Wein. »Es geht das Gerücht, dass einer von Ashtons ersten Kunden bei Outside In Leute waren, denen er Drogen verkauft hatte – nachdem er verurteilt worden war und nach London gezogen ist. Soweit ich weiß, könnte er das immer noch gemacht haben beziehungsweise machen. Vielleicht hat er Tozer so kennengelernt.«
»Denkst du deswegen, dass er Betty Probleme bereiten könnte?«
Bei Vivs Nicken reflektierte ihr gelbes Haar auf interessante Weise den Feuerschein. »Ich bin mir einfach nicht sicher, wie sehr er sich verändert hat. Er kommt ja kaum ins Dorf, aber das eine Mal, dass ich ihn gesehen habe, hat er mich nervös gemacht. Ich glaube, es wird Schwierigkeiten geben.«
Wenige Tage später sah Eve Ashton Foley zum ersten Mal persönlich. Sie saß im Cross Keys, ein halb volles Glas Cola vor sich, und hatte eben ein Interview geführt. Der Pub und das Café eigneten sich bestens für ihre Arbeit.
Ein böiger Schauer peitschte gegen die Kassettenfenster des Gebäudes aus dem siebzehnten Jahrhundert, und das Wetter hatte zur Folge, dass es an diesem Abend im März früh dunkel wurde. Für einen Moment blickte Eve nach draußen. Den Dorfanger konnte sie im Dämmerlicht kaum noch ausmachen, wodurch sich das Innere des Pubs noch behaglicher und wärmer anfühlte. Links von Eve brannten große Scheite in dem uralten, rußgeschwärzten Kamin. Flammen züngelten an den Steinen der Rückwand hinauf.
Jo Falconer, die Chefköchin, brachte eben die ersten Abendessen an die Tische. Da war ein herausforderndes Funkeln in ihren Augen, als sie die Teller hinstellte, das sofort einem gnädigen Lächeln wich, denn die Empfänger schwärmten von dem fantastischen Duft. Gus, der unter dem Tisch gelegen hatte, presste sich an Eves Bein, als Jo vorüberging. Auch Hetty, der Schnauzer des Pubs, saß ängstlich-aufmerksam drüben an der Bar.
Beide Hunde entspannten sich, kaum dass Jo wieder hinten war. Einer der Gäste sagte etwas, und Matt Falconer, Jos Mann, lachte schallend. Die Stille, die für einen Moment eingetreten war, endete. Das Paar betrieb den Pub gemeinsam mit Matts Bruder Toby, doch Jo hatte ein klein wenig mehr zu sagen als die anderen.
Gus kam unter dem Tisch hervor und sah Eve mit seinen braunen Augen flehend an. Sie blickte zu Toby Falconer, Hettys Besitzer, und er nickte ihr lächelnd zu.
»Na, dann geh«, sagte Eve zu dem Dackel. »Du darfst deiner Freundin Hallo sagen.« Sie hatte ihn bremsen müssen, solange sie ihr Interview führte – es wäre zu unprofessionell gewesen. »Aber es wird nicht zu wild gespielt! Und leise, Gus. Leise!« Mittlerweile kannte er die Regeln. Wenn sich der Pub füllte, war richtiges Toben verboten.
Eve beschloss, noch auf einen Drink zu bleiben, damit Gus seinen Spaß haben und sie ihre Notizen zu Ende schreiben konnte. Sie fände ohnehin keine Ruhe, ehe sie nicht alles notiert hatte. Also bestellte sie sich ein Glas Wein und nahm es mit an ihren Tisch.
Sie schrieb noch Einzelheiten und Ideen für den Auftakt ihres Textes auf, als die Pubtür geöffnet wurde und ein hochgewachsener Mann mit schulterlangem, schwarz gefärbtem Haar hereinkam. Er trug einen knielangen schwarzen Ledermantel und Bikerstiefel mit großen Silberschnallen. Übertrieben dramatisch hielt er die Tür weit auf, sodass kalter Wind und Regen hereinwehten, und einen Augenblick später trat Betty Foley ein. Ihr folgte ein Mann, der wie sie in den Sechzigern sein musste, mit spitzen Zügen und strohigen grauen Haaren.
Betty lachte und wurde rot. »Ashton! Du machst eine Szene.«
»Es ist ja wohl nicht verkehrt, meine Mutter wie eine königliche Hoheit zu behandeln!« Er verneigte sich bühnenreif.
Ashton ließ die Tür los, bevor der ältere Mann ganz hindurch war, sodass er sie mit einer Hand abfangen musste. Der Mann schaute sich nach links und rechts um, doch außer Eve schien niemand hinzusehen, und sie senkte rasch den Blick, bevor er sie ertappte. Trotzdem beobachtete sie die drei verstohlen weiter, während sie ihren Wein trank. Sie saß seitlich von der Bar, wo die drei nun standen.
