Der Traum des Richters - Carlos Gamerro - E-Book

Der Traum des Richters E-Book

Carlos Gamerro

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Beschreibung

Eines Morgens lässt Urbano Pedernera, früherer Militärkommandant und mittlerweile Richter in Malihuel, den Gaucho Rosendo Villalba verhaften, weil dieser ihn in seinen Träumen zutiefst beleidigt hatte. Erst sorgenvoll, dann leidenschaftlich träumt er Nacht für Nacht von den Verbrechen, die die Bewohner des Dorfes an der argentinischen Grenze inmitten der Pampa begehen und die er tags darauf mit despotischer Härte bestraft. Für die Bewohner von Malihuel beginnt ein Albtraum am helllichten Tag, der den Richter am Ende selbst einholt. Mit diesem so großartigen wie unterhaltsamen Roman gelingt Carlos Gamerro eine bissige Satire auf das vielbesungene Heldenleben des argentinischen Gauchos, die meisterhaft aus den unterschiedlichsten Traditionen schöpft: von der Traumhölle des spanischen Barocks um Góngora und Quevedo über die Shakespeare'sche Welt des Maskenspiels bis hin zur Willkür in den Erzählungen Kafkas und der Vermischung von Traum und Realität bei Borges und Calvino.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Autor und Klappentext

Titelseite

Buchanfang

Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

Leseproben

José Luís Peixoto - Das Haus im Dunkel

Ryu Murakami - Coin Locker Babys

Ryu Murakami - Das Casting

Jürgen Bauer - Was wir fürchten

Tobias Sommer - Jagen 135

Fussnoten

Originaltitel: El sueño del señor juez

© Carlos Gamerro 2000

Dieses Werk wurde im Rahmen des »Sur«-Programms des Außenministeriums der Republik Argentinien

zur Förderung von Übersetzungen verlegt.

Obra editada en el marco del Programa »Sur« de Apoyo a las Traducciones del Ministerio de Relaciones Exteriores y Culto de la República Argentina.

© 2015, Septime Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Elisabeth Schöberl

Umschlagbild: © hecke71 – Fotolia.com

EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

ISBN: 978-3-903061-21-7

Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen

ISBN: 978-3-902711-41-0

www.septime-verlag.at

www.facebook.com/septimeverlag

www.twitter.com/septimeverlag

Carlos Gamerro

geboren 1962 in Buenos Aires, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des heutigen Argentiniens. Neben fünf Romanen und einem Erzählband veröffentlichte er auch Essays und übersetzte u.a. Werke von Graham Greene und William Shakespeare. Darüber hinaus schrieb er das Drehbuch zu dem Film Tres de Corazones. Ein Teil seiner Romane wurde ins Englische und Französische übertragen sowie für das Theater adaptiert. Mit Das offene Geheimnis erschien 2013 einer seiner Romane erstmals auf Deutsch.
2015 folgt sein Roman Der Traum des Richters.

Klappentext

Eines Morgens lässt Urbano Pedernera, früherer Militärkommandant und mittlerweile Richter in Malihuel, den Gaucho Rosendo Villalba verhaften, weil dieser ihn in seinen Träumen zutiefst beleidigt hatte. Erst sorgenvoll, dann leidenschaftlich träumt er Nacht für Nacht von den Verbrechen, die die Bewohner des Dorfes an der argentinischen Grenze inmitten der Pampa begehen und die er tags darauf mit despotischer Härte bestraft. Für die Bewohner von Malihuel beginnt ein Albtraum am helllichten Tag, der den Richter am Ende selbst einholt.

Mit diesem so großartigen wie unterhaltsamen Roman gelingt Carlos Gamerro eine bissige Satire auf das vielbesungene Heldenleben des argentinischen Gauchos, die meisterhaft aus den unterschiedlichsten Traditionen schöpft: von der Traumhölle des spanischen Barocks um Góngora und Quevedo über die Shakespeare’sche Welt des Maskenspiels bis hin zur Willkür in den Erzählungen Kafkas und der Vermischung von Traum und Realität bei Borges und Calvino.

»Eine Geschichte, so aberwitzig wie durchdacht. Der Traum des Richters ist ein Roman, bei dem es zur Sache geht, und die stets überraschenden Ereignisse greifen so rasant ineinander, dass sie die Aufmerksamkeit des Lesers fesseln wie die Erzählungen von Edgar Allan Poe.«

Leopoldo Brizuela

»Und trotzdem wird man, wenn man diesen Roman liest, wie bei allen anderen Werken von Carlos Gamerro auch lauthals lachen.«

Elsa Drucaroff

»Mit seinem bedächtigen und hypnotisierenden Rhythmus liefert Carlos Gamerro hier einen äußerst beeindruckenden Roman, der in der Pampa des 19. Jahrhunderts spielt. Durch das Schicksal eines Dorfes, das unter der absurden Willkür eines Richters leidet, der den Traum nicht von der Wirklichkeit zu unterscheiden vermag, spürt er den Unsinnigkeiten der argentinischen Geschichte nach.«

Hernán Sassi, Escribirte

Carlos Gamerro

Der Traum des Richters

Roman

Aus dem argentinischen Spanisch von Tobias Wildner

Meinen Eltern

Erster Teil

An diesem Morgen schreckte der neu ernannte erste Friedensrichter von Malihuel aus einem Traum auf, in dem einer der Dorfbewohner namens Rosendo Villalba ihm an die gerade erst fertiggestellte Außenmauer des Gerichtsgebäudes gepisst hatte.

»Dieser Schweinehund!«, fauchte er vor Entrüstung bebend und riss sich mit einem Ruck das durchgeschwitzte Laken vom Leib. »Dem werd ich was erzählen!«

Stützt sich wie ein Besoffener mit einer Hand am Eckpfeiler ab … und dann sieht er mich und grinst mich von der Seite aus an … und bevor er ihn wieder wegpackt … schüttelt er ihn, direkt vor meiner Nase schüttelt er ihn, als wollte er seinen Spott mit mir treiben, dieser verfluchte … Der Richter fischte nach einzelnen Fetzen seines Traums, fügte sie Stück um Stück zusammen und geriet, während er wütenden Schrittes zum Gerichtsgebäude stapfte, immer noch mehr aus der Fassung. Und dann hebt er auch noch in aller Seelenruhe wie ein Hund das Bein, erinnerte er sich in einem erneuten Zornesanfall plötzlich wieder.

