Der Wahnsinn, den man Liebe nennt - Brigitte Riebe - E-Book

Der Wahnsinn, den man Liebe nennt E-Book

Brigitte Riebe

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5,99 €

Beschreibung

Die Scherben eines Lebens – der Anfang einer neuen Hoffnung: Der Roman »Der Wahnsinn, den man Liebe nennt« von Brigitte Riebe als eBook bei dotbooks. Ein einziger Moment und nichts ist mehr wie zuvor. Als Susa Bergmann zufällig von einer zweiten Wohnung ihres Mannes erfährt, nur wenige Straßen entfernt, ahnt sie nicht, dass er dort auch ein zweites Leben hat: mit einer jungen Frau … und einer gemeinsamen Tochter. Eine Lüge, die Susas ganzes Leben erschüttert. Noch während sie versucht, ihr zerbrochenes Glück mühsam wieder zusammenzusetzen, erfährt Susa von ihrer Mutter ein zweites lang gehütetes Familiengeheimnis: Sie hat eine Halbschwester – und ihre Schicksalswege scheinen schon lange miteinander verknüpft zu sein. Wird es Susa gelingen, noch einmal ganz neu anzufangen und dem Leben und der Liebe eine zweite Chance zu geben? Bestsellerautorin Brigitte Riebe schreibt einfühlsam und bewegend über den Mut dreier Frauen, sich zu erinnern – und zu vergeben. »Erfrischend sympathisch erzählt wie ein Rotwein-Abend mit der besten Freundin.« Bella »Eine sehr authentische Geschichte mit ganz viel Herz, Verstand und einem besonderen Humor.« nichtohnebuch.blogspot.de Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der berührende Familienroman »Der Wahnsinn, den man Liebe nennt« von Bestsellerautorin Brigitte Riebe – vorab erschienen unter dem Pseudonym Clara Römer. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 374

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Über dieses Buch:

Ein einziger Moment und nichts ist mehr wie zuvor. Als Susa Bergmann zufällig von einer zweiten Wohnung ihres Mannes erfährt, nur wenige Straßen entfernt, ahnt sie nicht, dass er dort auch ein zweites Leben hat: mit einer jungen Frau … und einer gemeinsamen Tochter. Eine Lüge, die Susas ganzes Leben erschüttert. Noch während sie versucht, ihr zerbrochenes Glück mühsam wieder zusammenzusetzen, erfährt Susa von ihrer Mutter ein zweites lang gehütetes Familiengeheimnis: Sie hat eine Halbschwester – und ihre Schicksalswege scheinen schon lange miteinander verknüpft zu sein. Wird es Susa gelingen, noch einmal ganz neu anzufangen und dem Leben und der Liebe eine zweite Chance zu geben?

Bestsellerautorin Brigitte Riebe schreibt einfühlsam und bewegend über den Mut dreier Frauen, sich zu erinnern – und zu vergeben.

»Erfrischend sympathisch erzählt wie ein Rotwein-Abend mit der besten Freundin.« Bella

»Eine sehr authentische Geschichte mit ganz viel Herz, Verstand und einem besonderen Humor.« nichtohnebuch.blogspot.de

Über die Autorin:

Brigitte Riebe, geboren 1953 in München, ist promovierte Historikerin und arbeitete viele Jahre als Verlagslektorin. 1990 entschloss sie sich schließlich, selbst Bücher zu schreiben, und veröffentlichte seitdem über 30 Romane und Krimis, mit denen sie regelmäßig auf den Bestseller-Listen vertreten ist. Heute lebt Brigitte Riebe mit ihrem Mann in München.

Die Website der Autorin: www.brigitteriebe.com

Bei dotbooks veröffentlichte Brigitte Riebe auch ihre historischen Romane:

»Der Kuss des Anubis«

»Die Töchter von Granada«

»Schwarze Frau vom Nil«

»Pforten der Nacht«

»Liebe ist ein Kleid aus Feuer«

»Die Hexe und der Herzog«

»Die Braut von Assisi«

***

Überarbeitete eBook-Neuausgabe Oktober 2020

Dieses Buch erschien bereits 2016 unter den Namen Clara Römer im Diana Verlag, München.

Copyright © der Originalausgabe 2016 Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2020 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock / Masson / Tast it / Serg64 / AePatt Journey / superbank stock / Gunnar Assmy / Eleneamiv und © Pixabay / gpeter73 / Artistic Operations

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96655-150-2

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Der Wahnsinn, den man Liebe nennt« an: [email protected] (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

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Brigitte Riebe

Der Wahnsinn, den man Liebe nennt

Roman

dotbooks.

Das Leben ist viel zu wichtig,um es ernst zu nehmen

JIM JARMUSCH

Sei klug und halte dich an Wunder

MASCHA KALÉKO

Kapitel 1

Wie ein schlafender Faun lag er neben ihr, der sandfarbene Schopf zerzaust, die langen Beine lässig ausgestreckt, der rechte Arm angewinkelt auf dem Kopfkissen. Das Gesicht mit der kecken Nase wirkte entspannt und erstaunlich jung. Sogar die Falte zwischen den hellen Brauen war verschwunden. Sein Brustkorb hob und senkte sich regelmäßig. Gerade noch hatten sie sich geliebt, so leidenschaftlich wie schon lange nicht mehr, und Susa fühlte sich beschwingt und glücklich, denn es war beileibe nicht immer einfach, diesem rätselhaften Mann nah zu sein.

Dabei war es doch genau das, was sie von Anfang an fasziniert hatte: jene verwirrende Mischung aus Vorpreschen und Rückzug, dieses Spiel aus Offenbaren und Verbergen, das Wolf wie kaum ein anderer beherrschte.

Er bewegte sich im Schlaf, murmelte etwas und drehte sich dabei, sodass er ihr nun den Rücken zuwandte. Susa lächelte unwillkürlich. Seine Hüften waren nicht mehr ganz so schmal wie früher. Doch von hinten sah er immer noch aus wie ein großer Junge: schlaksig und sommersprossig, mit Schulterblättern, die wie Engelsflügel herausragten und ihm einen Hauch von Unschuld verliehen. Ein Bekannter hatte ihn einmal mit dem jungen John F. Kennedy verglichen, und damals hatte Susa sich darüber mokiert, weil es ihr so unendlich altmodisch erschienen war. Im Nachhinein betrachtet, fand sie das Bild gar nicht so schlecht. Und dennoch hatte sie Wolf nie davon erzählt, wollte seine Eitelkeit nicht noch zusätzlich füttern. Schon genug, dass er sich in der neuen Wohnung eines der kleineren Zimmer allein für seine Klamotten reserviert hatte, während ihre Sachen nach wie vor in einen mittelgroßen Schrank passten.

Susas Blicke glitten durch den Raum, und zum ersten Mal, seit sie hier wohnten, fand sie ihn beinahe schön. Insgeheim hatte sie zwar von einem taubenblauen Schlafzimmer geträumt, doch Wolf hatte für elegantes Grau plädiert und die Wände eigenmächtig in diesem Ton streichen lassen, was Susa maßlos geärgert hatte. »Ungefähr so gemütlich wie ein Sektionssaal«, war ihr herausgerutscht, während Wolfs gekränkter Blick Bände gesprochen hatte.

