Dominoeffekt - Christian Unge - E-Book

Dominoeffekt E-Book

Christian Unge

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Tekla Berg – die Notärztin, die Alpha-Männer provoziert und Verbrechen aufklärt.

Eine massive Explosion erschüttert Stockholm. Sie durchbricht ein Wohnhaus, verursacht ein großes Feuer und versetzt die ganze Stadt in Alarmbereitschaft. Alles deutet auf einen möglichen Terroranschlag mit vielen Opfern hin. Notärztin Tekla ist eine der ersten, die am Ort der Zerstörung ankommt, an dem sie einen Mann mit schweren Verbrennungen an Gesicht und Körper rettet. Es wird vermutet, dass er zu den Terroristen gehört, aber er hat auch etwas unheimlich Vertrautes an sich, das ihre privatesten Erinnerungen berührt. Die Explosion verursacht einen Dominoeffekt, an dem schon bald der Vorstand des Krankenhauses und die Polizei beteiligt sind – und nicht zuletzt ein mächtiger Patriarch, dessen Familienimperium durch die in Gang gesetzten Ereignisse bedroht ist…

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 571

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zum Buch

Eine massive Explosion erschüttert Stockholm. Sie durchbricht ein Wohnhaus, verursacht ein großes Feuer und versetzt die ganze Stadt in Alarmbereitschaft. Alles deutet auf einen möglichen Terroranschlag mit vielen Opfern hin. Notärztin Tekla ist eine der Ersten, die am Ort der Zerstörung ankommt, an dem sie einen Mann mit schweren Verbrennungen an Gesicht und Körper rettet. Es wird vermutet, dass er zu den Terroristen gehört, aber er hat auch etwas unheimlich Vertrautes an sich, das ihre privatesten Erinnerungen berührt. Die Explosion verursacht einen Dominoeffekt, an dem schon bald der Vorstand des Krankenhauses und die Polizei beteiligt sind – und nicht zuletzt ein mächtiger Patriarch, dessen Familienimperium durch die in Gang gesetzten Ereignisse bedroht ist …

Zum Autor

Christian Unge, geboren 1972, ist Chefarzt für Innere Medizin und forscht am Karolinska-Krankenhaus in Stockholm. »Dominoeffekt« erscheint bei btb erstmals auf Deutsch.

Christian Unge

Dominoeffekt

Ein Medizin-Thriller

Aus dem Schwedischen von Julia Gschwilm

Die schwedische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »Går genom vatten, går genom eld« bei Norstedts, Stockholm. Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Deutsche Erstausgabe September 2022 by btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Copyright © der Originalausgabe 2019 by Christian Unge Published by agreement with Norstedts Agency Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2022 by btb Verlag, München Umschlaggestaltung: semper smile, München Umschlagmotiv: © Shutterstock / milan noga / trabantos /Anansing mb · Herstellung: sc Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck Alle Rechte vorbehalten

Prolog

Donnerstagabend, der 6. Juni

NOBEL-KRANKENHAUS, STOCKHOLM

Monica Carlsson rückte langsam die Schüssel zu sich heran und nahm ein Stück Salzlakritz heraus. Ihr Gaumen zog sich bis in den hintersten Winkel zusammen und lenkte ihre Gedanken kurzzeitig ab. Auf dem Bildschirm vor ihr flimmerte lautlos der Online-Livebericht vorbei. Ihr Blick wanderte von dem glatten, platinblonden Haar der Moderatorin zu der einen Kilometer entfernten Rauchsäule, die sie nun seit einer halben Stunde aufmerksam betrachtete. Ihr riesiges Chefbüro war angenehm still, wenn man von Fredriks immer aufgeregterer Telefonstimme draußen vor der Tür absah.

Sie hob den Blick nur ein paar Zentimeter über ihre Füße, die überkreuzt auf dem Schreibtisch lagen, und konnte am Horizont zwei neue Erhebungen auf dem größten Angebergebäude Nordeuropas erahnen. Das Dach des Konkurrenzkrankenhauses war mit nicht weniger als zwei neuen Helikopterplattformen gekrönt worden. Zwei! Das Budget für die Erneuerung der Wasserleitungen in ihrem eigenen Krankenhaus, dem Alfred-Nobel-Krankenhaus, war dagegen halbiert worden.

Sie nahm noch ein Stück Lakritz, das sofort an ihrer oberen Zahnreihe festklebte, und konstatierte, dass die Rauchsäule nun eine hellere Farbe angenommen hatte. Dann griff sie nach dem einzigen Stift, der auf dem Tisch lag, und führte ihn zerstreut über den gelben Post-it-Zettel.

Zum dritten Mal innerhalb einer halben Stunde klopfte Fredrik und steckte seinen Kopf durch den Türspalt.

»Wird es jetzt nicht langsam Zeit?«

Monica schwang die Beine auf den Boden und steckte die Füße in die Stöckelschuhe. Legte den Goldstift neben der Tastatur zurecht.

»Habe ich vielleicht gerufen?«

Fredrik fuhr mit der Hand auf seiner beginnenden Glatze hin und her.

»Aber Göran hat schon zum dritten Mal angerufen. Es herrscht Chaos. Was soll …«

»Wie hieß die Ärztin, die sich dort unten um die Stichverletzung gekümmert hat?«, unterbrach ihn Monica in ruhigem Tonfall.

Der Sekretär verstummte. Seine Hand sackte in einer ruckartigen Bewegung herunter. Er holte einen Zettel aus seiner Hosentasche und las:

»Tekla Berg. Aber …«

Monicas Blick kehrte zum Bildschirm zurück. Die Uhr oben in der Ecke zeigte 21:43 Uhr.

Sie schaute über die Stadt. Meine Güte, was war eigentlich gerade los? Zuerst Mitglieder einer kriminellen Bande mit gezogenen Waffen in der Notaufnahme, und dann das hier. Als Chefin eines Krankenhauses ist man echt am Arsch, dachte sie.

Sie überschlug ihre Alternativen. Ließ die Finger über die Goldkette an ihrem Hals gleiten. Die neue Station für Schwerbrandverletzte hatte die Steuerzahler 120 Millionen gekostet. Trotzdem ging der staatliche Auftrag nach Uppsala. Es war, als besäße man ein Luxusrestaurant voller teurer Zutaten und rastloser Sterneköche, und dann blieben die Gäste aus. Sie wusste, was die Lösung und wer der Schlüssel dazu war, allerdings nicht, wie sie die Aufmerksamkeit der betreffenden Person auf sich lenken sollte. Aber sie hatte eine Idee.

Sie nahm noch ein Stück Lakritz und stand auf. Ihre Knie schmerzten, sie würde heute jedoch nicht noch mehr Citodon nehmen. Sie war fest entschlossen, mit Gregor Chablis zu trinken, wenn sie nach Hause kam. Monica rückte den Gürtel ihrer Hose zurecht und knöpfte das Sakko zu. Sie schlenderte zu dem hohen, ovalen Fenster hinüber. Vielleicht sah es unten von der Ringstraße aus wie ein wachendes Auge? Eines, das niemals auch nur blinzelte.

Ihr Handy zeigte 21:48 Uhr. Die verstrichenen fünf Minuten hatten ihnen hoffentlich mindestens einen neuen Patienten für die Station für Schwerbrandverletzte beschert.

Monica Carlsson wandte sich um und rief: »Jetzt kannst du den Katastrophenalarm auslösen. Und schick diese Tekla Berg hin.«

I

Donnerstagabend, der 6. Juni

NOTAUFNAHME, NOBEL-KRANKENHAUS

»Stichverletzung in Schockraum eins, Kreislauf instabil«, sagte Emil vom Türspalt aus. »Dreiundzwanzigjähriger Mann. Fünf Minuten.«

Tekla drehte sich auf ihrem Hocker um und blickte in das angespannte Gesicht des Krankenpflegers.

»Habt ihr den Anästhesisten geholt?«

»Ist auf dem Weg.«

Der Kopfschmerz schlug wie eine scheußliche kleine Handgranate zwischen den Stirnlappen ein.

Tekla legte das Skalpell ab und zog sich die Gummihandschuhe aus. Sie bat den Patienten, sich wieder anzuziehen.

»Sind Sie denn schon fertig?«, fragte der Mann erstaunt.

»Ihr Analabszess muss noch einmal debridiert werden, Sie müssen also noch einen ambulanten Termin vereinbaren.«

»Könnten Sie Schwedisch sprechen?«

»Der Pickel im Enddarm muss noch einmal ausgedrückt werden.«

Der Mann rappelte sich auf und mied Teklas Blick, doch sie konnte an seiner Körpersprache ablesen, dass seine Männlichkeit einen Knick bekommen hatte.

Tekla ging hinaus und begann in Richtung Notaufnahme zu joggen. Die Handflächen klebten, als sie das Stethoskop aus ihrer Tasche zog. Ihr Puls stieg, sie wusste sofort, was sie so stresste, und das war nicht der Patient mit der Stichverletzung in der Notaufnahme.

Sie betrat Raum eins.

Cassandra, eine energische Pflegeassistentin mit weißem, kurz geschnittenem Haar und Spinnennetz-Tattoo an der Schläfe empfing sie.

»Er hat offenbar schon ziemlich viel Blut verloren.«

Tekla merkte, dass Cassandra auf etwas wartete, und begriff dann, was es war. Sie dachte kurz nach, während sie sich eine Plastikschürze und Gummihandschuhe anzog.

»Okay, hol die Rufbereitschaft.«

»Und Hampus?«

Hampus, der Snob, der versuchte, sie auszumanövrieren, seit sie drei Jahre zuvor die erste Nachtschicht zusammen gehabt hatten.

»Nicht nötig.«

Anki, eine andere Krankenschwester, zog den Notfallwagen hervor und öffnete den Medikamentenkühlschrank. Das mentholblaue Licht strömte heraus. Der Raum fühlte sich sofort etwas kühler an.

»Soll ich schon mal irgendwas aufziehen?«, fragte sie.