Um sich das Warten zu verkürzen, ließ er seinen Blick ungeduldig über das Distelfeld wandern, wo sich eines Tages der Dorfplatz mit einer Reiterstatue von ihm in der Mitte befinden würde, eine Beschäftigung, die normalerweise seine Stimmung hob, doch dieses Mal machte ihn der Anblick der maroden Hütten, die um seinen zukünftigen Dorfplatz herum standen, nur noch wütender. Den vom Vormonat eingerechnet hatte er bereits drei Briefe an die Regierung geschrieben, um den Feldvermesser anzumahnen – ohne Reaktion. Wer kommt auch sonst auf die Idee, aus dem hier ein Dorf machen zu wollen, dachte er und schloss die Augen, während eine leichte Brise vom See herauf quer durch den Raum zog. »Wenn sie mir die Ziegel noch vor dem Winter schicken würden, könnte ich wenigstens die drei restlichen Wände fertigbauen«, grummelte er und lehnte sich gegen die eine, die er zuerst hatte errichten lassen, um daran die Flagge aufzuhängen und sicherzustellen, dass ihm niemand in den Rücken würde fallen können. »Wie soll denn einer Respekt vor mir haben, wenn das Gericht aussieht wie ein Indiolager und das Gefängnis wie ein Kuhstall? Aber damit ist jetzt Schluss. Dieses Mal lasse ich mich nicht einfach so abspeisen. Das ist das letzte Mal, dass die ihre Spielchen mit mir treiben, so wahr ich Urbano Pedernera heiße.«

Die Uhr im Gerichtsgebäude zeigte zwanzig nach fünf – vor lauter Zorn hatte er vergessen, sie nachzustellen, was er fortwährend tun musste, seitdem sie stehen geblieben war –, als der Unteroffizier den Beschuldigten vortreten ließ und ihn mit der Spitze seines ausgestreckten Zeigefingers bis zum Schreibtisch schob.

»Hier haben Sie ihn, mein Oberst«, sagte er erneut aus Versehen, obwohl Don Urbano bereits vor mehreren Monaten seinen militärischen Rang zugunsten des bürgerlichen aufgegeben hatte.

»Herr Richter. Hat er Widerstand geleistet?«

»Wir haben ihn beim Piss… beim Urinieren überrascht, mein Herr Richter.«

Als er damit den Beweis hatte, bekam der Herr Richter glänzende Augen. Er blickte den Beschuldigten an, der, anstatt seinen Blick zu senken, ihn mit verschlagener Miene herausfordernd ansah, genau wie in seinem Traum. Verflucht, es kam ihm vor, als würde er immer noch träumen! Der Zorn trieb ihm die Worte auf die Zunge.

»Du dämlicher Viehtreiber, auf der Stelle wirst du mir verraten, was das gestern Nacht sollte, mir wie ein Köter an die Wand zu pissen.«

Der Beschuldigte öffnete erstaunt den Mund, um alles abzustreiten. Aber genau das war es, was der Richter absolut und auf den Tod nicht ausstehen konnte. Wenn doch nur ein Mal, nur ein einziges Mal einer von Anfang an alles zugeben und ihn sein Urteil sprechen ließe, ohne ihm dieses ewige Theater von wegen »Ich wars nicht« aufzunötigen. Merken die denn nicht, dass sie damit alles nur noch schlimmer machen? Anscheinend bereitete es ihnen ein abartiges Vergnügen, ihn zu reizen, indem sie ihre Vergehen nur umso vehementer abstritten, je offensichtlicher sie waren. Als dächten sie, ich sei blöd, ich, ausgerechnet ich.

»Und? Sag schon, dass du es nicht warst. Na los, ich warte.«

»Bei allem Respekt, Don Urbano, aber ich hab die ganze Nacht keinen Fuß vor meine Hütte gesetzt. Und falls Ihnen jemand erzählt hat …«

»Ich hab dich gesehen, ich selber, mit diesen Augen.« Durch sein Herumfuchteln fuhr er sich mit dem Finger in das eine Auge, was seine Wut gegen den Beschuldigten auf die Spitze trieb. »Hast du gedacht, ich bekomme nicht mit, was in meinen Träumen passiert, he? In meinen eigenen Träumen?«

»Don Urbano, ich schwörs Ihnen, ich wars nicht. Vielleicht haben Sie mich ja in der Dunkelheit verwechselt.«

»Ach ja? Soll ich dir mal was sagen? Es war taghell.«

»Tschuldigen Sie, wenn ich was falsch verstanden hab, aber ich dachte, Sie hätten grade gestern Nacht gesagt. Gestern Nacht war aber kein Mond am Himmel.«

»Na und, gesehen hat man trotzdem alles wunderbar.«

In den Augen des Beschuldigten machten sich Zweifel breit. Der Richter und der Unteroffizier zwinkerten sich vielsagend zu.

»Wenn Sie es sagen, wirds schon stimmen. Aber ich schwörs Ihnen, ich war wirklich nicht beim …«

»In meinem Traum, du Hammel, in meinem Traum! Hörst du nicht zu, wenn man mit dir redet? Ich hab das alles gestern Nacht geträumt. Und jetzt sag mir, ob du immer noch alles abstreitest. Willst du mir vielleicht erzählen, du weißt besser als ich, was in meinen Träumen passiert?«

Der Richter lehnte sich zufrieden zurück. Jetzt hab ich dich. Man musste ihnen nur ein wenig Leine lassen, dann verhedderten sie sich früher oder später ganz von allein.

