Der Wassertänzer - Ta-Nehisi Coates - E-Book
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Der Wassertänzer E-Book

Ta-Nehisi Coates

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Beschreibung

Bisher kannte Hiram Walker nichts als ein Leben in Ketten. Aufgewachsen in der Sklaverei, musste er als kleiner Junge miterleben, wie seine Mutter verkauft wurde und für immer verschwand. Doch sie hat ihm eine seltene Gabe vererbt. Als diese ihn vor dem Ertrinken rettet, beschließt er aus der Gefangenschaft zu fliehen.

So beginnt für Hiram eine abenteuerliche Reise von den Tabakplantagen West Virginias über geheime Guerillazellen in der Wildnis des amerikanischen Südens nach Philadelphia, wo ihn ein völlig neues Leben in Freiheit zu erwarten scheint.

Doch zuvor muss er noch eine alte Rechnung begleichen und die Frau, die er liebt, und die, die ihn aufzog, in die Freiheit führen.

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MOBI

Seitenzahl: 677




Das Buch:

»Erinnere dich, mein Freund«, sagte sie, »denn Erinnerung ist das Vehikel, und Erinnerung ist der Weg, und Erinnerung ist die Brücke vom Fluch der Sklaverei zum Segen der Freiheit.«

West Virginia zur Zeit der Sklaverei: Hiram Walker kennt nichts anderes als ein Leben in Ketten. Als Sklave aufgewachsen, musste er miterleben, wie seine Mutter verkauft wurde und für immer verschwand. Doch sie hat ihm eine seltene Gabe vererbt. Als ihn diese Gabe eines Tages vor dem Ertrinken rettet, erkennt er eine Möglichkeit, aus der Gefangenschaft zu fliehen und sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit zu machen. So beginnt für Hiram eine abenteuerliche Reise: von den Tabakplantagen West Virginias zu geheimen Widerstandszellen in der Wildnis des amerikanischen Südens und schließlich nach Philadelphia, wo ihn ein völlig neues Leben zu erwarten scheint. Er nimmt Kontakt zum Underground auf, einem Netzwerk, das Sklaven zur Flucht verhilft, ohne zu wissen, dass dessen Agenten längst ein Auge auf ihn geworfen haben. Bevor er sich jedoch darauf einlassen kann, muss er noch eine alte Rechnung begleichen – und die Frau, die er liebt, in die Freiheit führen.

In einem kraftvollen Rhythmus und einem unverwechselbaren Ton erzählt Ta-Nehisi Coates die epische Geschichte des Kampfes gegen ein Menschheitsverbrechen, dessen Folgen bis heute zu spüren sind. Der Wassertänzer ist einer der großen amerikanischen Romane unserer Zeit.

Der Autor:

TA-NEHISICOATES, geboren 1975 in Baltimore, ist einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren der USA. Mit seinen Essays »Plädoyer für Reparationen« und »Zwischen mir und der Welt«, für den er den National Book Award erhielt, stieß er eine landesweite Debatte zur Aufarbeitung der Sklaverei an. In We were eight years in power – Eine amerikanische Tragödie stellte Coates die These auf, dass es sich bei Donald Trump um den ersten weißen Präsidenten der USA handele. Der Wassertänzer, Ta-Nehisi Coates’ erster Roman, stand monatelang auf allen amerikanischen Bestsellerlisten und war eines der meistverkauften Bücher des vergangenen Jahres. Der Autor lebt mit seiner Familie in New York.

BERNHARDROBBEN, geboren 1955, überträgt unter anderem die Werke von Ian McEwan, John Burnside, John Williams und Salman Rushdie ins Deutsche. 2003 wurde er mit dem Straelener Übersetzerpreis ausgezeichnet und 2013 mit dem Ledig-Rowohlt-Preis für sein Lebenswerk geehrt.

Ta-Nehisi Coates

DER

WASSER

TÄNZER

Roman

Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit

einer Nachbemerkung von Bernhard Robben

BLESSING

Das Buch erscheint unter dem Titel

THEWATERDANCER

bei One World, New York

Der Übersetzer bedankt sich beim Deutschen Übersetzerfonds

für die Förderung dieser Arbeit.

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Copyright © 2019 by BCP Literary, Inc.

Copyright © 2020 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung

by Karl Blessing Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Geviert, Grafik & Typografie,

nach einer Idee von Greg Mollica

Umschlagabbildung: Calida Garcia Rawles

Satz: Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-25936-5V002

www.blessing-verlag.de

Für Chana

ERSTER TEIL

Meine Aufgabe war es, die Geschichte

der Sklaven zu erzählen. Der Geschichte

ihrer Herren hat es nie an Erzählern gefehlt.

Frederick Douglass

1

Und ich kann sie nur auf der Steinbrücke gesehen haben, die Tänzerin, gehüllt in gespenstisches Blau, denn dies muss der Weg gewesen sein, auf dem man sie zurückgebracht hat, damals, als ich klein war, damals, als die Erde Virginias noch rot war wie Ziegel, rot und strotzend vor Leben; und auch wenn es viele Brücken über den Fluss Goose gibt, wurde sie sicher gefesselt über ebendiese Brücke gebracht, führt doch keine andere zu der Landstraße, die sich durch die grünen Hügel hinab ins Tal windet, bevor sie schnurgerade Richtung Süden führt.

Ich hatte die Brücke stets gemieden, weil ich sie besudelt fand von der Erinnerung an jene Mütter, Onkel, Vettern, die nach Natchez verschwunden sind. Da ich aber die überwältigende Kraft der Erinnerung kenne, da ich heute weiß, dass sie eine blaue Tür von einer Welt in die andere öffnen kann, dass sie uns von den Bergen hinab zu den Weiden, vom grünen Wald auf schneebedeckte Felder zu führen vermag, da ich weiß, dass die Erinnerung ein Land wie ein Tuch falten kann, und weiß, dass ich jede Erinnerung an sie ins »dort unten« meiner Seele gedrängt habe, da ich weiß, wie ich vergessen konnte, aber nichts vergaß, weiß ich nun auch, dass diese Geschichte, diese Konduktion, genau dort beginnen muss, auf dieser sagenhaften Brücke zwischen dem Land der Lebenden und dem Land der Verlorenen.

Und sie steppte den Juba auf der Brücke, einen irdenen Krug auf dem Kopf, vom Fluss stieg dichter Nebel auf, leckte an den nackten Fersen, die auf die Pflastersteine trommelten, dass ihre Muschelkette wippte. Der irdene Krug aber rührte sich nicht, schien ein Teil von ihr zu sein, und trotz ihrer hochgezogenen Knie, trotz ihrer Verrenkungen, Pirouetten, ausgestreckten Arme, saß der Krug auf ihrem Kopf so fest wie eine Krone. Und als ich dieses unglaubliche Kunststück sah, wusste ich, die da Juba tanzt, die in gespenstisches Blau gehüllte Frau, das war meine Mutter.

Niemand sonst sah sie – Maynard nicht, der hinten in der neuen Millenium-Kutsche saß, die Dirne nicht, die ihn mit ihren Künsten in Atem hielt, und, höchst seltsam, auch das Pferd nicht, dabei heißt es doch, Pferde hätten einen Riecher für Dinge, die sich aus anderen Welten in unsere verirrten. Nein, ich allein habe sie vom Kutschbock aus gesehen, und sie war genauso, wie man sie mir beschrieben hatte, genauso, wie sie in der alten Zeit gewesen sein muss, wenn sie mitten in den Kreis meiner Leute sprang – Tante Emma, Young P., Honas und Onkel John –, und sie klatschten, schlugen sich auf die Brust und die Knie, feuerten sie an, schneller, immer schneller, und sie stampfte so wild auf den Sandboden, als wollte sie ein Krabbelvieh unter ihren Sohlen zerstampfen, kreiste und beugte die Hüfte, kreiste und beugte die abgewinkelten Knie, auch die Hände, den irdenen Krug fest auf dem Kopf. Meine Mutter war die beste Tänzerin in Lockless, so hatte man es mir erzählt, und ich erinnerte mich daran, weil sie mir nichts davon vererbt hat, vor allem aber erinnerte ich mich, weil ihr Tanz die Aufmerksamkeit meines Vaters geweckt hatte und ich letztlich so ins Leben fand. Mehr noch, ich erinnerte mich daran, weil ich mich an alles erinnerte – an alles, wie es scheint, nur nicht an sie.

