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Auf dem Jahrmarkt auf Seagrave Hall lauert der Tod
Der Wohltätigkeitsbasar von Seagrave Hall ist ein wichtiger Termin im Kalender von Saxford St. Peter. Eve Mallow ist besonders gespannt auf den diesjährigen Ehrengast, die Forscherin Verity Nye, und kann es kaum erwarten, sie kennenzulernen. Als sich die beiden unterhalten, deutet Verity an, dass sie etwas auf dem Herzen hat - nur wenig später ist sie tot. Eve ist sich nach ihrem Gespräch nicht sicher, ob es sich bei dem Sturz aus dem Fenster im dritten Stock tatsächlich um einen schrecklichen Unfall handelt. Vor allem, als ein kleiner Junge behauptet, er habe jemanden hinter Verity gesehen ... Kann Eve herausfinden, wer der Mörder ist, bevor er sie als nächstes Opfer ins Visier nimmt?
Eine patente Ermittlerin, zahlreiche charmante Figuren und ein atmosphärisches Setting im ländlichen Suffolk - die perfekten Zutaten für einen typischen englischen Landhauskrimi!
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Seitenzahl: 429
Veröffentlichungsjahr: 2024
Auf dem Jahrmarkt auf Seagrave Hall lauert der Tod
Der Wohltätigkeitsbasar von Seagrave Hall ist ein wichtiger Termin im Kalender von Saxford St. Peter. Eve Mallow ist besonders gespannt auf den diesjährigen Ehrengast, die Forscherin Verity Nye, und kann es kaum erwarten, sie kennenzulernen. Als sich die beiden unterhalten, deutet Verity an, dass sie etwas auf dem Herzen hat – nur wenig später ist sie tot. Eve ist sich nach ihrem Gespräch nicht sicher, ob es sich bei dem Sturz aus dem Fenster im dritten Stock tatsächlich um einen schrecklichen Unfall handelt. Vor allem, als ein kleiner Junge behauptet, er habe jemanden hinter Verity gesehen … Kann Eve herausfinden, wer der Mörder ist, bevor er sie als nächstes Opfer ins Visier nimmt?
Eine patente Ermittlerin, zahlreiche charmante Figuren und ein atmosphärisches Setting im ländlichen Suffolk – die perfekten Zutaten für einen typischen englischen Landhauskrimi!
Clare Chase lebt in Cambridge. Neben dem Schreiben und Lesen liebt sie es, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen, und zu kochen, und sie interessiert sie sich für Kunst und Architektur.
Kriminalroman
Aus dem Englischen vonSabine Schilasky
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © Clare Chase, 2020
First published in Great Britain in 2020 by Storyfire Ltd trading as Bookouture.
Titel der englischen Originalausgabe:
»Mystery at Seagrave Hall«
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2024 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Textredaktion: Dorothee Cabras, Grevenbroich
Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau
Einband-/Umschlagmotiv: © mauritius images/Erik Lam/Alamy/Alamy Stock Photos; © Kite_rin/Shutterstock; VikaSuh/Shutterstock; QinJin/Shutterstock; Tina Bits/Shutterstock; NECHAPHAT/Shutterstock; INTREEGUE Photography/Shutterstock; YummyBuum/Shutterstock; YummyBuum/Shutterstock; Julia August/Shutterstock
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-4768-4
luebbe.de
lesejury.de
Für Ann und Helen – zur Feier von Wiedervereinigungen
Eve Mallow hatte sich seit Wochen darauf gefreut, Seagrave Hall zu sehen. Offiziell war sie dort, um bei der Ausrichtung des Dorffestes von Saxford St. Peter zu helfen, der jährlichen Spendenveranstaltung, deren Einnahmen jedes Jahr einer anderen wohltätigen Organisation zukamen.
Ihr erstes Dorffest hatte Eve im Alter von neunzehn Jahren erlebt, als sie zum Studium aus den Staaten nach London übergesiedelt war. Ihr damaliger Freund hatte sie an einem Wochenende auf dem Land zu solch einem Fest mitgenommen. Es war nett und typisch für diese Art ländliche Tradition gewesen, wie sie inzwischen wusste: diverse Stände, die alles von Kuchen bis Schnickschnack verkauften, mit Spielen, Unterhaltungsprogramm und Wettbewerben zu Selbstangebautem und Backwaren.
Dies war Eves erstes Fest in Saxford, da sie erst letzten Herbst nach Suffolk gezogen war, aber ihr war schon bewusst, was für ein großes Ding es für alle im Ort darstellte. Jeder machte bei diesem »Jahrmarkt«, wie sie es nannten, mit, und die Dorfbewohner waren stolz darauf. Eve hatte das Festfieber nicht minder gepackt. Es war auch das erste Mal, dass sie bei den Vorbereitungen half, und sie würde einen der Stände mit betreiben.
Noch dazu freute sie sich aus anderen Gründen auf den großen Anlass, unter anderem dem, dass sie Seagrave Hall aus der Nähe sehen durfte. Es war ein majestätisches georgianisches Herrenhaus mit eleganten Schiebefenstern und einem Säulengang vorn. Eve war über eine breite Zufährt hergekommen, von der aus auch eine Abzweigung zu den Stallungen führte.
Hinter dem Haus, wo Eve jetzt stand, zog sich eine große Rasenfläche bis hinunter zur Marsch. Dahinter befanden sich der Fluss Sax und auf der anderen Seite das Dorf Saxford St. Peter. Eine malerische Aussicht.
Östlich des Herrenhauses erstreckte sich das Anwesen durch bewaldetes Land bis zum Meer. Eine Sekunde lang schloss Eve die Augen und stellte sich vor, wie es hier normalerweise sein musste – nur das Gras und die Rufe von Brachvögeln und Säbelschnäblern unten an der Flussmündung. Der Lärm um sie herum machte es allerdings schwer, sich solch eine Stille auszumalen. Es wimmelte von Dorfbewohnern, die alles vorbereiteten.
Über dem Herrenhaus wölbte sich ein makellos blauer Himmel, und der Rasen lag in warmem Sonnenschein, sodass der Duft frisch gemähten Grases von ihm aufstieg.
Eve wollte nicht nur das Herrenhaus und Anwesen erkunden, sondern war auch gespannt darauf, die Seagrave-Familie kennenzulernen. Als professionelle Nachruf-Autorin liebte sie es herauszufinden, wie Menschen tickten. Sie hatte den Großteil ihres Lebens in Großstädten verbracht, erst im lockeren Seattle, wo sie aufgewachsen war, dann im frenetischen London, wo sie nach dem Studium geblieben war und eine Familie gegründet hatte.
Ihr Umzug ins ländliche Suffolk vor zehn Monaten hatte jedoch nicht bedeutet, dass es ihr an Gelegenheiten mangelte, Leute zu beobachten. In Städten sah man die ganze Bandbreite menschlicher Existenz, aber auf dem Land hatte man eine verdichtete Gruppe Einzelner wie unter dem Mikroskop. Was nicht minder lohnenswert war.
Und das Dorffest hielt mehr Attraktionen bereit als nur die Seagraves und das Heim ihrer Vorfahren. Dieses Jahr hatte das Komitee beschlossen, die Erlöse des Festes an Wide Blue Yonder zu spenden, eine Wohltätigkeitsorganisation, die sich der Förderung junger Frauen aus schwierigen Verhältnissen verschrieben hatte.
Der Seagrave-Erbe Rupert war mit Verity Nye verlobt, der Botschafterin der Organisation. Sie sah wie eine moderne Audrey Hepburn aus, auch wenn Eve bekannt war, dass sie weit mehr vorweisen konnte als nur eine schmale Statur und riesige Augen. Als Taucherin hatte Verity schon die gefährlichsten Höhlensysteme der Welt erforscht. Und Eves heutige Begegnung mit der jungen Frau bei den Festvorbereitungen wäre nicht ihr erstes Zusammentreffen mit ihr.
In London hatte Eve in Teilzeit als Schulsekretärin gearbeitet, um ihr unzuverlässiges Freiberufler-Einkommen aufzustocken, und Verity Nye hatte zu der Zeit einen Vortrag vor den Schülern gehalten. Eve hatte sich hinten in die Aula schleichen und zuhören können.