»Also, wenn das wirklich so war, dann tuts mir leid«, stammelte der Beschuldigte verwirrt. »Ich verspreche Ihnen, das war keine Absicht …«

»Ach Gott, ihr werdet das nie lernen«, erwiderte ihm der Richter nun fast schon vertraulich, nachdem das Spiel gewonnen war und er sich diesen väterlichen Ton erlauben konnte, und beugte sich über den Schreibtisch. »Man gibt euch den kleinen Finger, und ihr nehmt gleich die ganze Hand. Oder hast du gedacht, dass der Hase jetzt anders läuft, nur weil ich nicht mehr beim Militär bin? Du glaubst doch nicht, dass ich über so was einfach hinwegsehen kann. Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede! Mir einfach ans Gericht pinkeln, und dann auch noch in meinem eigenen Traum. Meinst du, ich merke das nicht? Oder dass ich beim Aufwachen alles wieder vergessen hab? Oder dass es mich nicht interessiert, weil es ja nur ein Traum war, he?«

Don Urbano schwieg. Warum Zeit mit Erklärungen vergeuden, wo man schon am Gesichtsausdruck deutlich sah, dass er nichts kapierte. Am besten brachte er die Sache schnell zu Ende. Als der Unteroffizier Papier und Tinte herbeigeschafft hatte, begann der Richter, die Anklageschrift aufzusetzen, indem er mühsam Sätze aus einem zerknitterten Lehrbuch abschrieb: Am dritten November achtzehnhundertsiebenundsiebzig in der Ortschaft Malihuel gab der Angeklagte im Beisein von mir als dem Friedensrichter sowie den aufgeführten Zeugen zu Protokoll … Er benötigte fast eine Stunde, um das Schriftstück zu verfassen, und hob nicht einmal bei den erforderlichen Nachfragen den Blick: dass sein Name … »Wie heißt du gleich noch mal? Villalba mit V oder mit W?« – »Wie es Ihnen lieber ist, Don Urbano« ... wohnhaft in Malihuel, im Alter von … »Alter.« – »Neunundzwanzig.« … neunundzvanzig Jahren … »Verdammt, jetzt hab ich mich schon wieder verschrieben, das machst du doch mit Absicht.« … verheiratet, Tagelöhner, Ar… »Bist du überhaupt Argentinier?« … Auf die Frage, ob ihm der Grund für seine Verhaftung bekannt sei, gab er an … »Ja oder nein?« – »Was, Herr Richter?« – »Nichts, schon gut.« … dass er bekennt, sich heimlich in die Träume Sr. Exzellenz des Herrn Friedensrichters aus dem Bezirk Malihuel eingeschlichen zu haben, um die Mauern des rühmlichen Gerichts zu entehren, wobei er in fraglanti von besagtem Staatsbeamten überrascht wurde ... Als ginge es um eine andere Person, antwortete der Gaucho Rosendo Villalba mechanisch auf alle Fragen und begann aufgrund der Hitze bereits halb einzunicken, als er merkte, dass ihm der Richter das Schriftstück hinstreckte.

»Lies.«

Er warf einen flüchtigen Blick auf das zerknitterte Papier und gab es ihm zurück.

»Jetzt musst du noch unterschreiben. Hast du jemand zum Unterschreiben? Wahrscheinlich nicht, bei den ganzen Analphabeten hier. Egal. Unteroffizier …«

Der Unteroffizier kam zusammen mit dem Basken Incháustegui herein, der jeden Morgen griffbereit im Schatten der westlichen Gefängnismauer schnarchte und während seiner hundsmiserablen Träume immer wieder krampfartig zusammenzuckte, wobei er sabberte und die Augen so verdrehte, dass nur noch das Weiß zu sehen war. Das ging so, seitdem ihn die Indios bei ihrem letzten Überfall restlos ausgeplündert hatten, angefangen bei seiner Ladenschenke bis hin zu seinem sonstigen Hab und Gut einschließlich seiner Mutter und der drei Schwestern. Allein den staubigen Leichnam seines Vaters hatte er noch vorgefunden, und es hieß, dass seine Träume stets die gleichen waren. Und auch wenn es zweifelhaft war, ob er die Bedeutung des Gekritzels erfassen würde, das er auf dem Papier hinterließ, war er tatsächlich einer der wenigen in der Gegend, die überhaupt zu einer Unterschrift fähig waren, und so ließ ihn Don Urbano jedes Mal holen, weil er die Kreuzchen auf dem Protokoll so hässlich fand.

»Einen richtigen Nobelzeugen haben wir da für dich aufgetrieben. Also, worauf warten wir noch?«

»Werden Sie mir bestimmt gleich sagen.«

»Hast du etwa das Urteil nicht gelesen?«, fragte ihn der Richter verschmitzt. »Zur Strafe hundert Pesos und eine Woche Freiwilligenarbeit am Gericht, ausgesetzt bis zum Eintreffen der Ziegelsteine.«

Rosendo deutete mit einer Geste auf seinen kahlen Gürtel.

»Dann eben einen Monat. Und sei froh, dass die Sache damit erledigt ist. Du weißt ja, bis zur Grenze sind es nur ein paar Wegstunden, und Leute kann man da immer gebrauchen. Also benimm dich gefälligst heut Nacht, ich lass dich nämlich nicht aus den Augen.«

Don Urbano widmete sich wieder seinen Unterlagen, und es war schließlich der Unteroffizier, der Rosendo mit einer Geste zu verstehen gab, dass er nun gehen könne. Er saß auf und ritt geradewegs in Richtung der Ländereien ebenjenes Don Urbano davon, wo er den ganzen Tag lang eifrig schuftete, um das seltsame Ereignis abzuschütteln, jedoch vergeblich: Die Kühe auf der Weide glitten ihm wie Wasser durch die Finger, und die Hufe seines Pferdes wollten einfach keinen rechten Halt auf dem Boden finden. »Hast heut wohl einen Knoten im Lasso«, rief ihm der Verwalter der Estanzia hinterher, woraufhin er schon drauf und dran war, einen Streit vom Zaun zu brechen, ihm dann die Sache doch lieber erklären wollte und schließlich alles nur für sich behielt und versuchte, ihm bis zum Abend aus dem Weg zu gehen. Er erzählte niemandem, was passiert war, und grübelte den ganzen Tag über schweigsam vor sich hin. Erst nachdem er sich zusammen mit seinem Pferd im See erfrischt hatte, fühlte er sich besser, er ließ die anderen vorausreiten, um in Ruhe nachdenken zu können, und schlug den Weg in Richtung Schenke ein. Er wusste nicht genau, was er von der ganzen Sache halten sollte, doch zunächst einmal fand er, dass er sich im Großen und Ganzen noch ganz gut aus der Affäre gezogen hatte. Der Richter war zwar nicht der Gerechteste, aber eben auch kein Lügner, und wenn er sagte, er habe es geträumt, dann würde das schon stimmen. Sein erster Reflex war natürlich gewesen, alles abzustreiten, aber wenn er noch mal genau darüber nachdachte, hatte er in seinen eigenen Träumen auch bereits erlebt, dass er Dinge tat, die nicht gerade christlich waren. Erst vor zwei, drei Tagen hatte er geträumt, dass er sich als Hengst mit ein paar Stuten auf der Koppel vergnügte, bis irgendwann eine den Kopf hob, ihn mit ihren traurigen Pferdeaugen ansah und er seine Schwester Azucena erkannte, weshalb er eine Zeit lang ein unbestimmtes Schuldgefühl mit sich herumgeschleppt hatte, wie er es auch jetzt wieder verspürte. Wenn er zu so etwas schon in seinen eigenen Träumen imstande war, wie sollte er da noch sagen können, was er in den Träumen anderer niemals tun würde? Er erinnerte sich bei der Hälfte aller Fälle ja nicht einmal daran, was genau er geträumt hatte. Letzte Nacht zum Beispiel: Sosehr er sich auch anstrengte, er konnte sich nicht daran erinnern, ob er nun von dem Richter geträumt hatte oder nicht. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, obwohl der Richter in seinen Träumen für gewöhnlich noch das Militär befehligte. Wenn der Richter aber von ihm träumte, musste er dann gleichzeitig auch von dem Richter träumen? Und träumten dann beide das Gleiche? War es möglich, dass er sich zur selben Zeit in seinen eigenen Träumen und in denen eines anderen befand? Manchmal war es auch schon passiert, dass er in seinen eigenen Träumen gar nicht vorkam. Aber wo war er dann während dieser Träume? Seine Träume waren wie ein weites Feld, auf dem der eigene Geist nach Belieben umherstreifen konnte, und was nur, wenn er bei diesem ziellosen Umherstreifen, die Gedanken halb woanders, aus Versehen im Traum des Richters gelandet war? Zu viele Fragen, die er sich zuvor noch nie gestellt hatte, und je mehr er darüber nachdachte, desto weniger verstand er. Er musste unbedingt mit jemandem darüber reden.