Allerdings war das Mitte Januar gewesen, an einem fahlen, matschigen Nachmittag, an dem man hätte glauben können, der Winter würde niemals enden. Jetzt jedoch, während immer mehr Blätter an den Bäumen sprossen und das Licht seine Kraft zurückeroberte, wirkte das Grau des Schlafzimmers längst nicht mehr so hart. Sicherlich trugen auch die weißen Vorhänge, die sich gerade in einer sanften Morgenbrise bauschten, einen Teil dazu bei. Und dennoch fiel es Susa schwer, in der neuen Wohnung heimisch zu werden. Ihr saß noch immer die Umzugsphase in den Knochen, in der Wolf und sie sich häufig angeraunzt und wegen Kleinigkeiten gestritten hatten. Immer öfter war Wolf ihr in jenen Wochen wie ein Fremder erschienen, zu dem sie keinen Zugang mehr fand. Irgendwann hatte sie es einfach aufgegeben, sich gegen seine Vorschläge durchzusetzen, und ihn machen lassen, was sie inzwischen allerdings bereute. Für ihren Geschmack war alles hier eindeutig zu perfekt: fünf Zimmer auf zweieinhalb Ebenen, die Einbauküche, der umlaufende Balkon, selbst die gepflasterte Dachterrasse mit ihrer grandiosen Aussicht auf das Isar-Hochufer. Sie wohnten – mit beachtlichen Bankkrediten belastet – in der Maria-Theresia-Straße, einer der besten Gegenden Münchens, in der Nähe des Bayerischen Landtags, wo man damit rechnete, dass jeder Quadratmeter im Laufe der Jahre auch weiterhin steigende Erträge erzielen würde.

Susa sehnte sich zurück nach der gemütlichen, stets ein wenig chaotischen Mietwohnung in Schwabing, in der sie erst mit Bille und schließlich mit Wolf gelebt hatte, drei Zimmer im obersten Stock ohne Lift, unweit vom Standesamt, sodass man vom Küchenfenster aus beste Sicht auf die aufgeregten Hochzeitsgesellschaften hatte. Natürlich waren die Wände dort schief gewesen, das Parkett hatte seine besten Tage hinter sich gehabt und die Heizung an eisigen Tagen gestreikt, aber nirgendwo hatte Susa sich geborgener gefühlt als dort. Deshalb hatte sie sich lange gegen einen Umzug gesträubt, doch Wolf war es schließlich gelungen, ihre Bedenken mit scheinbar unschlagbaren Argumenten zu unterhöhlen.

»Ich werde Kunden auch mal privat einladen müssen, das gehört zu unserem Business. Außerdem sind es von hier aus nur ein paar Schritte bis zu deinem Laden. Du brauchst nie mehr im Stau zu stehen oder stundenlang um den Block zu fahren und einen Parkplatz zu suchen. Du kannst dein Auto verkaufen und brauchst nicht mal ein Fahrrad, wenn du nicht willst.«

Er dachte an ihre Bedürfnisse, auch wenn es manchmal ein wenig spöttisch herauskam, was Susa ihm jedoch nicht weiter übel nahm, weil sie ja wusste, wie schwer es ihm fiel, große Gefühle zu zeigen. Er war ihr Liebster, ihr Partner, ihr Leben. Und die kleinen Schwierigkeiten, die in Ehen ab und an für Missstimmung sorgen konnten? Doch nicht bei ihnen! Es war lediglich der Stress rund um den Umzug gewesen, der ihre Nerven ein wenig strapaziert hatte. Susa Wolf, so zogen jene Single-Freunde sie auf, bei denen sie seit Jahren als Musterpaar galten. Wolf Susa, so witzelten jene anderen, in deren Beziehungen es gelegentlich heftig knirschte.

Sie streichelte ihn zart.

Wolfs Augen öffneten sich. Als er Susa erblickte, lächelte er, dann aber schaute er sofort zum Wecker.

»Schon nach halb neun – du hast mich tatsächlich noch einmal einschlafen lassen!«

»Du warst so herrlich entspannt ...«

Er rieb seine Nase an ihrer. »Was leider nichts daran ändert, dass Gerd und ich einen wichtigen Termin haben, den wir nicht verpassen dürfen.«

Wolf sprang aus dem Bett und lief nach nebenan ins Badezimmer, wo Susa schon kurz darauf das Rauschen der Dusche hörte. Sie stand auf, hüllte sich in den japanischen Morgenmantel mit dem Blumenmuster, den Bille ihr aus Paris mitgebracht hatte, und ging hinunter in die Küche. Es hatte keinen Sinn, Wolf jetzt nach seinen Frühstückswünschen zu fragen. Er würde erst im Büro etwas hinunterschlingen, obwohl das seinem sensiblen Magen alles andere als guttat. Aber einen Kaffee würde er sicherlich nicht verschmähen. Sie schaltete die alte Pavoni ein, schäumte daneben Milch auf, goss alles in ein hohes Glas und wollte gerade eine Prise Zimt darüberstreuen, als er schon mit gelfeuchten Haaren und in einem hellgrauen Sommeranzug, den sie noch nie an ihm gesehen hatte, neben ihr stand.

»Und nach dem Termin muss ich auch noch nach Berlin«, seufzte er, während seine Hand sich nach dem Kaffeeglas ausstreckte.

Natürlich – Berlin! Das hatte sie vollkommen vergessen.

»Schick bist du«, sagte sie anerkennend. »Ist der neu?«

»Findest du?« Er schaute an sich herab und grinste. »Ja, sozusagen ein Fundstück im Vorübergehen.« Wolf trank ein paar hastige Schlucke, stellte den Kaffee beiseite und griff nach seinem Trolley. »Ich muss los. Je nachdem, wie es läuft, kann es sein, dass ich erst Sonntag zurück bin. Ich ruf dich an!«

Ein schneller Kuss, und sie war allein. Sie machte sich ebenfalls einen Milchkaffee, nahm ein paar Kekse aus der Dose und setzte sich auf einen der Hocker an der Küchentheke.

Sie ist auf der Dinnerparty einer Freundin. Ein Dutzend Gäste, die allesamt um eine festlich gedeckte Tafel herumsitzen, Kerzenlicht, Tapas, dazu schwerer, blutroter Rioja. Wolf sitzt ihr gegenüber. Es ist ihre erste Begegnung. Er gibt sich geheimnisvoll, trinkt, raucht, sagt zunächst kaum etwas. Doch ziemlich bald fällt Susa auf, wie eifrig die anderen Frauen am Tisch um seine Gunst buhlen.

Was ist das an ihm, das sie alle so wuschig macht?

Weil er so unnahbar wirkt, fast mysteriös? Oder sind es seine schönen schlanken Hände, die ihre eigene Sprache sprechen? Dabei sieht er ständig Susa an. Nur Susa!

In ihr steigt eine heiße, fast fiebrige Unruhe auf, gegen die sie sich verblüffend wehrlos fühlt, und die sie nicht kontrollieren kann. Sie fühlt sich nicht länger wie Romys brave Tochter, die neben der strahlenden Mutter gern mal übersehen wird. An diesem Abend geht es um sie, um Susa, und der faszinierende Unbekannte zeigt unverhohlen sein Interesse. Äußerlich bleibt Susa trotzdem zunächst eher reserviert, sagt sich, dass er arrogant ist, für ihren Geschmack viel zu sehr von sich überzeugt, bis Wolf sie im Lauf des Abends immer öfter durch schlagfertige, dann wieder nachdenkliche Antworten überrascht und erstaunlich oft zum Lachen bringt.