Es war Herbst, die Jahreszeit, in der die Rennen in den Süden kommen. An jenem Nachmittag hatte Maynard mit einem Vollblut Glück gehabt, einem Außenseiter, und geglaubt, das würde ihm endlich die Anerkennung der Oberen Virginias einbringen, an der ihm so gelegen war. Doch als er in seiner Kutsche eine Runde um den großen Stadtplatz drehte, zurückgelehnt und breit grinsend, kehrten ihm die Honoratioren den Rücken zu und pafften weiter ihre Zigarren. Niemand grüßte ihn. Er war, was er immer sein würde – Maynard, der Trottel, Maynard, der Lahme, Maynard, der Narr, der faule Apfel, der meilenweit vom Stamm gefallen war. Er tobte und hieß mich, zum alten Haus am Rande unserer Stadt zu fahren, nach Starfall, wo er sich eine Nacht mit einer Dirne kaufte und auf die glänzende Idee kam, mit ihr zum großen Haus in Lockless zurückzufahren, um dann, in einem plötzlichen Anfall von Scham, verhängnisvollerweise darauf zu bestehen, dass wir die Stadt hintenherum verlassen und über die Dumb Silk Road bis zur alten Landstraße fahren sollten, die uns zurück ans Ufer des Goose führte.

Während ich fuhr, fiel kalter, steter Regen, Wasser tropfte mir vom Hutrand, durchsuppte meine Hose. Ich konnte hinter mir Maynard hören, wie er vor der Dirne mit seiner Manneskraft protzte. Ich trieb das Pferd an, fuhr so schnell ich konnte, denn ich wollte nur noch nach Hause, wollte mich von Maynards Stimme befreien, auch wenn ich mich in diesem Leben von ihm selbst niemals mehr würde befreien können. Maynard, der mich an der Kette hielt. Maynard, mein Bruder, zu meinem Herrn gemacht. Und ich gab mir alle Mühe, nicht hinzuhören, mich abzulenken – dachte ans Maisschälen, an Kinderspiele wie Blindekuh, doch weiß ich noch, dass all das nichts half. Stattdessen war da plötzlich eine Stille, die nicht bloß Maynards Stimme tilgte, sondern auch all die leiseren Geräusche dieser Welt. Und wie ich da in den Postfächern meines Gedächtnisses nachsah, fand ich die Erinnerungen der Verlorenen – Männer, die auf der Nachtwache ausharrten, Frauen, die einen letzten Gang über die Obstwiese machten, alte Jungfern, die Fremden ihre Gärten verboten, alte Käuze, die Lockless und das große Haus verfluchten. Legionen der Verlorenen, über diese unheilvolle Brücke gebracht; Legionen, die in meiner tanzenden Mutter Gestalt annahmen.

Ich riss an den Zügeln, doch es war zu spät. Wir rasten weiter; und was dann geschah, sollte mein Gespür für kosmische Ordnung auf immer erschüttern. Ich war dort, ich sah, was geschah und habe seither vieles gesehen, was die Grenzen unseres Wissens aufzeigt, aber auch vieles, das jenseits davon liegt.

Die Straße unter den Rädern verschwand, die gesamte Brücke brach in sich zusammen, und einen Moment lang spürte ich, wie ich auf einem blauen Licht dahintrieb, vielleicht auch ins blaue Licht hineintrieb. Und es war warm dort, für einen kurzen Moment, erinnere ich mich, denn kaum hatte ich zu treiben begonnen, war ich im Wasser, war unter Wasser; und selbst heute noch, wenn ich dies erzähle, spüre ich aufs Neue den eisigen Griff des Goose, wie das Wasser in mich strömt, und dann jene ureigene brennende Qual, die nur Ertrinkende kennen.

Keine Empfindung ähnelt dem Ertrinken, denn man spürt nicht bloß die Qual, sondern auch so etwas wie Fassungslosigkeit angesichts der fremdartigen Umstände. Der Verstand glaubt, da müsse Luft sein, weil Luft doch immer da ist; und der Drang zu atmen ist so instinktiv, dass es Mühe macht, dem Gegebenen Geltung zu verschaffen. Wäre ich von der Brücke gesprungen, wäre es mir sicher möglich gewesen, meine neue Lage zu erfassen. Wäre ich übers Geländer gefallen, hätte ich dies verstanden, und wenn auch nur, weil es vorstellbar war. Jetzt aber war es, als hätte man mich aus dem Fenster direkt in die Tiefen des Flusses gestoßen. Ohne jede Warnung. Ich wollte weiteratmen. Ich erinnere mich, wie ich nach Luft schrie, und ich erinnere mich auch an die qualvolle Antwort, die ich bekam, an das Wasser, das in mich eindrang, und daran, was ich mit offenem Mund auf diese Qual antwortete und so nur noch mehr Wasser schluckte.

Irgendwie aber beruhigten sich meine Gedanken, irgendwie begriff ich, dass ich mit meinem Gezappel nur meinen Untergang beschleunigte. Und kaum hatte ich das begriffen, fiel mir auf, dass in der einen Richtung Licht war und in der anderen Dunkelheit, und ich verstand, dass das Dunkel in die Tiefe führte, das Licht aber nicht. Ich strampelte mit den Beinen, streckte die Arme dem Hellen entgegen, drängte mich durchs Wasser, bis ich endlich, keuchend, würgend, die Oberfläche durchbrach.

Und als ich auftauchte, durchs dunkle Wasser ins Diorama der Welt – an unsichtbaren Fäden hingen Gewitterwolken, daran geheftet eine rote Sonne, die Hügel mit Gras bestäubt –, blickte ich zurück zur Steinbrücke, die, mein Gott, mindestens eine halbe Meile weit entfernt war.

Sie schien vor mir davonzujagen, so rasch zog mich die Strömung dahin, und auch als ich versuchte, ans Ufer zu schwimmen, war es wieder die Strömung oder ein unsichtbarer Wirbel, der mich weiter flussabwärts zog. Von der Frau, deren Zeit Maynard so leichtfertig gekauft hatte, war keine Spur mehr zu sehen. Doch welchen Gedanken über sie ich auch nachhing, sie wurden durch Maynard gestört, der schreiend und zeternd auf sich aufmerksam machte, fest entschlossen, die Welt so zu verlassen, wie er sie bewohnt hatte. Er war in der Nähe, wurde von derselben Strömung mitgerissen. Und er schlug um sich, schrie, trat ein bisschen Wasser und ging unter, nur um Sekunden später wieder aufzutauchen, zu brüllen, zu treten, zu zappeln.

»Hilf mir, Hi!«

Da war ich also, mein eigenes Leben baumelte über schwarzem Abgrund, und doch wurde ich aufgefordert, ein anderes zu retten. Bei so mancher Gelegenheit hatte ich versucht, Maynard das Schwimmen beizubringen, er aber nahm meinen Unterricht hin wie jeden Unterricht, achtlos, jede Mühe scheuend, doch störrisch und wehleidig, wenn seine Trägheit keine Früchte trug. Heute kann ich sagen, dass die Sklaverei ihn umgebracht hat, dass die Sklaverei ihn zum Kind gemacht hat, weshalb Maynard jetzt – in eine Welt geworfen, in der die Sklaverei bedeutungslos war – in ebendem Moment starb, da er das Wasser berührte. Ich war stets sein Schutz gewesen. Ich war es, der Charles Lee allein mit guter Laune und beschwichtigenden Worten daran gehindert hatte, Maynard zu erschießen; und ich war es, der Maynard auf diese Weise zahllose Male vor dem Zorn unseres Vaters bewahrt hatte; und ich war es, der ihn jeden Morgen angezogen und jeden Abend zu Bett gebracht hatte; und ich war es, der jetzt müde war an Leib und Seele; und ich war es, der dort draußen gegen den Sog der Strömung kämpfte, gegen die fantastischen Ereignisse, die mich hergeführt hatten, sodass ich jetzt gegen die Aufforderung ankämpfte, wieder einmal jemand anderen retten zu müssen, obwohl ich nicht mal genügend Energie besaß, mich selbst zu retten.

»Hilf mir!«, schrie er aufs Neue, und dann: »Bitte!«, rief er wie das Kind, das er immer geblieben war; er bettelte. Und so lieblos das auch klingen mag, kam mir in diesem Moment, als ich im Goose dem eigenen Tod ins Auge blickte, der Gedanke, dass ich mich nicht erinnern konnte, ihn je auf eine Weise reden gehört zu haben, die der wahren Natur unserer unterschiedlichen Stellungen gemäß gewesen wäre.

