Der-Turkana Report - Christian Unge - E-Book

Der-Turkana Report E-Book

Christian Unge

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Beschreibung

Als der Chirurg Martin Roeykens der Anthropologin Nadine begegnet, wird er in eine Welt hineingezogen, die ebenso geheimnisvoll wie tödlich ist. Nadine ist auf brisante Beweise gestoßen – entdeckt in der abgelegenen Turkana-Region im Norden Kenias. Ihre Erkenntnisse sind so explosiv, dass die CIA alles daransetzt, sie für immer zum Schweigen zu bringen. Als Nadine plötzlich verschwindet und eines Verbrechens beschuldigt wird, das sie nicht begangen hat, beginnt für Martin ein Wettlauf gegen die Zeit – und gegen Mächte, die weit mächtiger sind, als er es sich je hätte vorstellen können. Von den Wüsten Nordkenias bis zu den Straßen von Paris und Brüssel riskiert er alles, um die Wahrheit ans Licht zu bringen – bevor es zu spät ist. Der Turkana-Report ist ein packender, temporeicher und beunruhigender realistischer Thriller über Wissenschaft und Täuschung – und über den Preis des Mutes in einer Welt, die auf Geheimnissen gebaut ist.

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Seitenzahl: 494

Veröffentlichungsjahr: 2026

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DER TURKANA-REPORT

DIE AFRIKA-TRILOGIE, BAND 1

CHRISTIAN UNGE

Der Turkana-Report

© Christian Unge

Aniara, Stockholm 2026

Deutsche Übersetzung von Aniara

www.aniara.one

[email protected]

Kein Teil dieses Buches darf ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags oder der Autorin/des Autors in irgendeiner Form reproduziert oder vervielfältigt werden, außer in den nach dem EU-Urheberrecht zulässigen Fällen.

ISBN Print: 978-91-9000-391-6

ISBN E-book: 978-91-9000-396-1

INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

EINS

Said lag auf einem harten Flugzeugboden. Er versuchte, die Augen scharf zu stellen.

Ein auf Hochglanz polierter Schuh tauchte nur Zentimeter vor seinem Gesicht auf. Sein Instinkt war, die Hand zu heben und aufzustehen, aber er merkte, dass er von hinten gefesselt war. Dann setzte der Schmerz um seine zusammengepressten Waden ein. Ein scharfer, chemischer Geruch nach Reinigungsmittel. Der Teppichboden unter ihm war feucht.

»Verdammt! Er ist wach.«

In der nächsten Sekunde brannte seine Kehle, und er erkannte den Schmerz aus der Dunkelheit in der Schule. Diesmal strahlte er den Rücken hinunter aus. Ihm war übel, aber er hatte keine Zeit, sich zu übergeben, bevor alles wieder dunkel wurde.

Der Geruch von Akazien weckte ihn. Schweiß rann an der Innenseite seiner Oberschenkel hinab. Said merkte, dass er sich in einem holpernden Fahrzeug befand. Es hielt an, und er wurde herausgetragen. Er hörte keine Stimmen. Alle um ihn herum arbeiteten schweigend, aber er konnte die Anspannung der Männer spüren, die ihn trugen. Sie stanken nach Schweiß. Dann wurde es kühl und still. Der Geruch der Bäume wich einem erdigen, feuchten Geruch, den Said nicht einordnen konnte. Schwaden von Fäkalgestank zogen vorbei.

Said wurde auf einen Stuhl gesetzt und festgeschnallt. Mehrere Personen betraten den Raum. Sie sagten nichts, aber den Schritten nach zu urteilen waren es mehrere. Sein Puls beschleunigte sich. Jemand lockerte die Seile um seinen Hals und nahm die Haube ab. Das plötzliche Licht tat weh. Er wollte sich die Augen reiben, aber seine Hände waren am Stuhl befestigt. Er hörte jemanden in einer Sprache sprechen, die er als Swahili, Nairobi-Dialekt, erkannte.

Einer der Männer trat auf ihn zu und zog sich einen Stuhl heran. Er sah westlich aus. Elegant gekleidet in beigefarbener Hose und frisch gestärktem weißen Hemd. Der Mann hatte freundliche Augen und ein sanftes Auftreten. Er trug eine Baseballkappe mit den Buchstaben ›VT‹ darauf und nahm kleine Bissen von einem Snickers.

»Was war dein primäres Ziel?«

Said verstand die Frage auf Englisch, hatte aber keine Ahnung, was der Mann meinte. Der Dolmetscher übersetzte ins Arabische.

Said antwortete: »Was meinen Sie?«

Es war mehr Überraschung als Schmerz, die ihn eine Sekunde später traf, als der Mann ihm mit etwas direkt ins Gesicht schlug. Der Gegenstand war härter als eine Hand und traf mit brutaler Wucht aufSaids rechte Wange und Schläfe. Said übergab sich sofort. Der Schmerz pochte durch die halbe Gesichtshälfte, und als er versuchte, den Mund zu öffnen, um zu schreien, spürte er, wie etwas knirschte.

Er ist gebrochen. Mein Kiefer ist gebrochen.

Said starrte in die leeren Augen gegenüber. Der Mann wirkte besorgt, hob seinen Schokoriegel und biss noch einmal ab. Er öffnete den Mund, und durch das Klingeln in Saids rechtem Ohr hörte er undeutlich: »Was war dein primäres Ziel?«

Saids Kopf drehte sich. Er dachte schnell und erkannte, dass er nicht ein zweites Mal dieselbe Antwort geben konnte. Er blicktezu den Händen des Mannes hinab, sah aber kein Werkzeug. Was er jetzt bemerkte, war ein Stahltisch auf Rollen, den er zuvor nicht wahrgenommen hatte. Auf dem Tisch lagen ein Hammer und verschiedene andere Werkzeuge. Es standen Flaschen mit verschiedenen Flüssigkeiten da, und er entdeckte etwas, das wie ein Fischernetz aussah. Jetzt spürte er, dass die Zähne auf der rechten Seite locker saßen. Er schluckte dicke Schwaden warmen Blutes. Sein ganzes Gesicht schrie vor Schmerz.

»Du bekommst noch eine Chance. Was war dein primäres Ziel?«

Die Stimme klang gemessen. Fast gelangweilt. Der Mann griff nach etwas auf dem Tisch.

Saids Nacken schmerzte, als er sich drehte, um zu sehen, was geschah. Der Mann im weißen Hemd goss etwas in ein gewöhnliches Trinkglas. Dann nahm er mit der anderen Hand einen Trichter.

Said schwieg. Er wusste, dass eine Frage gestellt worden war, aber er hatte keine Ahnung, wie er antworten sollte. Seltsamerweise fühlte er sich fasziniert von dem, was sich entfaltete. Neugierig, was der Mann tat. Es fühlte sich immer noch unwirklich an, widersprüchlich, dass der Mann, der ihn gerade mit solcher Wucht geschlagen hatte, am ehesten einem Bankangestellten glich.

Dann spürte er, wie zwei Hände seinen Kopf packten und ihn nach links neigten. Es knackte in seinem Nacken, und Said dachte: Jetzt werde ich gelähmt sein. Aber er konnte seine Zehen noch bewegen und die Fesseln an seinen Händen spüren.

Er sah den Mann mit dem Glas in der einen und dem Trichter in der anderen Hand aufstehen. Said versuchte, den Kopf gerade zu halten. Plötzlich spürte er Hitze, die von seinem rechten Ohr ausstrahlte, und eine Sekunde später breitete sich ein noch intensiverer Schmerz von der rechten Seite seines Kopfes aus und durchfuhr seinen Körper. Der Schmerz warf ihn nach hinten, der Stuhl kippte.

Das Letzte, was Said registrierte, bevor alles schwarz wurde, war, wie der Mann mit der Kappe ruhig aufstand, ihm mit der spitzen Schuhkappe seines polierten Schuhs in den Hinterkopf trat und langsam aus dem Raum ging.

ZWEI

Die Schwester neben ihm roch streng nach Antiseptikum und Schweiß. Martin Roeykens streckte den schmerzenden Rücken, atmete tief durch und stellte durch das einzige Fenster des Operationssaals fest, dass es draußen stockdunkel war. Der Generator summte in der Ferne.

»Achteinhalb?«, fragte die Schwester.

»Passt, danke.« Martin schob die Hände in die Latexhandschuhe, bis die Schwester losließ. Betriebsamkeit herrschte in der gekachelten Schulküche, die jetzt als OP-Saal für Ärzte ohne Grenzen (MSF) im abgelegenen Außenposten Lokichokio im Norden Kenias diente.

»Gut, dann legen wir los.«

Der kenianische Anästhesist saß am Kopf des Patienten und machte Notizen auf einem Block.

»Junger Mann, Alter unbekannt ...« Er warf einen Blick auf den sedierten Patienten. »... wirkt aber wie Anfang zwanzig. Von Kumpels auf einem Karren gebracht. Offenbar auf der Straße angehalten, wahrscheinlich ausgeraubt, und dann ist auf ihn geschossen worden. Eine Kugel in den Kopf, wie Sie sehen, und eine ins Abdomen. 90 mmHg systolisch. Puls hundertzwanzig.«

»Darf ich beginnen?«, fragte Martin.

»Bitte.«

Martin griff zum Skalpell. Die Haut gab spät nach, und er musste deutlichen Druck aufwenden, um sie durchzuschneiden. Die vier Muskelschichten spreizten sich wie überlappende Fächer.

Er trennte die Fasern, die sich zum letzten dünnen Gewebe öffneten, dem Bauchfell. Er schnitt vorsichtig und ließ den Druck ab, als dunkles, dickes Blut hervorquoll. Rasch erweiterte er die Inzision vom Rippenbogen gerade hinab zum Becken, um vollständige Sicht auf das gesamte Abdomen zu erhalten. Jetzt konnte er in Ruhe das Ausmaß der Zerstörung erfassen.