Vielleicht war die Schenke nicht gerade der ideale Ort dafür gewesen. Auch wenn die Angelegenheit ein Gesprächsthema für mehrere Tage hergab, blieben Rosendo am Ende nur die Sticheleien derer, die ihn damit aufzogen, sowie ein paar gut gemeinte Ratschläge, die ihn nur noch mehr beunruhigten: »Pass bloß auf, Rosendo. Du weißt ja, seit dem einen Mal kann dich der Richter nicht mehr ausstehen.« Bei dem besagten »einen Mal« handelte es sich um den Aufstand von gut dreißig Siedlern, deren Land von einem Tag auf den anderen plötzlich einem gewissen Patrick Mulligan gehören sollte, der bis dahin in der Gegend ein Unbekannter gewesen war. Die meisten hatten sich auf das feste Versprechen einer Landreform verlassen, womit die Kriegsrückkehrer entschädigt werden sollten, und noch während sie auf die offiziellen Dokumente warteten, begannen sie bereits, Hütten zu errichten, Felder zu bestellen und erste Pferde- und Rinderherden aufzubauen. Die von Patrick Mulligan geschickten Taxatoren und Inventaristen schlugen sie mit Steinen und Ziegeln in die Flucht. Beim zweiten Mal war es dann Oberst Pedernera, der mit seiner Linienkompanie anrückte, allerdings etwas dezimiert, seitdem ein Teil seiner Männer zu den Rebellen übergelaufen war, die jetzt ihre aus dem Fort geraubten Karabiner schwangen und grölten, dass sie genau, wie sie in Paraguay bis zum letzten Atemzug gekämpft hatten, ohne überhaupt zu wissen für wen, jetzt erst recht bis zum letzten Atemzug kämpfen würden, um immerhin ihre eigenen Hütten zu verteidigen. Womöglich aus Furcht, er könnte sein Fort beim nächsten Mal nur noch von der Spitze einer Lanze aus betrachten, wie es Oberst Uría beim Aufstand von ’58 ergangen war, bot Oberst Pedernera an zu verhandeln. Von den drei Abgesandten, die mit ihm ins Fort zurückkehrten, ließ er zwei unverzüglich erschießen und den dritten, um sich nicht unbarmherzig vorzukommen, eine frostige Nacht lang gestreckt an vier Pfählen festbinden. Unterdessen fielen die Unteroffiziere und ein paar frisch Angeworbene, die noch nicht desertiert waren, über die verbleibenden schlafenden Aufrührer in ihren Hütten her, zwischen deren verfallenen Mauerresten dann zwei Monate später Patrick Mulligans Rinder grasten. Die Überlebenden suchten mit ihren Familien entweder das Weite oder ergatterten zwischen den Behausungen rund um das Fort einen notdürftigen Platz, wo sie wie die Indios Zelte errichteten. Rosendo spürte den ganzen Winter über die Schmerzen seiner Streckfolter, doch im Frühling, als er endlich wieder reiten konnte, hatte sein Entschluss, für immer fortzugehen, schon wieder nachgelassen. Außerdem hatte ihm die Beteiligung an dem Aufstand unter den Siedlern ein gewisses Ansehen eingebracht, das durch sein nicht gerade zur Prahlerei neigendes Naturell noch verstärkt wurde. Der Oberst jedoch hatte es ihm nie verziehen, und so wunderte es auch niemanden, dass Don Urbano den Vorfall nicht einmal in seinen Träumen vergaß. Und der alte Santoro wollte nicht versäumen, dies noch einmal betont zu haben:

»Ich habs dir ja gesagt, Rosendo. Mit dem solltest du dich nicht mal im Traum anlegen.«

»Aber es war doch er, der das geträumt hat«, versuchte Rosendo sich zu verteidigen.

»Umso schlimmer. Na ja, immerhin weiß er ja von deinen eigenen Träumen nichts.«

»Wenn der sich in seinen Träumen mit mir anlegt«, beteuerte Musurana mit Augen, die unter der schwarzen Hutkrempe leuchteten wie zwei glühende Zigarren, »dann sollte er sich nach dem Aufwachen erst mal bei mir entschuldigen.«

Bei seiner Ankunft in der Gegend war Musurana sein Ruf weit vorausgeeilt – oder besser gesagt der seines Messers, das so scharf war, dass man sich angeblich sogar beim alleinigen Anblick der Klingenspitze die Augen verletzen konnte. Mindestens zwei Mal war er bei den Bezirkswahlen in San Nicolás, wo er auch Truppenoffizier gewesen war und von der lokalen Politik protegiert wurde, mit seinem Einfluss das Zünglein an der Waage gewesen. In der Nachbarprovinz wollte er nun sein Vermögen in Land investieren, eine Viehzucht aufbauen und eine Frau finden. Viel mehr wusste man nicht von ihm, denn in Malihuel hatte jeder nur die Vergangenheit, die er auch erzählen wollte. Musurana war einer der wenigen, die nicht im Linienregiment unter Befehl von Oberst Pedernera gedient hatten, und obwohl er mit seinem streitsüchtigen und großspurigen Temperament beinahe das Gegenteil von Rosendo war, setzten sie sich immer zueinander, wenn sie sich in der Schenke trafen.