Und diese Blicke!

Sie heften sich an Susa und lassen sie nicht wieder los. In ihrem Inneren geht ein Fenster auf von dem sie gar nicht gewusst hat, dass sie es überhaupt besitzt. Licht strahlt herein, ein Gefühl von Abenteuer und Wagemut, das sie erst erschreckt, bald jedoch frei und übermütig werden lässt. Jetzt parliert sie zurück, flirtet und genießt seine offensichtliche Bewunderung. Je stiller die anderen Frauen am Tisch werden, desto mehr dreht sie auf und es scheint ihm zu gefallen. So sehr offenbar, dass er beim Verabschieden wie selbstverständlich den Arm um sie legt und sie zu seinem Auto führt, das ein Stück entfernt auf der nächtlich verschneiten Straße parkt. Kein Angeberschlitten, wie sie registriert, sondern ein leicht verbeulter, bereits in die Jahre gekommener Golf.

»Wie kommst du eigentlich darauf, dass ich bei dir mitfahren will?«, fragt sie.

»Nein?« Er lässt sie abrupt los. »Auch gut! Ich mag nämlich meine Freiheit.«

Sie wirft den Kopf in den Nacken und lacht. »Und ich kann Balzhähne nicht ab, die sich erst in die Brust werfen, aber kneifen, sobald es ernst wird.«

»Dann bist du bei mir ja genau richtig«, kontert er, ihr schon wieder gefährlich nah. »Ich kneife nämlich nie.«

»Sicher?«

Statt der erwarteten Retourkutsche ist da plötzlich etwas in seinen Augen, das sie anrührt und noch mehr für ihn einnimmt, etwas Suchendes, fast Verlorenes, das so gar nicht zu diesem schlaksigen, baumlangen Wolf Axel Bergmann passen will, der gerade noch so selbstbewusst aufgetreten ist, als wüsste er die Antwort auf alle Fragen. Welche Farbe haben seine Augen überhaupt? Im Schein der verschneiten Straßenlaterne erinnern sie Susa an hellblaue Bettwäsche, oft gewaschen und in Würde verblichen, eine Erinnerung an Kindheit und Geborgenheit, die wieder verschwindet, sobald man nach ihr greifen will. Erst viel später wird sie herausfinden, dass Wolfausgerechnet an diesem Abend eine seiner Kontaktlinsen verloren hatte, ohne die er blind ist wie ein Maulwurf, aber da ist es schon zu spät. Susa Ritter steht in Flammen wie noch niemals zuvor.

Ohne Wolf kam ihr die Küche in der neuen Wohnung noch steriler vor, eine blitzende Landschaft aus Chrom und Weiß, in der die alte Kaffeemaschine, die sie gemeinsam auf einem Mailänder Flohmarkt ersteigert hatten, wie ein Fremdkörper wirkte. Kein Kinderlachen, kein Tapsen kleiner Pfoten im Flur, kein Schlurfen nicht mehr ganz sicherer Füße auf der Treppe, es fehlten all die Geräusche, nach denen diese übergroße Wohnung eigentlich verlangt hätte. Doch Wolf machte sich wenig aus Haustieren, und hatte auch schon in der alten Wohnung Einwände gehabt, dass ihre Mutter Romy nach dem letzten Krankenhausaufenthalt für eine Weile bei ihnen einzog. Was schließlich jenes heikle erste Thema betraf ...

Susa verbot sich, weiter darüber nachzudenken.

Stattdessen nahm sie ihren Kaffee und die restlichen Kekse und ging nach oben. Eigentlich als Atelier geplant, in dem sie ungestört zeichnen und Collagen anlegen konnte, war das Zimmer seit dem Einzug zu einer Art schlampigem Büro verkommen. Natürlich gab es Leinwände, Farben, Stifte und Papier, aber alles war höchstens halb fertig, beiseite gestellt oder eingerollt. Nicht einmal sich selbst konnte Susa vormachen, dass es hier zurzeit sonderlich kreativ zuging. Sie öffnete die Schiebetür zur Dachterrasse und sog die frische Morgenluft ein, während sie sich an den zerschrammten Mahagonischreibtisch setzte, der früher einmal ihrem Vater gehört hatte. Dann schlug sie mit einem flauen Gefühl im Magen die grüne Ledermappe mit den Bankunterlagen auf, die ihre Mutter ihr nach viel Überredungskunst endlich zur Einsicht überlassen hatte.

Schon nach den ersten Seiten spürte Susa einen Kloß in der Kehle, der wuchs, je weiter sie kam. Auch wenn man wenig mit Zahlen anfangen konnte, war diese Lektüre beklemmend. Das Mietshaus in der Steinstraße, dessen alleinige Eigentümerin Romy nun nach dem Tod ihres Mannes war, gehörte de facto bereits der Bank, so enorm waren inzwischen die Hypotheken, die darauf lasteten. Romy selbst wohnte im dritten Stock, und die anderen Wohnungen waren vermietet, doch die Erträge reichten gerade einmal aus, um die anfallenden Zinsen zu bezahlen. Jetzt stand neben anderen Reparaturarbeiten vor allem die Instandsetzung des maroden Dachstuhls an, die sich kaum noch länger aufschieben ließ – keine Ahnung, aus welchen Quellen das finanziert werden sollte!

Papermoon, der Laden, den Susa von ihrem Vater Dominik übernommen hatte und der im Parterre eben dieses Hauses lag, bot von außergewöhnlichem Geschenkpapier und prächtigen Schleifen über Hefte, Blöcke, Tusche, Tinten und Stifte alles, was das Herz begehrte. In letzter Zeit hatte sie sich sogar zu einer kleinen Kollektion preiswerter Buddhafiguren, sündteurem japanischem Reispapier und ein paar grellbunten Zimmerbrunnen mit indischen Gottheiten hinreißen lassen – aber eine Goldgrube war das verwinkelte Geschäft trotzdem nicht. Auf den ersten Blick sah der Umsatz gar nicht so übel aus, denn der Laden galt im Viertel als Institution und hatte viele Stammkunden, aber nach Abzug aller Kosten blieb nur wenig Gewinn übrig. Eine Aushilfe konnte Susa sich nur stundenweise leisten, aber zum Glück gab es ja Elli, eine nette Studentin, die manchmal einsprang, wenn ihre Mutter einmal keine Zeit hatte oder sich nicht gut fühlte.

Dabei war Susa immer so stolz auf ihre Selbstständigkeit gewesen, auch wenn aus ihren einstigen Künstlerinnenträumen nicht allzu viel geworden war. Mittlerweile war Wolf beruflich weit an ihr vorbeigezogen. Mit seinem Partner Gerd Vanmeeren hatte er sich auf den Kauf von Altbauten spezialisiert, die sie in Wohnungseigentum umwandelten, von Grund auf sanieren ließen und anschließend teuer weiterveräußerten. Ein gestrandeter Soziologe und ein allenfalls mittelmäßiger Architekt – Susa hätte diesem Duo niemals solch einen Erfolg zugetraut! Die Anfänge waren auch durchaus steinig gewesen, doch seitdem Erhard, der Erbe eines stadtbekannten Textilunternehmens als dritter – stiller – Teilhaber das entsprechende Kapital beigesteuert hatte, ging es mit der Firma steil bergauf, obwohl noch immer zahlreiche Kredite zu bedienen waren und das ganze Geschäft Susa manchmal wie eine riesige Seifenblase erschien, die jederzeit platzen konnte.