»Bitte!«

»Ich kann nicht«, schrie ich übers Wasser. »Wir sind verloren!«

Mit diesem Eingeständnis des nahenden Todes überkamen mich ungebetene Erinnerungen, und nun fand dasselbe blaue Licht, das ich auf der Brücke gesehen hatte, zu mir zurück und umhüllte mich erneut. Ich dachte an Lockless und an meine Lieben, und gleich in der Mitte dieses dunstigen Flusses sah ich Thena am Waschtag, eine alte Frau, die große Kessel mit dampfendem Wasser hierhin und dorthin wuchtete und mit letzter Kraft tropfnasse Wäsche schlug, bis die nur mehr feucht und die Haut an ihren Händen aufgescheuert war. Und ich sah Sophia mit ihren Handschuhen, ihrer Haube, wie eine hochherrschaftliche Frau, denn ebendies vorzugeben verlangte ihre Pflicht; und ich sah ihr zu, wie ich es viele Male zuvor getan hatte, sah, wie sie den Glockenrock bis zu den Knöcheln hob und sich auf Nebenwegen zu jenem Mann bringen ließ, der sie in Ketten hielt. Ich spürte, wie meine Glieder schwächer wurden; und das Rätsel, die wirren Ereignisse, die mich in diese Tiefen geworfen hatten, quälten mich nicht länger, sodass ich, als ich aufs Neue unterging, kein Brennen mehr spürte und keine Atemnot. Ich fühlte mich schwerelos, und noch während ich im Meer versank, fühlte ich, dass ich zu etwas anderem aufstieg. Das Wasser fiel von mir ab; ich war allein in einer kleinen blauen Luftblase, draußen und um mich herum der Fluss. Und da wusste ich, ich würde endlich belohnt werden.

Meine Gedanken reisten weiter, reisten zurück zu jenen, die man aus diesem Virginia hinunter nach Natchez gebracht hatte, und ich fragte mich, wie viele von denen wohl noch weitergezogen waren, so weit, dass sie mich in jener nächsten Welt begrüßen würden, der ich mich nun näherte. Ich sah meine Tante Emma, die all die Jahre in der Küche gearbeitet hatte, sah sie mit einem Tablett Lebkuchen für die versammelten Walkers vorbeigehen; und kein Lebkuchen war für sie, keiner für ihre Familie. Vielleicht wäre auch meine Mutter da, und dann, in Gedankenschnelle, sah ich sie schon vor meinen Augen wirbeln, sah sie im Kreis beim Wassertanz. Und wie ich daran dachte, an diese Geschichten, spürte ich Zufriedenheit, freute mich sogar, ins Dunkel aufzusteigen, ins Licht zu fallen. Denn es war Friede in diesem blauen Licht, ein größerer Friede als im Schlaf selbst, mehr noch, da war Freiheit, und ich wusste, die Alten hatten nicht gelogen, es gab für unsereins tatsächlich eine Heimat, ein Leben jenseits der Verpflichtungen, jenseits der Sklaverei, wo jeder Augenblick war wie ein Sonnenaufgang über den Bergen. Und so groß war diese Freiheit, dass ich merkte, wie ein Gewicht an mir zerrte, ein Gewicht, das ich seit jeher für gegeben gehalten hatte, ein Gewicht, das nun andeutete, mir ins Jenseits folgen zu wollen. Ich drehte mich um, und noch in der Bewegung sah ich das Gewicht, und das Gewicht war mein Bruder, der brüllte, zappelte, schrie und um sein Leben flehte.

Mein Leben lang war ich Opfer seiner Launen gewesen. Ich war sein rechter Arm und hatte folglich keinen eigenen. Doch damit war nun Schluss, denn ich stieg auf, ließ die Welt der Oberen und der Verpflichteten hinter mir. Der letzte Anblick von Maynard, der sich mir bot, zeigte ihn im Wasser strampelnd, nach dem greifend, was er nicht länger halten konnte, bis sein Bild vor mir verschwamm wie Licht, das über eine Welle huscht, und seine Schreie schwanden im lauten Nichts, das mich umgab. Dann war er fort. Ich würde gern behaupten können, ich hätte um ihn getrauert oder seinen Tod auch nur irgendwie zur Kenntnis genommen. Tat ich aber nicht. Ich ging meinem Ende entgegen. Er seinem.

Um mich herum verfestigten sich die Visionen, und ich konzentrierte mich auf meine Mutter, die nicht länger tanzte, sondern vor einem Jungen kniete. Sie legte dem Jungen eine Hand an die Wange, und sie küsste ihn auf den Kopf, und sie drückte ihm eine Muschelkette in die Hand, schloss seine Finger darum, und dann stand sie auf, beide Hände vorm Mund, und drehte sich um und ging, und der Junge sah ihr hinterher, dann weinte er ihr nach, dann folgte er ihr nach, dann rannte er, dann fiel er hin, lag da und weinte in seine Arme, bis er aufstand und sich umdrehte, zu mir diesmal, und auf mich zukam. Er öffnete die Hand und hielt mir die Kette hin, und endlich wurde ich belohnt.

2

Mein Leben lang wollte ich raus. Das war nicht gerade besonders originell – allen Verpflichteten ging es so. Doch anders als sie, anders als alle anderen in Lockless, hatte ich die nötigen Mittel.

Ich war ein seltsames Kind. Ich redete, ehe ich laufen konnte, auch wenn ich nie viel redete, da ich lieber beobachtete und mich erinnerte. Ich hörte die Leute reden, sah aber deutlicher als ich hörte, sah Worte vor meinen Augen zu Bildern werden, zu Farbfolgen, Strichen, Formen und Gestalten, die ich in mir aufbewahren konnte. Und meine Gabe war es, diese Bilder in jedem beliebigen Moment wieder hervorholen und sie exakt in jene Worte zurückübersetzen zu können, die sie heraufbeschworen hatten.

Mit fünf Jahren konnte ich ein Arbeitslied, das ich nur einmal gehört hatte, nachschmettern, und zwar den gesamten Text des Wechselgesangs, dem ich noch eigene Improvisationen hinzufügte, all das zur großäugigen Begeisterung der Erwachsenen. Jedem Tier gab ich einen eigenen Namen, der festhielt, wo oder wann ich es gesehen oder was es da gerade getan hatte, weshalb das eine Reh »Gras im Frühling« hieß, ein anderes »Abgebrochener Eichenast«; nicht anders war es mit dem Hunderudel, vor dem mich die Älteren oft warnten, für mich aber waren die Hunde nie nur ein Rudel; jedes Tier war einzigartig, selbst dann, wenn ich es nie wiedersah, so einzigartig wie jeder Gentleman und jede Lady, wie alle, die ich nie wiedersah, denn auch an die erinnerte ich mich.

Und es war unnötig, mir eine Geschichte zweimal zu erzählen, denn wenn man mir erzählte, dass Hank Powers drei Stunden geweint habe, als seine Tochter geboren worden sei, vergaß ich das nicht mehr; und wenn man mir erzählte, dass Lucille Simms sich aus den Arbeitssachen ihrer Mutter für Weihnachten ein neues Kleid genäht habe, dann vergaß ich das nicht mehr; und wenn man mir von damals erzählte, als Johnny Blackwell seinen Bruder mit einem Messer bedroht habe, dann vergaß ich das nicht mehr; und wenn man mir alle Vorfahren von Horace Collins aufzählte und sagte, wo sie im Elm County geboren worden seien, dann vergaß ich das nicht mehr; und wenn Jane Jackson alle Generationen vor ihr benannte, ihre Mutter, die Mutter ihrer Mutter und jede weitere Mutter, bis hin zum Rand des Atlantiks, dann vergaß ich das nicht. Deshalb war es also nur natürlich, dass ich auch im Schlund des Goose, selbst als die Brücke einstürzte und ich in den Abgrund meines eigenen Schicksals starrte, nicht vergessen hatte, dass dies nicht meine erste Pilgerreise zur blauen Tür war.

Es war schon einmal passiert. Es war passiert, als ich neun Jahre alt war, einen Tag, nachdem man meine Mutter geholt und verkauft hatte. An jenem kalten Wintermorgen wurde ich wach, und für mich stand fest, sie war fort, nur hatte ich keine Bilder, keine Erinnerung an einen Abschied, tatsächlich nicht ein einziges Bild von ihr. Ich erinnerte mich bloß indirekt an meine Mutter, war mir sicher, dass man sie geholt hatte, wie ich mir sicher war, dass es Löwen in Afrika gab, auch wenn ich selbst nie welche gesehen hatte. Ich suchte nach einer vollständigen Erinnerung, fand aber bloß Bruchstücke. Schreie. Ein Flehen – jemand flehte mich an. Strenger Pferdegeruch. Und aus diesem Dunst flackerte ein Bild auf, mal scharf, mal unscharf: ein langer Wassertrog. Mich packte eine entsetzliche Angst, nicht allein, weil ich meine Mutter verloren hatte, sondern weil ich ein Junge war, der alles Vergangene in den frischesten Farben erinnerte, in so satten Tönen, dass ich sie geradezu hätte greifen können. Und jetzt wurde ich mit einem Mal wach, und da war nichts, nur Flüchtiges, nur Schatten und Schreie.