Die Teenager waren so laut und zappelig wie immer gewesen, als sie den Raum betreten hatten, aber die Taucherin hatte sie binnen Sekunden in ihren Bann gezogen. Die lässige Art, in der sie über ihre lebensbedrohlichen Unternehmungen sprach, ließ selbst die anmaßendsten Schüler verstummen. Es war eine rare Wohltat gewesen, dies mit anzusehen. Doch es war Nyes Lebensphilosophie, die eine Saite in Eve anschlug. Ihr Mann hatte sie kürzlich verlassen, und nach dem Vortrag hatte Eve eine Menge Fragen. Was machte die Taucherin so widerstandsfähig, so durchsetzungsstark und selbstbewusst? Und was in deren Leben hatte sie bewegt, einen solch gefährlichen Nischenberuf zu wählen?
Das Fest könnte eine Chance sein, mehr zu erfahren; aber fürs Erste musste Eve sich auf das Praktische konzentrieren. Sie war im Rahmen ihres gegenwärtigen Nebenjobs hier, der Teilzeitstelle im Dorfcafé Monty’s, das die Kuchen beisteuerte. Viv, ihre enge Freundin und Besitzerin des Monty’s, hatte Eve wegen ihres Organisationstalents und ihrer sachlichen Herangehensweise eingestellt. Ohne die gerieten die Dinge bisweilen aus dem Ruder …
Die Seagraves hatten bestimmt, dass alle ihre Stände am Tag vor dem Fest aufbauen sollten, worüber Eve froh war. Es war ein steter Kampf, Viv auch nur eine kleine Vorbereitungszeit abzuverlangen, geschweige denn mehr, und ausnahmsweise musste nicht sie es sein, die strenge Regeln durchsetzte.
Sie waren dabei, alles einzurichten. Eve ging zu einem Nebengebäude, um einen Klapptisch zu holen. Mit dem kämpfte sie sich zurück, wobei sie ihren Ekel unterdrücken musste, da sich die rissige Resopalplatte widerlich klebrig anfühlte. In diesem Moment hörte sie, dass eine Textnachricht auf ihrem Handy einging.
Eve stellte den Tisch kurz ab und hielt ihn mit einer Hand fest, während sie mit der anderen das Telefon aus ihrer Jeanstasche angelte. Ihre Zwillinge waren mittlerweile junge Erwachsene, dennoch hatte Eve bis heute den Drang, sofort nachzusehen, ob sie es waren, die schrieben. Sicherheitshalber.
Das Display leuchtete. Ian, der Vater der beiden und Eves Ex-Mann. Was wollte er? Sie verlagerte das Telefon umständlich in der Hand, um ihren Code einzugeben.
Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich ein paar Wochen schlecht zu erreichen bin. Sonia und ich gehen auf Mittelmeerkreuzfahrt, und gerade du weißt ja, wie löchrig der Handyempfang sein kann. Schließlich kennst du das da oben in der Pampa!
Eine zweite Textnachricht ging ein, als sie noch die erste las.
Du solltest dir auch mal eine Auszeit gönnen. Sicher würde die dir guttun.
Er hatte einen Link zu einer Website für Single-Reisen angehängt.
Eve schaltete das Display aus. Wie bitte? Mit ihr hatte er nie eine Kreuzfahrt unternommen. Und vor allem musste er ihr nicht sagen, wo er war, als wäre sie ein Kind, das nicht allein zurechtkam.
Sie wollte das Telefon wieder in die Tasche stecken, verfehlte sie aber, und es fiel herunter. Während sie sich noch abmühte, den großen Tisch zu halten und sich gleichzeitig nach dem Handy zu bücken, erschien Verity Nye, hob das Telefon auf und reichte es Eve, sodass sie sich wieder aufrichten konnte. »Vielen Dank!«
Verity lächelte. »Kein Problem.« Dann betrachtete sie Eve prüfend. »Alles okay mit Ihnen?«
Ich muss genervter aussehen, als mir bewusst gewesen ist, dachte Eve. Sie holte tief Luft. »Ja, bestens! Es ist toll hier.« Sie nickte zu den Ständen. »Bloß eine nervige Nachricht von meinem Ex.« Mist, wo war denn diese Bemerkung hergekommen? Es war das erste Mal, dass Eve tatsächlich mit Verity sprach, und gewöhnlich würde sie Fremden nichts Privates erzählen, aber der Schulvortrag hatte eine Verbindung hergestellt, und das Missgeschick mit dem Telefon machte die Situation weniger förmlich. Obendrein trieb das viele Adrenalin sie an, ihren Frust loszuwerden …
»Ach so!« Verity lachte und verdrehte die Augen. »Ist er allzu mitteilsam?«
Sie war aufmerksam. »Er wollte mich wissen lassen, dass er eine Kreuzfahrt mit seiner neuen Freundin unternimmt. Und hat mir sogar einen Link zu einer Website mit Single-Reisen angehängt, falls ich mich ausgeschlossen fühle.«
»Oh, wow! Tja, wenigstens beweist die Nachricht, dass Sie ohne ihn besser dran sind.«
Jetzt musste Eve lachen und spürte, wie sich ihre Schultern endlich entspannten und es ihr gelang, das Handy in die Hosentasche zu stecken. »Ganz genau.«
Verity blickte dorthin, wo ihr Verlobter stand, Rupert Seagrave. »Falls Sie sich verbessern wollen, gibt es da draußen sicher jemanden, der nur auf Sie wartet und Sie viel eher verdient als der Kreuzfahrttyp. Aber keine von uns braucht jemand anders. Wir sind alle am glücklichsten, wenn wir unser Leben selbst kontrollieren, sogar wenn es zufällig neben einer anderen Person stattfindet.«
»Da haben Sie recht!« Ehe Eve sichs versah, erzählte sie Verity Nye, dass sie deren Vortrag an ihrer alten Schule gehört hatte und der Aufruf zur Unabhängigkeit für sie exakt zur richtigen Zeit gekommen war.
Veritys Lächeln war spontan und natürlich. »Freut mich, dass es Sie angesprochen hat. Es ist eine harte Lektion, die ich in jungen Jahren gelernt habe, aber sie ist unglaublich befreiend.« Sie stockte, runzelte die Stirn und verlegte ihr Gewicht auf ein Bein. Dann neigte sie sich ein wenig näher zu Eve. »Kennen Sie die Seagraves?«
»Nein, eher nicht, tut mir leid.«
»Ach, macht nichts.« Verity schüttelte langsam den Kopf. »Ich war nur hinter einem neuen Blickwinkel her. Sie sind alle untereinander verkracht, aber Sie glauben nicht, wie sie die Reihen schließen, sollte jemand auftauchen, den sie noch mehr hassen. Da werden die Messer gewetzt!« Nun lachte sie wieder. »Ich glaube, ihnen ist nicht klar, wie stark ich bin.«
Es klang nach einer ungemütlichen Situation. Eve nahm an, dass es Einwände gegen Veritys und Ruperts Heirat gab, und fragte sich, warum. Lag es schlicht an gegensätzlichen Persönlichkeiten, oder war die Sache komplizierter?
Sie wechselte noch ein paar Worte mit Verity, dann schleppte sie den Klapptisch weiter zum Stand des Monty’s und schaute sich auf dem Gelände um. Einen Moment später stellte sie den wackligen Tisch auf dem Rasenstück auf, das Viv und ihr zugeteilt worden war. Und sie erzählte ihrer Freundin von dem Gespräch mit Verity.
»Hoppla, das sieht dir gar nicht ähnlich«, sagte Viv. »Es hat sehr viel länger gedauert, bis du mir von Ian erzählt hast.«
Eve runzelte die Stirn. »Das habe ich ziemlich schnell getan.«
»Nicht im zweiten Satz, den wir gewechselt hatten.«
»Stimmt. Na ja, es war seltsam. Mit ihr kann man gut reden. Mit dir natürlich auch«, ergänzte Eve rasch, als sie Vivs Blick bemerkte.
»Für mich klingt es, als würde sie gern ein bisschen predigen. Mehr als ich jedenfalls.«
»So kam es mir nicht vor. Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss.« Eve verkniff sich ein Grinsen.
