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Kommissar Franz-Josef Grillmayr ist ein eigenwilliger und hintergründiger, aber sehr lebenslustiger Ermittler. Sein geruhsames Leben auf Fuerteventura, als "Verbindungs-Kommissar für deutsche Belange", endet, als der deutsche Chemiker Armin Redeker tot in einer Bucht von Costa Calma aufgefunden wird. Mit der ihm typischen Akribie, der Kreativität seines Assistenten José und der Gewitztheit des psychisch leicht instabilen Pathologen Georg Sanchez - Grillmayrs bestem Freund auf der Insel - macht sich der Kommissar an die Aufklärung des Falles.
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Das Buch
Kommissar Franz-Josef Grillmayr ist ein eigenwilliger und hintergründiger, aber sehr lebenslustiger Ermittler. Sein geruhsames Leben auf Fuerteventura, als »Verbindungs-Kommissar für deutsche Belange«, endet, als der deutsche Chemiker Armin Redeker tot in einer Bucht von Costa Calma aufgefunden wird.
Mit der ihm typischen Akribie, der Kreativität seines Assistenten José und der Gewitztheit des psychisch leicht instabilen Pathologen Georg Sanchez - Grillmayrs bestem Freund auf der Insel - macht sich der Kommissar an die Aufklärung des Falles.
Der Autor
Oliver Hamann, Jahrgang 1956, lebt und arbeitet seit 2012 in Berlin. Beim Joggen an einem der Strände von Fuerteventura kam dem gebürtigen Münchner die Idee zu seinem Kriminalroman 'Der Wasserkrieg'.
Mit seiner schwedischen Frau Christine hat Hamann zwei erwachsene Kinder und mit dem 'Projekt Grillmayr' wurde den beiden ein neues Baby in die Wiege gelegt.
Der Wasserkrieg
Fuerte-Krimi No 1
Oliver Hamann
Impressum
Copyright © 2017Oliver Hamann
Billy-Wilder-Promenade 43, 14167 Berlin
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Umschlaggestaltung: Designerei an der Seeve
Art-Direktion: Nicola Dittmann
Umschlagabbildung: oliverhamann.com
Danke, Chris
Kommissar Grillmayr wurde ordentlich durchgeschüttelt. Der betagte Dienstwagen holperte auf der staubigen Schotterstraße von einem Schlagloch zum anderen und der Fahrer, Grillmayrs Assistent José, ließ zudem keine Gelegenheit aus, jeden größeren Stein mit traumwandlerischer Sicherheit zu treffen. Die Nachmittagssonne brannte herab und heizte das kleine Auto auf wie einen Backofen, eine Klimaanlage hatte das aus den achtziger Jahren stammende Fahrzeug nicht. Die Hitze, der Staub und die Fahrkünste seines Assistenten ließen Grillmayr zweifeln, dass er den Tatort lebendiger erreichen würde, als es die gefundene Leiche war wegen der sie jetzt unterwegs waren.
»Schoßé, fahr halt etwas langsamer, ob wir 10 Minuten früher oder später dort sind ist doch egal, die Leiche ist eh schon tot.«
Der Kommissar wusste, dass José eigentlich wie Chosé ausgesprochen werden sollte, aber diese Rachenlaute waren einfach nicht sein Ding. »Außerdem können die Schweizer das sowieso besser als ich«, redete er sich immer heraus und so kam ihm oft ein "sch" statt eines spanischen "ch" über die Lippen. José, der mit Nachnamen Esparagio hieß, hatte sich daran gewöhnt und akzeptierte es. Stoisch lenkte er das Auto weiter den holprigen Weg entlang.
Seit zwei Jahren war Grillmayr als Kommissar "mit besonderem Status für deutsche Belange" auf Fuerteventura tätig und mit mehr als ein paar Taschendiebstählen, Kleinbetrügereien oder Streitigkeiten wegen Verkehrs-übertretungen in Zusammenhang mit deutschen Touristen hatte er bislang nicht zu tun gehabt. Insgeheim wünschte sich Grillmayr zwar manchmal einen etwas abwechslungsreicheren Job hier auf der Insel, aber jetzt, da sie auf dem Weg zu »ihrer« ersten Leiche auf Fuerteventura waren, machte sich doch eine etwas aufgeregte Spannung bei ihm bemerkbar. Dieses Gefühl hatte er schon lange nicht mehr gehabt, überlegte er, und versuchte fieberhaft eine Jahreszahl auszumachen, die ihn zuletzt zu seinen Frankfurter Zeiten mit einer Todesfallermittlung konfrontiert hatte.
»Sakradi, Schoßé, pass halt auf«, entfuhr es Grillmayr, als dieser ein besonders tiefes Schlagloch getroffen hatte und sie ordentlich zusammengestaucht wurden.
»Chef, Zakadi, muss das auf Ihre Liste?«
»Nein Schoßé, das ist kein Fluch, der auf die Liste kommt, und außerdem heißt das Sakradi, merk Dir das!«
José nickte und wich in letzter Sekunde dem nächsten größeren Felsbrocken aus. Kurz darauf stoppte er das Auto.
»Was ist, warum fahren wir nicht weiter?«
Einen Augenblick später stellte der Kommissar selbst fest, warum es nicht weitergehen konnte. Der Schotterweg war zu Ende, es gab kein Vorwärtskommen mehr und sie mussten bis zur Bucht, wo die Leiche lag, zu Fuß gehen.
»Na wunderbar«, knurrte Grillmayr und schwang sich aus dem Auto.
»Dann mal los.«
Es war einer der Tage, an denen der Calima, ein stürmischer Wind, Staub und feinen Sand von der Sahara über den Atlantik nach Fuerteventura herüber trug. Nach kurzer Zeit knirschte es zwischen den Zähnen von Grillmayr und José, und die weißen Hemden der beiden Ermittler waren mit beigefarbenen Streifen von Staub überzogen. José wurde von seinem Chef um einen Kopf überragt, und während der Spanier ein muskulöser, gedrungener Typ war, konnte man den Kommissar eher als drahtig beschreiben. Obwohl er den kulinarischen Dingen zugetan war, achtete er dabei auch auf seine Figur und befragte jeden Morgen seine Waage nach dem aktuellen Stand. Bis 90,9 Kilogramm akzeptierte er, ab 91 Kilo zog er für ein paar Tage die Ess-Bremse, bis er mit dem Anzeigeergebnis seiner Waage wieder einverstanden war. Seine vollen grauen Haare wurden hier auf der Insel von dem meist kräftigen Wind gezaust und dann musste er sie mit geübten Bewegungen zurechtlegen.
»Wir müssen gleich da sein Chef, ich glaube nur noch da vorne die Düne hinunter.«
Sie gingen über ein Schotterfeld, das nach und nach immer sandiger wurde, bis sie schließlich auf einen Trampelpfad kamen der nur noch aus Dünensand bestand. Der Kommissar blieb an einem steilen Abhang stehen, der ungefähr fünf Meter hinunter zum Meer ging. Vor ihnen lag die Bucht von Costa Calma, es war Ebbe und letzte Wasserpfützen standen vereinzelt in Sielen. Eine seltsame Stimmung lag über dem Strand und der ganzen Bucht. Der heftige Wind und die staubige Luft, der Himmel war nicht wie üblich tiefblau, sondern rot und hellgelb gefärbt und die Sonne war nur umrisshaft zu sehen. Grillmayr hatte schon viele Stimmungen auf dieser Insel erlebt, aber heute war es ihm fast etwas unheimlich, so als würde die Natur für den Toten, der dort unten lag, einen Trauerschleier anlegen. Grillmayr und José rutschten den Abhang mehr hinunter, als dass sie gingen. Zwei uniformierte Polizisten, die links und rechts von einem großen schwarzen Felsen im nassen Sand standen, erwarteten sie schon. Beide hatten eine bedeutungsvolle Miene aufgesetzt. Etwas abseits wartete ein Mann in Sportkleidung mit einem weiteren Polizeibeamten.