Sie seufzte, trank ihren Kaffee aus und schlug die Mappe wieder zu. Sobald Wolf aus Berlin zurück war, würde sie ihm sagen, wie schlecht es um das alte Mietshaus ihrer Mutter stand, und ihn um Rat fragen, selbst wenn ihr vor seiner Reaktion schon jetzt leicht graute. Romy und er konnten schnell aneinandergeraten, sobald es um Finanzielles ging, weil ihre Einstellungen dazu so ganz und gar verschieden waren. Mehr als einmal war Susa dabei schon zwischen die Fronten geraten, was keinem in der Familie gutgetan hatte. Sie überlegte. Wenn sie Wolf nun bei seiner Rückkehr eine Überraschung präsentierte, vielleicht würde er dann milder auf Romys Chaos reagieren?

Letzten Sonntag hatten sie beim Spaziergang im Schaufenster einer Polsterei einen originellen Ohrensessel aus den Zwanzigerjahren entdeckt. Wolf war eine Weile davor stehen geblieben, so sehr hatte ihn die ungewöhnliche Restaurierung mit Zebrakunstfell und braunem Wasserbüffelleder fasziniert. Durchaus erschwinglich – das hatte Susa sich innerlich notiert – und haargenau das richtige nachträgliche Geburtstagsgeschenk für ihn, das sie bislang noch nicht gefunden hatte. Was, wenn er nach Hause kam, und jener Sessel stand plötzlich im Wohnzimmer?

Beflügelt lief sie ins Bad und entschied sich nach einer schnellen Morgentoilette nicht wie gewöhnlich für Jeans und Pulli, sondern wählte einen der schwingenden Stufenröcke, die sie früher so gern getragen hatte. Shirt, Lederjacke, Cowboystiefel, eine bunte Kette um den Hals, die dunklen Locken zum Knoten gezwirbelt, und schon war sie fertig. Draußen wurde sie von einer milden Frühlingsluft empfangen, die alle Sinne belebte. Nun war es zum Glück nicht mehr lange hin bis zu jenen endlosen Maiabenden, die sie nun bald zu zweit auf der neuen Terrasse genießen konnten. Susa schloss ihr Fahrrad auf, schob sich den Rock unter den Po, damit er nicht in die Kette geriet, und fuhr los.

Die kleine Polsterei lag direkt am Wiener Platz und damit genau auf ihrem täglichen Weg zum Laden. Um von außen noch einen letzten Blick auf den Sessel zu werfen, bremste Susa und stieg ab. Doch leider entdeckte sie heute im Schaufenster nur noch ein paar reichlich ramponierte Thonet-Stühle. Was noch nichts bedeuten musste. Trotzdem ging sie mit einer unguten Vorahnung hinein.

»Ich komme wegen des gestreiften Sessels«, sagte Susa, als der hagere Inhaber von hinten auf sie zueilte. »Er soll ein Geschenk für meinen Mann werden.«

»Sie meinen das schöne Zebra? Da sind Sie leider zu spät.«

»Aber gestern früh stand der Sessel doch noch im Schaufenster!«

»Und gestern Abend habe ich ihn verkauft. Tut mir sehr leid.« Er breitete die Arme aus. »Wenn ich Ihnen vielleicht mit etwas anderem weiterhelfen kann?«

Enttäuschung brannte in Susas Kehle. Es war nicht ganz einfach, Wolf eine Freude zu bereiten. Jetzt hätte sie die Gelegenheit dazu gehabt.

»Danke nein«, sagte sie belegt und verließ die Polsterei.

Es ist nichts als ein Sessel, dachte sie, während sie das Fahrrad weiterschob. Und Wolf hat keine Ahnung, dass du ihn damit überraschen wolltest. Aber warum hast du eigentlich so lange gewartet? Früher bist du immer sofort losgespurtet, sobald du einen guten Plan hattest. Wer oder was nimmt dir jetzt eigentlich dauernd den Wind aus den Segeln?

Nachdenklich legte sie das kurze Stück bis zum Laden zurück und verspürte nicht einmal mehr Lust, sich unterwegs eine Butterbreze zu kaufen. Sie sperrte das Rad ab und schloss die Tür auf. Das Glockenspiel mit dem Klingelton von Big Ben, das sie damals vom Schüleraustausch aus London mitgebracht hatte, schlug an, und sofort hatte sie jenen Geruch nach Papier in der Nase, der ihr seit frühesten Kindheitstagen vertraut war – trocken, solide, immer ein wenig staubgetränkt, egal wie oft man auf den Regalen auch wischte, gemischt mit einer leicht bitteren Brise, die von den Tinten und Tuschen herrührte, die ihr eigenes schmales Glasgestell besaßen. Sie liebte diesen Geruch und hatte dennoch plötzlich das Bedürfnis, die Seitenfenster zu kippen, weil sie mehr Luft brauchte. Danach öffnete sie die Hintertür, die in einen kleinen Innenhof führte, dessen Mauern in wenigen Wochen von Geißblatt, Blauregen und Kletterrosen zugewuchert sein würden. Unentschlossen rückte sie an den Bänken und kleinen Holztischen herum, die sie neuerdings hier aufgestellt hatte, aber sie war, wie sie selbst spürte, nicht richtig bei der Sache.

Was war nur los mit ihr?

Trotz der Frühlingswärme fröstelte sie auf einmal. Susa ging zurück in den Laden und setzte sich auf den Hocker hinter dem hellgrünen Verkaufstresen mit den verblassten Goldornamenten. Am liebsten wäre sie zurück nach Hause gefahren, aber das konnte sie nicht, weil ja jeden Moment die Kindergartengruppe hereinstürmen konnte, mit der sie zum Malen verabredet war. Sie mochte die junge Erzieherin, die sich für ihre Schützlinge ständig neue Exkursionen in der Nachbarschaft ausdachte, wenngleich die Vorstellung von acht lebhaften Kids im Vorschulalter ihr heute fast den Atem nahm.

Zum Glück trug das melodische Klingelspiel, das nun ertönte, noch nicht die Kleinen herein, sondern Romy, die ihre Tochter bei der Begrüßung aufmerksam musterte.

»Du siehst blass aus, mein Mädchen«, sagte sie, nachdem sie sich umarmt hatten. »Schlecht geträumt?«

»Eher zu tief in deine Bankunterlagen geschaut«, erwiderte Susa. »Da kann einem ja regelrecht schwindelig werden. Wahrscheinlich solltest du besser heute als morgen verkaufen – aber wer will so ein überschuldetes Objekt denn überhaupt noch haben?«

Romys Unterlippe schob sich vor. Sie war groß und hatte kinnlanges, aschblondes Haar, reichlich mit Silber vermischt. In den letzten Jahren war sie durch verschiedene Krankheiten wieder so schlank geworden, dass sie in der pastellfarbenen Hose und dem passenden Pullover fast mädchenhaft wirkte.