»Denkst du, dieses Unabhängigkeitsding gehört zu ihrem Mantra, das sie sich im Kopf aufsagt, bevor sie Rupert heiratet?«
»Kann sein. Sie hatte in seine Richtung gesehen.« Und Eve dachte nach. War Rupert der ideale Partner für Verity? Einer, der sie ihren eigenen Weg gehen ließ? Oder versuchte er, mehr Einfluss auf Veritys Leben zu nehmen, als sie wollte? Eve versetzte sich in Ruperts Lage: Es konnte nicht einfach sein, Verity zuzuschauen, wie sie um die halbe Welt reiste und ihr Leben riskierte. Bis zur Hochzeit waren es nur noch ein paar Wochen. Wenn einer von ihnen Bedenken hatte, war jetzt die Zeit, die auszuräumen. Und sollte die Familie schwierig sein, würde es den Stress noch erhöhen.
Eve blickte auf und sah, dass die Höhlentaucherin stehen geblieben war, um mit der Geschäftsführerin von Wide Blue Yonder zu sprechen. Was gesagt wurde, konnte Eve nicht hören, aber Verity schüttelte energisch den Kopf und zeigte mit dem Finger zur Seitentür des Herrenhauses. Die Geschäftsführerin stemmte die Hände in die Hüfte, und Verity verstummte abrupt, neigte sich vor und legte eine Hand auf die Schulter der Frau. Dann wechselten sie noch wenige Worte, und die andere Frau schien sich zu entspannen. Doch als Verity sich abwandte und über den Rasen schritt, blickte ihr die Geschäftsführerin der Wohltätigkeitsorganisation noch lange nach.
»Ich glaube, du hast mich mit deinem zwanghaften Beobachten angesteckt«, sagte Viv, die sich mit einem zweiten Tisch abmühte, den sie vorhin aus dem Nebengebäude geholt hatten. »Aber teils nur, weil ich nicht aufhören kann, Ms Nye anzuglotzen. Es tut gut zu sehen, dass sie manche Leute auf die Palme bringt. Sonst wäre sie mit ihrem Job und ihrem Aussehen ein bisschen zu perfekt.«
»Vielleicht muss man sich an sie gewöhnen.« Eve hatte es gefallen, wie direkt Verity war. »Sie hält nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg. Ich schätze, in ihrem Beruf muss sie durchsetzungsfähig und entschieden sein.«
Sie selbst konnte sich nicht vorstellen, in eine Höhle zu tauchen. Soweit Eve gelesen hatte, war die Sterbequote in dem Job viel zu hoch, und sie würde sowieso Platzangst bekommen. Wenn etwas schiefging, musste man ruhig und schnell handeln, wollte man überleben. Eve würde sich als »besonnen« bezeichnen, hatte allerdings gern Zeit zum Planen, ohne dass sich die Ereignisse überstürzten.
»Sie ist so atemberaubend attraktiv«, bemerkte Viv, die noch in die Richtung schaute, in die Verity gegangen war. »Ich kann es irgendwie nicht leiden, wenn jemand so viele Vorzüge hat. Vermutlich werden Rupert und sie das hier erben.« Sie blickte zum Herrenhaus. »Und er muss auch alles auf dem Silbertablett serviert bekommen haben.«
»Verity stammt nicht aus reichem Haus.« Eve hatte nach dem Schulvortrag über sie recherchiert – und noch ein wenig mehr, als sie erfahren hatte, dass sich ihre Wege wieder kreuzen könnten. »Und auch Leute, die in vermögende Verhältnisse geboren wurden, können mit Problemen konfrontiert sein.« Wieder dachte sie an die Familiendynamik der Seagraves.
Viv seufzte tief. »Wenn du es sagst. Ich weiß ja, man muss erst die Fakten sammeln, dann erst kann man urteilen.« Sie grinste. »Aber es ist so viel spaßiger, zu raten und Pauschalurteile zu fällen.« Sie sah zu der Ausstattung, die man ihnen gegeben hatte. »Das hier wird witzig. Die Tische sind ganz unterschiedlich hoch, beide wacklig und offen gesagt eklig.« Ihr Bob, der in dieser Saison meergrün gefärbt war, schwang nach vorn, als sie sich bückte, um einen Fleck zu inspizieren, der wie eingetrocknete Marmelade mit ein wenig Schimmel aussah.
»Keine Sorge, ich habe alles mitgebracht, was wir brauchen.« Eve griff in einen Karton neben ihrer Tasche und holte Lappen, Scheuerschwämme und einen antibakteriellen Reiniger hervor.
»Du bist ein Schatz, weißt du das? Ein schräger, klar, aber immer noch ein Schatz. Hast du geahnt, dass die Sachen der Seagraves ein Gesundheitsrisiko sind?«
»Ich dachte mir, dass ihre Festausstattung vielleicht nur einmal im Jahr benutzt wird.« Eve war gern vorbereitet. Sie verbrachte eine Menge Zeit damit, Sachen vorherzusehen, und sie konnte nicht umhin, Vivs dankbaren Blick auszukosten.
Während sie den klebrigen Tisch bearbeitete, beobachtete sie weiter ihre Umgebung.
Viv schaute zu der Zeder über ihnen auf, deren dunkle Äste sich über ihre Köpfe erstreckten. Das Laubdach bescherte ihnen angenehmen Schatten und dem Stand einen schönen Duft – eine Mischung aus Harz und Holz, die Eve an die gespitzten Bleistifte erinnerte, die ihr als Schülerin so kostbar gewesen waren. Sie mochte sie bis heute: die befriedigend klaren dunklen Linien, die sie auf einem neuen Blatt Papier erzeugten.
»Ich bin froh, dass wir diesen Schattenplatz bekommen haben«, bemerkte Viv und riss sie damit aus ihren Gedanken.
»Anscheinend ist nicht jeder so froh.« Eve wies mit dem Kopf zu Saxfords Dorfladenbesitzerin, die eben in schwindelerregend hohen Schuhen vorbeigestöckelt war. Sie hatte verärgert mit der Zunge geschnalzt, als sie die Kristallkugel neben ihrem smaragdgrünen Zelt aufhob, das nun in der prallen Sonne stand.
»Sie hat keinen Grund, sich zu beschweren!«, erwiderte Viv. »Sie hat das Zelt, das sie schützt, und unsere Kuchen werden erheblich klebriger als ihre Tarotkarten. Übrigens glaube ich nicht, dass zwei Tische genügen.«
»Dann gehe ich zum Nebengebäude und sehe nach, ob ich noch einen ergattern kann.«
»Soll ich das machen?«
»Nein, ist schon gut.« Eve genoss es, sich ihren Weg zwischen den Dorfbewohnern hindurch zu bahnen, die alle bei ihren Vorbereitungen waren, mal kostümiert, mal nicht.
Als sie gerade auf dem Rückweg vom Nebengebäude war, wieder einmal einen Tisch schleppend, der jedoch größer war als die ersten beiden, hörte sie Verity Nyes Stimme aus dem großen Festzelt.
»Du musst aufhören, ihr hinterherzulaufen. Es ist zu auffällig.«
»Und es ist nötig, um unsere Interessen zu schützen«, erwiderte eine tiefe Männerstimme eindringlich.
»Ach, um Himmels willen!« Verity wurde auf einmal lauter.
Die nächsten Worte waren nicht zu verstehen, doch dann war die Männerstimme deutlicher.
»Verity, lass uns reden.« Sein Tonfall war verändert. »Wir können das immer noch hinbekommen!«
Eve hörte die Höhlentaucherin seufzen – eine Kombination aus Wut und Resignation. »Wir haben alles gesagt, was es zu sagen gibt. Natürlich können wir das nicht ›hinbekommen‹. Wie kannst du das nicht erkennen? Es ist vorbei.«
Eve verstand nicht, was er antwortete, doch sein Ton war wütend.
Mühsam zog sie den Tisch weiter. Jetzt klang es, als bewegte sich drinnen etwas und als käme einer von ihnen gleich aus dem Zelt. Die Klapptischkante knallte ihr schmerzhaft gegen das Schienbein, als sie versuchte, schneller zu gehen.