»Und wo ist sie jetzt, die Leiche?«, fragte Grillmayr einen der Polizisten.
Wortlos ging dieser daraufhin um den Felsen herum und zeigte nur mit dem Finger. Als hätte er sich bequem an den großen Stein gelegt um zu schlafen, und diesen mehr oder weniger in der Seitenlage umarmt, lag dort ein Mann in einer Vertiefung, in der noch Wasser von der letzten Flut stand. Die Kleidung, die der Mann anhatte, eine lange schwarze Hose und ein weißes Hemd, war durchnässt. Er hatte keine Socken und keine Schuhe an. Der Polizist übergab Grillmayr einen deutschen Personalausweis und erklärte, dass er diesen in der Gesäßtasche des Toten gefunden hatte, weiterhin hatte er einen durchweichten Geldbeutel mit zweihundert Euro sichergestellt. Sonst gab es keine weiteren Dinge, die der Tote bei sich gehabt hatte.
»Spuren?«, fragte Grillmayr, erntete aber nur ein Kopfschütteln. Es hätte ihn auch gewundert, Sand und Schlick gaben selten brauchbare Informationen preis und dieser heftige Wind machte durch den aufgewirbelten Staub und Sand obendrein alles zunichte, was irgendwelche Hinweise hätte geben können. Ungünstige Spurenlage nannte man das im Polizeijargon.
»Wer hat ihn gefunden?«
Der Polizist deutete auf den Mann in Sportkleidung, der bei seinem Kollegen, stand und sagte nur: »Jogger.«
»Ein Jogger? Das muss ein Deutscher sein«, raunte Grillmayr zu José.
Der sah seinen Chef nur fragend an.
»Oder glaubst Du, außer einem Deutschen käme ein vernünftiger Mensch auf die Idee, bei dieser Hitze joggen zu gehen?«
José nickte so, als hätte er verstanden. Der Jogger war tatsächlich ein Deutscher, aber auch seine kurze Vernehmung brachte nichts Verwertbares ein. Grille fragte, ob schon ein Pathologe verständigt wäre, worauf José seinen immer noch ratlosen Gesichtsausdruck endlich verlor.
»Si, si Chef. Señor Sanchez kommt.«
Grillmayr freute sich, denn seinen Freund Georg hatte er schon länger nicht mehr gesehen. Georg Sanchez arbeitete als Pathologe im Krankenhaus von Morro Jable, wo er üblicherweise Gewebeuntersuchungen machte und Sterbefälle sezierte. Sein Vater war Spanier und hatte lange Jahre als Fremdarbeiter in Gelsenkirchen »malocht« wie er immer sagte. Die Mutter war Deutsche, in Oberhausen geboren, und sie träumte schon lange davon, auszuwandern. Eines Tages, Georg war gerade zwölf Jahre alt, entschlossen sich seine Eltern nach Spanien zu gehen. Der Vater verwirklichte einen lang gehegten Wunsch, investierte seine gesamten Ersparnisse und eröffnete eine kleine Autovermietung. So wurde Georg vom Ruhrpott nach Fuerteventura verpflanzt.
Nach seinem Schulabschluss studierte er Medizin in Malaga, kehrte nach dem Studium nach Fuerteventura zurück und arbeitete seither im Krankenhaus von Morro Jable. Er war zuverlässig unzuverlässig oder anders herum, unzuverlässig zuverlässig - er war einfach unberechenbar. Manchmal überpenibel, höchst pünktlich und entgegenkommend und manchmal – oder auch des Öfteren – verfiel er dem spanischen Cognac und wurde tagelang nicht gesehen. Er sagt dann, er hätte Espressionen gehabt, eine von ihm kreierte Wortkomposition aus España und Depression, also eine Spanien-Depression, die dem Heimweh nach dem Ruhrpott entsprang. Georg und Grillmayr hatten sich vor Jahren zufällig im Flugzeug kennen gelernt. Georg kam damals von einem Heimatbesuch aus Gelsenkirchen und Grillmayr war auf dem Weg zu einem Badeurlaub nach Fuerteventura. Sie verstanden sich auf Anhieb und konnten sich prächtig über ihre Berufe, Spanien und Deutschland auslassen. Als sie aus dem Flieger stiegen, machten sie aus, in Kontakt zu bleiben. Und anders als bei den meisten solcher Bekanntschaften verlief diese nicht im Sand.
Jedes Mal wenn Grillmayr Urlaub auf Fuerteventura machte, besuchte er seinen Freund und brachte ihm immer etwas aus Deutschland mit, von dem er wusste, dass er es besonders mochte. Georg hatte Grillmayr ein paar Mal in Frankfurt besucht und ihm immer grüne und rote Mojo-Soße mitgebracht, die der Kommissar so sehr liebte. Sie kochten dann abends in Grillmayrs kleiner Zweizimmerwohnung Kartoffeln auf kanarische Art und aßen die knoblauchstarken Mojo-Soßen dazu. Dann war Grillmayr selig und schwärmte: »Ach war das gut, fast wie auf Fuerteventura.« Jetzt sollten die beiden also das erste Mal zusammenarbeiten.
Der Kommissar schaute sich die Umgebung an und grübelte, wie die Leiche wohl hier her gekommen war, und, vor allen Dingen, wie man sie hier wieder wegbringen wollte. Mit dem Toten auf einer Trage kam man bestimmt nicht die steile Düne hinauf. Grillmayrs Gedanken machten eine für ihn typische Wanderung durch die grauen Zellen. Wie immer, wenn er in einem Todesfall ermittelte, versuchte er, sich vorzustellen aus welchen Verhältnissen der Tote kam, welchen Beruf er ausgeübt haben mochte; war er verheiratet, wer vermisste ihn jetzt gerade? Warum war er ums Leben gekommen; war es ein freiwilliger, ein unglücklicher, zufälliger oder gewaltsamer Tod? Wie viele Menschen in seinem Umfeld waren von seinem Tod betroffen; Angehörige, Arbeitskollegen, Bekannte, Freunde? Welche tiefen Einschnitte das Ableben eines Menschen mit sich bringen konnte, war Grillmayr schon früh in seiner Laufbahn bei der Kriminalpolizei bewusst geworden.
Aus der Brusttasche seines Hemdes holte er den Personalausweis des Toten: Armin Redeker, Wohnsitz zuletzt in Wiesbaden, 42 Jahre alt, keine besonderen Merkmale. Was mochte er wohl auf Fuerteventura gemacht haben, überlegte Grillmayr und betrachtete dabei den Strand und die Bucht. Es herrschte Ebbe und die Wasserlinie war jetzt ungefähr einen Kilometer weit von der Fundstelle entfernt. Dort draußen sah man Kite- und Windsurfer, Badende, die sich übermütig in die anlaufenden Wellen warfen, und viele Menschen die am Strand entlang wanderten. In dem flachen Becken der Bucht, in dem von der Flut noch viele Wasserpfützen standen, war aus Steinen ein großes Symbol, ähnlich einem Peace-Zeichen, geformt. Es mochte einen Durchmesser von drei bis vier Metern haben und nicht weit davon entfernt, auf halbem Weg zur Wasserlinie, waren, ebenfalls aus Steinen, zwei runde, ca. eineinhalb Meter hohe Kegel gebaut, die Ähnlichkeit mit großen Bojen hatten.