»Vielleicht wäre ein bisschen Morphin angebracht?«, antwortete Tekla.

Schweigen. Tekla streckte sich.

»Zehn Milligramm Morphin, bitte.«

Tekla wurde übel vor Kopfschmerzen.

Sie holte die Labellohülle heraus, stellte sich mit dem Rücken zum Raum, zog den Deckel ab und kippte eine kleine Papierkugel heraus, kleiner als eine gefrorene Erbse, die sie schnell in den Mund warf und mit etwas Wasser hinunterspülte. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis die Wirkung einsetzte. Sie erschauerte bis ins Mark. Der Geschmack nach Bittermandel war jedes Mal aufs Neue widerlich. Tekla steckte den Labello weg.

Nach ein paar Minuten trat ihre größte Sorge durch die Schwingtür. Tariq Moussawi, Rufbereitschaft, kam träge angeschlendert, er schlurfte über den Boden, als wäre ein Sandsack an seinen Füßen festgekettet. Er hatte dichtes Haar mit ein paar grauen Strähnen darin. Die Bartstoppeln lagen wie ein onyxschwarzer Knüpfteppich über seinem Gesicht. Er sagte nichts, stellte sich nur hin, die Hände hinter dem Rücken, und wartete darauf, dass Tekla das Visier anlegte. Ihre Plastikschürze flatterte lose.

»Komm«, sagte Tariq apathisch und gab ihr ein Zeichen, dass sie sich umdrehen sollte. Tekla folgte widerwillig seiner Aufforderung. Sie spürte den warmen, feuchten Atem, in dem eine Spur Knoblauch lag, im Nacken, und unterdrückte ein Würgen.

Tariq verknotete sorgfältig die Plastikschürze und trat dann einen Schritt zurück.

»Was ist?«, fragte er kurz angebunden.

Tekla wich seinem Blick aus, aus Angst, er könnte sehen, wie gestresst sie von der Situation war.

»Nichts.«

»Der Patient?«, präzisierte ihr Kollege.

»Ach so. Ein Mann mit Stichwunde in hämorrhagischem Schock.«

Tariq Moussawi nickte kaum merklich.

»Ich dachte, ich brauche vielleicht Hilfe«, fuhr Tekla fort.

»Das glaub ich nicht.«

Tekla war unsicher, was das Alphamännchen aus Bagdad damit meinte. Vermutlich, dass er nun die Verantwortung übernahm, dass Stichverletzungen selbstverständlich von erfahrenen Chirurgen behandelt werden sollten. Und am besten von Männern, da Frauen nicht in der Lage waren, dem Druck in der Notaufnahme standzuhalten. Vielleicht würde er noch etwas über die zahllosen Operationen hinzufügen, die er im Krieg ausgeführt hatte, mit nichts weiter als Taschenmesser und Stirnlampe.

»Ruf, wenn du nicht mehr weiterkommst«, fuhr Tariq fort.

Wollte er nur dastehen und sie anglotzen, in der Hoffnung, dass sie sich blamierte, damit er Göran und den anderen erzählen konnte, was für ein Trottel sie war?

»Was?«

»Fang an, dann sehen wir schon, wie es läuft.«

Sie wusste, dass Tariq sich oft so verhielt. Teile und herrsche. Nichts Ungewöhnliches unter männlichen Oberärzten. Einfach akzeptieren. Die Zähne zusammenbeißen. Ignorieren. Tekla wollte ihn bitten, den Raum zu verlassen, wurde jedoch von Emil unterbrochen.

»Noch ein Notfall.«

»Noch einer?«, fragte Tekla.

»Ein Dreijähriger mit Krampfanfällen.«

Ein ziehender Schmerz in der Magengrube. Das Einzige, was sich jetzt gerade sicher anfühlte, waren Emils freundliche Augen, die eine Sekunde auf ihr verweilten. Sie versuchte, sich den Gorilla hinten am EKG-Gerät wegzudenken.

»Wann?«

»Jetzt! Wir legen ihn in Raum zwei.«

Emil öffnete die Schiebetüren zwischen den beiden Schockräumen.

Tekla wandte sich um und sah, wie der Rettungsdienst ein kleines Kind hereinrollte.

Sie musste ganz einfach, wandte sich Tariq zu: »Kannst du …?«

Er hielt seine leeren Hände nach vorn und zuckte nonchalant mit den Schultern.

»Ich bin gar nicht hier.«

»Okay. Dann müssen wir Hampus holen«, rief sie Cassandra mit schlecht kaschierter Aggressivität in der Stimme zu. Sie konnte jetzt nicht über Tariqs unorthodoxe Pädagogik nachdenken. Er würde eingreifen, aber nur, wenn es absolut notwendig wurde.

Tekla ging mit zitternden Knien in den anderen Schockraum, sie fühlte sich wie ein kleiner Vogel, der aus dem Nest geworfen worden und direkt vor ein paar hungrigen Füchsen gelandet war.

An der Liege stand eine Rettungskrankenschwester und machte auf dem weichen Brustkorb des kleinen Kindes eine Herzdruckmassage mit drei Fingern. Der Rettungssanitäter führte die Eltern herein, in ihrem Blick lag Panik. Das Sauerstoffmessgerät, das vom Ohrläppchen des Jungen kein gutes Signal empfing, begann zu piepsen.

Der Vater, hundertzehn Kilo Testosteron mit vereinzelten Bartstoppeln, schrie: »Jetzt tut doch endlich etwas! Er stirbt ja!«

Tekla stellte fest, dass die Herzdruckmassage ordnungsgemäß durchgeführt wurde und der Tubus bereitlag. Die Finger des Kindes fühlten sich kalt und leblos an. Aus der Unterhose lief senfgelbe Kacke.

»Wie heißt er?«, fragte Tekla in ruhigem Tonfall.

»Oscar«, sagte die Mutter und trat zur Liege. Sie schluchzte ihre Worte zwischen den Tränen hervor. »Er … er hat Morbus Gaucher Typ zwei, von Geburt an schwere neurologische Schäden. Nur, damit Sie das wissen.«

Es sah aus, als würde die Mutter jeden Moment in Ohnmacht fallen.

»Setzen Sie sich«, sagte Tekla und zeigte auf einen Stuhl. Eine Pflegehelferin kam ihr zu Hilfe, doch sie winkte ab.

Der Vater deutete wie ein Offizier mit ausgestreckter Hand auf sie.

»Sie müssen ihn retten!«

Die Mutter zog den Arm ihres Mannes nach unten und umklammerte ihn wie ein Koalabär.

Teklas Blick wanderte von den verbissenen Gesichtern des Rettungspersonals an den rotgeränderten Augen der Eltern vorbei und landete auf einem gelben Poster in der Zimmerecke. Vier ausgedehnte Sekunden lang sah sie Guptas Textbook of Pediatrics, Seite 1364, rechte Spalte, vor sich.

»Hallo!«, schrie der Vater. »Was zum Teufel machen Sie, tun Sie doch etwas!«

Tekla wandte den Blick von der Wand ab und ließ die Hände über den kleinen Jungen gleiten. Sein ganzer Körper zuckte. Vorsichtig zog sie seine Augenlider nach oben und stellte fest, dass die Pupillen kaum auf Licht reagierten.

»Wie lange macht ihr das schon?«

»Fünfundzwanzig Minuten«, antwortete die Rettungsschwester mit zusammengebissenen Zähnen hinter ihrem Rücken.

Eine Krankenschwester beugte sich nach vorn und versuchte einen weiteren Zugang am Handgelenk des Jungen zu legen.

Aus dem anderen Schockraum war Ankis Stimme zu hören: »Stichverletzung trifft ein!«

Tekla tastete mit der Hand über den Bauch des Jungen und fand die Operationsnarbe. Sie wandte sich an die Mutter.

»Man hat die Milz entfernt, oder?«

Sie nickte erstaunt. »Warum?«

»Und hat er in letzter Zeit oft gekrampft?«

»Seit ein paar Monaten. Wir waren bestimmt zwanzigmal hier.«

Der Vater schien einen plötzlichen Anfall von Klarheit zu haben und klammerte sich an seine Frau.

»Aber Sie geben nicht auf.« Er starrte auf das Namensschild der Ärztin. »Hören Sie, Tekla … Tekla Berg! Sonst werde ich verdammt noch mal …«

»Tekla!«, rief Anki wieder aus dem anderen Raum. Die Sirenen des nächsten Krankenwagens verklangen in der Halle der Notaufnahme.

»Ich komme gleich wieder«, sagte Tekla und wies auf zwei Stühle an der einen Wand. Eine Pflegehelferin führte die Eltern weg. Und an das übrige Krankenhauspersonal gerichtet: »Macht weiter mit den Kompressionen. Und noch eine Nadel. Volles Programm.«

Tekla ging in den anderen Raum.

Der Anästhesist hatte einen polnischen Namen, ein gleichgültiges Wachsgesicht und war im ganzen Haus als wortkarger Mann bekannt. Tekla informierte ihn über die Lage.

»Ich übernehme die Atemwege. Du den Rest«, sagte er.

Tekla fragte sich, ob er Witze machte, doch es kam nichts mehr über seine fleischigen Lippen. Er nahm Schläuche und Intubationsbesteck und zog weiße Flüssigkeiten in Spritzen auf. Eine Krankenschwester mit blauer Haube half ihm. Es wirkte, als bereiteten sie eine normale Routinenarkose bei einer Operation vor. Aus dem Augenwinkel sah Tekla, dass Tariq noch immer am Aluminiumschrank herumstand. Er beobachtete jeden Schritt, den sie machte, ganz genau.

Die Türen glitten mechanisch auseinander. Sie ging zum Rettungspersonal, einem Mann und einer Frau. Die blonde Frau erklärte den Stand der Dinge.