»Blutdruck nicht messbar.«

»Kopf tief«, erwiderte Martin ruhig. Er spürte den besorgten Blick der Krankenschwester.

Er schob die Därme zur Seite und war erleichtert zu sehen, dass der Dünndarm nur geringfügig beschädigt war. Er ließ sich mit wenigen Nähten versorgen. Martin war erschöpft und hoffte, sein Bett vor Sonnenaufgang zu sehen. Sie hatten seit gestern Morgen etwa zwanzig Fälle operiert. Mittag- und Abendessen waren im Stehen im Umkleideraum eingenommen worden.

Er wandte sich der Leber zu. Die Einschusswunde am Körper hatte auf die Leber hingedeutet, was den niedrigen Blutdruck erklären könnte. Es zeigte sich, dass der linke Leberlappen von der Kugel zerfetzt worden war und stark blutete. Martin streckte sich und begegnete dem Blick des Anästhesisten. »Verdammt.«

»Die Leber?«

»Das wird eine lange Nacht«, sagte Martin.

Der Anästhesist lächelte und schaltete das Radio an. »Okay, Doc. Lass dir Zeit. Er schafft es.«

»Das beruhigt mich.«

Der OP‑Saal schwang jetzt mit ugandischem Gospel.

DREI

Der Duft frisch aufgebrühten Kaffees holte Martin nach der zermürbenden Nachtarbeit im Operationssaal zurück ins Leben. Sein Körper hätte eine Woche Schlaf gebraucht, doch etwas hielt ihn davon ab, sich hinzulegen.

Er war müde. Verwirrt. Alles fühlte sich unwirklich an. Er war seit einer Woche in Afrika, arbeitete rund um die Uhr, aber nichts war mehr wie früher. Der Flow im Operationssaal war nicht mehr da. Die Freude beinahe verschwunden. Er fühlte sich unfokussiert. Träge. Ausgebrannt.

Er schauderte, als er an das dachte, was vor ein paar Wochen geschehen war. Die Auseinandersetzung mit dem Chefchirurgen am Karolinska-Universitätskrankenhaus.

Wie konnte alles nur so furchtbar schiefgehen?

Er schloss die Augen und atmete den rohen, feuchten Geruch der kalten Nacht ein, der in den dicken Steinwänden hing. Er nahm eine Ausgabe des TIME-Magazins von der klebrigen Tischplatte mit ihren Inseln aus getrocknetem Bier vom Vorabend. Er rollte die Zeitschrift zusammen und klopfte große Wachsbrocken von der hölzernen Tischplatte.

Lokichokio.

Von dem Ort hatte er noch nie gehört. Alles war sehr hastig entschieden worden, und bei dem Gedanken daran, worauf er sich eingelassen hatte, spürte er, wie sich hinter seinen Schläfen Spannung aufbaute. Das war nicht sein erster Einsatz für Ärzte ohne Grenzen. Aber sein letzter Einsatz lag zwei Jahre zurück, und damals hatte das Leben völlig anders ausgesehen.

Martin ließ sich in einen Korbstuhl sinken, der unter seinen fünfundneunzig Kilo ächzte. Die Feuchtigkeit im Speisesaal hing noch in der Luft und wartete darauf, von der trockenen Hitze abgelöst zu werden, die tagsüber wie ein Deckel über diesem Teil Kenias lag. Die einzigen Geräusche kamen von Rose, die in der Küche das Frühstück vorbereitete, und von der beginnenden Kakofonie der Morgenvögel vor dem Fenster.

Er schloss die Augen und versuchte, die Ruhe auszukosten, die im scharfen Gegensatz zum Lärm des Operationssaals stand. Er wusste, dass er Schlaf brauchte. Gleichzeitig brauchte man ihn im Krankenhaus. Bald würde er nach den Patienten der Nacht sehen müssen.

Normalerweise würde er keinen Widerstand verspüren, ganz im Gegenteil. Chirurgie war sein Leben. Doch die Dinge lagen nicht mehr so, wie sie einmal gewesen waren.

Der Kaffee schmeckte gut. Wenigstens etwas fühlte sich richtig an. Ansonsten: Ruhig. Still. Verlassen. Das kleine Haus mit seiner rissigen, weiß getünchten Fassade hatte offene Türöffnungen, bunte Stoffe hielten die Fliegen ab. Laue Brisen fanden ihren Weg hinein, wärmten seine Beine. Die Ruhe würde bald dem Motorenlärm von Land Rovern weichen, den Lastwagen, die Wasserzisternen transportierten, lautstarken Feldarbeitern, die über überfällige Wochenberichte diskutierten. Hämmern und Nageln von irgendeinem neuen Gebäude, das gebaut wurde, damit das Team sich vergrößern konnte.

»Guten Morgen.«

Martin zuckte zusammen. Nur einen Meter von ihm entfernt stand eine Frau und nippte an einer Tasse Kaffee.

»Guten Morgen«, sagte Martin. »Ich habe niemanden reinkommen hören.«

Die Frau, die Martin gegenüberstand, lächelte schief und zeigte ungleichmäßige Zähne, die ihr ein charmantes, markantes Lächeln verliehen. Sie hatte glattes, kastanienbraunes Haar, das zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden war. Ein dünnes, türkisfarbenes Tuch hing um ihren Hals, bereit, hochgezogen zu werden, um ihr Haar zu bedecken. Das um zwei Nummern zu große karierte Flanellhemd wirkte, als hätte sie es von einem Freund geliehen, und hing über einer grünen Tarnhose. Ein schwarzer Geldgürtel um ihre Taille hielt die Hose an Ort und Stelle. Sie schien in seinem Alter zu sein, knapp vierzig, schätzte er. Aber sicher zwei Köpfe kleiner. Ihr Lächeln überraschte Martin.

»Habe ich bemerkt«, sagte sie.

»Und wer bist du?«

Die Frau machte zwei schnelle Schritte auf Martin zu und streckte die Hand aus.

»Nadine Zaoui. Und du bist der neue schwedische Chirurg im Team. So viel habe ich mitbekommen. Der Fahrer erwähnte jemanden, mit dem ich Kaffee trinken könnte.«

»Martin Roeykens.«

»Stört es dich, wenn ich mich dazusetze?«

»Bitte.«

Nadine zog einen Stuhl heran, streifte ihre Stiefel ab und zog die Füße hoch. Sie begann, ihre Fußsohlen zu massieren. »Ich bin nur auf der Durchreise. Fahre nach dem Mittagessen weiter nach Norden. Kennst du Turkana?«

»Nein.«

»Glück gehabt. Du hast etwas, worauf du dich freuen kannst. Es ist eine absolut fantastische Gegend, etwa fünfundneunzig Kilometer nördlich. Rund um den Turkana-See, fast bis zur sudanesischen Grenze. Flamingos, ausgetrocknete Flussbetten, Steinlandschaften, ein Nachthimmel voller Sterne.«

»Klingt wunderbar.«

»Normalerweise mache ich hier in Loki Zwischenstation und hänge ein bisschen mit Alex rum, dann fahre ich so schnell wie möglich hoch zum See.«

Schweigen.

»Alex Cantona, meinst du? Deinen Chef?«

»Genau. Entschuldigung, ich habe mich in den schönen Bildern verloren, die ich dir da gemalt habe.«

Martin meinte, ein Erröten auf dem Gesicht der schönen Frau zu erkennen.

»Ich übernachte auf dem Weg normalerweise bei Alex, weil es hier oben keine Hotels gibt. Und es ist ziemlich gefährlich, allein herumzureisen. Für Frauen allein, verstehst du.«

»Kann ich mir vorstellen.« Martin nippte an seinem Kaffee.

»Also lasse ich mich normalerweise mit zum Turkana-See nehmen. Es ist immer irgendein Lastwagen unterwegs dorthin. Oder ich fahre mit den Chinesen mit, die auf der anderen Seite des Sees ihre Minen haben.«

»Die Chinesen?«

»Nicht viele Leute wissen das, aber direkt an der äthiopischen Grenze gibt es etwa tausend chinesische Bergleute. Tausend ist vielleicht übertrieben, aber es sind jedenfalls ziemlich viele.«

»Erstaunlich, wie viel man nicht weiß.«

Martin saß wie gebannt. Vollkommen gefesselt von ihrer Schönheit.

Nadine sah sich um. »Es ist wirklich ziemlich gemütlich hier. Sie müssen seit meinem letzten Mal neu gestrichen haben. Besser als der übliche Standard, muss ich sagen.«

»Vielleicht.«

»Ach, komm. Du hast doch bestimmt schon mit anderen Teams gearbeitet. Deutlich schäbigere Orte gesehen.«

»Allerdings.« Martin wusste nicht recht, was er sagen sollte. Am liebsten hätte er sich einfach zurückgelehnt und ihre Gesellschaft genossen.

»Möchtest du frühstücken?«, fragte er.

»Sehr gern. Wie aufmerksam.«

»Ich schaue mal, ob schon etwas fertig ist.« Er stand auf. Er musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht vom Blutdruckabfall in Ohnmacht zu fallen.

»Vielleicht habt ihr hier am Ende der Welt sogar Gemüse. Ich rechne eher mit faden Energiekeksen im Auto, schätze ich.«

»Gemüse?«

»Ja, du weißt schon. Sachen, von denen man groß und stark wird. Davon verstehst du bestimmt was.«

»Ich?«

»Große Kerle.«

»Ich esse meistens Fleisch und trinke zu viel Bier. Aber ich schaue mal.«

Martin ging hinaus und bat Rose um Frühstück. Frisches Gemüse hatte sie nicht auftreiben können; die Dürre war derzeit absolut.

»Du bist also Ärztin?«, fragte Martin, als er zurückkam. Er trank von seinem Kaffee.