Seltsam diese Touristen, müssen sich überall irgendwie verewigen, dachte Grillmayr. Die Flut hatte einiges an Treibgut angeschwemmt, Holz und Reisig, das in seltsam geformten Bündeln liegen geblieben war, und den üblichen Unrat heutiger Tage. Grillmayr konnte jedes Mal eine »heilige Wut auf die sogenannte Zivilisation« bekommen, wenn er deren Hinterlassenschaften an den unmöglichsten Stellen vorfand. Auch hier am Strand lag eine Menge leerer Plastikwasserflaschen, Kunststofftüten und sogar eine große schwarze Regentonne war angespült worden. Wozu brauchte man das alles, Wasser in Plastikflaschen, Tragetüten aus Kunststoff, fragte sich Grillmayr etwas verbittert. Er wusste, dass auch er darauf keine sinnvolle Antwort geben konnte und schaute wieder auf das Meer hinaus. Sein Blick schweifte über die Sand- und Schotterberge an der Küstenlinie und dann entdeckte er, dass Georg, der Pathologe, angekommen war.
»Hallo Georg, hast Du schon gehört, Schalke hat letztes Wochenende verloren?« Grillmayr wusste, dass er mit dieser Bemerkung seinen Freund auf die Palme bringen würde, war der doch seit seiner Ruhrpott-Kindheit ein glühender Anhänger von Schalke 04. Nach Siegen war er immer high und bestens gelaunt, nach Niederlagen arbeitete er stur vor sich hin, ohne ein Wort zu reden. Nur ansprechen durfte man ihn nicht darauf, sonst drohte eine Espression. Aber Georg hatte sich von der letzten Schmach bereits erholt und konterte:
»Grillo, mein Lieber, es ist doch besser, in der ersten Liga ab und zu zu verlieren, als in der zweiten Liga nur rumzukrebsen. Deine ‚Löwen‘ steigen doch in fünf Jahren nicht wieder auf.«
Damit hatte er Grillmayr allerdings an einem empfindlichen Punkt getroffen. Der Kommissar liebte alles, was Qualität hatte. Ob Auto, Kleidung, Möbel oder Essen, er hatte ein Faible für Marken und für feine Sachen. Nur sein Lieblings-Fußballverein, 1860 München, passte da nicht recht ins Bild. Zu denen hielt er eigentlich nur noch aus Prinzip, nach dem Motto: »Einmal Löwe immer Löwe.« Aber heute gab es Wichtigeres, als über Fußball zu diskutieren.
»Georg, schau ihn Dir mal an, er liegt da hinter dem Felsen.«
»Aber eines sage ich Dir gleich El Grillo, ich darf ja nur Sterbefälle untersuchen. Sollte das hier ein Mord gewesen sein, da muss auf jeden Fall noch ein Gerichtsmediziner von Gran Canaria herüberkommen.«
»Na wunderbar«, brummte Grille, »da warten wir ja nächste Woche noch.«
Aber José hatte bereits vorsorglich auf der Nachbarinsel angerufen und den diensthabenden Mann angefordert.
»Gut gemacht Schoßé«, lobte Grille, »dann kann es sich ja nur noch um ein paar Tage handeln.«
Georg nahm den Toten in Augenschein, konnte aber auf den ersten Blick keine direkte Todesursache feststellen.
»Keine äußeren Verletzungen zu sehen und lange war der auch nicht im Wasser. Das einzige, was auf den ersten Blick auffällt, sind diese Flecken hier auf dem Oberkörper.« Georg hatte das Hemd des Mannes geöffnet und zeigte auf großflächige, rot-blau unterlaufene Flecken.
»Wie lange ist er schon tot?«
»Na ja«, Georg zog das Thermometer, das er dem Toten in die Leber gestoßen hatte, heraus.
»Die Lufttemperatur ist 28 Grad, die Wassertemperatur 24 Grad.«
Er schaute einen Moment lang die Skala des Thermometers an und schätzte dann:
»Je nachdem wie lange er hier schon gelegen hat, würde ich mal sagen zwischen 14 und 20 Stunden.«
Sie wurden unterbrochen vom Knattern eines Polizeihubschraubers, der Gerichtsmediziner und die Spurensicherung aus Gran Canaria schwebten ein.
»Also, fassen wir zusammen«, Grillmayr, José und Georg befanden sich inzwischen in der kleinen Polizeistation von Antigua, »was haben wir Konkretes? Eigentlich Nichts von Bedeutung, und das ist ziemlich wenig«, war die Erkenntnis des Kommissars. Auch Javier Ochoa, der Gerichtsmediziner aus Gran Canaria, hatte auf den ersten Blick nichts an der Leiche feststellen können, was ihnen weiter geholfen hätte. Zur weiteren Untersuchung musste er ihn erst einmal auf seinem Seziertisch haben, dann würde man weitersehen und das würde dauern, wenigstens bis übermorgen, wenn nicht sogar länger. Die Spurensicherung war ebenso schnell wie Ochoa wieder abgerückt, man hatte nichts gefunden, weder beim Toten, noch am Strand und auch nicht in der Umgebung des Fundortes der Leiche.
José hatte in der Polizeistation inzwischen die Gezeitentabelle studiert und seine Einschätzung war, dass der Mann mit der letzten Flut gegen Mittag an den Strand gespült worden sein konnte. In der wenig frequentierten Bucht hatte der Jogger den Toten um 16:00 entdeckt und um 16:10 war der Notruf in der Polizeistation von Costa Calma eingegangen.
»Wir müssen herausbekommen, wo Redeker gewohnt hat. Wohnte er hier oder auf einer der Nachbarinseln? War er hier im Urlaub, sind eventuell Angehörige da, die ihn suchen? Schoßé, Du kümmerst Dich als erstes um die Vermissten-Meldungen und dann überprüfst Du die Passagierlisten der Fluggesellschaften und die Gästelisten der Hotels.«
José nickte und ging ins Nebenzimmer, um am PC die Recherchearbeiten zu starten. Grillmayr und Georg Sanchez saßen sich schweigend gegenüber, als plötzlich die Bürotür aufgerissen wurde. Georg zuckte zusammen aber Grillmayr verzog keine Miene, er ahnte, wer so hereingestürmt kam.
»El Grillo, verdammt, verdammt, ihr habt mir nicht Bescheid gesagt«, schnauzte ein untersetzter und recht fülliger Mann mit schwarzem Schnurrbart den Kommissar an. Grillmayr nahm gelassen ein kleines Notizbuch aus der Brusttasche seines Hemdes, schlug eine der hinteren Seiten auf und kramte in der Schreibtischschublade nach einem Bleistift. Dann sah er den Mann an, dessen Redeschwall in der Zwischenzeit ähnlich einem Maschinengewehr im Stakkato weitergegangen war. Sein imposanter Schnurrbart zitterte und sein Gesicht war schon ziemlich rot angelaufen, als er schließlich zu derben spanischen Flüchen überging. Für jeden Fluch, der dem Mann entfuhr, machte Grillmayr einen Strich in sein Notizbuch.