»Dreiundzwanzigjähriger Mann mit Stichverletzung an der linken Seite. Wir waren schon wenige Minuten nachdem es passiert war vor Ort. Er hat viel Blut verloren und steht unter Schock. Blutdruck achtzig zu vierzig. Puls hundertzwanzig. Wir haben einen Druckverband angelegt, aber der ist bei dem ganzen Blut runtergerutscht. Er hat einen provisorischen Zugang im rechten Arm.«

Der Rettungssanitäter mit dem abgemagerten Gesicht, Reza, gab Tekla eine Brieftasche.

Sie warf einen Blick auf den Führerschein. Der Name klang finnisch. Dreiundzwanzig Jahre alt.

Der Patient auf der Liege hatte kurz geschorenes blondes Haar und Tätowierungen, die an den Oberarmen unter dem dunklen T-Shirt hervorkrochen. Tekla sah, wie er vor Schmerzen keuchte und das Gesicht verzog.

»Können Sie den Mund aufmachen?«, fragte Tekla.

Der Mann war müde, öffnete aber langsam den Mund, und Tekla stellte fest, dass die Atemwege frei waren. Er atmete schnell und oberflächlich. Die Finger waren eiskalt. Die Sauerstoffsättigung auf dem Überwachungsmonitor zeigte zweiundneunzig Prozent an. Der Anästhesist hielt eine Maske bereit und drehte den Sauerstoff auf. Tekla hörte die Lunge ab. Keine Atemgeräusche auf der linken Seite.

Tekla bekam einen Tunnelblick. Sie fühlte sich zwischen den beiden Schockräumen hin und her geworfen. Versuchte sich auf den Mann vor sich zu konzentrieren. Vielleicht irgendeine Auseinandersetzung zwischen Gangs? Oder ein Raub? Eifersuchtsdrama oder Streit unter Besoffenen? Sie sah Bilder aus der Garage unten am Fluss in Östersund vor sich. Von vor einer Ewigkeit. Erinnerungen, die um verschiedene Formen von Drogenmissbrauch kreisten. Um Simon. Um ihren Vater. Ein anderes Leben, zugleich Fragmente, die nie aus ihrem Gehirn verschwinden würden.

Der Patient stöhnte vor Schmerz. Sein Bauch war angespannt. Bis auf eine Menge Tätowierungen und ein paar gut verheilte Narben am einen Unterarm war die Haut intakt. Sie hob den Verband an und sah die Wunde: ein quer verlaufender Schlitz, etwa zwei Zentimeter breit, perfekt zwischen die sechste und die siebte Rippe in den linken Brustkorb gesetzt. Das Messer hatte die Lunge perforiert, und der Pleuraspalt war nun mit Blut gefüllt, was die Sauerstoffsättigung sinken ließ. Er hatte vermutlich ein bis zwei Liter Blut verloren. Eine fragile Lage, er konnte kollabieren, sein Herz konnte jede Sekunde stehen bleiben.

Aber irgendetwas stimmte nicht. Die Verletzung befand sich hoch oben am Brustkorb, nicht im Bauch. Warum also war die Bauchdecke so angespannt? Tekla versuchte, das Skript in Traumatologie von Moore im Geist durchzublättern, doch sie wusste, dass sie gerade in diesem Kurs einzelne Vorlesungen verpasst hatte. Sie wusste auch noch, warum: die erste Überdosis ihres Bruders. Sie öffnete den Mund, um Tariq um Hilfe zu bitten, aber etwas hielt sie zurück.

Aus dem anderen Schockraum waren jetzt aufgeregte Stimmen zu hören. Tekla ging schnell hinüber und setzte sich neben die Mutter. Der Vater ging auf und ab und sprach aufgebracht in sein Handy.

»Wie heißen Sie?«, fragte Tekla.

»Sophia.«

»Hallo, Sophia. Haben Sie schon über lebensverlängernde Maßnahmen gesprochen?«

Die Mutter nickte und sah Tekla in die Augen. »Wir haben ein Formular unterschrieben, dass er nicht am Beatmungsgerät landen soll. Aber Janne ist … er hat es nicht akzeptiert. Er arbeitet permanent … er ist Feuerwehrmann, hat viele Wochenend- und Nachtschichten. Und Oscar ist schon so lange krank … wir schaffen es nicht …« Sie schloss die Augen und hielt die Hände vors Gesicht. Dann nahm sie Tekla an der Schulter und flüsterte: »Lassen Sie ihn nicht leiden.«

Ein Gedanke schoss Tekla durch den Kopf, über diese Sekunde, in der plötzlich alles stillsteht, in der die Entscheidung getroffen wird: Paul Tibbets, der die Enola Gay über Hiroshima flog – hatte er gezweifelt, ob er die Bombe abwerfen sollte?

»Zieh zehn Milligramm Stesolid auf«, sagte Tekla zur Krankenschwester und begegnete einem fragenden Blick. »Gib ihm fünf.«

»Aber dann …«

»Ich geb es ihm selbst. Und hol Claforan. Wir lassen die Blutkulturen weg, gib einfach schnell Antibiotika.«

Die Krankenschwester holte die Spritze und kam mit dem Medikament zurück.

Tekla öffnete den Deckel des kleinen Zugangs, der im Handrücken des Jungen steckte, und drückte fünf Milligramm Stesolid hinein. Sie ging zurück zu dem Patienten mit der Stichverletzung und wandte sich an ihr Team.

»Wir müssen ihn auf die Seite drehen.«

Da sah sie es: Er hatte noch eine blutende Wunde, weiter unten in der seitlichen Bauchregion, dicht über dem Becken.

»Also zwei Verletzungen«, fasste Tekla laut zusammen. »Eine im Thorax und eine über der Nierengegend auf der linken Seite. Er muss operiert werden.«

»Systole bei fünfzig«, sagte der polnische Anästhesist und hielt dem Patienten die Sauerstoffmaske aufs Gesicht. Plötzlich kamen zwei Männer in den Raum, dicht gefolgt von einer Nachtschwester, die versuchte, sie aufzuhalten.

»Hallo, Sie dürfen da nicht rein …«

Die Männer ignorierten die Krankenschwester, als wäre sie ein unruhiger Hundewelpe, der ihnen um die Füße lief.

Tekla registrierte, dass die Männer Lederwesten mit den gleichen Aufnähern anhatten. Weiße T-Shirts. Der eine trug eine schokoladenbraune Lederhose, der andere ausgewaschene Jeans. Beide waren kräftig gebaut, wie alte Gewichtheber, deren Muskeln sich in Fett verwandelt hatten. Arme und Hals mit Tätowierungen bedeckt. Einer der Männer hatte einen rasierten Schädel und einen flaumigen Ziegenbart, der zweite einen Bürstenschnitt und cremefarbenes Haar. Sie stellten sich ans Fußende der Liege. Tekla konnte im Hosenbund des einen eine Pistole erahnen.

»Überlebt er?«, fragte der etwas Größere mit starkem finnischem Akzent.

Tekla sah, wie die schockierte Krankenschwester im Hintergrund zum Telefon ging und den Hörer abnahm. Der kleinere Mann wandte sich zu ihr um und schüttelte den Kopf. Die Schwester ließ den Hörer los und wich zurück. Sie starrte die Pistole in seiner Hand an.

»Er hat viel Blut verloren und muss operiert werden.«

Der größere der beiden Männer ging zu Tekla und legte seine Hand auf ihre Schulter. Sie spürte seine Ringe an ihrem Schlüsselbein und versuchte, die Pistole im Augenwinkel zu ignorieren.

»Wir verlassen uns auf dich …« Er blickte auf ihr Namensschild. »… Tekla Berg.« Dann trat er zurück und stellte sich wieder neben seinen Kompagnon.

Aus dem anderen Schockraum kam der Vater herein und schrie.

»Er atmet nicht mehr!«

Tekla wandte sich um und nahm eine aufgezogene Spritze vom Anästhesiewagen. Sie hielt sie an ihrer Seite versteckt und schritt auf den Vater zu.

»Oscar ist todkrank, das wissen Sie. Gaucher Typ zwei ist eigentlich unheilbar. Sie haben sich außerdem dafür entschieden, dass er nicht leiden soll. Aber es könnte eine Blutvergiftung sein, darum geben wir Antibiotika. Ich musste ihn deshalb stark betäuben, mehr kann ich im Augenblick leider nicht erklären …«

»Aber er atmet verdammt noch mal nicht!« Die Augen des Feuerwehrmannvaters sahen aus, als würden sie vor Wut aus ihren Höhlen treten.

Tekla beugte sich zu ihm vor.

»Sie müssen sich jetzt beruhigen, damit wir unsere Arbeit machen können.«

Sie stieß die Kanüle in seinen muskulösen Schenkel und drückte die ganze Flüssigkeit hinein.

Er schrie vor Schmerz auf, begriff jedoch nicht, was ihn verursachte. Er streckte die Hände nach Teklas Hals aus, aber einer der Motorradgang-Typen schob ihn einfach weg und scheuchte den unter Drogen gesetzten Vater in den anderen Raum. Der taumelte, und das Letzte, was Tekla sah, war, dass er auf einem Stuhl zusammensank.

Tekla drehte sich zu Tariq um, und es war, als bliebe die ganze Szene plötzlich stehen. In diesem Moment wusste sie, dass er alles gesehen hatte. Sie war geliefert.

Donnerstagabend, der 6. Juni

NOBEL-KRANKENHAUS

»Blutdruck nicht messbar«, rief der Narkosearzt.

Der Raum schwankte. Tekla spürte Übelkeit aufwallen und registrierte kurz den Schweiß, der ihr den Rücken hinunterlief. Sie erwog, den Raum zu verlassen oder einfach Tariq zu bitten, das Ganze zu übernehmen, als sie Emils Stimme hörte, die wie die eines Zirkusdirektors von der Tür herüberschallte: »Hampus im Anmarsch!«

Tekla atmete tief ein, schloss die Augen und versetzte sich nach Jämtland. Ins Ruderboot am Weiher. Zu Simon und Papa, die darauf warteten, dass sie ihnen aus einer dampfenden Thermoskanne Kaffee einschenkte. Safrangelbe Herbstfarben am Ufer. Simon, der zu ihr sagte, sie solle auf ihre Klavierfinger aufpassen. Tekla, die antwortete: »Klavier kannst du selber spielen, du Idiot. Ich kann die Drumsticks mit meinen Füßen halten, wenn’s sein muss.« Papa, der mit der Zigarette im Mundwinkel lächelte. »Seid jetzt still, damit was anbeißt, bevor Mama zu Hause einschläft.« Als ob Mama sich überhaupt darum scheren würde, wann sie nach Hause kamen, dachte Tekla.