»Anthropologin. Aber ich war schon mehrfach für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz gewesen. Momentan ist es allerdings hauptsächlich Forschung. Meine Institution ist in Paris.«

»Faszinierend.«

Sie lachte. »Ach, komm. Das glaubst du doch selbst nicht. Du bist Chirurg.«

»Nein, wirklich. Wie lange arbeitest du schon in Turkana?«

»Etwa fünfzehn Jahre.«

Martin lehnte sich vor. »Entschuldige meine Unwissenheit, aber was macht eine Anthropologin eigentlich so?«

»Ich erforsche männliche Sexualität.« Sie fixierte ihn mit ihrem Blick.

»Sexuelle …?«

»Na ja, jemand wie du müsste doch alles über Sexualität wissen.«

»Jetzt bin ich verloren.«

Nadine brach plötzlich in Lachen aus. Ein lautes, befreiendes Lachen, das Martin seine schwitzenden Hände vergessen ließ. Ihre Augen verschwanden in feinen Linien. »Ach, ich nehme dich auf den Arm.« Sie legte ihre Hand leicht auf seinen Oberschenkel.

Er spürte die Wärme ihrer Hand. Dann lächelte er. Es war ein Gefühl von Freude, das irgendwo im unteren Rücken begann und sich bis zu den Haaren im Nacken ausbreitete.

»Ah«, sagte Nadine. »Du kannst also lächeln.«

»Scheint so.«

»Ich bin wirklich froh, dass du so früh auf warst. Damit ich jemanden zum Reden habe, meine ich.«

Sie knöpfte den obersten Knopf ihres Hemds auf und zog das Tuch vom Hals.

»Forschung ist meistens ein bisschen einsam. Deswegen schätze ich die Stopps hier in Loki. Ein bisschen letzte Zivilisation, bevor das Einsiedlerleben übernimmt.«

»Gut, dass ich mich nach meiner Nachtschicht nicht hingehauen habe. Nicht jeden Tag wird einem zum Frühstück so eine angenehme Überraschung serviert.«

Martin begegnete ihrem intensiven Blick und spürte, wie jeder Teil von ihm dieser Frau vollkommen verfiel.

»Erzähl mir mehr über deine Forschung.«

Nadine räusperte sich. »Die jungen Männer dort oben werden mit fünfzehn oder sechzehn zum Mann initiiert. Sie opfern ein Tier und erhalten ihre ersten Waffen von den Ältesten. Um dann wirklich Männer zu werden, müssen sie im Idealfall einen anderen Menschen töten.«

»Ein Scherz?«

»Es ist wahr. Und sie bekommen eine Narbe in die Schulter geritzt. Aber das Faszinierendste ist die enge Beziehung, die sich zwischen den Männern und ihren Tieren entwickelt. Sie verbringen extrem lange Perioden in der trockenen Landschaft. Allein. Mehrere Monate am Stück, bis zu dem Punkt, an dem sie anfangen, mit den Tieren zu sprechen. Die Tiere werden zu den besten Freunden der Jungen und später sogar zu ihren, wie sagt man auf Englisch, sinnlichen Objekten.« Ein Grübchen zeigte sich in einer Wange, als sie lächelte. »Aber sie haben keinen Sex mit den Tieren.«

»Gut, dass du Gedanken lesen kannst.«

»Nicht wahr? Letztlich konzentrierte sich meine Dissertation also auf die Beziehung zwischen den Nomaden und den Tieren.«

»Bist du jetzt für Folgestudien hier?«

Sie wurde plötzlich ernst und zog die Knie an den Bauch.

»Der Plan war, die Männer jetzt zu befragen, fünfzehn Jahre später. Aber wie du vielleicht weißt, ist die gesamte Region zu einem Pulverfass geworden.«

»Das wusste ich nicht.«

»Die Menschen sind unglaublich arm und die meisten arbeitslos. Bandengruppen bilden sich und streifen frei über die Grenzen. Sie stehlen Vieh und transportieren es per Bahn nach Nairobi oder Mombasa. Mehrere Politiker in Nairobi wurden beschuldigt, dabei zu helfen. Viele Menschen sind sowohl körperlich als auch psychisch geschädigt worden.«

»Ich wusste, dass Kenia korrupt ist, aber ...«

»Vor zwei Jahren also erhielt ich ein ziemlich großzügiges Stipendium vom Nationalrat der Kirchen in Kenia. Nein, ich weiß, was du denkst – ich bin keine Christin.« Nadine strich mit der Hand über ihr Tuch. »Aber da gab es Fördergelder. Also musste ich meine Studien neu ausrichten, um Konfliktbewältigung in der Region um den See zu untersuchen. Viele ethnische Gruppen sind beteiligt, und die kenianische Regierung ist mit jeglicher Vermittlung gescheitert. Es gibt auch keine anständige Gesundheitsversorgung für die Verletzten. Bauern werden nachts von verschiedenen Banden überfallen. Die Nomaden werden zwangsumgesiedelt, damit die Behörden sie kontrollieren können. Der Vorwand ist, Schulen und Gesundheitsversorgung für sie zu schaffen.« Sie schnaubte. »Aber diese Menschen wollen ihre Lebensweise nicht ändern. So unglaublich kurzsichtig. So kurzsichtiges Denken. Die Leute haben endlich begriffen, dass man die Probleme auf einer tieferen Ebene verstehen muss. Und da komme ich ins Spiel.«

Martin lächelte. Er mochte ihre Leidenschaft und ihre Schönheit. Er konnte sich nicht erinnern, wann ihm zuletzt eine so fesselnde Frau begegnet war. Seine Gedanken schweiften ab zu dem ersten Mal, als er und Johanna sich auf einem Garnelenfest kennengelernt hatten. Eine Ewigkeit her.

»Diesmal habe ich vor ungefähr einem Jahr mit einer Situationsanalyse angefangen. Heute sind es eher kürzere Einsätze im Feld. Sonst lebe ich meistens in Nairobi.«

»Ist deine Familie dort?«

Sie blickte auf die Tischplatte. »Nun ja. Darüber rede ich lieber nicht.«

Martin trank seinen Kaffee aus. Er war neugierig auf Nadines familiäre Situation. »Wenn du also nach Turkana fährst, bleibst du bei Ärzte ohne Grenzen?«

»Ja, und von dort aus mache ich Tagesausflüge. Sie sind so lieb, diese kleinen Aktivisten. Wirklich leidenschaftlich bei dem, was sie tun.«

»Es sind oft ziemlich einzigartige Charaktere.«

Nadine legte den Kopf schief. »Du musst ein richtiger Feldveteran sein. Einer von denen, die nicht genug von Afrika bekommen und denen die Krankenschwestern nur so durch die Hände gehen.«

Martin lächelte. »Für mich ist es meistens Arbeit. Aber was hast du in deiner Forschung herausgefunden? Erzähl doch mal.«

»Bisher nichts. Nichts davon hat meines Erachtens mit den grenzüberschreitenden Konflikten zu tun. Diesmal konzentriere ich mich auf Konfliktlösung zwischen Nomaden und Bauern.«

Rose kam herein mit Kaffeetassen, trockenen Schokokeksen, zwei Eiern, vier Scheiben gebratenem Brot und einem Teller mit Butter.

»Danke, Rose«, sagte Nadine und bekam ein warmes Lächeln zurück.

»Weiter«, sagte Martin, als Rose den Raum verließ.

Nadine zögerte. »Oh je. Herr im Himmel, ich quassle schon wieder nur von mir. Erzähl du stattdessen. Wer bist du? Wie lange bist du schon in Loki?«

»Ich bin vor einer Woche angekommen. Hab kaum etwas außer dem Krankenhaus gesehen. Also ist es wohl, wie es sein soll.«

»Alter? Verheiratet? Kinder?« Sie hielt inne. »Oh, Entschuldigung, viel zu persönlich. Ich kann nicht anders. Hast du viel in Afrika gearbeitet?«

»Ziemlich viel.« Martin dachte an seine Kinder. Wie sehr er sie vermisste.

Nadine lachte. »Ihr Skandinavier. Man muss euch die Informationen aus der Nase ziehen. Seid ihr alle so wortkarg?«

»Nicht alle. Aber ich würde wirklich gern mehr über deine Forschung hören.«

»Richtig. Im vergangenen Jahr habe ich Interviews geführt. Da ich nicht so leicht herumkomme, haben mir alte Freunde geholfen, die mich in die Dörfer fahren. Letztes Weihnachten bin ich einigen Männern über den Weg gelaufen, die ich in den Achtzigern interviewt hatte, Leute, die an meinen früheren Studien teilgenommen hatten.«

Martin hörte aufmerksam zu. »Und?«

Nadine schien zu zögern.

»Wenn es vertrauliche Ergebnisse sind, musst du nichts erzählen.«

»Darum geht’s nicht.« Sie fuhr sich mit den Händen durchs Haar. »Sie haben mir erzählt, dass eines der Dörfer, in denen ich ziemlich viele Interviews geführt hatte, sich irgendwann in den späten Achtzigern aufgelöst hat, etwa achtundachtzig.«

»Aufgelöst?«

»Das Dorf ist einfach verschwunden. Es wurde irgendwie angegriffen.«

»Angegriffen von wem?«

»Weiß nicht. Niemand will Details preisgeben. Die Leute aus dem Dorf haben sich alle zerstreut, also habe ich darum gebeten, mit einigen der ehemaligen Bewohner zu sprechen, mit welchen, die ich schon kannte. Ich habe ein paar von den Jungen ausfindig gemacht, also, sie sind inzwischen Männer, und ...« Nadine sah Martin unsicher an. »Sie waren so seltsam.«

»Seltsam inwiefern?«

»Sie waren ... müde.« Sie blickte sich um. Das Lächeln war weg. Die Luft im Raum fühlte sich plötzlich bedrückend an. »Manche waren extrem schüchtern. Manche gingen seltsam, hinkten und klagten über Schmerzen an Händen und Füßen.«

»War etwas Bestimmtes vorgefallen?«

»Ich habe gefragt, aber sie sagten nein. Aber ich bin keine Ärztin. Ich wusste nicht recht, wonach ich fragen sollte. Einer der Männer schien geistig beeinträchtigt. Ich erinnerte mich an ihn aus den Achtzigern; er war ein aufgeweckter Junge. Jetzt war er langsam. Sprach bedächtig. Und er hinkte, konnte kaum laufen.«

»Merkwürdig.«

Rose kam herein mit einer Kaffeemaschine voll schwarzem Kaffee.