»Grillo«, schrie der Mann plötzlich, »hör auf mit dem Striche machen, das hab ich Dir schon hunderttausend Mal gesagt, dass mich Deine Liste einen Sch...«,
Grillmayr hob den Stift in die Höhe, als wollte er sich zu Wort melden, und das Geschrei verstummte. Mit süffisantem Lächeln sagte Grillmayr:
»Mit dem letzten Fluch bist Du bei 85 Euro angelangt. Ich weiß ja nicht, wie viel Du hier als Reviervorstand verdienst, Kugelblitz, aber Du wirst das Geld auf jeden Fall in die Sparsau geben.«
Grillmayr schüttelte demonstrativ ein feuerrotes Sparschwein, das auf dem Fensterbrett stand.
»Notfalls hole ich mir sonst das Geld von Deiner Frau!«
Der Mann schlug mit der flachen Hand auf Grillmayrs Schreibtisch und fing wieder an zu schreien.
»Nie holst Du Dir auch nur einen Cent bei meiner Frau, hörst Du, sonst...«
»Sonst was«, fragte Grillmayr betont ruhig.
»Sonst streiche ich hier einfach Deine Stelle als Touristenhätschler und dann kannst Du als Tomatenpflücker arbeiten. Und weil es hier keine Tomatenplantagen mehr gibt, kannst Du dann höchstens noch als Ziegenhirte arbeiten, Du Strichemacher.«
Der Mann verließ das Büro und schlug knallend die Türe hinter sich zu. Georg war auf seinem Stuhl ganz klein geworden, jetzt rappelte er sich langsam wieder zu normaler Größe auf.
»Was war das denn?«, fragte er entgeistert und schaute Grillmayr an, der amüsiert hinter seinem Schreibtisch saß und das Notizbuch zuklappte.
»Das? Das war Estragon, Estragon Salazar, der Reviervorstand.«
»Aha, und der gibt hier des Öfteren den, wie sagtest Du zu ihm, Kugelblitz?«
Georg konnte sich jetzt ein Lachen nicht verkneifen.
»Und um was ging es denn überhaupt, was habt ihr ihm nicht Bescheid gesagt? Dass es eine Leiche gibt?«
»Ach was«, Grillmayr winkte ab, »wir haben nur ‚seinen‘ Dienstwagen ohne zu fragen benützt.
»Seinen Dienstwagen?«
Georg sah seinen Freund zweifelnd an, als hätte er nicht richtig verstanden.
»Genau, seinen Dienstwagen. Weißt Du, wir haben hier ja zugegebenermaßen eine etwas eigenwillige Konstellation, was meine Stelle betrifft. Und da ich kein Budget für einen Dienstwagen bekommen habe, muss ich jedes Mal, wenn wir irgendwohin fahren wollen, ein Auto von der Dienststelle hier leihen. Und Estragon muss seine etwas zu kurz geratene Körpergröße mit übertriebenem Chef-Gehabe ausgleichen. Kurzum, ich soll eigentlich immer bei ihm untertänig um Erlaubnis bitten, einen Streifenwagen benützen zu dürfen. Und da er mir ja sowieso immer die älteste und heruntergekommenste Kiste gibt, frage ich schon gar nicht mehr und nehme sie mir halt einfach.«
Georg hatte während den trockenen Ausführungen Grillmayrs ein Lachen nur schwer unterdrücken können, jetzt gluckste er unüberhörbar und prustete schließlich lauthals los.
»Genial, das ist einfach genial. Achtung, Achtung, eine wichtige Durchsage,« quäkte er, »Estragon und El Grillo werden zum Duell aufgefordert, die Waffen sind gewählt, es wird mit Wörtern geschossen.«
Auch Grillmayr musste jetzt lachen, bis er bemerkte, dass José im Zimmer stand und ihn etwas verständnislos ansah.
»Habe ich etwas Wichtiges versäumt?«, fragte er erstaunt.
»Nein, Schoßé, hast Du nicht, ich habe nur den üblichen Anschiss wegen des Dienstwagens kassiert«, gab Grillmayr zurück und schob nach, »aber auch dafür finde ich noch eine Lösung.«
»Ah, ok, dann ist ja alles in Ordnung«, erwiderte José erleichtert.
»Die Passagierlisten habe ich von allen Flughäfen auf den Inseln geprüft, aber Redeker war nirgends dabei. Allerdings gehen die Listen nur über die letzten zwei Wochen. Die älteren musste ich anfordern, bekomme ich morgen Vormittag. Eine Vermisstenanzeige liegt für ihn auch nicht vor und die Gästelisten der Hotels erhalte ich ebenfalls morgen früh.«
Grillmayr war zufrieden, nicht mit dem Ergebnis, aber mit der Arbeit die José ablieferte.
»In Ordnung, es ist schon spät, wollen wir etwas essen gehen?«
»Super Idee, Grillo, ich habe einen Riesenhunger«, bekannte Georg.
»Und außerdem will ich bei der Gelegenheit alle Neuigkeiten über den "Touristenhätschler" und "Strichemacher" erfahren. Sieht ja ganz so aus, als hätte ich da einiges nicht mitbekommen.«
Kurz darauf waren die drei auf dem Weg zum Restaurant »El Torro«.
Am späten Vormittag des nächsten Tages hatte Javier Ochoa im gerichtsmedizinischen Institut von Gran Canaria seine Autopsie abgeschlossen. Noch am Vorabend war der Leichnam von Redeker per Helikopter ins Institut gebracht worden und Ochoa hatte sich schon um 7:00 in der Früh an die Arbeit gemacht. Tod durch Ertrinken, lautete seine Diagnose. In Magen und Lunge des Toten hatten sich große Mengen Salzwasser sowie Algen und Meeressand gefunden. Für Ochoa die eindeutige Todesursache und mit diesem Ergebnis war der Fall für ihn bereits abgeschlossen. Auch Grillmayr war trotz des langen Abends mit José und Georg früh aufgestanden. Er wollte mit der Hafenpolizei von Puerto del Rosario sprechen und erfragen, wie es sich mit Strömungen bei auflaufender Flut in der Bucht von Costa Calma verhielt. Dann wollte er noch einmal zum Fundort der Leiche fahren. Als Grillmayr ins Büro kam, saß José schon am Computer und ein Lächeln überzog sein Gesicht:
»Chef, ich hab‘s, ich habe eine Spur von Redeker gefunden!«
»Sauber Schoßé, lass hören was Du weißt.«
Grillmayr ließ sich in seinen Bürostuhl fallen.
»Heute Nacht fiel mir noch ein, dass wir das Naheliegendste gar nicht geprüft haben. Nämlich ob Redeker hier vielleicht gemeldet ist. Und er ist gemeldet.«
José hielt triumphierend einen Ausdruck in die Höhe. Demnach war Redeker bereits seit vier Monaten auf Fuerteventura und wohnte in Caleta de Fuste, etwa 14 Kilometer von Puerto del Rosario entfernt. Grillmayr vermutete, dass er somit auch irgendwo auf der Insel gearbeitete hatte, aber das würden sie noch herausfinden. Jetzt würden sie zuerst einmal Redekers Wohnung durchsuchen, womöglich gab es dort ja brauchbare Hinweise. Die Hafenpolizei musste vorerst warten. Sie brauchten einen Dienstwagen, aber Estragon Salazar war noch nicht im Büro. Also legte Grille einfach einen großen Zettel auf Salazars Schreibtisch, darauf hatte er geschrieben: Denk daran Kugelblitz, 85 Euro! Wir brauchen das Auto den ganzen Tag. Danke, Grillo.