Der Wirt, der aus San Luis kam, eigentlich Chamorro hieß, aber inoffiziell auf den Namen Ginmorro umgetauft worden war, bediente Musurana und Rosendo ausnahmsweise direkt am Platz, um sich bei Ersterem einzuschmeicheln und Zweiterem Details des Vorgefallenen zu entlocken, die er dann durch sein Thekengitter hindurch unermüdlich und ohne Unterlass den am Tresen lehnenden Gästen weitererzählte. Jedes Mal wieder brach er wie schon beim ersten Mal in schallendes Gelächter aus, und fast unablässig musste man Rosendo zurückhalten, damit er ihm nicht zwei schöne zusätzliche Löcher verpasste, um noch besser lachen zu können. Gerade als Rosendo eines Nachmittags keine Geduld mehr hatte und der Wirt wiederum keinen Gast, der die Geschichte noch nicht kannte – wer weiß, warum er sich so darauf eingeschossen hatte, vielleicht war es eine Vorahnung –, erschien der Gefreite Sayago, um den Wirt auf Geheiß des Richters abzuholen. Bei seinem Nachmittagsschläfchen hatte Don Urbano geträumt, der Wirt habe eine geheime Abmachung mit den Indios getroffen und verhökere ihnen gegen Schutzleistungen zu einem Spottpreis Tee, Zucker, Schnaps, Stoffe und sogar Waffen. Als der Wirt zurückkam, schien er jegliches Interesse an der Traumgeschichte verloren zu haben und wollte auch niemandem von seiner Unterredung mit dem Richter erzählen, die schließlich vertraulich war. Doch nachdem er weder eine Strafzahlung zu leisten hatte noch ins Gefängnis und auch nicht an den Pranger kam, ging die Vermutung um, dass er bei dem ausgehandelten Deal ordentlich zur Ader gelassen worden war, wofür auch sein finsterer und bitterer Blick und die zusammengepressten Lippen sprachen, mit denen Don Chamorro an diesem und den folgenden Tagen seine Caña und seinen Wacholderschnaps ausschenkte, während er dieselben Scherze über sich ergehen lassen musste, die er vorher mit Rosendo getrieben hatte, nur mit dem Unterschied, dass dem Schankwirt keinerlei Mitleid zuteilwurde. Die Tatsache, dass er bei den Indioüberfällen wie durch ein Wunder unversehrt geblieben war, besonders beim letzten, der wie eine Heuschreckenplage über die Schenke seines Rivalen Incháustegui gekommen war, woraufhin er selbst schlagartig ohne jede Konkurrenz dastand, hatte den einen oder anderen argwöhnisch werden lassen. Und nun, nachdem diese Vermutungen durch den Traum des Richters auch noch bestätigt wurden, schien es nur gerecht, dass er in irgendeiner Form dafür zahlen musste.

Für einige nahm die Sache bereits hier, mit dem Traum des Schankwirts, ihren Anfang, für manch anderen erst später, als Manuel Rosas Paz die Stute gestohlen wurde, oder sogar erst mit der Warnung vor den zwei Indioüberfällen. Sicher ist nur, dass die verstreut lebenden Bewohner der Gegend allmählich anfingen, den Träumen des Richters eine okkulte oder prophetische Bedeutung beizumessen, und selbst wenn sie es anfangs kaum merkten, so folgte ihr Leben doch zunehmend den darin festgeschriebenen Pfaden. Die Geschichte mit der Stute überraschte sogar Don Urbano selbst; fast geisterhaft war sie durch seinen Traum getrabt, am Halfter fortgezogen von einem Mann, dessen Gesicht er eindeutig erkannt hatte (die Stute selbst hatte richtig geleuchtet und war von einem diesigen Hof umgeben gewesen, wie beim Mond, bevor es regnet). Der helle Klang der Glocke und das Brandzeichen auf der Kruppe, ein übereinanderliegendes R und P, in etwa so: , waren ihm Beweis genug. Wie sehr erleichterte dies doch die Ausübung der Rechtsprechung!