Ich muss hier raus. Auch das war für mich eher ein Gefühl als ein Gedanke. Da war ein Schmerz, ein Bruch, eine Trennung, von der ich wusste, ich hatte sie nicht verhindern können. Meine Mutter war fort, und ich musste ihr nach. Also zog ich an diesem Wintermorgen mein sackleinenes Hemd an, die Hose, fuhr mit den Armen in den schwarzen Mantel und band mir die Schuhe zu. Ich lief auf die Straße, den Gemeinschaftsbereich zwischen zwei langen Reihen gegiebelter Blockhütten, wo jene von uns daheim waren, die auf den Tabakfeldern arbeiteten. Ein eisiger Wind fuhr über den staubigen Grund zwischen den Hütten und peitschte mir ins Gesicht. Es war ein Sonntag, zwei Wochen nach Weihnachten, am frühen Morgen, kurz vor Sonnenaufgang. Im Mondlicht konnte ich aus den Schornsteinen in schwarzen Wölkchen Rauch aufsteigen sehen, und hinter den Hütten schwankten Bäume schwarz und kahl wie trunken im pfeifenden Wind. Wäre es Sommer gewesen, hätte auf der Straße selbst um diese Stunde reger Gartenhandel geherrscht – Kohl und frisch gezogene Karotten, aufgeklaubte Hühnereier, die eingetauscht oder gar zum Haupthaus gebracht und verkauft wurden. Lem und die älteren Jungen wären draußen gewesen, hätten ihre Angelruten geschultert, mir auf dem Weg zum Goose lächelnd zugewinkt und geschrien: »Komm mit, Hi!« Ich hätte Arabella mit ihrem Bruder Jack gesehen, schlafäugig noch, doch würden sie schon bald Murmeln in einen zwischen zwei Hütten gezogenen Kreis werfen. Und Thena, die gemeinste Frau der Straße, würde sicher bereits ihren Vorhof fegen, einen alten Teppich ausklopfen oder die Dummheit anderer Leute mit einem Augenrollen strafen und missbilligend mit der Zunge schnalzen. Doch es war Winter in Virginia, und wer bei klarem Verstand war, hockte drinnen am Feuer. Als ich nach draußen ging, war also niemand auf der Straße, niemand sah aus der Tür seiner Hütte, niemand packte mich am Arm, klopfte mir zweimal auf den Hosenboden und rief: »Hi, bei dieser Kälte holst du dir noch den Tod! Und wo ist deine Momma, Junge?«

Ich folgte dem gewundenen Pfad in den dunklen Wald und blieb in Sichtweite von Boss Harlans Hütte stehen. Hatte er seine Hand im Spiel gehabt? Auf Lockless war er der Vollstrecker, ein niedrer Weißer, der Züchtigungen austeilte, sobald sie angebracht schienen. Boss Harlan war der ausführende Arm der Sklaverei, Gebieter über die Felder, während Desi, seine Frau, über das Haus herrschte. Doch als ich die Reste meiner Erinnerung durchforstete, fand sich darunter keine an Boss Harlan. Ich konnte den Wassertrog sehen, konnte die Pferde riechen. Ich musste zum Stall. Ich war mir sicher, dort wartete irgendwas auf mich, das ich nicht benennen konnte, etwas Entscheidendes, bei dem es um meine Mutter ging, ein geheimer Pfad vielleicht, der mich zu ihr führen würde. Als ich den Wald betrat und der Winterwind durch mich hindurchfuhr, hörte ich wieder die scheinbar sinnlos daherredenden Stimmen, die sich um mich herum zu einem Gewirr vervielfältigten – und in Gedanken wandte ich mich einer meiner Visionen zu: dem Wassertrog.

Und dann rannte ich, lief, so schnell mich meine kurzen Beine trugen. Ich musste zum Stall. Meine ganze Welt schien davon abzuhängen. Ich kam zur weißen Holztür und zog am Riegel, bis sie aufsprang und mich zu Boden warf. Rasch rappelte ich mich auf, stürzte ins Innere und sah, was mir in meiner morgendlichen Vision erschienen war – Pferde und den langen Wassertrog. Ich trat nahe an jedes Pferd heran und schaute ihm in die Augen. Sie stierten dumm zurück. Ich ging zum Wassertrog und starrte in die tintige Schwärze. Die Stimmen kehrten wieder. Irgendwer flehte mich an. Und dann formten sich Erscheinungen im schwarzen Wasser. Ich sah Verpflichtete, die einst in der Straße gewohnt hatten, für mich jetzt aber verloren waren. Ein blauer Nebel stieg aus der tintigen Schwärze auf, von irgendetwas darin erleuchtet. Ich spürte, wie mich das Licht ansaugte, wie es mich in den Trog zog. Und dann schaute ich mich um, und ich sah, wie der Stall verblasste, sah ihn verschwinden wie all jene Jahre später die Brücke, und ich dachte: Das ist es, was der Traum zu bedeuten hat – ein geheimer Pfad, der mich wegführt von Lockless und mit meiner Mutter vereint. Als aber das blaue Licht schwand, sah ich nicht meine Mutter, sondern eine hölzerne Spitzdecke, in der ich bald die Decke jener Hütte wiedererkannte, die ich erst wenige Minuten zuvor verlassen hatte.

Ich lag auf dem Boden, auf dem Rücken und wollte aufstehen, aber Arme und Beine waren wie mit Gewichten beschwert, wie gefesselt. Es gelang mir, mich zu erheben und zum Seilbett zu stolpern, das ich mit meiner Mutter geteilt hatte. Ihr Geruch hing noch in unserem Zimmer, in unserem Bett, und ich versuchte, diesem Geruch durch die Gassen meines Geistes zu folgen, doch obwohl all die Windungen und Kehren meines kurzen Lebens deutlich sichtbar wurden, erschien mir meine Mutter nur wie Nebel und Rauch. Ich wollte mich an ihr Gesicht erinnern, und als nichts kam, dachte ich an ihre Arme, ihre Hände, doch da war nur Rauch, und auch als ich mich an ihre Züchtigungen, ihre Liebkosungen erinnern wollte, fand ich nur Rauch. Sie war aus der warmen Steppdecke der Erinnerung in die kalte Bibliothek der Fakten gewechselt.

Ich schlief. Und als ich aufwachte, spät am selben Nachmittag, wachte ich mit der Gewissheit auf, dass ich allein war. Längst habe ich jede Menge Kinder in derselben Situation erlebt, in der ich mich an jenem Tag befand, Waisen, die sich verlassen fühlten, ungeschützt allen Elementen der Welt ausgesetzt, und ich habe erlebt, wie manche vor Wut explodierten, während andere fast wie betäubt umherliefen, wie manche tagelang weinten, während andere unheimlich konzentriert wirkten und sich nur um das jeweils Nächstliegende kümmerten. Etwas in ihnen war abgestorben, und wie Chirurgen wussten sie, eine Amputation darf man nicht hinauszögern. Das war ich also, an jenem Sonntagnachmittag, als ich aufstand, immer noch in denselben Schuhen, denselben sackleinenen Sachen, und ich lief erneut nach draußen, diesmal, um zum Lagerhaus zu gelangen, wo ich einen Viertelscheffel Korn und ein Pfund Schweinefleisch abholte, die Ration, die meiner Familie wöchentlich zustand. Ich brachte beides nach Hause, blieb aber nicht, nahm vielmehr meine Murmeln, meinen einzigen Besitz außer dem Beutel Lebensmittel und den Kleidern, die ich am Leib trug, und ging nach draußen, ging zum letzten Gebäude in der Straße, einer großen, etwas zurückgesetzten Hütte. Thenas Haus.

Die Straße war Gemeinschaftsbereich, Thena blieb aber lieber für sich, beteiligte sich nie am Klatsch, am Tratsch, stimmte nie in die Gesänge ein. Sie arbeitete im Tabak, dann ging sie nach Hause. Sie besaß die Angewohnheit, uns Kinder mit finsterem Blick zu mustern, wenn wir in Hörweite tobten, und manchmal, je nach Laune, stürzte sie auch mit weit aufgerissenen Augen aus der Hütte und fuchtelte drohend mit ihrem Besen vor uns herum. Für jeden anderen hätte dies vielleicht ein Problem bedeutet, doch war mir zu Ohren gekommen, dass Thena nicht immer so gewesen war, dass sie in einem anderen Leben, einem direkt hier auf der Straße geführten Leben, nicht bloß die Mutter ihrer eigenen fünf, sondern die Mutter aller Kinder der Straße gewesen war.

Das geschah zu einer anderen Zeit, einer Zeit, an die ich mich nicht erinnerte. Und ich wusste, ihre Kinder waren fort. Was habe ich mir gedacht, als ich vor ihrer Tür stand, in der Hand einen Beutel mit Schweinefleisch und Maismehl? Sicher gab es Leute, die mich aufgenommen hätten, Leute, die sich sogar über Kinder gefreut hätten. Doch kannte ich nur eine Frau in der Straße, die das Leid verstehen würde, das gerade in mir wuchs. Selbst wenn sie uns mit dem Besen verscheuchte, spürte ich die Tiefe ihres Verlusts, ihren Schmerz, ihre Wut, die sie, anders als die anderen, nicht zu verbergen versuchte; und ich fand diese Wut ehrlich und richtig. Thena war nicht die gemeinste Frau in Lockless, sondern die ehrlichste.