»Tante Ida hat deinem Vater und mir damals das Haus zu treuen Händen übergeben. Und bislang haben wir in unserer Familie immer eine Lösung gefunden.« Ihre grauen Augen schimmerten verdächtig. »Waren auch früher schon mal schwere Zeiten ...«

»Lass gut sein.« Susa legte ihr den Arm um die Schultern und erschrak. Wie knochig ihre Mutter sich unter dem Strick anfühlte! Jetzt tat ihr das unüberlegte Vorpreschen leid. Es half ja nichts, wenn sie Romy Angst einjagte. Vielmehr war jetzt eine gute Idee gefragt, die zügig aus der Misere führen konnte. »Ich bin heute nur irgendwie seltsamer Stimmung. Morgen sehe ich alles bestimmt wieder optimistischer.«

»Streit mit Wolf?«

»Nein.« Susa lächelte, weil sie an ihren leidenschaftlichen Liebesmorgen dachte. »Ganz im Gegenteil.« Sie berichtete ihrer Mutter von dem Ohrensessel.

»Warum lässt er dich eigentlich schon wieder allein – und das ausgerechnet am Wochenende?« Romy war nicht so schnell zu beschwichtigen. Wolf und sie, das war von Anfang an ein schwieriges Thema gewesen, und es war auch im Lauf der Jahre nicht einfacher geworden.

»Weil er geschäftlich nach Berlin musste. Ich habe dir doch erzählt, dass sie dort neue Objekte im Visier haben.«

»Und warum nimmt er dich nicht mit? Du weißt, dass ich immer gern für dich einspringe.«

»Mama, bitte!« Susa wurden die mütterlichen Fragen zu viel. »Sei so lieb und kümmere dich um die Kunden, wenn gleich die Kinder kommen. Machst du das für mich?«

Kurzes Nicken. Romys Blick jedoch blieb skeptisch, sodass Susa nun erleichtert war, als die Erzieherin mit den Kleinen eintraf, die keineswegs wie befürchtet den Laden stürmten, sondern brav hereinkamen, fast schüchtern. Was sich allerdings rasch änderte, sobald sie sich an den Tischen im Innenhof verteilt hatten und Papier und Farben an alle verteilt waren. Sonne, Mond und Sterne, so lautete das Thema, was einige begeistert nach den Stiften greifen, andere jedoch entsetzt aufkreischen ließ.

»Ich kann aber keine Sterne!«, schluchzte nach einer Weile Mia, eine niedliche Fünfjährige mit braunem Pagenkopf. Ihre rundlichen Finger leuchteten bereits in allen nur denkbaren Farben, während sich auf dem Blatt nur wenige ungelenke Striche befanden. »Den Zacken, den kann ich nicht!«

»Und wenn ich dir die Hand führe?«, schlug Susa vor. »Ausnahmsweise und natürlich nur, bis du weißt, wie es geht?«

Mia nickte zunächst tränennass, dann aber schüttelte sie energisch den Kopf.

»Nein, nicht du. Josie«, verlangte sie. »Die darf nämlich später auch bei mir schlafen. Und sie kann am allerschönsten malen!«

Ein blasses Mädchen mit grüner Strickmütze, unter der ein rotblonder Mäusepony und Rattenschwänze hervorlugten, nickte kurz und verließ den Nebentisch. Offenbar besaß sie ein angeborenes Talent, oder sie verfügte einfach über deutlich mehr Malerfahrung. Bei ihr brach keine der Wachskreiden ab, so ruhig war ihre Hand. Bald schon zog sich über Mias verkrumpeltes Papier ein ganzer Sternenregen, und das bitterliche Weinen war verstummt.

»Kannst ruhig sagen, es sind deine«, schlug Josie großzügig vor, während sie an ihren Platz zurückkehrte, um sich wieder der eigenen Zeichnung zu widmen. »Macht mir nichts aus.«

»Susa?« Mit dem Telefon in der Hand stand plötzlich Romy im Innenhof. »Ich brauch dich ganz kurz. Dieser Herr am anderen Ende redet die ganze Zeit von einem Kühlschrank ...«

»Gib ihn mir mal.« Susa ging in den Laden, zog sich hinter den Tresen zurück und räusperte sich. »Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?«

»Elektro Müller. Es geht um den Kühlschrank, wie ich der anderen Dame schon sagte. Ein Kunde ist kurzfristig ausgefallen. Wir könnten also schon heute liefern anstatt Montag. Sind Sie jetzt denn zu Hause? Dann würden wir gleich losfahren.«

»Da muss ein Missverständnis vorliegen. Wir haben keinen Kühlschrank bestellt.«

»Wolf Bergmann, so lautet die Unterschrift auf meinem Auftrag. Ich bin hier doch richtig bei Bergmann? Ich habe die Nummer von der Auskunft.«

»Wolf Bergmann ist mein Mann. Allerdings sind Sie in meinem Laden gelandet, und einen Kühlschrank ...«

»In die Comeniusstraße 7 soll er. Hahn. Erster Stock. So steht es auf dem Lieferschein.«

Einer von Wolfs Kunden? Aber statteten Gerd und er die verkauften Wohnungen jetzt auch noch mit Elektrogeräten aus? Susa hatte nicht die geringste Ahnung, aber ein wenig seltsam war das schon.

»Rufen Sie doch am besten im Büro meines Mannes an. Dort weiß man sicherlich Bescheid.« Sie gab ihm die Nummer und legte auf.

»Was ist los?« Natürlich hatte Romy mitgehört.

»Irgendein Kühlschrank, der offenbar kein Zuhause findet.« Susa bemühte sich um einen lockeren Tonfall.

»Und das bürdet er dir jetzt auch noch auf? Hat er dafür nicht seine Leute?«

»Mama! Überall passieren mal Fehler, also auch bei Wolf und Gerd. Ich gehe jetzt wieder nach hinten und male mit den Kindern weiter.«

Doch seltsamerweise ging ihr der Anruf nicht mehr aus dem Kopf, auch nicht, als all die bunten Blätter mit noch bunteren Sonnen, Sichelmonden und krakeligen Sternschnuppen bedeckt waren. Susa schlug vor, sie an die große Wand hinter den Tresen zu pinnen – eine echte Kunstausstellung, wie sie den aufgeregten Kindern sagte, die einige Wochen lang dort hängen bleiben und sicherlich bei der Kundschaft reichlich Bewunderung finden würde.

Als die kleine Truppe wieder abgezogen war, wurde es seltsam still im Laden. Romy, die kurz ein paar Besorgungen gemacht hatte, kam mit zwei Mohnschnecken wieder zurück.