Peng! Anki warf die Tür des Medizinschranks zu.

Tekla öffnete die Augen. Machte drei schnelle Schritte zu dem Gangmitglied mit der Stichverletzung.

»Ich brauche eine Drainage. So dick wie möglich.«

Sie kippte die Liege mit dem Fußende nach oben.

»Ich intubiere«, hörte sie irgendwo im Hintergrund den Anästhesisten sagen. Die Stimme klang, als würde sie durch ein Metallrohr geschickt.

Die Rockertypen folgten dem Drama mit verbissenen Gesichtern. Umklammerten ihre Pistolen. Tekla hörte, wie einer von ihnen mit irgendjemandem telefonierte.

Gerade als sie sich sterile Handschuhe anziehen wollte, kam Hampus Nordensköld mit einer weiteren Krankenschwester in den Raum. Sein Haar war zerzaust.

»Was ist hier los?«

Tekla hatte ihn noch nie so exaltiert gesehen.

Der kleinere Motorradtyp mit dem rasierten Schädel hob seinen Arm hoch und hielt Hampus davon ab, zur Liege zu treten.

»Ein Arzt reicht. Sie hat die Lage unter Kontrolle.«

»Aber …«

Tekla nahm dankbar zur Kenntnis, wie die Wut in Hampus’ Gesicht aufstieg.

»Kümmere dich am besten um den anderen Raum«, sagte sie. »Ein Junge mit Gaucher, der eine Sepsis hat. Organisier ihm einen Platz auf Intensiv und bring dem Vater eine Liege.« Tekla schielte über Hampus’ Schulter und sah den Vater gegen die Schulter der verständnislos dreinblickenden Mutter gelehnt dasitzen. »Er wird viereinhalb Stunden schlafen.«

Als hätte Hampus auch nur die geringste Ahnung, was Morbus Gaucher ist, dachte Tekla. Aber als männlicher Arzt würde er jederzeit lieber den Leuten ins Gesicht lügen, als sein Unwissen zuzugeben.

Hampus fuhr sich gekränkt mit den Fingern durchs Haar und trottete in Richtung Schockraum zwei.

»Skalpell«, sagte Tekla, als die Einstichstelle sauber war.

»Kein Puls«, rief die Narkoseschwester mit leichter Verzweiflung in der Stimme.

»Herzstillstand«, konstatierte der polnische Anästhesist in einem etwas lakonischeren Tonfall.

Tekla wollte gerade »Kompressionen, bitte« sagen, als sie sah, wie der groß gewachsene Motorradtyp drei Schritte nach vorn trat und mit einer Herzdruckmassage begann. Perfekte Kompressionen im richtigen Rhythmus und in der richtigen Stärke.

»Machen Sie weiter, Doktor«, keuchte er.

Sie nahm das Skalpell aus Cassandras Hand und setzte einen langen Schnitt entlang einer der Rippen über dem linken Brustkorb. Dann grub sie mit ihrem Zeigefinger einen Kanal unter die Rippe und in den Brustkorb hinein. Plötzlich floss frisches Blut über die Seite des Patienten und lief auf den hellgrauen Linoleumboden hinunter.

»Blut«, sagte sie, als hätte eventuell irgendjemandem die tiefrote Fontäne entgehen können, die aus der Seite des Patienten strömte.

Wieder öffnete sich die Tür, und die Stationsleiterin kam herein.

»Es sind noch mehr Biker hier.«

Die beiden Motorradgang-Mitglieder blickten sich verwundert an. Tekla fühlte sich, als wäre sie in eine Folge der Serie Sons of Anarchy geraten.

»Übernimm«, brüllte der muskulösere der beiden Männer. Cassandra ließ ihre Kompressen fallen und hievte sich auf die Liege, um die Kompressionen fortzusetzen. Der kleinere Mann fuhr mit der Hand über seinen Rücken und zog seine Pistole. Er richtete sie auf den Eingang.

Vier weitere Männer kamen herein, worauf die ersten beiden sich wieder entspannten. Sie waren von derselben Gang. Sie unterhielten sich aufgeregt, wobei Tekla nur die Worte »Albaner« und »Ratten« aufschnappte.

Sie stand da, den Finger in der warmen Brusthöhle, und spürte ein schwaches Pulsieren von der Herzdruckmassage. Sie versuchte sich zu konzentrieren, obwohl ihr der Schweiß in die Augen lief und brannte wie Essig.

»Drainieren.«

Der Geräuschpegel stieg.

Sie nahm den dicken Plastikschlauch von Anki entgegen und führte ihn mit einer Drehbewegung ein. Frisches Blut floss hindurch und landete in einem Beutel, den Anki gerade noch daran befestigen konnte.

»Ist nullnegatives Blut unterwegs?«, rief sie der Stationsschwester zu, die wie festgewachsen an der einen Wand stand.

»Ich hab es hier.«

»Häng es dran, mit Überdruck!«

Tekla blickte über ihre Schulter, Tariq Moussawi stand immer noch am selben Platz. Die Arme verschränkt. Er hatte einen anderen Gesichtsausdruck.

Nach einer weiteren Minute hörte sie den Anästhesisten zu Cassandra sagen: »Mach ’ne kurze Pause.«

Ein paar Sekunden lang war es totenstill im Raum. Die Gangmitglieder warteten.

»Schwacher Puls«, sagte der Anästhesist.

Tekla schloss für eine Sekunde die Augen. Sie sah Simons fröhliche Wolfszähne und seine verschmitzten Augen vor sich.

Auf einmal drang Geklapper aus der Halle der Notaufnahme, ein Geräusch von Metall auf Holz und Quietschen von Gummi. Dann stürmte ein Polizei-Einsatzkommando mit gezogenen Waffen herein.

Tekla sah aus den Augenwinkeln, wie die Polizisten die Gangmitglieder zu Boden rangen und ihnen Handschellen anlegten. Sie versuchte sich darauf zu konzentrieren, die dicke Drainage im Brustkorb des Patienten festzunähen, und bekam sie schließlich mit einigen groben Stichen dahin, wo sie sein sollte. Einer der Polizisten – zwei Meter groß und mit unwirklich breiten Schultern – kam auf Tekla zu und zog seine Gesichtsmaske herunter. Die Kamera, die an seinem Helm befestigt war, ließ sie an einen Snowboardfahrer denken. Der Polizist blieb bei dem Monitor stehen, der anzeigte, dass der Patient einen Herzrhythmus von hundertzwanzig Schlägen pro Minute hatte.

»Alles in Ordnung, Frau Doktor?«

Tekla zuckte erschrocken zusammen, als sie die große Automatikwaffe an seinem Körper sah, doch sein einfühlsamer Blick beruhigte sie schnell wieder. Sie versuchte zu lächeln.

»Er überlebt.«

»Gute Arbeit. Gleich seid ihr diese Raufbolde los und könnt wieder zum Alltag übergehen.«

Eine Pflegehelferin drängte sich an den SEK-Polizisten vorbei und schrie mit lauter Stimme: »Wir haben Katastrophenalarm! Der Söder Torn ist explodiert!«

Tekla legte Arterienklemme und Nadelhalter auf das blaue sterile Tuch und sah, wie die Polizisten erst in ihre Funkgeräte und dann miteinander sprachen. Die Stimmung wurde sofort hitzig. Sie hörte die Worte »Explosion« und »Brand«.

Der große Polizist kam wieder zu ihr.

»Im Söder Torn hat eine Explosion stattgefunden, mit einem heftigen Brand als Folge. Unsere Einheit ist dorthin gerufen worden.«

»Und die Gangmitglieder?«, fragte Tekla, während sie gleichzeitig einen großen Deckverband über die Drainage klebte. Der Anästhesist tauschte den Blutbeutel aus, der Druck lag nun bei stabilen achtzig zu sechzig.

»Die Streife bringt sie zur Polizeiwache an der Torkel Knutsonsgatan.«

»Tekla!«, rief Cassandra durch das Chaos. »Der Chefarzt will mit dir sprechen.« Sie hielt ein Telefon hoch.

Tekla zog sich die blutigen Handschuhe und die Plastikschürze aus. Dann vergewisserte sie sich beim Anästhesisten, dass der Patient unter Kontrolle war.

»Die Lage ist stabil. Wir bringen ihn erst zum Röntgen und dann auf Intensiv.« Im anderen Raum wurde der kleine Junge gerade von einem zweiten Anästhesieteam auf die Kinderintensivstation gefahren.

Tekla nahm das Telefon entgegen und meldete sich.

»Ich hab die Anweisung bekommen, dass du die ärztliche Erstversorgung beim Brand leiten sollst«, sagte Chefarzt Leif Törblom mit einer Teklas Eindruck nach etwas undeutlichen Stimme. »Wir richten gerade einen Stab ein, müssen aber schnell mehr Ärzte zur Unglücksstelle bringen.«

Tekla sah sich um. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu tun, was der Chefarzt sagte: sich die Rettungsjacke überzuziehen und zum Söder Torn zu fahren. Sie verließ den Schockraum, blieb an einem Waschbecken stehen und warf sich noch eine Bombe in den Mund, die sie mit lauwarmem Wasser hinunterspülte. Im Eingangsbereich der Notaufnahme traf sie auf die Rettungsassistenten Johan und Jessica, die wie sie für die medizinische Erstversorgung vorgesehen waren.

