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Leo Schwartz wird von Ulm ins bayrische Mühldorf a. Inn strafversetzt. Im Kastler Wald von Forstarbeitern in einer Höhle ein Sarg gefunden, in der die Leiche eines alten Mannes liegt. Recherchen bringen die Mühldorfer Kripo-Beamten auf einen verwahrlosten Hof bei Tüßling, dessen Bewohner wie Einsiedler leben. Als feststeht, dass der Tote vom Wald mit dem Gruber Sepp verwandt ist, leistet dieser erbitterten Widerstand...
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Veröffentlichungsjahr: 2016
Inhaltsverzeichnis
Impressum
VORWORT
ANMERKUNG:
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Liebe Leser!
1.
Von der Autorin sind bisher folgende Bücher erschienen:
Über die Autorin Irene Dorfner:
Copyright © Irene Dorfner 2017
4. überarbeitete Auflage Copyright 2021
© Irene Dorfner, Postfach 1128, 84495 Altötting
© Cover und Text: Irene Dorfner
All rights reserved
Lektorat: FTD-Script, Altötting
EarL und Marlies Heidmann, Spalt
Ein Neuanfang ist nicht immer leicht, vor allem nicht, wenn man das Alte vermisst und als Maßstab nimmt. Es treten Probleme und Hindernisse auf, mit denen man nicht gerechnet hat. Oft möchte man alles nur hinwerfen und wieder zurückgehen.
Aber ein Neuanfang kann auch eine Chance sein.
Eine Chance, durch Probleme und Hindernisse dazuzulernen, ungeahnte Wege zu gehen und Menschen zu begegnen, denen wir sonst nie begegnet wären, die unser weiteres Leben beeinflussen und auch lenken können.
Wenn man Neues zulässt und man bereit ist, dazuzulernen und sich mit allem, was uns begegnet, auseinanderzusetzten und daraus das Positive für sich mitzunehmen – dann kann man nur gewinnen.
Ich wünsche ganz viel Spaß beim Lesen des vierten Falles der Leo-Schwartz-Reihe!!
Liebe Grüße aus Altötting
Irene Dorfner
Die Personen und Namen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Der Inhalt des Buches ist reine Fantasie der Autorin. Auch hier sind Ähnlichkeiten rein zufällig. Die Örtlichkeiten wurden den Handlungen angepasst.
…und jetzt geht es auch schon los:
Leo Schwartz hatte sehr schlecht geschlafen, was aber nicht an dem fremden, bequemen Bett der netten Pension im Zentrum von Mühldorf am Inn lag, die er heute Nacht angesteuert hatte. Zu viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Die Fahrt nach Mühldorf war trotz des schlechten Wetters reibungslos und rasch verlaufen. Als er das Ortsschild überquerte, konnte er von seiner neuen Heimat nur wenig erkennen; es war stockdunkel. Er fuhr kreuz und quer durch Mühldorf, bis er schließlich diese Pension entdeckte, für die er sich spontan entschied. Er stieg aus und bemerkte die Stille um ihn herum. Wo war er hier gelandet? Er klingelte an der Nachtglocke und musste nicht lange warten, bis ihm ein freundlicher, älterer Mann wortkarg die Tür öffnete. Leo fragte nach einem freien Zimmer und wurde ohne weitere Formalitäten in den ersten Stock geführt. Er hätte an den Wirt sehr viele Fragen gehabt, die sich während der letzten hundert Kilometer angesammelt hatten, aber die verschob er auf den nächsten Tag. Der Mann schien müde zu sein, denn er gähnte mehrmals.
Leo schloss die Tür. Er war allein in dem fremden Zimmer an einem fremden Ort. Was würde die Zukunft bringen? Würde er sich hier irgendwann ebenso wohlfühlen wie in Ulm? Er glaubte nicht daran, denn Ulm war zu seiner Heimat geworden und die war ganz sicher durch nichts zu ersetzen. Das Zimmer war spärlich, sauber und übersichtlich. Außer einem kleinen Schrank, einem Bett und einem winzigen Bad gab es hier nichts, nicht einmal ein Fernsehgerät. Sollte das nicht eigentlich schon überall Standard sein? Das war ihm jetzt gleichgültig, er war vollkommen fertig. Er verzichtete darauf, seine Sachen auszupacken, zog sich aus und legte sich aufs Bett. Plötzlich war er hellwach. Der gestrige Abend mit seinen Ulmer Freunden und Kollegen ging ihm durch den Kopf. War es richtig gewesen, sich einfach davonzustehlen? War das feige von ihm? Jetzt hatte er ein schlechtes Gewissen und nahm sein Handy. Am liebsten hätte er sich sofort entschuldigt und die Sache richtiggestellt, aber dazu war er zu feige. Vielleicht später.
Mühldorf! Wie würde es hier werden? Wie waren die neuen Kollegen? Er war sehr nervös vor seinem ersten Arbeitstag hier in dem kleinen Ort in Oberbayern, das ihm von einem seiner letzten Fälle nur ansatzweise bekannt war.
Nachdem er zum einen vom schlechten Gewissen geplagt und zum anderen nervös von der neuen Aufgabe sich hin und her wälzte, fiel er endlich in einen unruhigen Schlaf. Mehrmals schreckte er auf und brauchte lange, um zu begreifen, wo er sich befand.