»Du machst für heute frei«, sagte sie bestimmt, während sie genüsslich in das Gebäck biss und das andere ihrer Tochter reichte. »Und ich übernehme den Laden. Nimm dein Rad, fahr in den Englischen Garten, oder setz dich irgendwo in ein schönes Straßencafé. Ich möchte endlich ein paar frische Sommersprossen auf dieser blassen Nase sehen.«

»Ich könnte mein Büro aufräumen ...«

»Susanne!« So nannte Romy sie nur, wenn sie richtig ärgerlich wurde. »Hast du vielleicht was an den Ohren? Warum rufst du nicht deinen Freund Jänis an? Oder noch besser die liebe Ruth? Dann hättest du ein wenig Gesellschaft.«

»Weil Jänis zurzeit einen seiner Aufträge in Italien abwickelt. Und die liebe Ruth mehr als genug mit ihrer Kanzlei am Hals hat, von den Kindern mal ganz abgesehen.« Sie zog eine Grimasse. »Schon gut, liebe Mama, ich mache also frei, wenn du unbedingt willst. Und danke!«

Kapitel 2

Draußen war es inzwischen so warm geworden, dass Susa die Jacke auszog und sich um die Hüften knotete. Sie wollte gerade losfahren, als Julian Sommer aus dem Haus kam. Der neue Mieter der Dachwohnung war ihr von Anfang an sympathisch gewesen – ein mittelgroßer, jugendlich wirkender Mann mit dunklem Dreitagebart und graumelierten Locken, der in der Lilienstraße eine Bar betrieb und immer ein wenig zerstreut wirkte. Man sagte ihm nach, dass er hervorragend Klavier spielte, aber Susa hatte es bislang noch nicht in seine Bar geschafft, und die Dachwohnung lag zu weit oben, um ihn unten im Laden musizieren zu hören.

»Gute Idee«, sagte er lächelnd. »Ich sollte mein Bike auch schleunigst aus dem Keller holen, anstatt immer nur in der Bude zu hocken.«

»Mein liebstes Fortbewegungsmittel.« Susa lächelte zurück. »Dabei kann ich am besten nachdenken.« Sie zögerte, dann überwand sie sich. »Sagen Sie, Herr Sommer, dieser starke Regenguss vor zwei Tagen – ist es bei Ihnen oben etwa wieder feucht geworden?«

Er nickte. »Ich musste in der Küche sogar zwei große Schüsseln aufstellen. Die halte ich jetzt immer griffbereit. Für alle Fälle.«

»Aber Sie haben sich ja gar nicht bei meiner Mutter beschwert.« Oder hatte Romy ihr das aus guten Gründen vorenthalten?

Aus der Nähe betrachtet, hatte Julian Sommer zwei unterschiedlich braune Augen. Das rechte war deutlich dunkler als das linke, was Susa für einen Moment verwirrte.

»Wozu?« Er zuckte die Schultern. »Ich weiß doch, dass Ihre Mutter die Renovierung vorhat. Außerdem hasse ich kleinkarierte Beschwerde-Heinis.«

Sie nickte erleichtert, verabschiedete sich und fuhr los. Sommer lebte allein, obwohl Romy ihr von mehreren Besucherinnen berichtet hatte, die ihr im Treppenhaus aufgefallen waren. Kein Wunder, dachte Susa. Ein Mann, der Klavier spielen kann und dazu noch solche Augen hat. Eigentlich müssten die Frauen ihm die Tür einrennen.

Susa ließ sich am Maximilianeum vorbei bergab zur Isar rollen. Auf der Brücke angelangt, schaute sie nach unten. Der Fluss stand nicht mehr so hoch wie zur Zeit der Schneeschmelze, sondern floss grünlich und eher träge dahin. Es war nur noch eine Frage von Tagen, bis die ersten Sonnenhungrigen sich auf der Praterinsel und den umliegenden Kiesbänken ausbreiteten, jedenfalls wenn das Wetter weiterhin so stabil blieb. Bald hatte Susa rechts die Regierung von Oberbayern und linker Hand das Völkerkundemuseum passiert, während sich der Prachtboulevard aus dem 19. Jahrhundert hinter dem Altstadtring zur teuersten Einkaufsmeile Münchens verengte. Hierher, ins Herz der Maximilianstraße, waren Wolf und Gerd vor ein paar Wochen mit ihrem Büro gezogen. Früher hätte ihr Mann solch wichtige Entscheidungen ausgiebig mit ihr diskutiert, aber hatte sie ihn nicht längst an seine Partner und deren hochfliegende Pläne verloren? Sogar eine Assistentin hatten sie jüngst eingestellt. »Vier Sprachen fließend«, hatte Wolf sich über den Neuzugang geäußert. »Ein echtes Arbeitstier. Die passt zu uns!«

Susa entdeckte die dunkelbraune Eingangstür zwischen den frühlingshaft dekorierten Auslagen von Gucci und Fendi und schob das Fahrrad auf den Bürgersteig. Nach einigem Suchen fand sie ein Stück Hauswand, an der sie es abstellen konnte, ohne dass es ein Luxusschaufenster verdeckte, und schloss es ab. Susas Blick glitt nach oben. Sollte sie wirklich ohne Voranmeldung im neuen Büro auftauchen, anstatt sich im Englischen Garten die Sonne auf die Nase scheinen zu lassen, wie Romy vorgeschlagen hatte?

Schließlich siegten ihre Neugierde und das seltsame Gefühl, das sie seit dem Anruf nicht mehr verlassen wollte.

Das Treppenhaus war längst nicht so elegant wie die frisch gestrichene Hausfront, sondern wirkte ältlich und roch sogar leicht muffig. Dem antik anmutenden Aufzug traute Susa nicht so recht und nahm lieber die Treppen zum zweiten Stock.

Bergmann & Vanmeeren – Mythos-Immobilien

Ein graues Türschild mit eleganten Bronzebuchstaben, seriös und edel. Aber weshalb hatten sie sich ausgerechnet für diesen seltsamen Firmennamen entschieden?

Sie klingelte. Mit dezentem Summton sprang die Tür auf, und Susa ging hinein. Ein geräumiger Eingangsbereich, fast schon ein Vestibül. Überall an den Wänden waren mannshohe Fotografien der renovierten Altbauten zu sehen – verglast und indirekt ausgeleuchtet, was sie beinahe dreidimensional wirken ließ –, dazwischen hingen geschickt platziert ein paar Großaufnahmen vom desolaten Zustand »davor«. Hinter einem gläsernen Schreibtisch saß eine junge Asiatin in einem nachtblauen Stretchkleid, das ihre zarten weiblichen Formen bestens zur Geltung brachte.

Ein Arbeitstier?

Die Arbeiten, die Susa bei diesem Anblick spontan in den Sinn kamen, waren nicht gerade dazu angelegt, sie fröhlich zu stimmen.

»Sie wünschen?« Nur die roten Lippen lächelten, die schrägen, dunkel umrahmten Augen blieben wachsam.

»Ich möchte zu Gerd Vanmeeren«, sagte Susa.

In ihrer lässigen Aufmachung kam sie sich plötzlich schrecklich altbacken vor. Warum trug sie nicht wenigstens die Haare offen? Oder hatte einen Hauch Make-up aufgelegt? Aber selbst dann hätte sie vor solch geballter Perfektion noch immer die Waffen strecken müssen. Sie senkte den Blick, nur um unter dem Glastisch schlanke Beine in nachtblauen High Heels zu entdecken.