Ich klopfte an die Tür, und da niemand aufmachte, ich nun aber die Kälte spürte, schob ich mich ins Haus. Die Ration ließ ich gleich neben der Tür stehen, stieg die Leiter nach oben, legte mich hin, schaute nach unten und wartete auf ihre Rückkehr. Sie kam wenige Minuten später, blickte hoch und musterte mich mit gewohnt finsterem Blick. Dann ging sie zum Kamin, machte Feuer und zog einen Topf vom Sims; wenige Minuten später durchzog der vertraute Duft von Schweinefleisch und in Asche gebackenem Maiskuchen ihre Hütte. Sie sah noch einmal zu mir hoch und sagte: »Du musst schon runterkommen, wenn du was essen willst.«

Ich wohnte anderthalb Jahre bei Thena, ehe ich den genauen Grund für ihre Wut erfuhr. In einer warmen Sommernacht wurde ich auf der schmalen Pritsche, die ich im Dachboden der Hütte in Beschlag genommen hatte, von lautem Stöhnen geweckt. Thena redete im Schlaf. »Alles ist gut, John. Alles ist gut.« Sie redete so deutlich, dass ich erst glaubte, sie unterhielte sich mit einem Besucher. Dann aber schaute ich nach unten und sah, dass sie noch schlief. Damals hatte ich es mir bereits angewöhnt, Thena ihren Geistern zu überlassen, doch je mehr sie redete, desto deutlicher schien mir diesmal, dass sie mehr litt als sonst. Ich stieg nach unten, um sie zu wecken. Im Näherkommen hörte ich sie weiterhin klagen und reden: »Alles ist gut, alles ist gut, habe ich dir doch gesagt. Alles ist gut, John.« Ich fasste sie an die Schulter, rüttelte sie, bis sie erschrocken auffuhr.

Sie sah mich an, dann blickte sie sich in der dunklen Hütte um, offenbar unsicher, wo sie war. Gleich darauf kniff sie die Augen zusammen und richtete ihren Blick erneut auf mich. Die letzten anderthalb Jahre war ich größtenteils unempfindlich gegen Thenas Wutanfälle gewesen. Zur großen Erleichterung der Straße hatten ihre Anfälle sogar nachgelassen, fast, als würde meine Anwesenheit eine alte Wunde heilen. Das stimmte nicht, und ich wusste es, sobald ich merkte, wie sie mich ansah.

»Was zum Teufel machst du hier?«, sagte sie. »Verdammt, verschwinde, du kleiner Hosenscheißer! Raus mit dir, verflucht noch mal!« Ich stürzte nach draußen und sah, dass es schon fast Morgen war. Bald würden gelbe Sonnenstrahlen über die Baumspitzen linsen. Ich ging zurück zur alten Hütte, in der ich mit meiner Mutter gewohnt hatte, setzte mich auf die Türstufen und wartete, bis es Zeit für die Arbeit wurde.

Damals war ich elf und für mein Alter eher klein, aber Ausnahmen wurden keine gemacht, also ließ man mich arbeiten wie einen Mann. Ich tünchte und verfugte Hütten, hackte im Sommer die Felder und hängte wie alle anderen Tabakblätter zum Trocknen auf. Ich angelte, richtete Fallen ein und kümmerte mich um den Garten, auch nachdem meine Mutter gegangen war. An einem heißen Tag wie dem, der heute anbrach, wurde ich mit den übrigen Kindern losgeschickt, um den Arbeitern auf dem Feld Wasser zu bringen. Den ganzen Tag stand ich mit Kindern in einer Reihe, die vom Brunnen nahe beim Haupthaus bis hin zu den Tabakfeldern reichte. Als die Glocke ertönte und alle zum Abendessen gingen, kehrte ich nicht zu Thena zurück, sondern suchte mir einen sicheren Posten im Wald und beobachtete. Auf der Straße herrschte inzwischen reges Leben, mein Blick blieb aber allein auf Thenas Hütte gerichtet. Etwa alle zwanzig Minuten sah ich sie nach draußen kommen und in beide Richtungen schauen, als würde sie Gäste erwarten, dann ging sie wieder hinein. Als ich schließlich ihre Hütte betrat, war es spät, und ich sah sie auf einem Stuhl neben dem Bett sitzen. Die beiden leeren Schalen auf dem Sims verrieten mir, dass sie noch nicht gegessen hatte.

Wir aßen zu Abend, und gerade als es Zeit wurde, zu Bett zu gehen, drehte sie sich zu mir um und flüsterte mit krächzender Stimme: »John – Big John – war mein Mann. Ist gestorben. Am Fieber. Ich find, das solltest du wissen. Ich find, du sollst ein paar Dinge über mich wissen, über dich, über diese Plantage.«

Sie hielt inne und blickte in den Kamin, wo die letzten Kochkohlen verglühten.

»Ich versuch, nicht zu viel drüber nachzudenken. Der Tod ist so natürlich wie alles andere auch, jedenfalls natürlicher als der Ort hier. Der Tod aber, den dieser Tod nach sich gezogen hat, der von meinem Big John, der war ganz und gar nicht natürlich.«

Lärm und Unruhe auf der Straße hatten sich gelegt, und nur noch das leise, rhythmische Sirren der Nachtinsekten war zu hören. Unsere Tür stand offen, hieß eine leichte Julibrise willkommen. Thena nahm sich die Pfeife vom Sims, zündete sie an und begann zu paffen.

»Big John war der Vorarbeiter, der Treiber. Du weißt, was das heißt, oder?«

»Heißt, er war Boss auf den Feldern hier unten.«

»Ja, war er«, sagte sie. »Wurde ausgesucht, um die ganzen Tabakkolonnen zu beaufsichtigen. Big John ist nicht Treiber geworden, weil er der Gemeinste war, so wie Harlan. Ist Treiber geworden, weil er der Klügste war – klüger als irgendwer von diesen Weißen, denen ihr Leben von ihm abhing. Diese Felder, das sind nicht bloß Felder, Hi. Sind das Herz des Ganzen. Du kennst dich aus. Kennst die Plantage, kennst ihre ganzen schicken Seiten; du weißt, was die hier haben.«

Das wusste ich. Lockless war riesig, Abertausend Morgen, den Bergen abgetrotzt. Ich stahl mich gern von den Feldern fort, um dieses Gelände zu erforschen, und ich entdeckte Obstwiesen reich an goldenen Pfirsichen, im Sommerwind wogende Weizenfelder, mit gelbseidiger Hoffnung gekrönte Maisstängel, eine Molkerei, eine Schmiede, eine Tischlerei, einen Eiskeller, Gärten mit Flieder und Maiglöckchen, all das angelegt in exakter Geometrie, in herrlicher Geometrie, deren Logik zu verstehen ich zu jung war.

»Schön, nicht?«, sagte Thena. »Aber das alles steht und fällt mit dem, was hier unten auf den Feldern wächst, und mit dem, was hier in meiner Pfeife brennt. Herr über das Ganze war Big John, mein Mann. Gab keinen, der mit den goldenen Blättern besser tricksen konnte als mein Mann. Wusste, wie man am besten die Raupen des Tabakschwärmers ausgräbt, die zwar die Blätter anknabbern, die man aber trotzdem lieber in Ruhe lässt. Deshalb war er bei den Weißen gut angesehen. Hab so diese große Hütte gekriegt.

War für alle gut. Von unseren Extrarationen haben wir denen abgegeben, die nichts hatten. War John, der drauf bestand.«

Sie schwieg, um an ihrer Pfeife zu ziehen. Ich sah, wie Glühwürmchen brandgelb durch die Schatten trieben.

»Hab den Mann geliebt, aber er ist gestorben, und danach ging alles den Bach runter. Die erste fürchterliche Ernte, an die ich mich erinnern kann, hat’s gegeben, als John nicht mehr da war. Dann die nächste. Und noch eine. Die Leute sagten, sogar John hätte uns nicht retten können. Es war das Land, das die Weißen dafür verfluchte, was sie ihm angetan hatten, dass sie es ausgelaugt hatten. Bisschen Virginia-Rot ist noch übrig, ist aber auch bald grauer Virginia-Sand. Wissen die. Deshalb ist es die Hölle hier, seit es John nicht mehr gibt. Die Hölle für mich. Die Hölle für dich.

Muss an deine Tante Emma denken. An deine Momma. Erinnere mich gut an Emma und Rose. Was für ein Paar, die beiden. Haben sich geliebt. Gern getanzt. Erinnere mich gut an sie, o ja. Und auch wenn’s manchmal wehtut, darf man nicht vergessen, Hi. Man darf nicht vergessen.«

Während sie erzählte, starrte ich stumm vor mich hin, da mich jetzt mit voller Wucht traf, was ich schon vergessen geglaubt hatte.