»Also, fahren wir«, sagte Tekla. Sie bemerkte, wie der SEK-Mensch mit den blauen Augen sich umwandte und ihren Blick suchte, bevor er in den silberfarbenen Lieferwagen sprang und in Richtung Brand verschwand. Sie hatte ein merkwürdiges Gefühl im Bauch. Wer hatte dem Chefarzt die »Anweisung« gegeben, dass ausgerechnet Tekla die Erstversorgung leiten sollte?

Donnerstagabend, der 6. Juni

SÖDER TORN, STOCKHOLM

»Ist er tot?«, fragte Johan.

»Weiß nicht.«

»Aber müsste er doch eigentlich sein, oder?«

»Kannst du vielleicht einfach mal warten?«, fauchte Tekla. »Wie soll man denn hier ordentlich den Puls fühlen können?«

Sie wusste, sie sollte sich bei Johan entschuldigen, dass sie die Nerven verloren hatte, aber nach all den Patienten, um die sie sich gekümmert hatte, hatte sie langsam genug. Ihre Finger lagen noch auf dem Hals des Verletzten, und sie ließ den Blick ein paar notwendige Sekunden abschweifen. Die Flammen züngelten an der einen Seite des Turms empor, an der gerade eine Fassadenrenovierung durchgeführt wurde, und reichten bereits bis zur Hälfte des Gebäudes. Die schwarze Rauchsäule zeichnete sich kerzengerade vor dem zartrosa Abendhimmel ab, der der herannahenden Dunkelheit zu entrinnen versuchte. An jedes dieser Bilder würde sie sich bis ins letzte Detail erinnern, das war ihr Segen und ihr Fluch. Tekla erschauderte, als kalte Luft über ihren Nacken zog, und gleichzeitig vibrierte die Hitze des Feuers in zweihundert Metern Entfernung. Es roch nach verbranntem Plastik und versengter Haut. Das Grollen des Feuers wurde nur hier und da durch explodierende Glasscheiben und die Sirenen der Einsatzfahrzeuge übertönt.

»Wo habt ihr ihn gefunden?«, fragte sie und hörte auf, nach dem Puls zu suchen.

»Vor dem Verteilerraum. Unter einer Wendeltreppe.«

Tekla stand auf und blickte den Atemschutzgeräteträger an. Erst jetzt sah sie, wie rußverschmiert und verschwitzt er war.

»Setzen Sie sich hin und ruhen Sie sich ein bisschen aus«, sagte sie.

Der Feuerwehrmann sank auf einer Rolle von Schläuchen zusammen, öffnete seine Jacke und fuhr mit der Hand über sein schmutziges Gesicht. Dann fiel sein Kopf nach vorn, als hätten die Nackenmuskeln plötzlich nachgegeben. Tekla sah, wie er am ganzen Körper zu zittern begann. Ihr war bewusst, dass sie zu ihm gehen und ihm eine Hand auf die Schulter legen müsste, doch stattdessen blieb sie stehen und streckte ihren schmerzenden Rücken. Zum ersten Mal seit über zwei Stunden ließ sie die Schultern ein paar Zentimeter sinken.

»War er der Letzte, den ihr rausgeholt habt?«

Er nickte.

Tekla blickte zu dem brennenden Inferno hinüber. Der letzte Patient war also der Erste, der sterben würde. Die Leiche würde schwer zu identifizieren sein. Sie steckte ihre Hand in die Rettungsjacke und zog eine schwarze Plastikkarte heraus, die in den Flammen aufblitzte.

»Wie viele haben Sie versorgt?«, fragte der Atemschutzgeräteträger.

Tekla brauchte nicht nachzudenken. Sie hätte jeden Einzelnen der Verletzten beschreiben können: Farbe der Kleidung, Frisur, Gesichtsausdruck, Körpertemperatur. Alles bis ins kleinste Detail. Alles, bis auf ihren Geruch.

»Der hier ist Nummer zwölf«, sagte sie.

»Sie hätten bleiben sollen, wo sie waren. Nicht ins Treppenhaus laufen.«

»Ihr wärt mit diesen Leitern aber doch niemals achtzig Meter nach oben gekommen.«

Der Feuerwehrmann schloss seine Augen, wie als Schutz gegen die Wahrheit.

»Wie viele Tote?«, fragte er.

»Bisher nur einer. Aber vielleicht werden einige von den Schwerverletzten nicht überleben.«

Tekla blieb stehen und starrte den verbrannten Körper an. Eine Niederlage auf so vielen Ebenen. Sie drehte sich um, zur sicheren Dunkelheit in Richtung Bofills Båge, nahm die Labellohülle heraus, schüttelte eine weitere kleine Kugel in ihre Handfläche und schluckte sie schnell. Nahm den bitteren Geschmack nicht einmal wahr. Es würde nicht lange dauern, bis die Wirkung einsetzte.

Jemand hockte sich neben sie.

»Man sieht kaum noch, dass es ein Mensch ist«, sagte er. Es war der Pfleger Johan.

»Nein, wirkt eher wie ein verkohlter Tierkadaver in einer rauchenden Kriegsruine«, murmelte Tekla und wollte gerade um eine Wasserflasche bitten, als sie plötzlich sah, wie sich der Brustkorb des Brandopfers hob.

Sie beugte sich vor, ihre Knie bohrten sich in die weiche Erde. Sie legte ihr Ohr an die Stelle, wo der Mund sein musste, die jedoch nur aus großen, kupferroten Blasen bestand, die von Ruß und Blut bedeckt waren.

»Er atmet!«

Schnell zog sie eine Taschenlampe aus ihrer Brusttasche und leuchtete in das Auge, das nicht völlig von verbranntem Fleisch bedeckt war.

»Die Pupille ist klein. Wir müssen einen Zugang legen!«

John holte seine Notfalltasche, während Tekla die Armbeuge absuchte, doch die Verbrennungen hatten jedes Blutgefäß zerstört. Das Gesicht, der Rumpf, die Arme … sie schätzte, dass achtzig Prozent der Körperoberfläche Verbrennungen dritten Grades aufwiesen. Die Kleider waren weg, sogar sein Geschlechtsorgan war unkenntlich. Sie befühlte seinen Kopf mit den Fingerspitzen und ertastete eine schwammige Einbuchtung am Hinterkopf.

Johan war schnell zurück.

»Wir müssen es intraossär machen«, sagte Tekla. »Hier, an dem einen Knie ist ein relativ unbeschädigter Bereich.«

Johan nahm den Bohrer heraus und drückte eine Nadel mit gelbem Kopf hinein.

»Ich hätte an der Leiste nach dem Puls suchen sollen …«

Tekla nahm auf dem rechten Schienbein unter dem Knie Maß, griff nach dem Bohrer und zielte. Sie bohrte bis ins Mark. Der Patient zitterte nicht einmal.

Sie ließ den Blick über den Körper des Mannes schweifen. Normal gebaut. Normal groß. Wie alt? Unmöglich zu schätzen. Kein Haar mehr auf dem Kopf. Das Gesicht im Prinzip fort. Der ganze Kopf: ein rauchender, blutiger Fleischklumpen. Der Körper: eine lakritzschwarze Rüstung aus Wundschorf. In Tekla tauchten Bilder von Pompeji auf, wie die lebendig Begrabenen in ihren Positionen erstarrt waren. Viele schienen geschlafen zu haben, als der Vulkan ausbrach. Wie hatte es sich angefühlt, dort zu liegen? Wie hätte sie es selbst gewollt? Hätte sie sich gewünscht, dass jemand ihr Leben rettete … so? Oder dass man ihr stattdessen nur etwas Schmerzlinderung verschafft hätte, damit sie einschlafen konnte?

Eine Sekunde später leerte Tekla eine ganze Ampulle Narcanti in den Zugang und fuhr mit etwas Kochsalz fort.

»Und jetzt noch intubieren«, sagte sie.

Gleichzeitig hörte sie eine tiefe Stimme hinter sich.

»Lebt er?«

Sie sah aus dem Augenwinkel einen Polizisten, wandte sich jedoch erneut zu Johan.

»Zieh Ketamin auf. Und hol zwei Beutel Ringerlösung raus.«

In ihrem Gedächtnis rief sie direkt das Textbook of Burns ab und las auf Seite 2127 die linke Spalte. Rechnete laut vor sich hin: »Mit einem Gewicht von siebzig Kilo und achtzig Prozent Verbrennungen braucht der Patient in den nächsten zehn Stunden zwölf Liter Flüssigkeit. Wird intraossär schwer, aber wir fangen mal so an. In der Notaufnahme müssen sie dann zentrale Zugänge legen. Wenn wir es bis dahin schaffen.«

»Hat er was gesagt?«, fragte der Polizist, der sich jetzt unmittelbar neben sie gestellt hatte. Er sah aus, als hätte er schon früh im Leben begonnen, sein spärliches Haupthaar mit langen Abenden im Fitnessstudio und einem gut gepflegten Kapitän-Haddock-Bart zu kompensieren. An seiner Polizeiausrüstung saß alles perfekt.

»Sieht es so aus, als könnte er sprechen?«, fragte Tekla.

»Kann er kein Schwedisch?«

»Ich hoffe, Sie machen Witze.«

»Haben Sie irgendwelche Tätowierungen gesehen?«

»Auf den zwanzig Prozent seiner Körperoberfläche, die noch intakt sind, habe ich keine Tätowierungen gesehen, nein. Jetzt müssen Sie da weg, ich muss intubieren.«

Tekla hielt einen starken Impuls zurück, den Polizisten einfach beiseitezuschubsen.

Der Mann mit den Verbrennungen fing plötzlich an, seinen Arm leicht zu bewegen, und drehte den Kopf in Teklas Richtung.

Da beugte der Polizist sich vor und rief mit lauter Stimme:

»Hören Sie mich? Nicken Sie, wenn Sie mich hören. Der Zeuge hat gesehen, wie ein grüner Lieferwagen mit vier oder fünf Männern kurz vor der Explosion von hier geflohen ist. Sie waren in die Sache verwickelt, oder? Sind die abgehauen und haben Sie zurückgelassen? Wo wolltet ihr euch treffen? Jetzt reden Sie!«

Keine Reaktion.