»Wir haben keinen Arzt in Turkana, und das ist schade, denn ich habe diese Auffälligkeiten dem Standortleiter dort oben gemeldet, Yven Rochels. Und auch meinen Vorgesetzten in Paris. Ich würde externe Hilfe begrüßen. Objektive Augen, die sich die ganze Situation genauer ansehen. Am besten einen Arzt.«

»Es klingt unbestreitbar faszinierend. Seltsam, aber faszinierend. Was glaubst du, könnte die Ursache sein?«

»Keine Ahnung.«

»Und das Dorf, das verschwunden ist?«

»Keinen Schimmer.«

Nadine sah Martin mit ihren intensiven Augen an. »Du hättest nicht zufällig die Möglichkeit …?«

»Ich? Nein, ich bin völlig an das Krankenhaus gebunden. Einziger Chirurg.«

»Nein, natürlich. Fragen kostet nichts.« Sie warf einen Blick auf die Uhr. »Hoppla. Wie die Zeit vergeht, wenn’s nett ist. Ich muss Alex einholen. Aber vielleicht sehen wir uns ja wieder.«

Sie stand auf und nahm ihren Koffer.

»Ja, das wäre schön.«

Nadine stand in der Tür. »Dr. Roeykens?«

Martin lächelte. »Martin.«

»Es war wirklich schön, dich kennenzulernen.«

Er fing ihr schönes Gesicht ein, im Gegenlicht der Tür.

»Ebenso.«

Martin blieb noch lange sitzen. Er horchte in sich hinein. Er erkannte, was er fühlte: Lachen. Es hielt im Körper. Es war das erste Mal seit sehr langer Zeit, dass er gelacht hatte. Ein wunderbares Gefühl. Wie nach einem langen Lauf, voller Endorphine.

Er schloss die Augen. Bewahrte Nadines Gesicht in seinem inneren Auge.

VIER

Steven Waxman, Vater von sechs Kindern und Regionalleiter der CIA-Einheit für Ostafrika, saß am Schreibtisch und telefonierte. Dritte Etage des Gebäudes, das offiziell als Personalunterkunft für Mitarbeiter der US-Botschaft diente. Aus Sicherheitsgründen lag das Haus auf dem gleichen abgeschlossenen Gelände wie die Botschaft. Er drehte sich zu Robert Hunt um, einem Mitglied der Pillar of Truth Ministries aus West Virginia, der den Raum betrat und ihn beiläufig begrüßte. Steven warf seinem Kollegen einen ausdruckslosen Blick zu und sprach weiter mit jemandem am Telefon, vermutlich einem Beamten, dem Ärger in seiner Stimme nach zu urteilen. Er drehte den Stuhl wieder zum UN-Gelände, das an die Botschaft grenzte.

Robert knöpfte die Jacke auf und wartete, bis sein Vorgesetzter das Gespräch beendet hatte. Er bemerkte die Mappe, die Steven beim Eintreten rasch geschlossen hatte. Steven warf schließlich das Schnurlostelefon mit einem Knall auf den Schreibtisch.

»Verdammte Afrikaner. Sind die genetisch faul oder einfach nur zugedröhnt von dem ganzen Müll in dieser Stadt? Man kann es ihnen kaum verübeln. Nicht ihre Schuld, dass der Ort hier eine stinkende Müllhalde ist.« Er trommelte mit den Handflächen auf die Tischplatte und murmelte weiter: »Verdammte Briten.«

Er zündete sich eine Zigarette an und nahm einen Schluck Kaffee aus einem Becher, der nach Roberts Einschätzung die Brühe von gestern enthielt. »Sieht so aus, als hätten Sie die ganze Nacht nicht geschlafen, Bob. Zu Hause zu viel los?«

»Wenn sonst nichts war, dachte ich ...«

»Ruhe«, unterbrach ihn Steven und hob eine Hand. »Hören Sie das?«

»Was denn?«

»Eben. Nichts. Ich auch nicht. Die rennen hier noch nicht mit Berichten und Faxen aus Washington herum. Herrlich, verdammt noch mal. Stimmt’s, Bob? Einfach großartig.«

»Steven, irgendwelche Besprechungen heute?«

Steven hörte auf zu lächeln. »Nicht, dass ich wüsste.« Er zündete sich noch eine Zigarette an. »Nicht, dass ich wüsste, Bob.« Dann wandte er sich wieder seinem Computer zu, um weiterzuarbeiten. »Wie lief es übrigens in Somalia?«

»Alles unter Kontrolle. Wir haben gerade im Centre angefangen. Wie Sie wissen, dauert es normalerweise ein paar Tage, bis es läuft.«

»Und dieser Äthiopier könnte uns zu jemandem führen, der die Zelle lenkt, sagten Sie?«

»Er ist Somalier und ...«

»Halten Sie mir keinen Geografievortrag, Bob. Dafür bin ich nicht in Stimmung. Entscheidend ist, dass Sie den verdammten Schafhirten fertigmachen bis aufs Blut und schnellstens ein paar Namen von den anderen in der Zelle kriegen.«

»Er ist Lehrer. Ich ...«

»Werden Sie jetzt frech, Bob? Mir ist scheißegal, was dieser verdammte Araber beruflich macht.«

»Er ist Lehrer.«

»Sie sind heute aber vorlaut.« Robert holte einen Kaugummi heraus. »Herrgott, Bob. Sie stellen mich heute wirklich auf die Probe. Alles, was ich will, ist eine bessere Statistik für dieses Quartal. Verstehen Sie?«

»Klar.« Steven wandte sich wieder seinen Papieren zu.

»Nein, Bob. Ich glaube, Sie verstehen es nicht.«

Robert stand schweigend da. Er ließ den Blick über die schönen Bäume schweifen, die das UN‑Gebäude umgaben. Er ging im Kopf die Tagesagenda durch.

»Bob. Ich hoffe, Ihnen ist klar, dass wir noch nicht eine einzige Person geliefert haben, die mit den Botschaftsbomben letztes Jahr in Verbindung steht. Washington sitzt mir im Nacken. Verdammt, die setzen mir brutal zu. Bald müssen wir einen Schuldigen erfinden. Und sei es jemand, der den Bastarden Kaffee gekocht hat, die den Laster in die Botschaft gefahren haben. Verdammt!« Er suchte auf seinem Schreibtisch nach Unterlagen. »Dieser Fassol Ab ...«

»Fazul Abdullah.«

»Sind wir sicher, dass er verantwortlich ist?«

»Alle Beweise weisen darauf hin.«

»Dann sollten wir die Projekte in Sudan, Tansania und Uganda vorerst auf Eis legen. Alle Ressourcen auf Somalia konzentrieren.«

»Und Kenia?«

»Kenia bleibt vorerst drin.«

Robert wartete eine Minute. Als er zur Tür ging, hörte er Steven sagen:

»Ach, richtig, hätte ich fast vergessen. Gestern Nacht kam ein Anruf. Wir haben möglicherweise ein weiteres ›Paket‹ im Anmarsch. Oben im Norden. K-Zone. Sie müssen Vorbereitungen treffen. Wahrscheinlich eine Übernahme in ein paar Wochen. Könnte aber auch früher sein. Wir müssen bereit sein.«

Robert hielt inne.

»Und jetzt bloß nicht versauen!«, sagte Steven laut, während er weiter auf seinem Computer tippte. »Jetzt reden wir über Kenia. Nicht dieses Niemandsland namens Somaliland.«

Robert kannte den Druck, den Washington auf Steven ausübte. Neue Ernennungen wurden zum Jahresende erwartet. Neue Posten, die mit den richtigen Leuten besetzt werden mussten. Leuten, die gute Arbeit geleistet hatten. Fast tat ihm sein Chef leid.

»Sie meinen …?«

»Bob. Bitte. Kommen Sie schon! Ich meine nur, wir wollen diesmal keine zusätzliche Hilfe vom Europabüro. Kein verdammtes Verhätscheln.«

Steven blickte von seinem Computer auf zu einem Foto von Bill Clinton an der Wand und schnaubte. Er nahm eine halb leere Wasserflasche aus einer offenen Schublade und warf sie direkt auf das Foto. Die Flasche verfehlte das Ziel und prallte vor Roberts Füßen auf den Boden.

»Verdammter Mist!«, brüllte Steven. »Aber bald kommen bessere Zeiten. Entschlossenere Führung aus Washington. Dieses verdammte Europabüro. Verdammte Mittelsleute, und vor allem will ich diesen verdammten Irren hier nicht haben.«

Robert wusste genau, wer gemeint war.