»Ich weiß, ich werde mich immer an meine Kleinen erinnern«, fuhr Thena fort. »Sie haben sie mir genommen, alle fünf, unten bei der Rennbahn, haben sie mit dem Rest zusammengepfercht und verkauft, wie sie ihre Tabakfässer verkaufen.«

Thena senkte den Kopf, legte die Hände an die Stirn. Als sie wieder zu mir hochblickte, sah ich Tränen über ihre Wangen rinnen.

»Als das passiert ist, hab ich John nur noch verflucht, weil ich gemeint hab, wenn er noch leben würde, wären meine Kleinen noch bei mir. Aber nicht bloß, weil er so gescheit gewesen ist; ich hab auch gespürt, John hätte was getan, wozu mir der Mut gefehlt hat – er hätte es verhindert.

Du weißt, wie ich bin. Hast gehört, was sie über mich reden, aber du weißt auch, in der alten Thena ist was zerbrochen, und als ich dich da oben auf dem Boden gesehen habe, hab ich das Gefühl gehabt, in dir ist auch was zerbrochen. Außerdem hast du mich ausgewählt gehabt, warum auch immer hat dir dein junger Verstand das geraten; du hast mich ausgewählt.«

Dann erhob sie sich und begann mit dem allabendlichen Aufräumen. Ich kletterte auf den Dachboden.

»Hi«, rief sie. Ich sah nach unten, sah, wie sie mich beobachtete.

»Ja, Ma’am?«

»Ich kann nicht deine Mutter sein. Ich kann nicht Rose für dich sein. Sie war eine schöne Frau mit großem Herz. Habe sie gemocht, und es gibt nicht mehr viele, die ich mag. Sie hat nicht getratscht, ist meist für sich geblieben. Ich kann nicht sein, was sie dir war. Aber du hast mich ausgewählt, das versteh ich. Und du sollst wissen, dass ich das verstehe.«

Ich blieb in jener Nacht noch lange wach, starrte ins Gebälk und dachte an Thenas Worte. Eine schöne Frau mit großem Herz, hat nicht getratscht, ist meist für sich geblieben. Ich fügte dies zu jenen Erinnerungen über sie hinzu, die ich von den Leuten auf der Straße gesammelt hatte. Thena konnte nicht ahnen, wie sehr ich diese kleinen Puzzlesteine brauchte, die ich, über die Jahre, zu einem Porträt der Frau zusammensetzte, die wie Big John in Träumen lebte, wenn auch bloß als Rauch.

Und was war mit meinem Vater? Was mit dem Herrn von Lockless? Ich wusste von klein auf, wer er war, denn meine Mutter hatte kein Geheimnis daraus gemacht, so wenig wie er. Manchmal sah ich ihn auf einem Pferd den Besitz abreiten, und wenn sein Blick meinen traf, hielt er inne und tippte sich an den Hut. Ich wusste, er hatte meine Mutter verkauft, denn Thena hörte nie auf, mich daran zu erinnern. Aber ich war ein Junge, sah in ihm, was Jungen unwillkürlich in ihren Vätern sehen – eine Gussform, die ihnen ein mögliches Abbild ihrer selbst als Erwachsener zeigt. Mehr noch, begann ich doch gerade erst zu verstehen, welch große Kluft die Oberen von den Verpflichteten trennte – und die Verpflichteten, tief gebückt auf den Feldern, trugen den Tabak vom Hügel ins Fass, führten ein hartes Leben, die Oberen aber, die hoch oben im Haus wohnten, dem Sitz Lockless, die nicht. Und da ich dies wusste, war es nur natürlich, dass ich zu meinem Vater aufschaute, sah ich in ihm doch das Symbol eines anderen Lebens – eines Lebens in Saus und Braus. Außerdem wusste ich, da oben gab es einen Bruder, einen Jungen, der im Luxus hauste, wohingegen ich schuftete; und ich fragte mich, welches Recht er auf sein Leben im Müßiggang hatte und welches Gesetz mich dazu verdammte, zu den Verpflichteten zu gehören. Ich musste nur eine Möglichkeit finden, meinen Stand zu verbessern, mich an einen Platz zu versetzen, an dem ich meine Fähigkeiten unter Beweis stellen konnte. Das war es, was mich an jenem Sonntag beschäftigte, als es zu der schicksalhaften Begegnung mit meinem Vater auf der Straße kam.

Thena war in besserer Stimmung als gewöhnlich, saß auf den Stufen vor der Haustür und zog kein finsteres Gesicht, verjagte auch die kleinen Kinder nicht, wenn sie vorüberhuschten. Ich war auf dem Gelände, irgendwo zwischen den Feldern und der Straße, und sang ein Lied:

Oh Lord, trouble so hard

Oh Lord, trouble so hard

Nobody know my trouble but my God

Nobody know nothing but my God.

Ich sang Strophe um Strophe, führte den Wechselgesang vom trouble, der Mühsal, zur Arbeit, zur Hoffnung, zur Freiheit. Strophe um Strophe ging es weiter. Sang ich den Ruf, passte ich meine Stimme der des Vorsängers auf dem Feld an, kühn und kräftig. Sang ich die Antwort, glich meine Stimme jener der Leute um mich herum, imitierte ich sie einer nach dem anderen. Sie waren begeistert, die Älteren, und ihre Begeisterung wuchs, je länger mein Lied wurde, während Strophe um Strophe anschwoll, bis ich Gelegenheit gehabt hatte, jeden Einzelnen nachzumachen. An diesem Tag aber behielt ich nicht die Älteren im Blick. Ich beobachtete den weißen Mann auf dem Tennessee Pacer, der den Hut tief ins Gesicht gezogen hatte, auf mich zuritt und angesichts meines Auftritts zustimmend lächelte. Es war mein Vater. Er nahm den Hut ab, fischte ein Tuch aus seiner Tasche und wischte sich über die Stirn. Dann setzte er den Hut wieder auf, griff erneut in seine Tasche, zog etwas heraus und schnippte es mir zu; und ich, der ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte, fing es mit einer Hand auf. Lange stand ich da, und wir sahen uns an. Ich konnte die Anspannung hinter mir spüren: die Älteren, die jetzt fürchteten, meine Dreistigkeit könnte Harlans Zorn auf sie ziehen. Aber mein Vater lächelte einfach weiter, nickte mir zu und ritt dann davon.

Die Anspannung legte sich, und ich kehrte zu Thenas Hütte zurück, kletterte zu meinem Platz auf dem Boden. Ich holte die Münze aus der Tasche, die mir mein Vater zugeschnippt hatte, ehe er davongeritten war, und ich sah, sie war aus Kupfer, hatte einen rauen Rand und zeigte vorn das Bild eines Weißen, hinten das einer Ziege. Oben auf meinem Boden betastete ich die raue Kante und spürte, ich hatte eine Möglichkeit gefunden, meinen Coupon, meine Fahrkarte raus aus den Feldern und fort von der Straße.

Und es geschah am nächsten Tag nach unserem Abendessen. Ich spähte vom Dachboden nach unten und sah, wie Desi und Boss Harlan leise auf Thena einredeten. Ich hatte Angst um sie. Weder Desi noch Harlan hatte ich je zornig erlebt, aber mir genügten die Geschichten, die man sich erzählte. Es hieß, Boss Harlan habe einen Mann erschossen, weil der die falsche Hacke benutzt habe, und Desi habe ein Mädchen in der Molkerei mit der Kutscherpeitsche verprügelt. Ich spähte nach unten und sah, wie Thena zu Boden blickte und gelegentlich nickte. Kaum waren Desi und Harlan gegangen, rief Thena mich zu sich.

Schweigend ging sie mit mir auf die Felder, dorthin, wo uns niemand hören konnte. Inzwischen war es spät am Abend. Ich spürte, wie die stickige Luft des Sommers in die Nacht entwich, und war voller Erwartungen. Ich meinte zu wissen, was kommen würde, und als um uns herum die Nachtgeräusche der Natur wie ein lauter Chor erklangen, glaubte ich, sie würden meine großartige Zukunft besingen.

»Hiram, ich weiß, was du alles siehst. Und ich weiß, irgendwie müssen wir alle mit der Grausamkeit dieser Welt zurechtkommen, und das schaffst du besser als die meisten Älteren. Aber jetzt wird es noch grausamer«, sagte sie.

»Ja, Ma’am.«

»Weiße sind zu uns runtergekommen, haben gesagt, dass deine Zeit auf den Feldern vorbei ist, dass du raufkommen sollst. Die aber sind nicht deine Familie, Hiram, ist wichtig, dass du das verstehst. Du darfst dich nicht vergessen, da oben, und wir dürfen einander nicht vergessen. Sie holen uns jetzt rauf, hörst du? Uns. Dieser Trick von dir, den habe ich gesehen, wir alle haben ihn gesehen, und der hat mich auch beeindruckt. Ich soll mit dir raufgehen, mich um dich kümmern, und glaub jetzt nicht, dass du mich vor was rettest, weil von nun an haben die mich noch besser im Blick.