»Did you put a bomb in the basement?«, rief der Polizist, der anzunehmen schien, dass die Trommelfelle des Verletzten weggesprengt worden waren. »What did you do outside the … was zum Henker heißt Verteilerraum? What did you do vor dem Verteilerraum?«

Der Mann bewegte den Arm jetzt unkontrolliert, und Tekla ahnte, dass das eine Auge sich auf sie zu richten suchte. Sie schob den Polizisten zur Seite.

»Ich muss sofort intubieren, wenn er auch nur die geringste Überlebenschance haben soll.«

»Nur noch eine letzte Sache«, sagte der Polizist und beugte sich erneut über den Verletzten. »Wenn Sie dieses Haus gesprengt und diesen Menschen hier Schaden zugefügt haben, werde ich persönlich dafür sorgen, dass Sie und alle Ihre Verwandten, aus welchem verdammten Land im Mittleren Osten Sie auch kommen, bis in alle Ewigkeit leiden müssen. Kein Prophet kann Sie schützen. Und Sie können sämtliche Jungfrauen im Himmel vergessen. Hören Sie mich?«

Tekla drängte den Polizisten weg, der demonstrativ langsam zurückwich.

»Was reden Sie da?«, schrie sie. »Wie zum Teufel wollen Sie wissen, ob das hier irgendein Terroranschlag ist? Hä?! Es kann ja genauso gut ein Unglück gewesen sein, oder was auch immer!«

Die anderen Polizisten mussten ihren Chef festhalten, der so aussah, als wollte er sich auf den Schwerverletzten stürzen und mit seinen großen Stiefeln auf ihm herumtrampeln. Er starrte Tekla an und lächelte höhnisch, bevor er sich langsam von der Stelle entfernte. Auch die übrigen Polizisten vom SEK und dem nationalen Sprengstoffkommando traten ein paar Schritte zurück, und das Licht der Flammen kehrte zurück. Tekla legte ihre Hand auf die Stirn des Verletzten. Der Knochen lag offen.

Sie beugte sich vor, strich vorsichtig mit der Hand darüber und flüsterte: »Alles wird gut, Sie werden sehen. Alles wird gut … Jetzt dürfen Sie schlafen.«

Sie nahm das Laryngoskop und wollte sich gerade seinem Kopf zuwenden, als der Mann seinen Zeigefinger auf sie richtete. Auf Teklas Gesicht. Sie beugte sich vor, versuchte zu verstehen, was er sagen wollte. Sie hörte seine kurzen, keuchenden Atemzüge. Worte, die langsam, zögernd, ausgestoßen wurden. Dann fiel der Arm wieder herunter, und er verschwand in der Bewusstlosigkeit.

»Was hat er gesagt?«, fragte Johan.

»Schwimmen«, sagte Tekla und erschauderte. »Es klang, als hätte er irgendwas von Schwimmen gesagt.«

Nacht zu Freitag, dem 7. Juni

NOBEL-KRANKENHAUS

Tekla war schon immer schlecht geworden, wenn sie in einem Auto gegen die Fahrtrichtung saß. Der Krankenwagen schwankte, doch sie biss die Zähne zusammen, atmete tief durch und konzentrierte sich auf ihre einzige Aufgabe: den Patienten mit den Verbrennungen am Leben zu erhalten. Zumindest, bis sie in die Notaufnahme kamen. Als sie vom Ringvägen den Hügel hinauffuhren, registrierte sie ein ziviles Polizeiauto direkt hinter dem Krankenwagen. Es schaltete das Blaulicht ab, als sie sich der Notaufnahme näherten.

Mithilfe des Beatmungsbeutels drückte sie vorsichtig Luft in die Lunge des Mannes. Es war nicht möglich gewesen, seinen Blutdruck zu messen, doch sie fühlte einen schwachen Puls in der Leiste. Sie wusste, dass der Mann noch lebte. Tekla sah die schmierige Pampe an, die an ihrem Gummihandschuh klebte. Konnten diese cremeweißen Fäden, die aussahen wie verkochte Spaghetti, Nerven sein, die in der Hitze geschmolzen waren?

Der Motor wurde abgestellt, und sie hörte, wie Johan die Schiebetür öffnete.

»Wie geht es?«, fragte er.

»Mir oder dem Patienten?«

»Ich deute das so, dass er immer noch am Leben ist.«

Johan sprang weiter zu den hinteren Türen. Tekla beneidete ihn um seine sorglose Einstellung zum Leben.

»Gut gefahren«, sagte Tekla und half ihm mit der Bahre. »Ausnahmsweise musste ich mich nicht übergeben.«

Gemeinsam zogen sie die Bahre heraus, während Tekla immer wieder Luft in den Mund des Patienten drückte. In der Halle der Notaufnahme standen acht andere Krankenwagen, von denen zwei gerade ausgeladen wurden.

Tekla sah den Klinikleiter auf sich zukommen. Sie hatte ihn noch nie so rot im Gesicht gesehen. Göran Collinder musste es sehr eilig gehabt haben, aus seiner Wohnung in Östermalm hierherzukommen, dachte Tekla, nachdem es das erste Mal überhaupt war, dass sie ihn ohne sein dunkelblaues Jackett mit den Goldknöpfen sah.

»Tekla Berg, nicht wahr?«

»Ich glaube nicht, dass es in Ihrer Klinik noch jemand anderen mit diesem Namen gibt.«

»Und das ist der Mann vom Söder Torn mit den schweren Verbrennungen?«

»Einer von ihnen.«

Tekla sah jetzt, dass Göran von zwei zivil gekleideten Männern begleitet wurde, möglicherweise Polizisten. Sie begegnete dem Blick des einen, richtete aber rasch wieder den Fokus auf ihren Chef.

»Wir müssen in die Notaufnahme«, sagte Tekla.

»Wir warten hier, dann reden wir, wenn ihr den Patienten übergeben habt«, antwortete Göran und sah aus, als wollte er die Anweisung bestätigt bekommen. Doch Tekla wandte sich nur um und ging in Richtung Schockraum, wo ein erwartungsvoller Arzt mit Visier und voller Kampfausrüstung bereitstand.

Es schmerzte Tekla, den armen Patienten abzugeben. Was ihn erwartete, war ein Beatmungsgerät und eine ganze Nacht Wundreinigung. Ein richtiger Knochenjob. Vielleicht wäre es besser gewesen, Johans indirekt angedeuteter Empfehlung einer schnellen, barmherzigen Sterbehilfe mittels einer ordentlichen Dosis Morphin am Unglücksort zu folgen.

Tekla trat zum Medikamentenkühlschrank, wo Johan stand und etwas auf einem Tablet notierte. Er blickte auf.

»Übrigens, was war denn das mit dem Schwimmen?«

Tekla erstarrte.

»Nichts.«

»Doch, sag.«

»Ich dachte, er hätte gesagt … schwimmen.«

»Als er dich angeschaut hat?«

Tekla sah Bilder vom Teich vor sich.

»Das Lustige ist, dass ich nicht schwimmen kann.«

Johan blickte sie an.

»Aber warum sollte er vom Schwimmen reden?«

»Ja, sehr seltsam«, antwortete Tekla und wich Johans neugierigem Blick aus. »Vielleicht hat er nur wirres Zeug geredet. Aber es wirkte tatsächlich so, als würde er mich anschauen, und es klang, als würde er etwas fragen. Ich muss mich verhört haben. Der Einzige, der weiß, dass ich nicht schwimmen kann, ist …«

»Tekla!«

Göran erschien in der Tür zum Schockraum und winkte. Die Polizisten standen neben ihm, sie sollten offenbar bei dem Verletzten bleiben. Erst jetzt nahm Tekla das Chaos wahr. Im Krankenhaus war der Ausnahmezustand ausgerufen worden, und Personal aus der ganzen Stadt war herbeigeströmt. Weit mehr, als nötig war.

Sie zog ihre blutige Einsatzjacke aus und hängte sie vor dem Schockraum auf, wusch und desinfizierte ihre Hände und schöpfte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Dann gingen sie. Sie versuchte, Görans Körpersprache zu lesen. Bisher hatte er das vorangegangene Drama um den Kerl mit den Stichverletzungen und das krampfende Kind nicht erwähnt. Hatte er vom Personal noch nichts davon erfahren? Oder war er gedanklich einfach völlig von dem Brand eingenommen?

»Wie viele haben wir reingekriegt?«, fragte sie.

»Fünf. Aber nur zwei mit ernsthaften Verbrennungen.«

»Warum nur zwei?«

»Ja, und dann noch deinen, das ist der dritte.«

»Aber wo sind alle anderen? Es müssen mindestens zehn sein.«

»Uppsala hat fünf bekommen und Solna zwei.«

»Uppsala? Aber sind nicht wir hier im Nobel-Krankenhaus diejenigen, die eine komplett neue Station für Schwerbrandverletzte haben?«

»Doch, aber Uppsala hat ja den Auftrag vom Staat bekommen, wie du vielleicht gehört hast.« Göran versuchte zu lächeln, war aber offenbar viel zu gestresst für irgendwelche gespielten Freundlichkeitsbekundungen. »Aber jetzt kriegt die neue Einheit ordentlich zu tun. Ich kenne jemanden, der sich freuen wird.«

Tekla verließ die Notaufnahme und ging an der Kinderklinik vorbei in Richtung Eingangshalle. Göran versuchte mit ihr Schritt zu halten. Sie hatte noch nie mitten in der Nacht so viele Menschen im Krankenhaus gesehen. Sie passierten Pulks von unruhigen Angehörigen und herbeieilendem Personal am Haupteingang.

Sie nahm die linke Tür.

»Tekla, ich möchte, dass du die verantwortliche Ärztin für den Schwerbrandverletzten wirst«, sagte Göran.