Um 5.15 Uhr entschied er, aufzustehen, trottete ins Bad und stand vor dem Spiegel, vor dem er sich, wie so oft, mit seinen 1,90 m bücken musste. Er erschrak! Er sah um Jahre älter aus. Unrasiert, die kurzen, ergrauten Haare in alle Himmelsrichtung stehend, wirkte er ungepflegt. Dazu hatte er die letzten Tage wenig gegessen und war noch magerer geworden. Nachdem er ausgiebig geduscht und sich angezogen hatte, besah er sich abermals im Spiegel. Geht doch! Sieht doch gar nicht so schlecht aus. Wie immer trug er Jeans, Hemd oder T-Shirt mit dem Aufdruck einer Rockband, seine alte Lederjacke und dazu seine geliebten Cowboystiefel. Er trug dieses Outfit schon seit über dreißig Jahren und war sich sicher, dass er trotz seiner 49 Jahre immer noch viel besser aussah, als viele seiner Altersgenossen.
Auf dem Weg in den Frühstücksraum dachte er darüber nach, dass es nicht üblich war, in seinem Alter nochmals von vorn anzufangen. Hatte er eine andere Wahl? Nein, schließlich hatte er Mist gebaut und musste jetzt die Konsequenzen tragen.
Die freundliche Angestellte im Frühstücksraum riss ihn aus seinen Gedanken. Zum Glück, denn sonst wäre er doch noch in ein tiefes Loch gefallen. So weit kommt es noch! Er bekam hier in Mühldorf eine neue Chance und darüber sollte er sich vielleicht endlich auch mal freuen. Trotz des reichhaltigen Frühstücksangebotes wählte er nur einen starken Kaffee und machte sich dann auf den Weg.
Trotz der gegensätzlichen Ansage seines Navi-Gerätes, das ihn immer mehr nervte, entschied er, wahllos durch Mühldorf zu fahren und sich den Ort etwas genauer anzusehen, schließlich war er viel zu früh dran. Wie würde es aussehen, wenn er an seinem ersten Arbeitstag zwei Stunden zu früh zur Arbeit erschien?
Leo fuhr durch das verschlafene Städtchen, das mehr und mehr zum Leben erwachte. Eigentlich gar nicht mal so schlecht, was er da sah. Trotzdem war er der neuen Heimat gegenüber noch sehr negativ eingestellt. Er beschloss, Mühldorf wenigstens eine Chance zu geben.
Ihm war mulmig zumute, als er schließlich dem Drängen des Navi-Gerätes nachgab und die Polizeiinspektion Mühldorf nun ohne weitere Umwege ansteuerte. Er parkte seinen Wagen vor dem beeindruckenden Gebäude, stieg aus und zögerte einen Moment. Er atmete mehrmals tief durch, bevor er entschlossen auf den Eingang zuging und sich dabei immer wieder gut zuredete. Wie würden ihn die Kollegen und vor allem der neue Vorgesetzte aufnehmen? Schließlich brachte er durch den letzten Vorfall in Ulm, durch den er strafversetzt und rangmäßig zurückgestuft wurde, nicht gerade die besten Referenzen mit. Zudem war er nicht von hier aus der Gegend, noch nicht einmal aus Bayern. Kam er mit dem hiesigen Dialekt zurecht? Und wie würden die Menschen mit ihm umgehen, denn sein schwäbischer Dialekt war nicht zu verbergen? Er wischte die Bedenken beiseite und wies sich dem Mann am Empfang aus. Der begrüßte ihn monoton und beschrieb ihm den Weg in bayrischem Dialekt. Leo hatte kein Wort verstanden. Das ging ja schon gut los! Er nickte trotzdem und fragte sich durch, bis er schließlich an der Tür des Polizeichefs stand, auf dem der Name KROHMER stand. Noch einmal atmete er tief durch und klopfte. Statt einer Aufforderung, einzutreten, wurde ihm persönlich geöffnet.
„Sie wünschen?“, fragte der Mann freundlich, was Leo nun sehr überraschte, denn die Personen, denen er bisher begegnete, waren ihm gegenüber sehr knapp angebunden, um nicht zu sagen ruppig.
„Leo Schwartz. Ich suche einen Herrn Krohmer.“
„Rudolf Krohmer persönlich und in voller Pracht. Treten Sie ein Herr Schwartz, ich habe Sie noch nicht so früh erwartet. Arbeitsbeginn bei der Kripo ist um 8.00 Uhr, Sie sind eine halbe Stunde zu früh.“
Rudolf Krohmer war 58 Jahre alt, schlank, und auf den ersten Blick schien er sehr freundlich zu sein. Ganz im Gegensatz zu Leos Vorgesetzten in Ulm, der meist mürrisch und sehr kurz angebunden war; trotzdem vermisste er ihn.