»Allein der Name, Bruno, bringt mich zum Kotzen. Mein Sportlehrer am College hieß Bruno. Verdammte Schwuchtel. Wissen Sie, was ich über Homosexuelle denke, Bob?«

»Sie haben es mir schon ein paar Mal gesagt, ja.«

Robert sah auf die Uhr. »Kann ich ein bisschen mehr Informationen über das ›Paket‹ bekommen?«

»Frau. Deckname: Heroin. Das ist alles, was Sie vorerst wissen müssen. Reist normalerweise mit den Chinesen da oben herum. Den Rest der Geschichte bekommen Sie, wenn ich es für angemessen halte.«

Für die Information hatte er kaum drei Sekunden gebraucht. Robert wartete auf mehr, aber Steven senkte den Blick zurück auf den Computerbildschirm. »Ich komme mit Einzelheiten auf Sie zu. Schalten Sie Ihr Telefon nicht aus.«

Plötzlich hielt er inne und sah Robert direkt ins Gesicht. »Bob. Es ist mir scheißegal, ob Sie diese Frau zurück in die Steinzeit foltern. Es ist mir scheißegal, ob Sie dasselbe mit ihrem Bruder machen, ihrer Mutter, ihrem Vater, dem ganzen verdammten Stammbaum. Es ist mir scheißegal, wie Sie es machen. Und wer es macht. Das Einzige, was mich interessiert, ist, dass es Ihnen gelingt, irgendwelche verdammten Informationen aus ihr herauszuholen, die ich auf ein Blatt Papier schreiben und über den Atlantik schicken kann. Ist das klar?«

»Glasklar, Boss.«

»Gut, Bob.« Steven sah aus dem Fenster.

Robert wartete ein paar Sekunden. Nichts weiter folgte. Er verließ den Raum mit einem guten Gefühl im Bauch.

Steven versuchte, nicht mehr an Clinton zu denken, und konzentrierte sich auf seine Arbeit. Er schlug die Mappe auf dem Schreibtisch wieder auf und las weiter über den Forscher aus Antwerpen, der Kontakt zu der Frau aus Paris aufgenommen hatte. Er las über die Situation, die sich entwickelt hatte.

Sie würden sich um beide Forscher kümmern müssen und um jeden, der möglicherweise involviert war. Delikat. Dazu mehrere verschiedene Dienststellen. Und leider leitete das Europabüro die Operation. Ein Verwaltungschaos, das Zeit kosten würde. Durfte nicht schiefgehen. Stand nicht zur Debatte.

Dann schloss er die Mappe und griff zu einer frischen Wasserflasche. Er hob den Hörer ab und wählte die Kurzwahl seiner Sekretärin. »Holen Sie mehr Wasser. Und sorgen Sie dafür, dass es kalt ist. Ist das so verdammt schwer?«

Er knallte den Hörer auf.

Schweißperlen hatten sich auf Stevens Stirn gebildet.

Robert ging in sein Büro. Er schaltete den Computer ein und stellte fest, dass seit dem Vorabend keine neuen E‑Mails eingegangen waren. Er ging mit seiner Sekretärin den Wochenplan durch, einer rundlichen Südstaatlerin aus New Orleans, die den Job durch Beziehungen bekommen hatte.

Dann fuhr er mit dem Lift ins Untergeschoss. Diesmal zog er einen anderen Ausweis hervor, den er an einer Kette um den Hals trug. Er legte den Daumen auf eine schwarze Glasplatte, die neben dem Wachmann montiert war. Der Abdruck wurde in drei Sekunden gescannt, woraufhin sein Name gefolgt von einem »OK« in Hellblau auf einem Bildschirm erschien.

Der Wachmann, ein kahlköpfiger Mann namens Hank, nickte Robert zu und öffnete die Tür. Er trat in einen kleinen Raum, nicht mehr als vier mal vier Meter. Keine Fenster. Drei Männer saßen vor Doppelbildschirmen und überwachten eine Reihe von Zahlen und Punktlinien. Sie nickten Robert zu, als er eintrat.

Er setzte sich vor einen freien Bildschirm und tippte Codes auf der Tastatur. Las aufmerksam. Es gab eine Nachricht zur Lage oben in der K-Zone. Doch sie war kurz. Er würde weitere Informationen von Steven abwarten müssen.

Robert dachte an die Mappe auf Stevens Schreibtisch.

Er druckte eine Seite aus und verließ den Raum mit den Worten: »Vergesst nicht: Draußen gibt es Licht.« Dann setzte er seine rote Baseballkappe mit den weißen Buchstaben VT auf.

FÜNF

Martin Roeykens bekam keine Luft hinter seiner OP-Maske.

»Kannst du sie runterziehen?«, fragte er die OP-Schwester, die neben ihm stand und zwei Wundhaken in dem offenen Bauch hielt. Der Patient auf dem Tisch war mit einem Darmverschluss eingeliefert worden, der sich als Dickdarm voller Parasiten herausgestellt hatte. Martin hatte geöffnet, gesäubert, ein Stoma angelegt. Er spülte mit mehreren Nierenschalen voll Kochsalzlösung. Der Schweiß, der ihm in die Augen lief, trieb ihn in den Wahnsinn.

Als die Schwester nicht reagierte, zog Martin die Maske mit seinem blutigen linken Handschuh herunter. »Verdammt. Gib mir eine neue«, sagte er und streifte den Handschuh ab. In derselben Bewegung stieß er vier Klemmen um, die in einer Schale auf dem Tisch lagen. »Verdammt noch mal.«

Die Schwester sah Martin besorgt an. Dann ihre Assistentin, die in der Nähe stand und sofort begann, einen neuen Satz Instrumente zusammenzutragen.

»Entschuldigung«, brachte er heraus.

Die Luft im OP war erdrückend. Ein einzelner Ventilator kämpfte einen aussichtslosen Kampf gegen die 35 Grad. Die ehemalige Schulküche war weiß gefliest gewesen, doch jetzt verschwanden die Wände hinter Instrumentenkoffern, Infusionsständern, überquellenden Regalen. Der Generator vor dem Fenster dröhnte durch den Raum. Von den Anästhesiegasen, die aus den alternden Kunststoffschläuchen entwichen, wurde allen, die hier arbeiteten, übel, und sie machten sie müde.

Es war zehn Uhr morgens, und die Hitze würde noch steigen. Das Fenster stand offen, doch es half nichts. Am OP-Tisch mischte sich der scharfe Geruch von Schweiß mit dem süßlich riechenden Blut auf dem Boden, das von der schwarzen Hartplastikoberfläche des Tisches tropfte. Blutige Tücher hingen wie trocknender Fisch an einer Stange.

»Ich kann nicht mehr. Hol mir was mit Kohlensäure, bitte.«

Die Assistentin ging zum Waschbecken und holte die Literflasche mit abgestandener Fanta. Sie hielt ihm den Strohhalm hin und Martin trank in langen Zügen. Er beendete die Operation, indem er den Bauchmuskel nähte, dann die Haut der Mittellinien-Inzision. Sie klaffte mehrere Zentimeter auseinander, als er fertig war.

»Willst du nicht …?«, fragte die Assistentin und deutete auf die Wunde.

»Du kannst den Rest mit Steri-Strips kleben.« Martin streifte hastig seinen blauen OP-Kittel und die Maske ab. »Danke.«

Die Stiefel, in denen er drei Stunden operiert hatte, schmatzten vor Schweiß, als er in den Vorraum des Operationssaales ging. Er warf seine durchnässte OP-Kleidung in die Ecke des Raums. Dann sah er zurück in den Saal, wo die Pflegekräfte schweigend weiterarbeiteten.

»Tut mir leid, dass ich kurz angebunden war. Alles in Ordnung? Kommt ihr zurecht?«

Die OP-Schwester blickte auf. »Wir kommen zurecht.«

Als er auf den roten Kies hinaustrat, traf ihn die Sonne wie ein heißes Tuch ins Gesicht. Sofort bereute er, den OP so abrupt verlassen zu haben. Gereizt über sich selbst, über seine Gereiztheit und miese Laune. Er erkannte sich nicht wieder.

Zwei Wochen waren vergangen, seit Nadine Lokichokio verlassen hatte. Martin hatte sie noch flüchtig gesehen, als sie aus der Besprechung mit Alex kam. Sie hatten Blicke getauscht, mehr nicht.

Er glaubte, eine Mischung aus Anspannung und aufgesetztem Lächeln wahrgenommen zu haben. Er wusste nicht, wie er das deuten sollte. Er hatte viel über ihre Frustration mit der Arbeitssituation oben in Turkana nachgedacht. Sie hatte ihn mehr oder weniger um Hilfe gebeten. Und seine instinktive, feige Antwort war ein Nein gewesen. Es hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen. Doch mit jeder Stunde, die seit ihrem Verschwinden in dem holpernden Land Rover verstrichen war, hatte er seine Entscheidung bereut. Seitdem kreisten seine Gedanken endlos. Diese Nomaden mit ihrer Sexualität hatten ihm das Hirn vernebelt. Die Leidenschaft, mit der sie ihre Geschichte erzählt hatte, hatte etwas in ihm geweckt. Er konnte einfach nicht aufhören, an die unverblümte Frau zu denken, die an jenem seltsamen Morgen in sein Frühstück geplatzt war. Zwei Stunden, die ihn, mehr als er ahnte, verändert hatten. Aber er war sich nicht sicher, wie. Das Lächeln, das sie ihm hatte entlocken können, war unerwartet gewesen. Im Rückblick überraschte es ihn, wie viel das wahrscheinlich tatsächlich bedeutete. Im Gegensatz zu dem, was er zu Hause hatte. Dass er die letzten Jahre in einer grauen Blase gelebt hatte, völlig ohne Freude und Sinn. Er hatte alles ertragen. Johanna. Seinen Chef in der chirurgischen Abteilung. Sich selbst. Nur mit seinen Kindern hatte er echte Freude erlebt.

Er dachte an das Gespräch, das er am Vorabend mit Gabriella geführt hatte. Wie stolz er gewesen war, als sie ihm von Kenias Hauptstadt erzählte. Und die Krönung war, dass sie sich in ihr Zimmer geschlichen hatte und Johanna nichts von ihrem geheimen Anruf nach Afrika erzählen wollte. Martins Beziehung zu Tom war komplexer. Oder vielmehr: passiv.