Einen Moment lang blieb sie mit dem Rücken zum Festzelteingang stehen, ehe sie einen Blick über die Schulter riskierte. Verity war am Eingang erschienen. Sie sah aufgebracht aus. Hinter ihr war der Arzt aus ihrem Expeditionsteam – Eve erkannte ihn von Veritys Präsentationsbildern beim Vortrag und den Fotos wieder, die sie bei ihrer kürzlichen Recherche gesehen hatte. Pete Smith, so hieß er. Blond, sonnengebräunt, groß und gut aussehend.
Er folgte Verity zum Zelteingang und starrte ihr nach, die Züge angespannt. Die beiden sollten die Stars bei der morgigen Veranstaltung sein, wenn sie ihre Ausrüstung für den nächsten Tauchgang in China vorführten, Reden hielten und Preise überreichten.
Ihre Worte hallten Eve durch den Kopf. Wem war Pete gefolgt? Und was war mit dem letzten Teil ihrer Unterhaltung? Waren er und Verity ein Paar gewesen? Falls ja, klang es, als hätte Pete Probleme loszulassen – und als hätte Verity die Affäre gerade erst beendet, kurz vor ihrer Hochzeit. Eve war ein wenig enttäuscht von der Frau. Ihr Eindruck war eher gewesen, dass Verity fair spielte.
Eve seufzte, als sie wieder am Stand des Monty’s hinter dem Herrenhaus war. So faszinierend es auch war, die Geheimnisse anderer zu ergründen, fühlte Eve sich nach Verity Nyes Gespräch mit dem Arzt zwiegespalten. Als sie sich mit der Frau vorher endlich persönlich unterhalten hatte, hatte sie sofort eine gewisse Nähe empfunden; etwas hatte ihr gesagt, sie könnten auf einer Wellenlänge sein. Jetzt war Eve sich nicht mehr so sicher.
Überall um sie herum arbeiteten andere Dorfbewohner eifrig. Der Vikar hatte ein Schlagspiel aus einem alten Plastikrohr auf einer schrägen Tafel aufgebaut und war dabei, Kokosnüsse auf hohen Stangen auszubalancieren. Am nächsten Tag würden die Spieler versuchen, sie mit Kricketbällen herunterzuschießen.
Eine von Eves Nachbarinnen baute ein improvisiertes Gamelan auf einem großen lila Teppich auf. Sie war hauptberuflich Keramikerin, doch Eve wusste, dass sie auch die Musik sehr liebte. Oft wehte der Klang ihrer Geige im Sommerwind durch die Haunted Lane. Sie hatte eine Reihe von Terrakotta-Blumentöpfen aufgestellt und eine Auswahl von Metalldeckeln nach Größe geordnet auf ihnen ausgelegt. Nun verband sie alles mit Rohren. Heraus kam etwas, was wie ein riesiges Xylophon aus Regenrohren wirkte.
Kurz darauf hockte die Nachbarin sich auf die Fersen zurück, begutachtete ihr Werk und nahm dann ein Paar Holzstöcke auf, mit denen sie vorsichtig diverse Dinge vor sich anschlug. Es war verblüffend melodisch, was indes nicht verhinderte, dass sie errötete, als sie aufschaute und bemerkte, dass Eve sie beobachtete. Der Vikar blickte gleichfalls hinüber. Eve sah ihm an, dass er es auch gern mal probieren würde. Lange würde er gewiss nicht widerstehen können.
Eine Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit. »Habe ich eben einen Kunden in Moiras Wahrsagerinnenzelt gehen sehen?« Es schien ein bisschen voreilig zu sein, bedachte man, dass das Fest erst morgen stattfand.
»Ich habe gehört, dass sie einige der Hauptakteure eingeladen hat«, antwortete Viv leise. »Unter dem Vorwand, dass sie Übung braucht. Aber ich glaube, sie hat einfach nur Angst, etwas zu verpassen.«
Das war überaus wahrscheinlich. Manche der Leute, die an diesem Tag Zeit erübrigen konnten, waren Prominente wie Verity, die schon im Fernsehen gewesen waren. Und so, wie Eve die Ladenbesitzerin Moira Squires kannte, wollte sie alle ins Zelt locken, damit sie hinterher im Dorf herumerzählen konnte, dass sie mit ihnen gesprochen hatte.
»Außerdem«, fuhr Viv fort, »weißt du doch, wie das mit Weissagen ist. Die Leute tun, als glaubten sie nicht daran, aber eigentlich ist jeder tief im Innern ein kleines bisschen abergläubisch.«
Eve verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich nicht.«
»Ehrlich? Nicht mal, wenn das Leben gerade mies zu dir wäre und du gern einen Tipp hättest, ob hinter der nächsten Ecke etwas Besseres lauert?« Viv sah ihren Blick. »Ah, nein. Na gut. Jeder außer dir. Ich hätte es wissen müssen. Findest du nie, dass man mit so viel Rationalität eine Spaßbremse ist?«
»Nein.«
Die Klänge des Gamelans, das der Vikar gerade testete, unterbrachen sie. Einen Moment später sang er auch noch – in einem hallenden Bariton, der Moira umgehend aus ihrem Zelt lockte. Sie hatte die Lippen geschürzt und trug nun ihr Kostüm, bei dem es sich um ein beängstigend enges rotes Kleid mit geschnürtem Mieder handelte. Eve spähte an ihr vorbei, um zu sehen, wer drinnen bei ihr war.
»Ich glaube, das ist Ruperts Cousine«, wisperte Viv. »Cora Seagrave. Sie wohnt auf dem Anwesen. Die Seagraves hatten sie adoptiert, nachdem Coras Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren.«
Einen Moment später erschien Eves zweite Nachbarin aus der Haunted Lane mit ihrer Kamera. Sie war Fotografin und gebeten worden, Aufnahmen von dem Fest zu machen, angefangen bei den Vorbereitungen bis hin zu den Abschlussreden am nächsten Tag.
»Diese Fotogelegenheit darf man nicht verpassen«, sagte sie grinsend. Ihr dicker grauer Zopf fiel ihr über die Schulter, als sie die Linse auf die Keramikerin und den Vikar richtete, die nun gemeinsam konzentriert das Gamelan spielten. Erstere wirkte nach wie vor ein wenig unsicher, Letzterer weniger.
Eve wandte sich wieder den drei Tischen zu, die Viv und ihr zur Verfügung standen. Die passenden Tischdecken aus dem Monty’s würden sie ansehnlicher machen. Sie waren in einem dunklen Meergrün, passend zu Vivs gegenwärtiger Haarfarbe. Die beiden Frauen steckten den Leinenstoff fest und brachten noch eine kleine Wimpelgirlande vorn an, ehe sie die Tischbeine mit Bändern umwickelten.
»Wir können sie der Größe nach ordnen und die Kuchen morgen nach Sorten ausstellen. Vielleicht sieht es dann wie Absicht aus.«
»Klingt gut.« Eve schrieb eine Liste. »Die Zitronenkuchen, dann die mit Beeren und weiter drüben die mit Kaffee und Schokolade?« Sie hatte darauf bestanden, dass sie nur Schokoladenkuchen mit cremigem Innenleben hatten, obwohl Viv sich anfangs etwas gesträubt hatte. Aber alle mit Schokoladenüberzug wären bei der Hitze eine Katastrophe.
Als sie fertig waren, halfen sie der Truppe vom Cross Keys, dem Dorfpub, die ihren Stand seitlich vom Herrenhaus aufbauten. Als sie sich ihnen näherten, sah Eve, dass einer der beiden Brüder, die den Pub betrieben, von dem Fassbier kostete.
Er bemerkte sie und grinste breit. »Ich habe nur geprüft, ob es nicht mehr schäumt.«
In diesem Augenblick traf seine Frau ein, die streng dreinblickte, und er schob sein halb leeres Glas hinter einen Karton mit Chips.
Eve trug mit ihnen Essen ins Haus, das dort bis zum Grillen lagern sollte. Als sie in harmonischem Schweigen hin- und hertrotteten, hörte sie wieder Verity, diesmal vom Rasen hinten.
»Ach, Unsinn! Ich mache das!« Sie lachte, doch Eve nahm einen Anflug von Erschöpfung wahr. Verity sprach mit einer blonden Frau, von der Eve wusste, dass sie die Verwalterin der Seagraves war.