José nahm den Autoschlüssel aus der Schublade und malte sich aus, wie Salazar wohl toben würde, wenn er den Zettel fand. Sie verließen die Station, setzten sich in das Auto und fuhren los. Auf dem Weg nach Caleta de Fuste ging José noch einmal der gestrige Abend durch den Kopf und was sein Chef alles von sich preisgegeben hatte. Der Lebenslauf von Franz Josef Grillmayr, oder FJG, wie einer seiner Spitznamen lautete, war einer der bewegten Sorte und Grillmayr war nicht ganz ohne Grund nach Fuerteventura gekommen. Bis 2003 lebte und arbeitete er in München, war ein geachteter Ermittler bei der Mordkommission und seine Erfolgsquote hoch. Meistens war er es, der den richtigen Riecher für die Aufklärung eines Falles hatte und seine Vorgesetzten schätzten ihn besonders für seine effiziente Art zu recherchieren. Aber er hatte viele Ecken und Kanten, ließ sich nicht den Mund verbieten »Und das Denken schon gleich gar nicht« wie er immer sagte. »Grille«, wie er von seinen Kollegen genannt wurde, entwickelte sich zum Gerechtigkeitsfanatiker, was ihn im Dienst immer öfter schwer genießbar machte. Er glaubte, alles und jeden zur Rede stellen und zur Rechenschaft ziehen zu müssen, für das, was aus seiner Sicht irgendwie nicht richtig war, und davon gab es eine Menge. Er machte sich zunehmend unbeliebt, auch bei seinen Vorgesetzten. Man legte ihm nahe, sich bei der Polizeipsychologin in Behandlung zu geben, was er auch gewissenhaft tat. Aber eine spürbare Veränderung im Umgang mit Vorgesetzten und Kollegen stellte sich nicht ein und er wurde, was niemand für möglich gehalten hatte, schließlich strafversetzt.
Der Polizeipräsident von Frankfurt am Main freut sich auf Ihre Mitarbeit und Ihre kompetente Unterstützung, stand lapidar in seinem Versetzungsschreiben.
Frankfurt! - Ins Exil werde ich also geschickt, hatte sich Grillmayr damals gedacht. Wenn es Augsburg, Bayreuth oder Rosenheim gewesen wäre, hätte er sich damit noch abfinden können, aber ausgerechnet Frankfurt. Doch die folgenden Jahre in der Mainmetropole vergingen schnell, wenn auch oft recht unangenehm. Mit seiner direkten und derben bayerischen Art eckte er an, wo man nur anecken konnte. Irgendwann begannen die Kollegen ihn zu mobben und schließlich ignorierten sie ihn einfach. Das war der Punkt, an dem Grillmayr zu dem Schluss kam: Jetzt, FJG, jetzt musst Du was unternehmen. Aber es war eine lange Geschichte, wie er letztlich auf die westlichste der Kanarischen Inseln gelangt war. Der von Haus aus neugierige Georg hatte ihn immer wieder animiert, noch mehr von sich zu erzählen, bis Grillmayr es schließlich zu vorgerückter Stunde für genug befand.
»Ich erzähl immer nur von mir, das ist doch langweilig. Wollt ihr nicht auch mal was zur Unterhaltung beitragen?«
Georg machte noch einen Versuch und wollte seinen Freund dazu bewegen zu erzählen, wie er es denn geschafft hatte nach Fuerteventura zu kommen. Aber Grillmayr gab sich geheimnisvoll.
»Ich habe da meine Verbindungen.«
Immerhin hatten sie auch einige Einblicke in das Leben des Kommissars erhalten. Er war in München geboren und inzwischen 53 Jahre alt. Sein Elternhaus stand in Wolfratshausen an der Isar. Der Vater, Josef, war Zimmermann und außerdem ein Casanova der ständig fremdging, ein "Bazi" wie Grillmayr es auf bayrisch ausdrückte. Die Mutter, Annelise, litt unter den Kapriolen des Vaters. Neben dem Aufziehen ihrer vier Kinder betrieb sie einen Imbisswagen, um etwas mehr Haushaltsgeld zur Verfügung zu haben da der Vater immer zu viel Geld auf den Putz haute.
Franz Josef war der älteste der vier Grillmayr-Ableger, er hatte zwei Brüder, Max Josef und Karl Josef sowie eine Schwester, Rosemarie. Franz Josef wurde durch die Mutter erzkatholisch erzogen und durch den Vater politisch konservativ geprägt. Nicht nur durch die räumliche Nähe seines Elternhauses zum Haus des Bayerischen Politikers Edmund Stoiber war Franz Josef früh von der CSU eingenommen. Ihm gefielen auch die Debatten im Bayerischen Landtag, die er häufig, gespannt vor dem Radio sitzend, auf Bayern 1 verfolgte. Im zarten Alter von 16 Jahren war er der Jungen Union beigetreten. Dort lernte er das Diskutieren und Argumentieren und bald brillierte er bei JU-Treffen durch seine ausgefeilten Vorträge, in denen er Zahlen und Fakten brachte, bei denen sich selbst die Älteren fragten, wo er sie wohl her hatte. »Gut recherchiert eben«, antwortete er jedes Mal, wenn er danach gefragt wurde. Nach kurzer Zeit hatte er seinen Spitznamen in der Jungen Union weg, "FJG" wurde er nur kurz genannt. Mit knapp 18 Jahren war er zum stellvertretenden Vorsitzenden der JU gewählt worden. Einige in der Parteispitze hielten ihn für ein Schlitzohr und sagten ihm daher eine große politische Karriere voraus. Sein damaliges, heiß verehrtes Vorbild, Franz Josef Strauß, lernte Grillmayr während eines Landtagswahlkampfes näher kennen, als er auf einem Teil der Wahlkampftour des Spitzenpolitikers dabei sein konnte. Doch kurz darauf, völlig überraschend und unerwartet, warf Grillmayr das parteipolitische Handtuch und trat aus der Jungen Union aus. Über die Gründe hatte er nie gesprochen, auch seinen Freunden gegenüber nicht, er verwendete in diesem Zusammenhang ab und zu höchstens das Wort »Amigo«, ein Begriff, der kurz darauf als Affäre um Franz Josef Strauß in der Öffentlichkeit bekannt wurde.