„Ich wollte mich vor Arbeitsantritt in Mühldorf noch etwas umsehen und bin herumgefahren.“
„Ja, warum auch nicht. Kommen Sie bitte in mein Büro,“ sagte Krohmer und sah dabei auf die Uhr. „Wie war die Fahrt?“
„Einigermaßen.“
„Sie haben vorerst eine Unterkunft gefunden? Wir können Ihnen gerne dabei behilflich sein.“
„Ich bin versorgt, machen Sie sich um mich keine Sorgen.“
„Wollen wir offen sprechen, Herr Schwartz. Wie Sie sich vorstellen können, hat mich Ihre Geschichte überrascht. Normalerweise finden Sie damit keinen vernünftigen Job mehr, vor allem nicht bei einer Mordkommission. Ihr vorheriger Chef Herr Zeitler hat mich bekniet, Ihnen eine Chance zu geben. Ich halte sehr viel von Zeitler. Wenn er Sie empfiehlt und sich für Sie einsetzt, müssen Sie etwas auf dem Kasten haben. Trotzdem möchte ich einiges klarstellen: Bei uns wird sauber gearbeitet. Ich dulde keine Spielchen und keine Alleingänge. Haben wir uns verstanden?“
„Ja.“ Leo war erschrocken. Zum einen von Krohmers direkten Art und zum anderen von der Tatsache, dass sich Zeitler so stark für ihn eingesetzt hatte.
„Und jetzt: Schwamm drüber! Ihre Vorgeschichte ist für mich geklärt und ab jetzt schauen Sie bitte nur noch nach vorn. Gibt es noch Fragen?“
„Vorerst nicht.“
„Ich hätte ihnen gerne persönlich alles gezeigt und Sie den Kollegen vorgestellt, aber leider habe ich wegen eines auswärtigen Termins keine Zeit mehr für Sie. Meine Sekretärin wird sich um Sie kümmern. Frau Gutbrod?“, rief er in das Nebenzimmer, worauf umgehend eine 60-Jährige, sehr schlanke und für Leos Begriffe für ihr Alter zu modisch gekleidete Frau mit üppigem Schmuck und einem Ungetüm an Frisur ins Zimmer trat.
„Sie wünschen, Chef?“
„Das hier ist Herr Schwartz, unser neuer Mitarbeiter bei der Mordkommission. Zeigen Sie ihm bitte alles. Vor allem braucht er seinen Dienstausweis, das Dienst-Handy und natürlich seine Dienstwaffe.“
„Natürlich, es ist mir ein Vergnügen,“ rief Frau Gutbrod viel zu laut und zu schrill. Sie hatte die Akte des neuen Mitarbeiters bereits eingehend studiert und wusste Bescheid. „Ich bin Hilde Gutbrod, die Sekretärin und gute Seele des Präsidiums. Ich habe Sie bereits schon auf dem Parkplatz gesehen, als ich zufällig aus dem Fenster gesehen habe. Wie ich an Ihrem Nummernschild ersehen konnte, kommen Sie aus Ulm? Eine herrliche Stadt, da war ich auch schon, das ist aber Jahre her. Herzlich willkommen bei uns! Was wollen Sie zuerst sehen, Herr Schwartz? Ach wissen Sie was, kommen Sie doch einfach mit. Wenn Sie Fragen haben, dann keine Hemmungen.“
Leo war sofort klar, mit wem er es zu tun hatte: Frau Gutbrod wusste alles, kannte jeden, war sehr geschwätzig, tratschte gerne, und war mit Sicherheit überaus neugierig. Eine Person, mit der er sich gutstellen musste. Er hatte bereits die Erfahrung gemacht, dass diese Menschen auch unangenehm werden können, vor allem, wenn man sie als Gegner hatte. Aber sie war freundlich und er verstand sie trotz ihres bayrischen Dialektes sehr gut. Frau Gutbrod zeigte ihm das ganze Gebäude und sämtliche Abteilungen, und er wurde jedem einzelnen Kollegen und jeder einzelnen Kollegin vorgestellt. Leo bemühte sich, sich die Namen zu merken, gab aber irgendwann auf, denn das war nicht möglich. Der Polizeiapparat entpuppte sich als sehr umfangreich. Leider dachte er erst jetzt darüber nach, dass es vielleicht intelligent gewesen wäre, sich vorab über die hiesige Polizei zu informieren. Das hatte er leider versäumt, da die Versetzung hierher sehr kurzfristig kam und er in Ulm die letzten Tage noch sehr viel zu tun hatte. Aber das waren nur Ausflüchte und Entschuldigungen, die eigentlich nicht galten, denn die Informationen über die hiesige Polizei, sprich seinen neuen Arbeitgeber, hätten keine Stunde gedauert und diese Zeit hätte er investieren müssen. Jetzt schämte er sich dafür und während Frau Gutbrod weiter auf ihn einplapperte, entschied er, ihr nicht mehr zuzuhören. Er sagte nichts mehr und sie schien mit einem gelegentlichen Nicken oder Lächeln durchaus zufrieden. Stattdessen dachte er mit Wehmut an seine Arbeitsstelle in Ulm und an die Freunde und Kollegen, die er schmerzlich vermisste. Wie sie über ihn dachten, wie er gestern von der Abschiedsfeier einfach abgehauen war? Er hoffte, dass sie ihn irgendwie verstehen und vergeben konnten. Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, denn nun bekam er seine Dienstwaffe, sein Handy und auch seinen Ausweis ausgehändigt, was alles bereits für ihn hinterlegt wurde und er nur noch quittieren musste.