»Ich mache das.« Der ältere Mann lehnte sich neben Betty über den Tresen, hatte aber keine Brieftasche hervorgeholt. Er klang angespannt, und seine Wangen waren gerötet.
Betty legte ihm eine Hand auf den Arm und sah ihn freundlich an.
»Nein, das geht unbedingt auf mich.« Ashtons Stimme übertönte alle anderen Geräusche im Pub. »Es kommt ja nicht oft vor, dass ich dich verwöhnen kann, Ma!« Er hatte eine schwarz-goldene Kreditkarte in der Hand.
Der ältere Mann öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er war so groß wie Ashton, wirkte aber seltsam eingefallen, was ihn irgendwie kleiner erscheinen ließ.
»Was möchtest du gern?« Ashton legte einen Arm um seine Mutter. »Ich weiß, dass du immer Gin Tonic gemocht hast. Wie wäre es mit einem mit Orange?«
Zufällig wusste Eve, dass es einer der teuersten Drinks im Pub war. Sie war selbst ein Gin-Fan und hatte sich nach ihrem Umzug hierher mit so einem verwöhnt.
»Na, wenn du meinst.« Betty klang kurzatmig.
Ashton drehte sich um, sodass Eve nun seine blitzenden braunen Augen sehen konnte. »Natürlich meine ich.«
Wenig später hatten Gus und Hetty genug gespielt, und der Dackel tapste zurück durch den Schankraum. Ashton bemerkte ihn von seinem Platz an dem Tisch aus, an dem er mit seiner Mutter und ihrem Begleiter saß.
»Was für ein niedlicher Hund!« Er bückte sich und streichelte Gus, der jederzeit für ein wenig Nacken- oder Bauchkraulen zu haben war. Dann beobachtete er, wie der Rauhaardackel zu seinem Platz ging, und schließlich sah Ashton Foley Eve direkt an. Sein Blick und sein Lächeln machten Eve seltsam verlegen. Sie schätzte, dass er Anfang dreißig war; sie war neunundvierzig, doch seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ließ er sich von dem Altersunterschied offensichtlich nicht beeindrucken.
Eve merkte, wie sie errötete, und beugte sich ziemlich steif zu Gus hinunter. Danach beschäftigte sie sich wieder mit ihren Notizen, riskierte jedoch hin und wieder einen Blick.
Ashton und der Begleiter seiner Mutter tranken Bier, während sie redeten. Dies also war der Besitzer von Outside In. Seine Körpersprache war ausladend, als er sich auf seinem Stuhl zurücklehnte, die Arme weit ausgebreitet. Er erzählte den beiden anderen von einem früheren Kunden, dem Besitzer einer Ladenkette, der in London lebte. Eve konnte Fetzen der Unterhaltung verstehen.
»Der Typ hatte zwei Zimmer nur für seine Klamotten. Der muss sich alles ansehen, was neu in die Läden kommt, und dann kann er nicht widerstehen. Und ich kann euch sagen, ich habe einige sehr schräge Sachen in seinem Schlafzimmer gesehen, als ich da alles ausgemessen habe!«
»Ach ja?« Betty Foley lachte.
Ihr ernster Begleiter sprach nicht viel, doch als sie nervös zu ihm schaute, straffte er sich. »Wie lange dauert es normalerweise, so einen Auftrag zu planen?«, fragte er nach einer Weile.
Betty lächelte, und Eve sah, dass sie unter dem Tisch die Hand des älteren Mannes drückte.
Das Gespräch ging weiter, und Eve widmete sich ihrer Arbeit. Es gab noch einige freie Tische, also nahm sie niemandem den Platz weg. Aber sie hatte ihren Wein beinahe ausgetrunken, und es wurde Zeit, nach Hause zu gehen. Gus hatte schon gefressen, bevor sie hergekommen waren, doch Eve musste noch etwas für sich kochen.
Sie nahm ihre Tasche auf und packte zusammen, als sie Betty hörte.