»Brauchen Sie keine Hilfe? Es ist ziemlich sperrig.«
»Ich denke, ich komme klar«, entgegnete Verity. »Nichts trainiert den Oberkörper besser als Schwimmen in starken Strömungen.« Doch dann lächelte sie. »Trotzdem danke.«
Die blonde Frau wandte sich ab. Eve konnte es genauso wenig leiden, wenn Bemerkungen der Leute implizierten, dass sie hilflos sein könnte, doch sie hätte es besser verborgen. Vielleicht machte sie das aber auch nur zur Heuchlerin.
Nachdem Eve den Pub-Betreibern geholfen hatte, wanderte sie zurück zu Vivs und ihrem Stand, vorbei an Mrs Walker, die für die Tombola zuständig war. Ihr Dreijähriger war auf einen Hocker geklettert und angelte bedenklich schwankend ein Spielzeug unten aus dem Arrangement der Preise hervor, das seine Mutter eben fertig aufgebaut hatte. Alles fiel wieder in sich zusammen.
Molly Walker fuhr sich mit den Händen durch das dichte, drahtige Haar. »Dy-lan!«
Eve und Viv würden am nächsten Tag Picknickdecken nahe ihrem Stand ausbreiten, damit die Leute sich hinsetzen und ihren Kuchen dort essen konnten, falls sie wollten. Sie hatten auch einige Campingklappstühle mit Segeltuchbespannung. Die hatte Eve schon aus ihrem Van geholt, ließ sie aber in den Plastikhüllen. Sie wollte nicht, dass sie morgen früh taufeucht waren.
Der Vikar half im Spielbereich hinter dem Wahrsagerinnenzelt aus. Das Gamelan auf der einen Seite und die Kinder auf der anderen würden Moiras Geduld gründlich auf die Probe stellen … Eve kam im Spielbereich an, als der Vikar eben in ein Tipi krabbelte, das er aufgestellt hatte.
»Alles in Ordnung da drinnen?«
»Perfekt, danke, Eve. Ich erinnere mich bloß gerade, wie es war, sieben zu sein. Hin und wieder stelle ich fest, dass es mir fehlt.« Er streckte den Kopf mit dem dichten grauen Haarschopf aus dem Zelt.
Eve schmunzelte.
»Stellen Sie sich vor, auf solch einem Anwesen Kind zu sein«, sagte er.
»Oh ja, was könnte man hier für Spiele machen …« Sie schaute über das Tipi hinweg zu dem riesigen Garten und dem Herrenhaus. Dabei bemerkte sie vage eine Bewegung an einem der Fenster im dritten Stock.
Exakt in dem Moment, in dem Eve genauer hinsah und eine seltsam voluminöse Gestalt erkannte, kippte diese nach vorn. In irgendetwas gehüllt? Der Schrei hallte über das Gelände. Hinterher erinnerte Eve sich: wie solch eine unschuldige Szenerie von etwas derart Entsetzlichem unterbrochen wurde. Sie war sich des schaurigen dumpfen Aufpralls bewusst, der beinahe zeitgleich mit dem Schrei zu hören war. Wohin die Person gestürzt war, konnte Eve nicht sehen, weil zu viele Stände und Menschen im Weg waren. Ihr wurde übel, und das Gesicht des Vikars wurde weiß und schlaff.
Wie benommen stand Eve einen Augenblick da und blickte zum Herrenhaus. Leute rannten über den Rasen, zwischen den Zelten, Festzelten und Ständen hindurch. Eve und der Vikar folgten ihnen, stolperten über Zeltleinen und stießen mit anderen zusammen, die in dieselbe Richtung strebten.
»Was ist passiert?«
Viv war neben Eve erschienen. »Verity.« Sie schluckte und wandte sich kurz von der Szene vor ihnen ab, als Eve schon weiterging. »Es ist furchtbar. Ganz furchtbar. Sie muss ins Haus gegangen sein, um ein Zelt oder einen Pavillon zu holen, was immer das unter ihr ist. Und dann ist sie aus einem der Fenster gestürzt. Aber wie?«
Die Planen, auf die Viv sich bezog, hatten Veritys Landung ein wenig abgefedert, aber nicht da, wo es zählte. Ihr Kopf und der Oberkörper waren direkt auf den Steinplatten aufgeschlagen. Eve konnte sich vor Entsetzen kaum rühren.
Die Leute wurden langsamer, als sie sich der Stelle näherten, an der Verity lag, trauten sich anscheinend nicht näher heran. Im nächsten Moment war der Arzt aus ihrem Team da, Pete Smith.
»Alle zurück!«, befahl er und sank neben seiner totenstill daliegenden Kollegin auf die Knie.
Nun versperrte er Eve die Sicht auf Veritys Körper. Schließlich stand er kopfschüttelnd wieder auf. »Bleiben Sie zurück. Und jemand muss einen Krankenwagen rufen. Aber sagen Sie denen, dass sie nichts mehr für sie tun können.« Er hob eine Hand in den Nacken und schloss eine Sekunde lang die Augen.
Nachdem kurz vollkommene Stille geherrscht hatte, sprachen auf einmal alle gleichzeitig.
»… um das Zelt aus dem Fenster zu werfen, anstatt es die Treppe runterzutragen …«
»… sehr schweres Segeltuch. So ein altmodisches Ding …«
Noch mehr Leute fanden sich ein, und der Lärm schwoll an.
»… habe diese Fenster noch nie gemocht. Sie sehen ja elegant und groß aus, aber sie sind zu niedrig. Das ist gefährlich. Ich hätte Angst, hier zu wohnen, vor allem mit Kindern …«
»… muss sich mit einem Fuß im Stoff verfangen haben, als sie es nach draußen warf. Sie hat sich zu weit rausgelehnt …«
Und dann übertönte eine kleine hohe Stimme die anderen.
»Einer hat sie ganz doll geschubst!« Das war der kleine Dylan Walker.
Eve war eine von mehreren in Hörweite, als Dylan es rief. Lady Belinda Seagrave, die Besitzerin des Herrenhauses und Ruperts Mutter, hatte es ebenfalls gehört. Streng blickte sie zu Mrs Walker.
»Dylan, hör auf, dir Sachen auszudenken.« Die Mutter des Jungen war tiefrot geworden. Sie bückte sich und ergriff die Hände des Kleinen. »Es ist ein schrecklicher Unfall passiert. Sich Sachen auszudenken ist nur okay, wenn man spielt oder beim Vorlesen im Kinderzimmer. Sonst ist es Lügen. Das habe ich dir doch schon erklärt.«
Lady Seagrave behielt die beiden im Blick, das Kinn gereckt und die Arme fest verschränkt.
Neben Viv stand die blonde Verwalterin der Seagraves, die auch alles beobachtete. Eve hatte gehört, wie sie bei Dylans Worten nach Luft geschnappt hatte. Und sie wirkte verängstigt.
»Ich lüge nicht! Da ist ein Gesicht gewesen!« Dylan schien den Tränen nahe. Er stieß mit der Schuhspitze in den Kies, der das Haus einrahmte.
Als die Verwalterin etwas sagte, bebte ihre Stimme. »Ich hatte auch nach oben gesehen. Etwas musste meine Aufmerksamkeit erregt haben. Vielleicht ein Geräusch.«
»Und haben Sie irgendetwas beobachtet, Tilly?« Lady Seagrave klang streng und beherrscht in der Stille, die sich über den Garten gelegt hatte.
Selbstverständlich, so heißt sie: Tilly Cotton. Jetzt erinnerte Eve sich wieder. Und sie sah zu jung aus, um solch ein Anwesen zu leiten.
»Nein. Nein, ich glaube nicht. Verity hat das Fenster ausgefüllt.« Ihre Hände zitterten. »Ich hatte angeboten, ihr zu helfen, das Zelt nach unten zu bringen, aber sie sagte, sie käme klar.«
Lady Seagrave packte Tilly Cottons Schulter fest mit einer Hand. »Es ist nicht Ihre Schuld. Verity war ausgesprochen eigenständig, wie wir alle wissen.« Ihr Ton war hart und missbilligend. Sie war eines der Familienmitglieder, die sich gegen Verity verbündet hatten, vermutete Eve.