Ihm wurde klar, dass er in seinem früheren Leben so vieles unvollendet gelassen hatte. Unabgeschlossen. Und dann hatte plötzlich Nadine, eine völlig Fremde, allein durch ihren Charme nach so langer Zeit wieder etwas in ihm ausgelöst.

Nomaden. Sexualität. Chinesische Minen. Korruption. Umherziehende Räuberbanden, die grenzüberschreitend ihr Unwesen trieben. Er dachte daran, was Nadine ihm über ihr Projekt in Turkana erzählt hatte. Wie gern wäre er mitgefahren. Hätte ihr helfen können. Sie kennenlernen können.

Martin ging hinüber zu den Kinderzelten, um seine Runde zu machen. Die Hitze war gnadenlos in der trockenen Luft. Östlich des Camps erstreckte sich ein weites, flaches Gebiet, bevor kleinere Felsformationen das Land übernahmen. Von der mit Akazienbäumen spärlich bewachsenen Ebene her wehte eine erfrischende Brise.

Er betrat den Bereich, in dem die Krankenzelte standen. Seine Füße schmerzten. Er kam an zwei Mädchen vorbei, denen die Unterschenkel amputiert waren und die geschickt auf ihren selbstgebauten Krücken balancierten, einander zulachend. Als er das Zelt betrat, kamen ihm vier Kinder entgegen, die an seinen Händen zogen und begannen, an ihm hochzuklettern, als wäre er ein mobiles Klettergerüst. Ein kleiner, drahtiger Junge nahm Anlauf auf seinem Oberschenkel und nutzte ihn als Sprungbrett auf seiner weiteren Reise über Martins Schulter, bis er binnen fünf Sekunden triumphierend auf seinen Schultern saß.

Die Zelte funktionierten wie Gewächshäuser, in denen die feuchte Hitze gefangen blieb. Es stank nach Abszessen, Durchfall, schlecht gewaschenen Kindern. Es war kaum auszuhalten, sich länger als nötig im Zelt aufzuhalten. Trotzdem fühlte es sich hier etwas besser an als im OP, wo ihm an diesem Morgen die Geduld zu Ende gegangen war.

»Wo steckt John?«, rief Martin neckend den anderen Kindern zu, die jetzt vor Freude kreischten. »Hat irgendwer John gesehen? Kommt schon. Helft mir suchen.«

Er tat so, als würde er hinter einer Holzpritsche suchen, und hatte nun zwanzig Kinder um sich, die versuchten, John von seinen Schultern herunterzuziehen. John wehrte sich und zog die Beine hoch, um den greifenden Armen zu entgehen.

»Na gut. Dann müssen wir wohl mit der Arbeit weitermachen und sehen, ob er wieder auftaucht.«

Martin näherte sich einem Tisch am Ende des Zelts, an dem zwei Krankenschwestern saßen und Patientenakten ausfüllten. Sie lächelten Martin an, der den dünnen, aidskranken John auf dem Arm trug, den alle gut kannten, da er nach seinen vielen Schüben von Tuberkulose, Gewichtsverlust, Durchfall und Gürtelrose am längsten im Zelt war.

»Guten Morgen, Doktor Martin.« Martin erwiderte den Gruß und setzte John ab, der sich noch festklammern wollte. »Wo fangen wir heute an?«

»Wir können mit den Neuankömmlingen beginnen, die in der Nacht eingetroffen sind«, antwortete Purity, eine junge Krankenschwester mit eng geflochtenen Haaren, die mit dunkelblauen Perlen in schönen Mustern über ihrem Rücken zusammengebunden waren.

Sie sah Martin vertrauensvoll an.

Martin und Purity untersuchten fünf neu eingetroffene Kinder. Sie tasteten vergrößerte Milzen und Lebern. Sie bestätigten zwei neue Malariafälle und leiteten die Behandlung ein. Sie sprachen mit den Eltern der Kinder und erklärten, so gut sie konnten. Gerade als sie auf die andere Seite des Mittelgangs wechseln wollten, betrat Martins Projektleiter, Alex Cantona, das Zelt. Er duckte sich, um nicht mit dem Kopf gegen die Glühbirnen zu stoßen. Er manövrierte seinen langgliedrigen Körper zwischen den Pritschen hindurch. Martin sah sofort, dass etwas nicht stimmte.

Alex kam auf Martin zu. »Können wir kurz reden, Doc?« Er wich Martins Blick aus.

»Natürlich.«

Sie gingen hinaus und blieben unter einem massigen Baum stehen, wo die Mütter ihre Kochtöpfe auf Kohlebetten gestellt hatten. Wasser blubberte unter dünnen Aluminiumdeckeln. Mehrere bunte Plastikwannen waren mit leuchtend grünen Pflanzen gefüllt, die gereinigt und gewaschen werden sollten. Im Moment war niemand da.

»Setz dich«, sagte Alex. Er schien zwischen Stehen und Sitzen zu schwanken.

Martin ließ sich auf einen umgedrehten Waschzuber sinken. Unter dem Baum wehte eine angenehme Brise. Alex setzte sich auf ein Ölfass und begann, in seiner Hemdtasche nach Tabak zu suchen. Sein rot kariertes Hemd hatte große Ölflecken und ihm fehlten alle Knöpfe bis auf zwei. Die grau-schwarzen Brusthaare sahen fast wie eine Weste aus unter dem Hemd. »Wie geht’s dir, Doc?«

Martin war sich nicht ganz sicher, worauf sich das bezog.

»Geht schon.«

»Ist ›geht schon‹ dasselbe wie gut?«

»Nehme ich an.«

»Dass alles im Griff ist?«

»Ich bin nicht ganz sicher, worauf du hinauswillst.«

»Ich weiß, dass du einer der besten Chirurgen bist, die je für die Organisation gearbeitet haben. Unglaublich effizient. Vielseitig, kannst die meisten Eingriffe operieren. Hältst Stress besser aus als die meisten. Beliebt beim einheimischen Personal in allen Camps, in denen du gearbeitet hast. Jede Abteilung will dich im Feld.«

Martin hätte das Lob genießen sollen, aber er hörte, dass ein »Aber« um die Ecke lauerte.

Alex zog ein zerknülltes Päckchen Tabak und ein paar Filter hervor. Er begann sorgfältig eine Zigarette zu drehen. Martin roch den Petroleumgeruch von Alex’ Kleidung.

»Ich habe also deine Unterlagen gesehen. Deinen Lebenslauf. Beeindruckend.«

»Nicht jeder würde das sagen.«

»Nein, Teamfähigkeit ist vielleicht nicht deine Stärke.«

Alex zündete seine Zigarette an. »Du hattest Reibereien mit mehreren Vorgesetzten.«

Martin wartete.

»Aber nicht mit mir«, sagte Alex. »Noch nicht.«

»Noch nicht«, sagte Martin leise. Aber laut genug, dass Alex es hören konnte.

»Gut, dass wir im Team sind. Jedenfalls im Moment.« Alex fuhr fort: »Und ich würde gern an deiner Seite bleiben.«

»Bitte sag nicht …«

»Doc. Hör zu.« Sein Chef beugte sich vor und sah ihm direkt in die Augen. »Ich höre und ich sehe. Du bist nicht du selbst.«

»Woher willst du …«

»Ich sehe einen müden Chirurgen vor mir. Einen Menschen, der aus dem Gleichgewicht ist. Deine Körpersprache. Der schwerfällige Körper, den du durchs Camp schleppst, strahlt Negativität aus. Verstehst du, was ich meine?« Alex tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn, wodurch die Asche seiner Zigarette abfiel und in den Bartstoppeln hängenblieb.

»Und Schlaflosigkeit. Man hört es an deiner Stimme. Die Erschöpfung. Die heisere, trockene Müdigkeit.«

Martin sah Alex an und wartete auf die Fortsetzung.

»Du hast noch keinen Fehler gemacht.« Alex lehnte seinen großen Körper gegen den Baum. Blickte über die Latrinen hinweg. »Dafür bist du viel zu professionell. Aber sie werden kommen. Ich hab’s so oft gesehen.« Alex zündete sich eine neue Zigarette an der Glut der ersten an. »Und ich hab schon härtere Typen als dich rausgeworfen.«

»Im Ernst ...«

»Ich bin ernst. Ernster geht’s nicht.« Er zog zweimal tief an der Zigarette. »Ich bin kein Arzt, wie du weißt. Aber so viel weiß ich – der Chirurg im Team ist absolut unverzichtbar. Kein Chirurg, keine Notkaiserschnitte nachts. Schwangere Frauen sterben so leicht in der Dunkelheit. Und tote Frauen haben Verwandte. Die haben Freunde. Die haben andere Freunde. Und dann wird es verdammt schwierig. Und ich mag kein schwierig. Ich mag Ruhe und Frieden. Keine negativen Wochenberichte nach Paris. Ich mag, dass andere mögen, was ich mag. Verstehst du mich, Doc?«

»Ich höre, was du sagst.«

»Gut. Solange wir auf einer Linie sind. Wie gesagt, passiert ist noch nichts. Aber es wird geredet. Und ich glaube nicht, dass du normalerweise jemand bist, um den man sich Sorgen machen muss.«

Alex stand auf. Er schob die sonnengebräunten Hände in die hellblaue, ausgefranste Jeans. »Einfach gesagt, Dr. Roeykens, ich weiß nicht, was für ein Schlamassel du zu Hause zurückgelassen hast. Oder wie wenig du nachts schläfst. Aber regle das. Ruf zu Hause an und bring in Ordnung, was in Ordnung gebracht werden muss. Nimm Schlaftabletten. Mach einen Tag frei und jogge durchs Camp. Fahr ins Dorf und kauf dir eine Nacht mit irgendeiner Einheimischen. Mach, was du verdammt noch mal willst. Aber um Himmels willen, lauf nicht durch mein Team wie ein wandelnder Toter. Da kann ich genauso gut jemanden aus der Leichenhalle einstellen.«

Martin hatte nichts zu sagen. Selbst wenn es etwas zu sagen gegeben hätte, hätte er vermutlich nicht die Kraft gehabt, den Mund zu öffnen. Sein ganzer Körper wollte sich nur noch hinlegen und ausstrecken.