»Und rate mal, was ich heute für dich zubereitet habe! Gulasch-Bier-Pastete mit einer fluffigen Haube.« Ihr Lächeln wurde unsicher, als sie ihren Sohn betrachtete. »Ist die Pastete noch dein Lieblingsgericht?«
Ashton beugte sich über den Tisch und drückte ihre Schulter. »Von dir gekocht? Immer doch. Aber, Ma, das hättest du mir sagen müssen! Ich kann heute Abend nicht mit dir essen – ich muss einige von der alten Gang treffen.« Er lachte. »Du weißt ja, wie das ist! So viele Leute, die ich sehen will, und so wenig Zeit. Schließlich werde ich tagsüber sehr beschäftigt sein. Tozers Haus ist riesig, und er will das volle Programm.«
Eve sah, wie Bettys Gesichtszüge für einen Moment entgleisten, doch sie rang sich gleich wieder ein Lächeln ab und faltete die Hände unter dem Tisch. »Natürlich. Ich hätte dich fragen sollen. Es war unbedacht von mir, dir nichts von meinen Kochplänen zu erzählen.«
Eve kannte diese Reaktion. Die Schuld zu übernehmen war leichter, als zuzugeben, dass man schlecht behandelt wurde. Sie hatte es schon bei Menschen erlebt, die sie befragt hatte, und erkannte es so leicht, weil sie sich auch selbst so verhalten hatte. Jahrelang hatte sie Entschuldigungen für Ians Verhalten gefunden. Erst als er endlich gegangen war, hatte sie ihre Sicht geändert, und am Ende war es befreiend gewesen.
»Sei nicht albern!« Ashton blickte auf seine Uhr. Er war halb aufgestanden, hatte sein Bier ausgetrunken und einen Arm in seinen Ledermantel gesteckt. »Ich hätte dich fragen sollen. Aber jetzt muss ich mich beeilen.« Er zog den Mantel richtig an. »Weißt du was? Wenn später noch was von der Pastete übrig ist, wärme ich es mir als Mitternachtssnack auf!« Er bückte sich und umarmte seine Mutter. »Das wäre wunderbar!«
Seine Worte linderten den Schmerz ein bisschen, wie Eve an Bettys Lächeln sah, das nach und nach natürlicher wurde. Doch ihre Schultern und die Augen verrieten immer noch ihre Gefühle. Eve hatte Mitleid mit ihr. Man könnte behaupten, dass es ein Kommunikationsfehler gewesen war, doch Ashton hätte einfühlsamer sein können. Eves Kinder würden sich nicht so benehmen.
»Dann sehen wir uns morgen. Ich verspreche auch, dass ich leise bin, wenn ich nach Hause komme!« Er grinste ihr zu und rauschte aus dem Pub.
Seine Mutter und ihr Begleiter folgten ihm, und Eve war nun ebenfalls bereit zu gehen, sodass Gus und sie direkt hinter ihnen waren. Draußen setzte Eve die Kapuze ihres gelben Regenmantels auf – die Antwort einer Modehaus-Verkäuferin auf die Frage, was eine ehemalige Städterin wie sie an der Küste tragen sollte. Der Regen war inzwischen zu einem feinen Nieseln geworden, das in der Luft schwebte.
Während Eve Gus die Leine anlegte, bog Betty vor dem Pub nach links, und ihr Gefährte folgte ihr. Er beeilte sich, einen Regenschirm aufzuspannen, um Betty Foley vor der Nässe zu schützen, und legte einen Arm um ihre Taille. Als er versuchte, sie näher an sich zu ziehen, drehte sie sich halb weg, um ihrem Sohn ein letztes Mal zu winken.
Ashton erwiderte den Gruß, und Eve war froh, dass er es bemerkt und reagiert hatte, um Bettys willen. Sie vermutete, dass der ältere Mann mit ihr die Pastete essen würde, die sie vorbereitet hatte. Es war gut, dass sie Gesellschaft hatte. Eve fragte sich, ob der Mann mit Betty zusammenlebte. Im Monty’s hatte sie ihn noch nie gesehen.
Wie es aussah, ging Ashton in die Richtung ihres Hauses. Kurz schaute er sich über die Schulter zu ihr um, und nachdem sich ihre Blicke zufällig begegnet waren, entschied Eve, ihm Vorsprung zu lassen. Nach Small Talk stand ihr jetzt nicht der Sinn. Zwar war sie stets neugierig auf Leute, aber seinem Ego wollte sie nicht schmeicheln. Sie gab vor, nach Nachrichten auf ihrem Handy zu sehen, und beugte sich vor, um das Display vor dem Regen abzuschirmen. Gus missfiel die Verzögerung, und er zog an der Leine, wobei er immer wieder vorwurfsvoll zu ihr blickte.
Sie lockerte die Ausziehleine, sobald Ashton ein gutes Stück voraus war, und ging das kurze Stück die Love Lane hinauf zu ihrer Straße. Der vom Regen durchgeweichte Dorfanger links von ihr war verlassen, doch auf drei seiner vier Seiten – der Love Lane und zwei anderen – wurde er von reet- und schiefergedeckten Cottages mit hell erleuchteten Fenstern gerahmt. Sie wirkten geduckt, als hätten sie sich im Regenwetter klein gemacht. Die einzigen dunklen Gebäude waren der Dorfladen und Monty’s Café, die beide geschlossen hatten. Auf der vierten Seite der großen Grünfläche ragte die Kirche St. Peter’s hoch in den dunkelblauen Himmel auf.