Als Juan Crescencio Morales verhaftet und abgeführt wurde, beharrte seine Frau, die seit ihrer Vermählung darauf bestand, Alicia genannt zu werden, woran sich aber immer noch keiner so recht gewöhnen mochte, auf der Unschuld ihres Mannes, jedoch ohne Erfolg. »Eigentumsvergehen«, entschied der Richter, als einer der Aufseher von Don Manuel das Fehlen der besagten Stute bestätigte, genau wie es der Richter geträumt hatte, und Alicia blieb nichts anderes übrig, als ihre spärlichen Habseligkeiten in ein Stoffbündel zu packen, es zusammen mit den zwei Kindern auf den Rücken ihres Pferdes zu laden und dem Karren hinterherzuhasten, der Juan Crescencio an die Grenze brachte, wo ihn fünf Jahre Kriegsdienst erwarteten und Alicia ihr alter Spitzname aus Lagerzeiten: die Schlaffe Nudel. Einer, der wahrscheinlich bereits das volle Programm der immer dicker werdenden Gläser und des immer dünner werdenden Wacholderschnapses durchlaufen hatte, mit dem sich der Schankwirt bei seinen Gästen für derart ausgiebige Zechgelage zu bedanken pflegte, wagte die Prognose, dass der Richter vielleicht nur das träume, was ihm gerade in den Kram passe, und obwohl die meisten wussten, dass Don Manuel wegen der Sache mit der Fohlenherde Juan Crescencio noch einiges schuldig war, und Don Urbano wiederum Don Manuel wegen dessen Unterstützung bei seiner Ernennung durch die Provinzregierung, glaubten sie sich dennoch in der Pflicht, ihm zu widersprechen: »Träume lügen nicht. Außerdem würde sich das nicht mal der Richter trauen. Träume sind eine ernste Angelegenheit.« Abgesehen davon wussten alle, dass es sich bei dem gestohlenen Tier um die Leitstute handelte, was nahelegte, dass Juan Crescencio versuchte, mit ihrer Hilfe wieder an seine Herde zu kommen. Gefunden hat man sie jedoch nie. »Aber es ergibt doch auch keinen Sinn, wenn nur der Richter von dem Diebstahl geträumt hat. Immerhin müsste Don Manuel doch auch davon geträumt haben«, sagte Zenón Pereda trotzig, um den Verdächtigen zu verteidigen, »das war bestimmt Calixto Guzmán«, doch schon mit dem nächsten Traum begannen die einzelnen Versionen durcheinanderzugeraten, und sollte es tatsächlich stimmen, dass keiner etwas von den Gesprächen verraten hatte – in der Schenke wuchsen die Ohren wie Pilze, und alles, was dort lauthals hinausposaunt wurde und von einem Ohr zum anderen wanderte, konnte wohl auch problemlos bis zur Polizeistation gelangen –, musste man glauben, der Richter habe übernatürliche Kräfte, was von den Frauen ohnehin bereits als Tatsache angesehen wurde. »Er kann jeden deiner Gedanken träumen«, tuschelten sie beim Wäschewaschen am Seeufer, »wie hätte er denn sonst wissen sollen, was Calixto und Zenón gesagt haben.« Doch der Grund dafür, dass Don Urbano die beiden mitten in der Nacht – Zenón in seiner Hütte, Calixto auf seinem Posten – aus den Feldbetten zerren und festnehmen ließ, war letztlich ein anderer. »Ich hab geträumt, ihr habt gerade fremdes Vieh geschlachtet«, sagte er zu ihnen im rötlichen Schein der Kerosinlampe, während Motten und Käfer um ihn herumschwirrten. »Eigentlich wart ihr es gar nicht beide, sondern nur einer: du, Zenón, aber du warst gleichzeitig auch Calixto. Versteht ihr? Ihr wisst ja, wie das mit den Träumen ist. Deswegen hab ich euch beide holen lassen, damit ihr mir die Sache erklärt. Also, Calixto, wie ist das gelaufen? Wahrscheinlich hat dich Zenón dazu überredet, oder?« Erst versuchten beide, den jeweils anderen zu decken, dann wollte jeder seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, und am Ende schoben sie sich gegenseitig die Schuld zu, berichteten die beiden später in der Schenke, nachdem die Anwesenden sie endlich ohne größere Verletzungen auseinandergebracht und sie sich ausreichend beruhigt hatten, sodass jeder seine Version der Geschichte erzählen konnte, die sich allerdings in nichts von der des anderen unterschied. Um den Grenzdienst kamen sie nur herum, weil die Rekrutierung, bei der es auch Juan Crescencio erwischt hatte, die letzte dieses Jahres gewesen war, und um den Pranger, weil sie sich mithilfe einer Summe freikaufen konnten, die Musurana ihnen geliehen hatte, der ihre Dankesworte mit einem Griff an die Hutkrempe quittierte. Man munkelte, er machte das nicht aus Großzügigkeit, sondern um die Autorität des Richters zu untergraben und ganz nebenbei auch noch den einen oder anderen im Hinblick auf die nächste Wahl auf seine Seite zu ziehen.

In diesen Tagen machten es sich die Bewohner der Gegend zur Gewohnheit, jeden Morgen herauszufinden, was Don Urbano geträumt hatte, um vorbereitet zu sein, nachdem man nie sicher war, wen es als Nächstes treffen konnte. Sobald jemand etwas in Erfahrung gebracht hatte, wurde die Nachricht im Laufschritt oder zu Pferd von den Hütten im noch immer abgesteckten Außengürtel des Forts zu den umliegenden Estanzias oder aber von Don Urbanos eigener Estanzia zurück in die Siedlung getragen, je nachdem, wo ihn der Schlaf gerade übermannt hatte. Es waren vor allem die Frauen, die die Aufgabe hatten, möglichst viel herauszufinden, bevor Don Urbano sich mit den Polizisten verständigte. Und obwohl Ceferina sich mächtig was auf ihr neuerliches Privileg einbildete, Don Urbanos Schnarchen beiwohnen zu dürfen, und ihre ehemaligen Kolleginnen aus dem Lager deshalb ein wenig von oben herab behandelte, willigte sie gegen eine kleine Bestechung und ausreichend demütiges Betteln ein, die entsprechenden Neuigkeiten aus seinen Träumen weiterzugeben, sobald sich der Richter auf den Weg zu seiner Amtsstube gemacht hatte und sofern sie überhaupt bei ihm im Bett und er willens gewesen war – wobei ihn einmal ordentlich frühmorgens für gewöhnlich in die richtige Stimmung brachte –, es ihr zu erzählen. Ceferina informierte sodann Jesusa Romero, die Waschfrau des Richters, die es an die anderen Wäscherinnen und deren Männer weitergab, von denen einer wiederum unter den frühen Gästen in der Schenke ganz nebenbei eine Bemerkung fallen ließ, während auf den Estanzias schon die ersten Reiter ankamen und die Meldung überbrachten und auf diese Weise, noch bevor sich die Hebel des Gesetzes in Gang setzten, jeder wohl oder übel Bescheid wusste, ob die Träume der vergangenen Nacht etwas mit ihm zu tun hatten und worauf er sich einstellen durfte.