FJG machte sein Abitur mit Notenschnitt 2,4 und bewarb sich für die Polizeischule, an der er dann seine Ausbildung anfing. Sein Gerechtigkeitssinn wurde sprichwörtlich, machte ihm aber im täglichen Polizeidienst zu schaffen. Seine Einsätze bei Großveranstaltungen, Demonstra-tionen oder bei Fußballspielen des FC Bayern München entsprachen nicht seinem Bild von Demokratie, Recht und Ordnung. Mit einem Gummiknüppel auf Menschen einzuschlagen, ohne zu wissen ob derjenige sich überhaupt etwas zuschulden hatte kommen lassen, der vielleicht zufällig zwischen zwei Fronten geraten war, war nicht seine Sache. »Es trifft immer nur die Falschen«, dachte er oft und nur mit letzter Willenskraft stand er seine Ausbildung durch. Anschließend bewarb er sich sofort für eine Stelle bei der Kriminalpolizei. Er durchlief verschiedene Dezernate, von der Sitte über Drogen und Jugend, bis er schließlich bei der Mordkommission landete. Inzwischen waren auch seine Geschwister aus dem Elternhaus ausgezogen und seine Mutter war der Eskapaden des Vaters so überdrüssig, dass sie sich mit ihrem Imbisswagen einfach Richtung Berchtesgadener Land absetzte. Der Vater hatte über den Verlust ‚seiner Anni‘ das Trinken angefangen. Das Quantum wurde täglich größer und meist war er schon früh am Tag ziemlich betrunken. Eines Tages stürzte er bei einer Hebauf-Feier, einem Richtfest, vom soeben fertiggestellten Dachstuhl und war auf der Stelle tot. »Nicht schad‘ drum«, war der einzige Kommentar von Anni, als sie die Todesnachricht erhielt. Sie verkaufte ihren Imbiss und zog zurück in das Häuschen nach Wolfratshausen. Von der kleinen Lebensversicherung ihres verblichenen Mannes und von etwas Erspartem konnte sie gut leben, ohne arbeiten zu müssen. Franz Josef Grillmayr war zu der Zeit schon vier Jahre bei der Mordkommission und recht erfolgreich.
José wurde unvermittelt aus seinen Gedanken gerissen. Gleichzeitig klingelten sowohl seines als auch das Handy von Grillmayr. Bis José sein Telefon aus der Hosentasche gefischt hatte, hatte er einem LKW die Vorfahrt genommen, was der Fahrer mit einem Hupkonzert und wüsten Beschimpfungen quittierte, und beinahe eine Frau an einem Zebrastreifen überfahren. Grillmayr hatte das nur am Rande notiert, da sein Handydisplay "Inez" als Anrufer anzeigte. Immer wenn Inez anrief, vergaß Grillmayr nahezu alles um sich herum. Er nahm das Gespräch an und raunte liebevoll in das Handy.
»Hola Inez.«
Grillmayr hielt eine Hand muschelförmig vor seinen Mund und drehte sich etwas von José weg, damit dieser nicht alles mitbekam, was er mit Inez besprach. Aber José war sowieso viel zu engagiert im Gespräch mit seinem eigenen Anrufer.
»Ich rufe Dich nachher zurück«, sagte Grille schließlich in verliebtem Tonfall zu Inez und legte auf. José hatte sein Gespräch fast zeitgleich beendet.
»Chef, das war Ochoa. Er sagt, für ihn ist alles klar, Redeker ist ertrunken. Und er hat die Leiche schon freigegeben.«
»Gestern hat er doch noch gesagt, das würde mindestens 48 Stunden wenn nicht sogar länger dauern. Was hat er noch gesagt, wie sieht es aus mit äußerlicher Gewalteinwirkung, was ist mit den seltsamen roten Flecken auf der Brust des Toten, Alkohol, Drogen, und so weiter?«
»Chef, das habe ich alles abgefragt, aber Ochoa hat darauf gar nicht geantwortet, er hat darauf bestanden, dass Redeker ertrunken und der Fall geklärt ist.«
Grillmayr war grimmig. Solch ein unkonkretes Untersuchungsergebnis entsprach nicht dem, was er sich von einem Gerichtsmediziner erwartete. Er sah wieder einmal all seine Vorurteile bestätigt, die er doch schon so oft zu revidieren versucht hatte und die er dann doch immer wieder bestätigt sah: Spanier seien schlampig, oberflächlich und bestechlich. Entweder musste man ständig an ihnen kleben und Druck machen, oder sie förmlich dazu überreden, gründlich zu arbeiten.
»Kreuzteufel noch einmal«, polterte Grillmayr weiter.
»Der Ochoa kann sich gleich zum Redeker dazulegen, den nehm ich auseinander wie...«
»Wie einen Tomatenpflücker«, warf José ein, aber Grillmayr winkte genervt ab.
Als sie in Caleta de Fuste in der Calle Uno Avenida vor dem Haus von Redeker angekommen waren, hatte sich Grille nur unwesentlich beruhigt. In der Zwischenzeit hatte er selber noch einmal mit Ochoa telefoniert, aber auch keine erschöpfenderen Antworten als José erhalten. Auch die Freigabe der Leiche konnte ihm Grillmayr nicht mehr ausreden. Das würde bedeuten, dass sie ihre Ermittlungen nur noch darauf konzentrieren konnten, herauszufinden, ob es Angehörige gab und wohin Redeker überführt werden sollte, damit man ihn beerdigen konnte. Grillmayr hatte das Gefühl, das hier irgendetwas nicht stimmte und als er aus dem Auto ausstieg, wurde ihm schlagartig auch klar warum das so war. Er atmete ein paar Mal tief durch, dann nahm er sein Handy und wählte eine Telefonnummer. Als sich am anderen Ende jemand meldete, sagte Grillmayr überaus freundlich und mit Samtstimme, dass er nur ungern stören würde, aber er bräuchte Hilfe. Die Unterhaltung dauerte vielleicht vier, fünf Minuten und José klappte vor Staunen den Mund auf und zu. Was er gerade erlebte, kam ihm vor wie "Dr. Jeckyll und Mr. Hyde", so schnell hatte er seinen Chef noch nie von 180 auf nahezu Null herunterkommen sehen.
»Besten Dank, Sie haben mir sehr geholfen, ja natürlich, und viele Grüße an Ihre Frau, ja natürlich, und ich kann mich darauf verlassen? Heute Abend, wunderbar, ich danke Ihnen«, säuselte Grillmayr förmlich in sein Handy und legte auf.
José wunderte sich, dass jetzt nicht das Schmalz aus dem Handy des Kommissars tropfte.
»Heute Abend haben wir ihn«, sagte Grillmayr triumphierend.
»Wen, den Mörder?« erwiderte José etwas ratlos.
»Nein, den Redeker. Er wird heute Abend zu Georg ins Labor gebracht.«
José staunte, was sein Chef da wieder eingefädelt hatte und schließlich rang er sich die Frage ab, mit wem er gerade telefoniert hatte. Aber Grillmayr stellte nur knapp fest:
»Ich bin mir sicher, dass etwas mit dem Untersuchungsergebnis von Ochoa nicht stimmt.«
In dem Haus, in dem Redeker gewohnt hatte, gab es ebenerdig ein kleines Ladengeschäft. Darüber war nur noch ein Stockwerk und um dorthin zu kommen musste man zu einer Eingangstür, die sich seitlich am Haus befand. Eine enge Holztreppe führte in den ersten Stock hinauf. Es fand sich dort nur eine Tür, dahinter musste also Redekers Wohnung sein. Grillmayr klopfte an, wartete kurz und klopfte noch einmal, es rührte sich nichts. Er drückte die Türklinke, es war abgesperrt.
»Eintreten?«, fragte José.
Aber Grillmayr schüttelte nur den Kopf.
»Das ist ja nur ein einfaches Schloss, hol mal irgendeinen festen Draht oder so etwas, das kriegen wir schon auf.«
José ging nach unten und war einige Minuten später mit einer beachtlichen Auswahl an Werkzeug und Draht wieder da.