»Sie sind angemeldet?« Angestrengt starrte die junge Frau in ihren PC. »Ich kann hier leider gar nichts in unseren Terminen finden ...«

»Nein, ich bin nicht angemeldet, und das muss ich auch nicht. Ich bin Susanne Bergmann.«

»Frau Bergmann – nett Sie kennenzulernen.« Das Lächeln kehrte zurück, professionell und unterkühlt. Die Asiatin streckte ihr eine Hand entgegen, die so fragil wirkte, dass Susa Angst hatte, sie zu zerbrechen. »Ich bin Corry Rannstein, Assistentin der Geschäftsleitung, und werde Herrn Vanmeeren gleich Bescheid sagen ...«

»Bemühen Sie sich nicht. Ist zwar recht geräumig hier, aber meine Orientierung funktioniert in der Regel einwandfrei.«

Etwas hölzern ging Susa los, vorbei an frisch lackierten Flügeltüren, die halb offen standen und somit den Blick auf ein Büro freigaben, das bis auf eine dunkelrote Wand als Blickfang an der Stirnseite so sparsam und funktionell möbliert war, dass es nur Wolf gehören konnte. Der Drehstuhl hinter dem aufgeräumten schwarzen Schreibtisch war leer.

Mittlerweile kam sie sich reichlich fehl am Platz vor.

Sollte sie nicht lieber den Rückzug antreten, bevor sie sich noch mehr blamierte? Andererseits kannte sie Gerd schon so lange, dass er ihr den Überfall sicherlich nicht krummnehmen würde.

Die Tür zu seinem Büro stand angelehnt, und als sie anklopfte, hob er den Kopf. Mit Gerd waren die Jahre nicht so gnädig umgegangen wie mit seinem alten Schulfreund Wolf. Schwere Lider und Tränensäcke verrieten zwei seiner Laster – Zigaretten und teuren französischen Rotwein. Wie immer war er schlecht frisiert und ebenso schlecht angezogen, trug Cordhosen und darüber ein cognacfarbenes Tweed-Sakko, das seine Gesichtsfarbe teigig erscheinen ließ. Auf seinem Schreibtisch standen drei große Familienfotos im Silberrahmen: seine Frau Hedi sowie die Kinder Emil und Mathilda.

»Susa!« Gerd sprang auf. »Was für eine Überraschung. Wolf ist nicht da. Hat er dir nicht erzählt ...«

»Doch, hat er«, unterbrach sie ihn und ließ sich unbeholfen umarmen. »Er nimmt für euch in Berlin neue Objekte in Augenschein. Wollt ihr jetzt in die ganze Republik expandieren?«

Gerd lachte verhalten, ohne seine Zähne zu zeigen. »Warum eigentlich nicht? Wenn sie schon alle nach uns schreien.«

»Habt ihr deshalb diesen seltsamen Namen ausgewählt?«

»Mythos? Gefällt er dir? Wir wollten etwas ganz Ausgefallenes.«

Sie räusperte sich. »Ich dachte, ihr wolltet vor allem solide Wohnungen verkaufen, keine Illusionen.«

»Die Idee stammt von Corry. Wolf und ich fanden sie auf Anhieb überzeugend.«

Ein Satz, der saß. Susa musste schlucken, bevor sie weiterreden konnte.

»Erst so kurz mit an Bord und schon Ton angebend bei solch wichtigen Entscheidungen? Habe ich irgendetwas verpasst?«

»So kurz nun auch wieder nicht«, wandte Gerd ein. »Wolf kennt sie schon eine ganze Weile.«

»Und woher?« Sie drehte an ihrem Ehering, einem schmalen Platinreif, in dessen Mitte ein kleiner Diamant funkelte.

»Aus Berlin. Am besten fragst du ihn selbst.«

Bei welchem seiner zahlreichen Besuche in der Hauptstadt mochte er dieses exotische Geschöpf aufgegabelt haben? Und vor allem wo?

Gerd schien zu spüren, dass sie plötzlich nicht mehr ganz sicher stand, und deutete auf die kleine Sitzgruppe.

»Magst du was trinken? Corry kann uns einen Kaffee bringen.«

»Danke, nein.« Susa nahm auf einem der dunkelgrünen Ledersessel Platz. Gerd setzte sich ihr gegenüber. »Ich wollte nur wissen, ob die Sache mit dem Kühlschrank sich inzwischen aufgeklärt hat.«

»Kühlschrank?« Sein Kiefer sackte leicht nach unten.

»Für die Comeniusstraße 7. Die wollten ihn schon zu uns nach Hause liefern.«

»Du hast mit Wolf telefoniert?« Gerd schien sich immer unbehaglicher zu fühlen.

»Nein. Sollte ich? Er dürfte wohl noch in der Luft sein. Außerdem dachte ich, du könntest das ebenso gut regeln.«

»Natürlich.« Er fummelte eine Zigarette aus der verknüllten Packung, zündete sie an und inhalierte gierig. »Du siehst, ich habe es immer noch nicht geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören. Hedi liegt mir jeden Tag damit in den Ohren, aber es ist eben nicht so einfach.«

»Das kriegst du schon noch hin.« Susa musterte ihn ruhig. »Also?«

»Ach ja, der Kühlschrank.« Er begann sich am Kopf zu kratzen. »Ganz genau, das war leider ein Irrläufer. Eines der vielen lästigen Problemchen, die uns hier tagtäglich von der eigentlichen Arbeit abhalten. Aber jetzt ist alles wieder auf dem richtigen Weg.« Sein Lächeln missglückte.

Du lügst, dachte Susa. Und fühlst dich offensichtlich unwohl dabei. Aber weshalb tust du es trotzdem?

»Ihr müsst uns bald mal wieder besuchen kommen. Der Garten wird immer schöner, und Hedi brät euch ihr sagenhaftes Lamm mit den eingelegten Aprikosen und den provenzalischen Kräutern ...«

Susa stand auf.

»Hahn, so war doch der Name«, sagte sie. »Gibt es dazu vielleicht auch eine Telefonnummer?«

Gerd drückte umständlich seine Zigarette aus.

»Klar. Aber die kann ich leider nicht weitergeben«, nuschelte er. »Unsere Käufer sind sehr empfindlich, was ihre Privatsphäre anbelangt.« Er sah aus, als wollte er sich im nächsten Moment in sein zerknittertes Sakko verkriechen. »Und du gehörst ja nicht direkt zur Firma – genau betrachtet.«

»Verstehe«, sagte Susa und hörte selbst, wie skeptisch ihre Stimme klang.

Jetzt schimmerte auf einmal ein Anflug von Panik in seinen Augen. »Hör mal, Susa, du wirst uns wegen dieses dummen Versehens doch nicht in Schwierigkeiten bringen wollen«, sagte er. »Ausgerechnet jetzt, wo Wolf nicht da ist ...«

»Grüß mir Hedi und die Kinder«, sagte sie, schon halb auf dem Weg zur Tür. »Und danke für die Einladung. Aber ich esse nichts, was vier Beine hat und nach seiner Mama schreit, schon vergessen?«

Der Weg zurück zur Ausgangstür verlief ohne ernsthafte Pannen. Nur kurz vor dem gläsernen Schreibtisch stolperte Susa, überspielte es aber und brachte sogar ein gelassenes »Auf Wiedersehen« heraus. Wie sie allerdings die Treppen heruntergekommen war, wusste sie anschließend nicht mehr. Endlich wieder im Freien, lehnte sie sich an die Hauswand, schloss die Augen und bemühte sich, gleichmäßig zu atmen.