Weiter vorn, auf dem Weg, der zu Eves Zuhause führte, bog Ashton ab, öffnete die niedrige Holzpforte zu einem der Häuser am Anger und klopfte an die Haustür. Durch ein Fenster konnte Eve eine Tischlampe und gelb gestrichene Wände sehen.
Einen Moment später öffnete eine Frau mit schimmernden kastanienbraunen Locken. »Ashton!«
Er packte sie bei der Taille und zog sie dicht an sich. Eve rechnete damit, dass er sie auf den Mund küssen würde, doch stattdessen küsste er sie auf beide Wangen.
Sie lachte. »Du bist so gemein! Was machst du denn?«
»Ich bin wegen ernster geschäftlicher Angelegenheiten hier!« Er stockte kurz. »Und nicht nur drüben bei Tozer.« Seine Stimme hatte plötzlich einen ernsten Klang angenommen, doch eine Sekunde später lachte er wieder, als müsste er sich von dem Gedanken befreien, der ihm gekommen war. »Also gönn mir ein wenig Spaß! Wir treffen uns alle bei Sue, und deine Anwesenheit wird verlangt!«
Nun war Eve nur noch wenige Schritte von ihnen entfernt. Die Frau wurde von der Lampe über der Haustür angeleuchtet. Ihre braunen Augen blitzten, auch wenn sie sich sichtlich ein wenig zurückhielt. »Nun, ich denke irgendwie nicht, dass Dave besonders froh sein wird.«
»Dave ist herzlich eingeladen mitzukommen. Wie kannst du daran zweifeln?« Ashton stand mit dem Rücken zu Eve, die allerdings hörte, dass es verwegen und amüsiert klang.
Die Frau neigte den Kopf zur Seite. »Ja, klar – ich weiß nicht, ob ihn das überzeugt. Letztes Mal schien seine Anwesenheit deinen Eifer kaum zu dämpfen.«
»Das war in London. Ich bin so viel zahmer, wenn ich zu Hause auf dem Lande bin. Andererseits« – er trat einen Schritt auf sie zu – »bin ich auch nur ein Mensch, also kann ich nichts versprechen! Was jetzt, kommst du? Es wird eine tolle Party, und du kannst aufhören, so keusch zu sein. Ein kleines Vögelchen hat mir gezwitschert, dass Dave gar nicht zu Hause ist.«
Die Frau seufzte, und ein Lächeln breitete sich langsam auf ihrem Gesicht aus. »Ach, hat es das, ja? Es war gut informiert. Na schön – lass mich nur eine Flasche holen!«
Demnach sind es nicht nur die Gefühle seiner Mutter, um die Ashton sich nicht schert, dachte Eve, als sie ihren Heimweg fortsetzte. Was für Geschichten würde Dave bei seiner Rückkehr hören? Das winzige Cottage des Paares wirkte so anheimelnd und gemütlich im abnehmenden Licht. Vielleicht täuschte es, und möglicherweise war das Paar nicht glücklich, aber Ashtons gefährliche Anwesenheit könnte alles schlimmer machen. Eve ahnte, dass er im Begriff stand, das sorgsam hergerichtete Heim der beiden in Schutt und Asche zu legen.
In den darauffolgenden Tagen sah Eve Ashton Foley mehrmals im Dorf, doch noch viel häufiger hörte sie andere über ihn reden.
»Angeblich war er bis vier Uhr morgens da! Der Mittelpunkt der Party. Ich weiß nicht, wie er das anstellt, wenn er so früh wieder zum Arbeiten bei Billy Tozer ist.«
»Wie es wohl drinnen aussieht? Kannst du dir das vorstellen?«
»… Ich überlege, ihn zu unserer Party nächste Woche einzuladen. Harry ist nicht wild darauf, doch wie es sich anhört, verpasse ich einiges!«
»… Ich weiß nicht, ob seine Managerin einverstanden ist. Die Blicke, die sie ihm zugeworfen hat, waren tödlich.«
Aber Eve hatte ihn auch mit seiner Mutter am Strand gesehen. Eines Morgens am Wochenende, als sie Gus dort ausgeführt hatte, waren die beiden gemeinsam über den von Kies durchwirkten Sand gegangen. Die Sonne hatte das Meer hinter ihnen glitzern lassen. Ashton hatte den Kopf zu seiner Mutter geneigt und anscheinend auch zugehört, nicht nur selbst geredet. Betty hatte einen Mantel getragen, der neu aussah – gut geschnitten und aus Wolle, wenn auch ein wenig zu groß. Er wirkte nicht wie ihr üblicher Stil, und Eve wäre jede Wette eingegangen, dass Ashton ihn ihr aus London mitgebracht hatte. Bettys Wangen waren rosig überhaucht gewesen, und obwohl es an der klaren Seeluft liegen könnte, glaubte Eve nicht, dass die der einzige Grund war.