»Alles klar, Doc?«

Martin schreckte auf. Er nickte und blickte hinüber zu einer Baracke mit offenen Türen, wo einheimische Mitarbeiter verbeulte Aluminiumtöpfe spülten. Sein Mund wurde wieder trocken.

Er konnte sich nicht erinnern, was er als Nächstes tun sollte. Hatte keine Ahnung, wie spät es war. Was er eigentlich wollte, war Alex zu fragen, ob Nadine wieder nach Lokichokio zurückkommen würde. Aber er brachte es nicht über sich.

»Gut«, sagte Alex und ließ Martin stehen.

Martin holte Luft, um etwas zu sagen. Aber er wusste nicht wirklich, was. Nur dass er etwas zu seiner Verteidigung hätte sagen sollen. Aber sein Mund gehorchte nicht. Er blieb sitzen. Zusammengesunken.

Er wünschte, er wäre nicht auf diesen Einsatz gegangen. Hätte stattdessen ein paar Wochen für sich genommen. Einfach angeln gegangen. Martin erkannte im Grunde, dass Alex recht hatte. Er war nicht auf der Höhe. Weit davon entfernt. Er fragte sich, wann es angefangen hatte, bergab zu gehen. Noch immer brach ihm der Schweiß auf den Handflächen aus, wenn er an die Konfrontation mit seinem Vorgesetzten Bo Sundén von der chirurgischen Abteilung dachte, sechs Wochen zuvor.

SECHS

An den Straßensperren an beiden Enden der Straße vor der israelischen Botschaft in Nairobi durchsuchten vier Soldaten in voller Kampfmontur jedes Fahrzeug, das passieren wollte. Kofferraumklappen wurden geöffnet und kontrolliert. Dreizehn Monate waren vergangen, seit 212 Menschen beim Bombenanschlag auf die amerikanische Botschaft in Nairobi ums Leben gekommen waren. Bei den koordinierten Anschlägen in Daressalam, Tansania, hatte es noch mehr Tote gegeben.

Roberts Wagen wurde nicht durchsucht. Die Soldaten gaben ein Signal an ihre Kollegen und winkten Robert durch, während er ruhig zwischen den Sperren hin und her fuhr, die israelische Botschaft zu seiner Linken passierte und schließlich rechts abbog und weitere Straßensperren hinter sich ließ.

Er parkte auf dem Parkplatz vor dem Fairview Hotel. Ließ den Schlüssel im Zündschloss stecken. Es war inzwischen nach der Mittagszeit, und er war ausgehungert. Den Vormittag hatte er an der EASA verbracht, der East African School of Aviation, draußen beim Jomo-Kenyatta-Flughafen. Dort hatte er Meetings mit dem Rektor und den Verantwortlichen für Sicherheit und Finanzen abgehalten, um die kommenden Kurse zu planen, die sie gemeinsam durchführen würden. Den ganzen Tag über hatte er nichts gegessen oder getrunken; aus Prinzip lehnte er Kaffee oder Tee ab, wenn er an Orten serviert wurde, die nicht vom Büro als sicher eingestuft waren. Das Fairview galt als sicher.

Er ging den kleinen, gepflasterten Weg entlang, der um die Westseite des Hotels führte. Passierte Schilder, die auf die verschiedenen Restaurants im Hotel hinwiesen. Der Rasen war sattgrün, feucht von strategisch platzierten Sprinklern. Er ging zur Rückseite des Hotels. Der Gartenbereich. Schlanke Palmen winkten munter mit ihren eleganten Wedeln den Luxustouristen zu. Ein Dickicht niedriger Sträucher mit runden, dichten Blättern markierte den Zaun entlang des breiten Wasserlaufs, der sich durch den Park zog. Es gab keinen einzigen Grünton, der nicht in Form eines Blatts, einer Pflanze, eines Halms oder Zweigs vertreten war.

Robert setzte sich an den Pool und zählte die Gäste, die am Beckenrand ruhten. Er notierte die Zahl auf seiner Zeitung, die neben einer frisch geöffneten Flasche Mineralwasser lag. Dann wartete er. Nach fünfzehn Minuten traf sie ein. Die Frau, auf die Robert gewartet hatte, war Anfang dreißig. Er kannte sie seit drei Jahren. Sie war die erste Person, die er in Kenia getroffen hatte. Sie hatte ihn am Flughafen mit festem Händedruck begrüßt. Keine Bemerkung außer ihrem Nachnamen. Sie hatte einen schwarzen Freizeitanzug getragen, genau wie jetzt, als sie sich setzte und den Kellner mit einer eleganten Neigung des Kopfes herbeirief.

»Alles gut, Bob?«, fragte sie.

»Immer, wenn ich dich treffe.«

»Du alter Lustmolch«, erwiderte die Frau mit gespielter Empörung.

Er lächelte. Agentin Carrol Lee war stets schlagfertig, bisweilen beißend. Manche würden sagen vulgär. Ihre asiatischen Augen verengten sich über ihren hohen Wangenknochen. Sie war nicht im klassischen Sinne schön, aber sehr attraktiv. Und es schadete nicht, dass sie mit einem ausgeprägten texanischen Akzent in der Stimme sprach.

»Schön, dich zu sehen«, sagte Robert. »Wie war es zu Hause?«

»Öde. Wie immer. Keine Action. Nur jede Menge Wahlgeplapper. Ein Clinton, der versucht, sein Amt mit etwas Würde zu verlassen. Ich frage mich, was sie in zehn Jahren über ihn sagen werden. ›Der Präsident, der seine Finger nicht bei sich behalten konnte‹? Oder einfach ›der Zigarrenmann‹? Und alles ist in den alten Staaten heutzutage so verdammt kontrolliert. Kein Chaos. Keine richtigen Schurken. Nein, gib mir lieber Afrika. Hier jagen wir wenigstens die wirklich Bösen. Mit richtigen Methoden.«

»Da stimme ich zu. Zu Hause gibt es so viel Politik. Hier entkommen wir wenigstens einem Teil der Bürokratie.«

»Manchmal.«

Robert lachte leise. »Manchmal.«

Carrol senkte die Stimme. »Habe gehört, wir haben ein ›Paket‹, das möglicherweise abgeholt wird. Auch eine Frau. Könnte gewisse … Herausforderungen mit sich bringen.« Sie lächelte weiter und nippte an ihrer Diet Coke, die gerade serviert worden war.

»Das ist eine Weile her«, sagte Robert nachdenklich. »Es war in diesem Jahr hauptsächlich Oman und der Persische Golf. Wir hatten etwas Aktivität in Zentralafrika und viel Fokus auf die Zellen in Somalia, aber nicht Kenia. Ich bin mir nicht ganz sicher, warum.«

»Wo genau?«

»Oben im Norden, Grenze zu Sudan in der K-Zone«, sagte Robert und dachte an den dürftigen Bericht, den er auf einem Papier in der Tasche hatte. Da stand etwas über die Frau in Turkana, die involviert war, eine Forscherin. Und über die Verbindung zu einer anderen Situation in Antwerpen, die das Europabüro unter Kontrolle hatte. Der Cleaner war dieser Bruno gewesen, im Büro auch »das Monster« genannt. Etwas über einen Brand. Und dann, dass sie die Post der Frau überwachen sollten, irgendwelche Pakete, die aus Antwerpen kamen. Auf jeden Fall sollten sie die Abholung vorbereiten, falls die nachrichtendienstlichen Informationen ausreichten. Die offizielle Version lautete, sie habe Heroin geschmuggelt.

»Es könnte ziemlich …«, Carrol kostete die Worte aus, »… unschön werden, wenn ich das so sagen darf.« Sie band ihr glattes, schwarzes Haar zu einem straffen Pferdeschwanz. »Aber bist du nicht gerade voll mit Somalia beschäftigt?«

»Ja. Aber Steven Waxman zeigt dafür nicht gerade Verständnis.«

»Knapp besetzt?«

»Wie immer.«

»Schade. Aber was hat es eigentlich mit dieser K-Zone auf sich? Ich war nie dort. Aber soweit ich weiß, haben wir den Auftrag schon seit geraumer Zeit?«

»Seit Mitte der Achtziger, glaube ich. Aber ich habe nie eine ordentliche Erklärung zum Hintergrund bekommen. Nur dass wir dort abholen, auskundschaften, beobachten, nach Verdächtigen suchen … völlig absurd. Oft wissen wir nicht einmal, wonach wir suchen. Das Gebiet ist auch groß. Trocken und unwirtlich. Ziemlich irritierend, dass Steven uns nicht besser informiert. Ich bin überzeugt, er hat bessere Informationen als wir.«

»Bist du sicher?«

»Ziemlich. »Ich habe gehört, dass der Informationsfluss von Washington zu den lokalen Büros gezielt eingeschränkt wird. Aber das Europabüro in Paris weiß mit Sicherheit mehr als wir. Und Steven weiß mehr als du und ich. Definitiv.«

»Was für ein idiotisches System. Warum nicht einfach bessere Informationen liefern?«

»Schadensbegrenzung, nehme ich an. Wenn etwas durchsickert, soll der Schaden minimal gehalten werden.«

»Verdammt typisch. Wir setzen nur Befehle um. Und diese Frau hat irgendwelche Verbindungen?«

»Zur K-Zone. Vermutlich. Frag mich nicht wie.«

»Glaubst du, Waxman weiß, was mit dieser speziellen Geschichte los ist?«

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht. Operationen mit eingeschränkter Information, nennen sie es nicht normalerweise so?«

Carrol schnaubte. Sie holte ihr Handy heraus und tippte eine Nachricht. »Weißt du wirklich nichts Weiteres über das ›Paket‹?«

»Tatsächlich nicht«, sagte Robert. »Nur die Grundlagen. Das ist an sich nicht so ungewöhnlich.«

»Verdammtes Washington! Warum bekommen wir nie vernünftige Berichte?«, sagte Carrol und reckte das Kinn vor. »Wie zum Teufel sollen wir da vernünftige Arbeit leisten? Was glauben die, was wir sind? Verdammte Laufburschen?«

»Fühlt sich so an.«

»Ist sie Terroristin?«

»Ich weiß es nicht«, Robert blickte diskret zur Seite. »Aber sie ist markiert.«

Carrol steckte ihr Telefon weg und sah ihn überrascht an. »Markiert? Welche Priorität?«

»Vier. Sie hat in den letzten Jahren sämtliche Grenzen überquert. Uganda, Äthiopien, Sudan, Kenia. Wie eine verdammte Reiseleiterin. Aber soweit ich verstehe, haben sie die Entscheidung noch nicht getroffen. Mehr Beweise erforderlich, nehme ich an.«

»Meine Güte. Organisationen?«

»Keine, von denen ich wüsste.«

»Drogen?«

Robert zuckte die Achseln.