Bis zu dem Zeitpunkt, als sie durch die Träume des ehrenwerten Herrn Richters wie Spielkarten gemischt und neu sortiert wurden, hatten die Bewohner des seit Menschengedenken und darüber hinaus unter dem Namen Malihuel bekannten Fleckens nicht viel gehabt, was sie vereinte. Ihre gemeinsame Geschichte, die von Mund zu Mund weitergetragen wurde, war jedes Mal wieder zu Asche zerfallen, wenn die einst von den Vizekönigen gegründete Festung erst durch die Angriffe der Indios, dann durch die Unabhängigkeits- und Bürgerkriege und dazwischen noch einmal durch die Indios dem öden Erdboden gleichgemacht wurde und eine Garnison nach der anderen von den Criollos abgemetzelt, von den Wilden verschleppt oder auf den unzähligen in der Wüste sich verzweigenden Trampelpfaden in alle Himmelsrichtungen versprengt wurde. Und die Wahrscheinlichkeit, dass einer der geflüchteten Gauchos wieder in den Truppen auftauchte, die durch immer neue Rekrutierungen aus den benachbarten Gegenden geholt wurden, war ebenso groß wie die, dass eine einzelne Münze in die Hände desjenigen zurückfällt, der sie als Erster ausgegeben hat. Für jede neue Siedlung musste sämtliches Baumaterial einschließlich Holz von den Ufern des Paraná herangeschafft werden, denn selbst wenn man sich als Soldat auf dem Wachtturm einmal um die eigene Achse drehte, war auf der gesamten umliegenden Fläche neben all der Erde und dem Wasser nicht ein einziger Baum zu entdecken, der den schnurgeraden Horizont durchbrochen hätte. Und aus Respekt oder Stumpfsinn hatte man sich auch stets an den ursprünglichen Bauplan gehalten: Es hieß, die Gründer waren Seeleute, weshalb das Fort die Form eines Schiffes besaß. Ein Schiff mit Bug in Richtung Wüste, um die heranwogenden Indioüberfälle zu brechen, zur einen Seite umschlossen durch den See, zu den anderen drei durch einen schemenhaften Horizont, angefüllt mit Indios, die wie bei Ebbe und Flut vor- und zurückschwappten und nur mit Mühe durch die marode Festungslinie zurückgehalten wurden, die mit dem eigenen Fort begann und bis zur Andenkordillere den gesamten Kontinent durchzog. Zu dieser Zeit traf man dort nur auf die Soldaten und Offiziere der aufeinanderfolgenden Garnisonen sowie die Lagerhuren samt ihrem entsprechenden Nachwuchs. Die Alten und Händler kamen erst später, als der Befehlshaber der Nordgrenze die Gelegenheit nutzte, dass über mehrere Jahre hinweg die sonst regelmäßig anrauschende Indioflut ausgeblieben war, und den Kommandeuren den Befehl gab, die Festungslinie dreißig Wegstunden nach Süden zu verlagern. Und wie bei einem Schiff, wenn sich das Meer zurückzieht, so blieb auch das Fort samt einem Großteil seiner Besatzung an Bord mitten in der Landschaft stecken.

Der Kapitän dieses Schiffes, Oberst Urbano Pedernera, verfolgte zusammen mit einem dezimierten Häuflein von Herumtreibern und Schicksalsverweigerern weiterhin die Spuren der Indios, doch binnen weniger als einem Monat bat er bereits um seine Entlassung und kehrte als Einziger zurück, um sich den der Wildnis abgetrotzten Ländereien zu widmen, die ihm die Regierung als Entlohnung für seine Dienste gegen einen nominellen Betrag überlassen hatte. Doch ihn trieb auch ein persönliches Ziel: aus der Ansammlung an Hütten, die von den fünf Außenzäunen des Forts zusammengehalten wurden, und der zusammengepferchten Meute, die diese bewohnte, ein Dorf zu machen, ein Dorf, das eines Tages seinen Namen tragen würde. Genau genommen hatte diese Metamorphose schon sehr viel früher begonnen als mit der offiziellen Grenzverlegung. Sobald sich dort Soldaten und Lagerhuren niederließen und der Feldkaplan die Liebenden paarweise verheiratete und dabei half, den kollektiven Nachwuchs aufzuteilen, sobald die Krämer, die früher von ihrem Karren herunter verkauften, ohne auch nur einen Fuß auf den Boden zu setzen, mit den Wagenrädern ihre Läden einzäunten und man in dem zugewucherten Festungsgraben immer häufiger Schilf vorfand und Aale, welche die jungen Burschen mit der bloßen Hand fingen, begann sich der Palisadenzaun Stück für Stück durchzubiegen. Allerdings nicht nach innen von der so schrecklich gefürchteten Brandung der Indioüberfälle, sondern vielmehr nach außen, weil er dem stetigen Druck der immer neuen Hütten und Anbauten an den alten Behausungen nicht mehr standzuhalten vermochte, die die laufend sich vermehrenden Bewohner aus den Pfählen errichteten, die sie aus dem Zaun herausrissen. Aus den Trampelpfaden zwischen den Baracken wurden Straßen, der Feldkaplan beförderte die Glocke auf den Wachtturm, der so massiv gebaut war, dass er sogar den Brand bei den Überfällen von ’68 überstanden hatte, und zelebrierte die Messe fortan in einer nahe gelegenen Hütte, irgendjemand fing an, das große Viehgehege Dorfplatz zu nennen, und eines Morgens wachten die Siedler auf, und sosehr sie sich auch bemühten, sie konnten kein Fort mehr entdecken und fanden sich stattdessen wieder als die Bewohner von etwas, das noch niemand guten Gewissens ein Dorf zu nennen wagte.

Andererseits bedeutete die Grenzverschiebung keineswegs das Ende der Gefahr durch die Indios, denn die Überfälle verschoben sich damit allenfalls etwas weiter nach Süden, und Malihuel war für die Indios nun anstatt eines der Forts, die es zu meiden galt, nur eine weitere Siedlung, die man ausplündern konnte. »Was unsere Lage«, wie der neu ernannte Friedensrichter ausführte, »nicht sicherer, sondern im Vergleich zu früher sogar noch gefährlicher macht.« Zweimal warnte die alte Kanone des Forts mit ihren Schüssen mitten in der Nacht die Dorfbewohner und die benachbarten Estanzias vor einer drohenden Invasion, und oben auf dem Glockenturm wurden mit der Trompete alle Männer zum Viehgatter gerufen, wo sie Karabiner, Bajonette und Säbel in die Hand gedrückt bekamen. Für die Verheirateten, die als Letzte ankamen, weil sie wussten, dass die Indios nur das mitnahmen, was sie entweder vor sich hertreiben oder ohne abzusitzen hinter sich aufs Pferd zerren konnten, und deshalb ihre Frauen ans Bett fesselten, blieben bestenfalls noch Bambuslanzen übrig, wie sie auch die Indios benutzten. Als Rosendo abends erschöpft und staubig vom ersten Ausfall zurückkehrte, fand er die vor Hunger weinenden Kinder und eine immer noch gefesselte Ermelinda vor.

»Und? Wie ist es gelaufen?«

»An die zehn Wegstunden. Und kein einziger Scheißindio in der ganzen Gegend. Der hat das geträumt. Stell dir mal vor! Mir nichts, dir nichts lässt er die ganze Kompanie antreten, nur weil er geträumt hat, dass die Indios uns überfallen. Und du? Wie wars bei dir?«

Ermelinda verzog den Mund und deutete mit den Augen auf die beiden Sattelriemen, mit denen ihre ausgestreckten Arme an den Handgelenken aneinandergebunden waren.