Erst in diesem Moment bemerkte Eve, dass der Sohn des Hauses, Rupert Seagrave, erschienen war. Veritys Verlobter. Er stand mit schmerzverzerrter Miene seitlich von der Toten und hatte beide Hände so fest in sein rotblondes Haar gekrallt, dass die Fingerknöchel weiß waren. Eve hielt es kaum aus, ihn anzusehen. Er klang, als würde er um Atem ringen, wollte näher zu Verity gehen, doch Pete Smith trat abermals vor und verstellte ihm den Weg. Rupert stieß ihn weg und kniete sich neben die Tote. Sein Haar fiel ihm in die Stirn.
Einen Moment später vernahm Eve eine süßliche, verspielte Stimme: »Was ist denn hier für ein Theater?« Eine hübsche junge Frau mit herzförmigem Gesicht und einem kecken Funkeln in den Augen kam um die Hausecke.
»Ist das Cora?«, flüsterte Eve Viv zu. »Das Mündel der Seagraves? Ruperts Cousine?«
Viv nickte, während sie beobachteten, wie Cora klar wurde, was geschehen war. Sie riss die Augen weit auf und hob eine Hand vor ihren Mund. Dann rannte sie zu Rupert und hockte sich neben ihn, dicht bei der Toten.
»Rupe! Oh, mein Gott. Ich kann nicht glauben …«
»Das ist alles deine Schuld!«, fuhr er sie an.
Jemand in Eves Nähe rang nach Luft. Sein Ton schockierte sie nicht minder. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt, und seine Lippen waren bleich.
Cora sprang auf und wich zurück. »Was redest du denn?« Ihr stand der Mund offen. Es war seltsam. Für einen Moment wurde sie rot, als hätte er sie geohrfeigt, doch dann wirkte sie konzentriert, als verarbeitete sie irgendeine Information.
Rupert schwieg lange. Er hatte sichtlich Mühe, sich zusammenzureißen. »Du hast Verity gesagt, es wäre leichter, Kram aus dem Fenster zu werfen, statt ihn die Treppe runterzutragen. Gestern, als sie die Teppiche vom Speicher holte.«
Coras Gedanken mussten bei anderem gewesen sein, denn sie brauchte einen Moment, um zu antworten. »Na, ist es doch …«, erwiderte sie schließlich. Dabei klang sie wie ein trotziges Kind, das sich zu Unrecht gescholten fühlt, und schob sogar die Unterlippe vor. Dann holte sie tief Luft und näherte sich erneut ihrem Cousin.
Sein Blick warnte sie, ja nicht näher zu kommen.
»Die Treppen im Haus sind lebensgefährlich, das weißt du doch! Die monströsen Steinstufen vorn sind viel zu hart, wenn man fällt, und der Aufgang hinten ist ganz schmal. Ich werfe immer alles aus dem Fenster. Und ich bin nie auf die Idee gekommen, dass das gefährlich sein könnte.«
»Ich glaube dir nicht, dass du wirklich helfen wolltest, Cora«, erwiderte er. »Es war das einzig Nette, was du zu ihr gesagt hast, seit sie hier ist.«
»Sie hat mich gehasst!«
»Weil du sie wie Dreck behandelt hast!«
Eve hatte schon Interviews geführt, in denen sich Angehörige selbst oder gegenseitig die Schuld am Tod eines nahestehenden Menschen gegeben hatten. Manchmal hatten sie Eve kontaktiert, wenn sie sich wieder beruhigt hatten, und sie gebeten zu vergessen, was sie gehört hatte. Doch ihr Instinkt sagte ihr, dass hier mehr vor sich ging. Rupert konnte Cora nicht im Ernst vorwerfen, dass sie Verity diesen Rat gegeben hatte. Was hatte sie sonst noch getan?
»Beruhigt euch, alle zwei!« Lady Seagrave bewegte sich rasch auf die beiden zu, wobei sie automatisch einen Bogen um das Zelt machte, das noch unter Veritys Beinen lag. Ihr Blick war ausschließlich auf ihren Sohn und dessen Cousine fokussiert; es war offensichtlich, wo ihre Prioritäten lagen. Die wütenden Worte der beiden würden noch wochenlang Gesprächsthema in Saxford St. Peter sein.
Rupert weinte. Cora wollte aufs Neue zu ihm gehen, nun recht entschlossen, doch Lady Seagrave legte eine Hand auf ihren Arm und schüttelte den Kopf.
In diesem Augenblick tauchte Sir Percival Seagrave auf, der zu Verity schaute. »Ich war hinten im Stall«, sagte er. »Dann stimmt es?« Er neigte sich zu der Toten. Tränen glitzerten in seinen Augen, wie Eve auffiel.
Doch sie konnte sich nur kurz auf ihn konzentrieren, bevor ein Team von Sanitätern um das Herrenhaus gelaufen kam. Innerhalb von Sekunden waren sie mit Wiederbelebungsmaßnahmen beschäftigt, obwohl Eve sicher war, dass Pete es bereits versucht haben musste. Sie beobachtete, wie sie schließlich den Kopf schüttelten und mit ihren Bemühungen aufhörten. Danach drängten sie die Dorfbewohner zurück, und einer von ihnen sprach leise mit Rupert. Belinda Seagraves Interesse galt anderem. Als Eve ihrem Blick folgte, sah sie zwei uniformierte Polizisten, einen Mann und eine Frau, die sich schnellen Schrittes dem Unfallort näherten.
»Was ist los?«, fragte sie schroff.
»Unser aufrichtiges Beileid, Lady Seagrave«, sagte der Polizist.
Rupert wandte das tränenüberströmte Gesicht seiner Mutter zu. »Die Sanitäter haben eben erklärt, dass bei unerwarteten Todesfällen grundsätzlich die Polizei informiert wird.«
Belinda Seagrave runzelte die Stirn.
»Es ist unser Job, die genauen Umstände festzustellen, Ma’am«, ergänzte die Polizistin. »Wenn das geschehen ist, können wir den Sanitätern erlauben, mit ihrer Arbeit weiterzumachen.«
»Verstehe.« Lady Seagrave trat auf die Polizisten zu. »Gestatten Sie mir, Ihnen zu erzählen, was genau passiert ist.«
Kurz und knapp erklärte sie, dass Verity ein schweres Zelt vom Dachboden hatte holen und offenbar Zeit und Mühe hatte sparen wollen, indem sie es aus dem Fenster im dritten Stock warf. »Wenn man in einem Haus wie unserem aufwächst, weiß man um die tiefen Fenster und schiere Höhe des Gebäudes. Verity stammte aus anderen Verhältnissen; sie war nicht so vorsichtig, wie sie beim Hinauslehnen hätte sein müssen.«
Die Polizisten wechselten einen Blick.
»Hat jemand ihren Sturz beobachtet?«
In diesem Augenblick riss Dylan Walker sich von seiner Mutter los und lief zu den Polizisten und Lady Seagrave. »Ich hab ein Gesicht am Fenster gesehen. Einer hat sie geschubst!«
»Dylan!« Mrs Walker eilte ihm nach. Und Eve entging nicht, wie sie und Belinda Seagrave einander ansahen. »Sei nicht albern!« Sie zog eine entschuldigende Grimasse in Richtung der Polizisten. »Er denkt sich immerzu Geschichten aus. Tilly Cotton hatte auch rauf zum Fenster geschaut, stimmt’s nicht, Tilly? Und Sie haben niemanden bemerkt.« Ihre Worte ließen keinen Zweifel daran, dass sie dringend diese Version glauben wollte.
Die Verwalterin zögerte. »Nein. Nein, ich glaube nicht. Verity hat das Fenster ausgefüllt, und die Sonne hat alles hinter ihr sehr dunkel gemacht.« Dabei rang Tilly Cotton die Hände, wie Eve feststellte.
»Hat sonst noch jemand Ms Nye fallen gesehen?«, erkundigte sich die Polizistin.
Eve hob die Hand. »Ich, aber ich war weit hinten im Garten. Ich konnte nicht einmal erkennen, wer es war, der stürzte. Und ob noch eine andere Person an dem Fenster war, konnte ich nicht sehen.«
Der Polizist nickte. »Aus welchem Zimmer ist sie gestürzt?«
Alle schauten am Haus nach oben.
»Aus meinem.« Die Geschäftsführerin von Wide Blue Yonder sprach leise, was jedoch kein Zeichen von Selbstbeherrschung war. Ihre Stimme bebte.