Wir haben hier unten unsere eigene Welt – unsere eigene Art, zu leben, zu reden und zu lachen, auch wenn das mit dem Lachen bei mir eher selten vorkommt. Hier unten treff ich die Entscheidungen. Ist nicht toll, diese Welt, ist aber unsere. Da oben, mit denen direkt über dir … tja, das ist anders.

Du musst auf dich aufpassen, Junge. Sei vorsichtig. Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe. Deine Familie sind die nämlich nicht, Junge. So, wie ich hier stehe, bin ich mehr deine Mutter, als dieser Weiße auf seinem Gaul je dein Vater sein wird.«

Sie versuchte, mir zu sagen, was auf mich zukam, wollte mich warnen. Meine Gabe aber war die Erinnerung, nicht die Weisheit. Und als Roscoe, der hängebackige, leutselige Butler meines Vaters, uns holen kam, gab ich mir größte Mühe, mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen. Wir gingen durch die Tabakfelder, vorbei an den Arbeitern, deren Lieder über die Felder schallten:

When you get to heaven, say you remember me

Remember me and my fallen soul

Remember my poor and fallen soul.

Und dann hatten wir die Weizenfelder im Rücken, liefen über den grünen Bowlingrasen und durch den Blumengarten, als ich es sah, da oben auf dem flachen Hügel, das Herrenhaus von Lockless, glänzend wie die Sonne selbst. Im Näherkommen nahm ich die Steinsäulen wahr, den Portikus, die Lünette über dem Eingang. All das war so prächtig. Dieses Haus, spürte ich mit einem plötzlichen Schaudern, gehörte mir. Es stand mir zu, durch das Recht des Blutes. Das stimmte, wenn auch nicht in dem Sinn, wie ich es mir dachte.

Roscoe drehte sich zu mir um, grinste, glaub ich, sah das Leuchten in meinen Augen. »Wir gehen hier lang«, sagte er und führte uns fort von der Tür zum Fuß des flachen Hügels, auf dem das Haus stand. Dort entdeckte ich den Eingang zu einem Tunnel. Beim Betreten sah ich andere Verpflichtete aus angrenzenden Räumen kommen, die Thena und Roscoe grüßten, während sie an uns vorbei in schmalere, angrenzende Tunnel strömten. Wir waren in einem Labyrinth, in einer Unterwelt unter dem großen Haus.

Wir blieben vor einem der angrenzenden Räume stehen, und ich begriff, dies hier war mein Zimmer. Es gab ein Bett, einen Tisch, ein Waschbecken, eine Vase und ein Handtuch. Einen Dachboden gab es nicht, keinen oberen und keinen unteren Raum. Kein Fenster. Roscoe blieb an der Tür, ich an seiner Seite, während Thena ihre Sachen abstellte. Sie ließ mich nicht aus den Augen, und ich spürte, dass ihr Blick wiederholte, was sie zuvor gesagt hatte – die sind nicht deine Familie. Nach einem Moment aber wandte sie den Blick ab und sagte nur: »Kannst ihn von mir aus raufbringen.« Roscoe legte eine Hand auf meine Schulter, führte mich zurück ins Labyrinth und eine Treppe hinauf, bis wir vor einer Mauer standen. Er berührte irgendwas, das ich nicht sehen konnte, die Wand glitt beiseite, und wir traten aus der Dunkelheit in ein großes, lichtdurchflutetes Zimmer voller Bücher.

Überwältigt blieb ich stehen: das helle Licht im Zimmer, der Geruch von Terpentin, glänzende Holzdielen unter goldblauen Perserteppichen, doch waren es die Bücher, die meinen Blick gefangen hielten. Bücher hatte ich schon gesehen – es gab immer ein, zwei Verpflichtete in der Straße, die lesen konnten und in ihren Hütten alte Zeitschriften hatten oder Liederbücher –, nie aber so viele, an jeder Wand Regale vom Boden bis zur Decke. Ich gab mir Mühe, nicht zu glotzen, weil ich wusste, was mit Farbigen passierte, die zu neugierig auf die Welt jenseits von Virginia waren.

Als ich mich von den Büchern losreißen konnte, sah ich meinen Vater, bequem in Hemdsärmeln und Weste, wie er in einer Ecke des Zimmers saß und mich beobachtete, Roscoe beobachtete. Sobald ich den Kopf wandte, entdeckte ich in einer anderen Ecke einen Jungen, älter als ich – und weiß. Ich wusste instinktiv, dass dies mein Bruder war. Mein Vater winkte, eine beiläufige, ungezwungene Geste, die, wie ich merkte, Roscoe verriet, dass er sich zurückziehen sollte. Also machte er kehrt, als vollzöge er ein militärisches Manöver, und verschwand hinter der Gleitwand. Dann war ich allein mit meinem Vater, Howell Walker, und mit meinem Bruder, die mich beide schweigend und neugierig musterten. Ich griff in meine Tasche, fand die Kupfermünze und befingerte ihren rauen, unebenen Rand.

3

Über Desi und Thena gelangte die Anweisung meines Vaters zu mir – mach dich nützlich. Also stand ich, wie alle Verpflichteten, jeden Morgen vor Sonnenaufgang auf, ging durchs Haus und half, wo immer ich konnte – machte Feuer in der Küche für Ella, die Chefköchin, holte Milch aus der Molkerei, sammelte nach dem Frühstück die Tabletts ein – oder arbeitete draußen, wusch und striegelte mit Roscoe die Pferde oder pfropfte Stecklinge auf der Obstwiese mit Pete. Es gab immer was zu tun, denn die Arbeiten im Haus wurden nie weniger, die Zahl der Verpflichteten aber schon, und so begann ich zu begreifen, dass man sogar nach Natchez geschickt werden konnte, wenn man im Haus Verpflichteter war. Ich arbeitete gern, voller Elan, besonders, wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Vater dabei ertappte, wie er mit einem schmallippigen, halben Lächeln in meine Richtung blickte. Er hatte eine Verwendung für mich gefunden.

Ich war zwölf, und es war im Herbst, vier Monate nach meinem Umzug ins Haupthaus. Zur Feier der Saison hatte mein Vater zu einer Gesellschaft geladen. All jene, die im Haus arbeiteten, lähmte den ganzen Tag lang eine gewisse Müdigkeit. Frühmorgens brachte ich die Eier zu Ella, deren breites, warmherziges Lächeln für mich zu einem normalen Bestandteil des Tages geworden war. Heute aber war alles anders, und nichts war normal, sodass, als ich mit meinem Weidekorb in die Küche kam, Ella nur den Kopf schüttelte und andeutete, ich solle die Eier auf den Tisch stellen, an dem Pete stand und einen Scheffel Äpfel aussortierte.

Ella stellte sich zu Pete, schlug sechs Eier auf, trennte Eigelb vom Eiweiß und schlug das Eiweiß steif. Sie redete kaum lauter als im Flüsterton, wollte ihre Gefühle in Zaum halten. »An nichts und niemanden denken die«, sagte Ella. »Ist nicht richtig, Pete. Ist einfach nicht richtig, und das weißt du.«

»Schon gut, Ella«, sagte er. »Gibt Schlimmeres.«

»Reg mich nicht auf. Mir geht’s um Respekt. Ist das zu viel verlangt? Sollte eigentlich ein kleines Essen sein, heut Abend. Wieso ist jetzt das ganze Land eingeladen?«

»Weißt doch, wie’s läuft«, sagte Pete. »Weißt doch, was los ist mit denen.«

»Nein, weiß ich nicht«, sagte Ella. »Reich mir das Nudelholz, Hi. Und kümmere dich ums Feuer, ja?«

»Hast doch Augen im Kopf. Ist nicht mehr wie früher, und auch die goldenen Blätter sind nicht mehr, was sie mal waren. Die ganzen alten Familien ziehen nach Westen. Tennessee. Baton Rouge. Natchez. So was halt. Sind hier jetzt nicht mehr viel übrig. Und die, die bleiben, die merken, wie sie immer weniger werden. Halten sich grad noch so. Also werden kleine Abendessen größer. Weiß keiner von denen nicht, wer als Nächstes wegzieht. Jeder Abschied könnte der letzte sein.«

Da lachte Ella leise in sich hinein, ein ausgelassenes, spöttisches Lachen, so ansteckend, dass ich mitlachen wollte, dabei war nichts Lustiges passiert. »Hi, das Ding da, Baby«, sagte sie und deutete auf die Regale. Wenn sie mich Baby nannte, wurde mir innerlich warm. Ich wandte mich vom Feuer ab, griff nach dem Teigschneider und brachte ihn ihr. Ella lachte immer noch in sich hinein. Sie blickte auf, und da war es, ihr großes, warmherziges Lächeln.