»Oha, hast Du irgendwo ein Geschäft aufgekauft?«
José war knallrot im Gesicht, lächelte etwas seltsam und sagte nur: »Im Laden.«
Grillmayr konnte mit dieser Information nicht viel anfangen, es war ihm aber auch egal, wo sein Assistent die Sachen besorgt hatte. Der Kommissar hatte inzwischen einen dicken Draht zu einem Haken gebogen und hantierte schon an dem Schloss. Nach einigen Sekunden vernahmen sie das typische Geräusch eines sich öffnenden Schlossriegels. Vorsichtig betraten sie die abgedunkelte Wohnung. Ihre Augen brauchten einen Moment, bis sie sich vom Tageslicht auf das schummrige Licht hier drin eingestellt hatten. Grillmayr zog die Luft langsam durch die Nase ein und schnupperte. Es roch etwas staubig, aber nicht ungut. Drehte er sich nach links konnte er schemenhaft ein Badezimmer erkennen, von dort kam ein etwas frischerer Geruch, gemischt mit einem Duft von Holz, Harz oder etwas ähnlichem. José tastete sich vorsichtig zu einem kleinen Fenster und öffnete die Fensterläden. Der Raum, in dem sie standen, war aufgeräumt und ordentlich, auf den ersten Blick gab es keine Auffälligkeiten. Offensichtlich handelte es sich um ein kombiniertes Wohn-Arbeitszimmer. Die Möblierung war einfach und spärlich. An einer der Längswände gab es ein Bücherregal, das vollgestopft war mit Aktenordnern sowie deutsch- und englischsprachiger Literatur. In der dem Fenster am nächsten gelegenen Zimmerecke stand ein großer Schreibtisch, auf dem sich Papierstapel türmten. Grillmayr blätterte ganz oben im Stapel und sah sich die Unterlagen an. José nahm sich eine Kommode vor, die neben der Tür zum Bad stand. Er öffnete die unterste Schublade und fing an, den Inhalt durchzusehen. Grillmayr setzte sich an den Schreibtisch und begann, Papiere in einer Aktenhülle zu sichten.
Georg Sanchez saß in seinem Labor, er fühlte eine Espression herannahen. Zuerst wehrte er sich immer dagegen, bis er schließlich irgendwann auf- und sich ihr hingab. Dann weinte er manchmal vor Heimweh und griff zur Flasche, um sich zu trösten. Das machte die Sache aber gewöhnlicher Weise nur noch schlimmer, denn wenn er aus seinem Rausch erwachte, hatte er erst recht Heimweh und so musste er wieder zur Flasche greifen. Heute hatte er sich schon lange erfolgreich gegen die Espression gestemmt und dabei oft an den gestrigen Abend gedacht, was ihn zwar jedes Mal zum Lachen brachte, aber jetzt hatte er das Gefühl, es nicht mehr aushalten zu können. Er war gerade auf dem Weg zu seinem Giftschrank, um die Cognacflasche zu holen, als das Telefon läutete.
»El Grillo, wo bist Du?«
Er freute sich, die Stimme des Kommissars zu hören.
»Aha, bei Redeker in der Wohnung, und habt ihr etwas gefunden?«
Georg hörte angestrengt zu und gleich darauf war seine Freude über den Anruf verflogen, er erstarrte fast zu Eis.
»Grillo, du weißt, das kann ich nicht machen; nein, nein, das ist es nicht. Du weißt, ich hatte noch nie mit einem Mordfall zu tun. Aber ja doch, das heißt, nein, mein Chef wird toben wie ein gehörnter Torero.«
Er wurde von Grillmayr unterbrochen, der lange auf ihn einredete.
»Ok, ok«, schnaufte Georg schließlich in den Hörer.
»Ist gut, ich warte. Ja, ich fange noch heute Abend an, aber Du klärst das mit meinem Chef, ok?«
Er legte auf, jetzt brauchte er erst recht einen Cognac, aber nur einen, schwor er sich. Georg gönnte sich einen großen, sein Kampfgeist kehrte zurück und der vertrieb die Espression. Das war doch eine hervorragende Chance, jetzt konnte er Javier Ochoa mal zeigen, was in einem Georg Sanchez steckte. Er freute sich nun direkt auf die Leiche und bereitete alles für Redekers Ankunft vor.
José war bei der oberen Kommodenschublade angelangt, Grillmayr arbeitete sich weiter durch die Papierstapel auf Redekers Schreibtisch. Er fand Unterlagen über Qualitätsprüfungen und ISO-Normen und es gab dutzende von Diagrammen, die damit zu tun haben mussten. Schließlich fand er Gehaltsabrechnungen von Redeker, alte Abrechnungen einer deutschen Firma mit dem Namen Liqui-Lab sowie aktuelle von einer spanischen Firma. ‚Fuerte-Onda‘ stand in blaugelb aufgedruckt.
»Das ist ein Abfüllbetrieb für Trinkwasser auf Gran Canaria«, wusste José.
Offensichtlich war Redeker dort angestellt gewesen. Grillmayr war froh, dass sie jetzt in ihrer Routinearbeit vorwärts kamen. José erhielt den Auftrag bei Fuerte-Onda anzurufen und zu recherchieren. Er schnappte sich einen der Ordner mit den Unterlagen der Firma und ging nach draußen, dort war der Handy-Empfang besser. Der Kommissar machte eine kurze Pause und sah sich die Bücher in dem Regal an. Es waren viele wissenschaftliche Titel aus der Chemie darunter. Was für ein trockenes Thema, damit könnte ich nicht viel anfangen, dachte er sich und stellte das Werk, das er herausgenommen hatte, zurück in das Regal. Ein Regalbrett war mit Romanen gefüllt und es waren viele von berühmten Schriftstellern darunter. Er fand einen Opernführer und eine Reihe von Sachbüchern, die einen Querschnitt der Bestsellerlisten aus den vergangenen Jahren darstellten. Grillmayr bekam den Eindruck, dass Redeker ein gebildeter, intelligenter und sehr vielseitig interessierter Mann gewesen sein musste. José kam wieder in die Wohnung. Von der Personalabteilung von Fuerte-Onda auf Gran Canaria war ihm bestätigt worden, dass Redeker dort angestellt war.
»Chef, ich habe die Adresse vom Firmeninhaber von Fuerte-Onda, er wohnt hier auf der Insel und ist im Moment wohl in seiner Villa anzutreffen.«
»Gut, lass uns dorthin fahren«, entschloss sich Grillmayr. »Wir können später ja noch einmal hierher kommen.«
Sie nahmen die Unterlagen mit, die ihnen am wichtigsten erschienen und verließen die Wohnung. José sollte mit dem Dietrich die Tür wieder zusperren.
»Ok Chef, ich gebe noch das Werkzeug zurück.«
»Ich warte im Auto.«
Grillmayr ging die Treppe hinunter. Das Polizeiauto hatte sich in der Sonne inzwischen nahezu auf Saunatemperatur aufgeheizt, und der Kommissar zog es vor, auf der gegen-überliegenden Straßenseite im Schatten einer Hauswand zu warten.