»Dürfte ich bitte Ihren Namen erfahren?«
»Jade. Jade Piper.« Sie erklärte ihre Funktion.
Der Officer nickte und zog die Augenbrauen leicht zusammen. »Haben Sie eine Ahnung, warum Ms Nye Ihr Zimmer wählte oder das Zelt aus jenem Fenster werfen wollte?«
Jade Piper verneinte stumm.
Es entstand eine verlegene Pause. »Sie hatten ihr nicht angeboten, Ihr Zimmer zu nutzen?«, hakte der Polizist schließlich nach. »Oder sie begleitet?«
»Nein.«
»Sind alle Räume auf dieser Seite des Hauses bewohnt?«
Lady Seagrave blickte ihn streng an. »Ganz und gar nicht. Wir haben sehr viele Zimmer, und mehrere von ihnen sind noch leer. Verity hätte eines von ihnen benutzen können.«
Jade Piper errötete.
Belinda war jetzt näher bei den Polizisten und sagte etwas, was Eve nicht verstand.
»Natürlich«, antwortete die Polizistin, »das verstehen wir. Ich habe selbst kleine Kinder, und die erzählen auch wilde Geschichten.«
Lady Seagrave schenkte ihr ein kurzes Lächeln, das ihre Augen jedoch nicht erreichte.
»Dennoch«, fuhr der weibliche Officer fort, »haben wir bei Umständen wie diesem ein Standardvorgehen, an das wir uns halten müssen. Sicher verstehen Sie das.«
»Ein Standardvorgehen?«
»Ein örtlicher Detective Inspector wird herkommen müssen.« Die Polizistin lächelte mitfühlend. »Wir sorgen dafür, dass alles so schnell wie möglich geschieht. In der Zwischenzeit schlage ich vor, dass wir die Kontaktdaten von allen aufnehmen, falls wir noch einmal mit jemandem sprechen müssen.«
Belinda Seagraves Miene war sehr umwölkt, als die Polizistin und ihr Kollege die Familie und die Dorfbewohner seitlich um das Haus führten, weit weg von Verity Nyes Leiche. Rasch hatten sie die Besucher in zwei Schlangen aufgeteilt und waren bereit, sich die Namen und Adressen zu notieren.
Beim Warten bemühte Eve sich, mit dem fertig zu werden, was geschehen war. Gedanken an Verity, die zu einem Saal voller ungebärdiger Teenager sprach, wurden vom Anblick ihres zerschmetterten Körpers auf den Steinplatten unterhalb der dunklen Fenster von Seagrave Hall überlagert. Es war undenkbar, dass solch eine menschliche Naturgewalt einfach nicht mehr da war. Konnte es denn sein, dass jemand sie ihrer Zukunft beraubt hatte?
Sie hatte Geheimnisse gehabt, so viel schien sicher zu sein. Und sie hatte darüber gesprochen, wie Teile der Familie geschlossen Front gegen sie machten. »Da werden die Messer gewetzt«, hatte sie gesagt. Was sie vermutlich nicht wörtlich gemeint hatte. Aber die Worte in Kombination mit dem offensichtlichen Anzeichen, dass sowohl Belinda als auch Cora Seagrave sie nicht gemocht hatten, setzten sich unangenehm in Eves Kopf fest.
Und was war mit Dylan Walker? Er mochte klein sein, aber er beharrte darauf, jemanden gesehen zu haben. Würde ihn jemand befragen? Und, falls ja, würden diejenigen ihm genau zuhören und Glauben schenken?
Viv und sie nannten der Polizistin ihre Kontaktdaten und wurden angewiesen, noch ein wenig zu warten, bis ein Detective hier war. Nachdem die Dorfbewohner die Erlaubnis erhalten hatten, zu ihren Ständen zurückzukehren, errichteten die Polizisten eine Behelfsabsperrung um Veritys Leiche, um ihre Privatsphäre zu schützen – so viel die arme Frau davon noch besaß.
Eve war froh, dass ein Detective gerufen worden war. Sie hielt sich für alles offen, doch nach dem, was sie an diesem Vormittag beobachtet hatte, schien eine gründliche Ermittlung angezeigt zu sein. Sie fragte sich, wer gerade Dienst hatte, und hoffte, es war nicht …
»Oh, sieh mal«, unterbrach Viv ihre Gedanken. Sie standen beide unter der Zeder, und Viv blickte zum Herrenhaus. »Es ist dein Freund DI Palmer.«
Eve atmete tief durch. Sie war mehrmals mit dem Mann aneinandergeraten, als sie neu in Saxford gewesen war. Da hatte sie einen Nachruf auf ein Mordopfer geschrieben und unwillkürlich Informationen gesammelt, die fallrelevant gewesen waren. Versehentlich hatte sie dabei Beweise geliefert, die nützlicher waren als alles, was Palmer aufgetan hatte. Derweil hatte er voreilige Schlüsse gezogen, die falschen Verdächtigen verfolgt und war jedes Mal verärgert gewesen, wenn Eve ihm weitergegeben hatte, was sie herausgefunden hatte.
Sie hatte das ungute Gefühl, dass sie auch hier unterschiedlicher Ansicht sein würden – denn Eve konnte nicht umhin zu denken, dass es faszinierend wäre, einen Nachruf auf Verity zu verfassen. Aber es war nicht nur das. Ihre Lebensgeschichte zu erzählen gäbe Eve die Möglichkeit, mehr über ihre Kontakte herauszufinden und darüber, wer ihren Tod gewollt haben könnte. Vielleicht war ihr Sturz ein Unfall gewesen, doch in Eve regten sich Zweifel. Wenn die Polizei ermittelte und sie selbst den Nachruf schrieb, würden Palmer und sie dieselben Leute befragen, was zwangsläufig zu Reibereien führen würde.
Der Detective Inspector begrüßte die Seagraves, wobei er fortwährend ernst nickte, bevor er sich umdrehte, um einige Minuten mit den Uniformierten zu sprechen.
Danach bedeutete er den Dorfbewohnern, sich um ihn zu versammeln. Sir Percival und Lady Seagrave standen gemeinsam mit ihrem Sohn in der Nähe. Ruperts Gesicht war bleich und verzerrt. Die Züge seiner Mutter, die bei Palmers Ankunft wie aus Granit gewirkt hatten, waren ein klein wenig entspannter. Hinter ihr war Cora, die sich ernst mit dem Polizisten unterhielt – einem gut aussehenden jungen Burschen mit dichtem, dunklem Haar.
»Danke, dass Sie gewartet und uns Ihre Kontaktdaten gegeben haben«, sagte Palmer, sowie alle in Hörweite waren. »Ich habe Zugriff auf die Notizen, die meine Kollegen angefertigt haben, als Sie mit Ihnen sprachen, und wie ich es verstanden habe, hatten zwei Erwachsene den Sturz von Ms Nye gesehen, aber niemanden hinter ihr an dem Fenster bemerkt.«
Eve fühlte sich verpflichtet, die Hand zu heben, und sein vernichtender Blick verharrte auf ihr.
»Ah, Ms Mallow. Mir ist schon aufgefallen, dass Sie eine der beiden erwachsenen Personen sind. Welch glücklicher Zufall, dass Sie gerade in die richtige Richtung gesehen hatten.«
Er klang, als glaubte er ihr nicht. Wahrscheinlich dachte er, sie wollte bloß die Aufmerksamkeit auf sich lenken – wie er grundsätzlich anzunehmen schien, dass einzig dieses Bestreben sie antrieb. Tatsächlich zog Eve es vor, das Scheinwerferlicht auf andere zu richten. Sie schaute auf und ertappte Lady Seagrave dabei, wie sie sie kalt und misstrauisch beäugte.
»Um es klarzustellen«, erwiderte Eve, »ich war viel zu weit weg, als dass ich sagen könnte, ob jemand bei Ms Nye oben an …«
»Ja, ja«, fiel Palmer ihr ins Wort. »Steht alles in den Notizen.«
Aber das war es nicht, was er impliziert hatte.