»Die verantwortliche Ärztin?«

»Ich weiß, das ist etwas ungewöhnlich, aber dieser Patient ist speziell.«

»Du meinst lebensgefährlich verletzt.«

»Das auch. Ich wurde von der Einsatzleitung angerufen. Wenn der Patient überlebt, gibt es eine polizeiliche Ermittlung. Er könnte in den Brand verwickelt gewesen sein.«

»Davon betroffen, meinst du?«

»Vielleicht mehr als das.«

Sie kamen zu den Aufzügen, Tekla drückte mehrmals auf den Knopf.

»Aber warum ich? Ist nicht normalerweise jemand von der Intensivstation verantwortlicher Arzt?«

»Wie ich es verstanden habe, hat er auf Narcanti angesprochen?«

»Was hat das mit der Rolle des verantwortlichen Arztes zu tun?«

»Also müssen wir von einer Intoxikation ausgehen. Und die Notfallklinik ist verantwortlich für alle Vergiftungen, die auf der Intensivstation landen.«

Die Aufzugtüren öffneten sich. Sie ging widerwillig hinein und unterdrückte einen Würgereiz, als Görans Aftershave den kleinen Raum ausfüllte. So intim war sie seit mehreren Jahren nicht mit einem Mann gewesen. Sie drückte auf die neun.

»Vergiftung? Aber …«

»Du wirst aus zwei Gründen verantwortliche Ärztin«, fertigte Göran sie ab. »Erstens liegt eine Vergiftung vor. Zweitens ist seine Identität unbekannt, und die Polizei will eine Kontaktperson für alles, was mit dem Patienten passiert.«

Göran blickte auf seine Armbanduhr. »Schau mich nicht so an. Ich bin nicht derjenige, der entscheidet.«

»Wer dann?«

Tekla sah, dass Göran etwas sagen wollte, sich aber zurückhielt.

Endlich öffneten sich die Aufzugtüren. Tekla ging in Richtung ihres Zimmers und hörte, wie Göran hinter ihr herkam.

»Der Einsatzleiter hat gesagt, der Patient hätte dich erkannt. Stimmt das?«

Tekla blieb an ihrem Zimmer stehen und sperrte die Glastür auf. Jetzt begriff sie, warum Göran ihr den ganzen Weg bis hierher gefolgt war.

»Was meinst du?«

»War es nicht so, dass er auf dich gezeigt hat? Hat es so gewirkt, als hätte er dich erkannt?«

»Ach Quatsch. Er hat nur den Arm bewegt, als ich ihm Narcanti gegeben hab. Er hat ja kaum mitgekriegt, was um ihn herum passiert. Hast du gesehen, wie er aussah?«

Sie ging in ihr Zimmer und blieb vor dem Fenster stehen. Spürte ihr Herz heftig schlagen. Schweiß rann ihr den Rücken hinunter, und sie zitterte am ganzen Körper. Es gab doch nur eine Person, die wusste, dass sie nicht schwimmen konnte? Aber es konnten ja viele Menschen nicht schwimmen.

Sie brauchte eine Bombe. Jetzt.

Göran stellte sich neben sie. Sie sahen, wie der Söder Torn nur etwa einen Kilometer entfernt noch immer brannte. Die Dunkelheit hatte sich über die Stadt gelegt, und die Flammen hatten jetzt das ganze Gebäude in Besitz genommen, bis hin zu den obersten Stockwerken. Um den ganzen Turm standen Gerüste.

Auch Göran war von dem Anblick erschüttert.

»Oh Mann«, keuchte er.

»Hattest du es noch nicht gesehen?«

»Wie war es eigentlich da?«

»Unwirklich.«

Ihre Gedanken kreisten um all die Menschen, die sie am Söder Torn zu retten versucht hatte. Hätte sie irgendetwas anders machen müssen?

»Die Rettung für die Monsterfrau«, flüsterte Göran.

»Für wen?«

»Nichts.«

Sie standen ein paar Sekunden da und starrten. Tekla spürte jetzt, wie ihr der Schweiß auch an der Innenseite des Oberschenkels hinunterlief. Sie fror.

»Ich muss mich jetzt wirklich umziehen.«

Sie fing an, ihre Hose aufzuknöpfen.

»Hier?«

»Ich will nicht wie ein Metzger aussehen, wenn ich in die U-Bahn steige.«

»Du weißt, dass wir uns eigentlich im Keller umziehen. Ihr habt eure Umkleideräume …«

»Ernsthaft«, unterbrach ihn Tekla und begann sich die Hose herunterzustreifen. »Ich bin wahnsinnig müde.«

»Okay«, entschuldigte sich Göran und drehte sich um. »Aber du akzeptierst, dass du verantwortliche Ärztin wirst?«

»Hab ich eine Wahl?«

»Ich denke nicht.«

»Dann hast du ja deine Antwort.«

»Elf Uhr auf der Intensivstation. Jeden Tag zur Visite wird die Polizei auftauchen. Dann wollen sie ein Status-Update.«

»Jeden Tag?«

»Um Punkt elf.«

»Mit denselben Mitteln schneller arbeiten«, seufzte Tekla.

»Was sagst du?«

»Nichts.«

Tekla atmete tief durch und streckte eine klebrige Hand nach dem Labello in ihrer Tasche aus. Görans Handy klingelte.

»Ja … ja … sie ist bei mir …«

Göran hielt Tekla das Telefon hin.

»Es ist für dich.«

»Wer?«, flüsterte Tekla und winkte abwehrend.

»Monica. Geh einfach ran.«

Tekla kam kaum dazu, darüber nachzudenken, welche Monica Göran meinte, ehe sie das Handy nahm.

»Tekla?«, war eine scharfe, wache Stimme zu hören.

»Ja.«

»Ich habe im Lauf dieses Abends viel von Ihnen gehört.«

»Wirklich?«

»Ich will mit Ihnen reden. Morgen früh. Da sind Sie im Dienst, oder? Sie sollen ja um elf auf Intensiv sein.«

»Ja. Aber woher wussten …?«

»Ich rufe Sie an«, sagte die Krankenhausdirektorin und legte auf.

Tekla gab das Handy zurück. Sie starrte mit leerem Blick auf Görans Rücken, als er sie endlich in ihrem Zimmer allein ließ. In Teklas Ohr fiepte ein hoher Ton, bevor es schließlich im neunten Stock des Nobel-Krankenhauses vollkommen still wurde.

Jetzt verstand sie: die Monsterfrau.

II

Freitagmorgen, der 7. Juni

GRÖNVIKSVÄGEN, BROMMA

Victor Umarov wachte mit einer Morgenlatte auf. Eine nahezu unbeschreibliche Freude verbreitete sich in seinem Körper. Victor fingerte einige Sekunden an seinem Schwanz herum, fühlte nach, ob er steif bleiben würde. Er vergewisserte sich, dass es nicht wieder nur ein Scheißtraum war.

Dann drehte er sich um und rückte näher an Elena heran. Sie schlief noch, in seliger Ungewissheit, was für ein wunderbares morgendliches Geschenk er ihr angedeihen lassen wollte. Er führte die Hand unter ihren Arm, zog vorsichtig das seidene Nachthemd zur Seite, griff an ihre große Brust und begann die Brustwarze zu streicheln, während er seinen Ständer gegen ihren wundervollen Hintern drückte. Als sie sich kennengelernt hatten, auf einem Fest in Moskau, hatte er sich in ihren Arsch verliebt, bevor er ihr gut geschminktes Gesicht überhaupt gesehen hatte.

Sie erwachte. Verdammt, wie sie ficken würden. Hart und schwitzend, wie sie es seit Monaten nicht mehr getan hatten. Er würde seiner Ärztin in Östermalm eine ganze Kiste Champagner bringen. Keinen russischen Wodka, den die Schweden sowieso nicht vertrugen. Und zwar persönlich. Genau wie damals, als er sich Anfang der Neunziger das staatliche russische Elektrizitätsmonopol gesichert hatte. Ein fester Handschlag und ein Gläschen. In dem Fall natürlich Wodka.

Er dachte so sehr daran, wie er der Ärztin danken würde, dass er den Fokus verlor. Er fing an zu pumpen, dass es in seinen Gesäßmuskeln zog.

Elena hatte begriffen, was passieren sollte. Sie schob ihr Höschen zur Seite. Das hier konnte schnell gehen. Sie war feucht wie die Austern im Royal Castle Hotel in Bulgarien. Wenn er nur nicht kam, bevor er ihn reingekriegt hatte. Er musste wenigstens ein paarmal stoßen. Rein und raus. Musste dieses herrlich warme Gefühl wieder spüren. Ihren Gegendruck.

Doch da merkte er, dass sich etwas veränderte. Sein Schwanz fühlte sich nicht mehr so steif an. Er spannte die Pobacken an, versuchte das Blut in seinen Spieß zu drücken, ihn mit Kraft zu füllen. Aber es war, als hätte jemand den Stecker herausgezogen. Er sah einen dieser riesigen aufblasbaren Plastikmenschen vor einem Autohändler in den USA vor sich, der plötzlich zusammenfällt, wenn das Gebläse ausgeschaltet wird.

Es hatte nicht einmal eine Minute gedauert. Sechzig Sekunden, dann war er genauso weich und leblos, wie er das ganze letzte Jahr hindurch gewesen war.

Er drehte sich um und schwang die Füße auf den zotteligen Teppichboden. Stellte sich hin, zog die Pistole aus der Schublade des Nachtkästchens, drückte das Magazin hinein und schoss zweimal hintereinander. Zwei mal ein Meter Spiegel mit Goldrahmen zersplitterte in tausend Stücke.

Die Tür flog auf, und Kamila kam hereingestürzt. Sie hatte ihren weinroten Flanellpyjama an, und das lange, schwarze Haar war zerzaust, der Teenagerblick eher wütend als erstaunt. Auch Sardor kam die Treppe hochgerannt, mit gezogener Pistole.

»Ruhig«, sagte Victor und wich den Spiegelscherben aus, als er auf seine beiden Kinder zuging. Er nahm Kamila in den Arm und drückte sie an sich. »Nur ein kleiner Spiegel, der kaputtgegangen ist.«

»Kleiner Spiegel? Du bist doch total krank im Kopf«, rief Kamila und schob Victor von sich weg.