„Und hier sind wir schlussendlich in Ihrer neuen Wirkungsstätte angekommen. Das sind Ihre neuen Kollegen der Kripo: Leute, bitte alle herhören!“, rief sie in das nun letzte Büro, in das er von Hilde Gutbrod geführt wurde und in dem drei Personen anwesend waren. „Das hier ist der Neue aus Ulm, sein Name ist Leo Schwartz und ich habe ihm bereits alles gezeigt. Sein Handwerkszeug hat er auch schon bekommen.“
Leo begrüßte die Kollegen per Handschlag, während Hilde Gutbrod das Büro mit einem lauten Gruß verließ. Sie musste schnellstmöglich mehr Informationen über den neuen Kollegen rauskriegen. Dieser Mann war ganz bestimmt nicht liiert und überaus interessant für ihre Nichte Karin, die 42 Jahre alt war und bis jetzt noch keinen passenden Mann gefunden hatte. Leo Schwartz wäre für Karin geradezu genial! Sie müsste ihm allerdings diesen schrecklichen Kleidungsstil abgewöhnen, aber das würde das kleinste Problem werden.
„Guten Morgen Herr Schwartz. Mein Name ist Hans Hiebler, willkommen in Mühldorf.“ Der 52-jährige, 1,80 Meter große, sportliche, überaus attraktive und gepflegte Mann lächelte ihn freundlich an. Dieser Mann war ihm sofort sympathisch.
„Vielen Dank, sehr freundlich.“
„Werner Grössert,“ stellte sich der nächste Kollege knapp vor. Grössert war 38 Jahre alt, 1,75 m groß, hatte kurze, braune Haare und war sehr gut gekleidet: dunkler Anzug, weißes Hemd, dezente Krawatte und saubere, glänzende Schuhe; alles sicher sehr teuer.
„Dann sind Sie der Leiter des Teams?“
„Nein, das bin ich, Viktoria Untermaier mein Name. Ich hoffe, Sie haben keine Probleme mit einer Frau als Chefin.“
Die 47-jährige, 1,65 m große, mollige, hübsche Frau drückte ihm fest die Hand.
„Entschuldigen Sie, ich dachte…“
„Ja, das denken viele. Der Kollege Grössert sieht überaus seriös aus, aber die Optik kann auch täuschen. Auch ich heiße Sie natürlich herzlich willkommen in unserem Team und hoffe, dass wir alle gut zurechtkommen. Das dort ist Ihr Schreibtisch.“
„Vielen Dank.“
Leo hätte im Erdboden versinken können. Er hatte sich tatsächlich wieder einmal vom Äußeren blenden lassen und sah dabei ziemlich blöd aus. Seine Vorgesetzte Viktoria Untermaier ging aber nicht weiter darauf ein und Leo betete, dass sie das nicht zu ernst nahm und er nicht gleich mit seiner ersten Bemerkung bei ihr verspielt hatte. Oder schlimmer noch, dass sie ihn für dumm und oberflächlich hielt. Egal, bei passender Gelegenheit würde er nochmal mit ihr reden oder sonst irgendwie die Sache wieder hinbiegen.
Leo setzte sich an seinen neuen Arbeitsplatz und sah sich den großen, modernen Schreibtisch genauer, der nicht nur mit einem modernen PC mit einem für seine Begriffe riesigen Bildschirm ausgestattet war, sondern auch die Schubladen waren ordentlich und sauber mit allem gefüllt, was man brauchte. Ganz im Gegensatz zu seinem alten Schreibtisch in Ulm, auf und in dem stets Chaos herrschte.
Er fand eine Akte in einem der drei Ablagefächer auf seinem Schreibtisch vor und nahm sie zur Hand, was Frau Untermaier wohlwollend registrierte.
„Ich möchte hier gleich etwas klarstellen, damit kein Getratsche aufkommt,“ sagte Frau Untermaier laut. „Uns ist bekannt, dass Sie hierher strafversetzt wurden Herr Schwartz, obwohl das im Amtsdeutsch natürlich anders formuliert wird. Ich möchte nicht wissen, was der Grund dafür war und auch die Kollegen hier hat das nicht zu interessieren. Hier spielt Ihr Vorleben und Ihre vorherige Karriere überhaupt keine Rolle. Ich erwarte von Ihnen hier bei uns absolut professionelle und saubere Team-Arbeit, was bedeutet, dass wir alles miteinander absprechen und abstimmen. Keine Alleingänge und keine illegalen Geschichten. Haben wir uns verstanden?“
Leo nickte. Natürlich war er einverstanden. Frau Untermaier war also ebenfalls informiert und hielt ihm dieselbe Standpauke wie Krohmer. Absolut verständlich bei seiner Vorgeschichte. Er musste zugeben, dass sich die kleine Frau Untermaier durchaus behaupten konnte. Die Herren Hiebler und Grössert nickten nur. Wussten auch sie davon? Aber wie kämen sie an die Informationen aus seiner Personalakte?
„Gut, dann wäre das geklärt. Ich möchte Sie bitten, die Akte, die Sie in Händen halten, genau zu studieren. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte an die Kollegen oder an mich. Kurz noch zum organisatorischen Ablauf: Die Kaffeemaschine steht hier hinten im Eck. Derjenige, der die letzte Tasse nimmt, setzt umgehend neuen auf, was meine Person selbstverständlich einschließt. Ich werde ungemütlich, wenn ich keinen Kaffee habe. In der Kantine finden Sie rund um die Uhr etwas zu essen und Getränke, aber das hat Ihnen Frau Gutbrod bestimmt alles gezeigt und mitgeteilt.“
„Ja, das hat sie.“
„Na dann hätten wir alles soweit geklärt!“
Leo entschied, sich einen Kaffee zu holen und sich an die Arbeit zu machen. Ganz so schlimm wie befürchtet war das doch bisher nicht gelaufen. Er spürte, dass die Kollegen ihm gegenüber etwas verschlossen und einsilbig waren. Aber er war zuversichtlich, dass sich das Klima hier in den nächsten Tagen deutlich verbessern würde. Er setzte sich wieder an den Schreibtisch, trank einen Schluck Kaffee und sah sich seine Kollegen verstohlen genauer an. Hiebler war ganz bestimmt ein lockerer Typ, der würde kein Problem werden. Aber diese Untermaier und vor allem Grössert waren schwierigere Typen. Das wird schon werden!