»Ist Ihnen nicht gut?« Eine ältere Frau musterte sie besorgt. »Kann ich Ihnen helfen?«

»Geht schon wieder«, sagte Susa rasch. »Und danke, nein. Ich muss nur ein paar merkwürdige Dinge auf die Reihe kriegen.«

Die Frau ging weiter, blieb aber noch einmal stehen und schaute sich nach ihr um. Susa nickte ihr dankend zu, dann schloss sie ihr Fahrrad auf und fuhr los. Weil sie sich plötzlich viel unsicherer als sonst auf dem Sattel fühlte, steuerte sie den nah gelegenen Hofgarten an, in dem sie früher in warmen Sommernächten so gern mit Bille über das Leben und die Liebe philosophiert hatte. Die Straßencafés auf ihrem Weg in den Park waren bis zum letzten Platz besetzt, aber ihr stand jetzt ohnehin nicht der Sinn nach fremden Menschen. Sie radelte auf dem schmalen Kiesweg weiter bis zum Pavillon, wo zum Glück niemand saß. Dort ließ sie sich auf einen der steinernen Hocker sinken und versuchte ihr aufgewühltes Inneres halbwegs zu sortieren. Doch selbst nach einer ganzen Weile schlug ihr Herz noch immer viel zu schnell.

Sollte sie Bille in Paris anrufen und sich bei ihr ausheulen? Oder lieber Jänis, ihren besten Freund? Er würde jeden Auftrag der Welt unterbrechen, um ihr zuzuhören. Hätte sie Wolf nicht vor ihm getroffen, so wäre Jänis heute womöglich der Mann an ihrer Seite ...

Sie entschloss sich dagegen.

Wolf!, dachte sie schließlich und griff nach dem Handy. Bitte geh ran ...

Doch am anderen Ende meldete sich auch nach dem dritten Versuch nur die Mailbox.

Sie küssen sich in seinem Auto, nachdem er die Brille abgenommen hat, die ihn so streng macht, obwohl es alles andere als bequem ist und lausig kalt dazu. Aber sie mag es, wie er riecht und wie seine Lippen ihre Lippen erst fragend berühren, bis seine Zunge schließlich hingebungsvoll ihren Mund erkundet. Zeit scheint keine Rolle mehr zu spielen in dieser klaren Winternacht, die immer mehr Eiskristalle auf die Windschutzscheibe malt. Susa fühlt sich beschwipst, beinahe trunken, aber nicht vom Wein. Nach und nach verliert auch sie ihre Zurückhaltung und erwidert seine Küsse nicht minder leidenschaftlich. Der dicke Mantel, den sie trägt, und auch die grobe Strickjacke können Wolf nicht aufhalten. Seine schönen, schlanken Hände hören nicht auf zu fragen und sind auf einmal überall, unter ihrem Shirt, auf der bloßen Haut, an ihren Brüsten. Frauen- und Männerbeine, ineinander verschlungen. Nur der Schalthebel stört und zwingt sie immer wieder, die Position zu wechseln. Sie hat vollkommen vergessen, wie schnell sie sonst immer friert, und wünscht sich nur noch, dass er weitermacht, niemals aufhört.

»Lass uns zu dir hochgehen«, raunt er ihr ins Ohr. »Ein bisschen Wärme würde uns beiden sicherlich nicht schaden. Und vor der Haustür stehen wir ja bereits.«

Plötzlich ernüchtert schiebt sie ihn zurück und spürt auf einmal die Gänsehaut am ganzen Körper.

»Ich kenn dich doch kaum!«

»Eben drum.« Sein freches, übermütiges Lachen klingelt in ihren Ohren. »Daran sollten wir zügig arbeiten, finde ich. Warum also nicht gleich?«

Niemals am ersten Abend, will sie sagen und kommt sich plötzlich ungeheuer spießig vor.

»Weil ich morgen ganz früh raus muss ...«

Es klingt genauso falsch und halbherzig, wie es gemeint ist.

Er verschließt ihren Mund mit dem nächsten hungrigen Kuss, der sie beinahe wankelmütig werden lässt, aber eben nur beinahe.

Sie muss versuchen, den Überblick zu behalten, obwohl sie eigentlich weiß, dass sie den längst verloren hat. Also schubst sie ihn weg, ordnet notdürftig die verrutschten Kleider, öffnet die Tür und fällt halb aus dem Wagen in den Schnee.

»Ich habe ja nicht einmal deine Nummer!«, ruft er ihr hinterher, während sie sich wieder aufrappelt.

»Susanne Ritter«, sagt sie. »Es gibt nur eine Susanne Ritter im Telefonbuch.«

Dann geht sie mit eiligen Schritten zum Haus, sperrt auf und sprintet hinauf in den obersten Stock. Die Wohnung ist dunkel und still. Ein schwacher Geruch nach exotischen Gewürzen hängt in der Luft. Wahrscheinlich hat Bille eines ihrer sagenhaften Currygerichte gekocht, denen kein Mann widerstehen kann, und schläft längst. Aber Susa ist so aufgedreht, dass sie darauf jetzt keine Rücksicht nehmen kann.

Leichtfüßig tänzelt sie in die Küche, schaltet das alte Radio ein, aus dem ein sentimentaler Blues tönt, und gießt sich den letzten Schluck Rotwein aus der Flasche in ein Glas.

»Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen?« Verschlafen blinzelnd steht Bille im Flur. »Es ist fast drei!«

»Nein, aber verknallt wie doof!«, ruft sie wie ein Teenager, umarmt ihre Freundin und beginnt, sich übermütig mit ihr im Kreis zu drehen. »Ach, Bille, so glücklich war ich seit Jahren nicht mehr!«

Bille befreit sich behutsam. »Und das kann nicht bis morgen warten?«

»Kann es nicht. Bitte, bitte, bitte!«

Bille zieht sich einen Stuhl heran, und Susa sprudelt los, von dem Essen, den anderen Frauen, Wolfs Antworten, diesen besitzergreifenden Blicken und seinen noch viel aufregenderen Küssen im Auto.

»Beinahe hätte ich Wolf sogar mit rauf in die Wohnung genommen, gegen all meine Prinzipien, stell dir mal vor ...«

»Und dieser Wolf brennt ebenso wie du?«

Eine Frage wie hauchdünnes Glas.

Plötzlich ist die Luft raus. Susa sinkt auf den anderen Stuhl und spürt, wie müde sie eigentlich ist.

»Das weiß ich nicht. Aber er wird anrufen, ganz bestimmt«, sagt Susa leise und spürt schon im Reden, wie wenig überzeugend es klingt. Aber sie spricht dennoch weiter, minutenlang, bis Bille sie irgendwann sanft ins Badezimmer schiebt und sich wieder ins Bett verzieht.

Wolf ruft nicht an.

Nicht am Tag danach, auch nicht am nächsten oder übernächsten. Als die Woche vorbei ist und Susas Hosen schon lose sitzen, weil sie kaum noch einen Bissen hinunterbringt, steht er plötzlich am Abend unangemeldet vor der Tür. Groß und blond, in einem langen schwarzen Mantel, auf dem Schneekristalle schmelzen.

Plötzlich ist er ihr ganz fremd, als hätten sie sich niemals berührt. Vielleicht mag sie ihn ja nicht einmal.

Endlose Augenblicke vergehen, bis er zu lächeln beginnt.

»Ich musste geschäftlich nach Köln«, sagt er. »Keine große Geschichte, aber besser als nichts. Und natürlich wieder einmal von jetzt auf gleich. Geht manchmal eben nicht anders. Sag bloß, du hast mich kein bisschen vermisst!«