»Wirst du sie selbst abholen?«

»Man hat mir nicht mehr gesagt als das. Aber ich vermute es. Steven wirkt nervös. Mehr als sonst. Also werde ich das wahrscheinlich persönlich überwachen müssen.«

»Spannend«, sagte Agentin Carrol Lee und knöpfte ihre Jacke zu. »Ruf an, wenn du meine Hilfe brauchst.«

»Werd ich«, sagte Robert. »Werd ich.«

SIEBEN

Martin eilte zu dem Gebäude, das als Speisesaal diente. Draußen war es völlig dunkel. Er musste sich konzentrieren, um nicht über ein paar Ersatzreifen zu stolpern, die neben den stummen Jeeps auf dem Parkplatz lagen. Die Frösche aus einem der künstlichen Bewässerungsbecken hinter dem Haus hatten ihr Quaken begonnen. Ansonsten waren nur gelegentlich Motorräder zu hören, die zum nahen Dorf fuhren. Das einzige Pub im Umkreis von mehr als sechzig Kilometern.

Er grüßte alle, an denen er vorbeikam. Er blickte zu den Sternen auf. Nirgendwo auf der Welt fühlte er sich so lebendig wie in der afrikanischen Dämmerung. Er dachte an den Tag, der vergangen war. Ein Tag, der ohne größere Pannen verlaufen war, anders als die Kämpfe im Operationssaal des vergangenen Monats.

Und für die leichten Schritte des Tages hatte er nur einer Person zu danken: Nadine war in Lokichokio angekommen.

Er überquerte die Straße und grüßte die Wachposten am Tor. Als er den Speisesaal betrat, aßen dort bereits etwa fünfzehn Leute. Die Stimmung war ausgelassen, zumindest bei den Männern, die schon einige Biere intus hatten. Der Lärmpegel war hoch. Die gelben Steinwände, ohne jeden Schmuck, warfen biergetränkte Stimmen zurück. Offensichtlich hatte die männliche Mannschaft Appetit auf ihre neue Beute, die schöne Nordafrikanerin, die an einem Ende saß und sich mit Alex unterhielt.

Martin suchte Nadines Blick und bekam ein breites Lächeln zurück, auch während sie auf etwas reagierte, das Alex gesagt hatte.

Er setzte sich zwei Stühle von Nadine entfernt, leicht frustriert darüber, dass er nicht dort sitzen konnte, wo er mit ihr sprechen könnte. Gleichzeitig bemerkte er, dass sie anders war. Sie wirkte gedrückt. Sie lächelte, aber nicht mit diesem vollständigen Lächeln, das er gesehen hatte, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Etwas war passiert.

Es war ewig her, seit Martin eine so attraktive Frau gesehen hatte.

Ihre Gesichtszüge waren fein geschnitten zu einem harmonischen Gesicht. Sie besaß nicht die Schönheit eines Models – dafür war sie zu klein. Und sie hatte einige Makel, wenn man objektiv hinsah. Doch da war noch etwas anderes, etwas Lebendiges, eine intensive Vitalität. Das Grübchen und der schiefe Zahn standen irgendwie im Gleichgewicht mit dem Rest ihres Gesichts, den hohen, markanten Augenbrauen, den funkelnden Augen, dem stets lächelnden Mund, bei dem sich die Oberlippe manchmal nach oben zu wölben schien, wenn ihr Lächeln in Lachen überging. Auch heute lächelte sie, aber nicht mit dem ganzen Gesicht. Das schöne Haar, das sie jetzt offen trug, hatte einen braunen Ton. War da ein Stich Rot? Er hatte in seinem ganzen Leben noch nie über Haarfarben nachgedacht.

Der Raum, in dem sie saßen, war durch einen offenen Kamin in zwei gleichgroße Hälften geteilt. Eine große Sofagruppe stand mit dem Rücken zum Esstisch dem Kamin zugewandt und teilte den Raum so, dass sich ein Ruhebereich und ein Essbereich bildeten. In den hohen Fenstern standen vor Ort geschnitzte Figuren von Rindern und Männern mit erhobenen Speeren.

Nadine war die Erste, die mit dem Essen fertig wurde. Sie erhob sich und ging zu einem der Sessel beim Sofa. Martin saß mit dem Rücken zu ihr, doch er hörte, wie ein Streichholz kratzte. Er drehte sich um und sah Nadine mit einer Zigarette, die in einer vergessenen Modezeitschrift blätterte. Es überraschte ihn, sie rauchen zu sehen, aber es machte sie menschlicher. Er stand auf und gesellte sich zu ihrer Sofagruppe.

»Hallo. Wann bist du angekommen?«, fragte Martin.

»Heute Nachmittag«, antwortete sie und erwiderte seinen Blick. »Dachte, ich bleibe über Nacht.« Sie drückte die Zigarette in einer Bierflasche aus.

»Gehört, du warst zu Hause in Paris.«

Nadine nickte. »Es war nicht besonders lustig. Mama macht sich jedes Mal Sorgen, wenn ich wieder losfahre. Besser, gar nicht erst hinzufahren.«

»Arme Mama.«

»Du siehst müde aus«, sagte Nadine. Plötzlich war es, als säßen sie in einem vollkommen privaten Raum im Raum.

»Ich fühle mich ausgelaugt. Kann nicht schlafen.«

Nadine wurde ernst. »Es muss schwierig sein, der einzige Chirurg zu sein.«

»Ziemlich. Aber normalerweise funktioniert es problemlos.«

»Kannst du dir keine Auszeit nehmen?«

»Ich bin allein. Aber das regelt sich. Ich muss abends früher ins Bett.«

»Du kannst eine Massage haben, wenn du verspannt bist.«

Martin wagte nicht, in ihre Richtung zu sehen, um zu schauen, ob sie ihn aufzog.

»Kennst du Alex schon lange?«, fragte er.

»Ich habe in Goma an einem Projekt gearbeitet. Ein Repatriierungsprojekt, für das sie eine Anthropologin brauchten.«

»Ihr habt also eine lange gemeinsame Geschichte.«

Alex tauchte auf, setzte sich neben Nadine auf das Sofa und zündete sich einen Joint an. Martin fühlte sich gleichzeitig erleichtert und enttäuscht.

Alex nippte an einer Literflasche Bier. »Ihr zwei seht aus, als würdet ihr euch seit der Schule kennen.«

»Alte Feldhasen«, sagte Nadine.

Martin versuchte, ein Bier zu öffnen.

»Hier. Gib her.« Alex nahm die Flasche und schlug den Verschluss am Couchtisch ab. »Verdammte Scheiße, Doc. Du siehst aus, als bräuchtest du eine Woche Schlaf.«

»Ich überlebe.«

»Das will ich hoffen. Den Patienten zuliebe. Nadine, du solltest sehen, welche Kapazität dieser Schwede hat. Eine richtige Maschine.«

Martin fühlte sich geschmeichelt. Zugleich wusste er, dass Alex von vergangenen Leistungen sprach.

»Wie geht’s Gaspard eigentlich?«, fragte Alex.

»Gut, denke ich.« Nadine warf Martin einen kurzen Blick zu. »Er arbeitet ständig. Wie immer. Liebt seinen Job.« Sie verdrehte die Augen. »Nein, aber Spaß beiseite. Er ist glücklich in Nairobi. Er hat immer in der Großstadt gelebt und kann sich nichts anderes vorstellen. Hält uns Landpomeranzen für bescheuert. Das Einzige, was er will, ist an seinen Computern herumbasteln.«

Nadine zog die Beine auf das Sofa. Die Füße an sich heran, das Kinn auf die Knie gestützt.

»Hat er ...« Alex sah zu Martin hinüber, dann wieder zu Nadine. »... sich gefangen?«

Sie zögerte, bevor sie antwortete. »Es wird wohl immer besser.«

»Hoffe ich. Als ich ihn das letzte Mal sah, ging’s ihm nicht so gut.«

Sie saßen still und tranken. Alex holte seinen Joint hervor und schloss die Augen. Inhalierte den Rauch. Hielt ihn fest. Der Geräuschpegel im Raum war jetzt etwas gesunken. Mehrere Leute waren zu Bett gegangen.

Martin wandte sich Nadine zu. »Woher kommst du ursprünglich? Ich meine, ursprünglich?«

»Ich wurde in Südalgerien geboren, aber wir sind nach Frankreich gezogen, als ich ein Jahr alt war. Aufgewachsen bin ich auf einem Bauernhof bei Marseille.«