Leo schlug die Akte auf, las sie ausführlich und verschluckte sich beinahe an seinem Kaffee, denn der Inhalt schockierte ihn. Es ging um den verschwunden 30-jährigen Alexander Binder, sein Vorgänger hier bei der Kripo.
„Soll das heißen, dass mein Vorgänger verschwunden ist?“
Leo stellte die Frage einfach in den Raum. Bisher war es absolut still, beinahe unheimlich gewesen, wobei Leo sich sehr unwohl gefühlt hatte. Und nun starrten ihn alle an.
„Richtig, es geht um Ihren Vorgänger Binder. Wir dachten, wir lassen Sie mal drüber schauen, vielleicht finden Sie etwas, was wir übersehen haben. Ihnen eilt ein gewisser Ruf voraus, den wir gerne für unseren verschwundenen Kollegen nutzen würden.“
Also hatten sich die Kollegen doch über ihn informiert und wussten Bescheid! Leo war nicht sauer, er hätte das genauso gehandhabt. Hans Hiebler hatte Leos Überraschung bezüglich des verschwundenen Kollegen sofort bemerkt, holte sich einen Stuhl und setzte sich zu ihm, was Leo sehr angenehm war.
„Genau vor 12 Wochen verschwand Alex, einfach so. Natürlich haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt und haben ihn gesucht, fanden aber nicht die kleinste Spur. Er war begeisterter Radfahrer und war an dem Tag seines Verschwindens nach Aussagen seiner Verlobten auf eine Radtour Richtung Burghausen aufgebrochen. Mehrere Passanten haben ihn unterwegs gesehen, aber auf Höhe Kastl verliert sich seine Spur. Wir sind alle Wege mehrmals abgefahren, haben Spürhunde eingesetzt. Nichts, nicht der kleinste Hinweis. Auch nicht von dem Rad, das mehrere Tausend Euro wert ist. Auch aus dem privaten Umfeld des Kollegen gibt es nicht den kleinsten Hinweis darauf, dass er die Schnauze voll gehabt hatte und aussteigen wollte. Im Gegenteil, er stand kurz vor der Hochzeit mit einer reizenden, vermögenden Frau. Aber sehen Sie sich die Unterlagen unvoreingenommen in aller Ruhe nochmals durch, vielleicht finden Sie ja etwas.“
Hiebler lächelte ihn aufmunternd an und ging wieder an seinen Schreibtisch. Leo suchte sich aus dem Internet die Karte des Kastler Forstes und verglich sie mit dem Gebiet, das von der Polizei durchsucht wurde. Nur in diesem Teil wurde nach Binder gesucht. Warum? Er verglich den Wald mehrmals und musste feststellen, dass der Kastler Forst riesig war. Es wäre unmöglich gewesen, den ganzen Wald zu durchsuchen. Leo kopierte einige Waldstücke aus der Karte und zeichnete die Radwege ein. Binder könnte auf mehreren Strecken nach Burghausen gefahren sein. Er rief den Förster des Kastler Forstes an und erkundigte sich, ob in dem fraglichen Zeitraum irgendwelche Abschnitte gesperrt waren.
„Wegen Forstarbeiten waren zwei Abschnitte gesperrt,“ sagte der Förster und gab ihm die Koordinaten durch, die Leo sofort in seine selbstgebastelte Karte einzeichnete.
„Wäre es möglich gewesen, diese Abschnitte trotzdem mit einem Fahrrad zu befahren?“
„Erlaubt ist das nicht, aber daran hält sich keiner. Wenn man die Wege nicht befahren kann, dann gehen Passanten eben durch den Wald, Verbote interessieren da nicht. Auch über die Gefahren macht sich kaum jemand Gedanken. Ich habe längst aufgehört, mich darüber aufzuregen. Die Wege werden jeweils ordentlich abgesperrt. Falls doch etwas passiert, stehen wir nicht in der Haftung.“
„Wurde im Wald ein Fahrrad gefunden?“
„Geht es immer noch um den verschwundenen Polizisten?“
„Genau.“
„Es wurden drei Fahrräder gefunden, das Ihres Kollegen war nicht dabei. Die, die wir fanden, sind mindestens dreißig Jahre alt.“
Leo rief nun alle Zeugen an, die sich im Zusammenhang mit dem Verschwinden Binders gemeldet hatten. Er zeichnete die Angaben in seine Karte. Nun gab es nur noch die Eltern und die Verlobte. Er zögerte. Sollte er auch sie anrufen? Bislang hatten ihn die Kollegen nicht zurückgehalten; er wählte die erste Nummer. Die Eltern hatten keine neuen Informationen, trotzdem stellte Leo seine Fragen wieder und wieder. Das Gespräch mit der Verlobten war sehr schwierig. Sie weinte sofort, als sie begriff, dass er sich für das Verschwinden ihres Verlobten interessierte. Freimütig gab sie Auskunft. Und auch ihre Angaben übertrug er in seinen Plan.