Ungefähr zehn Tage nach Ashtons Ankunft kam Betty Foley wieder ins Monty’s. Bei ihr war der Mann, der sie und Ashton an jenem ersten Abend in den Pub begleitet hatte. Eve fiel auf, dass ihre Schultern angespannt waren. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen. Der Mann hatte abermals den Arm um sie gelegt, und diesmal drehte sie sich nicht weg.
Angie, eine von Vivs studentischen Aushilfen, führte die beiden an einen Tisch.
Eve beobachtete sie aus der Kunsthandwerksecke heraus, die Viv vor einigen Jahren eingerichtet hatte. Sie und ihre Freundin gestalteten die Auslage neu, und Eve würde alles fotografieren, wenn sie fertig waren. Viv hatte eine sehr kreative Ader, derentwegen das Café originell und einladend aussah; für Organisatorisches hingegen fehlte ihr jedes Talent.
Eve hatte ein System entwickelt, zu dem gehörte, dass sie regelmäßig Fotos von der Auslage machte. So sahen sie, was verkauft wurde und welche Kunsthandwerker bezahlt werden mussten, selbst wenn Viv vergessen hatte, es aufzuschreiben. Langfristig wollte Eve ihre Freundin dazu bringen, in einem Notizbuch die Codes einzutragen, die Eve an jedes Teil klebte. (»Es sind nur drei Lettern, Viv …«)
Es war ein aussichtsloser Kampf. Viv hatte sie wegen ihres Organisationsgeschicks eingestellt, also musste Eve streng sein; sonst wäre es sinnlos. Außerdem sehnte sie sich danach, Ordnung in den Laden zu bringen, weil es ihr eine persönliche Befriedigung wäre.
Sie hielt einen wunderschönen, kupfergrünen Keramikkrug in der Hand, eine Arbeit von Daphne, ihrer Nachbarin aus der Haunted Lane. Eve stellte ihn auf einen Buchenholzständer und ging hinüber zu Viv. »Ist mit Betty alles in Ordnung?«
Ihre Freundin seufzte. »Nicht besonders. Ist sie hier?« Sie spähte um die Ecke ins Café und wandte sich wieder zu Eve um. »Ihre Tante hatte einen Schlaganfall, habe ich gestern erst gehört. Sie hat Betty aufgezogen, seit sie sieben oder so war.« Sie hob die Hände an die Wangen. »Du kannst dir sicher denken, wie es ihr geht. Sie rechnen nicht damit, dass sie überlebt, und zu allem Unglück ist sie vor zehn Jahren nach Neuseeland ausgewandert. Sie lebt in Auckland. Schwieriger könnte die Lage rein geografisch gar nicht sein.«
»Oh, nein, die arme Betty!«
»Sie hat einen Last-Minute-Flug bekommen und fliegt noch heute. Und sie ist völlig aufgelöst – hauptsächlich wegen ihrer Tante, versteht sich, doch sie verpasst auch den Rest von Ashtons Aufenthalt hier.«
»Wer ist der Mann bei ihr?« Während sie hinsahen, legte er eine Hand auf Bettys Arm, tätschelte ihn und neigte sich zu ihr.
»Howard Green. Das mit ihnen beiden geht schon ewig. Betty ist jung verwitwet, und die zwei sind sich nähergekommen, als Ashton noch ein Teenager war.« Viv biss sich auf die Unterlippe. »Ich weiß nichts Genaueres, aber er und Ashton haben sich nie verstanden. Doch ich habe sie zusammen gesehen, seit Ashton wieder hier ist. Ich vermute, Howard strengt sich Betty zuliebe sehr an. Früher jedenfalls sind zwischen ihm und Ashton die Fetzen geflogen. Ich könnte mir denken, dass Howard und Betty deshalb nie zusammengezogen sind. Sie würde es als Verrat an ihrem Sohn auffassen. Sie sehen sich oft, aber Howard behält sein Haus in der Dark Lane, und Betty wohnt im Apple Tree Cottage.«
»Obwohl Ashton so gut wie nie nach Hause kommt?«
Viv zuckte mit den Schultern. »Es heißt, dass das Verhältnis von Mutter und Sohn sehr eng ist. Und Moira sagt, dass Ashton sie glauben gemacht hat, es wäre Howards anmaßende Haltung gewesen, die ihn damals hat rebellieren lassen. Also fühlt Betty sich seitdem schuldig. Howard wiederum ist ein altmodischer Typ und wird sie immer um jeden Preis beschützen wollen.«
Es klang, als säße Betty zwischen den Fronten, würde den Frieden wahren und ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellen.