José kam mit dem Werkzeug aus dem Haus, bog um die Ecke und verschwand in dem kleinen Ladengeschäft. Als er nach einigen Minuten noch nicht wieder herausgekommen war, ging Grillmayr zu dem Haus hinüber, und schaute durch eines der verstaubten Fenster in den Laden. In einer Ecke stand José mit weit aufgerissenen Augen und diesem seltsamen, verklärten Lächeln, das er vorhin schon im Treppenhaus gehabt hatte. Ihm gegenüber, genau in einem Sonnenstrahl der durch das Schaufenster des Ladens fiel, stand der Grund für sein Lächeln, eine junge Frau. Sie war sehr hübsch, hatte kurzgeschnittene, blonde Haare, ein ebenmäßiges Gesicht – ähnlich einer griechischen Göttin – und aus einem roten, eng geschnittenen Kleid kamen braune Arme und sehr, sehr lange, braungebrannte Beine hervor.
Grillmayr entfernte sich langsam von dem Fenster und stellte sich auf der anderen Straßenseite wieder in den Schatten.
Er nahm sein Handy und wählte die Nummer von Helmut Sailer in München. Sie waren zusammen zur Schule gegangen und seitdem dicke Freunde. Alles hatten sie gemeinsam gemacht und unternommen, alles, fast alles, geteilt und sich gegenseitig angefeuert, wenn es um ihre Schulnoten ging. Helmut hatte sich nach dem Abitur für eine Laufbahn im gehobenen Dienst entschieden. Ob bewusst oder unbewusst, er hatte genau die Art von Karriereweg gewählt, die am besten seinen Fähigkeiten entsprach. Er entwickelte ein großartiges Gespür für die Vorgänge – inklusive aller diplomatischen Feinheiten – in einem staatlichen Verwaltungsbetrieb, schlängelte sich wie ein Fisch durch alle politischen Stromschnellen und schwamm manchmal sogar wie lautlos gegen den Strom, um ein Ziel zu erreichen. Charakterlich war er also das genaue Gegenteil von Grillmayr. Trotzdem, oder gerade deswegen, verstanden sich die beiden so gut. Helmut war inzwischen zum Referatsleiter im Bayerischen Kultusministerium aufgestiegen. Das hinderte Grillmayr aber nicht daran, jedes Mal, wenn er Hilfe in irgendeiner Form benötigte, seinen alten Schulkameraden anzugehen. Die Verbindungen, die Helmut pflegte, halfen auch Grillmayr in mancher Situation. In den letzten Jahren liefen solche »Deals«, wie sie es scherzhaft nannten, meist per E-Mail ab und im Laufe der Zeit hatte sich ein bestimmtes Kommunikationsmuster eingeschliffen. Wenn Grillmayr Helmut wieder einmal per E-Mail um einen unmöglichen Gefallen oder Dienst bat, schrieb dieser meist erst einmal zurück: »Ich sitze aber im Kultusministerium, FJG, und nicht beim Bundes-Nachrichtendienst, Gruß HSi.« Grillmayr antwortete: »Du machst das schon, denk‘ nur daran, wie oft ich Dir mein Haus am Gardasee geliehen habe. Gruß FJG.« Helmut stellte dann meist schmunzelnd fest, dass sein Widerstand einfach zwecklos war. »Helmut, Servus alter Streber. Geht es Dir gut?«
»FJG, was macht die Kriminalkunst? Bist Du noch auf Fuerte oder haben Sie Dich dort auch schon rausgeschmissen?«
»Nein, nein, so schnell schießen die Spanier nicht, Helmut. Aber was ist mit Dir? Wer sägt zurzeit an deinem Stuhl, oder sägst Du schon beim Seehofer?«
»Beim Seehofer, nein FJG, da braucht gar keiner zu sägen. Der schafft sich bald selber ab, der ist einfach nicht so clever wie der Franz Josef Strauß.«
»Ach ja, den Horsti gibt es ja auch noch. Und was macht Deine Frau, kennt sie Dich überhaupt noch? Aber nein, Du spielst ja schon Golf.«
»Deine Witze waren auch schon mal schlechter Franz. Wenn Du Dich meldest, bedeutet das immer Arbeit für mich, aber heute geht es absolut nicht. Ich muss ein neues Lehrprogramm für Berufsschulen ausarbeiten und da ist bei mir einfach Land unter.«
»Du Helmut, mach Dir keinen Kopf, ich wollte nur mal hören, wie es Dir geht.«
»Geh‘ Franz, das wäre das erste Mal, dass Du anrufst, ohne etwas zu brauchen. Wie alt bist Du jetzt? Ich finde, mit 53 sollte man nicht mehr lügen.«
»Also gut, Helmut, wenn Du mich zwingst. Ich brauche auch nur eine kleine Auskunft.«
Grillmayr erklärte, um was es ging und dass er gerade keine Möglichkeit hätte, selber in Wiesbaden bei Liqui-Lab anzurufen. Also sollte Helmut herausfinden, warum Redeker dort weggegangen war. Am Telefonhörer in München seufzte sein alter Kumpel nur. Helmut machte noch einige halbherzige Versuche Grillmayrs Ansuchen abzuwehren aber schließlich gab er auf. Er hatte sich einmal mehr überreden lassen. Sie verabschiedeten sich und Grillmayr legte zufrieden auf. José kam endlich aus dem Laden.
strahlte über das ganze Gesicht, dann versuchte er, eine ernste Miene aufzusetzen.
»Ja, ähm, weißt Du, der Ladenbesitzer ist schon sehr alt und nicht mehr der Schnellste. Es hat etwas gedauert, bis er alles auf Vollständigkeit geprüft und weggeräumt hatte.« Grillmayr grinste.
»Ja, ja, man hat‘s nicht leicht, wenn man nicht mehr gut hört, schlecht sieht und die Knochen nicht mehr mitmachen.«
»Ja genau«, beeilte sich José zu bestätigen und wurde dabei etwas rot. Er warf sich förmlich hinter das Lenkrad und kaum saß Grille auf dem Beifahrersitz, fuhr José ungestüm los. Er war äußerst gut gelaunt, fast übermütig fuhr er die kurvige Landstraße und schnitt wie ein Rennfahrer die Kurven. An einer unübersichtlichen Stelle, sie befanden sich gerade auf der Gegenfahrbahn, kam ihnen ein Bus entgegen und José riss das Auto gerade noch rechtzeitig auf ihre Fahrbahn zurück.
»Zefix Schoßé, pass doch auf.«
José zeigte sich aber unbeeindruckt.
»Ah, Chef, da fällt mir ein, Sie müssen noch vier Striche in Ihr Buch machen, einen für ‚Krusifiss‘ und zwei für den ‚Kreuzteufel‘ vorhin wegen Ochoa, und jetzt gerade wegen dem ‚Zefiss‘.«
Grillmayr grinste und nahm sein Notizbuch aus der Brustasche.
»Drei ist ok, oder Schoßé? Es waren nur drei gotteslästerliche Flüche.«
»No, no, Chef nix da, es sind vier. Sie haben mir
einmal gesagt, Fluch in Verbindung mit Teufel gibt zwei Striche.«
»Hast Recht, also vier«, gab sich Grillmayr geschlagen.
Er malte vier Striche in sein Notizbuch, er könnte die Bilanz demnächst ja mal wieder überarbeiten und dabei korrigieren. Jedes Mal wenn er einen gotteslästerlichen Fluch losgelassen hatte, machte Grillmayr einen Strich in sein Notizbuch und ebenso wie die Kollegen im Revier zahlte auch er für jeden Strich einen Euro in seine »Sparsau«. Als »Deal« mit dem Herrgott hatte er ursprünglich beschlossen, die Sparsau einmal im Jahr zu schlachten und das angesammelte Geld der Kirche in seinem Wohnort Bethancuria zu spenden.