Leo sah sich lange seinen Plan an, der über und über markiert und vollgekritzelt war. Scheinbar wahllos waren Strecken, Kreuze und verschiedene Uhrzeiten vermerkt. Die anderen hatten ihn beobachtet und dabei zugesehen, wie sich der ordentliche, saubere Schreibtisch innerhalb kürzester Zeit in ein Chaos verwandelte. Was machte der Neue?
„Kommen Sie bitte,“ sagte Leo schließlich, nachdem er für sich ein Resümee gezogen hatte. Die Kollegen blickten auf die stümperhaft gestückelte Karte, auf der der Kastler Forst kaum mehr zu erkennen war. Was sollte das? „Das ist eine Karte des Kastler Forsts. In diese Karte habe ich die teilweise widersprüchlichen Aussagen der Zeugen, der Familie und der Verlobten eingetragen. Ich für meinen Teil gehe davon aus, dass Binder hier,“ und dabei zog er mit Leuchtstift einen Kreis, „verschwunden sein muss. Das Gebiet, das durchsucht wurde, überschneidet sich nur in diesem kleinen Bereich. Offensichtlich hat man sich zu sehr auf die Aussage eines Zeugen verlassen und hat sich auf dieses Gebiet konzentriert. Nimmt man aber die anderen Aussagen, auch die des Försters und der Familie, wozu ich auch die Verlobte zähle, muss Binder hier verschwunden sein.“
Viktoria war sauer. Sie hatte die Durchsuchung des Waldgebietes angeordnet. Lag sie damit falsch?
„Der Zeuge Eberling war sich sicher, dass er Binder dort gesehen hat. Dagegen schienen sich die anderen nicht so sicher,“ versuchte sie sich zu verteidigen.
„Das soll kein Vorwurf sein Frau Untermaier,“ sagte Leo. „Ich nehme an, ich sollte mir die Akte unvoreingenommen vornehmen, sozusagen als Außenstehender, das habe ich getan. Ich habe mit allen Zeugen gesprochen und mir Gedanken gemacht. Und das ist mein Ergebnis, das nicht unbedingt richtig sein muss.“
Werner und Hans waren skeptisch. Auch sie hatten mit allen Zeugen gesprochen und hatten sich wieder und wieder mit dem Verschwinden Binders beschäftigt. Konnte es sein, dass sie im falschen Gebiet gesucht hatten?
Es klopfte und Hilde Gutbrod trat mit einem Mann ins Büro.
„Leute, hier ist ein Herr Schuster aus Kastl. Herr Schuster, die Kollegen hier werden sich um Sie kümmern.“
„Bitte treten Sie ein und setzen Sie sich. Was können wir für Sie tun?“ Viktoria Untermaier war sofort aufgesprungen, denn wenn eine Person zu ihnen gebracht wurde, war es sehr ernst. Der 58-jährige Horst Schuster trug Arbeitskleidung und hielt seinen Hut in der Hand. Er war schüchtern und augenscheinlich sehr nervös.
„Bei Waldarbeiten im Kastler Forst haben wir in einer Höhle einen Sarg gefunden. Ich war schon bei der Polizei in Altötting, aber die haben gesagt, dass sie nicht zuständig sind und haben mich hier hergeschickt. Bitte kommen Sie mit und sehen Sie sich das an. Wir haben nicht in den Sarg reingeguckt. Aber wir sind sicher, dass da einer drin liegt.“ Er sprach sehr leise, bemühte sich, hochdeutsch zu sprechen, was aber gründlich in die Hosen ging. Leo als Schwabe hatte trotzdem alles verstanden. Er stand neben Horst Schuster, ebenso wie die anderen beiden Kollegen und alle hörten fassungslos zu.
„Sie haben also einen Sarg mitten im Wald gefunden. Soweit habe ich Sie richtig verstanden?“ Leo hakte nach. Hatte er sich nicht erst in den letzten Stunden mit diesem Kastler Forst beschäftigt? Und jetzt das!
Der Mann nickte.
„Wie kommen Sie darauf, dass in dem Sarg einer drin liegt?“
„Die Kerzen und die Blumen drum herum. Da liegt bestimmt einer drin. Wer macht sich sonst solche Mühe. Sie müssen sich das ansehen.“
„Natürlich sehen wir uns das an. Wo ist der Fundort?“
„Deshalb habe ich nicht angerufen und bin persönlich hier, um Sie hinzuführen. Von alleine finden Sie dort niemals hin. Das ist mitten im Wald, wenn man sich dort nicht auskennt, kann das in die Hosen gehen.“
„Das kann ich mir denken. Im Kastler Forst kann man sich weiß Gott verlaufen. Gut. Herr Schwartz, Sie fahren mit Hiebler. Herr Schuster, Sie fahren mit mir – Grössert, Sie bleiben hier. Informieren Sie die Spurensicherung, die sollen sich uns unverzüglich anschließen.“
Nach zehn Minuten ging es los, sie fuhren im Konvoi. Leo sah seinen neuen Wirkungskreis bei Tageslicht. Sie fuhren durch Weiding und die nächste Ortschaft Teising; von beiden hatte er noch nie gehört. Die Wallfahrtsstadt Altötting, die er von einem früheren Fall ziemlich gut kannte, ließen sie nach wenigen Kilometern rechts liegen. Die ländliche Gegend zog sich. Sie bogen von der Bundesstraße Richtung Burghausen/Burgkirchen ab.