»Howard bringt Betty später nach Stanstead zu ihrem Flieger«, sagte Viv. »Sie muss über Dubai oder so fliegen. Ist die billigste Route. Ich habe sie eingeladen, zu Tee und Kuchen aufs Haus herzukommen, damit sie für die Reise gestärkt ist. Mir hat sie so leidgetan, als ich es gehört habe, und mehr kann ich nicht tun.«
Das Monty’s wie auch das Cross Keys waren für viele Leute im Dorf wie ein zweites Zuhause – wo sie Trost und Stärkung bekamen.
»Das ist eine sehr nette Idee.«
Viv ging durch zu Bettys und Howards Tisch, und Eve folgte ihr, um ihr Mitgefühl auszudrücken. Betty war so aufgewühlt, dass Viv einfaches Shortbread anstelle von ausgefalleneren Kreationen empfahl.
»Das kannst du mitnehmen, wenn du es jetzt nicht essen magst.«
Betty dankte Angie, die eine Kanne Darjeeling brachte, aber sie war eindeutig abgelenkt. Immer wieder sah sie mit feucht glänzenden Augen abwechselnd zum Fenster und auf ihre Uhr. Als sie es zum dritten Mal tat, nahm Howard ihre Hand, und sie blickte stattdessen zu ihm.
Eine Sekunde später bimmelte die altmodische Türglocke, und Betty zuckte zusammen, als Ashton hereingerauscht kam, so aufgedreht wie immer.
Howard musste notgedrungen Bettys Hand loslassen, als sie aufstand. Und gleich darauf umarmte Ashton seine Mutter.
»Ich bin so froh, dass du gekommen bist«, sagte sie. Zunächst schaute sie zu ihm auf, dann jedoch über ihre Schulter zu Howard.
»Selbstverständlich bin ich! Ich habe extra früh bei Tozer angefangen, damit ich dich jetzt zum Flughafen bringen kann. Der Wagen wartet draußen.«
»Oh!« Betty wurde rot. »Es ist nur so, dass Howard …«
»Weiß ich, aber jetzt kann ich ihm die Mühe ersparen.«
Betty sah nervös zu dem älteren Mann. »Ich …«
Wieder ergriff Howard ihre Hand. »Du weißt, dass ich nur will, was das Beste für dich ist.« Er betonte »ich« ein wenig, wie Eve nicht entging, und stand auf. »Rufst du mich an, wenn du angekommen bist?«
»Natürlich.« Betty klang erleichtert. Sie umarmten einander linkisch, während Ashton an der Tür wartete und mit den Autoschlüsseln klimperte.
Am darauffolgenden Donnerstag winkte Ashton Foley Eve während ihrer Nachmittagsschicht zu seinem Tisch hinten im Café. Er saß seiner Managerin gegenüber. Laut Dorftratsch hieß die Frau Marina Shaw und war bei Outside In auch seine geschäftsführende Partnerin. Eve war ihr bisher nicht vorgestellt worden, obwohl sie vorhin ihre Bestellung aufgenommen hatte. Der Fairness halber musste sie zugeben, dass sie Ashton abgelenkt hatte, indem sie sich nach seiner Mutter erkundigt hatte. (Betty war gut angekommen, und noch hatte sich der Zustand ihrer Tante nicht verschlechtert. Die Ärzte sagten jedoch, es stünde auf der Kippe.)
Marina und Ashton sahen wie ein klassisches Rockstarpaar aus: sie mit ihren hohen Wangenknochen, der Lederjacke und dem dicken schwarzen Eyeliner; er mit dem schulterlangen rabenschwarzen Haar und der coolen, selbstbewussten Ausstrahlung. Er trug eine schwarze Schnur als Kette, an der eine silberne Kralle hing. Müsste jemand ihre Berufe raten, stünde Gärtnern vermutlich weit unten auf der Liste. Auf der anderen Seite wusste Eve schon längst, dass man nie nach dem Äußeren gehen sollte.
»Was darf ich Ihnen bringen? Möchten Sie noch eine Kanne Tee?« Eve dachte immer noch an die Male, die sie Ashton bisher gesehen hatte – und an seinen wissenden Blick, als er sie ertappt hatte, wie sie ihn im Cross Keys beobachtet hatte.
Marina sah sie unfreundlich an, doch Ashton schenkte ihr ein träges Lächeln.
»Ich wollte Sie nur etwas fragen«, sagte er. »Ein kleines Vögelchen hat mir gezwitschert, dass Sie über Tote schreiben. Wie cool ist das denn?«
So grün seine Arbeit auch war, war er von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, einschließlich seiner aggressiv anmutenden Bikerstiefel. Eve hatte das Gefühl, dass eine Nachruf-Autorin seine Goth-Ader ansprach. Er war anscheinend jemand, der makabre Ästhetik mochte.