»Tatsache ist, dass die einzige Person, die behauptet, Ms Nye wäre geschubst worden, drei Jahre alt ist und einen Hang hat, die Unwahrheit zu erzählen.« Er blickte zu Mrs Walker. »Wie es Dreijährige natürlich oft tun.«
Die Frau errötete. »Das stimmt, Detective Inspector.«
»Meine Kollegen sind sehr gewissenhaft gewesen«, fuhr er fort, und komischerweise klang es wie Kritik. »Doch es gibt keinen Grund, Sie länger hier festzuhalten. Constable Bygrave wird nun das Büro des Coroners kontaktieren und alles Notwendige arrangieren. Ich glaube, die Familie wäre dankbar, wenn Sie Ihre Stände lassen, wo sie sind, und gehen, damit sie nach dieser schrecklichen Tragödie ein wenig Privatsphäre haben.« Er sah zu Lady Seagrave, die vortrat.
»Das Fest und der Jahrmarkt werden selbstverständlich abgesagt. Tilly wird morgen früh hier sein, um beim Abbau Ihrer Stände zu helfen.« Sie nickte der Verwalterin zu.
Eine reife Frau, die Eve vage bekannt vorkam, hatte eine Hand auf Ruperts Arm gelegt und führte ihn zum Haus.
»Furchtbares Pech«, sagte Palmer zu Sir Percival. »Mein aufrichtiges Beileid.«
Also würde Eve doch nicht mit dem Detective Inspector aneinanderrasseln. Er hatte nicht vor, die Sache näher zu untersuchen. Ihr war allzu bekannt, wie sehr er Anstrengungen und Komplikationen hasste, ganz besonders an einem heißen Tag, und erst recht, wenn die »gehobenen Kreise« ins Spiel kamen. Was Eve umso entschlossener machte, den Nachruf auf Verity zu verfassen. Konnte er sich wirklich einfach abwenden, wenn eine dynamische junge Frau ihr Leben verloren hatte? Sich so sicher sein, dass es ein simpler Unfall war? Eve konnte es nicht.
Viv und sie holten ihre Taschen und gingen langsam um die anderen Stände herum und seitlich am Haus vorbei. Neben ihnen waren andere Dorfbewohner tief ins Gespräch versunken.
Sie kamen an Cora Seagrave vorüber, und es war reiner Zufall, dass Eve kurz stehen blieb, weil jemand vor ihr über einen Gummihammer auf dem Weg stolperte. Eve schaute zur Seite und sah Coras Blick. Er war auf die Stelle gerichtet, an der Verity Nye hinter der Absperrung lag. Eve beobachtete, wie sich Coras Züge entspannten wie die einer Schauspielerin nach ihrem Auftritt. Und dann bogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln.
Viv fuhr sie zurück nach Saxford und setzte sie am Dorfanger ab. Eine Minute später betrat Eve ihr kühles, reetgedecktes Heim aus dem siebzehnten Jahrhundert. Elizabeths Cottage. Dies war ihr kühler Zufluchtsort in einer kleinen Gasse, die zu den Marschen und der Flussmündung führte. Ein Ort, an dem sie durchs Schlafzimmerfenster die Rufe der Brachvögel hören und den Duft des Geißblatts in den Hecken draußen riechen konnte.
Gus, ihr Rauhaardackel, kam durchs Haus herbeigeflitzt, als sie die Vordertür erreichte. Sie bückte sich, um ihn in die Arme zu nehmen. Die Umarmung war nicht ungewöhnlich, deren Intensität hingegen könnte es sein, denn Eve war sehr froh, den Hund zu sehen und wieder in der Normalität verankert zu sein.
»Das war mal ein Tag, Gus!« Sie ging durch in die Küche, die im Landhausstil gehalten war, wenn auch im kleineren Maßstab, und füllte seinen Wassernapf auf. »Wie es aussieht, waren die Geräusche letzte Nacht doch kein Zufall.«
Er schaute sie mit seitlich geneigtem Kopf und sorgenvollem Blick an. Sie beide hatten schlecht geschlafen und waren von einem Geräusch wie Laufschritten in der Gasse geweckt worden.
Eves Cottage hatte eine bewegte Geschichte. Es war nach Elizabeth benannt, die hier in den 1720er-Jahren gewohnt und einen Dienstjungen versteckt hatte, um ihn vor dem Galgen zu bewahren. Er hatte seinem Herrn einen Brotlaib gestohlen, um seinen hungernden Geschwistern Essen zu bringen. Der Legende nach hatte er bibbernd und verängstigt unter diesem Haus gekauert, während in der Gasse draußen bei der Suche nach ihm Zeter und Mordio geschrien wurde. Und die Gasse hieß wegen des Getrampels der Schritte Haunted Lane, die man mitten in der Nacht hörte: das Echo der Männer, die geschickt worden waren, den Jungen zu jagen. Die Dorfbewohner sagten, das Geräusch würde Gefahr ankündigen.
Eve glaubte nicht an Geister, doch Gus und sie hatten schon früher gedacht, die Laufschritte zu hören, und jedes Mal war auf sie Ärger im Dorf gefolgt. Sie hatte versucht, es anders zu erklären, und alles von Unwohlsein bis innere Unrast angeführt, was sich in ihre Träume geschlichen haben könnte. Doch diesmal war es schwierig, eine rationale Erklärung aufzubieten. Sie kannte die Seagraves nicht einmal; was könnte sie veranlasst haben, sich unbewusst Sorgen wegen ihres Besuchs auf dem Anwesen zu machen?
Am Abend saßen Eve und Viv im Garten des Cross Keys an einem Holztisch mit Blick auf eine Rasenfläche, die bis zum Fluss Sax abfiel. Sie beide hatten über ihren Schock reden wollen, schwiegen jetzt aber.
Eve blickte zur brackigen Flussmündung. Die Flut kam, und die Watvögel wurden immer weiter ins Watt gezwungen, um nach Futter zu suchen. Ihre unheimlichen, melancholischen Rufe waren wie ein Echo der heutigen Ereignisse. Ihre Unterhaltung mit Verity Nye und die Worte, die sie aus dem Festzelt gehört hatte, liefen in Endlosschleife hinter Eves Stirn ab.
»Ich kann das Geräusch in meinem Kopf nicht abstellen, wie sie auf dem Boden aufschlug«, sagte Viv.
Eve hatte sich eine dünne Strickjacke angezogen, obwohl es ein warmer Abend war. Seit sie wieder in Saxford war, fror sie. Es hatte eine Weile gedauert, bis diese Reaktion eingesetzt hatte.
Drüben in Seagrave Hall hatte sie sich seltsam benommen und vom Geschehen distanziert gefühlt. Alles um sie herum schien ungewöhnlich lebhaft zu sein und gleichsam in nachgetönten Farben abzulaufen. Geflüsterte Bemerkungen anderer hallten laut in ihren Ohren. Jetzt hingegen war alles wie stummgeschaltet, und Traurigkeit zerrte an ihrem Inneren. Könnte sie doch nur die Zeit zurückdrehen und den schrecklichen Ausgang der Ereignisse ändern!
Gus schien ihre Stimmung bemerkt zu haben. Sowohl er als auch Hetty, die Schnauzerhündin der Pubbesitzer, hatten sich nach der Begrüßung sehr schnell beruhigt, kaum dass Eve in den Garten des Pubs getreten war. Und selbst ihr kurzes Toben hatte angemutet, als gelte es nur, die Form zu wahren. Jetzt lagen sie zusammen wie ein altes Ehepaar.
In diesem Moment näherte sich Jo Falconer – eine der drei Besitzer des Pubs – ihrem Tisch mit zwei beladenen Tellern. »Das hier braucht ihr.« Ihre Stimme war so energisch und leicht schroff wie immer.
Jo war die Chefköchin hier und glaubte wie Viv, dass anständig zubereitetes Essen so gut wie alles kurieren konnte. Zufällig war sie bei Vivs und Eves Ankunft an der Bar gewesen und hatte ihnen gleich erklärt, was sie heute essen würden: Hähnchen-Bacon-Lauch-Pastete mit neuen Kartoffeln. Auch was sie trinken würden, sagte sie ihnen, und so hatten sie beide ein Glas Beaujolais vor sich stehen. (»Nach so einem Tag ist es Quatsch, einen Weißen zu trinken«, hatte Jo gemeint, als wäre es offensichtlich.)
»Danke, Jo.« Viv blickte zu der Wirtin auf. »Ich nehme an, ihr fahrt morgen zurück nach Seagrave Hall, um eure Sachen abzuholen?«