„Wie weit ist es denn noch? Wie heißt der Ort noch gleich?“
„Kastl heißt der Ort. Ein kleines 2000 Seelen-Dorf, das in den letzten Jahrzehnten aufgrund der Industriewerke stark gewachsen ist. Keine Sorge, wir haben es gleich geschafft.“ Hans Hiebler musste schmunzeln. Ihm war der Neue sympathisch. Er spürte, dass es mit ihm keine Probleme geben würde, seine Menschenkenntnis hatte ihn noch nie getäuscht. Während der Fahrt hatte der Neue staunend aus dem Fenster gesehen und hatte sich die Umgebung angesehen. Ja, Hans Hiebler war hier geboren und aufgewachsen. Er liebte seine Heimat und würde niemals freiwillig von hier weggehen. Warum auch? Was hatte dieser Schwartz angestellt, dass er nach Mühldorf versetzt wurde? Er würde es herausfinden.
Hans nahm die zweite Abfahrt. Sie fuhren durch den kleinen Ort Kastl Richtung Bahnhof und bogen nach diesem links ab unter einer Bahnbrücke durch und waren nun direkt im Wald. Leo versuchte, sich den Weg zu merken. Er konnte nach dem Bahnhof, vorbei an einem Besucher-Parkplatz zu Beginn des Waldes auch noch prima folgen, denn sein Orientierungssinn war grundsätzlich hervorragend und er hatte auch noch die Karte im Hinterkopf. Aber nach einigen Abzweigungen mitten im Wald sah für ihn alles gleich aus.
Endlich hatten sie die Stelle erreicht, bei der fünf Waldarbeiter warteten. Sie stiegen allesamt aus, begrüßten sich kurz und die Polizisten zogen Gummistiefel an, die im Kofferraum der Fahrzeuge verstaut waren. Natürlich hatte Leo keine dieser Stiefel dabei und sah ziemlich dumm aus der Wäsche.
„Denken Sie sich nichts Herr Schwartz. Ihren alten Stiefeln wird der Dreck nicht schaden, die sind eh schon ziemlich hinüber,“ bemerkte Viktoria Untermaier. Leo besah sich verwundert seine Stiefel. Was soll mit denen sein? Die sind doch noch keine fünf Jahre alt und noch völlig in Ordnung.
Sie folgten Horst Schuster, der ungeduldig gewartet hatte und nun die Polizisten an die betreffende Stelle führte. Sie stiegen über Äste und Büsche immer tiefer in den Wald, bis sie schließlich an eine Stelle kamen, an der Horst Schuster lange Äste und Büsche zur Seite hob und somit den Eingang zu einer Art Höhle freigab.
„Dort drin ist es,“ sagte er knapp, wobei er keine Anstalten machte, mit in die Höhle zu gehen.
„Eine Höhle?“ Leo wunderte sich. „Hab ich da etwas nicht mitbekommen? Ich dachte, der Sarg steht mitten im Wald.“
„Wundert mich auch,“ sagte Hans und ging voran.
Die Polizisten zogen die Köpfe ein, schalteten ihre Taschenlampen ein und gingen vorsichtig hinein, wobei Viktoria Untermaier voranging. Die Frau war wirklich taff. Der Weg war schmal, niedrig, aber einigermaßen sauber. Keine Äste, Wurzeln oder Ähnliches erschwerte ihnen das Gehen. Nach einigen Metern geradeaus ging ein Seitenweg nach rechts weg und dort stand tatsächlich ein Sarg. Der sah wirklich nicht so aus, als würde er da schon lange vergessen stehen, denn der Deckel war absolut sauber und davor stand eine brennende Kerze sowie eine Vase gefüllt mit Wasser und einigen frischen Rosen.
„Das gibt es doch nicht, wer macht denn so was? Raustragen und Aufmachen!“
„Stopp! Lassen Sie sofort den Sarg stehen! Er bleibt hier, bis alle Spuren gesichert sind,“ rief eine Stimme vom Eingang des Tunnels, die dem Leiter der Spurensicherung Mühldorf, Friedrich Fuchs, gehörte. „Und jetzt: Alle raus hier!“
„Der schon wieder,“ stöhnte Viktoria Untermaier. Immer wieder geriet sie mit Fuchs aneinander; die beiden mochten sich nicht. „Gehen wir raus und überlassen Fuchs das Feld, bevor der wieder völlig ausflippt.“
Als sie wieder im Freien waren, stand ein kleinerer, hagerer Mann vor Leo. Der wurde ihm bei dem Rundgang mit Frau Gutbrod ganz sicher nicht vorgestellt, an ihn würde er sich erinnern.
„Leo Schwartz, ich bin der Neue,“ stellte sich Leo vor und reichte ihm die Hand.
„Fuchs,“ sagte er Mann nur und ignorierte die dargereichte Hand. So eine Freundlichkeit war er nicht gewöhnt. Ohne ein weiteres Wort ging er an Leo vorbei. Allen anderen war die Situation sehr peinlich.