»Und warum arbeiten Sie nebenbei hier?«, fragte Marina. Nun zuckten ihre Mundwinkel ein klein wenig. Wahrscheinlich erriet sie, dass Eve als Nachruf-Autorin nicht erfolgreich genug war, um sich allein mit Schreiben zu ernähren. Doch Journalismus war dieser Tage ein heikles Geschäft, und es gab nicht viele, die freiberuflich allein davon leben konnten.
»Nö, sie ist bloß wegen der Gratiskuchen hier«, sagte Viv. Eve hatte sie nicht gesehen, doch jetzt lief sie mit einem Tablett vorbei, das mit den köstlichsten Zitronencreme-Törtchen mit essbaren Blüten beladen war. »Und ich habe sie gnadenlos bekniet, bis sie endlich bereit war, mir zu helfen. Sie hat Spezialkräfte, wenn es um Organisation geht.«
Ashton Foley streckte sich in seinem Stuhl zurück und lachte, als er Viv nachblickte. »Coole Haare.«
Das Narzissengelb, das sie für ihr Haar gewählt hatte, ersetzte erst seit Kurzem ihre gewählte Winterfarbe – eine Art Mistelweiß. Eve verstand beim besten Willen nicht, wie Vivs Haare bei dem dauernden Färben derart schimmernd bleiben konnten. Ihr eigener mittelbrauner Kurzhaarschnitt glänzte nie so.
»Haben Sie Viv gekannt, als Sie als Kind hier gewohnt haben?«, erkundigte sie sich.
»Ich erinnere mich ein bisschen an sie.«
Viv musste mindestens fünfzehn Jahre älter als er sein, aber es überraschte Eve nicht. Ihre Freundin vergaß man nicht.
»Ich habe damals auch hier gelebt«, warf Marina ein. Beim Sprechen bewegten sich ihre Lippen fast nicht.
»Das war mir nicht klar.«
»Meine Eltern sind weggezogen.«
Was erklärte, warum sie im Pub abgestiegen war. Ashton wohnte bei seiner Mutter, die wiederum in Neuseeland war. Eve stellte sich vor, dass er es ausnutzte, ihr Cottage für sich zu haben. Er konnte den Hausherrn spielen, und sie hatte das Gefühl, dass Schauspielern seine Stärke war …
Doch während sie es dachte, fiel ihr ein, dass er gesagt hatte, er hätte noch anderes in Saxford zu erledigen – neben dem Auftrag für Billy Tozer. Er hatte behauptet, dass es etwas Ernstes war, als er mit der Frau geredet hatte, bei der Eve ihn gesehen hatte. Worum war es da gegangen?
Eve bemerkte, dass sie sich um andere Kunden kümmern musste. »Kann ich Ihnen beiden sonst noch etwas bringen?«
Ashton lächelte. »Nur die Rechnung, danke. Sie sollten übrigens mal überlegen, über mich zu schreiben. Ich kann eine gute Geschichte erzählen. Zwar bin ich noch nicht tot, doch ich lebe gern gefährlich. Und mir gefällt die Vorstellung, dass jemand wie Sie den Job übernimmt. Das Icon-Magazin will etwas über meine Arbeit für Tozer bringen, aber die schicken garantiert bloß einen ihrer eigenen Durchschnittsschreiberlinge. Ich sage denen, dass ich nur interessiert bin, wenn Sie das machen.«
Vielleicht fand er, dass ihre Beteiligung für eine mysteriöse Note sorgen würde. Eine Menge Leute waren auf morbide Art fasziniert von Nachruf-Autoren. Eve kam es verrückt vor. Sie schrieb über das Leben von Menschen: ihre Erfolge, ihre Beziehungen, ihre Höhen und manchmal ihre Tiefen. Daran war nichts Unheimliches. Oft war es lebensbejahend, immer fesselnd.
»Vielleicht sollten Sie einige Arbeiten von mir lesen, bevor Sie das sagen. Außerdem sind Nachrufe mein Fachgebiet. Einen biografischen Artikel über einen lebenden Menschen zu schreiben erfordert andere Fertigkeiten, und ich bin zu alt, um noch zu wechseln.« Was für einen Haufen Unsinn sie da erzählte! Je älter man war, desto größer war das eigene Wissen. Aber sie wollte nicht über Ashton Foley schreiben; er verursachte ihr Unbehagen, und er hatte gewiss auch hohe Erwartungen. Das einzige Problem war, ihn abzulehnen, ohne ihn zu beleidigen.
Sie ging die Rechnung holen, damit die beiden das Café verlassen konnten. Als sie an den Tisch zurückkehrte, stellte sie fest, dass Ashton bereits im Gehen begriffen war. Den fälligen Betrag hatte er auf den Tisch gelegt, zusammen mit einem lachhaft hohen Trinkgeld.