»Na ja. Wenigstens haben wir die Decken runterbekommen, damit ich in Ruhe pinkeln konnte. Aber alles schon erledigt. Was schaust du so blöd? Mach endlich die Dinger weg!«

Rosendo starrte auf den Saum von Ermelindas Kleid, das bis zum Bauchnabel hochgeschoben war, damit es nicht nass werden konnte.

»Also, wenn ich ein Indio wäre und du so vor mir liegen würdest, dann wärst du samt Bett schneller auf meinem Gaul, als du schauen kannst«, tönte er großspurig.

»Komm schon, mach mich endlich lmmmh«, konnte sie gerade noch erwidern, bevor das Kleid ihr Gesicht verdeckte und sie, ohne ihre Füße, Hände und jetzt auch ihren Mund gebrauchen zu können, die zweimalige Attacke ihres Gemahls über sich ergehen ließ, der, als er sie endlich losband, keinerlei Anstalten machte, sich zu erheben.

»Wolltest du nicht aufstehen?«

»Hmmm. Wissen wir denn schon, wann der nächste Überfall ist?«

Zwei Wochen später kam mit der Postkutsche die Nachricht von der neuen Föderation, dass die Erbfolger des Kaziken Calfulcurá südlich von Buenos Aires zum Angriff rüsteten. Daraufhin träumte der Richter nachts davon, wie er als Oberst den Befehl zum Sammeln der Truppe gab und anschließend mit Entsetzen feststellte, ausnahmslos mit Speeren bewaffnete Indios in Gauchohosen vor sich zu haben, weil seine Mannen, während er geschlafen hatte, bis auf den letzten massakriert worden waren und er selbst, wie er nach seinem Erwachen im Traum erkannte, sich als Gefangener in seinem eigenen Fort wiederfand. Nachdem er mit einem unbestimmten Gefühl von Körperlichkeit aufgewacht war, dessen schändlicher Charakter zu erniedrigend gewesen wäre, um sich daran zu erinnern, und die Angst ihm die Gedärme bis zum Hals verdrehte – er hatte das geliebte Gesicht seiner Mutter, flüchtig wie das Spiegelbild auf einer Pfütze, inmitten all der zahnlosen, alten Indiofrauen erkannt, die hämisch lachend auf ihn zeigten –, brach er erneut an der Spitze seiner Männer auf, um den Feind zu suchen, den er, ohne die Pferde unnötig anstrengen zu müssen, in einer Kolonie verbündeter Indios auf dem Land von William Bullock an der südlichen Seeseite ausfindig machte. Zwei von ihnen ertranken beim Versuch, über den See zu entkommen, die restlichen wurden niedergemetzelt, mit Ausnahme der Kinder und jungen Mädchen, die Don Urbano, nachdem man sie auch für häusliche Dienste einsetzen konnte und zudem passenderweise die Weihnachtszeit vor der Tür stand, auf seine und die benachbarten Estanzias verteilte. Musurana, der sich für gewöhnlich eher in den Vorstädten als auf Viehweiden herumtrieb und deshalb wenig Erfahrung mit den Indios hatte, war auf eigenen Wunsch mitgekommen.

»Bei der ledrigen Haut machst du dir ja das Messer stumpf. Also hab ich der Alten einfach mit der Bola eins zwischen die Flügel gegeben, da war sofort Schluss mit dem Gekreische. Und der Unteranführer – Mateo, du hast den doch gekannt, das war ihr Sohn, oder? – der wollte dann aufs Pferd, aber weil er so fett war, ist er ausgerutscht. Und schon kam Sayago angaloppiert und rammt ihm seinen Speer dermaßen von der Seite aus in den Wanst, dass er den Gaul gleich mit aufspießt. Stimmts? Bei dem ganzen Gedärm kann man ja fast schon den Überblick verlieren, was jetzt genau zu wem gehört. Aber was ich nicht gewusst hab, ist, dass die Indiofrauen gar keine Haare zwischen den Beinen haben. Machen die sich das eigentlich weg?«

In den Kampfeswirren waren Musurana und Don Urbano fast Freunde geworden, eine spontane Kameradschaft, wie sie nur im Alkohol- oder Blutrausch geschlossen wird und die nun in Form eines luftigen Versprechens weiterbestand, genauer gesagt dem Versprechen in Hinblick auf die Verwaltung einiger nahe gelegener und besitzloser Ländereien, die er übertragen bekäme, so Musurana, sobald sich die Wogen wieder geglättet hätten. »Pass bloß auf. Wenn der Blut spritzen sieht, verspricht er dir die halbe Welt«, warnten ihn ein paar Leidgeprüfte, als der triste Alltag sie wieder eingeholt hatte, doch Musurana erwiderte ihnen nur höhnisch lachend: »Euch vielleicht!«, womit das Thema beendet war. Mit dem Auftauchen einiger gebrandmarkter Pferde in der Herde stämmiger Ponys im Lager der Indios sowie der standrechtlichen Erschießung eines noch in den Zeiten des Forts desertierten Gauchos breitete sich die opportunistische Gaunerei des dahinsiechenden Stammes, nicht weniger niederträchtig als die sonstigen Überfälle der Wilden und der gesetzlosen Gauchos, immer weiter aus, wodurch sich der Richter in seinen Traumexpeditionen bestätigt sah. Nach dem offensichtlichen Fiasko durch den letzten erträumten Indioüberfall – der nun in korrigierter Version als prophetische Vorwegnahme eines noch bevorstehenden Überfalls die Runde machte, also eher falsch interpretiert als faktisch falsch gewesen war – fielen diese jedoch etwas verhaltener aus. Das beschlagnahmte Silbergeschirr, der plötzliche Bedarf an frischen Arbeitskräften auf William Bullocks Estanzia, die Euphorie, die beim Aufeinandertreffen von Stahl und Fleisch freigesetzt wurde – dies alles trug, wenngleich nur vorübergehend, dazu bei, die Laune der Siedler anzuheben. Doch die Zweifler unter ihnen wussten, dass sich im Grunde nichts geändert hatte, dass einem die Indios nur eine kurze Verschnaufpause gewährten und dass, sollte der Traum des Richters dieses Mal noch an ihnen vorübergegangen sein und andere getroffen haben, sie beim nächsten Mal das gleiche Glück möglicherweise nicht mehr haben würden.