„Denken Sie sich nichts dabei,“ sagte Hans schmunzelnd zu Leo. „Fuchs kennt nur seine Arbeit und behandelt jeden so.“
Leo war vor der Unfreundlichkeit des Mannes erschrocken, bisher hatte er mit seinen Kollegen immer ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt. Friedrich Fuchs war noch keine 40 Jahre alt, sah aber viel älter aus. Er legte großen Wert darauf, dass er und seine Arbeit sehr ernst genommen wurden, was bei dem Aussehen, der geringen Körpergröße, Mangel an Humor und vor allem dem hektischen Wesen äußerst schwierig war.
Fuchs war mit zwei Kollegen in der Höhle verschwunden, was Hans Hiebler so kommentierte:
„Der Fuchs ist in seinem Bau verschwunden.“ Von allen Umstehenden wurde dieser Kommentar mit brüllendem Gelächter aufgenommen. Auch Viktoria Untermaier musste lachen, drehte sich dabei aber zur Seite, denn es war ihr peinlich, dass sie über einen Kollegen lachen musste. Nach einer Stunde langen Wartens tauchte Fuchs endlich wieder auf, worauf abermals großes Gelächter ausbrach, was von Fuchs mit unverständigem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen wurde. Zwei seiner Kollegen brachten den Sarg nach draußen, was schwierig und kräftezehrend war. Hier im Tageslicht betrachtet konnte man sehen, dass dieser Sarg absolut stümperhaft war.
„Um Gottes Willen, wie sieht denn der Sarg aus? Hat den jemand zuhause in Heimarbeit geklöppelt? Das sind ja nur zusammengenagelte Bretter.“ Nicht nur Hans war geschockt, auch die anderen konnten jetzt diesen primitiven Sarg genauer in Augenschein nehmen. In dem dunklen Loch hatte er nicht so schlecht ausgesehen, aber hier bei Tageslicht war er der Hammer.
„Aufmachen.“ Die Anweisung der Kollegin Untermaier war kurz und bündig. Hiebler und Leo machten sich umgehend an die Arbeit, entfernten die Schrauben und schoben den Deckel zur Seite. Dabei wurden sie ununterbrochen von Fuchs aus nächster Nähe beobachtet, der kein Detail übersehen wollte und seinerseits immer wieder Anweisungen gab, was aber niemanden interessierte. Eigentlich wäre das Öffnen seine Arbeit gewesen, darauf machte er Frau Untermaier immer wieder aufmerksam. Aber durch das Warten hier draußen fror sie erbärmlich und dieser Fuchs war ein penibler Mann, das Öffnen hätte wahrscheinlich ewig gedauert. Deshalb hatte sie spontan und der Einfachheit halber entschieden, dass Hiebler und Schwartz diese Aufgabe übernehmen sollten. Was interessierte sie, ob das die Arbeit der Spurensicherung war? Wenn Fuchs sich übergangen fühlte, sollte er sich eben beschweren.
Der Deckel war nun vollständig entfernt worden und gab tatsächlich eine Leiche frei. Es handelte sich um einen ca. 70-jährigen Mann in einem schäbigen, dunklen Anzug, dem ein Rosenkranz in die Hände gelegt wurde. Er lag auf einer hellen Decke, unter dem Kopf war ein Daunenkissen, das schon bessere Tage gesehen hatte, denn es war fleckig und speckig. Allen war sofort klar, dass hier jemand die Beerdigungskosten sparen wollte. Der Mann wurde auf kostengünstigste Weise entsorgt.
„Keiner fasst etwas an,“ rief Friedrich Fuchs und bäumte sich vor Viktoria Untermaier auf. Viktoria wurde stinksauer, sie hatte genug von dem Typen, der sich hier künstlich aufspielte und eine Unruhe reinbrachte, die sie überhaupt nicht leiden konnte.
„Halten Sie die Klappe Fuchs! Ich leite hier die Ermittlungen und mir ist durchaus klar, was ich anfassen darf, und was nicht. Ich sehe mir die Leiche in Ruhe an und wenn Sie mit Ihrer Arbeit dran sind, werde ich Sie rechtzeitig informieren. Haben wir uns verstanden?“
Die Polizisten besahen sich die Leiche und den Sarg, wobei ihnen Fuchs immer über die Schulter sah.
„Der ist noch ziemlich gut erhalten,“ sagte Leo, „man kann das Gesicht gut erkennen. Es dürfte nicht schwer sein, herauszufinden, um wen es sich handelt. Schwer zu sagen, wie lange er schon tot ist. Die Kälte der Höhle dürfte den Verwesungsprozess hinausgezögert haben. Äußerlich kann ich auf den ersten Blick keine Gewalteinwirkung feststellen.“
„Was nichts heißen soll. Fuchs! Die Leiche und der Sarg gehören Ihnen. Vergessen Sie die Taschen des Anzuges nicht. Den Bericht möchte ich natürlich so schnell wie möglich auf meinem Tisch.“
Friedrich Fuchs war hocherfreut, endlich loslegen zu können, er liebte seinen Job über alles. Er gab lautstark und unfreundlich Anweisungen. Mit ihm zu arbeiten war bestimmt kein Vergnügen. Trotzdem riss man sich um einen Platz in seinem Team, denn Fuchs hatte fachlich gesehen einen sehr guten Ruf. Ein Empfehlungsschreiben von Fuchs würde viele Türen öffnen.
Alle hatten einen verstohlenen, faszinierten und neugierigen Blick in den Sarg geworfen.
„Kennt jemand den Toten?