Er war inzwischen schon fast an der Tür, drehte sich allerdings noch einmal um. »Sie sehen für gar nichts zu alt aus.« Sein verwegener Blick war auf Eve gerichtet.
War Marinas Miene vorher schon kühl gewesen, wurde sie jetzt geradezu frostig. Doch Ashtons Bemerkung war reine Schmeichelei. Eve war beinahe alt genug, um seine Mutter zu sein, und sie war gewiss nicht sein Typ – er auch nicht ihrer. Doch innerlich schmunzelte sie. Sie war immun gegen falsche Komplimente. Verbrachte man Jahre damit, Menschen zu studieren, erkannte man, wenn sie einen zu manipulieren versuchten.
»Ich hoffe, Sie denken über meinen Vorschlag nach«, sagte er und verließ das Café. Marina schritt hinter ihm her.
»Seinen Vorschlag, ja?«, fragte Viv, die an Eve vorbeilief. »Und was soll das sein? Wird Simon eifersüchtig?«
Simon war Vivs Bruder. Eve war nur fünf Mal mit ihm ausgegangen, und das eine Mal war ein Gedenkkonzert für ein Mordopfer gewesen. Die Geschichte war schnell abgeklungen. Eve verdrehte die Augen. »Ich habe dir gesagt, dass wir nur Freunde sind.« Seit Januar jedenfalls … »Er stößt sich immer noch die Hörner ab, und ich bin weit über jenes Stadium hinaus.« Simon war sechs Jahre jünger als Eve, charmant, freundlich und ständig flirtend. Vor Letzterem hatte Viv sie von Anfang an gewarnt, dennoch schien die Freundin nicht gewillt zu sein, den Gedanken an Eve als künftige Schwägerin aufzugeben.
»Es ist nur so schade.« Viv neigte den Kopf zur Seite. »Ich bin mir sicher, dass Simon bereit ist, sich festzulegen. Und er sieht in letzter Zeit so geknickt aus.«
»Du hast eine blühende Fantasie. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, wirkt er wie ein Hund, der gerade von der Leine gelassen wurde. Kannst du bitte aufhören, von uns zu reden, als wären wir ein verliebtes Paar?«
Vivs Antwort war ein übertriebenes Schmollen. »Meinetwegen. Aber kommen wir zurück zu Ashtons Vorschlag.«
»Er will, dass ich über ihn schreibe.«
Viv stellte eine Teekanne auf den nächstbesten Tisch und zog Eve zur Seite. »Du klingst nicht entzückt.«
»Über Leute zu schreiben, die widersprechen können, ist nicht mein Metier.«
Sie lachte.
»Nein, im Ernst. Beim Schreiben bin ich immer ehrlich. Es wäre unprofessionell, das nicht zu sein. Aber ich habe das Gefühl, dass Ashton Foley eine sehr klare Vorstellung davon hat, was für einen Mann ich porträtieren soll. Er wird eine Lobeshymne wollen, nichts zu Klares, schätze ich.«
»Du würdest in Billy Tozers Haus kommen«, erwiderte Viv. »Ihn wahrscheinlich kennenlernen.«
Und das war das Problem: Die Neugier nagte bereits an Eve. Stars faszinierten sie nicht, denn das war nicht ihr Stil, doch alle Menschen waren interessant. Mehr über den Rapper zu erfahren, ebenso wie über Ashton Foley und sogar dessen Managerin und Geschäftspartnerin, die recht reizbar zu sein schien, war verlockend. Warum bezahlte ein Mann wie Tozer dafür, sein Haus mit Pflanzen vollstellen zu lassen? Und wie in aller Welt war ein Paar wie Ashton und Marina auf solch eine verrückte Geschäftsidee gekommen?
Viv bedachte Eve mit einem wissenden Blick. »Und du siehst nicht bloß alles, was es da zu sehen gibt. Du kannst wahrscheinlich sogar die Höhe deines Honorars selbst bestimmen. Ashton ist dieser Tage nicht knapp bei Kasse, und er hat reichlich Einfluss. Selbst wenn er dich nicht selbst bezahlt, wird er das Sagen haben.«
Ein anständiges Honorar wäre das Sahnehäubchen …
»Und natürlich«, fuhr Viv fort, »kannst du mir dann all die Insider-Informationen direkt zukommen lassen, bevor du deinen Artikel schreibst.«
»Hm. Hattest du nicht angedeutet, dass er Schwierigkeiten macht, noch ehe ich ihn überhaupt kennengelernt hatte? Du kannst mir nicht vorwerfen, dass ich jetzt zögere.«
»Aber du hältst dich nie an das, was ich sage, sondern bildest dir immer deine eigene Meinung.«