Dann aber fiel ihr Lachen in sich zusammen, und sie sah mich ernst an, schaute fast durch mich hindurch, ehe sie sich zu Pete umwandte: »Was kümmern mich denen ihre Gefühle. Dieser Junge hier weiß mehr über Abschied als die alle zusammen. Dabei ist er noch ein Kind.«

Den ganzen Tag über war bei den Verpflichteten diese Anspannung zu spüren, die mir schon an Ella aufgefallen war. Doch weder mein Vater noch Desi bemerkten sie, oder es kümmerte sie nicht, und als am Abend die Kutschen und Fiaker eintrafen, waren wir alle ganz Lächeln und Höflichkeit. Ich wurde der Bedienung zugeteilt. Längst hatte ich gelernt, wie ich mich wusch und wienerte, bis ich glänzte, wie ich in der Linken ein Silbertablett hielt und mit der Rechten bediente, wie ich in den Ecken verschwand und wieder auftauchte, um Brotkrümel fortzuwischen und mich gleich darauf erneut in den Schatten zurückzuziehen. Nach dem Essen räumten wir das Geschirr ab und standen im kirschroten Salon in Bereitschaft, während die Gäste sich in den Sofas und tiefen Sesseln niederließen.

Ich sah mich im Raum um und begegnete den Blicken der anderen drei, deren Aufgabe es war, sich um jeden nur erdenklichen Wunsch unserer Gäste zu kümmern. Dann beobachtete ich die Gäste selbst, versuchte vorherzusehen, welches Verlangen sie als Nächstes überkommen mochte. Mir fiel Mr. Fields auf, Maynards Hauslehrer, ein allzu ernster junger Mann mit tief liegenden Augen, der in seinem Sessel versank. Ich fand es schwer, ganz bei der Sache zu bleiben. Ich merkte, wie ich die Mode der Damen bewunderte – die weißen Hauben, ihre rosaroten Fächer und Seitenlocken, ihren Babyatem und die Gänseblümchen im Haar. An den Männern gab es weniger zu sehen, sie trugen alle Schwarz. Trotzdem fand ich sie bemerkenswert, denn sie bewegten sich würdevoll, waren vornehm noch in den kleinsten Gesten, etwa wenn sie die Erkertüren öffneten, um sich zurückzuziehen, oder wenn sie sich zu einem der Verpflichteten vorbeugten, um sich Feuer für ihre Zigarre geben zu lassen und dann über Gentleman-Dinge zu reden. Ich stellte mir vor, einer von ihnen zu sein, mich im Sessel zurückzulehnen oder einer Dame etwas ins Ohr zu flüstern.

Sie spielten siebzehn Runden Karten. Sie tranken acht Korbflaschen Most. Sie aßen Damentorte, bis sie fast platzten. Dann, kurz nach Mitternacht, begann eine Frau mit verkehrt herum aufgesetzter Haube, hysterisch zu kichern. Einer der Männer in Schwarz machte seiner Frau Vorhaltungen, ein anderer döste in einer Ecke vor sich hin. Die Anspannung unter den Bediensteten wuchs, eine subtile Anspannung, von der die Gäste gewiss nichts mitbekamen. Mein Vater saß da und starrte ins Feuer; Mr. Fields lehnte sich zurück und blickte gelangweilt drein. Die Frau hörte auf zu kichern, nahm ihre Haube ab und enthüllte die brüchige Maske zerlaufener Schminke.

Die Frau war eine Caulley, Alice Caulley, eine Familie, die sich vor vielen Jahren geteilt hatte. Die eine Hälfte war nach Kentucky gezogen, die andere Hälfte geblieben. Ich erinnerte mich daran, weil die Caulleys, die fortzogen, ihre Verpflichteten mitnahmen, darunter auch Petes Schwester Maddie. Ich habe sie nie kennengelernt, aber er redete oft von ihr; und immer wenn über jene Verpflichteten, die unter den Zweigen der Familie ausgetauscht wurden, Neuigkeiten aus Kentucky zu uns durchsickerten – etwa dass Maddie gesund und munter sei, vereint mit dem Rest der mit ihr fortgezogenen Familie –, dann leuchtete Petes Gesicht auf und blieb so für den Rest der Woche.

»Ein Lied!«, fauchte Alice, und als niemand reagierte, ging sie zu Cassius, einem der Kellner, gab ihm einen Klaps und schrie erneut: »Ein Lied, verdammt noch mal!«

So lief es immer – jedenfalls hatte man mir das erzählt. Gelangweilte Weiße waren barbarische Weiße. Solange sie die Aristokraten spielten, waren wir ihre herausgeputzten, stoischen Diener. Doch hatten sie keine Lust mehr, sich würdevoll zu benehmen, lief alles aus dem Ruder. Man erfand neue Spiele, und wir waren dabei nichts weiter als Bauern auf einem Schachbrett. Es war fürchterlich, und es gab nichts, wozu sie in ihrer Verzweiflung nicht fähig gewesen wären, nichts, was ihnen mein Vater nicht durchgehen ließ.

Der Klaps rüttelte ihn auf. Mein Vater erhob sich und blickte sich nervös um.

»Jetzt lass doch, Alice. Wir haben Besseres zu bieten als irgendwelche Negerlieder.« Er drehte sich zu mir um und sagte nichts weiter, aber ich wusste, was er wollte.

Ich warf einen Blick durch den Salon und entdeckte auf einem der kleinen Beistelltische einen Stapel übergroßer Spielkarten. Ich kannte sie, es waren Karten wie jene, die Maynard für seinen Leseunterricht verwendete. Auf der einen Seite sah man immer das Gleiche – eine Weltkarte. Die andere zeigte einen Akrobaten, der sich zu einem jeweils anderen Buchstaben verkrümmte, darunter ein kurzer Reim. Ich hatte Maynard mit seinem Hauslehrer aus diesen Karten lesen hören. Mit wenigen flüchtigen Blicken und ein paar Minuten der Konzentration hatte ich sie mir eingeprägt, eigentlich nur, weil mir die dummen Sprüche so gut gefielen. Jetzt nahm ich die Karten vom Tisch und wandte mich an Alice Caulley.

»Mrs. Caulley, würden Sie bitte mischen, Ma’am?«

Leicht schwankend beugte sie sich vor, nahm die Karten in ihre Hände und mischte. Anschließend fragte ich sie, ob sie so freundlich sein wolle, mir die Karten zu zeigen. Nachdem sie das getan hatte, gab ich sie zurück und bat sie, die Karten falsch herum, aber in beliebiger Reihenfolge auf den Tisch zu legen. Ich beobachtete ihre Hände, bis der kleine Beistelltisch mit Miniaturweltkarten bedeckt war.

»Und was jetzt, Junge?«, fragte sie misstrauisch.

Ich bat sie, eine Karte aufzuheben und jemandem ihrer Wahl zu zeigen, nur mir nicht. Nachdem sie das getan hatte, drehte sie sich mit hochgezogenen Brauen zu mir um. Ich sagte: »Ach, es tut so weh, also hilft er mit dem Buchstaben ›E‹.«

Während Skepsis der Neugier wich, sanken ihre Brauen ein wenig und näherten sich wieder ihrer natürlichen Position. »Noch mal«, sagte sie, griff sich eine andere Karte und zeigte sie diesmal mehr Leuten. Ich sagte: »Da steht er, gekrümmt und verdreht, ein ›S‹ zu formen, sofern es nur geht.«

Und der Neugier folgte ein schwaches Lächeln. Ich merkte, wie die Anspannung im Raum ein wenig nachließ. Sie nahm sich noch eine Karte, zeigte sie, und ich sagte: »Er muss sich kräftig bücken, soll das ›C‹ ihm glücken.«

Da lachte Alice Caulley, und als ich zu meinem Vater blickte, sah ich sein dünnes, schmallippiges Lächeln. Die übrigen Bediensteten dieses Abends standen noch in Habachtstellung, doch spürte ich, wie die Angst aus ihren stoischen Gesichtern wich. Alice Caulley langte immer wieder nach einer der Karten, drehte sie immer schneller um, aber ich hielt mit ihrem Tempo Schritt. »Beide Arme hoch in der Luft, als ob er den Buchstaben ›H‹ sucht.« … »Hier sieht man den Buchstaben ›V‹, ich muss mich spreizen wie ein Pfau.«

Als wir mit dem Kartendeck durch waren, lachten alle und applaudierten. Der Mann in der Ecke schnarchte nicht länger, sondern fuhr auf und versuchte herauszufinden, was es mit diesem plötzlichen Lärm auf sich hatte. Kaum war der Beifall verklungen, schaute Alice Caulley mich an, eine Spur Boshaftigkeit in ihrem Lächeln. »Und was jetzt, Junge?«