»Aber nicht so krank, dass ich meiner kleinen Prinzessin nicht das Paradies auf Erden schaffen könnte.«

»Ooooh«, stöhnte Kamila, stampfte demonstrativ mit den Füßen auf den Teppichboden und ging zurück in ihr Zimmer. »Du bist so verdammt bescheuert, Papa …«

Sardor wartete ab.

»Du kannst nachher saubermachen«, sagte Victor. »Lass sie schlafen.«

»Sehr witzig«, war Elenas Stimme unter der Bettdecke zu hören.

Victor verließ das Schlafzimmer und zog die Tür zu. Er war hungrig und brauchte Kaffee. Um diese verschissene, inkompetente Kuh von Ärztin würde er sich später kümmern. Gleichzeitig spürte er einen Klumpen im Magen: Er musste diese Impulshandlungen zügeln. Die Gewalt hinter sich lassen. Jedes Mal, wenn er einen Rückfall bekam, fühlte sich das Leben wie ein einziger großer Misserfolg an.

»Wusste nicht, dass du diese alte Spielzeugpistole immer noch hast«, sagte Sardor.

»Nur zur Selbstverteidigung. Ein bisschen Nostalgie.« Er steckte die Makarov von 1951 in seinen Morgenrock.

Sardor zuckte resigniert mit den Schultern.

»Wir haben ein Problem, Victor. Es gab diese Nacht Ärger in einem Krankenhaus und …«

»Warum«, unterbrach ihn Victor, »warum nennst du mich nicht Papa wie Nina und Kamila? Oder Paps. Oder Dad. Was auch immer. Du tust, als würdest du mich nicht kennen. Deinen eigenen Papa aus usbekischem Fleisch und Blut.« Er strich sich über den Bauch und zwickte Sardor in die Wange. »Fühl mal hier, die Urkraft um den Nabel. Hast du schon ganz vergessen, früher saßt du immer …«

»Einer von den Red Bears wurde in einer Kneipe in Södermalm mit Messerstichen aufgefunden«, unterbrach ihn Sardor, wandte den Kopf ab und steckte seine Pistole ins Schulterholster. Das graue T-Shirt hatte dunkle Schweißflecken unter den Armen. »Er ist in die Notaufnahme im Nobel-Krankenhaus gebracht worden. Es wurde chaotisch. Es geht das Gerücht, dass jemand vom Netzwerk Nord ihn niedergestochen hat.«

Elena ging vorbei und seufzte lautstark. »Müsst ihr immer über die Arbeit reden?«

»Ich komme in fünf Minuten, Schatz«, sagte Victor und wartete darauf, dass Elena die Treppe hinunter verschwand.

Victor zog seinen Sohn an sich, drückte ihn an seine Brust und versuchte ihn festzuhalten. Er tätschelte ihn am Kopf, genau wie er es etwa dreißig Jahre zuvor in London getan hatte. Sardor war fünf Jahre alt gewesen, als Nina in die Schule kam. Schon damals hatten sie völlig unterschiedliche Temperamente gehabt. Sardor schlief unruhig, rief nachts oft nach seinen Eltern. Nina fand sofort Freunde und war pflegeleicht. Schon in der Mittelstufe fing Sardor an auszuflippen. Doch die Erinnerungen an diese Zeit waren lückenhaft, Victor musste einsehen, dass er oft abwesend gewesen war, ständig auf Reisen. Reisen durch das enorme, im Zusammenbruch begriffene sowjetische Imperium, zu Unternehmen, die Boris und er kauften, von denen er nicht einmal mehr die Namen wusste. Alles hatte seinen Preis. Die Bilder von damals, als die zivilen FSB-Agenten sein Büro in Moskau betreten und ihn gebeten hatten mitzukommen, hatten sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt. Damals wurde ihm klar, dass er seinem Sohn nicht die Erziehung gegeben hatte, die er brauchte. Und dass es zu spät war.

Sardor schob seinen Vater von sich.

»Das Netzwerk Nord?«, fragte Victor.

»Das meint Eje, aber ganz sicher ist es nicht.«

»Hat Jensen nicht selbst angerufen?«

»Was spielt das für eine Rolle?«

»Hast du ihn in letzter Zeit mal getroffen? Fett wie Jelzin am Ende seines Lebens.«

»Wer?«

»Weißt du nicht, wer Boris Jelzin ist? Mein verwirrter kleiner …«

»Können wir jetzt einfach entscheiden, was wir machen?«

Sardor wischte sich den Schweiß von der Stirn und strich mit der Hand über sein dichtes, kurz geschnittenes Haar.

»Was für eine Gang vom Netzwerk Nord?«, fragte Victor. »Die Lions? Die K-Men? Die Jakan Crew? No Way Out, oder wie auch immer die heißen?«

»Woher soll ich wissen, welche Gang es war? Es ist nur ein Gerücht, hab ich doch gesagt. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich kümmere mich darum.«

»Erzähl, was Eje gesagt hat.«

»Einem der jungen Prospects, Jarmo, wurde in die Brust gestochen. Schlimm. Weiß nicht, ob er überlebt.«

»Aber worum ging es? Frauen? Drogen?«, fragte Victor.

»Woher soll ich das wissen?«, seufzte Sardor genervt. »Du solltest dich von den Details fernhalten, das haben wir doch so abgemacht. Je weniger du weißt …«

»Aber Jensen ist sauer?«, fuhr Victor fort.

»Ja, er ist stinksauer. Eje meint, er will jeden einzelnen Teenager im Zentrum von Skärholmen mit einer AK5 ausrüsten. Würde mich nicht wundern, wenn er das wörtlich gemeint hat. Reicht das? Konzentrier du dich mal auf deine Übersetzungen.«

Victor fuhr sich mit der Hand durch das struppige Haar und fingerte an einer verfilzten Strähne herum, die sich während der Nacht gebildet hatte. Er musste unbedingt daran denken, seine Frisur bis zum Fest am nächsten Wochenende in Ordnung zu bringen.

»Ist das Netzwerk Nord in letzter Zeit um Geld beschissen worden?«

»Unklar.«

»Wir sollten ihnen vielleicht die Hand reichen und ein bisschen was leihen? Warum nicht eine Bank gründen?«

Sardor blickte durch die Tür die Scherben auf dem Teppichboden an.

»Du weißt ja wohl, was ein zerbrochener Spiegel bedeutet?«

»Einen Spiegel kann man schnell ersetzen«, antwortete Victor. »Gangkriege können den Geschäften dauerhaft schaden.«

Victor starrte aus dem Fenster, das zum Poolbereich hinausging. Elena schlurfte mit einem Glas Saft und einer Tasse Kaffee in der Hand zur Sitzgruppe. Die drei Mastiffs spielten an der Mauer mit ihren Stoffbären.

»Scheiße!«, stieß Victor hervor.

Sardor zuckte zusammen. »Ganz ruhig, wir bringen das in Ordnung, hab ich doch gesagt. Wir haben alles unter Kontro…«

»Der Pool sieht total scheiße aus!«

Sardor schüttelte verwirrt den Kopf.

Victors Stimme beruhigte sich wieder.

»Kapierst du nicht, wie viel ich gearbeitet hab, um das Heroin in dieser Stadt unter Kontrolle zu kriegen?«

»Du hast jetzt mehr graue Haare als damals, als wir hergezogen sind.«

»Ich glaube, das ist dir gar nicht so richtig klar. Alles, was du hier siehst …«, Victor machte eine umfassende Geste mit der Hand, »… ist das Resultat einer Arbeit, die ich vor vielen Jahren in einer dreckigen russischen Gefängniszelle begonnen habe.«

»Ich dachte, du bist Übersetzer für russische Literatur. Steht das nicht so auf deiner Steuererklärung? Außerdem hat dir doch der FSB den Auftrag gegeben?«

Victor seufzte. »Die hätten mich nie rausgelassen und nach Stockholm geschickt, wenn sie nicht gewusst hätten, dass ich einen guten Job machen würde. Wie viele Tage deines Lebens warst du in sechs Quadratmetern eingeschlossen? Keinen, genau. Ich habe damals beschlossen …«, Victor wandte sich um und ergriff von hinten Sardors Kopf, »… dass ich entweder ein Imperium für meine Familie schaffe, ein Imperium, das eines Kaisers würdig ist. Oder ich kann mir genauso gut die Pistole in den Mund stecken und abdrücken.«

Sardor blickte seinen Vater mit einer Mischung aus Schrecken und Begeisterung an. Victor sah seinen Sohn an und lächelte nachsichtig. Er ließ Sardors Kopf los und kratzte an einem gereizten Ekzem über der Armbeuge.

»Netzwerk Nord, sagtest du?«

»Ja. Aber …«

»Das Lager in Tullinge ist gefüllt, oder?«

Sardor fuhr erschrocken zusammen. »Was meinst du?«

»Warum reagierst du so gestresst?«, wunderte sich Victor. »Eine einfache Frage, mein Sohn. Wir haben ausreichend Waffen, falls das Ganze eskalieren sollte?«

»Wie denn eskalieren?«

»Das bedeutet sich steigern, sich verschärfen, ausarten.«

»Ich weiß, was eskalieren heißt«, fauchte Sardor.

Victor legte seine Hand auf Sardors Wange und lächelte.

»Bei dir weiß man nie. Haben wir nun ausreichend Waffen?«

»Klar. Wir haben ja nach der Razzia Ende April alles von Haninge nach Tullinge gebracht. Aber …«

»Gut. Auch wenn ich will, dass dieser Geschäftszweig mit mir begraben wird und dass Nina die Familie in eine neue, legale Zukunft führt, kannst du dir nicht vorstellen, wie schön es ist, dich auf der Straße zu haben. Totale Kontrolle über die Drogen, die Mädchen, die Waffen, den Geldfluss …«

Sardor wusste nicht, wo er hinsehen sollte.